- von der Liebe geschnitten -

Judika R.- Prügelknabe der Nonnen

TatsachenRoman

von Julius Zeiger

Einleitung

Als Verfasser dieses Buches komme ich nicht umhin, ein kurzes Wort an die geneigten Leser zu richten. Dieser Roman ist eine Dokumentation! Alle Begebenheiten, Schilderungen und Vorkommnisse in diesem Roman sind NICHT ERFUNDEN, sondern haben sich zu der angeführten Zeit im geschilderten Rahmen SO und nicht  anders zugetragen. Alle Namen in diesem Roman sind verändert. Am inneren Warheitsgehalt der Dokumentation wurde hingegen nichts geändert. Der Leser sollte das Buch mit Herz und Verstand lesen. Tut er das, wird er den kleinen „Judika Regiez“ lieb gewinnen und sein Schicksal mit reger Anteilnahme verfolgen. Die Geschichte "Judikas“  ist die eigene Lebensgeschichte des Autors, der sie mit seinem Leben verbürgt. Mit 17, knapp 18 Jahren, wurde „Judika“ aus dem Heim entlassen. Mit 22 Jahren schrieb er diese Dokumentation - zusammen mit einem zweiten Band nieder. Fast 10 Jahre hat er danach (teilweise als "freier Journalist und Sozial- und Gerichtsreporter") intensiv versucht, die Dokumentation bei einem Verlag, einer Zeitung, ja beim ZDF, WDR und bei unzähligen Zeitschriften und Medien unterzubringen, um die Gesellschaft hellhörig zu machen. Sie alle, welche diese Dokumention angeboten bekamen, fanden sie zwar "unglaublich und unbedingt veröffentlichungsrelevant", aber sie alle gaben auch zwischen den Zeilen immer wieder zu verstehen, wie sehr sie sich scheuten, gegen die mächtige katholische Kirche, den Nonnen und den priesterlichen Heimleitern anzugehen und  ihre unglaublichen, teils extrem sadistischen und zerstöreischen Handlungen an Judika und die anderen Mitheimkinder der Gesellschaft bzw. Öffentlichkeit zu präsentieren und damit zu konfrontieren. Resigniert und maßlos enttäuscht hat der Autor schließlich seine Dokumentationen wieder weggepackt und verstauben lassen - bis er sie jetzt, nach über 35 Jahren, neuerlich und diesmal vielleicht gerade im richtigen Augenblick wieder ausgepackt hat, um die Mitmenchen doch noch aufzurütteln mit seiner "Geschichte". Diese soll aber auch zugleich auf das Schicksal aller Heimkinder, ihre unerhörten und verzweifelten Hifeschreie, ihren Mißbrauch gerade oft durch jene aufmerksam machen, die im Heimalltag ständig von der "christlichen Nächstenliebe" predigten, den Namen Gottes dreist und heuchlerisch in den Mund nahmen und ihn ebenso mißbrauchten und immer wieder schlugen, wie sie mit jedem gepeinigten und mißbrauchten Kind immer wieder neu Christus ans Kreuz geschlagen haben. Keiner soll sagen können:"ICH HABE NICHTS DAVON GEWUSST!" Damals waren für Judika und alle mitleidenden Heimkinder die Probleme von vornherein für sie selber ohne Hilfe schier unlösbar, wie die Dokumetation dies charakterisiert. Wie viele „Judikas“ gibt es heute noch auf der Welt, in den Heimen, deren Namen wir nicht einmal kennen! Es gibt sie aber auch im täglichen Leben, wo sie als in der Regel gescheiterte Existenzen, die wir meist alle konkret mitverschuldet haben durch unser Verhalten, in der Masse untergehen oder an den Rand gedrängt werden, wo sie kaum noch wahrgenommen werden, da ihr niederschmetterndes Schicksal von den Mitmenschen kaum registriert wird. „Judika“ mag als warnendes Beispiel für alle diese Kinder und Heranwachsenden stehen! Seine Geschichte mag der Öffentlichkeit einiges sagen und die Augen öffnen. Ich bin überzeugt, dass es auch heute noch immer zahlreiche Heime gibt, in denen noch viele „Judikas“ leben und täglich dieselben Erfahrungen machen wie unser "Tatsachenroman-Judika“. Vielfach wird das totgeschwiegen; und die Kinder selbst sind zu klein und hilflos, um sich dagegen wehren zu können. Die „Geburt“ Judikas sowie seine ersten Lebensjahre wuden vermittels persönlichen und wirklichkeitsgetreuen Materials rekonstruiert.

Geburt + 1. Teil…

 An einem Freitag, am 24. März 1944, wurde Judika in der Stadt Ternberg /Oberdonau in Österreich geboren. Noch war Krieg, obwohl er selbst kaum das Donnern der Kanonen, das Brummen der Bombenflugzeuge und Bersten und Krachen der Granaten vernahm. Niemand aus seiner Familie wusste, ob er überhaupt die Kriegswirren würde überdauern können: Ein Bruder hatte sie nicht überlebt. Er war infolge von Hungersnot und anderer Kriegsnöte unmittelbar nach seiner Geburt verstorben. Judika hatte aber später nie auch nur einen blassen Schimmer von der Existenz dieses Bruders gehabt, dessen Name Fridolin gewesen war. Judika wurde als das siebente Kinde von acht Kindern geboren. Sein Vater mochte zum Zeitpunkt seiner Geburt etwa vierzig Jahren zählen und war von Beruf Maurer-, Zimmer- und Betonpolier. Als Frau Regiez Judika gebar, war ihr Mann anwesend: ein Mensch von mittlerer, aber kräftiger Gestalt, mit schon leicht gelichtetem Haar. Er stand am Bett seiner Frau und zog ein Gesicht, als erwartete er eine Bombe, die das Haus treffen würde. Geradezu böse war sein Blick auf seine Frau gerichtet, die blaß im Bett lag und recht verlegen und verstört dreinschaute – als wolle sie sich entschuldigen für ihr gebärendes Verhalten. Frau Brigitte Regiez, geb. Meier, war sechsunddreißig Jahre alt. Sie hatte schon sieben Kinder bekommen. Also würde sie auch noch das achte geburtsmäßig verkraften können. Und so war es dann auch: Judikas Geburt war eine ganz gewöhnliche. Nach seiner Geburt erschienen die Familienmitglieder und betrachteten das winzige Etwas, das wie ein verhunzelter Gnom, wie ein Kobold aussah. Das winzige Gesichtchen war in Falten gelegt und nahm sich aus wie das Gesicht eines ausgetrockneten Greises. Schön sah es gewiß nicht aus, dieses winzige Leben! So arm und schwach in seiner Nacktheit und Existenz. Herr und Frau Regiez sahen sich an, blicken dann wieder weg. Es war, als schämten sie sich über das Ergebnis ihrer Liebe, über die Frucht, die ihnen eigentlich eigenes Fleisch und Bein bedeuten musste.  

Tags darauf standen Judikas Geschwister um das Bett herum, in dem er mit seiner Mutter lag und schlummerte. Sie bestaunten und begutachteten das neu hinzugekommene Brüderchen. Zuerst waren alle still hereingekommen, neugierig ans Bettchen getreten und hatte auf das Brüderchen geschaut. Die 6jährige Anna war zunächst ins Zimmer gehuscht, dann erschien Georg, der schon ganze 14 war, mit seinem 11jährigen Bruder Dieter. Ein Weilchen später kam dann die 8jährige Marianne. Ganz zum Schluß erst – weil sie noch klein war und nicht alles recht mitbekommen hatte – tauchte die 4jährige Silvia auf, die ihre 3jährige Schwester Maria an der Hand hielt. Nachdem sie einige Zeit verwundert geschwiegen und nur geschaut hatten, redeten plötzlich alle wirr durcheinander. 

Ihre Mäuler plapperten ohne Unterlaß. „Ah!“ krähte die kleine Maria, „ist das mein neues Brüderchen, das mir der Storch gebracht hat?! Wie sieht  das  aber komisch aus!“ „Trine!“ knurrte Georg, der Älteste, „Dir? Der Mama hat es der Storch gebracht! So ein Wichtin warst Du auch mal!“ Marianne schwieg zunächst und beugte sich ganz nah zu Judika hinunter. „Ob der uns wohl schon hört?“ fragte sie dann leise. „Sieh mal, wie sich die kleinen Äuglein schon bewegen! Schön sieht er eigentlich nicht aus…“ „Da sieht meine Puppe aber schöner aus!“ sagte Silvia nachgerade triumphierend. „Ich glaube, er hat gerade zu lächeln versucht“, witzelte nun der bisher schweigsam gewesene Dieter. „Idiot!“ ließ sich nun wieder die Stimme des älteren Bruders vernehmen. „Wenn Du schon hinschaust, dann mach` Deine Augäpfel richtig auf. Du scheinst Weinen mit Lachen zu verwechseln…“ „Warum sollte der Kleine denn weinen, Georg?“ „Weil er Dich sieht und dann Angst bekommt!“ „Warte, Du Lulatsch, ich werde es Dir nachher schon zeigen – auch wenn Du größer bist!“ „Oha! Das ich nicht lache! Ich habe jetzt schon vor Angst die Hosen voll, wenn ich…“ Die Mutter schaltete sich ein: „Seid endlich still! Ihr verschreckt mir ja den Kleinen!“ „Mama“, fragte die kleine Anna, „bekommen wir noch mehr Geschwister?“ Sie hatte dabei den Finger an die Nase gelegt. „Jetzt reicht es wohl!“ sagte die Mutter bestimmt. „Na“, lachte ihr Ältester. „Wir könnten noch einige gebrauchen. Aber Jungen, nicht Mädchen; dann können wir eine eigene Fußballmannschaft auf die Beine stellen. FC-Regiez – klingt doch nicht schlecht? Aber die Mädchen sind ja doch für so was zu doof.“ Von den Schwestern erscholl lautstarker Protest. Sie drohten mit ihren Fäusten. „Selber doof“ sagte Anna. „Wenn ich so groß bin wie Du, Georg, dann verhau ich Dich!“ erzürnte sich auch Marianne. Hinter ihnen öffnete sich unvermittelt die Tür. Die Nachbarin erschien. Die Kinder schnitten Fratzen, grinsten sich heimlich an. „Oh, Brigitte!“ schmetterte die hohe Stimme der Nachbarin. „Ist er schon da? Ein Junge? Oder ein Mädchen? Ach Gott, laß doch mal sehen, wie er aussieht! Ach, ganz die Mutter! Der ist aber dünn! Aber Haare hat er ja schon eine ganze Menge… Man sollte es nicht für möglich halten… War es schwer? Aber ja, Du hast ja schon ausreichende Erfahrung in solchen Dingen! Wenn ich da an meine zwei Balge denke… Ne, da sage ich immer zu meinem Mann: ´Das kannst Du von mir nicht verlangen, Helmut, dass ich wie eine Maschine Kinder auf diese Welt werfe und mich anschließend noch mit ihnen herumzanken muss…´ Habe ich nicht recht, Brigitte? Dein Alter sollte auch mal langsam die Notbremse ziehen`...!“ Nach diesem verbalen Wasserfall lachte sie laut und ungeniert. Die Kinder wichen erschrocken etwas zurück. Sie wussten nicht, was sie mit all den Worten anfangen sollten. Nur Georg verkniff sich zuweilen ein Grinsen. In der Tat: Diese Frau namens Elfriede Meier war ein wandelndes Buch auf zwei dicken Säulen. Schon ihre äußere Gestalt und ihr Gehaben hätten einem Komiker das berufliche Lachen beigebracht. Unwillkürlich reizte sie ihre Mitmenschen zum Lachen. Oft lachte sie über sich selber mit. Im Hause galt sie als verschroben und angeknackst. Unordentlich standen ihr die Haare immer vom Kopfe ab wie bei einem zornigen Stachelschwein. Eine Knollennase – von den Kindern der Umgebung ganz einfach „Schnapsgurke“ genannt – erhob sich über einem breiten Mund. Ihre Ohren wurden von den Kindern als „Wurstzipfel“ bezeichnet. Grobe, knochige Hände, denen man das viele Waschen ansehen konnte, fummelten beständig an einer Art von Brustlatz herum, den sie fast immer trug. Auch die Schuhe nahmen sich aus wie echte „Wikingerschiffe“: vorn rasant nach oben gebogen wie beim Bug eines Schiffes. Oft schaute der „Bockermann“ – wie Georg den dicken Zeh nannte – daraus hervor und genoß seine luftige Freiheit. Ihr Gesicht hatte einen etwas blöden Ausdruck, wirkte aber sehr gutmütig. Ein gewaltiger Busen hing gleich einem Kuheuter an ihr herab. Georg, der gerne ordinäre Begriffe verwendete, sagte immer zu Dieter, dass er liebend gern einmal daran einen Klimmzug machen würde. In der Schule schaffte er zwar nie einen, aber in diesem Falle, so behauptete er steif und fest, würde ihm das ganz sicherlich gelingen. Außer den beachtenswerten Brüsten der Meier war auch ihre Kleidung beachtenswert. Allgemein galt sie als schlampige Klatschtante, die stundenlang mit einer Ausdauer klönen konnte, die einem Papagei alle Ehre gemacht hätte. Stets waren ihre Kleider mit Flicken versehen, wobei sie es meisterhaft verstand, die Flicken jeweils so anzuordnen mit ihren Farben, dass sich ihre Kleidung wie ein geflickter Regenbogen ausnahm. Sie wusste, sah und hörte alles. Sie schien ein „Heimatlexikon“ zu sein. Man schimpfte über sie, hörte aber doch gern ihren Plauschereien zu. Zwei Töchter hatte sie: die Ingrid, die in Georgs Alter war; und Erika, die bereits zwanzig Jahre zählte und arbeitete. Georg und Ingrid hockten immer zusammen und schienen sich heimlich zu lieben. Ingrid war genau so ausgelassen wie Georg. Herr Meier war Bauschlosser und bereits 48 alt. Seine geschwätzige Frau war genau das Gegenteil von ihm. Frau Regiez schickte nun die Kinder hinaus. Die beiden Frauen unterhielten sich. „Das ist aber wirklich das letzte Kind gewesen!“ murmlete die Mutter. Ich muss etwas auf meine Figur achten…“ „Papperlapapp!“ schniefte die Meier. „Ich pfeife was auf die Figur. Aber Du, Brigitte…Na ja, Du bist ja trotz Deiner sieben Balge noch immer rank und schlank wie eine Gerte… Schau mich dagegen an: ein einziges Gewabbel von oben bis unten.“ Sie reden noch eine ganze Weile - so wie Frauen nun einmal reden. Als dann die Nachbarin gegangen war, dachte Frau Regiez noch eine ganze Zeit über sie nach. Sie nahm sich das Baby vor, gab ihm die Brust. 

„Nun, nun, meine Keiner, schön langsam, ich habe genug da, mehr als genug!“ sagte sie, als sie sein heftiges Saugen bemerkte. „Wenn ich ehrlich sein soll, bin ich ja nicht gerade sehr begeistert von Deinem Erscheinen. Warum musstest Du denn ausgerechnet jetzt kommen?“

Judika hörte auf einmal auf mit dem Saugen und schrie seinen Protest ob solcher Worte laut hinaus, so dass die Mutter ihm einen leichten Klaps auf den Po gab, wobei sie murmelte: „Du scheinst mir ja ein richtiger Rebell zu sein! So ist´s recht! Setze den Kopf nur durch! Ja, setze Dich nur von Anfang an ganz richtig durch, damit Du auch später Dich durchsetzen kannst! Denn nicht immer werden wir Dir helfen können, mein kleiner Racker, Du! Die Welt ist sehr böse und grausam, und nicht jeder Mensch hält es auf ihr aus. Hoffentlich wirst Du sie aushalten, mein kleiner Racker...“

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Um Judikas Leben zu verstehen, muss man seine Familie verstehen lernen. Sein Vater wurde in Wenzdorf geboren. Die Kindheit und Jugend des Vaters verlief völlig normal. Nach seiner Schulentlassung trat er in eine Maurerlehre ein. In der Schule war er ein durchschnittlicher Schüler. Da ihm die Maurerlehrer gut gelang, war er bald Geselle und wurde schließlich ein guter Polier, der sein Handwerk verstand. Von Natur aus ein Phlegmatiker, wurde er sehr leicht jähzornig. Über seine innere Welt sprach er selten mit jemanden. Schon in jungen Jahren trank er aber sehr viel Alkohol. Judikas Mutter lernte er kennen, als er gerade 23 Jahre alt war. Das geschah in Wenzdorf auf einem Tanzfest. Die Mutter war damals 19 Jahre. Sie kannten sich ein Jahr lang, als sie beschlossen, zu heiraten. Beider Eltern hatten etwas gegen die Heirat, gaben aber schließlich nach, weil beide fest entschlossen waren, notfalls auch gegen den Willen der Eltern zu heiraten. Sie heirateten in Wenzdorf. Im Laufe der Zeit zeigte es sich aber dann, dass jeder der Partner mehr Fehler und Schwächen hatte, als sie das vorher gesehen hatten. Der Vater, der sich vor der Ehe an den hübchen Beinen und hohen Brüsten von Brigitte erfreut hatte, war sehr eifersüchtig und bemerkte bald, dass Brigitte in der Ehe leichtlebiger war als vordem. Brigitte aber fürchtete seinen Jähzorn, seine Trunksucht und sein Gewaltbereitschaft. Als sie erkannten, dass ihre Eheschließung ein Fehler gewesen war und sie nicht recht zueinander passen würden, war es ihrer Meinung nach bereits zu spät: Georg war inzwischen geboren worden nach dreijähriger Ehe. So hielten sie zwar äußerlich die Ehe aufrecht; ihrem Zwecke nach war sie aber längst zerbrochen. Plötzlich fing dann jenes verhängnisvolle notorische Trinker, eher Saufen des Vaters an, das Leid und Kummer, Schläge und Verkommenheit über die Familie bringen sollte. Gewiß, er hatte schon immer gern dem Alkohol zugesprochen, aber mit rechtem Maß. Nun aber vertrank er alles: seinen gesamten Lohn. Niemand erfuhr so recht, warum er auf einmal so tief sank, warum er immer mehr trank und die Familie dem Schicksal überließ. Er redete nicht über die Ursachen seines Verhaltens, das die ganze Familie immer drückender zu spüren bekam. Er schwieg sich aus. Man kann nur Vermutungen darüber anstellen. Vielleicht war es der Krieg mit seinen Grausamkeiten und Hungersnöten, mit seiner ganzen Verwirrung. Die Erklärungen zu seinem Verhalten verschloß er tief in seinem Innern. Man merkte aber, dass er mit sich und seinem Verhalten alles andere als zufrieden war. Als Judika geboren wurde, trank der Vater zwar auch schon; aber er war noch groß und stark, machte derbe Späße und verdrosch seine Kinder, wenn sie nicht parierten... Georg tyrannisierte seine Geschwister, wo immer er konnte. Er war sehr aufgeweckt, kannte aber mit seinen 14 Jahren bereits alle ordinären Straßenausdrücke, die es in der ganzen Umgebung gab. Da er stark war, beschützte er seine Geschwister. Lang und hager war er, hatte pechschwarzes Haar und erlaubte sich allerlei. Nicht nur, dass er heimlich rauchte und possierte! Er war auch in der Schule sehr frech zu seinen Lehrern in der Abschlussklasse und verstand es meisterhaft, diese zur Weißglut zu bringen. Beschwerden über Beschwerden flatterten den Eltern ins Haus. Die Nachbarin, Frau Wissel, hatte ihn einmal beobachtet, wie er in hohem Bogen über ihren Gartenzaun pisste und sie auslachte, als sie ihn ein "Schwein ersten Ranges“ nannte. Er hatte zurückgeschrieen, dass er nur ein Eber sei. Die Mutter hatte darüber gelacht. Der Vater aber hatte ihm den blanken Hintern versohlt – zur Schadenfreude seiner anderen Geschwister. Georg drohte, er werden ihm später, wenn er groß sei, alles heimzahlen. Daraufhin bekam er noch eine zusätzliche Abreibung, bis die Mutter sich einmischte und ihr „Schmuckstück“ vor weiteren Unannehmlichkeiten bewahrte. Georg wollte einmal Bergmann werden - das hatte er sich fest vorgenommen. Dieter stand seinem Bruder in nichts nach, zumal Georg sein unermüdlicher Lehrmeister war, ihm alle Tricks und Schliche lehrte, die er selbst beherrschte. Waren die beiden Jungen unterwegs, dann passierte immer etwas. Im Gegenteil zu Georg besaß er aber kaum Eigeninitiative und musste immer erst mitgeschleift werden. Dann aber ging sein Temperament mit ihm durch wie ein wildes Pferd. Abgesehen vom gegenseitigen Onanieren mit seinem älteren Bruder, wusste er mit dem Geschlechtstrieb und dem Beginn seiner Pubertät nichts anzufangen. In der Familie munkelte man, dass Dieter gar nicht der leibliche Sohn der Mutter, sondern vom Vater unterschoben worden sei. Ob das wirklich zutraf, vermochte allerdingst niemand mit Sicherheit zu sagen, obschon auffällig war, dass Dieter kaum Ähnlichkeit mit den anderen Geschwistern hatte. Marianne ging zumeist ihre eigenen Wege, sei es in der Schule, sei es daheim in der Wohnung. Stundenlang konnte sie mit Puppen spielen, hatte viele Freundinnen und auch Freunde beim Spielen. Sie sah immer sehr blass aus im Gesichtchen. Das lange Haar hatte sie auf dem Kopf zu einer Rolle geformt. Es sah wie eine Apfeltasche aus. Als kleines Kind hatte sie die Pocken und Scharlach gehabt, war brav und gesittet, so dass sie deswegen von den Brüdern gehänselt wurde. In der Schule war sie die Klassenbeste. Anna war gerade im ersten Schuljahr und fing an, ernstlich zu lernen. Sie hatte eine schnelle Auffassungsgabe, war mit Abstand die ruhigste in der ganzen Familie und konnte mit niemanden Streit bekommen. Sie hatte lange und schwarze Haare. Georg hatte ihr einmal in der Nacht heimlich die Zöpfe abgeschnitten, so dass sie die Haare nunmehr kurz trug, ihm das Abschneiden der Zöpfe aber lange verübelt hatte, zumal sie ihren ganzen Stolz dargestellt hatten. Anna dachte aber nicht daran, sich dafür zu rächen: dafür war sie einfach zu gutmütig. Silvia und Maria waren die beiden Lieblinge des Vaters. Silvia, etwas pummelig – deshalb von den Geschwistern auch „Pümmelchen“ genannt – und unbeholfen, konnte es sich als einzige in der Familie neben Maria erlauben, auf des Vater Schoß zu klettern. Außer ihnen stand dieses Privileg niemanden sonst zu. Beide Schwestern waren gute Freundinnen, die zusammen spielten und vom Vater am meisten geliebt wurden. Vom Vater wurden sie nie gezüchtigt - wie die anderen Geschwister, wenn diese etwas ausgefressen hatten. Dafür bekamen sie von der Mutter zuweilen einen Klaps aufs Hinterteil. Die beiden Kinder waren so schlau, dass sie sich dann bei dem abends heimkehrenden Vater beschwerten, der dann der Mutter heftige Vorwürfe machte. Zuweilen war das sogar die Ursache zu einem handfesten Familienkrach... Dies waren die Umstände, in die Judika hineingeboren. Schon wenige Tage nach der Geburt wurde er getauft. Taufpatin war eine Nachbarin namens Gudrun Müller: eine 56jährige kinderlose Witwe, deren Mann im Krieg gefallen war. Sie war Mutters besondere Freundin. Klein, ausgemergelt, hatte sie ein gelbes und spitzes Gesichtchen. Sie hustete, als hätte sie ewig Keuchhusten. Bei der Taufe Judikas lächelten die Anwesenden und ergingen sich in Mutmaßungen darüber, was wohl einmal aus ihm werden würde. Nur der Vater dachte: ´Ihr Idioten! Was wisst ihr denn, was es heißt, nun 7 Kinder ernähren und durch das Leben schleusen zu müssen? Ihr Armleuchter Christi!´ Judikas Geschwister akzeptierten ihn als Brüderchen und waren bestrebt, ihm das auch zu zeigen, obwohl er noch nichts davon begriff. Dieter schnitt Fratzen vor ihm, sprang umher wie ein wildgewordener Esel, warf die Beine herum, gab Gas wie bei einem Auto, verrenkte die Arme, streckte die Zunge heraus und machte jeweils einen solchen lärmvollen Firlefanz, dass Judika angst und bange ward. Er fing dann laut an zu brüllen. Dieter zog sich alsdann beleidigt zurück.

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Das Brot wurde immer weniger. Judikas Mutter lächelte auch immer weniger. Der Vater trank immer mehr. Die Großeltern schickten aus Gorzberg Pakete. Aber was war das schon für eine 9köpfige Familie? Judikas Mutter hatte mit ihren Eltern in Gorzberg einen regen Briefwechsel. Sie hatte ihren Eltern auch die Lage geschildert, die in Österreich ebenfalls immer schwieriger wurde. Eines Tages, kurz nach der Kapitulation Deutschlands, Mitte Mai 1945, war Elfriede Meier erschienen. Sie hatte einen Brief bei sich, den der Postbote versehentlich bei ihr abgegeben hatte. Aufgeregt erbrach die Mutter den Briefumschlag und begann sogleich zu lesen. Schwarz auf weiß stand da von ihrer Mutter geschrieben Gorzberg, den 12. Mai 1945 Liehe Brigitte! In Anbetracht Eurer Lage habe ich mich mit Deinem Vater entschlossen, Euch zu helfen, nachdem wir lange nachgedacht haben. Wir sind bereit, Euch eins von unseren beiden Häusern abzutreten, und zwar das flache Gebäude, das momentan keine Mieter beherbergt. Du kennst es ja von früher her. Im Hause, in dem wir selbst wohnen, war leider kein Platz mehr frei. Du weißt ja, dass es immer mit etlichen Mietern belegt ist, die schon lange mit ihren Familien hier bei uns wohnen. Schade darum. Aber wir sind froh, dass unsere Häuser überhaupt noch stehen. Werfels, Brüselmanns, Schickes und Offenbergs wohnen ja noch alle bei uns im Hause. Aber auch der flache Bau ist ja nicht schlecht, nicht wahr? Denk an den großen Garten! Wir treten Euch eine Hälfte davon ab. Platz werdet Ihr also genug für die Kinder haben. Vater hat hinten ein Passeng gebaut, so dass man auch Fische hineinsetzen kann. Wir haben es uns so gedacht: Das Haus, was Ihr jetzt erhaltet, soll sogleich Euer Eigentum sein, sobald Ihr es bezogen habt. Wir vererben es Dir noch zu unseren Lebzeiten. Nach unserem Tode wirst Du dann auch noch unser Haus bekommen. Vater hat Euch auch einen Hühnerstall bauen lassen. Er liegt hinter dem Haus. Sorgen macht mir nur das Trinken Deines Mannes, das immer schlimmer zu werden scheint. Wir erwarten Euch also recht bald hier in Deutschland. Gib uns rechtzeitig Nachricht, wenn Du mit Deiner Familie kommst. Grüße die Kinder schön und Deinen Mann! Auch Vater lässt Euch alle herzlich Grüßen! Sei herzlich gegrüßt von Deiner Mutter! Als sie den Brief gelesen hatte, wusste sie nicht, ob sie sich freuen sollte, fand sich dann aber mit dem Gedanken ab, dass es vermutlich das Beste sein konnte, wenn sie hinüberziehen würden. Ihr Mann war sofort damit einverstanden. Nach Erledigung der für den Umzug erforderlichen Formalitäten ging man sofort ans Packen. Es war eine Schinderei! Die Nachbarn griffen tatkräftig mit zu. Und Frau Meier wollte ihren großen Mund überhaupt nicht mehr schließen. Die Kinder waren traurig, da sie sich an die Umgebung in Österreich gewöhnt hatten. Während man Möbel und Inventar per Möbeltransporter nach Gorzberg überführen ließ, fuhr die Familie selber mit der Bahn. Allen gemeinsam war ein wenig Furcht vor dem Neuen und Ungewissen. Aber es war halb so schlimm gewesen. Das Haus lag schön, und Platz zum Spielen hatten die Kinder ebenfalls. Es gab einen Vorder-, Seiten- und Hintereingang. Der Vordereingang lag an der Ebertstraße 69. Gegenüber der Straße lag ein Wald, in dem sich ein Sumpf mit Schilf und etwas Moor befand. Hinter dem Haus lag der Garten mit seinen Obstbäumen; hinten wurde er von Beerensträuchern, Weidebüschen und einem murmelnden Bach abgegrenzt. Dahinter lag eine riesige Wiese, auf der sich nördlich die etwa 150 Meter hohe Steinhalde mit ihren Rissen, Hügeln und tiefen Schluchten befand. Vor dem Garten war ein freier Platz mit einem Sandkasten. In der Mitte des Platzes stand ein stolzer Birnenbaum. Rechts davon ein dichtes Fliedergesträuch, das sich wie eine Laube darstellte. Bald hatte sich die Familie Regiez aber auch hier beheimatet, zumal – mit Ausnahme von Judika – alle ohnehin in Deutschland geboren worden waren... Der Krieg war längst zu Ende, und man schrieb das Jahr 1948. Es war Frühling. Die Bäume, Sträucher und Blumen fingen schon an zu knospen. Sie schienen sich im Sonnenlicht täglich mehr zu recken. Einige Narzissen steckten schon vorwitzig ihre Köpfe hervor. Hier und dort standen noch Gruppen von Märzbechern, obschon es bereits Mitte April war. An den Weiden waren die Miezekätzchen schon ausgereift. Ein warmer , wohliger Wind wehte über die Gärten, Häuser und Trümmer dahin. Es war in den späten Nachmittagsstunden. Ein kleiner Junge von 4 Jahren saß in einem Garten unter einem großem Birnenbaum, der in voller Blüte stand, und spielte dort in einem Sandkasten. Allerlei seltsame Figuren hatte er mit dem feuchten Sand geformt. Da gab es einige Kuchen, Vögel, Höhlen, Brücken und Berge. Gerade war er dabei, eine große Burg zu bauen, die ihm schon wiederholt zusammengefallen war. Endlich hatte er sie fertig, legte den Kopf mit den dunklen Haaren etwas schief und betrachtete nachdenklich und ernsthaft sein Werk. Plötzlich schien ihm eine Idee zu kommen, denn ein Aufblitzen in seinen Augen verriet, dass ihm etwas eingefallen sein musste. Er zog sein Taschentuch aus der Tasche, suchte sich einen kleinen Ast, den er von den unteren Zweigen des Birnbaumes abbrach, und knotete das Taschentuch an den Ast, worauf er diesen auf den Turm der Burg steckte. Jetzt trat er zurück und betrachtete wohlgefällig seine Schöpfung. Wieder begab er sich zum Sandkasten, um einige Nebenburgen zu bauen. Er war ganz in Gedanken und der Arbeit seiner kindlichen Phantasie versunken, so dass er nicht gleich die Stimme seiner Mutter hörte: „Judika! Judika“ rief diese. „Wo steckst Du nur, Du Lümmel? Kommst Du wohl hervor – sonst setzt es gleich was!“ Erschreckt fuhr der Knabe hoch. Im ersten Moment trat ein böses Glimmen in seinen blauen Augen auf. Erst als das verloschen war, antwortete er: „Was ist denn?“ Er sah die Mutter kommen und duckte sich unwillkührlich, als versuche er, sich vor ihr zu verstecken. Er stand auf. „Ich bin gerade so schön im Sandkasten am spielen…“ „Sofort kommst Du her!“ rief die Mutter nun lauter. „Beeil Dich; es ist gleich schon fünf Uhr. Vater kommt gleich. Wenn Du nicht augenblicklich kommst, sage ich es ihm! Du weißt ja, was dann passiert!“ Sie trat nach diesen Worten auf ihn zu, stieß mit dem rechten Fuß in die aus Sand erstellten Baulichkeiten. „So, vielleicht fällt es Dir nun leichter, Dich davon zu lösen!“ Der Knabe trollte sich recht unwillig durch den Garten dem Hause zu, wobei er immer wieder einen Blick zum Sandkasten zurückwarf. „Wo warst Du?“ erkundigte sich die Mutter noch einmal. „Warum hast Du nicht sofort gehört, als ich Dich rief?“ „Ich habe es nicht gehört“, kam es trotzig von seinen Lippen. Mit schmalen Augen sah sie ihn an. „Du hast aber zu hören! Marsch rein mit Dir und gewaschen! Zieh Dich um! Du siehst wieder aus wie ein Dreckspatz!“ Bei jedem dieser Worte zuckte der Knabe erschrocken zusammen. Er ging die Treppe zum Eingang hoch. Das Haus besaß 5 geräumige Zimmer. Er ging in die Küche und wusch sich das Gesicht und die Hände, um dann ins elterliche Schlafzimmer zu gehen, wo er ansonsten mit den Eltern schlief. Kurz darauf kam die Mutter und half ihm, sich umzuziehen. Er bekam eine kurze Lederhose mit Hosenträgern, die an der Bruststelle einen breiten Querstreifen aus braunem Leder hatten. Kniestrümpfe, ein buntes, verwaschenes Hemd, Pullover und braune Sandahlen vervollständigten die Kleidung. Bald stand er sauber und adrett da. Er begab sich ins Wohnzimmer, um die Schwestern ein wenig zu ärgern, denn Georg und Dieter waren auf der in der Nähe gelegenen Zeche von Gorzberg am arbeiten. Marianne war mit einer Freundin unterwegs; ebenso auch „Nanne“, wie man zu Anna inzwischen sagte. Nur Silvia und Maria befanden sich im Wohnzimmer und waren mit der Puppenstube beschäftigt. Judika begab sich zu ihnen, hockte sich hin und sah ihnen eine Weile aufmerksam zu. Dann fragte er: „Darf ich mitspielen?“ „Nein!“ ließ sich Silvia vernehmen. „Du bist immer so grob und machst so schnell alles kaputt!“ „Laß ihn!“ sagte Maria. „Ich werde den Kaufmann spielen“, meinte Judika und griff nach den Tüten und Lädchen. „Hier hast Du die Kasse und das Wechselgeld, wenn wir bei Dir einkaufen“, lenkte nun Silvia ebenfalls ein. „Aber sei mit den Sachen vorsichtig, hörst Du?“ „Ja, ist ja gut…“ „Ein Pfund Mehl, ein Pfund Salz, eine Tüte Zucker und ein Päckchen Nudeln!“ verlangte Maria. „Nein, nicht das kleine Nudelpäckchen, sondern das große!“ „Und ich möchte ein Kilo Schmalz, ein Päckchen Pferdezucker, Haferflocken und Mehl!“ verlangte Silvia. Judika war bestrebt, es beiden Schwestern recht zu machen. Bald waren sie alle emsig und gewissenhaft beim Einkauf und Verkaufen. Derweil befand sich Judikas Mutter im Garten und war dabei, die Wäsche von der Leine zu nehmen. Während sie das tat, schweifte ihr Blick durch den Garten. Sie dachte zurück an Ternberg. Sie kannte alles im Garten, weil sie hier großgeworden war. Sie seufzte und arbeitete mechanisch weiter. An ihren Mann musste sie denken. Er hatte gleich eine neue Arbeit bei der Straßenbaufirma Strieser in Gölzen gefunden, wo er als Polier tätig war. Wenn nur sein Trinken nicht wäre! Es wurde immer schlimmer damit. Haushaltsgeld bekam sie kaum, zumal das Geld zu dieser Zeit ohnehin knapp war. Was sie bekam, reichte bei weitem nicht aus. Wenn die Eltern sie nicht unterstützen würden, kämen sie überhaupt nicht mehr zurecht. Sie sah auf die Uhr. Bereits 18:00 Uhr. Vom Vater war noch nichts zu sehen. Sicherlich war er wieder bei einem Saufgelage mit Arbeitskollegen. Die Fälle, wo er stockbetrunken mitten in der Nacht heimkehrte, alle in Angst und Schrecken versetzte, häuften sich immer mehr. Selnst die Baufirma beklagte sich im mer häufiger darüber, dass betrunken zur Arbeit kam. Wie sollte das enden?

Ihre Gedanken wanderten weiter zu Georg und Dieter, die ihr spärliches Geld sauer verdienen mussten. Die beiden gingen auch schon ihre eigenen Wege.

Georg hatte seine Bergmannslehre beendet; und der inzwischen 15jährige Dieter war in seine Fußstapfen getreten. Mit seinen knapp 19 Jahren hatte Georg ein Verhältnis mit einer in der Nähe wohnenden Frau namens Josephine Krause, die bereits 31 Jahre alt und zudem noch geschieden war. Auch hatte sie ein 7jähriges Kind zu versorgen. Der Teufel war losgewesen, als Vater und sie dahinter gekommen waren. Und auch jetzt herrschten die familiären Spannungen fort.

Sie strich sich über das krause Haar und musste plötzlich an die Jugendfürsorgerin. Frau Benz, denken, die beim Gorzberger Jugendamt tätig war. Am vergangenen Mittwoch war sie in den frühen Morgenstunden bei ihnen aufgekreuzt und hatte sich in Dinge zu mischen versucht, die nur der Familie etwas angingen. Wussten die auf dem Jugendamt also auch schon von der Trinkfreudigkeit ihres Mannes! Wie schnell sich doch alles herumsprach! Da war ja in der kommenden Zeit noch allerlei zu erwarten, da die Fürsorgerin von “Fürsorgeerziehung” für die Kinder gesprochen hatte. Frau Regiez sollte auch einmal beim Jugendamt vorsprechen. Das hatte sie allerdings bisher nicht getan, da sie nicht die geringste Lust dazu verspürte.

Marianne erschien mit ihrer Schulfreundin Carola Heck im Garten. “Mutti, sollen wir die Wäsche rein tragen?” Noch beim Sprechen fassten die beiden Mädchen den Korb und trugen Ihn ins Haus.

“Puh, ist der aber schwer!” stöhnte die blonde Carola. “Da kriegt man ja ‘nen heiligen Zahn, wenn man den einen Kilometer tragen müsste.”

“Das stärkt den Busen!” war Mariannes Entgegnung.

Beide lachten darüber und schauten gegenseitig zu jener Stelle, wo sich die ersten Schwellungen zeigten.

Judika kam ihnen entgegen, stellte sich breitbeinig in den Weg.

“Weg, Du Zwerg! Mach, dass Du Land gewinnst und störe keine großen Mädchen bei der Arbeit!” sagte Marianne spöttisch, aber lächelnd.

Er hob die Faust und schüttelte sie drohend gegen Marianne, die ihn nun sanft zur Seite schob. Er versuchte, von hinten auf den Korb zu klettern, als die beiden Mädchen vorbeigegangen waren.

Marianna wurde etwas böse: “Ich sag’s der Mama!” schrie sie ihn an.

Judika lachte, ließ sich aber wegschieben, streckte ihnen die Zunge hin und zeigte eine lange Nase. Er lief nun davon - der Mutter genau in die Arme.

“Hoppla, warum so eilig, kleiner Mann? Hast Du die Mädchen wieder geärgert? Aber Judika, so etwas macht man nicht! Mädchen muss man zuvorkommend und wie ein Kavalier behandeln!”

Er starrte sie verständnislos an, legte die kleine Stirn in Falten und schien angestrengt nachzudenken. Fragend sah er die Mutter an.

“Ach, Du”, meinte sie, “Wir haben es ja im Grunde beide sehr schwer. Nichts wird uns geschenkt. Werde erst einmal größer, dann wirst Du schon merken, was man im Leben alles leisten musst, wenn man es meistern will! Aber nun geh ins Wohnzimmer und lass die Mädchen in Ruhe!”

Er nickte, tat wie ihm geheißen.

‘Er ist gar nicht so übel!’ dachte die Mutter. ‘Vielleicht geht es ihm einmal besser als uns. Einer von uns allen müsste es doch bestimmt einmal schaffen…’

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An einem Samstag ging Herr Regiez mit Judika spazieren. Der 44jährige Mann trug einen grauen, schon älteren Anzug, hohe schwarze Schuhe und einen grünen Hut. Seine graublauen Augen blickten auf seinen kleinen Sohn, der eifrig plapperte und oft die Hand ausstreckte, um auf etwas zu zeigen, das seine kindliche Aufmerksamkeit geweckt hatte.

Gleich nach dem Kirchgang waren sie losgegangen. Die Mutter hatte dem Jungen einige Sachen angezogen, die man vom Pfarrer geschenkt bekommen hatte, so dass er frisch und unternehmungslustig aussah. Es war ein friedliches Bild, wie Vater und Sohn einträchtig am frühen Morgen durch die Frühlingslandschaft einhergingen. Sie waren hinter dem Haus durch die Wiese, am Fuße der Steinhalde entlanggegangen, hatten einen Bogen nach rechts geschlagen und die Ebertstrasse überquert. Sie gingen durch den Wald über die Eisenbahnschienen und befanden sich auf einem Feldweg, der beiderseits von Feldern und Wiesen umschlossen war, die sich unter der Frühlingssonne wohlig zu wandeln schienen. Leicht gingen sie dahin.

Über die Felder, die schon anfingen grün zu sprossen, dass es aussah wie eine aus grünen Speerspizen wogende Fläche, hoppelte dann und wann ein Hase oder ein Kaninchen. Manchmal flog vor ihrer Nase ein Rebhuhn auf und erschreckte sie. Sie kamen gerade an der Süggel vorbei: einem Bach, der mit Betonplatten an den Ufern eingefasst war. Hoch am Himmel kreiste geduldig ein Mäusebussard, zog seine kreisenden, weiten Bahnen, die immer enger in einer Spirale endeten. Dann blieb er mitten in der Luft stehen: leicht vibrierend an einer Stelle.

Die beiden Wanderer waren stehen geblieben und hatten das Treiben des Raubvogels beobachtet, der jetzt wie ein von der Sehne abgeschossener Pfeil nach unten - ohne den Erdboden zu berühren -, dann wieder nach oben schoss.

“Was macht der da?” fragte Judika seinen Vater. “Spielt er?”

Neugierig sah er ihn an.

Der Vater lachte, denn er war heute sehr guter Laune. Das kam relativ selten vor. “Nein, mein Lieber, der spielt nicht, sondern jagt nach Beute!”

“Ja, was macht er denn dann?” erkundigte sich der kleine Sohn treuherzig und verfolgte mit weit zurückgelegtem Kopf und großem Augen das Tun des Vogels, der nun damit begonnen hatte, seine weiten Kreise erneut zu ziehen.

“Er sucht sich sein Brot, weil er Hunger hat!” beantwortete der Vater seine Frage.

“Isst der denn auch Brot?”

“Nein, das nicht - jedenfalls nicht wie wir: er fängt sich kleines Getier, besonders die Feldmäuse, auf die er sich herunterstürzt, denn er hat messerscharfe Augen!”

“Frisst er sie lebendig?”

“Ach wo, nein! Er tötet sie mit seinem Schnabel, wenn es nicht vorher schon seine scharfen Krallen getan haben, die er in das Fell der Maus stößt, wenn er sich herunterstürzt.”

“Das ist aber grausig! Warum macht er die armen Mäuslein tot? Kann er nichts anderes essen? Brot - wie wir?”

“Das verstehst Du jetzt noch nicht! Aber später, wenn Du größer bist, wirst Du selber dahinter kommen. Dieser Vogel ist ein Raubtier…”

“Was ist ein Raubtier, Vater?” forschte er unbeirrt und unbefriedigt weiter.

“Ein Räuber unter den Tieren!”

“Aha…!”

Sie schwiegen und setzten ihren Weg fort.

Judika dachte angestrengt nach. Eigentlich fand er es reichlich komisch: immer wenn er begierig war, über einige Dinge genau Bescheid zu wissen, wenn er Fragen stellte, vertröstete man ihn damit, dass er das erst später verstehen könne, weil er jetzt noch so klein sei. Eigentlich war es ja Blödsinn mit diesem Vogel! Warum eine Maus auffressen? Das war doch umständlich. Brot täte es doch auch! Er hatte schon einige Mäuse gesehen und fand sie sehr niedlich. Er beschloss, beim nächsten Male ein Stück Brot für den Räuber mitzunehmen. Vielleicht würde er es annehmen.

Ein Kiebitz stolzierte mit seiner Haube nahe an ihnen vorbei. Judika versuchte ihn zu fangen, aber der listige Vogel ließ ihn ein Stück herankommen und flog dann lachend weg.

“Können die Vögel auch lachen?” wandte er sich seinem Vater zu.

Der Vater sah ihn zunächst erstaunt an, meinte dann aber: “Ich glaube schon; aber man sieht das nicht so genau, weil die Federn es verdecken. Manchmal kann man es aber recht deutlich hören!”

“Was ist da?” Judika zeigte aufgeregt auf einen großen schwarzen Vogel. “Der sieht aber böse aus!”

“Das ist eine Krähe!”

“Die ist aber dick! Sie hat bestimmt genug zu essen…

Und was ist das da?” Er zeigte auf eine gelbe Blume, die oben eine Glocke hatte. Sie stand am Grasrand inmitten von Moos und Klee.

“Sie heißen Narzissen, aber man nennt sie auch Osterglocken”, dozierte der Vater seinem Sohne vor. “Noch ein paar Tage, dann werden wir eine ganze Menge sehen. Es ist eigentlich erstaunlich, dass nicht schon mehrere blühen.”

Nach seinen Worten strich er Judika sanft über den Kopf. Der schrak zusammen. Solch eine Geste war er von seinem Vater nicht gewöhnt. Er war sehr erstaunt über den Vater, den er selten so aufgeräumt gesehen hatte wie an diesem Tage.-

Sie betraten den Bechauer-Wald. Ein Chor von gemischten Vogelstimmen scholl ihnen entgegen. Das junge Frühlingsgrün und der Duft frischen Mooses taten der Seele weh: sie verströmten - gleich den Empfindungen - verschwenderisch ihr Aroma. Eine Elster flog laut schimpfend davon, als sie sich einer schlanken Esche näherten. Ein Eichelhäher schüttelte betrübt den Kopf auf einem Ast von einer großen Eiche, weil er noch keine Eicheln an den kaum treibenden und knospenden Blättern und Ästen fand - er lachte dann selbst darüber, da er doch genau wusste, dass seine Zeit noch nicht gekommen war. Oben, in einer Buche, saß ein Kleiber und suchte verzweifelt nach Würmern, wobei er sich nicht von den beiden Zuschauern stören ließ. Missbilligend klopfte er mit seinem Schnabel die Rinde ab, rannte plötzlich kopfüber nach unten und äugte zu seinem Hasen hin, der durch den Wald flitzte. Auch der unsichtbare Kuckuck betätigte sich an dem allgemeinen Konzert und schmetterte unverdrossen sein dauernd sich wiederholendes Wort hinaus. Nur ein wirklich gewaltiger Sänger vor dem Herrn - Herr Buchfink - schwieg sich aus und saß mäuschenstill auf den unteren Ästen einer Fichte. Vielleicht war er noch frühjahrsmüde. Aus einer dichten Tannenspitze erscholl ein Knacken und Ästebrechen, ein Gurren und komisches Lachen von einer Wildtaube, die nun mit lautem Flügelschlag aus dem Baum flog. Zornig klopfte ein kleiner Grünspecht an eine junge Erle und piepte dabei wie zur Bestätigung und Anfeuerung seines Werkes. Die Finken ließen ihre wohlklingenden Stimmen ertönen; Amseln, Drosseln, selbst Stare und Goldhähnchen mischten sich zu einem Konzert mit Meisen, Rotkehlchen und Schnäppern. Selbst die frechen Spatzen hüpften schimpfend von Ast zu Ast und fristeten recht energisch ihr Parasitendasein.

Judika staunte, was es da in den Bäumen alles zu sehen gab. Aber noch mehr erstaunt war sein kindliches Gemüt darüber, dass der Vater ihm so viele Dinge zu erklären wusste. Das vermochte nach seinen bisherigen Erfahrungen sein Gemüt einfach nicht zu fassen.

Er hörte die Stimme des Vaters: “Schau mal, ein Eichhörnchen!” Der Vater hatte es nur eben geflüstert.

“Wo?”

“Da, unten an der großen Tanne - vor Dir!”

Judika sah in die angegebene Richtung. Er sah das Eichhörnchen, das auf seinen Hinterfüßen hockte, sich fleißig wusch und beleckte. “Oh, ist das aber putzig!” flüsterte er leise seinem Vater zu. “Ob man es fangen kann? So eins möchte ich gerne haben! Komm, lass uns mal ein bisschen näher gehen!”

Vorsichtig, jedes Brechen der auf dem Boden liegenden Äste vermeidend, bewegten sie sich auf den Baum zu. Aber kaum waren sie einige Schritte gegangen, hörte das Eichhörnchen mit seiner Beschäftigung auf, verharrte bewegungslos und sah zu ihnen herüber. Plötzlich verschwand es mit einem riesigen Satz wie der geölte Blitz und ließ die Zuschauer verdutzt stehen.

“Schade!” rief Judika aus.

Sie gingen weiter, durchquerten den Wald und kamen bei einer Brücke heraus, die über die Süggel führte. Links von der Brücke führte ein Feldweg durch Wiesen und Felder. Sie gingen diesen entlang, stießen bald auf die Borsingerstraße, die durch eine teilweise noch zerbombte Siedlung führte. Wenig später sahen sie Gorzberg vor sich liegen. Sie machten einen Bummel durch die Straßen der Stadt. Noch sah man in den Schaufenstern die Armut der Nachkriegsjahre schimmern. Es gab aber auch schon wieder solche herrlichen Dinge, dass es Judika manchmal ganz wehmutsvoll ums Herz wurde und er schlucken musste, wie wenn ein Knödel in seinem Halse säße.

Sie trafen einige Bekannte, Arbeitskollegen des Vaters, Kameraden aus Judikas Kindergarten. Auch der Pastor kreuze ihren Weg, als sie an der katholischen Kirche vorbeikamen. Vater und der Pastor wechselten einige Worte über die allgemein schwierige Lage der Familien in Gorzberg, die alle wenig zu essen hatten. Man sprach über die Pakete aus Amerika, die ja immerhin ein kleiner Lichtblick wären. Schließlich nahm der Pastor den Vater noch beiseite und redete leise auf ihn ein, wobei der Vater ab und zu bejahend und verneinend den Kopf schüttelte. Dann ging man seines Weges.

Es war 13.00 Uhr. Um 12.00 Uhr hätten sie eigentlich schon wieder daheim sein sollen. Die Mutter wartete bestimmt schon mit dem Essen auf sie. Judikas Magen knurrte auch schon, wenn er nur daran dachte. Er zupfte den Vater ein wenig schüchtern am Ärmel. “Sollen wir nicht jetzt nach Hause gehen? Mama wird schon auf uns warten. Ich habe auch Hunger!”

“Ja, ja, gleich! Wir wollen nur noch mal kurz nach Kuhlhuber reingehen und etwas trinken!”

Judikas Gesicht verzog sich ängstlich. Er wusste, was das bedeutete. Kuhlhubers hatten eine Wirtschaft, und der Vater ging dort immer hin, wenn er seinen Lohn vertrank. Es war sozusagen seine Stammkneipe. Er wusste, dass aus dem “Gleich” etliche Stunden, ja die halbe Nacht werden konnte. “Vater, können wir nicht doch…”

Aber als er das fest entschlossene, jetzt sogar unwillige Gesicht des Vaters sah, das sich ihm zugewandt hatte, brachte er seinen Satz nicht zu Ende, sondern hielt erschrocken inne, obwohl er hatte sagen wollen, dass sie doch lieber zurückgehen sollten. Er war ja auch noch zu schwach und klein, um entscheidend auf des Vaters Entschlüsse einwirken zu können.

Der Vater sah ihn fragend an: ”Was ist denn, Judika?” forschte er.

“Ach, nichts, Vater! Ich habe nur so einen großen Hunger!”

“Wir werden heute einmal im Lokal essen. Bei Kuhlhubers gibt es immer leckere Sachen…”

“Und Mutter? Sie wartet doch auf uns!” versuchte Judika noch einmal schwach einzuhaken.

“Wir bleiben ja nicht lange. Mutter kann dann etwas sparen”, meinte der Vater, obgleich er den Widerspruch in seinen Worten deutlich spürte. Denn andererseits musste er ja auch das Geld für die Gedecke und Getränke ausgeben. Wahrscheinlich weit mehr, als seine Frau ausgeben würde.

Mittlerweile tauchte die Wirtschaft vor ihnen auf. Sie lag am Markt. Dort angekommen, stiegen sie die Stufen hinauf, gingen durch die Tür, schoben den braunen Vorhang zur Seite und traten ein.

Etwa 50 Leute waren anwesend. Dichter Zigarettenrauch lag in der Luft und roch nach kalt gewordener Kohlenasche. Man schien den Vater hier zu kennen, denn er wurde von allen Seiten begrüßt. Sie gingen zur Theke, hinter der ein glatzköpfiger Wirt stand, der sehr dick war und flink die Gläser füllte. Seine Frau brachte die mit Bier gefüllten Gläser den Gästen. Links befand sich ein Billardtisch. Direkt daneben ein alter Spielautomat an der Wand.

Sie gingen zum Tresen. Der Vater steckte dem dicken Wirt die Hand hin. “Tag, Fritz! Wir sind vom vielen Wandern müde und hungrig geworden und wollen eine kleine Pause hier einlegen. Hast Du für mich und meinem Sohn noch eine Kleinigkeit zu Essen? - Ah, da ist ja auch Deine Frau! Tag Annegret! Wie üblich: Du bist in vollem Einsatz.”

“Ich muss, ich muss!” antwortete eifrig die Wirtin. “Es ist schön, Judika, dass Du uns auch mal wieder besuchen kommst!”

Nach diesem Worten fasste sie ihn am Arm. Böse riss er sich los. Ihm war das peinlich, ja sogar höchst widerlich, wenn fremde Leute ihn berührten. Was hatte er mit ihnen denn zu schaffen?

Der Vater steckte sich eine Zigarette an, bestellte zweimal ein Mittagessen, für sich einen Korn und ein Bier und für Judika eine Limonade sowie eine Tafel Schokolade. Sie setzten sich danach an einen runden Tisch, der nahe der Tür stand. Das Essen wurde gebracht. Man aß schweigend.

Als sie gegessen hatten und Judika den Vater daran erinnerte, dass man nun langsam heimgehen müsse, vertröstete ihn dieser ein ums andere Mal. Aus einem Bier und Schnaps wurden zwei, dann drei - vier - fünf - sechs… An ein Aufhören schien der Vater nicht zu denken. Stunde um Stunde verrann. Wenn Judika etwas sagte, wurde der Vater zornig. Ihm wurde daher immer ängstlicher und unheimlicher zumute. Sein Herz schlug vor Angst heftiger. Er traute sich auch nicht, ohne die Erlaubnis des Vaters einfach wegzugehen. Denn er kannte seinen Zorn und fürchtete sich sehr davor. So blieb er sitzen, obwohl es ihm das Herz abschnürte, wenn er den inzwischen betrunken gewordenen Vater sah. Mit dem für ein Kind untrüglichen Instinkt ahnte er, dass so etwas nicht gut enden konnte. Mit Schrecken dachte an die Rückkehr, bei der sicherlich die Brocken wieder fliegen würden…

Langsam wurde Judika müde vom Qualm und der stickigen Luft. Längst war es Abend geworden. Er sah den Vater an. Der dachte nicht daran, aufzuhören, sondern bestellte immer neu eine Lage Schnaps oder Bier für sich. Bekannte setzten sich zu ihnen. Es wurde gelacht und gegröhlt. Man schmiss Runden. Auch der Vater beteiligte sich daran, da er kein Spielverderber sein wollte.

Der Vorgang an der Tür wurde unvermittelt zur Seite geschoben. Judikas älteste Schwester kam herein. Suchend sah sie sich um und entdeckte bald den Vater und ihren Bruder an dem runden Tisch. Etwas zögernd steuerte sie darauf zu. Judika war wohl der einzige, der sich über ihr Kommen freute, das konnte sie ihm deutlich ansehen. Der Vater war schon so betrunken, dass er sie zunächst gar nicht bemerkte. Gerade lachte er fürchterlich über einen Witz, den jemand am Tisch erzählt hatte.

Marianne trat auf ihn zu. “Vati! Du sollst nach Hause kommen!” Sie fasste ihn bei diesen Worten leicht am Arm. “Mutti hat mich geschickt! Wir warten schon alle auf Dich…”

Der Vater stieß ihren Arm fort. “Lass mich, Du blöde Gans! Sage Deiner Mutter, ich bleibe so lange hier, wie ich Lust dazu verspüre… so lange, wie es mir passt - basta! Hast Du gehört?”

“Mutter schimpft schon!” sagte Marianne nun mit weinerliche Stimme. “Ich soll Dich unbedingt mitbringen!”

“Lass… Lass sie nur schimpfen…, das schadet nichts! Wenn sie mich haben will, soll sie mich selber holen… hahaha, das ist wirklich gut… Ja, soll sie mich holen…” Er trank den Schnaps und das Bier in einem Zuge aus und bestellte sich eine neue Lage. “Ein Glas Wein noch dabei!” grölte er. “Für meine große Tochter!”

“Nein, ich mag nicht!” sagte das Mädchen bestimmt. Es lief davon, kam aber bald darauf zurück und meinte: “Dann lass wenigstens Judika mit nach Hause gehen! Er schläft ja jetzt schon ein und muss ins Bett.”

“Er bleibt hier!” brüllte der Vater jetzt. “Noch habe ich in meiner Familie zu sagen! Verschwinde endlich, sonst mache ich Dir Beine!”

Er machte Anstalten aufzustehen. Marianne ging mit gesenktem Kopf hinaus, Tränen der Verzweiflung in den Augen, mit einem roten Gesicht, in dem Peinlichkeit stand.

Judiak war erbost. Er wurde schließlich immer müder und schlief plötzlich ein.-

Er wurde dadurch geweckt, dass Silvia in der Kneipe erschien. Die Mutter hatte wohl gedacht, Vaters Liebling könnte der Sauferei am ehesten ein Ende bereiten.

“Vati, komm doch endlich heim!” bat Silvia.

Er schaute sie mit trüben Augen an. “Komm her, mein …Kind -, ich komme bald!!”

Silvia kam ängstlich näher und ließ sich vom Vater heranziehen.

Sie weinte.

Der Vater schlug mit der Faust auf den Tisch. Es schallte durch den ganzen Raum. Gläser hüpften hoch, eins fiel zu Boden und zersprang. Seine heisere Stimme brüllte: “Seht Euch… die… Kleine an! Das… ist meine… Tochter! Ist… sie… nicht einfach hübsch?”

Ein unbändiges Gelächter erhob sich bei seinen Saufkumpanen.

“Vater! Kommst Du? Ach bitte, komm doch mit nach Hause! Wir haben alle eine solche Angst…”

“Waas? A… ngst…habt Ihr? Vor… vor mir?”

“Dann nehme ich Judika mit, ja?”

Der Vater drehte sich schwerfällig um und sah auf Judika, der dabei war, erneut einzuschlafen. Die Knie hatte er angezogen und den Kopf darauf gelegt. “Und so… etwas nennt sich mein… Sohn! Mein… ha, mein eigenes Fleisch… und Blut! Nimm… ihn mit, damit er… ins Bett… kann! Und sage… der… Mutter…, dass ich auch… bald… nach Hause… komme, hast… Du gehört?” Wie zur Bestätigung seiner Worte ließ er einen lauten Rülpser folgen.

Silvia stieß Judika an. “Komm, wir gehen heim, Du Schlafmütze! Hier ist es nicht gut für Dich.”

Er stand auf und folgte Silvia, die ihn an der Hand nahm. Beim Gehen rieb er sich immer wieder die Augen, die ihm schrecklich weh taten.

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Sie kamen daheim an. Die Mutter machte ein sehr böses Gesicht. “Warum bist Du nicht zum Mittagessen heimgekommen?”

“Papa ließ mich nicht weg!” Er schluckte.

“Faule Ausreden!” Die Stimme der Mutter gewann an Schärfe und Gereiztheit. “Du hättest ja einfach weglaufen können.”

Er schwieg trotzig.

Plötzlich erfasste die Mutter eine unbändige Wurt. Sie schlug Judika mit aller Kraft ins Gesicht - einmal, zweimal, dreimal…

Judika hatte die kleinen Arme schützend vor das Gesicht gehalten und fing an laut zu weinen. Das Blut schoss ihm aus der Nase; die Lippe war aufgerissen. Wimmernd lag er auf dem Boden.

“Das hast Du nun für Deine frechen Antworten! Los! Verschwinde! Wasch Dir das Maul, aber dalli, sonst bekommst Du es noch ganz anders!” Sie griff nach diesen Worten zum Stocheisen, das am Herd hing, und trat drohend auf ihn zu.-

Judika erhob sich mühsam. Jäckchen und Hose waren voller Blut. Ein Zahn lag im Blut auf dem Wohnzimmerboden. Das Hemd war am Kragen zerrissen. Er wankte mühsam in die Küche, leise vor sich hinwimmernd. Seine kleine Seele war völlig aus den Fugen geraten. Was hatte er getan, verbrochen? Wenn das Schlagen wenigstens gerechtfertigt gewesen wäre! Aber so - völlig ohne Grund… Wäre er dem Vater davongelaufen, hätte dieser ihn verprügelt. Wie ungerecht doch die Großen waren. Er fand es ausgesprochen feige, dass sie sich an ihm vergriffen, obwohl er so klein war und sich deshalb nicht zu helfen vermochte. Wie konnte man ihn schlagen, weil er angeblich freche Antworten gegeben hatte, wenn er schweigend seinen Unwillen demonstriert hatte? Ob er einfach weglaufen sollte, weit weg, wo ihn niemand mehr hauen würde? Aber er war noch so klein, würde überall auffallen. Vielleicht sollte er sich das Leben nehmen? Ja, vielleicht sollte er einfach in den Teich springen, der sich hinter dem Haus auf der Wiese befand, und ertrinken. Aber nein! Ihm grauste bei diesem Gedanken…

Die Lippe tat ihm weh. Er fühlte mit seinem Zeigefinger der rechten Hand in die Lücke, die der ausgeschlagene Zahn hinterlassen hatte, und zog die blutige Fingerspitze wieder zurück. Die Backe brannte; er hatte arge Kopfschmerzen und spuckte mit Blut vermischten Speichel aus…

“Judika!” erscholl die Stimme der Mutter. “Mach endlich voran! Ins Bett mit Dir! Wie lange klüngelst Du denn noch da herum? Muss ich erst kommen und Dir helfen!”

Er schrak aus seinen Gedanken ausgesprochen verstört auf und begann sogleich damit, behutsam und unbeholfen sich zu waschen. Die wunden Stellen rieb er mit dem Waschlappen sehr vorsichtig ab, wobei er die Zähne zusammenbeißen musste: so sehr brannte es. Er zog sich selbst aus und schlüpfte ins Bett. Hier zog er die Bettdecke über den Kopf und weinte still vor sich hin, dachte verwirrt allerlei Dinge. Denn sein kleines Herz begriff nicht recht, warum man ihn so behandelt hatte. Es war, als wenn mit den körperlichen Verletzungen auch etwas Seelisches und Kindliches zerschlagen worden war. Sein Herz wandte sich einem Hass zu, der die Eltern voll traf und sie hätte töten können, wenn er nur die Kraft und Macht dazu gehabt hätte…

Der Schlaf erlöste ihn schließlich von diesen quälenden Gedanken.

Man hatte Judika zur Strafe ohne Abendbrot ins Bett geschickt. Das mag vermutlich der Grund gewesen sein, dass er nach kurzer Zeit erwachte. Er hörte seine Geschwister mit der Mutter reden, dazwischen das Klappern von Geschirr.

Georg lies seine Stimme vernehmen. “Zum Teufel”, sagte er, “Wann hört der Alte endlich mit der Sauferei auf?”

“Ich werde mir das Saufen auch angewöhnen”, meinte Dieter nun spöttisch und lachte danach anhaltend. “Was dem Papa recht ist, sollte mir eigentlich billig sein. Nicht einmal ins Bett gehen kann man und ruhig schlafen, weil man immer befürchten muss, dass er wie ein Elefant in der Nacht besoffen nach Hause kommt und wie ein wütendes Schaf blökt! Wenn ich besoffen zur Arbeit käme, man würde mich glattweg vom Pütt werfen! Stimmt ’s nicht, Georg?”

“Sicher, Dieter hat recht! Bei mir regt er sich auf, weil ich mal mit der Krause gesehen worden bin, und hält mir sittliche Vorträge über die junge Generation, während er selber sein Geld versäuft und verhurt. Die ganzen Leute der Umgebung sehen uns scheel an. Lange mache ich das nicht mehr mit, dann gehe ich meine eigenen Wege und nehme eine Zechenwohnung…”

“Recht hast Du, Georg”, meinte Dieter. “Vater ist auch sicher nicht mehr lange bei der Firma Polier. Die werfen ihn sicher bald raus, pass mal auf!”

Die Mutter und die Mädchen schwiegen bedrückt. Frau Regiez schien gar nicht hinzuhören, was die beiden Ältesten sprachen. Sie war wütend auf ihren Mann, wütend auf alles - auf die ganze Welt, das ganze Leben, auf alle Menschen, wütend sogar und besonders auf sich selbst.

Sie sagte: “Wir müssen es tragen, Kinder. Was sollen wir sonst machen? Wir sind auf Vater angewiesen. Georg und Dieter verdienen viel zu wenig, um unsere Familie ernähren zu können. Wenn dem nicht so wäre, hätte ich längst die Scheidung eingereicht.”

Alle schliefen schon in der Familie Regiez. Selbst die Mutter. Nur der Vater war noch nicht da. Es war 2.00 Uhr in der Nacht, als er nach Hause torkelte, stockbetrunken und singend, nein, gröhlend näherte er sich dem Hause der Familie Regiez. Er hatte jenen Zustand der Trunkenheit erreicht, in dem ein jähzorniger Mensch seinem Jähzorn freien Lauf ließ. Mit 350 DM in der Tasche war er losgegangen; jetzt hatte er noch knapp 50 DM. Er war in jenem Dämmerzustand, in dem ein Mensch zwar etwas tat oder sprach, aber nicht wusste, was er sprach. Er murmelte vor sich hin, einmal fluchend, dann weinerlich, grinsend, dann wieder rülpsend.

Verfluchte Scheiße!” grölte er laut, als er über einen Stein stolperte. An einem der Häuser blieb er stehen und schlug murmelnd sein Wasser ab. Dann fing er gröhlend an zu singen. Es waren allerlei ordinäre Sachen, die er zusammenhanglos in die Nacht hinaus brüllte. Als das Haus in Sicht war, fing er noch lauter an zu gröhlen;,, “Nach Hause, nach Hause, nach Hause geht’s noch nicht, bei Regiez brennt noch Licht…” Dass natürlich kein Licht brannte, störte ihn nicht weiter.

Der Haupteingang des Hauses war verschlossen, so dass er sich von der Seite näherte. Aber auch hier war alles zu und der Schlüssel steckte von innen. Er versuchte es durch den Garten an der hinteren Tür Vergebens. Wieder ging er zur Seitentür, neben der die Schlafzimmerfenster lagen und schlug- nachdem er vergeblich gerappelt und geflucht hatte- mit den Fäusten vor die Tür: “Brigitte! Aufmachen! Los, mach schon auf… ”Bum-bum-bum” Du verfluchtes Miststück! Mach endlich die Tür auf, sonst schlage ich sie kurz und klein…”

Die Mutter war zwar aufgewacht durch den Lärm und zitterte vor Angst, rührte sich aber nicht. Judika und die Kinder waren ebenfalls aufgewacht und flüchteten alle in Mutters Schlafzimmer. Nur Georg und Dieter ließen sich nicht aus der Ruhe bringen. Georg ging aber doch in den Keller und holte die Lange Axt herauf, um sie zu verstecken; denn er kannte seinen Vater lange und gut genug…

“Ist der verrückt?” meinte Dieter. “Was sollen die Nachbarn denken? Unser Ruf wird immer besser…

Ein Bersten und Krachen an der Tür schnitt ihm die Worte ab. Der Betrunkene trat vor die Tür und war dabei, dieselbe raus zu treten. Dabei schimpfte und fluchte er so ordinär und schrecklich, dass einem angst und bange werden konnte.

Judika, Maria, Anne, Silvia und selbst Marianne fingen laut an zu weinen. Es krachte und splitterte. Dann gab es einen fürchterlichen Knall - und die Tür flog mitsamt Schloss aus den Angeln.

Torkelnd, fluchend und stolpernd wankte der Betrunkene in den Gang, stieß, fluchte, trat und schmiss alles zur Seite, was im Wege war und suchte den Lichtschalter. Als er ihn nicht fand, polterte er ins eheliche Schlafzimmer, wo die Kinder hinter der Mutter Zuflucht gesucht hatten. “Du verfluchte Hure!” Er stolperte auf die Mutter zu, die kreideweiß und zurückgewichen war. Er stolperte, fiel der Länge nach hin, raffte sich schimpfend und fluchend auf und stürzte sich mit entstelltem und verzerrten Gesicht auf seine Frau. Er schlug ihr die geballte Faust ins Gesicht, wieder und immer wieder. Sie schrie, stürzte zu Boden und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Er trat sie mit den schweren Schuhen, schlug wie wahnsinnig auf sie ein, riss an ihren Haaren, trat sie in den Bauch. Er schlug und trat noch weiter, als sie bereits ohnmächtig in ihrem Blute lag……..

“Wo ist das Beil! Wo ist das Beil!” schrie er wie von Sinnen. “Ich schlage sie tot, ich schlage sie alle tot…”

Die Kinder standen mit aufgerissenen Augen und sahen dem grausigem Schauspiel zu. Sie waren wie erstarrt. Die nackte Todesangst schaute aus ihren Augen. Sie hatten das Schreien vergessen und standen, am ganzen Leibe zitternd, da, unfähig sich zu rühren. Der Betrunkene schlug jetzt auf sie ein, trat und riss sie an den Haaren. Die Größeren flüchteten über die Betten nach vorn in die Küche. Judika hingegen bekam einen solchen fürchterlichen Schlag mit, dass er vor die Wand geschleudert wurde, mit dem Kopf davor schlug und liegen blieb.

Zum zweiten Male an diesem Tag wurde er zusammengeschlagen. Und wieder geschah es grundlos. Die Mutter lag noch immer im Blut wie tot da und rührte sich nicht. Der Betrunkene ging gröhlend in den Keller, um das Beil zu holen, das Georg versteckt hatte. Die Kinder waren ins Nachbarhaus zu den Großeltern geflüchtet.

Der Betrunkene fand das Beil nicht. Aus lauter Wurt darüber begann er die Möbel zu demolieren. Stühle und Tische zertrümmerte er. Geschirr und Scheiben zersplitterten. Den Wohnzimmerschrank schmiss er um. Etliche Gegenstände und Kleidung warf er einfach aus dem Fenster. Er wütete wie ein Wahnsinniger. Die Leute aus den Nachbarhäusern steckten die Köpfe aus dem Fenster und grinsten schadenfroh. Die Augen des Betrunkenen waren blutunterlaufen, sein Blick irr, und Schaum stand ihm vor dem Mund: Ein Tollwut geratener Mensch, der seinen Jähzorn losließ!

Georg und Dieter rannten zum Großvater nebenan und alarmierten diesen, damit er zur Hilfe seiner Tochter herbeieilen solle. Der Großvater Heinrich war zwar schon über 60 Jahre alt, aber noch groß und stark, wenn er auch bei dem nüchternen Schwiegersohn sicherlich keine Chance gehabt hätte. Großvater zog sich sofort an. “Immer diese verdammte Sauferei von ihm!” schimpfte er laut, während er in die graue Hose schlüpfte und Hosenträger überwarf. “Der bringt mir unsere Brigitte eines Tages noch um! Dann erwürge ich ihn mit meinen eigenen Händen! Kommt, Jungens! Wir nehmen am besten gleich etwas zur Hand, falls er uns auch anfällt!” Der Großvater ging mit ihnen zu dem hinteren Haus gelegenen Schuppen und ergriff eine Mistgabel. Georg und Dieter bekamen einen Holzscheit in die Hand gedrückt. Dann folgten beidem dem Großvater, der nun todesmutig ins Haus ging. Das taten sie durch die eingeschlagene Seitentür des Hauses.

Der Betrunkene ging noch immer torkelnd in der Küche umher und war dabei, die Schubladen herauszureißen. Die Eintretenden bemerkte er nicht. Der Großvater ging ohne zu zögern auf ihn zu, hob den Gabelstiel und knallte ihn auf den Kopf seines Schwiegersohnes. Der krachte zu Boden, inmitten der Scherben und zerschlagenen Gegenstände.

“So, das hätten wir hinter uns”, meinte der alte Mann danach. “Fasst mal mit an, wir wollen ihn aufs Sofa legen, da kann er seinen Rausch ausschlafen und morgen selbst sehen, was er alles angerichtet hat. Er Ihre Gedanken wanderten weiter zu Georg und Dieter, die ihr spärliches Geld sauer verdienen mussten. Die beiden gingen auch schon ihre eigenen Wege.

Georg hatte seine Bergmannslehre beendet; und der inzwischen 15jährige Dieter war in seine Fußstapfen getreten. Mit seinen knapp 19 Jahren hatte Georg ein Verhältnis mit einer in der Nähe wohnenden Frau namens Josephine Krause, die bereits 31 Jahre alt und zudem noch geschieden war. Auch hatte sie ein 7jähriges Kind zu versorgen. Der Teufel war losgewesen, als Vater und sie dahinter gekommen waren. Und auch jetzt herrschten die familiären Spannungen fort.

Sie strich sich über das krause Haar und musste plötzlich an die Jugendfürsorgerin. Frau Benz, denken, die beim Gorzberger Jugendamt tätig war. Am vergangenen Mittwoch war sie in den frühen Morgenstunden bei ihnen aufgekreuzt und hatte sich in Dinge zu mischen versucht, die nur der Familie etwas angingen. Wussten die auf dem Jugendamt also auch schon von der Trinkfreudigkeit ihres Mannes! Wie schnell sich doch alles herumsprach! Da war ja in der kommenden Zeit noch allerlei zu erwarten, da die Fürsorgerin von “Fürsorgeerziehung” für die Kinder gesprochen hatte. Frau Regiez sollte auch einmal beim Jugendamt vorsprechen. Das hatte sie allerdings bisher nicht getan, da sie nicht die geringste Lust dazu verspürte.

Marianne erschien mit ihrer Schulfreundin Carola Heck im Garten. “Mutti, sollen wir die Wäsche rein tragen?” Noch beim Sprechen fassten die beiden Mädchen den Korb und trugen Ihn ins Haus.

“Puh, ist der aber schwer!” stöhnte die blonde Carola. “Da kriegt man ja ‘nen heiligen Zahn, wenn man den einen Kilometer tragen müsste.”

“Das stärkt den Busen!” war Mariannes Entgegnung.

Beide lachten darüber und schauten gegenseitig zu jener Stelle, wo sich die ersten Schwellungen zeigten.

Judika kam ihnen entgegen, stellte sich breitbeinig in den Weg.

“Weg, Du Zwerg! Mach, dass Du Land gewinnst und störe keine großen Mädchen bei der Arbeit!” sagte Marianne spöttisch, aber lächelnd.

Er hob die Faust und schüttelte sie drohend gegen Marianne, die ihn nun sanft zur Seite schob. Er versuchte, von hinten auf den Korb zu klettern, als die beiden Mädchen vorbeigegangen waren.

Marianna wurde etwas böse: “Ich sag’s der Mama!” schrie sie ihn an.

Judika lachte, ließ sich aber wegschieben, streckte ihnen die Zunge hin und zeigte eine lange Nase. Er lief nun davon - der Mutter genau in die Arme.

“Hoppla, warum so eilig, kleiner Mann? Hast Du die Mädchen wieder geärgert? Aber Judika, so etwas macht man nicht! Mädchen muss man zuvorkommend und wie ein Kavalier behandeln!”

Er starrte sie verständnislos an, legte die kleine Stirn in Falten und schien angestrengt nachzudenken. Fragend sah er die Mutter an.

“Ach, Du”, meinte sie, “Wir haben es ja im Grunde beide sehr schwer. Nichts wird uns geschenkt. Werde erst einmal größer, dann wirst Du schon merken, was man im Leben alles leisten musst, wenn man es meistern will! Aber nun geh ins Wohnzimmer und lass die Mädchen in Ruhe!”

Er nickte, tat wie ihm geheißen.

‘Er ist gar nicht so übel!’ dachte die Mutter. ‘Vielleicht geht es ihm einmal besser als uns. Einer von uns allen müsste es doch bestimmt einmal schaffen…’

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An einem Samstag ging Herr Regiez mit Judika spazieren. Der 44jährige Mann trug einen grauen, schon älteren Anzug, hohe schwarze Schuhe und einen grünen Hut. Seine graublauen Augen blickten auf seinen kleinen Sohn, der eifrig plapperte und oft die Hand ausstreckte, um auf etwas zu zeigen, das seine kindliche Aufmerksamkeit geweckt hatte.

Gleich nach dem Kirchgang waren sie losgegangen. Die Mutter hatte dem Jungen einige Sachen angezogen, die man vom Pfarrer geschenkt bekommen hatte, so dass er frisch und unternehmungslustig aussah. Es war ein friedliches Bild, wie Vater und Sohn einträchtig am frühen Morgen durch die Frühlingslandschaft einhergingen. Sie waren hinter dem Haus durch die Wiese, am Fuße der Steinhalde entlanggegangen, hatten einen Bogen nach rechts geschlagen und die Ebertstrasse überquert. Sie gingen durch den Wald über die Eisenbahnschienen und befanden sich auf einem Feldweg, der beiderseits von Feldern und Wiesen umschlossen war, die sich unter der Frühlingssonne wohlig zu wandeln schienen. Leicht gingen sie dahin.

Über die Felder, die schon anfingen grün zu sprossen, dass es aussah wie eine aus grünen Speerspizen wogende Fläche, hoppelte dann und wann ein Hase oder ein Kaninchen. Manchmal flog vor ihrer Nase ein Rebhuhn auf und erschreckte sie. Sie kamen gerade an der Süggel vorbei: einem Bach, der mit Betonplatten an den Ufern eingefasst war. Hoch am Himmel kreiste geduldig ein Mäusebussard, zog seine kreisenden, weiten Bahnen, die immer enger in einer Spirale endeten. Dann blieb er mitten in der Luft stehen: leicht vibrierend an einer Stelle.

Die beiden Wanderer waren stehen geblieben und hatten das Treiben des Raubvogels beobachtet, der jetzt wie ein von der Sehne abgeschossener Pfeil nach unten - ohne den Erdboden zu berühren -, dann wieder nach oben schoss.

“Was macht der da?” fragte Judika seinen Vater. “Spielt er?”

Neugierig sah er ihn an.

Der Vater lachte, denn er war heute sehr guter Laune. Das kam relativ selten vor. “Nein, mein Lieber, der spielt nicht, sondern jagt nach Beute!”

“Ja, was macht er denn dann?” erkundigte sich der kleine Sohn treuherzig und verfolgte mit weit zurückgelegtem Kopf und großem Augen das Tun des Vogels, der nun damit begonnen hatte, seine weiten Kreise erneut zu ziehen.

“Er sucht sich sein Brot, weil er Hunger hat!” beantwortete der Vater seine Frage.

“Isst der denn auch Brot?”

“Nein, das nicht - jedenfalls nicht wie wir: er fängt sich kleines Getier, besonders die Feldmäuse, auf die er sich herunterstürzt, denn er hat messerscharfe Augen!”

“Frisst er sie lebendig?”

“Ach wo, nein! Er tötet sie mit seinem Schnabel, wenn es nicht vorher schon seine scharfen Krallen getan haben, die er in das Fell der Maus stößt, wenn er sich herunterstürzt.”

“Das ist aber grausig! Warum macht er die armen Mäuslein tot? Kann er nichts anderes essen? Brot - wie wir?”

“Das verstehst Du jetzt noch nicht! Aber später, wenn Du größer bist, wirst Du selber dahinter kommen. Dieser Vogel ist ein Raubtier…”

“Was ist ein Raubtier, Vater?” forschte er unbeirrt und unbefriedigt weiter.

“Ein Räuber unter den Tieren!”

“Aha…!”

Sie schwiegen und setzten ihren Weg fort.

Judika dachte angestrengt nach. Eigentlich fand er es reichlich komisch: immer wenn er begierig war, über einige Dinge genau Bescheid zu wissen, wenn er Fragen stellte, vertröstete man ihn damit, dass er das erst später verstehen könne, weil er jetzt noch so klein sei. Eigentlich war es ja Blödsinn mit diesem Vogel! Warum eine Maus auffressen? Das war doch umständlich. Brot täte es doch auch! Er hatte schon einige Mäuse gesehen und fand sie sehr niedlich. Er beschloss, beim nächsten Male ein Stück Brot für den Räuber mitzunehmen. Vielleicht würde er es annehmen.

Ein Kiebitz stolzierte mit seiner Haube nahe an ihnen vorbei. Judika versuchte ihn zu fangen, aber der listige Vogel ließ ihn ein Stück herankommen und flog dann lachend weg.

“Können die Vögel auch lachen?” wandte er sich seinem Vater zu.

Der Vater sah ihn zunächst erstaunt an, meinte dann aber: “Ich glaube schon; aber man sieht das nicht so genau, weil die Federn es verdecken. Manchmal kann man es aber recht deutlich hören!”

“Was ist da?” Judika zeigte aufgeregt auf einen großen schwarzen Vogel. “Der sieht aber böse aus!”

“Das ist eine Krähe!”

“Die ist aber dick! Sie hat bestimmt genug zu essen…

Und was ist das da?” Er zeigte auf eine gelbe Blume, die oben eine Glocke hatte. Sie stand am Grasrand inmitten von Moos und Klee.

“Sie heißen Narzissen, aber man nennt sie auch Osterglocken”, dozierte der Vater seinem Sohne vor. “Noch ein paar Tage, dann werden wir eine ganze Menge sehen. Es ist eigentlich erstaunlich, dass nicht schon mehrere blühen.”

Nach seinen Worten strich er Judika sanft über den Kopf. Der schrak zusammen. Solch eine Geste war er von seinem Vater nicht gewöhnt. Er war sehr erstaunt über den Vater, den er selten so aufgeräumt gesehen hatte wie an diesem Tage.-

Sie betraten den Bechauer-Wald. Ein Chor von gemischten Vogelstimmen scholl ihnen entgegen. Das junge Frühlingsgrün und der Duft frischen Mooses taten der Seele weh: sie verströmten - gleich den Empfindungen - verschwenderisch ihr Aroma. Eine Elster flog laut schimpfend davon, als sie sich einer schlanken Esche näherten. Ein Eichelhäher schüttelte betrübt den Kopf auf einem Ast von einer großen Eiche, weil er noch keine Eicheln an den kaum treibenden und knospenden Blättern und Ästen fand - er lachte dann selbst darüber, da er doch genau wusste, dass seine Zeit noch nicht gekommen war. Oben, in einer Buche, saß ein Kleiber und suchte verzweifelt nach Würmern, wobei er sich nicht von den beiden Zuschauern stören ließ. Missbilligend klopfte er mit seinem Schnabel die Rinde ab, rannte plötzlich kopfüber nach unten und äugte zu seinem Hasen hin, der durch den Wald flitzte. Auch der unsichtbare Kuckuck betätigte sich an dem allgemeinen Konzert und schmetterte unverdrossen sein dauernd sich wiederholendes Wort hinaus. Nur ein wirklich gewaltiger Sänger vor dem Herrn - Herr Buchfink - schwieg sich aus und saß mäuschenstill auf den unteren Ästen einer Fichte. Vielleicht war er noch frühjahrsmüde. Aus einer dichten Tannenspitze erscholl ein Knacken und Ästebrechen, ein Gurren und komisches Lachen von einer Wildtaube, die nun mit lautem Flügelschlag aus dem Baum flog. Zornig klopfte ein kleiner Grünspecht an eine junge Erle und piepte dabei wie zur Bestätigung und Anfeuerung seines Werkes. Die Finken ließen ihre wohlklingenden Stimmen ertönen; Amseln, Drosseln, selbst Stare und Goldhähnchen mischten sich zu einem Konzert mit Meisen, Rotkehlchen und Schnäppern. Selbst die frechen Spatzen hüpften schimpfend von Ast zu Ast und fristeten recht energisch ihr Parasitendasein.

Judika staunte, was es da in den Bäumen alles zu sehen gab. Aber noch mehr erstaunt war sein kindliches Gemüt darüber, dass der Vater ihm so viele Dinge zu erklären wusste. Das vermochte nach seinen bisherigen Erfahrungen sein Gemüt einfach nicht zu fassen.

Er hörte die Stimme des Vaters: “Schau mal, ein Eichhörnchen!” Der Vater hatte es nur eben geflüstert.

“Wo?”

“Da, unten an der großen Tanne - vor Dir!”

Judika sah in die angegebene Richtung. Er sah das Eichhörnchen, das auf seinen Hinterfüßen hockte, sich fleißig wusch und beleckte. “Oh, ist das aber putzig!” flüsterte er leise seinem Vater zu. “Ob man es fangen kann? So eins möchte ich gerne haben! Komm, lass uns mal ein bisschen näher gehen!”

Vorsichtig, jedes Brechen der auf dem Boden liegenden Äste vermeidend, bewegten sie sich auf den Baum zu. Aber kaum waren sie einige Schritte gegangen, hörte das Eichhörnchen mit seiner Beschäftigung auf, verharrte bewegungslos und sah zu ihnen herüber. Plötzlich verschwand es mit einem riesigen Satz wie der geölte Blitz und ließ die Zuschauer verdutzt stehen.

“Schade!” rief Judika aus.

Sie gingen weiter, durchquerten den Wald und kamen bei einer Brücke heraus, die über die Süggel führte. Links von der Brücke führte ein Feldweg durch Wiesen und Felder. Sie gingen diesen entlang, stießen bald auf die Borsingerstraße, die durch eine teilweise noch zerbombte Siedlung führte. Wenig später sahen sie Gorzberg vor sich liegen. Sie machten einen Bummel durch die Straßen der Stadt. Noch sah man in den Schaufenstern die Armut der Nachkriegsjahre schimmern. Es gab aber auch schon wieder solche herrlichen Dinge, dass es Judika manchmal ganz wehmutsvoll ums Herz wurde und er schlucken musste, wie wenn ein Knödel in seinem Halse säße.

Sie trafen einige Bekannte, Arbeitskollegen des Vaters, Kameraden aus Judikas Kindergarten. Auch der Pastor kreuze ihren Weg, als sie an der katholischen Kirche vorbeikamen. Vater und der Pastor wechselten einige Worte über die allgemein schwierige Lage der Familien in Gorzberg, die alle wenig zu essen hatten. Man sprach über die Pakete aus Amerika, die ja immerhin ein kleiner Lichtblick wären. Schließlich nahm der Pastor den Vater noch beiseite und redete leise auf ihn ein, wobei der Vater ab und zu bejahend und verneinend den Kopf schüttelte. Dann ging man seines Weges.

Es war 13.00 Uhr. Um 12.00 Uhr hätten sie eigentlich schon wieder daheim sein sollen. Die Mutter wartete bestimmt schon mit dem Essen auf sie. Judikas Magen knurrte auch schon, wenn er nur daran dachte. Er zupfte den Vater ein wenig schüchtern am Ärmel. “Sollen wir nicht jetzt nach Hause gehen? Mama wird schon auf uns warten. Ich habe auch Hunger!”

“Ja, ja, gleich! Wir wollen nur noch mal kurz nach Kuhlhuber reingehen und etwas trinken!”

Judikas Gesicht verzog sich ängstlich. Er wusste, was das bedeutete. Kuhlhubers hatten eine Wirtschaft, und der Vater ging dort immer hin, wenn er seinen Lohn vertrank. Es war sozusagen seine Stammkneipe. Er wusste, dass aus dem “Gleich” etliche Stunden, ja die halbe Nacht werden konnte. “Vater, können wir nicht doch…”

Aber als er das fest entschlossene, jetzt sogar unwillige Gesicht des Vaters sah, das sich ihm zugewandt hatte, brachte er seinen Satz nicht zu Ende, sondern hielt erschrocken inne, obwohl er hatte sagen wollen, dass sie doch lieber zurückgehen sollten. Er war ja auch noch zu schwach und klein, um entscheidend auf des Vaters Entschlüsse einwirken zu können.

Der Vater sah ihn fragend an: ”Was ist denn, Judika?” forschte er.

“Ach, nichts, Vater! Ich habe nur so einen großen Hunger!”

“Wir werden heute einmal im Lokal essen. Bei Kuhlhubers gibt es immer leckere Sachen…”

“Und Mutter? Sie wartet doch auf uns!” versuchte Judika noch einmal schwach einzuhaken.

“Wir bleiben ja nicht lange. Mutter kann dann etwas sparen”, meinte der Vater, obgleich er den Widerspruch in seinen Worten deutlich spürte. Denn andererseits musste er ja auch das Geld für die Gedecke und Getränke ausgeben. Wahrscheinlich weit mehr, als seine Frau ausgeben würde.

Mittlerweile tauchte die Wirtschaft vor ihnen auf. Sie lag am Markt. Dort angekommen, stiegen sie die Stufen hinauf, gingen durch die Tür, schoben den braunen Vorhang zur Seite und traten ein.

Etwa 50 Leute waren anwesend. Dichter Zigarettenrauch lag in der Luft und roch nach kalt gewordener Kohlenasche. Man schien den Vater hier zu kennen, denn er wurde von allen Seiten begrüßt. Sie gingen zur Theke, hinter der ein glatzköpfiger Wirt stand, der sehr dick war und flink die Gläser füllte. Seine Frau brachte die mit Bier gefüllten Gläser den Gästen. Links befand sich ein Billardtisch. Direkt daneben ein alter Spielautomat an der Wand.

Sie gingen zum Tresen. Der Vater steckte dem dicken Wirt die Hand hin. “Tag, Fritz! Wir sind vom vielen Wandern müde und hungrig geworden und wollen eine kleine Pause hier einlegen. Hast Du für mich und meinem Sohn noch eine Kleinigkeit zu Essen? - Ah, da ist ja auch Deine Frau! Tag Annegret! Wie üblich: Du bist in vollem Einsatz.”

“Ich muss, ich muss!” antwortete eifrig die Wirtin. “Es ist schön, Judika, dass Du uns auch mal wieder besuchen kommst!”

Nach diesem Worten fasste sie ihn am Arm. Böse riss er sich los. Ihm war das peinlich, ja sogar höchst widerlich, wenn fremde Leute ihn berührten. Was hatte er mit ihnen denn zu schaffen?

Der Vater steckte sich eine Zigarette an, bestellte zweimal ein Mittagessen, für sich einen Korn und ein Bier und für Judika eine Limonade sowie eine Tafel Schokolade. Sie setzten sich danach an einen runden Tisch, der nahe der Tür stand. Das Essen wurde gebracht. Man aß schweigend.

Als sie gegessen hatten und Judika den Vater daran erinnerte, dass man nun langsam heimgehen müsse, vertröstete ihn dieser ein ums andere Mal. Aus einem Bier und Schnaps wurden zwei, dann drei - vier - fünf - sechs… An ein Aufhören schien der Vater nicht zu denken. Stunde um Stunde verrann. Wenn Judika etwas sagte, wurde der Vater zornig. Ihm wurde daher immer ängstlicher und unheimlicher zumute. Sein Herz schlug vor Angst heftiger. Er traute sich auch nicht, ohne die Erlaubnis des Vaters einfach wegzugehen. Denn er kannte seinen Zorn und fürchtete sich sehr davor. So blieb er sitzen, obwohl es ihm das Herz abschnürte, wenn er den inzwischen betrunken gewordenen Vater sah. Mit dem für ein Kind untrüglichen Instinkt ahnte er, dass so etwas nicht gut enden konnte. Mit Schrecken dachte an die Rückkehr, bei der sicherlich die Brocken wieder fliegen würden…

Langsam wurde Judika müde vom Qualm und der stickigen Luft. Längst war es Abend geworden. Er sah den Vater an. Der dachte nicht daran, aufzuhören, sondern bestellte immer neu eine Lage Schnaps oder Bier für sich. Bekannte setzten sich zu ihnen. Es wurde gelacht und gegröhlt. Man schmiss Runden. Auch der Vater beteiligte sich daran, da er kein Spielverderber sein wollte.

Der Vorgang an der Tür wurde unvermittelt zur Seite geschoben. Judikas älteste Schwester kam herein. Suchend sah sie sich um und entdeckte bald den Vater und ihren Bruder an dem runden Tisch. Etwas zögernd steuerte sie darauf zu. Judika war wohl der einzige, der sich über ihr Kommen freute, das konnte sie ihm deutlich ansehen. Der Vater war schon so betrunken, dass er sie zunächst gar nicht bemerkte. Gerade lachte er fürchterlich über einen Witz, den jemand am Tisch erzählt hatte.

Marianne trat auf ihn zu. “Vati! Du sollst nach Hause kommen!” Sie fasste ihn bei diesen Worten leicht am Arm. “Mutti hat mich geschickt! Wir warten schon alle auf Dich…”

Der Vater stieß ihren Arm fort. “Lass mich, Du blöde Gans! Sage Deiner Mutter, ich bleibe so lange hier, wie ich Lust dazu verspüre… so lange, wie es mir passt - basta! Hast Du gehört?”

“Mutter schimpft schon!” sagte Marianne nun mit weinerliche Stimme. “Ich soll Dich unbedingt mitbringen!”

“Lass… Lass sie nur schimpfen…, das schadet nichts! Wenn sie mich haben will, soll sie mich selber holen… hahaha, das ist wirklich gut… Ja, soll sie mich holen…” Er trank den Schnaps und das Bier in einem Zuge aus und bestellte sich eine neue Lage. “Ein Glas Wein noch dabei!” grölte er. “Für meine große Tochter!”

“Nein, ich mag nicht!” sagte das Mädchen bestimmt. Es lief davon, kam aber bald darauf zurück und meinte: “Dann lass wenigstens Judika mit nach Hause gehen! Er schläft ja jetzt schon ein und muss ins Bett.”

“Er bleibt hier!” brüllte der Vater jetzt. “Noch habe ich in meiner Familie zu sagen! Verschwinde endlich, sonst mache ich Dir Beine!”

Er machte Anstalten aufzustehen. Marianne ging mit gesenktem Kopf hinaus, Tränen der Verzweiflung in den Augen, mit einem roten Gesicht, in dem Peinlichkeit stand.

Judiak war erbost. Er wurde schließlich immer müder und schlief plötzlich ein.-

Er wurde dadurch geweckt, dass Silvia in der Kneipe erschien. Die Mutter hatte wohl gedacht, Vaters Liebling könnte der Sauferei am ehesten ein Ende bereiten.

“Vati, komm doch endlich heim!” bat Silvia.

Er schaute sie mit trüben Augen an. “Komm her, mein …Kind -, ich komme bald!!”

Silvia kam ängstlich näher und ließ sich vom Vater heranziehen.

Sie weinte.

Der Vater schlug mit der Faust auf den Tisch. Es schallte durch den ganzen Raum. Gläser hüpften hoch, eins fiel zu Boden und zersprang. Seine heisere Stimme brüllte: “Seht Euch… die… Kleine an! Das… ist meine… Tochter! Ist… sie… nicht einfach hübsch?”

Ein unbändiges Gelächter erhob sich bei seinen Saufkumpanen.

“Vater! Kommst Du? Ach bitte, komm doch mit nach Hause! Wir haben alle eine solche Angst…”

“Waas? A… ngst…habt Ihr? Vor… vor mir?”

“Dann nehme ich Judika mit, ja?”

Der Vater drehte sich schwerfällig um und sah auf Judika, der dabei war, erneut einzuschlafen. Die Knie hatte er angezogen und den Kopf darauf gelegt. “Und so… etwas nennt sich mein… Sohn! Mein… ha, mein eigenes Fleisch… und Blut! Nimm… ihn mit, damit er… ins Bett… kann! Und sage… der… Mutter…, dass ich auch… bald… nach Hause… komme, hast… Du gehört?” Wie zur Bestätigung seiner Worte ließ er einen lauten Rülpser folgen.

Silvia stieß Judika an. “Komm, wir gehen heim, Du Schlafmütze! Hier ist es nicht gut für Dich.”

Er stand auf und folgte Silvia, die ihn an der Hand nahm. Beim Gehen rieb er sich immer wieder die Augen, die ihm schrecklich weh taten.

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Sie kamen daheim an. Die Mutter machte ein sehr böses Gesicht. “Warum bist Du nicht zum Mittagessen heimgekommen?”

“Papa ließ mich nicht weg!” Er schluckte.

“Faule Ausreden!” Die Stimme der Mutter gewann an Schärfe und Gereiztheit. “Du hättest ja einfach weglaufen können.”

Er schwieg trotzig.

Plötzlich erfasste die Mutter eine unbändige Wurt. Sie schlug Judika mit aller Kraft ins Gesicht - einmal, zweimal, dreimal…

Judika hatte die kleinen Arme schützend vor das Gesicht gehalten und fing an laut zu weinen. Das Blut schoss ihm aus der Nase; die Lippe war aufgerissen. Wimmernd lag er auf dem Boden.

“Das hast Du nun für Deine frechen Antworten! Los! Verschwinde! Wasch Dir das Maul, aber dalli, sonst bekommst Du es noch ganz anders!” Sie griff nach diesen Worten zum Stocheisen, das am Herd hing, und trat drohend auf ihn zu.-

Judika erhob sich mühsam. Jäckchen und Hose waren voller Blut. Ein Zahn lag im Blut auf dem Wohnzimmerboden. Das Hemd war am Kragen zerrissen. Er wankte mühsam in die Küche, leise vor sich hinwimmernd. Seine kleine Seele war völlig aus den Fugen geraten. Was hatte er getan, verbrochen? Wenn das Schlagen wenigstens gerechtfertigt gewesen wäre! Aber so - völlig ohne Grund… Wäre er dem Vater davongelaufen, hätte dieser ihn verprügelt. Wie ungerecht doch die Großen waren. Er fand es ausgesprochen feige, dass sie sich an ihm vergriffen, obwohl er so klein war und sich deshalb nicht zu helfen vermochte. Wie konnte man ihn schlagen, weil er angeblich freche Antworten gegeben hatte, wenn er schweigend seinen Unwillen demonstriert hatte? Ob er einfach weglaufen sollte, weit weg, wo ihn niemand mehr hauen würde? Aber er war noch so klein, würde überall auffallen. Vielleicht sollte er sich das Leben nehmen? Ja, vielleicht sollte er einfach in den Teich springen, der sich hinter dem Haus auf der Wiese befand, und ertrinken. Aber nein! Ihm grauste bei diesem Gedanken…

Die Lippe tat ihm weh. Er fühlte mit seinem Zeigefinger der rechten Hand in die Lücke, die der ausgeschlagene Zahn hinterlassen hatte, und zog die blutige Fingerspitze wieder zurück. Die Backe brannte; er hatte arge Kopfschmerzen und spuckte mit Blut vermischten Speichel aus…

“Judika!” erscholl die Stimme der Mutter. “Mach endlich voran! Ins Bett mit Dir! Wie lange klüngelst Du denn noch da herum? Muss ich erst kommen und Dir helfen!”

Er schrak aus seinen Gedanken ausgesprochen verstört auf und begann sogleich damit, behutsam und unbeholfen sich zu waschen. Die wunden Stellen rieb er mit dem Waschlappen sehr vorsichtig ab, wobei er die Zähne zusammenbeißen musste: so sehr brannte es. Er zog sich selbst aus und schlüpfte ins Bett. Hier zog er die Bettdecke über den Kopf und weinte still vor sich hin, dachte verwirrt allerlei Dinge. Denn sein kleines Herz begriff nicht recht, warum man ihn so behandelt hatte. Es war, als wenn mit den körperlichen Verletzungen auch etwas Seelisches und Kindliches zerschlagen worden war. Sein Herz wandte sich einem Hass zu, der die Eltern voll traf und sie hätte töten können, wenn er nur die Kraft und Macht dazu gehabt hätte…

Der Schlaf erlöste ihn schließlich von diesen quälenden Gedanken.

Man hatte Judika zur Strafe ohne Abendbrot ins Bett geschickt. Das mag vermutlich der Grund gewesen sein, dass er nach kurzer Zeit erwachte. Er hörte seine Geschwister mit der Mutter reden, dazwischen das Klappern von Geschirr.

Georg lies seine Stimme vernehmen. “Zum Teufel”, sagte er, “Wann hört der Alte endlich mit der Sauferei auf?”

“Ich werde mir das Saufen auch angewöhnen”, meinte Dieter nun spöttisch und lachte danach anhaltend. “Was dem Papa recht ist, sollte mir eigentlich billig sein. Nicht einmal ins Bett gehen kann man und ruhig schlafen, weil man immer befürchten muss, dass er wie ein Elefant in der Nacht besoffen nach Hause kommt und wie ein wütendes Schaf blökt! Wenn ich besoffen zur Arbeit käme, man würde mich glattweg vom Pütt werfen! Stimmt ’s nicht, Georg?”

“Sicher, Dieter hat recht! Bei mir regt er sich auf, weil ich mal mit der Krause gesehen worden bin, und hält mir sittliche Vorträge über die junge Generation, während er selber sein Geld versäuft und verhurt. Die ganzen Leute der Umgebung sehen uns scheel an. Lange mache ich das nicht mehr mit, dann gehe ich meine eigenen Wege und nehme eine Zechenwohnung…”

“Recht hast Du, Georg”, meinte Dieter. “Vater ist auch sicher nicht mehr lange bei der Firma Polier. Die werfen ihn sicher bald raus, pass mal auf!”

Die Mutter und die Mädchen schwiegen bedrückt. Frau Regiez schien gar nicht hinzuhören, was die beiden Ältesten sprachen. Sie war wütend auf ihren Mann, wütend auf alles - auf die ganze Welt, das ganze Leben, auf alle Menschen, wütend sogar und besonders auf sich selbst.

Sie sagte: “Wir müssen es tragen, Kinder. Was sollen wir sonst machen? Wir sind auf Vater angewiesen. Georg und Dieter verdienen viel zu wenig, um unsere Familie ernähren zu können. Wenn dem nicht so wäre, hätte ich längst die Scheidung eingereicht.”

Alle schliefen schon in der Familie Regiez. Selbst die Mutter. Nur der Vater war noch nicht da. Es war 2.00 Uhr in der Nacht, als er nach Hause torkelte, stockbetrunken und singend, nein, gröhlend näherte er sich dem Hause der Familie Regiez. Er hatte jenen Zustand der Trunkenheit erreicht, in dem ein jähzorniger Mensch seinem Jähzorn freien Lauf ließ. Mit 350 DM in der Tasche war er losgegangen; jetzt hatte er noch knapp 50 DM. Er war in jenem Dämmerzustand, in dem ein Mensch zwar etwas tat oder sprach, aber nicht wusste, was er sprach. Er murmelte vor sich hin, einmal fluchend, dann weinerlich, grinsend, dann wieder rülpsend.

Verfluchte Scheiße!” grölte er laut, als er über einen Stein stolperte. An einem der Häuser blieb er stehen und schlug murmelnd sein Wasser ab. Dann fing er gröhlend an zu singen. Es waren allerlei ordinäre Sachen, die er zusammenhanglos in die Nacht hinaus brüllte. Als das Haus in Sicht war, fing er noch lauter an zu gröhlen;,, “Nach Hause, nach Hause, nach Hause geht’s noch nicht, bei Regiez brennt noch Licht…” Dass natürlich kein Licht brannte, störte ihn nicht weiter.

Der Haupteingang des Hauses war verschlossen, so dass er sich von der Seite näherte. Aber auch hier war alles zu und der Schlüssel steckte von innen. Er versuchte es durch den Garten an der hinteren Tür Vergebens. Wieder ging er zur Seitentür, neben der die Schlafzimmerfenster lagen und schlug- nachdem er vergeblich gerappelt und geflucht hatte- mit den Fäusten vor die Tür: “Brigitte! Aufmachen! Los, mach schon auf… ”Bum-bum-bum” Du verfluchtes Miststück! Mach endlich die Tür auf, sonst schlage ich sie kurz und klein…”

Die Mutter war zwar aufgewacht durch den Lärm und zitterte vor Angst, rührte sich aber nicht. Judika und die Kinder waren ebenfalls aufgewacht und flüchteten alle in Mutters Schlafzimmer. Nur Georg und Dieter ließen sich nicht aus der Ruhe bringen. Georg ging aber doch in den Keller und holte die Lange Axt herauf, um sie zu verstecken; denn er kannte seinen Vater lange und gut genug…

“Ist der verrückt?” meinte Dieter. “Was sollen die Nachbarn denken? Unser Ruf wird immer besser…

Ein Bersten und Krachen an der Tür schnitt ihm die Worte ab. Der Betrunkene trat vor die Tür und war dabei, dieselbe raus zu treten. Dabei schimpfte und fluchte er so ordinär und schrecklich, dass einem angst und bange werden konnte.

Judika, Maria, Anne, Silvia und selbst Marianne fingen laut an zu weinen. Es krachte und splitterte. Dann gab es einen fürchterlichen Knall - und die Tür flog mitsamt Schloss aus den Angeln.

Torkelnd, fluchend und stolpernd wankte der Betrunkene in den Gang, stieß, fluchte, trat und schmiss alles zur Seite, was im Wege war und suchte den Lichtschalter. Als er ihn nicht fand, polterte er ins eheliche Schlafzimmer, wo die Kinder hinter der Mutter Zuflucht gesucht hatten. “Du verfluchte Hure!” Er stolperte auf die Mutter zu, die kreideweiß und zurückgewichen war. Er stolperte, fiel der Länge nach hin, raffte sich schimpfend und fluchend auf und stürzte sich mit entstelltem und verzerrten Gesicht auf seine Frau. Er schlug ihr die geballte Faust ins Gesicht, wieder und immer wieder. Sie schrie, stürzte zu Boden und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Er trat sie mit den schweren Schuhen, schlug wie wahnsinnig auf sie ein, riss an ihren Haaren, trat sie in den Bauch. Er schlug und trat noch weiter, als sie bereits ohnmächtig in ihrem Blute lag……..

“Wo ist das Beil! Wo ist das Beil!” schrie er wie von Sinnen. “Ich schlage sie tot, ich schlage sie alle tot…”

Die Kinder standen mit aufgerissenen Augen und sahen dem grausigem Schauspiel zu. Sie waren wie erstarrt. Die nackte Todesangst schaute aus ihren Augen. Sie hatten das Schreien vergessen und standen, am ganzen Leibe zitternd, da, unfähig sich zu rühren. Der Betrunkene schlug jetzt auf sie ein, trat und riss sie an den Haaren. Die Größeren flüchteten über die Betten nach vorn in die Küche. Judika hingegen bekam einen solchen fürchterlichen Schlag mit, dass er vor die Wand geschleudert wurde, mit dem Kopf davor schlug und liegen blieb.

Zum zweiten Male an diesem Tag wurde er zusammengeschlagen. Und wieder geschah es grundlos. Die Mutter lag noch immer im Blut wie tot da und rührte sich nicht. Der Betrunkene ging gröhlend in den Keller, um das Beil zu holen, das Georg versteckt hatte. Die Kinder waren ins Nachbarhaus zu den Großeltern geflüchtet.

Der Betrunkene fand das Beil nicht. Aus lauter Wurt darüber begann er die Möbel zu demolieren. Stühle und Tische zertrümmerte er. Geschirr und Scheiben zersplitterten. Den Wohnzimmerschrank schmiss er um. Etliche Gegenstände und Kleidung warf er einfach aus dem Fenster. Er wütete wie ein Wahnsinniger. Die Leute aus den Nachbarhäusern steckten die Köpfe aus dem Fenster und grinsten schadenfroh. Die Augen des Betrunkenen waren blutunterlaufen, sein Blick irr, und Schaum stand ihm vor dem Mund: Ein Tollwut geratener Mensch, der seinen Jähzorn losließ!

Georg und Dieter rannten zum Großvater nebenan und alarmierten diesen, damit er zur Hilfe seiner Tochter herbeieilen solle. Der Großvater Heinrich war zwar schon über 60 Jahre alt, aber noch groß und stark, wenn er auch bei dem nüchternen Schwiegersohn sicherlich keine Chance gehabt hätte. Großvater zog sich sofort an. “Immer diese verdammte Sauferei von ihm!” schimpfte er laut, während er in die graue Hose schlüpfte und Hosenträger überwarf. “Der bringt mir unsere Brigitte eines Tages noch um! Dann erwürge ich ihn mit meinen eigenen Händen! Kommt, Jungens! Wir nehmen am besten gleich etwas zur Hand, falls er uns auch anfällt!” Der Großvater ging mit ihnen zu dem hinteren Haus gelegenen Schuppen und ergriff eine Mistgabel. Georg und Dieter bekamen einen Holzscheit in die Hand gedrückt. Dann folgten beidem dem Großvater, der nun todesmutig ins Haus ging. Das taten sie durch die eingeschlagene Seitentür des Hauses.

Der Betrunkene ging noch immer torkelnd in der Küche umher und war dabei, die Schubladen herauszureißen. Die Eintretenden bemerkte er nicht. Der Großvater ging ohne zu zögern auf ihn zu, hob den Gabelstiel und knallte ihn auf den Kopf seines Schwiegersohnes. Der krachte zu Boden, inmitten der Scherben und zerschlagenen Gegenstände.

“So, das hätten wir hinter uns”, meinte der alte Mann danach. “Fasst mal mit an, wir wollen ihn aufs Sofa legen, da kann er seinen Rausch ausschlafen und morgen selbst sehen, was er alles angerichtet hat. Er wird sich wundern, wenn er wieder nüchtern ist und die Bescherung bemerkt… Jetzt wollen wir aber mal nach der Mutter und nach Judika sehen. Hoffentlich hat der tolle Sack sie nicht ernstlich verletzt - dann schlage ich ihn tot!”

Nach dieser Drohung ging er mit den beiden Jungen ins Schlafzimmer. Dort fanden sie die Mutter im Blut liegen. Sie versuchte mit Not sich aufzurichten. Es gelang ihr nicht. Großvater fluchte fürchterlich. Man legte die Mutter aufs Bett.

Judika, der leise stöhnte, legte man daneben.

“Los, Georg, geh schnell ’rüber zur Oma! Sie soll Dr. Renzel anrufen - es sei dringend!”

Georg verschwand. Bald kam der Arzt und versorgte Mutter und Sohn. Besonders um die Mutter stand es schlimm. Der Arzt schüttelte immer wieder den Kopf, als er hörte, was vorgefallen war, und meinte, am besten sei der Vater in einer Heilanstalt aufgehoben.

Die Kinder blieben für diese Nacht bei der Großmutter. Georg und Dieter schliefen in dem Zimmer der Mädchen. Großvater aber saß mit seiner Mistgabel am Bett der Mutter und hielt die nächtliche Wache.

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Judika konnte nach zwei Wochen wieder aufstehen; die Mutter musste einen ganzen Monat im Bett verbleiben. Marianne und Großmutter übernahmen den Haushalt. Die Kinder schlichen bedrückt durch die Gegend. Der Vater war schweigsamer denn je. Die Fürsorgerin Benz erschien, denn der Arzt hatte dem Jugendamt Mitteilung gemacht. Das Wort “Fürsorgeerziehung” war auch wieder gefallen.

wird sich wundern, wenn er wieder nüchtern ist und die Bescherung bemerkt… Jetzt wollen wir aber mal nach der Mutter und nach Judika sehen. Hoffentlich hat der tolle Sack sie nicht ernstlich verletzt - dann schlage ich ihn tot!”

Nach dieser Drohung ging er mit den beiden Jungen ins Schlafzimmer. Dort fanden sie die Mutter im Blut liegen. Sie versuchte mit Not sich aufzurichten. Es gelang ihr nicht. Großvater fluchte fürchterlich. Man legte die Mutter aufs Bett.

Judika, der leise stöhnte, legte man daneben.

“Los, Georg, geh schnell ’rüber zur Oma! Sie soll Dr. Renzel anrufen - es sei dringend!”

Georg verschwand. Bald kam der Arzt und versorgte Mutter und Sohn. Besonders um die Mutter stand es schlimm. Der Arzt schüttelte immer wieder den Kopf, als er hörte, was vorgefallen war, und meinte, am besten sei der Vater in einer Heilanstalt aufgehoben.

Die Kinder blieben für diese Nacht bei der Großmutter. Georg und Dieter schliefen in dem Zimmer der Mädchen. Großvater aber saß mit seiner Mistgabel am Bett der Mutter und hielt die nächtliche Wache.

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Judika konnte nach zwei Wochen wieder aufstehen; die Mutter musste einen ganzen Monat im Bett verbleiben. Marianne und Großmutter übernahmen den Haushalt. Die Kinder schlichen bedrückt durch die Gegend. Der Vater war schweigsamer denn je. Die Fürsorgerin Benz erschien, denn der Arzt hatte dem Jugendamt Mitteilung gemacht. Das Wort “Fürsorgeerziehung” war auch wieder gefallen.

Judika ging in den Kindergarten. Er hörte dort sehr viele Märchen. Er fand es seltsam, dass in diesen Märchen alles immer gut ausging. Außerdem fand er, dass die Großmutter weit schöner Märchen erzählen konnte, dazu brauchte sie auch kein Buch. Eines Tages beobachtete er einen dicken Spatz, der an ihm vorbeihüpfte, in hohen, weiten Sprüngen. ‘Man müsste ein Vogel sein!’ dachte er. ‘Dann könnte man einfach wegfliegen, wenn man geschlagen werden soll. Die Beine sind ja doch viel zu langsam, um dem Leid zu entfliehen…’ In den letzten Wochen war es kaum auszuhalten gewesen: alles in der Familie war so düster und unüberschaubar!

In der letzten Zeit war Judika sehr still geworden und sehr einsam. Oh ja, auch er hatte Spielgefährten. Da waren Jürgen, Hans und Helmut. Aber sie waren sehr ruppig. Gern spielte er mit der kleinen Christine Müller, die still und lieb war. Oft war er sehr verwundert, wenn er sah, wie die anderen Kinder von den Müttern abgeholt wurden nach Beendigung des Kindergartens. Dann wurde er traurig und neidisch. Denn wie küssten und herzten zuweilen die Mütter ihre Kinder! Auch er sehnte sich nach solchen Zärtlichkeiten, die er nie bekam. Desto stärker wurde aber die Sehnsucht danach in ihm. Er war scheu und schämte sich, wenn der Großvater ihn an der Backe mit dem Schnurrbart kitzelte, wenn die Großmutter ihn zu liebkosten versuchte. Er schämte sich, weil er es nicht kannte. Er konnte nicht mit ansehen, wenn ein schwächeres Kind durch ein stärkeres verprügelt wurde. Dann ging er fast immer hin und haute mit seinen kleinen Fäusten einfach dazwischen, versuchte ernstlich, die Streithähne zu trennen.

Im Kindergarten kam Helmut Schawaller angelaufen und sagte zu ihm: “Du, kommst Du heute Nachmittag einmal zu uns? Wir haben auf dem Hof ein Flugzeug gebaut, mit Decken und einigen Hölzern! Sieht prima aus. Hans und Jürgen kommen auch. Meine Schwestern werden auch mitspielen. Du darfst auch einmal damit fliegen, wenn Du kommst.”

“Ich weiß nicht, Helmut, ob ich kommen kann. Jetzt kann ich das noch nicht sagen…”

“Aber unser Tausch geschieht doch noch, nicht wahr?” fragte der Junge ihn besorgt.

“Ja”, meinte Judika bestimmt und strich sich übers Haar, “dabei bleibt es! Ich bringe Dir das Schiff in den nächsten Tagen mit. Halte Du nur die Eisenbahn bereit!”

Judika hatte einmal ein wunderschönes großes Segelschiff bekommen, mit großen, weißen Segeln. Ein Arbeitskollege des Vaters hatte es gemacht. Als der Vater einmal guter Laune war, hatte er es Judika geschenkt. Er hatte sich sehr darüber gefreut. Sein ganzer Stolz war es immer gewesen. Aber infolge des immer schlimmer werdenden Verhaltens des Vater konnte sich der Junge nicht mehr daran erfreuen: es war, als wenn sich das Verhalten aufs Schiff abgefärbt hätte. So hatte er auch gleich zugestimmt, als sein Spielgefährte eines Tages den Vorschlag machte, er solle ihm das Schiff geben und würde dafür eine aufziehbare Eisenbahn mit Anhängern und Schienen bekommen.

Nachmittags ging er in den Garten. Die Katze hatte Junge bekommen. Die Kätzchen spielten gerade miteinander. Es waren 16 Uhr. Die Katzenmutter lag faul in der Sonne. Er streichelte sie. Sie schnurrte dankbar. Schließlich nahm er die vier Kätzchen in den Sandkasten und spielte mit ihnen. Er nahm eine, hielt sie an seine Wange. “Miez… Miez… Miez!” lockte er und freute sich, wenn sie miaute. Die wohlige Wärme des Katzenfells tat ihm ausgesprochen gut. Solche kleinen Dinge konnten ihn für Minuten und Stunden einiges vergessen lassen und glücklich machen. Tiere waren nicht böse, sie taten ihm nicht ungerecht weh. Deshalb liebte er sie auch.

Ihm kam eine Idee. Er nahm eine kleine Schubkarre und legte die kleinen Katzen hinein, fuhr mit ihnen durch den Garten spazieren. Die Schubkarre war nicht gerade leicht. Er schob die Karre deshalb mit breiten Beinen vor sich her. Plötzlich konnte er die Karre nicht mehr halten. Sie kippte um. Mit ihr die vier Katzen. Judika war sehr erschrocken und stieß einen kleinen Schrei aus…

Ein Kätzchen war unter die Karre gekommen und lag nun zuckend mit seinem kleinen Leib im Blut. Es versuchte, sich aufzurichten, sah mit traurigen und schmerzvollen Augen Judika an und miaute kläglich. Judika weinte. Das Herz tat ihm weh. Er konnte nicht schlucken. Ein Stein lag auf seiner Brust. Was sollte er machen? Wie sollte er dem kleinen Kätzchen helfen? Zu allem Unglück kam auch noch die Katzenmutter herbeigelaufen, als sie das klägliche Miauen ihres Kindes hörte. Sie leckte es und ließ dabei ihr trauriges “Miau” hören, ging ein Stück weg, miaute wieder, lockte - aber das Kleine konnte nicht folgen. Die anderen Kätzchen versuchten, es zum Spielen aufzufordern. Unvermittelt ging ein Zucken durch den Leib, es streckte sich und lag dann still. Die Keinen blieben stehen, ebenfalls die Katzenmutter: als spürten sie die Nähe des Todes.

“Ach Mieze”, sagte Judika vor sich hin, “und ich habe das verschuldet!” Tränen rannen ihm an der Backe herunter.

Die große Katze sah ihn mit vorwurfsvollen Augen an - als wollte sie sagen: ‘Du bist ein Mensch und hast nicht einmal auf mein unschuldiges Kind aufpassen können? Ich hätte das viel besser gekonnt! Mir wäre das nicht passiert.’

Weil Judika vor Prügel sich fürchtete, begrub er das Kätzchen im Garten mit seiner Spielschüppe und war den ganzen Tag traurig. Sein Gewissen ließ ihm keine Ruhe. Ans Spielen dachte er nun nicht mehr.

Er ging ins Haus, wusch sich und zog sich um. Danach ging er ins Wohnzimmer. Dort saß die Mutter. Neben ihr ein Mann, der ihm völlig fremd war. Judika hatte ihn noch nie gesehen. Auf dem Tisch vor ihnen stand eine Flasche Schnaps.

 Judika! Komm mal her!” rief die Mutter.

“Zögernd ging er näher. Sie fasste ihn am Arm. “Gib dem Onkel mal die Hand und sag ihm guten Tag!” forderte sie ihn auf.

Er setzte wieder sein trotziges Gesicht auf und versteckte seine rechte Hand hinter dem Rücken. ‘Was will der hier?’ dachte er.

‘Ich mag ihn nicht! Der sieht ganz doof aus! Was hat er eigentlich hier zu suchen?’

“Judika!” Die Mutter war aufgestanden. “Willst Du jetzt wohl anständig sein!”

“Lass nur, Brigitte!” sagte der fremde Mann. “Er ist ja noch klein und dumm und versteht sowieso nichts davon. Wir wollen uns von ihm nicht alles verderben lassen.”

Judika sah, dass der Mann den Arm um die Schultern der Mutter gelegt hatte. Ihr Rock war hochgezogen. Die prallen und weißen Schenkel der Mutter waren deutlich sichtbar. ‘Komisch’, dachte er wieder, ‘das macht doch sonnst nur der Vater, den Arm um die Mutter legen oder sie zu küssen, wenn ich mit ihnen im Bett liege… Was macht der nun da?’

Nun flüsterte der Mann der Mutter etwas ins Ohr und legte seine Hand auf das rechte entblößte Knie der Mutter.

“Nun geh schön spielen!” sagte die Mutter, als sie sah, dass er auf die Hand starrte, die auf ihrem Knie ruhte. “Nun geh schon, mein Lieber!”

Er ging wieder hinaus in den Garten und versuchte, im Sandkasten zu spiele, hatte aber keine rechte Lust dazu, weil er an die Katze und den fremden Mann bei der Mutter denken musste. Lustlos schob er schließlich seine Spielsachen zur Seite und legte die kleine Stirn in Falten. Gewiss, er war noch klein und verstand vieles nicht; aber er spürte eine Gefahr, etwas Geheimnisvolles, etwas, was an sich nicht besonders gut war. Was es genau war, vermochte er nicht herauszubekommen. Aber irgendetwas ging da nicht richtig. Nein, es ließ ihm keine Ruhe! Er musste einmal heimlich nachschauen, was bei der Mutter geschah, was der Kerl bei ihr wollte. Vielleicht würde er der Mutter etwas antun? Oder sollte er es sein lassen? Es endete immer böse, wenn man die Erwachsenen störte, ihnen falsch in die Quere kam! Sein Herz schlug heftig, und er wurde von seinem Gewissen arg gepeinigt: sollte oder sollte er nicht? Man konnte erwischt werden. Dann würde man ihn wieder verprügeln… ‘Nein, ich mache es nicht!’ dachte er und wandte sich lustlos seinen Spielen zu.

Aber nach einer Weile stand er doch auf und wanderte im Garten umher. Diese Heimlichtuerei! Er wusste zwar nicht, warum, aber dass da eine Heimlichkeit vor sich ging, das ahnte er doch. “Ich werde doch mal heimlich nachschauen. Man kann ja ein Spielzeug vergessen haben!” -

Er ging von hinten ins Haus ‘rein. Sein Herz schlug nun noch heftiger, und das Gewissen ängstigte ihn. Tat er etwas Verbotenes? Vorsichtig schlich er durch die Rumpelkammer und das elterliche Schlafzimmer, drückte langsam die Klinke des Kühlraumes herunter. Er ging durch die drei folgenden Zimmer und hielt vor der Wohnzimmertür an. Nun hörte er die Stimme der Mutter recht deutlich:

"Lass das, Egon, nicht hier und jetzt, sondern ein andermal! Es könnte eins von den Kindern kommen und uns überraschen. Judika, Silvia und Maria werden wohl kaum begreifen, was wir machen, aber wenn Marianne und Anne, meine Eltern auftauchen und uns knutschen sehen würden, wäre der Teufel hier los. Mein Alter würde total verrückt spielen. So aber kann ich noch immer sagen, dass ich Dich von früher kenne. Meine Eltern werden das bestätigen können. Dass wir früher mal was hatten und uns vor Monaten wieder getroffen haben, braucht ja niemand zu wissen…” Sie lachten beide, wie wenn sie sich gegenseitig kitzeln würden, ohne die geringsten Hemmungen.

‘Was mag das sein, Knutschen?’ dachte Judika und hielt sein Ohr nahe ans Schlüsselloch gepresst, denn nun meldete sich der Mann, den die Mutter mit Egon angesprochen hatte:

“Keine Angst, mein Schatz! Dein Alter - meinst Du, der würde nicht fremdgehen? Er geht doch auch seine eigenen Wege, versäuft und verhurt das Geld. Außerdem kenne ich Dich viel länger…”

“Lass das bloß nicht den Alten hören!” antwortete die Mutter und kicherte verhalten. “Nicht, Egon! Tu Deine Hand da weg… Au! Du tust mir weh…!” Sie lachte erneut.

Angestrengt und neugierig sah Judika durch das Schlüsselloch.

Die Mutter saß noch immer auf dem Sofa, aber gegen den Mann gelehnt. Der Rock war noch höher gerutscht: die Strumpfhalter und das nackte, matt glänzende Fleisch waren zu sehen. Der Mann hatte seine Hand zwischen ihren Beinen und versuchte, da etwas zu machen. Was es war, konnte Judika nicht sehen. Beide küssten sich. Die Bluse der Mutter war weit offen, und der Mann fuhr oft mit seiner Hand dort hinein, fummelte darin herum - wild, unbeherrscht, derweil die Mutter lachte… Aber was machte denn die Mutter da mit ihrer Hand an der Hose des fremden Mannes, da, wo Judika sein Männchen hängen hatte? Ob sie ihm ans Männchen ging…?

Am meisten wunderte er sich über das Gesicht der Mutter. Nie hatte er es so fröhlich, so unbeschwert und ausgelassen erlebt! Warum war sie in der Familie zu ihnen nicht so? Ob das mit dem Männchen zusammen hing? Aber er hatte doch auch ein Männchen - und trotzdem war sie oft so böse und zornig zu ihm, schlug und schimpfte fürchterlich. Da stimmte etwas nicht! Angst und bange wurde ihm. Er fror plötzlich, schämte sich seiner Mutter und schlich heimlich aus dem Haus, wobei er den selben Weg zurück ging, den er gekommen war. Sehr nachdenklich ging er durch den Garten, hockte sich an dem Passeng hin, in dem einige Goldfische schwammen. Davon hatte er bald genug. Er ging über die Wiese, betrat den dahinter liegenden Wald. Auch hier strolchte er nicht lange herum, sondern begab sich bald zurück, um seine Großeltern zu besuchen.

“Das ist schön, dass Du kommst!” empfing ihn die Großmutter. Sie war eine große, schlanke Frau. Die Haare hatte sie zu einem Knoten zusammengebunden, der schwer im Nacken lag. Sie trug einen langen Kittel und war ihrer Tochter sehr ähnlich. Auch ihre Augen waren braun. Nur die Nase war etwas hakenförmig. Sie war gerade dabei, die Messingschalen zu putzen. Judika hatte immer wieder seinen Spaß an diese kleinen Kännchen, Tiere und Schalen, die unter dem Wohnzimmerschrank hingen und wunderbar glänzten. Sie waren der ganze stolz der Großmutter.

“Darf ich mal, Omi?” Er streckte die Hand nach dem Putzlappen aus.

“Warte, ich hole Dir einen Stuhl herbei”, meinte die Großmutter, damit Judika an die Messingbehälter herankommen konnte. Eifrig machte er sich sodann ans Werk. Großmutter war die einigste, die ihn sehr lieb hatte. Großvater war zwar auch sehr lieb, konnte aber auch sehr jähzornig werden, wie der Vater - besonders, wenn man ihn zu ärgern versuchte.

“Wo ist Großvater eigentlich, Omi?”

“Er ist vorhin in den Garten gegangen. Schau einmal, was er dort macht”, sagte die Großmutter lächelnd. “Aber ärgere ihn nicht, hörst Du!”

“Ich werde ganz lieb sein!”

“So ist’s recht! Geh nur!”

Der Großvater stand gebückt im Garten und pflanzte Gemüse. Eine Schnur hatte er gespannt und setzte die selbst gesäten Pflanzen. Er kam aus der gebückten Stellung hoch, als er Judika gewahrte.

“Was machst Du da, Großvater?”

“Ich setze Gemüse, damit wir etwas zum Essen haben!” Er fuhr in seiner Beschäftigung fort. Judika sah ihm schweigend zu.

Nach einer Weile: “Darf ich mithelfen?”

“Nein, nein, mein Sohn, sie müssen genau gesetzt sein - da kannst Du mir jetzt nicht helfen.”

Judika dachte daran, wie oft der Großvater schon auf ihn wütend gewesen war, weil er in seinem Garten stibitzt hatte. Dann fluchte der gottesfürchtige Mann fürchterlich und warf die Forke hinter ihm her. Trotzdem war Großvater ein herrlicher Mann, besonders deshalb, weil er in seinem Schuppen allerlei Krimskrams hatte.

Silvia holte ihn zum Abendessen. Er musste wieder an die Mutter und den fremden Mann denken. Die anderen saßen schon bei Tisch. Er wusch sich die Hände und setzte sich zu den anderen. Das Essen war spärlich. Sie aßen schweigend. Er sah die Mutter heimlich an. Ihr Gesicht war wie eh und je. Nur der Vater schien heute sehr aufgeräumt zu sein und meinte nach Tisch: “Ihr könnte Mühle oder Mensch-ärgere-dich-nicht spielen! Der jeweilige Gewinner bekommt von mir 10 Pfennig.”

Die Kinder jubelten. Nur Georg und Dieter zuckten geringschätzig mit den Schultern. Sie nahmen sich das Mühlespiel vor. Marianne, Anne, Silvia und Maria spielten Mensch-ärgere-dich-nicht. Der Vater machte es sich mit der Zeitung bequem. Judika schaute den Geschwistern zu. Bald war es sehr laut in der Wohnung.

“Oha! Du hast gefuscht, Maria! Ich habe es genau gesehen. Du hast eine Drei gehabt und hast fünf gezählt… Hör auf damit!” Es war Marianne, die sich so erregte.

“Stimmt nicht! Stimmt nicht… bäh!” sagte Maria darauf.

“Sie hat auch nicht gemogelt! Du spinnst, Marianne, willst nur gewinnen!”

Marianne sprang auf und zog Anne, die das gesagt hatte, an den Haaren.

“Aua, Du Miststück! Du Biest! Du Aas… Da…!”

Und Anne fegte sämtliche Spielpuppen vom Tisch.-

Alle schimpften nun laut und krochen unter den Tisch, um die Puppen zu suchen.

“Hört doch mal mit dem verdammten Krach auf!” brüllte nun Georg von der anderen Seite her. “Da kann ja keine Sau sich konzentrieren. Der Blitz soll Euch alle…”

“Beim Pissen treffen!” vollendete Dieter den Satz für seinen Bruder.

“Ihr Ferkel!” schrie Marianne zurück.

“Eber bitte, ja, gnädiges Fräulein!” meinte Dieter.

“Ferkel!”

Die beiden großen Jungen lachten.

Nun mischte sich der Vater ein: “Wollt Ihr wohl ruhig sein, ihr Bande! Sonst muss ich meinen Riemen nehmen.”

“Was anderes kannst Du auch nicht!” maulte Georg.

Man spielte weiter. Die Mutter hatte das Grammephon angestellt und strickte.

Judika musste ins Bett und trollte sich davon. Manchmal sang er vor dem Einschlafen ein Lied. Aber heute hatte er keine Lust dazu. In den letzten Monaten kam es immer wieder vor, dass er von Alpträumen geplagt wurde. In der Regel träumte er merkwürdigerweise stets die gleichen schrecklichen Dinge:

Im Traum sah er einen Kürbis, der weit weg zu sein schien und sich recht klein ausnahm. Der Kürbis fing an zu rollen, auf ihn zu, wurde immer größer und schneller - im Traum sah es aus, als würde er so groß werden wie ein riesiges Haus und größer.. Stets erwachte er an der gleichen Stelle des Traumes: wenn der Kürbis ihn zu überrollen drohte. Er erwachte schreiend und klitschenass, sprang voller Angst aus dem Bett und rannte weinend ins Wohnzimmer. Man legte ihn dann zu Marianne ins Bett, bis er ruhig eingeschlafen war. Später trug man ihn wieder nach hinten.

Diesmal hatte er sonderbarerweise keinen Alptraum, obwohl er sich beim Zubettgehen ganz besonders davor gefürchtet hatte.

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Man schrieb das Jahr 1950. Noch immer machten sich die Nachkriegsjahre bemerkbar. Die Leute in Gorzberg stahlen Kohlen und Kartoffeln. Die Familie Regiez ebenfalls. Kardinal Frings hatte gerade den Begriff “fringsen” geprägt, jene Bezeichnung, die einen Diebstahl der sich in Not befindenden Christen als “Notwehr” und nicht als sündhaft umschrieb. Frau Regiez hatte eine Schwester in Brasilien, die Pakete schickte. Aber diese Pakete waren der Tropfen auf dem heißen Stein bei einer so großen Familie.

Es schien eine Weile, als habe der Vater sich gefangen, denn er trank wenig. Die Firma beförderte ihn sogar zum “Oberpolier”. Dann fiel er in das alte Laster zurück, schlimmer als vorher. Das Geld wurde mit Huren im Bordell verprasst und in Schnaps umgesetzt. Als Oberpolier hatte er 800,-- DM verdient. Jetzt warf man ihn hinaus. Er musste sich eine neue Stelle suchen. Da selten Geld vorhanden war, ging es der Familie immer schlechter. Es kam so weit, dass die Kinder oft gar nicht zur Schule gehen konnten, weil sie einfach nichts zu essen hatten und hungern mussten. Die Familie Regiez war mittlerweile so verrufen, dass die ganze Umgebung sie mied und sich über sie das Maul zerriss.

Auch die Mutter war noch tiefer abgesackt, trank nun selbst, schlug die Kinder immer häufiger ohne Grund mit allem, was ihr gerade in die Hand geriet. Sie hatte Verhältnisse mit fremden Männern, stieg mit ihnen ins Bett und verdingte sich als Dirne. Sie kümmerte sich immer weniger um die Kinder, ließ sie verschlampen und verkommen. Zeitweilig trieb sie es zu gleicher Zeit mit drei Männern. Ein vierter - ein korpulenter 45 jähriger Schneidermeister namens Jürgen Plenske kam in der letzten Zeit noch hinzu. Mit dem Maurer Egon Pelzer hatte sie es schon ein halbes Jahr. Karl Großmann - ein ehemaliger 53jähriger Oberst - ging bei der Familie Regiez auch ein und aus, wenn der Vater nicht daheim war. Schließlich war da noch ein Mann namens Otto Seifer. Er war verheiratet, 49 Jahre alt und Vater einer Tochter sowie dreier Söhne. Dieser Mann tat immer so, als sei er mit der Mutter verheiratet. Sie alle waren Stammkunden bei der Mutter.

Das Jugendamt in Gorzberg hatte sich wiederholt eingeschaltet, und selbst das zuständige Vormundschaftsgericht hatte die Eltern vorgeladen. Es lag etwas in der Luft, das niemand aus der Familie recht zu deuten wusste, aber es verursachte jenes Unbehagen, das ein Leben empfindlich stören kann.

Inzwischen war Judika als I-Männchen in die Reuter-Schule gekommen. Zunächst war ihm das nicht recht gewesen, sein gewohntes Leben aufzugeben. Aber auch daran gewöhnte er sich mit der Zeit. Judika rauchte bereits heimlich mit dem Jungen von der Familie Werfel, die bei den Großeltern als Mieter wohnten. Peter war ein Jahr jünger als Judika und hatte noch zwei Schwestern, die Zwillinge und in Silvias Alter waren. Sie hießen Jutta und Margret. Zum Rauchen hatte er mit Peter ein besonderes Versteck in der Nähe der Steinhalde gefunden. Hier schmökten sie “Overstolz”, “Golddoller”, “Juno”, “Eckstein” oder Güldenring. Die Hauptsache dabei war, dass es ordentlich qualmte. Hatte man gerade nichts zum Rauchen, nahm man eine Eichel, höhlte sie aus, steckte einen Strohalm hinein und füllte die mit trockenem Laub, das man dann rauchte. Judika konnte auch bald mit den Schleuderbüchsen umgehen: sie bestanden aus großen Konservendosen, in denen man Löcher gemacht hatte. Zu beiden Seiten der Büchse befestigte man stabile Drähte, damit man sie heftig im Kreise schleudern konnte. In die Büchse legte man Laub, Teer oder Qualm verursachende und lange brennende Gegenstände. Durch das Schleudern hielt man die Glut wach. Judika hatte es dabei bald zu einem Meister gebracht.

Judika wurde zusehens frecher, prügelte sich mit seinen Schulkameraden in der Schule, so dass ihm oft die großen Schwestern helfen mussten. Einmal prügelte er sich mit einem anderen Jungen und haute ihm eins auf die Nase. Nach der Schule wollten ihn gleich mehrere verhauen. Judika gehorchte seinem gesunden Menschenverstand und wich der deutlichen Übermacht. Fast die halbe Schulklasse rannte nach der Schule hinter ihm her. Er flüchtete durch die Felder und Wiesen. Auf einer Wiese stolperte er über einen dünnen, umgestürzten Zaunpfahl, kam wieder hoch, nahm den Pfahl vom Boden auf und lief damit drohend seinen Verfolgern entgegen. Diese nahmen Reißaus - und er jagte sie bis zur Straße zurück.

Es gab aber auch Dinge, die man ihm zuschrieb, die er aber gar nicht begangen hatte. Einige von seinen Spielgefährten hatten eines Nachmittags die 5jährige Rosemarie Kaschera, die ansonsten Judikas Räuberbraut beim Räuberhauptmannspielen war, zum Spielen in den Wald mitgenommen. Man hatte am Bahndamm Räuber gespielt. Zu diesem Zeitpunkt saß Judika daheim und machte seine Schularbeiten. Seine Kameraden hatten das Mädchen an den Marterpfahl gebunden und über ihr das Urteil gesprochen. Natürlich war das alles nur kindliches Spiel. Der Haken dabei war nur, dass die “kindlichen Richter” ein sehr kurioses Urteil fällten. Einer von ihnen kam auf die absonderliche Idee, die gefangene Räuberbraut zu einer “Poverfärbung” zu verurteilen. Das geschah dann auch. Rosemarie hatte nicht dagegen einzuwenden und zog ihr Höschen aus und streckte selbst ihren Po dem Urteilsvollstrecker ergeben. Dieser hatte rotes, sich abfärbendes Seidenpapier, das er mit Spucke anfeuchtete. Dann rieb er Rosemaries Po damit ein… Rosemarie selbst schien das nicht ungern gehabt zu haben, wie man später Judika erzählte. Am Abend freilich erschien der Vater von Rosemarie bei Judikas Eltern und erzählte diesem wütend von der “hinterlichen Geschichte”. Er erwähnte dabei, dass es Judika gewesen wäre. Und der Vater hatte ihn fürchterlich mit seinem Maurerriemen verprügelt. Nun verstand er die Welt erst recht nicht mehr ob solcher Ungerechtigkeit.

Ein andermal hatte man einer Kuh ein Euter angeschnitten und Frösche mit einem Strohhalm aufgeblasen. Wieder sollte Judika es gewesen sein, obwohl er Stein und Bein schwor, nichts damit zu tun gehabt zu haben. Er machte zwar allerlei mit, war aber ein ausgesprochen großer Tierfreund. Sie hatten daheim selber Kaninchen, Hühner und eine Gans. Selbst die Stichlinge fing er nie mit einem Angelhaken. Er machte sich selbst eine Angel aus einer Weiderute, an der er einen Zwirnfaden befestigte. An dem Faden brachte er einen Korken an. Er suchte sich Würmer, knotete sie an und fing damit Fische, Feuersalamander oder auch Frösche. Oder er fischte mit einem Damenstrumpf: den er oben an den Schenkeln ein Stück abschnitt und die untere Öffnung zuband. Das offene Ende befestigte er so an einen langen Stock, das es offen blieb. Mit diesem provisorischen Netz ging er dann fischen. Die Fische und Salamander pflegte er in Einmachgläser zu tun, die er dann im Wohnzimmer aufstellte. Auch das Fischfutter fischte er selbst aus dem Teich. Tiere mochte er gern. Menschen gegenüber aber wurde er immer ruppiger.

Judikas Großmutter starb. Bei der Beerdigung ging es recht feierlich zu. Zum ersten Male kam er mit dem Tod in Berührung, fand aber nichts Sonderliches dabei, obwohl er die Großmutter sehr geliebt hatte und sie ihm immer zu essen gegeben hatte.

In der Schule machte Judika Fortschritte. Allerdings war seine Führung ausgesprochen schlecht.

Er entdeckte eines Tages wissentlich seinen Körper und wurde sehr neugierig. Bald hatte er entdeckt, dass die Schwestern und anderen Mädchen unten kein “Männchen” hatten, sondern etwas anderes. Was es war, wusste er nicht genau zu sagen. Er grübelte noch darüber nach. Es kamen jene Episoden, die ihn beunruhigen, da er keine Antwort auf die sich selbst gestellten Fragen fand.

Er wurde eines Tages von der Mutter gebadet. Das taten entweder die Mutter oder Marianne. Man hatte ihn ausgezogen, und er stand nackt in der Zinkwanne. Die Mutter war dabei, ihn einzuseifen.

“Du hast aber ein schönes Pipimännchen!” sagte sie, als sie seine Genitalien säuberte. “Ich könnte mich direkt in dein Männchen und Säckchen verlieben! Es sieht ja auch wirklich zum Anbeißen aus!”

Judika lachte. “Hast Du etwas anderes dort?”

Die Mutter lachte nun ebenfalls. Und Judika wusste nicht recht, warum die Mutter lachte. Er fragte: “Warum lachst Du denn so, Mama?”

“Alle Mädchen haben dort etwas anderes als die Jungen! Da kommst Du schon dahinter!” Sie tätschelte sein Männchen und lachte erneut.

Als Judika einmal in Georgs Jackentasche nach Zigaretten sucht, um heimlich zu qualmen, fand er eine kleine Schachtel, auf der “Blausiegel” stand. Er machte sie auf und fand darin “so komische Dinger”, die wie zusammengefaltete Luftballons aussahen. Er versuchte sie aufzublasen, und es klappte sogar. Vier von den “Dingern” nahm er heraus. Drei gab er seinen Spielgefährten, eins behielt er selbst. Sie liefen damit durch Gorzberg und hatten sie aufgeblasen. Er wunderte sich, weil die Leute alle so dumm guckten. Manche lachten, andere blickten böse, und einige Frauen schimpften. Beim Abendessen holte er seinen “Ballon” aus der Tasche:

“Seht mal, was ich hier für einen komischen Luftballon habe!”

Nach seinen Worten blies er ihn aus Leibeskräften lang auf.

Vater und Mutter, Dieter und Marianne sahen sich verdutzt an, lachten laut. Nur Georg war still und hatte einen Kopf wie eine Tomate bekommen.

“Du Dreckskerl”, sagte er zu Judika, “hast Du wieder in meinen Taschen herumgeschnüffelt?!”

“Schmeiß das sofort weg!” meinte der Vater noch immer lachend.

“Das ist nichts zum Aufblasen!”

Warum es nicht zum Aufblasen war, sagte ihm allerdings niemand.

An einem Wochenende hatte er eine Nacht bei Dieter geschlafen und mit diesem gespielt. Dieter hatte ihm befohlen, an seinem Männchen etwas zu machen. Judika war erstaunt, wie groß Dieters Männchen war. Er sagte: “Das ist aber groß! Bekomme ich auch einmal so ein großes?”

“Bestimmt!” sagte Dieter und richtete sich im Bett etwas auf.

“Willst Du mal meinen Pillemann etwas streicheln? Wenn Du das tust, wird er noch viel größer.”

Judika streichelte Dieters Männchen, beinahe ehrfürchtig. “Warum muss man ihn streicheln?” wollte er von Dieter wissen.

“Ja, weißt Du - hm -, dann freut er sich und reckt sich, wird groß, da ihm wohlig wird. Er wird dann ganz lang und steif!”

“Komisch!” entgegnete Judika. “Das habe ich noch gar nicht gewusst.”

“Du weißt vieles noch nicht, mein Kleiner.”

“Ist das immer so?”

“Freilich. Nein, warte mal! Du streichelst ihn falsch! Gib mal Deine Hand her! Ich zeige Dir mal, wie Du ihn anfassen und streicheln musst… So! ja, ein bisschen schneller…, und fester drücken… Mehr oben, nicht so weit unten…!”

Dieter wurde immer aufgeregter und japste immer lauter, wurde immer unruhiger. Plötzlich stöhnte er tief auf… Judika erschrak und hielt inne, zog die Hand eilig zurück. Etwas Nasses, Klebriges traf seine Hand. Es war ganz warm.

“Hast Du Pipi gemacht?” fragte er Dieter.

“I wo!” meinte dieser. “Nur bin ich jetzt müde geworden und möchte schlafen.”

Nach diesen Worten drehte er sich um und schlief bald darauf ein.

“Eigenartig!” sagte Judika zu sich selbst. “Hier riecht es aber seltsam!” Er wischte seine Hand an der Bettdecke ab und versuchte dann ebenfalls einzuschlafen. Das gelang ihm nicht. Er musste noch lange über dieses seltsame Ereignis nachdenken…

Noch drohender empfand er jenes Ereignis, dass er einige Monate später erlebte und kennenlernte:

Er hatte seinen Mittagsschlaf gehalten und war wach geworden aus irgendeinem Grund. Da sah er etwas, das ihn schier entsetzte. Nackt lag die Mutter mit dem Oberst im Bett und ließ sich streicheln, küssen und befummeln. Später machte er Bilder von der nackten Mutter. Sie benahm sich dabei höchst seltsam und machte allerlei Verrenkungen: mal bückte sie sich nach vorn, zeigte ihren Po, ging in die Hocke, spreizte die Beine, streckte die Brust heraus… Judika hörte den Oberst sagen: “Dein Pimpf kapiert das sowieso nicht, was wir hier machen! Dazu ist er noch zu klein!”

Judika verstand tatsächlich nicht alles, ahnte aber das Verruchte und Heimliche an der Sache - und fing an, laut zu weinen. Als er damit nicht aufhörte, kam die Mutter herbei, nackt wie sie war, und er bezog nun fürchterliche Prügel, wurde gezwungen, seinen Kopf unter die Bettdecke zu stecken….

Später, als der Oberst weg war, zerrte ihn die Mutter aus dem Bett, schleifte ihn an den Haaren in die Küche und verprügelte ihn mit dem Stocheisen derart, dass er noch wochenlang Schmerzen hatte. In solchen Augenblicken wurde die Mutter zur Furie, die wahllos auf das Kind einschlug, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, was sie gerade in der Hand hatte und welchen Körperteil des Kindes sie traf.

Judika, der ein sehr sensibles Wesen war, vergaß solche Episoden nie.

Die Eltern lebten sich immer mehr auseinander. Niemand kümmerte sich so recht um die Kinder. Der Vater war kaum noch nüchtern. Daheim war er selten. Er ging seinen eigenen Weg, trieb sich mit Frauen aus der Umgebung herum. Das war mittlerweile in ganz Gorzberg bekannt. Die Mutter stand ihm nicht nach und schleppte immer wieder neue Männer ins Haus. Das Haus schien eher für fremde Männer geeignet zu sein als für die eigenen Kinder.

Die Abgründe der menschlichen Natur wurden für Judika sichtbar, ohne dass er sie recht zu verstehen vermochte. Die Kinder waren immer mehr auf sich selbst angewiesen. Schließlich kam es sogar dazu, dass sie sich die Nahrung selber besorgen mussten. Kaum verging ein Tag, an dem ein Erlebnis Judika nicht aufgerüttelt hätte. Das Jugendamt schaltete sich immer öfter ein.

Judika wurde immer verstörter: er lachte äußerlich und weinte innerlich. - Er wurde gezwungen so zu leben, wie er gar nicht leben wollte.

Prügelknabe 2