2. Teil
Der Krach entstand an einem Mittwochabend. Es war wegen Georg. Dieser hatte vor, sich mit Irmgard Breuer zu verloben. Er kam von der Zeche und sagte einfach beim Abendbrot zu seinen Eltern und Geschwistern: “Sonntag werde ich mich mit Irmgard verloben!”
Das hatte gesessen! Zunächst sagte niemand etwas. Vater und Mutter schauten sehr verdutzt drein. Dann sagte der Vater zunächst ruhig: “Das kommt aber sehr plötzlich!” Er sah Georg an. “Willst Du nicht noch etwas warten?”
“Ich habe die Nase voll!” sagte Georg sehr bestimmt.
“Was heißt hier: die Nase voll?”
“Dass ich sie eben voll habe!”
Der Vater war perplex und meinte: “Noch bin ich Dein Vater und habe zu sagen!”
“Ja, ja, ich weiß das nur zu gut…”
“Hast Du Dir das gut überlegt?”
“Da gibt es nichts zu überlegen! Wir haben schon lange beschlossen, einmal zu heiraten. Ich bin das ewige Hin und Her satt. Kaum hat man hier richtig zu essen. Immer muss die Nachkriegszeit als Entschuldigung herhalten. Dauernd seid Ihr nicht im Hause… Ich möchte selbständig werden und eine eigene Familie gründen. Alt genug bin ich jetzt dazu, dass ich weiß, was ich machen muss!”
“Muss denn das sofort sein?” fragte die Mutter. “Gerade jetzt, wo es uns allen so schlecht geht?”
“Wessen Verschulden ist denn das?” fragte Georg ironisch. “Doch nicht unser Verschulden. Also: es muss ein!”
Das Abendbrot war beendet und man zerstreute sich. Dieter folgte Georg ins Schlafzimmer, sagte dort: “Ich werd’ verrückt! Sag bloß, Du willst Dich tatsächlich verloben, Georg?”
“Sicher werde ich das!” sagte Georg bestimmt. “Glaubst Du, ich mache den ganzen Zinnober noch weiter hier mit! Sieh mal, Dieter, Dir kann ich es ja sagen, denn wir haben uns ja immer gut verstanden, schon von Kindesbeinen an. Ich habe mit der Zechenleitung gesprochen. Diese hat mir gesagt, sie würde mir eine Wohnung zur Verfügung stellen, wenn ich einmal heiraten solltee. Ich habe mich mit Irmgard schon abgesprochen und werde…”
“Meinst Du, dass sie für das ganze Leben zu Dir halten wird? Ich finde sie ja nicht schlecht, aber mein Typ wäre sie nicht. Sie ist mir ein bisschen zu dick…”
“Dick?” unterbrach ihn Georg ein wenig verblüfft und verzog die Lippen nach unten.
“Na ja”, meinte Dieter abschwächend, “nicht gerade dick, aber… jedenfalls ist sie etwas korpulent, dass musst Du doch vor allen Dingen gemerkt haben. Ich für meine Person würde ja eine Gerte vorziehen.”
“Die Molligen sind manchmal die besten Hausfrauen und die treuesten Mütterchen”, warf Georg ein, dem das Gespräch peinlich zu werden begann.
Sie schwiegen eine Weile.
Dann ließ sich Dieter wieder vernehmen: “Gehste nachher mit am Bahndamm Kohlen klauen?”
Eigentlich habe ich gar keine Lust dazu, Dieter! Die Eltern lassen uns stets die Kastanien aus dem Feuer holen. Sie aber gehen nie selbst los. Was ist, wenn sie uns einmal erwischen? Dann sind wir reif!”
“Mensch!” Dieter machte eine etwas unwillige Handbewegung, rollte mit den Augen. “Ganz Gorzberg klaut Kohlen und Kartoffeln bei den Bauern - wir müssen übrigens auch noch Kartoffeln klauen gehen. Etwas muss man ja tun, um nicht vor die Hunde zu gehen. Ob wir Judika nicht mitnehmen sollen? Er könnte uns helfen und aufpassen, dass man uns nicht erwischt.”
“Wenn die Eltern kein Theater darum machen, soll es mir nur recht sein!”
Dieter ging zu den Eltern. Er traf nur die Mutter im Wohnzimmer an. Der Vater war weggegangen. Wohin, das wusste niemand zu sagen. Er sagte zur Mutter: “Wir wollen jetzt Kohlen und Kartoffeln holen. Könnten wir Judika mitnehmen? Zum Buddeln und Aufpassen wird er gewiss zu gebrauchen sein. Dann geht es etwas schneller - flink genug ist er ja!”
Lange schien die Mutter nicht zu überlegen: “Von mir aus nehmt ihn mit, dann haben wir hier wenigstens Ruhe! Aber seid vorsichtig! Wenn man Euch erwischt, dann fällt es auch auf uns Eltern zurück. Wir wissen dann allerdings von nichts, hast Du gehört?”
“Ja, ist ja schon gut, Mama!”
“Judika?” rief sie.
“Ja!”
“Komm doch einmal her!”
Judika kam aus dem Mädchenschlafzimmer, wo er mit den beiden jüngeren Schwestern gespielt hatte. “Was ist denn los?”
“Zieh Dir die Jacke und Holzschuhe an, setz Deine Bommelmütze auf! Du gehst mit Georg und Dieter jetzt Kartoffeln und Kohlen holen, hörst Du?”
Er machte sich fertig, wohl wissend, dass Widerspruch absolut zwecklos gewesen wäre.
Man nahm einen großen Sack mit, ging durch den Garten, über die Wiese. Dieter und Judika gingen zusammen. Georg fuhr mit Mariannes altem Rad hinter ihnen her, wobei er einen Bogen machte und den Feldweg befuhr. Am Kartoffelfeld traf man sich.
“Vorsichtig!” flüsterte Georg, “Der Bur passt sehr scharf auf. Wiederholt hat er schon Leute hier erwischt. Hoffentlich erwischt er nicht ausgerechnet heute uns. Vielleicht schiebt er Wache.”
Leise gingen sie näher ans Feld heran, machten an den ersten Reihen halt. Man hatte auch hier schon gebuddelt. Dieter ließ kurz seine Taschenlampe aufblitzen, damit man sich orientieren konnte.
“Los!” flüsterte dann Georg erneut und nahm Dieter den Sack aus der Hand. Dieter zog das Kartoffelkraut heraus und hielt dann den Sack auf. Georg riss mit seinen starken Händen die angehäufte Erde auf und wühlte die Kartoffeln heraus. Auch Judika wühlte eifrig mit seinen kleinen Händen…
Der Sack war schon halb voll, trotzdem wühlten sie wie besessen weiter. Georg zog sogar seine Jacke aus, um besser arbeiten zu können, denn ihm war warm geworden.
“Ob es nicht genug ist, Georg?” Dieter hatte sich aus seiner gebückten Stellung aufgerichtet.
“Mensch, wir können das doch nicht jede Woche machen! Was ist ein halber Sack für unsere Familie? Lass uns also soviel mitnehmen, wie es nur geht, dann brauchen wir nicht so oft welche holen, sonnst erwischen sie uns eines Tages doch noch! Hier, halt mal den Sack auf, damit ich die Kartoffeln… Halt! War da nicht ein Geräusch!? Ach so, es sind die Pferde von der Wiese! Zum Teufel, da habe ich mich aber erschrocken… Hier…!”
“Wenn der Bauer wüsste, dass wir hier sein Feld leer räumen”, lachte Dieter, “Junge, Junge, der würde aber sicher ganz schön fluchen. Georg, bringst Du den Sack nach Hause mit dem Fahrrad? Ich geh dann mit Judika schon mal zur Halde, um die Kohlen zu besorgen. Du kannst mit dem Fahrrad und einem leeren Sack hintenherum nachkommen.”
“Ist gut, Dieter!”
Dieter half ihm, den Sack aufs Fahrrad zu heben. Dann schob Georg das Fahrrad schwerfällig zum Feldweg und verschwand kurz darauf in der Dunkelheit.
Judika sah ganz verschwitzt aus. Beinahe war es lächerlich anzusehen, wie er da mit seinen schwarzen Händen, mit rotem und verschwitztem Gesicht und mit verrutschter Bommelmütze stand. Sein Atem ging stoßweise, und sein Herz schlug sehr heftig infolge der hastigen Wühlarbeit. Am liebsten wäre er noch nach Hause gegangen und hätte sich ins Bett gelegt, so müde war er.
“Los, komm!” hörte er seinen Bruder sagen und trottete lustlos hinter ihm her der Halde zu. Judika fühlte innerlich wohl, dass man anscheinend verbotene Wege ging. Da aber die großen Brüder dabei waren, musste es wohl seine Ordnung haben. Er erinnerte sich, während er hinter Dieter ging, daran, dass er einmal der Großmutter Geld entwendet hatte. Er hatte es eigentlich nicht gestohlen, sondern gefunden und es gedankenlos mitgenommen. Das Geld hatte er zur Schule mitgenommen und dem Lehrer gegeben, der wenige Tage zuvor eine Spendensammlung veranstaltet hatte. Was es damit auf sich hatte, darüber hatte er nicht erst lange nachgedacht. Der Gedanke erfüllte ihn lediglich, den anderen Menschen zu helfen. Damals wusste er nicht einmal, wie viel Geld es überhaupt war, das er der Oma aus der Schublade genommen hatte. Der Lehrer war verblüfft gewesen, hatte das Geld aber schließlich angenommen. Die Mutter freilich hatte es hernach wieder abgeholt und ihn fürchterlich verprügelt… Weil Judika darüber so wütend war, hatte er tags darauf dem Postboten ein Paket vom Fahrrad geklaut, in der Hoffnung, darin etwas Essbares zu finden. Aber er fand darin nur Spritzen, ohne zu wissen, dass es welche waren. Im Garten - hinten beim Graben - hatte er das Paket aufgemacht und den Inhalt auf einem Stein zerschlagen. Als es herausgekommen war, erhielt er wieder eine Tracht Prügel…
Weiter kam er mit seinen Gedanken nicht, denn Dieter und er waren an der Halde angekommen und warteten nun auf Georg. Als dieser erschien, machte man sich zum alten Zechengelände auf den Weg. Riesige Kohlenhaufen lagen hier. Dieter und Georg stiegen hoch und warfen die Kohlen herunter. Danach sammelte man sie hurtig ein. Der Sack war schnell voll. Man machte sich auf den Heimweg.
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Tags darauf - am frühen Morgen - war in der Familie Regiez der Teufel los. Georg hatte in der Nacht nicht in seinem Bett bei Dieter geschlafen, sondern war nach dem “Kohlengang” noch lange fort gewesen. Erst weit nach Mitternacht war er zurückgekehrt. Um die Schlafenden nicht zu stören, hatte er sich im Wohnzimmer aufs Sofa gelegt, nur bekleidet mit einer roten Turnhose. Natürlich hatte er auch den Arbeitsanfang verschlafen und hatte an diesem Tage auch keine rechte Lust zur Arbeit zu gehen.
Am frühen Morgen hatte der Vater ihn geweckt und ihm Vorwürfe gemacht. Es kam zu einem heftigen Wortwechsel zwischen beiden.
“Warum bist Du erst mitten in der Nacht nach Hause gekommen?”
“Und?”
“Warum, möchte ich gerne wissen?”
“Ich bin einundzwanzig Jahre und kann tun und lassen, was ich will, falls Du es noch nicht weißt!”
“Aber nicht bei mir im Hause!” schrie der Vater voller Zorn seinen Sohn an.
“Dein Haus?” schrie Georg ironisch zurück. “Das ich nicht lache! Es ist Mutters Haus. Du belastest es nur mit Deinen Schulden - eines Tages wirst Du es bestimmt noch versaufen, davon bin ich fest überzeugt…!”
Das war zuviel für den Vater. Er wurde jähzornig und schlug Georg ins Gesicht, obwohl Georg in der Vergangenheit wiederholt gedroht hatte: “Wenn Du mich noch einmal zu schlagen versuchst, schlage ich zurück. In meinem Alter lasse ich mich nun nicht mehr schlagen!”
“Das hast Du für Deine Frechheit!” schrie der Vater.
Georg schlug zurück und traf seinen Vater mit voller Wucht auf Auge. Er stürzte zu Boden, raffte sich wieder auf. Es entstand ein Handgemenge zwischen beiden. Als der Vater bemerkte, dass er gegen den wendigen Georg nicht ankam, brüllte er: “Wo ist das Beil? Wo ist das Beil? Ich schlage ihn tot! Her mit dem Beil!”
Nach seinen Worten rannte er wie von Sinnen in den Keller und holte die lange Axt herauf, schwang sie hoch und drang damit auf Georg ein, um ihn zu erschlagen.
Vermutlich hätte er ihm den Schädel gespalten und totgeschlagen, wenn er nicht geistesgegenwärtig einen Stuhl genommen und diesen dem Vater entgegengeschleudert hätte. Georg rannte daraufhin vor seinem seiner Sinne nicht mehr mächtigen Vater davon. Der Vater stürmte hinterher, das Beil in der Hand. Georg rannte die Ebertstraße hoch und nach Gorzberg hinein. Der Vater folgte ihm bis in die Stadt. Die Leute, die an diesem Morgen zur Arbeit gingen, blieben verwundert stehen, um dieses seltsame Schauspiel neugierig zu genießen. Natürlich konnte der Vater seinen viel schnelleren Sohn nicht einholen. Er schrie deshalb Schimpfwörter hinter ihm her, verfluchte ihn hässlich, drohte immer wieder neu, ihn totschlagen zu wollen, wenn er ihn noch einmal zu Gesicht bekäme.
Es dauerte lange, bis der Vater sich etwas beruhigt hatte und zurückkehrte. An diesem Tage ging er nicht zur Arbeit. Nachdem er die Axt wieder in den Keller gebracht hatte, ging er zum “Lindeneck”, wo er bei seinem Freund und Wirt Dieter Röhne den ganzen Tag verbrachte und dem Alkohol zusprach.
Die Kinder hatten den Schauspiel ängstlich zugesehen. Die Mutter hingegen kümmerte sich nicht weiter darum, da es ihr mittlerweile längst zur Gewohnheit geworden war. Auch sie verließ bald darauf die Wohnung. Die Kinder gingen zur Schule, aber man sah ihnen den Schock noch deutlich an.
Von diesem Tage an war der Bruch zwischen Georg und dem Vater endgültig. Georg sprach mit Großvater, der ihm über der Waschküche in seinem Haus ein Zimmer auf dem Boden gab. Hier zog er mit seiner Irmgard, mit der er sich inzwischen verlobt hatte, ein und lebte mit ihr zusammen. Judika besuchte die beiden oft, denn Georg konnte sehr gut basteln, und Judika sah ihm gern dabei zu.
Im Hause des Großvaters, das Judika nun öfters aufsuchte, wohnte auch eine alte Frau namens Eva Brüselmann. Es war eine hagere, zerbrechliche Frau, die stets etwas gekrümmt ging und immer sehr müde und abgespannt wirkte. Sie hatte ein schweres Schicksal zu tragen. Es bestand in ihrem Sohn Willi. Dieser Willi war ein sehr eigenartiger Krüppel von etwa 34 Jahren. Als Judika ihn das erste Mal sah, war er sehr erschrocken und hätte beinahe einen Schrei ausgestoßen. Denn Willi Brüselmann konnte in der Tat einen Menschen durch sein bloßes Aussehen erschrecken, obschon er selbst sicher nicht dafür konnte, dass er so aussah. Er war ebenso hager wie seine Mutter, hatte aber einen übernatürlich großen Kopf, den er allenthalben hin und her bewegte auf seinem Rumpf wie ein Uhrpendel. Seine Hosen waren immer eine halbe Elle zu lang. In seinem Hosenbund hätten sicher zwei von seiner Konstitution hineingepasst. Er hatte ein Pferdegesicht und schaute mit seinen Augen wie ein Kretin in die Welt und ins Leben. Nur seine bemerkenswerte Nase schien dazu nicht recht zu passen: es war eine fein geschwungene Nase, die einem alten Römer zu Caesars Zeiten hätte gehören können. Die Schuhe waren um Etliches zu lang, sehr breit und stets abgelaufen. Oft lief er auch barfuss. Sein Gang war gebückt, ein wenig nach innen gehend, als suche er etwas. Der linke Arm war verkrüppelt. Bei den Kindern der Umgebung galt er als “Schreckgespenst”, obschon sie ihn alle den “verrückten Willi” nannten. Er hatte die Angewohnheit, zu jeder Tageszeit eine Pfeife in seinem Mundwinkel zu tragen. Böse Zungen aus vorlautem Kindermunde behaupteten sogar, er trage sie auch nachts… Man sah ihn aber tagsüber mit bemerkenswerter Eifrigkeit für seine Pfeife Kippen in der Gosse suchen. Fand er eine Kippe, konnte er sich freuen wie ein Kind und in die Hände klatschen. Richtige Sätze vermochte er nicht auszusprechen, sondern nur Wörter, mit denen er sich zu verständigen versuchte. Viele Kinder der Umgebung ärgerten, hänselten und verspotteten ihn. Zuweilen riefen sie ihm auch zu, wenn er auftauchte: “Willi, hier liegt eine Kippe!” Er kam sogleich herbeigehinkt, um dann drohend die Faust gegen die Kinder zu schütteln, wenn er feststellen musste, dass diese ihn belogen hatten. Er hinkte hinter ihnen her und stieß unartikulierte Laute aus, die wohl Verwünschungen sein sollten.
Judika hatte ein wenig Angst vor diesem Mann. Aber dann tat er ihm leid und er sammelte fleißig Kippen für ihn, verzichtete auch mal auf eine Zigarette, die er Dieter gemopst hatte. Als er Willi eines Tages im Garten sah, wo er immer auf und ab ging, ohne etwas zu sehen oder zu hören, fragte er ihn mutig:
“Gehst Du spazieren?”
“Juha!” war die Antwort. Dabei sprach er mit einer merkwürdig gebrochenen Stimme, dass es Julian heimlich über den Rücken rieselte.
“Ich bringe Dir nachher einige Kippen, denn ich habe schon wieder einige in meiner Dose gesammelt!”
“Juhaah! Guuut… oha… Pfeife leer, ganz… leeer! Ich… was… habben wolln…!” Ein gutmütiges, etwas verzerrtes Grinsen trat in Willis Gesicht auf.
Er tat Judika leid. Wie gut, dass er selbst gesund war und alle beisammen hatte. Es musste schrecklich sein, als Doofer oder Bekloppter in dieser Welt zu leben. Wie schrecklich musste es sein, wenn man sich nicht helfen und richtig verständigen konnte.
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Es verging kaum ein Tag, an dem Judika nicht daheim Prügel bezog. Zuweilen schlug man ihm einfach das Stocheisen aufs Haupt. Wenn man ihn schlug, rannte er in den Garten hinaus und kletterte von hinten aufs Dach. Das vermochte er relativ leicht, da an der Rückfront des Hauses einige Eisenhaken zum Dach führten.
Er war sieben Jahre alt, da ernährte er die ganze Familie, so unglaublich das war. Die Eltern schickten die Kinder zum Stehlen fort, weil keine Lebensmittel im Hause waren, da auch kein Geld da war. Vater und Mutter waren immer seltener daheim und überließen die Kinder weitgehend sich selbst. Judika magerte ab, da er immer weniger zu essen bekam.
Als Anne eines Tages erzählte, sie stehle morgens zuweilen vor den Haustüren die Brötchen und die Milch weg, holte auch Judika sich seine Portionen von fremden Leuten. Es kam so weit, dass die ganzen Geschwister loszogen. An einem Morgen sollte er zum Schulgottesdienst und entdeckte rein zufällig in einen Flur einen ganzen Korb voll mit Brötchen. Er kehrte nach Hause zurück, holte zwei große Einkaufstaschen und füllte sie mit den Brötchen. Tagelang ernährte die Familie sich damit. Zu dieser Zeit gab es zwar in der Schule für die Kinder von der Wohlfahrt eine dünne Kakaobrühe, die man in einen Blechteller empfangen konnte. Aber was war das schon? Spätestens nach der Schule meldete sich der Magen Judikas erneut. Und Hunger tat weh.
Judika wurde dazu angehalten, an den Marktagen stehen zu gehen. Fast immer spielte es sich gleich ab, wenn man ihn losschickte. “Hör mal, “sagte die Mutter, “ich habe nichts mehr im Hause, aber auch gar nichts mehr zum Essen. Bitte, heute ist doch Markttag. Willst Du nicht einmal versuchen, ob Du für uns nicht etwas ergattern kannst? Aber sei vorsichtig, lass Dich nicht erwischen, sonst steckt man Dich gleich ins Heim. Das Jugendamt hat sowieso schon auf Euch Kinder ein Auge geworfen, sucht nur nach einem Grund, um Euch festnageln zu können. Also sei vorsichtig, hörst Du!”
Er kannte solche Gespräche. Am Anfang hatte er sich gesträubt, zu Stehlereien wegschicken zu lassen, hatte immer recht patzige Antworten gegeben. Dafür hatte er Prügel bezogen, aber er ahnte wohl, dass das in der Hauptsache nur deshalb geschah, weil er sich geweigert hatte, stehlen zu gehen.
Man zwang ihn zum Stehlen, schickte ihn immer wieder los. Und wenn man ihn erwischt hatte und ihn nach Hause brachte, sich bei Vater und Mutter beschwerte, verprügelten diese ihn: nicht etwa, weil er gestohlen hatte, sondern weil er so dumm gewesen war, sich erwischen zu lassen. So war es um die Moral der Familie Regiez bestellt, in die Judika hineinwuchs. Infolgedessen brachte es Judika zu einer gewissen Fähigkeit auf diesem Gebiet.-
Die Eltern hatten Judika schon oft zum Markt geschickt. Manchmal gingen sie mit und sagten ihm dann, was er mitnehmen bzw. stehen sollte. Er ging zuweilen mit der Mutter in Geschäfte, um zu stehlen: wenn nur ein Verkäufer da war, lenkte die Mutter diesen ab, damit Judika ungestört stehlen konnte. Die Mutter rechnete damit, dass das ja umso weniger auffallen würde, da ohnehin kleine Kinder zuweilen ohne böse Absicht zu Gegenständen griffen, wie die Verkäufer auch selber wussten. Ging der Verkäufer einmal weg oder waren sie kurzfristig allein, so stahlen beide, was sie gerade ergattern konnten. Ging er an den Wochenenden mit dem Vater auf den Markt, so zeigte dieser ihm nicht selten die offenen Einkaufstaschen von Frauen, denen er die Geldbörse stehlen sollte. Die Eltern hatten schon recht bald bemerkt, dass Judika das flinkste von den Kindern war. Er sprang blitzschnell über Verkaufstische, Theken und Schalter, wenn der Verkäufer auch nur recht kurz den Raum verließ, und holte Gegenstände dahinter weg, die Vater oder Mutter haben wollten.
Der Vater hatte ihn einmal mitgenommen. Sie hatten eine Einkaufs- und Aktentasche bei sich und suchten eine Selternbude auf, die am Rande Gorzbergs lag. Der Vater hatte hinter der Bude das Vorhängeschloss geöffnet mit einem Stemmeisen und Geld, Bier, Schnaps, Zigaretten und Süßigkeiten mitgebracht, als er wieder auftauchte. Judika hatte derweil Schmiere gestanden vor der Bude an der Wenzelstraße. Er sollte pfeifen und langsam fortgehen, wenn jemand käme, hatte ihm der Vater eingeschärft. Abgesehen von einigen Autos, war aber niemand gekommen und hatte sie gestört. Dreimal ging er mit seinem Vater zu solchen Buden. Immer geschah es in der Nacht. Und immer musste er Schmiere stehen. Das geschah innerhalb von drei Wochen. Walter Benzel, ein Arbeitskollege des Vaters, war auch einmal mitgegangen. Er trug immer einen “Ballermann” bei sich, wie Dieter ihm erzählt hatte. Dieter hatte Judika auch verraten, dass Vater mit diesem Mann wohl noch “andere Dinger” drehe. Mehr wisse er aber auch nicht. Dieter befahl Judika zuweilen, er möge ihm Zigaretten stehlen, und Marianne wollte Perlonstrümpfe haben…
Judika stahl. Er stahl wohl, weil er glaubte, sich so Liebe erringen zu können.-
Ja, wie sollte er es also diesmal am Markt machen mit seinen Besorgungen? Das fragte er sich, als er nun mit dem Bollerwagen losgezogen war. Einmal war er mit einem Bollerwagen und einem großen Sack losgezogen. Als er am Mittag heimgekommen war, hatte er ihn voll gehabt. Vielleicht war es seine Geduld, seine Tolldreistigkeit, die ihm half, viel einzuheimsen. Dass es Unrecht war, darüber dachte er schon gar nicht mehr nach. Der jeweilige Marktverkäufer brauchte sich bloß umzudrehen - schon hatte Judika die Kohlköpfe in der Hand, griff blitzschnell nach Gurken, Fleischstücken, Obst, Süßigkeiten oder Backwerk. Er glich dabei einer zustoßenden Schlange. Oft standen die Kunden daneben; aber er war dann trotzdem noch so dreist, etwas zu nehmen, es eine Weile anzuschauen und dann verschwinden zu lassen. Es war sogar schon vorgekommen, dass er eine ganze Kiste mit Apfelsinen von einem Stand herunternahm, als der Besitzer am anderen Ende tätig war, und diese Kiste dann mühevoll, aber seelenruhig zum Bürgersteig schleppte, wo er immer den Bollerwagen stehen hatte. Niemand kam auf die Idee, er könne die ganze Kiste gestohlen haben. Fast hätte man ihn einmal erwischt: als er nämlich eines Mittwochs mit seiner Mutter auf den Markt ging und Judika auf ihr Geheiß hin einer Frau die Geldbörse aus der Einkaufstasche stahl, sich dann schnell durch die dichte Menge drängte, um zur Straße zu gelangen, da schrie sie geneppte Frau gellend auf und rief um Hilfe, dass man ihr das Geld gestohlen habe. Judika hatte sich sehr erschreckt und war flugs davongelaufen. Niemand hatte ihn verdächtigt. Noch einmal war alles gut gegangen. Die Mutter, die sich immer entfernen wollte, wenn Judika stahl, damit sie selbst nicht in Verdacht geriet, blieb doch immer neugierig in der Nähe. Aber sie schalt ihn später dafür, dass er sich diesmal so auffällig benommen hatte.
An diesem Tage gab es nicht sonderlich viel zu holen auf dem Markt. Er schaute sich die Buden an. Zur Schule war er heute nicht gegangen. Die Mutter behielt ihn ohnehin nach eigenem Gutdünken daheim. Er traf Georgs Verlobte.
“Sieh mal einer an”, sagte sie, “unser Judika ist ja gar nicht in der Schule! Sag mal, hast Du heute frei?”
“Nein”, entgegnete er ”das nicht, aber die Mutter hat mich heute daheim behalten.”
“Warum denn?”
Er schüttelte den Kopf. “Weiß ich auch nicht recht”, log er ihr vor.
“Du! Dass Du mir keine dummen Sachen machst! In der letzten Zeit fabrizierst Du so allerlei!”
Sie strich ihm übers Köpfchen. Er schaute ein wenig traurig zu ihr auf, fragte: “Darf ich Dich heute Nachmittag besuchen kommen? Bei Dir ist es immer so nett.”
Sie lachte. “Ja, komm nur! Da machen wir beide es uns wieder ein wenig gemütlich, nicht wahr?”
“Bist Du beim Einkaufen?”
“Ja, ich will mir nur eben etwas zum Mittagessen holen. Also: bis später!”
Sie trennten sich. Er sah sich die Buden weiter an. Da! Eine Frau mit einer offenen Tasche. Eine Geldbörse lag obenauf. Ob er sie wegnehmen sollte? Er wusste es nicht recht. Was aber würde die Mutter sagen, wenn er ohne “Beute” heimkehren würde? Sie würde ihn bestimmt wieder ausschimpfen…
Wie von ungefähr näherte er sich der Frau. Da er klein war, konnte er sich ohne Mühe durch die dichte Menge schlängeln und hatte die Frau bald erreicht. Sie stand an einer Fischbude. ’Puh! ’dachte er. ’Wie das stinkt!’ Jetzt stand er neben der Frau. Er wollte noch ein wenig warten. Nachdem die Frau etwas Fisch eingekauft hatte, bummelte sie an den Buden entlang. Judika hinterher. In der Menge dachte er: ’Jetzt oder nie!’ und streckte die Hand langsam aus… Er war in einer drängenden Menschenmenge eingekeilt, die ihm sein Tun erleichterte. Er griff zu, kalt und überlegt, ohne zu zittern. Er nahm die Geldbörse aus der Tasche und drängte sich dann ruhig, aber bestimmt durch die Leute, zurück zur Straße. Erst hier rannte er los. Hier fühlte er sich freier. Er rannte ohne Unterbrechung nach Hause und gab der Mutter, noch vom vielen Laufen ganz rot und außer Atem, die Geldbörse. Zuvor hatte er sich selber etwas herausgenommen.
Die Mutter öffnete die Geldbörse, kippte den Inhalt auf den Küchentisch: Neunundachtzig Mark und einundsiebzig Pfennige kamen zusammen. Sie nahm das Geld und steckte es in die eigene Geldbörse. Die alte Geldbörse warf sie in den Herd. Sie wandte sich Judika zu: “Das hast Du brav gemacht! Heute Mittag gibt es dafür auch ein schönes Essen! War es schwer?”
“Ein bisschen.”
“Bist doch ein lieber Junge! Auch wenn ich Dich manchmal haue, wenn Du nicht brav bist!”
“Warum haust Du mich denn immer so sehr, obwohl ich manchmal gar nicht böse war?”
“Ach, das meine ich dann gar nicht so, wie es vielleicht aussieht! Weißt Du, ich habe es früher auch immer gekriegt, als ich so klein war wie Du! Das gehört mit dazu, wenn man ein Kind ist…! So, und nun hole uns erst mal etwas zum Essen. Ich habe hier einen Zettel, auf dem ich alles aufgeschrieben habe. Pass aber auf, dass man Dich beim Metzger nicht betrügt mit der Wurst! Lass Dir bloß keine schlechte andrehen!”
“Ich werde schon aufpassen!” versprach er.
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Wenige Monate später ging Judika in ein Spirituosengeschäft von Gorzberg. Er kannte die Verkäuferin des Geschäftes schon geraume Zeit, da er sich wiederholt mit ihr unterhalten hatte. Als die Verkäuferin an diesem Tage für kurze Zeit den Raum verließ und hinter dem Vorhang verschwand, so dass er allein war, trat er blitzschnell zur Schublade, in der das Geld war, und nahm über Hundert Mark heraus. Schnell verließ er damit das Geschäft.
Kaum war er draußen, kam die Verkäuferin aus dem Geschäft gestürzt. “Gib sofort das Geld her, dass Du aus der Kasse gestohlen hast!” schrie sie hinter ihm her.
Die Leute blieben stehen, sahen sich um. Judika wollte sich schneller entfernen.
“Haltet ihn!” rief die Frau.
Ein Mann rannte hinter ihm her und hatte ihn bald eingeholt, hielt ihn am Arm fest. “Hier geblieben, mein Bürschlein!”
Die Verkäuferin kam angelaufen, japste: “Gut, dass Sie ihn festgehalten haben! Danke!”
“Was ist denn mit ihm?” erkundigte sich der Mann neugierig und drückte Judikas Arm fester.
“Aua!” brüllte Judika. “Drücken Sie nicht so feste meinen Arm! Wollen Sie mir die Knochen brechen?”
“Ich breche Dir gleich etwas anderes, mein Junge!”
“Er hat Geld gestohlen!” erklärte die Verkäuferin den nun näher kommenden Menschen.
Am liebsten wäre Judika in ein Mauseloch gekrochen, wenn nur eins da gewesen und er nicht zu groß dafür gewesen wäre.
“Welches Geld?” fragte er.
Die Verkäuferin zerrte ihn ins Geschäft. “Taschen ausräumen!” befahl sie im Hinterzimmer. “Nein - zieh Dich gleich ganz aus, los, los, aber dalli! Sonst gibt es was um die Ohren, Du Lump! Dir werde ich es zeigen, dass Dich der Satan holen soll! Wie heißt Du? Wo wohnst Du? Du kleiner dreckiger Lump! Na, das soll die Polizei machen, die schon unterwegs ist… Aha, da haben wir ja das Geld - in der Unterhose, was? Dachtest wohl, da könnte man es nicht finden, wie? Ich hätte es schon gefunden, Du Lump, und wenn ich Dir die Rosette umgestülpt hätte… Und mir hier Geschichten erzählen… nee, so was an Lumpigkeit… Los, kannst Dich wieder anziehen, Du Dreckskerl…!”
Er fing an zu weinen, derweil sie ihm das Geld abnahm. Er erhielt einen Schlag ins Gesicht von ihr. “Auch noch heulen, ja, so ist es recht! Man sollte Euch mehr mit dem Knüppel durchwalken und die Hosen stramm ziehen, dass ihr nicht mehr sitzen könnt und auf andere Gedanken kommt! Die Polizei wird Dir schon zeigen, was jetzt geschieht…”
Er saß weinend auf dem Stuhl, als zwei Polizisten hereinkamen.
“Ist er das? Sie zeigten auf Judika.
“Ja.” sagte die Verkäuferin.
“So klein?”
“Aber raffiniert!”
“Dann komm einmal her, Du kleiner Bösewicht!” sagte einer der Polizisten.
Sie nahmen ihn in ihrem Peterwagen mit zur Polizeiwache, führten ihn in die Schreibstube. Einer der beiden setzte sich hinter die Schreibmaschine. “Wie heißt Du?” fragte er barsch.
“Judika!”
“Und weiter? Du hast doch sicher noch einen Nachnamen.”
“Ja, Judika Regiez!” beeilte er sich zu sagen.
Der Polizist sah auf, fragte verblüfft: “Wie, von der Regiezfamilie an der Ebertstraße?”
“Ja.”
Die beiden Beamten sahen sich an. “Der Sohn vom alten Regiez, dem Säufer, der seine Familie immer schlägt und randaliert. Das Jugendamt hat uns auch schon wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass die Kinder verkommen, zumal auch die Mutter sich kaum um die Kinder kümmert und sich mit anderen Männern herumtreibt. Was kann man da schon von den Kindern Gutes erwarten?”
Er wandte sich wieder Judika zu. “Wie alt?”
“Sieben!”
“Warum hast Du Geld gestohlen?”
“Wir hatten nichts zu essen und ich hatte Hunger!”
“Dann klaut man doch kein Geld! Los, erzähl mal genau, wie Du das gemacht hast! Aber verkohl uns nicht, mein Lieber, dann werden wir garantiert ungemütlich und sperren Dich sofort ein! Also, wie war das?”
Judika bekam einen Schreck, als er hörte, man wolle ihn einsperren. Bereitwillig erzählte er alles. Man schrieb es auf. Anschließend hielt man ihm eine Predigt über das Verbotene seiner Tat. Der Polizist sagte dann noch: “Wenn Du uns versprichst, nie wieder so etwas zu tun, darfst Du gleich nach Hause gehen. Wir müssen nur noch auf Deinen Vater warten, den wir benachrichtigt haben, dass er Dich abholen soll. Machst Du es noch einmal, kommst Du in ein Fürsorgeheim oder gar ins Gefängnis…”
“Ins Gefängnis?” Er wurde blass.
“Sicher, da hinein! Und damit Du weißt, wie es dort ist, werden wir Dich so lange in eine Zelle einsperren, bis Dich Dein Vater holen kommt!”
Judikas Schreck wurde noch größer! Man führte ihn eine Treppe hinunter und sperrte ihn in einen kleinen, schmalen Raum ein.
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Die Tür war mit Eisen beschlagen, hatte ein sehr großes Schloss und zwei wuchtige Riegel. Hier schloss man ihn ein. Es war ziemlich dunkel hier. Licht gab es nicht. Es gab vergitterte Fenster, zwei winzige, die so hoch waren, dass er den Kopf in den Nacken legen musste, wenn er sie ansehen wollte. Eine schmale Pritsche, aus Steinen gebaut, mit etlichen Brettern darüber und einer alten Decke sowie ein gelb gefärbtes Kopfkeil aus Seegras, stand in der Ecke. Dahinter ein KackKübel. Judika hob den Deckel, weil er nur vermutete, was es war. “Puh, stinkt das!” Angewidert legte er den Deckel schnell wieder zurück. Langsam bekam er es mit der Angst zu tun. Er setzte sich auf die Pritsche und schloss die Augen, um nachzudenken. Lange konnte er nicht nachdenken: die Zellentür wurde aufgeschlossen. Ein Beamter kam mit seinem Vater herein.
Man hatte den Vater erst suchen müssen. Schließlich hatte man ihn in dem Lokal “Ballisa” aufgespürt. “Da ist Ihr Sohn, Herr Regiez”, sagte nun der Beamte. “Sorgen Sie dafür, dass er es nicht noch einmal macht!”
“Komm!” sagte der Vater nur zu ihm. Es verwunderte Judika, dass er nicht sogleich losbrüllte, wie er es erwartet hatte. Er schimpfte nicht einmal, sondern sagte draußen nur trocken: “Der Apfel fällt nicht weit vom Baum!”
Als sie daheim ankamen, wusste es schon die ganze Familie. Der Vater aber sagte auch jetzt nichts, sondern verschwand in den Garten. Die Mutter schaute böse drein und schimpfte wie ein Rohrspatz. Die Geschwister umringten ihn, so dass er im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, denn in gewisser Weise schmeichelte es ihn schon.
“Das kommt davon, wenn man sich erwischen lässt!” spöttelte Marianne.
“Du hättest Dir ja sicher die Hosen voll gemacht”, sagte darauf Silvia zu ihr.
Judika musste erzählen, und die Geschwister hörten gespannt seiner Erzählung zu.
“Was, in einer Zelle warst Du auch?” fragte Anne ungläubig. “Wie sieht denn so ein Ding überhaupt aus?”
“Sie wird wohl beschissen aussehen!” Meinte Marianne recht schnippisch. “Du kannst Dich ja mal einsperren lassen! Schau Dir nur unseren Pimpf an: er ist jetzt noch blass von dem gewaltigen Schreck.”
“Dumme Pute!” sagte Judika.
“Jetzt wirst Du wohl die Nase voll haben, was?” meldete Silvia sich zu Wort.
Judika wollte etwas erwidern, als Dieter hereinspaziert kam. Seine Haare hingen ihm noch wirr ins Gesicht vom Schlaf. Er trug einen alten Bademantel und fluchte ungehalten über den Krach, den seine Geschwister machten. Als er hörte, um was es ging, verzog er das Gesicht zu einem Grinsen, bis er in ein Gelächter ausbrach:
“Ach, Du meine Güte! Ach, Du armes Jüngelchen! Gerade Dich musste man erwischen und einsperren? Das ich nicht lache! Judika, Judika! Aus Dir wird noch einmal was! Aber was?”
Judika war es leid. Er rannte hinaus, wollte mit sich allein sein…
Die Eltern wurden nun vorsichtiger und pausierten ein wenig, um Gras über die Angelegenheit wachsen zu lassen. Aber es war auch noch aus einem anderen Grund: wenige Tage nachdem Judika ertappt worden war, bekam die Familie Regiez einen blauen Brief vom Gorzberger Jugendamt, in dem den Eltern mitgeteilt wurde, mit dem Sohn kurze Zeit später beim Jugendamt vorzusprechen. Judika sollte einem Psychologen vorgeführt werden.
“So etwas”, sagte die Mutter, als sie den Brief gelesen hatte, “ein Psychologe! Ich glaube, die Leute sind nicht ganz gescheit auf dem Jugendamt!”
Drei Tage später wurde er erstmals in seinem Leben einem Psychologen vom Gorzberger Jugendamt vorgestellt. Es war ein Mann, mit dem Judika nicht warm werden konnte. Schon als er ihn sah, konnte er keinerlei Sympathie für ihn aufbringen. Er hatte einen kleinen Schmierbauch, war sehr liebenswürdig, schmierig liebenswürdig sogar. Judika fand ihn einfach widerlich und ließ ihn das auch deutlich spüren. Die Mutter war bei dem Gespräch mit dem Psychologen nicht anwesend. So musste Judika sich selbst zurecht helfen.
“Komm mal her, mein Junge! Judika heißt Du doch, nicht wahr? Also Judika, setz Dich mal schön dort auf den Stuhl! Ich möchte Dir einige Fragen stellen und mich ein wenig mit Dir in aller Freundschaft unterhalten. Aber Du musst mir auch ganz ehrlich antworten, hörst Du, mein Junge?”
Judika schwieg und dachte nur: ‘Was will der eigentlich von mir?’
Der Psychologe nahm eine Akte von seinem Schreibtisch und blätterte eine Weile darin herum. Er hob den Kopf. “Sag mal, gefällt es Dir eigentlich zu Hause?”
Judika war über eine solche Frage höchst erstaunt. Er neigte sich etwas nach links mit seinem Oberkörper, kniff die Augen ein wenig zusammen und fragte: “Warum?”
“Nun, wenn es Dir nicht gefällt, dann könnten wir Dich woanders hinbringen, wo es auch sehr schön ist.”
“Will ich nicht!”
“Ja, ja, es war ja auch nur eine Frage!”
“Warum bin ich hier?”
“Weil ich mich mit Dir unterhalten will.”
“Das haben Sie schon gesagt!”
“Magst Du eigentlich Deinen Vater und Deine Mutter gut leiden?” forschte der Psychologe weiter.
Judika schwieg.
“Schlagen sie Dich manchmal?”
Er schwieg weiter.
“Du musst mir das sagen, denn wir wollen Dir doch nur helfen. Hast Du das schon mehrmals gemacht - etwas gestohlen?”
Judika schüttelte den Kopf.
“Hast Du Freunde, mit denen Du spielst? Spielkameraden und andere, die mit Dir gemeinsam Streiche verüben?”
“Ja, einige habe ich schon!”
“Sind auch Mädchen dabei?”
“Sicher, ein paar; warum?”
“Ach, nur so…”
“Da ist ja nichts dabei!”
“Nein.”
Judika fand die Fragen immer seltsamer. Was ging das diesem Mann überhaupt alles an?
Der Psychologe fragte: “Trinkt Dein Vater viel? Kommt er betrunken nach Hause? Was macht er dann?
“Gar nichts!”
“Schlägt er Euch, die Mutter, Euch Kinder?”
Er schwieg, zog sich in sich zurück.
“Ist die Mutter immer zu Hause?” wurde er weiter auszuforschen versucht.
“Ich weiß es nicht, da ich viel spiele oder in der Schule bin…”
“Aber Du schwänzt auch viel die Schule. Was machst Du dann in dieser Zeit?”
“Spielen.”
“Was spielst Du?”
“Ach, alles, was man spielt.”
“Dein ältester Bruder…”
“Ach, Georg?”
“Ja, der Georg. Er ist doch jetzt verlobt und hat mit dem Vater Streit gehabt. War es ein schlimmer Streit?”
“Weiß nicht!” sagte Judika, der zwar nich wusste, worauf hinaus das alles laufen sollte, aber er spürte, dass der Psychologe ihn aufs Glatteis zu führen versuchte.
So zog sich der Dialog in die Länge. Der Psychologe vom Gorzberger Jugendamt stellte Fragen und bekam einsilbrige Antworten, die ihn verärgerten. Er kam einfach nicht an Judika heran.
Der fand die Fragen ausgesprochen doof, weil der Mann selbst wissen wollte, ob er in der Schule mitkäme, ob er zur Kirche ginge, ob er…
Die Fragen schienen kein Ende nehmen zu wollen.
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In seiner Schulklasse wurde Judika langsam zu einem Ausgestoßenen, da jedermann wusste, das de Vater trank und die Mutter ein recht zwielichtiges Leben führte. Man ging ihm aus den Weg, schnitt ihn. Sein kleines Herz war darüber sehr verbittert. Er ging nicht mehr gern zur Schule, sondern schwänzte sie, wann immer er konnte, wenn nicht die Mutter von sich aus ihn daheim behielt. An sich wäre er schon gerne zur Schule gegangen, denn er lernte gern und leicht, hatte einen großen Wissensdrang, der kaum zu befriedigen war. Er war immer bestrebt, aus allem, was er tat, zu lernen.
Einen wirklichen Freund hatte Judika nicht. Selbst die wenigen, die sich seine Freunde nannten, waren von ihm nie akzeptiert worden, da nur Geschenke sie zu Freunden machten. Er gewöhnte sich daran und dachte jetzt noch nicht darüber nach, warum die Welt anderen Kindern ein besseres Elternhaus gegeben hatte als ihm. Manches hätte er wohl gern zu begreifen versucht, aber wer sagte es ihm schon?
Wenige Wochen nach dem Vorfall in dem Spirituosengeschäft wurde er schon wieder aktiv. Einmal brachte er eine riesige Blockwurst heim, die er in einem Fleischladen gestohlen hatte, weil man nichts zu essen hatte. Ein andermal wanderte er des Nachts mit seinem Vater zu einer Wirtschaft. Der Vater schlug hier eine Scheibe ein. Judika musste hineinsteigern und Bier stehlen.
Dann kam ein Sonntag, an dem ein Saufgelage stattfand. Dieter war mit seinen fast 18 Jahren ein rechter Schürzenjäger geworden. Fast jede Woche schleppte er ein anderes Mädchen ins Haus. Er ging kaum noch arbeiten, da er von der Zeche geflogen war, und hatte daher genug Zeit, seinen Neigungen nachzugehen. Das war aber auch der Grund, warum die Mädchen ihn immer wieder nach relativ kurzer Zeit verließen.
Der Vater war nach dem Saufgelage noch eingekehrt in ein Lokal an der Sedanstrasse. Dieter kehrte dort mit seiner 17jährigen Edeltraud Klausmann später ebenfalls ein. Vater und Sohn tranken gemeinsam, gaben sich gegenseitig Runden aus. Geld hatten beide dabei. Dieter hatte ohnehin in der letzten Zeit immer genug Geld - woher, vermochte allerdings niemand zu sagen. Man trank und war guter Dinge, wurde trunken.
Der Vater versuchte, sich an Dieters Mädchen heranzumachen. Das tat er in so augenfälliger Weise, dass alle Gäste im Lokal es bemerken mussten. Dieter bekam schließlich die Wut und sagte seinem Vater, er möge die Finger von dem Mädchen lassen. Ein Wort gab das andere bei den beiden Betrunkenen. Schließlich geriet auch der Vater in seinen gewohnten Jähzorn und versuchte, Dieter eine Ohrfeige zu geben.
Das hätte er lieber bleiben lassen sollen: Dieter fackelte nicht lange, nahm eine leere Bierflasche vom Tisch und schlug sie dem Vater mit aller Kraft auf den Kopf. Der Vater fiel sofort wie ein gefällter Baum um und blutete schrecklich. Fürchterlich sah es aus: der ganze Kopf war mit Scherben bespickt, die darin staken wie die Stachel bei einem sich sträubenden Igel…
Sofort wurde ein Krankenwagen bestellt, der ihn ins Krankenhaus brachte. Dieter wurde auf der Polizeiwache vernommen und konnte dann wieder nach Hause gehen. Erst zwei Monate später konnte der Vater das Krankenhaus verlassen. Er vergaß das Verhalten Dieter nie.
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Es kam die Zeit, da wurde Judika von Selbstmordgedanken geplagt, weil die familiären Zustände immer schlimmer wurden. Mit seinen wenigen Lebensjahren war er schon lebensmüde geworden.
Manchmal wunderte er sich, dass er so gänzlich anders sein konnte als die anderen Kinder in seinem Alter. Wie kam das nur? Er kam sich zuweilen vor wie ein Papierschifflein, das er zwar gut kannte, weil er es selbst gemacht hatte; aber wenn es auf den Wellen des Wassers war, konnte er nicht mehr mit Bestimmtheit voraussagen, wie es sich verhalten würde. Eine Welle konnte es umstoßen oder mit in die Höhe reißen und wieder hinab schießen lassen. Erst wenn man es in ein ruhiges Wasser brachte, konnte man einigermaßen vermuten, welche Richtung es einschlagen, wie es sich verhalten würde.
So erging es auch ihm. Manchmal hatte er recht wunderliche Gedanken und Träume: einmal wollte er wohl gern ein Rübezahl sein, so ein Riese mit einer großen Keule, so groß wie der Birnbaum, der wuchtig hinten im Garten stand. Ja, das wäre was, da brauchte er von niemanden mehr Angst zu haben, brauchte sich nicht mehr schlagen zu lassen. Keiner würde ihn zum Stehlen wegschicken können, wenn er nicht wollte. Er würde sie - so! - zwischen den Daumen zerquetschen und zappeln lassen! Aber leider war er kein Riese, sondern ein Zwerg. Die Erwachsenen schienen manchmal wie Wolkenkratzer zu sein, unnachgiebig, brutal, kalt und leblos…
Ein andermal vergegenwärtigte er sich, dass man ein Tierlein sein müsste, das bekam wenigstens Nestwärme und Mutterliebe. Wer aber sorgte sich schon um ihn? Praktisch musste er selbst auf sich aufpassen. Er musste sein eigener Lehrmeister sein, sein Lehrling - und das war ein langer Weg. Bei solchen Gedanken hatte er immer hinten im Garten auf der Wiese gelegen und in den Himmel gestarrt, die Wolken beobachtet, die am Himmel entlang zogen. Mit ihnen wäre er gerne mitgezogen - egal wohin: nur irgendwohin, wo man ihn endlich in Ruhe gelassen hätte!
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Als er sich das Leben nehme wollte, dachte er ziemlich nüchtern darüber nach. Zwar hatte er das schon oft vorgehabt, ohne entsprechende Vorbereitungen dazu zu treffen, aber noch nie war es so mächtig und stark über ihn gekommen. Die Mutter hatte ihn mal wieder furchtbar mit dem Stocheisen geschlagen. Und warum? Einfach deshalb, weil sie ihn nach Gorzberg zum Einkaufen geschickt und er dabei etwas vergessen hatte. Er war daraufhin zur Steinhalde gelaufen, stand jetzt ganz oben dort, wo sich die tiefe Schlucht befand. Diese Schlucht mochte hundert Meter tief sein. Er stand davor und überlegte nun ernstlich, ob er hinunter springen sollte.
Zuerst glaubte er, es sei relativ einfach: er bräuchte nur an den Rand zu treten, die Augen zu schließen und hinunter zuspringen. Dann aber musste er feststellen, dass es doch nicht so einfach war. Als er die riesige, dunkle, schier endlose Schlucht in ihrer ganzen Tiefe sah, brachte er es einfach nicht fertig. Hinlaufen… runterspringen… päng - aus! Nein, so ging das einfach nicht.
Dass es so schwer werden würde, hatte er nicht gedacht. Er hatte auch Vieles nicht bedacht. So stand er nun am Abgrund seines kindlichen Lebens vor einem anderen Abgrund. Seltsame Gedanken durchschossen sein Hirn ’Sonderbar’, dachte er bei sich, ’ist es denn nicht möglich, etwas anderes zu finden?’ Aber er fand keine andere Möglichkeit.
Er sah sich schon unten mit zerschmetterten Gliedern liegen, stellte verblüfft fest, dass es ihm eine gewisse Freude bereitete, sich zu fragen, was seine Familie dazu sagen, wie sie reagieren würde, wenn er dort unten zerschmettert läge. Ob er ihr leid tun würde? Ob man überhaupt der Familie damit Schaden zufügen konnte? Aber nein, sie würden ihm gewiss nicht lange nachtrauern. Bald hätte man ihn wieder vergessen. Also lohnte es sich doch nicht! Oder lohnte es sich doch? Er wurde von solchen Zweifeln hin und her gerissen. Wenn man damit einigen Menschen so richtig weh tun könnte - ja, dann würde es sich lohnen… Wie es wohl sein würde, wenn er tot wäre? Judika konnte sich unter diesem Tod noch nichts Richtiges vorstellen. Für ihn war mit dem Tod die Angst und der Schmerz verbunden. ’Man müsste einfach einschlafen können’, dachte er,’ und dann nie wieder erwachen…’
Solche und ähnliche Gedanken bewegten ihn. Er hätte vermutlich noch lange so dagestanden und über sein Schicksal nachgegrübelt: Sein-wollen oder Nicht-sein-wollen, das war hier tatsächlich die entscheidende Frage.
Er entdeckte eine Blindschleiche und stutzte. Es ist zuweilen etwas Wundersames mit dem menschlichen Leben. Oft gibt es unscheinbare, kaum zu erfassende Ursachen, die ein gewaltiges Lebenspanorama auszulösen vermögen. Kleine, anscheinend völlig unwichtige Dinge, die kaum zur Kenntnis genommen werden, lösen mitunter Ereignisse von solchen Dimensionen aus, dass man später darob verwundert fragt, woher denn das alles seinen Anfang genommen hat. Nebensächlichkeiten werden dann zu einer Hauptsache, die unser ganzes Denken, Entschlüsse fassen und Handeln prägt und beschäftigt. Selten geben wir uns selbst über solche Gegebenheiten Rechenschaft, wir nehmen sie sozusagen reflexmäßig auf, fast in einem schlafähnlichen Zustand, aus dem wir erst erwachen, wenn eine große Lawine mit Krachen und Donnern in Bewegung gerät. Dann fragen wir uns verwundert, inwiefern eine so kleine Sache der großen einen Stoß versetzen konnte. Die Entwicklung solcher Nebensächlichkeiten ist mitunter recht sonderbar, zeigt aber auch, dass die Rätselhaftigkeit menschlicher Geschicke und die Ursachen solcher Geschicke ihre Wurzeln in Bereiche haben, die wir nicht auch nur annähernd zu fassen vermögen. So mancher, der von Unglück oder Glück verfolgt wurde, nimmt innerhalb einer gewissen, sich selbst bestätigenden Zeit zumal das Letztere als so und nicht anders gegeben hin. Es wird zu einer betrüblichen Selbstverständlichkeit, die mit der Gewohnheit des zeitlich geregelten und momentan immer gleich bleibenden Zustandes einhergeht. Die Selbstverständlichkeit gleich bleibender Gewohnheit ist dann die Entschuldigung für das träge Verhalten des Einzelnen in solchen Situationen. Andererseits gibt es auslösende Momente, die die menschliche Natur in positiver oder negativer Hinsicht vorantreiben. Eine negative Wirkung kann durchaus eine positive Ursache haben, derweil umgekehrt eine negative Ursache eine positive Wirkung haben kann.
Ähnlich erging es dem Knaben Judika, als er die Blindschleiche erblickte und sie fing. Er wurde abgelenkt, sprach zu sich selbst: “Ei, das ist aber eine komische Schlange! Wie klein sie ist!” Angst hatte er nicht vor ihr. Er hatte sie am Schwanz gefasst.
Plötzlich bekam er einen Schreck, denn er hielt nur noch den Schwanz in den Händen, der sich krümmte und bewegte wie ein Regenwurm. Er ließ den Schwanz verdutzt fallen, denn er wusste noch nicht, dass die Schleiche nichts anderes getan hatte als von der ihr von der Natur Verliehenen Verteidigungs- bzw. Fluchtwaffe Gebrauch zu machen, die dazu diente, den Angreifer durch den zurückgelassenen Schwanz zu verwirren, derweil die Schleiche vermittels dieses Überraschungsmoments floh.
Judika glaubte zunächst, er habe der Schleiche tatsächlich versehentlich den Schwanz abgerissen und war darüber recht betrübt. Als er der Schleiche aber nachsah und gewahrte, dass sie rege und fidel von dannen schlich und der Schwanz auch gar nicht blutig war, sprang er erneut auf sie zu und ergriff sie, nahm sie auf und streichelte sie.
Die Schleiche machte das Maul auf. Er hielt seinen rechten Zeigefinger hin. Sie wollte zuschnappen, aber blitzschnell zog er ihn wieder zurück. Das wiederholte er mehrmals. Schließlich ließ er sie doch zuschnappen. Und siehe da: es tat überhaupt nicht weh! ’Wie ein großer Regenwurm’, dachte er. ’So glatt und rot wie das Kupfer, dass der Vater manchmal zum Klüngelskerl bringt…’
Er wurde gestört. Ein Kaninchen raste an ihm vorbei auf den Abgrund der Schlucht zu, die sich nur wenige Meter von ihm in den Boden fraß. Es verschwand in den Abgrund.
Judika sprang auf, nahte sich dem Abgrund, beugte sich ein wenig vor und sah hinunter. Ihn schauderte. Das Kaninchen lag auf dem Boden der Schlucht. Ganz klein sah es aus. Kaum konnte er es erkennen. Aber er glaubte, die zerschlagenen Glieder ausmachen zu können. Ihm grauste. Mit deutlichem Bewusstsein dachte er daran, was er selbst unmittelbar zuvor hatte tun wollen. Hätte er es getan, läge er nun selber da unten im Abgrund, zerschlagen und tot. Eine unbändige Angst bemächtigte sich seiner. Ihm fror, und er fing an zu zittern. Schnell entfernte er sich. Die Schleiche hielt er fest in der linken Faust, aus der sie sich herauszuwinden versuchte. Er kletterte den Berg hinab und kam zur Wiese, rannte los, als könnte die Halde hinter ihm auf ihn zustürzen und ihn doch noch begraben.
Ganz außer Atem traf er im Garten Silvia. “Was rennst Du denn so?”
“Schau mal, was ich hier habe!” Er hob die Schlange hoch.
“Eine Schlange!” Er hielt sie Silvia entgegen, froh wieder einen Menschen zu sehen. Es dünkte ihn, als sei er eine Ewigkeit weg gewesen.
“Eine Schlange?” fragte Silvia. “Das ist doch keine Schlange, sondern eine Blindschleiche, Du Affe! Vor einigen Wochen haben wir sie in der Schule durchgenommen. Es ist ein harmloses Tier. Ich glaube, sie kann nicht sehen, wenn ich mich recht erinnere. Deshalb nennt man sie auch Blindschleiche. Der Storch frisst sie gern. Sie fängt sich Fliegen und Mücken, wenn sie tief genug fliegen. Die frisst sie dann auf!”
“Halt mal Deinen Finger hin, Silvia!”
“Beißt sie fest zu?” Silvia getraute sich doch nicht recht, ihren Finger hinzuhalten.
“Nee”, meinte er, “nur ein leichtes Zwacken!”
“Gib mal her!” Sie nahm den großen Wurm und hielt ihm den Finger entgegen. Ob die Schleiche lange nichts gegessen hatte, oder ob der fehlende Schwanz es in Schuld war: sie zwackte kräftig in den Finger des Mädchens.
“Huhiii!” schrie Silvia erschrocken. “Die beißt aber mächtig zu! Anscheinend will sie meinen Finger verspeisen…””
“Ist es eine Sie?” wollte Judika wissen.
“Hm, das kann ich nicht sagen! Solche Würmer gleichen sich alle. Ein Mädchen kann ich ja noch von einem Jungen unterscheiden, aber bei Schlangentieren vermag ich das nicht. Ich muss wohl in der Schule nicht recht aufgepasst haben, wie man solche Viecher als Männchen und Weibchen unterscheiden kann. Ich glaube aber, dass Weibchen ist größer als das Männchen; aber da müsste man zwei davon haben, um das feststellen zu können… Aber wo ist denn der Schwanz?!” Jetzt kam ihr das Hinterteil der Schlange recht komisch vor. “Hat sie ihn abgeworfen?”
Judika nickte betrübt. “Komisch”, meinte er, “als ich sie fangen wollte, hatte ich auf einmal nur noch den Schwanz in der Hand, so dass ich sehr erschrocken war.”
Silvia lachte. “Das tun sie immer, wenn sie sich bedroht fühlen und flüchten wollen!”
“Den Schwanz zurücklassen?”
“Ja.”
“Tut denn das nicht weh?”
“I wo! Das ist ja nicht so, als wenn Dein Männchen abfallen würde. Unsere Lehrerin hat uns im Naturkundeunterricht erzählt, dass die Natur das extra für bestimmte Tiere so gemacht habe. Der Schwanz wächst sehr schnell wieder nach.”
“Ob das mit anderen Schwänzen auch geht? Etwa vom Pferd hinten auf der Weide? Oder von Pussi?”
“Nee, mein Lieber, die sind richtig fest, die kannste noch nicht mal herausziehen!”
“Ist der von der Schleiche denn nicht fest? Da kann man ihn ja dauernd abziehen.”
“Ach, Du Heini! Sicher ist er fest… Ich kann Dir das auch nicht so richtig erklären. Frage mal Deine Lehrerin in der Schule.”
Aber Judika war noch nicht zufrieden und fragte weiter: “Ist der Schwanz denn noch lebendig? Als ich ihn auf einmal in der Hand hatte, zappelte er und bewegte sich, als sei er lebendig.”
“Ja, er zappelt immer noch ein bisschen, aber das hört nach einer Weile auf. Wenn Du einen Regenwurm durchschneidest, dann zappeln ja auch die beiden Teile.”
“Ob die Schleiche auch Milch trinkt?” Er erinnerte sich daran, dass sie einmal einen großen Igel im Garten hatten, dem er immer Milch bringen musste. Vielleicht trank sie daher auch Milch?
“Das kann ich nicht sagen”, strich Silvia sich durchs Haar. “Davon hat unsere Lehrerin auch nichts erzählt. Aber man kann es ja mal probieren!”
“Sollen wir sie hier bei uns im Garten lassen?”
“Dann läuft sie weg.”
Judika legte die Stirn in Falten, dachte nach und fragte dann: “Wieso? Hat sie auch Beine?”
“Mensch, die schleicht doch und windet sich wie eine Schlange oder ein Regenwurm vorwärts.”
“Vielleicht sollten wir sie in einen freien Stall bei den Kaninchen tun?”
“Da schlüpft sie auch durch die Maschen.”
“Also in eine Kiste?”
“Ja, das wäre das beste. Aber sie muss Luft bekommen und Futter haben, damit sie nicht hungert.”
“Hier!” Er gab ihr die Schleiche und rannte los, um eine Kiste aus dem Schuppen und einen kleinen Bohrer zu holen.
“Da, mach Du das”, sagte er dann zu Silvia. “Du kannst das besser.” Er gab ihr die Kiste.
Bald war das Werk beendet, und die Schleich kam in die Kiste. Gras und Laub hatte man ihr auch hineingetan, so dass sie nun laut raschelte.
“Jetzt müssen wir nur noch Futter besorgen - am besten Fliegen fangen”, meinte Silvia.
“Wir können ja in der Stube die Fliegen fangen, oder kann man auch tote…? Fliegen vom Fliegenfänger vielleicht?”
“Man kann es ja mal probieren.”
Sie gingen gemeinsam in die Küche, weil dort um diese Zeit die meisten Fliegen waren.
“Was wollt Ihr denn hier?” forschte die Mutter, die sie dort antrafen.
“Ach, wir wollen nur ein paar Fliegen fangen! Judika hat eine Blindschleiche gefangen, die Futter braucht.”
“Eine Blindschleiche?”
“Ja, Mama. Sie sieht richtig süß aus, und es kitzelt so schön, wenn sie am Finger knabbert und ihre kleine Zunge dagegen stößt.”
“Dass mir das Tier aber nicht ins Haus kommt! Draußen könnt Ihr sie meinetwegen halten. Ich möchte sie aber nicht hier herumkriechen sehen!”
“Ist gut. Können wir ein wenig Milch haben?”
“Nehmt ein wenig! Aber pass auf, Silvia, dass Du die Milch nicht verplemperst!”
“Ich pass schon auf.”
Mit vielen Fliegen und Milch bewaffnet gingen sie zurück in den Garten. Aber die Schleiche schien kein begeisterte Anhänger von Milch zu sein. Sie legten die vom Fliegenfänger geholten Fliegen in die Kiste, der Schleiche direkt vor die Nase. Die kümmerte sich nicht darum. Sie nahmen die lebendigen, die sie vorher dadurch narkotisiert hatten, dass sie sie auf die Erde geworfen hatten. Aber sie erzielten kein anderes Ergebnis.
Ratlos sahen sie sich an. Silvia sagte: “Lass die Fliegen mal drin! Vielleicht hat sie Angst und frisst sie nachher, wenn sie allein ist!”
Und in der Tat: als sie ein wenig später nachschauten, war von den Fliegen nichts mehr zu sehen - die vom Fliegenfänger genommenen Fliegen aber lagen nach wie vor unberührt in der Kiste.
Judika hatte sehr viel Spaß an der Schleiche. Eines Tages aber war sie entschlichen. Niemand wusste, wie es gekommen war.
Die Kiste war zu, aber die Schleiche war weg. Judika war darüber sehr betrübt und suchte sie stundenlang im Garten, konnte sie aber nicht wieder auffinden. Vielleicht hatte man sie gestohlen, oder man hatte ihm einen Streich gespielt und sie bewusst freigelassen.-
Traurig ging er zu seinem Lieblingsplatz im Garten, dort, wo die sehr dichten Fiederbüsche standen. Hier setzte er sich an einen alten Tisch, der dort stand.
Nicht lange hatte er Ruhe. Anne erschien, sagte aufgeregt: “Judika, ich weiß auf der Wiese hinten ein Wespennest! Wollen wir es ausräuchern?”
Judika erklärte sich damit einverstanden. Der Nachbar nebenan hatte ein ganzes Bienenhaus. Da summte und brummte es den ganzen Tag laut und gefährlich. Wenn Herr Hackenberg in das Bienenhäuschen ging, trug er eine Maske und eine große, lange Pfeife, die mächtig qualmte. Oft kamen die Bienen über den Zaun, wenn er im Sandkasten spielte. Gestochen hatte ihm auch mal eine.
Die ganzen Kinder gingen los. Selbst Marianne ging mit. Sie waren mit Lappen und einem Spaten bewaffnet. Als sie angekommen waren, nahm Marianne Judika den Spaten aus der Hand und stach in das Loch, warf die Erde zur Seite. Keine Biene zeigte sich. Anne nahm einen Lappen mit Teer, steckte ihn an und dann ins Loch. Mit dem Spatenstiel stieß Marianne den Lappen tief ins Loch. Ein zweiter Lappen folgte. Es qualmte. Eine Biene zeigte sich nicht. Sie gruben das Loch weiter auf.
“Vielleicht sind gar keine Bienen drin”, sagte Judika, der Wespen und Bienen nicht unterscheiden konnte. Für ihn sahen sie alle gleich aus.
“Doch”, meinte Anne,” Ich habe genau gesehen, wie welche in das Loch geflogen sind! Stimmt es nicht, Marianne?”
Sie bestätigte es. Marianne nahm wieder den Spaten und grub. Dann stieß sie einen schrillen Schrei aus, ließ den Spaten fallen und stürzte davon. Ein ganzer Schwarm Bienen kam aus dem Loch gebraust und verteilte sich. Wie Sprenggeschosse sprangen die Kinder auseinander. Sie rannten zum Zaun, kletterten hinüber, übersprangen den schmalen Bach und hetzten in den Garten, wo sie sich versammelten. Die Bienen umsummten aufgeregt das Loch. Immer wieder kamen neue aus dem Loch hervor, die böse in das Summen der Artgenossen mit einstimmten.
“Sind die aber böse! Hört mal, wie sie brummen?” sagte Judika und rieb sich die Augen, da er etwas von dem Rauch abbekommen hatte.
“Du heilige Einfalt”, meinte die große Marianne, “Wie hab ich mich erschrocken, als sie aus dem Loch gesaust kamen!”
“Und jetzt?” fragte Silvia.
“Jetzt müssen wir erst einmal abwarten, bis sie sich beruhigt haben!” ließ sich Annes helle Stimme wieder vernehmen.
“Da können wir lange warten, zumal sie nicht mehr in das Loch können. Schaut nur, wie es daraus qualmt!”
Alles sahen nach Mariannes Worten zum Bienennest hin, aus dem eine dicke Rauchwolke emporstieg. Sie mussten noch lange sich gedulden, bevor sie wieder zu dem Bienennest gehen konnten. Als es dann ruhiger zu werden schien, nur noch einzelne Bienen umhersummten über dem Nest, schlichen sie vorsichtig näher.
“Was ist, wenn die anderen Bienen wieder in das Nest gekrochen sind und über uns herfallen, um uns zu piesacken?” forschte Maria ein wenig ängstlich.
“Mensch, die gehen doch nicht in den Qualm zurück!” lachte Silvia.
Marianne nahm wieder den Spaten und stocherte damit in dem Loch herum, ließ sich dann einen “Stinkelino” reichen und stieß ihn ins Loch. Die restlichen Bienen, die noch über dem Loch schwirrten, suchten auch das Weite. Marianne grub nun energischer. Endlich entdeckten sie dann die Wabe, die wie eine Waffel aussah: auch mit so kleinen Räumen wie bei einer solchen abgeteilt. Eine klebrige Flüssigkeit war zum Teil noch in den einzelnen Löchern vorhanden.
“Ob das Honig ist?” fragte Maria.
“Lass mich mal!” bat Judika, schob Silvia zur Seite und tauchte den Finger in ein Wabenloch, um die Flüssigkeit zu probieren. “Hm, ganz süß! Das ist bestimmt Honig, probier Du mal, Marianne!”
Jetzt drängten sich alle vor. Jeder wollte einmal schlecken. “Langsam”, meinte Marianne, wobei sie die ausgeworfene Erde wieder in das Loch warf, “wir werden sie in den Garten mitnehmen - und dann darf jeder einmal davon kosten!”
Sie nahmen die Wabe und liefen damit zum Garten, setzten sich alle ins Gras und begannen mit ihrem Werk voller Eifer.
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Das Leben floss dahin. Sonnenschein wechselte mit Regen. Der Wind blies die Blätter, die von der Sonne erst grün, dann vom Herbst braun und rot gefärbt wurden, von den Bäumen. Die Blumen warfen ihre Blüten wieder ab und zogen sich zurück. Der Herbst kam heran. Und als er erst einmal da war, durchmaß er das Land mit großen, stürmischen Schritten und drückte der ansonsten freundlichen Natur seinen ihm eigenen Stempel auf.
Judika hatte im Sommer auch mal im Garten geholfen, denn er war ein ausgesprochen großer Tier- und Blumenfreund, hatte Obst, Beeren und Früchte gepflückt. Nun war diese Zeit auch vorbei. Es dauerte nicht lange, da wurde auch der Herbst vom Winter abgelöst. Die kältere Luft, der Hunger und die Not machten sich wieder deutlicher bemerkbar in der Familie Regiez. Silvia war mittlerweile zur ersten Heiligen Kommunion gegangen. Der Pastor hatte ihr extra ein paar schöne neue Schuhe geschenkt, die ihr ganzer Stolz waren. Bei der Kommunion selbst hatte sie ein weißes Kleid, eine Kerze und einen Efeukranz auf dem Kopf getragen. Sie sah wie ein Engel aus. Judika war erstaunt, dass seine sonst nicht gerade brave und auf den Mund gefallene Schwester beim Gottesdienst so unschuldig und schön aussah. Heimlich musste er grinsen, als Silvia in der Kirche an ihm vorbei schritt und ihm spitzbübisch ein Auge zukniff.
Überhaupt: die Kirche war eine Sache für sich! Da gab es eine Orgel, die immer ein Junge aus der höheren Klasse in Betrieb halten musste während der Messfeier, indem er einen Blasebalg trat. Noch toller fand er die Art und Weise des Glockengeläuts durch die Messdiener. Sie läuteten die Glocken, indem sie an dem Glockenseil zogen. Es sah urkomisch aus, wenn die oft relativ kleinen Messdiener daran zogen. Da das Seil mit einer großen Wucht zurückging, wurden sie mitgezogen, strampelten mit den Beinen und schwebten in der Luft. Zuweilen sah es aus, als wenn so ein Knirps jeden Moment in den Glockenturm sausen würde. Es gab dann immer in der Kirche ein verhaltenes Lachen bei den Besuchern. Sonntags gab es beim Gottesdienst extra einen Aufpasser für die Kinder. Es war der Kirchendiener, der ein langes, rotes Gewand sowie einen langen Stab trug, mit dem er die Störenfriede anstieß. Es kam auch vor, dass er Kinder hinausjagte, wenn sie zu frech sich benahmen. Judika vertrieb seine Zeit während der Messe damit, dass er den Mann beobachtete. Ansonsten fand er jeden Kirchgang recht langweilig und zermürbend.-
Die ersten Schneeflocken kamen. Sie fielen dieses Jahr früh und hatten es - unterstützt vom Nordwind - recht eilig, die Erde zu erreichen. Das war für die Kinder ein Spaß! Sie tollten im Schnee umher, wuschen sich gegenseitig, machten Schneeballschlachten und kippten Wasser aus, um eine Schlinderbahn erstellen zu können. Judika baute einen großen Schneemann im Garten, eine Schneehütte. Von den Geschwistern lernte er, wie man allerlei Figuren mit dem eigenen Körper in den Schnee machen konnte. Das Martinsfest konnte er leider nicht mitmachen. Nur fern konnte er dem Umzug zusehen. Die Mutter meinte, er sei noch zu klein dazu, um an einem solchen Umzug teilnehmen zu können. Im nächsten Jahr wäre es ihr aber schon recht.
Am 2. Dezember 1951 feierte Georg Hochzeit mit Irmgard Breuer. Beide wohnten schon vor der Heirat im Hause der Eltern der Braut. War das ein Fest! Vater und Georg hatten sich ausgesöhnt. Am Morgen hatte man das Brautpaar zur katholischen Kirche gefahren, mit einer prächtigen Kutsche. Dort wurden sie getraut. Noch nie war Judika so eifrig und andächtig bei der Sache gewesen wie bei diesem Gottesdienst. Danach hatte man für die Brautkutsche ein Seil gespannt, weil das so Sitte war. Die Kutsche musste anhalten, und der Bräutigam musste einige Hände voll Pfennige und Süßigkeiten werfen. Das hatte Georg auch getan. Und erst die Hochzeitsfeier! Sie dauerte zwei Tage. Am Anfang ging alles sehr ordentlich und gesittet bei der Feier zu. Aber schon am ersten Abend ging alles drunter und drüber. Georg warf am Abend noch einmal einige Hände voll mit Pfennigen auf den Rasen, wo sich Judika mit anderen Kindern aus der Siedlung vergnügte. Wie die Habichte stürzten sie sich darauf. Später ging Judika zu den etwas größeren Jungen, um ihnen beim Treiben zuzusehen. Einer legte Pfennige auf ein Luftgewehr und schoss die in die Luft. An diesem Abend konnte Judika auch eine gute Fletsche und einen großen Pitschendopp für seine ergatterten Pfennige erhandeln.
Am Abend entdeckte er mit einigen anderen Jungen, dass das Kellerfenster im Hause der Feiernden offen war. Heimlich stiegen sie mit einigen Jungen ein und holten sich einige Flaschen Schnaps und Wein heraus. Judika erhielt drei Flaschen Bier, nahm sie und verschwand mit ihnen ins Gebüsch, wo er sich gut versteckt - hinsetzte und jene Flüssigkeit in sich hineinrennen ließ, auf die der Vater immer so große Stücke hielt. Gut schmeckte sie nicht! Aber er trank zur Feier des Tages. Und er trank eine ganze Menge. Es wurde ihm schlecht. Sein Hinterteil wurde sehr unruhig infolge seines nach außen drängenden Inhalts.
Als ihn der mächtige Trieb ergriff, und er sich in Sicherheit bringen wollte, war es zu spät… Da lag er dann und konnte weder lachen noch weinen. Judika war betrunken! Man fand ihn erst eine Weile später zufällig auf dem Rasen vor dem Haus, als einer der Gäste herauskam und fast über Judika stolperte. Erst dachte man, ihm sei etwas passiert. Als man aber bemerkte, dass er betrunken war, fühlten seine Eltern sich blamiert.
“Ach Gott”, sagte eine Verwandte der Braut, “so klein - und schon ein Säufer!”
Judika bekam vom Vater vor den ganzen Gästen eine große Tracht Prügel. Anschließend brachte man ihn heim. Dort erbrach er und wurde ins Bett gesteckt.
Nikolaus kam. Das Weihnachtsfest folgte. Judika wusste inzwischen schon, dass es weder den Nikolaus noch den Osterhasen gab. Auch das Christkind schien es nicht in dem Sinne zu geben, wie man es allenthalben darstellte. Einmal hatte der Vater als Nikolaus sich verkleidet. Judika hatte ihn aber sogleich an der Stimme erkannt.
An diesem Weihnachtsfest war es sehr traurig, denn es war ja kaum Geld da. Man schmückte einen gestohlenen Tannenbaum, und natürlich hatten die Kinder auch ihren Wunschzettel geschrieben. Judika wünschte sich einen Stabilbaukasten. Zunächst ging es aber noch zum Gottesdienst. Danach kam die Bescherung. Die Kinder durften nicht ins Wohnzimmer, sondern mussten in den anderen Zimmern bleiben, bis die Bescherung fertig war.
“Ob ich meine Puppe bekomme?” fragte Maria.
“Und ich meine neuen Teile zur alten Puppenstube?” meldete auch Silvia sich.
Anne hatte sich ein paar Schlittschuhe gewünscht; und Marianne ein Paar Rollschuhe. Sie wurden ins Wohnzimmer gerufen. Der Baum war mit den alten Kugeln und Kerzen behängt. Die Kerzen warfen einen milden und hellen Schein auf die Gesichter der Kinder und milderten etwas die verbitterten Züge um den Mund. Unter dem Baum standen die Geschenke. Sie sangen ein Lied, wünschten sich ein frohes Fest. Nun erst konnten sie sich auf die Geschenke stürzen und sie auspacken.
“Oh!” rief Maria aus. “Ich habe meine Puppe! Sieh mal, Silvia, wie schön sie ist! Sie kann sogar mit den Augen wackeln und sie auf und zu machen…”
“Und schau mal her!” sagte Silvia und zeigte ihr mit freudigem Gesicht einige neue Teile für ihre Puppenstube.
“Ich habe meine Schlittschuhe auch bekommen!” Anne war schon dabei, die Schlittschuhe auszuprobieren.
“Meine Rollschuhe sind auch sehr schön!” sagte Marianne und zeigte sie voller Stolz den anderen.
“Judika, was hast Du denn bekommen?” erkundigte Silvia sich und wandte sich zu dem Bruder.
Judika aber hatte nichts bekommen. So sehr er auch gesucht hatte: es gab kein Päckchen mit seinem Namen. Seine Augen füllten sich langsam mit Tränen, die über seine Backen rollten. Das Herz tat ihm weh…
“Ich habe nichts bekommen”, sagte er mit trauriger Stimme. Es zuckte um die Mundwinkel.
Die Geschwister hielten plötzlich innen in ihrer Fröhlichkeit und schauten ihn ungläubig an.
“Was, gar nichts hast Du bekommen?” fragte Marianne.
Er schüttelte den Kopf.
“Das gibt es doch gar nicht! Mutti! Vati! Hat Judika wirklich nichts bekommen? Warum nicht?”
“Er war in der letzten Zeit sehr frech!” antwortete der Vater. “Deswegen wollten wir ihm eine Lehre erteilen!” Aber man merkte ihm an, dass ihm bei diesen Worten nicht sehr wohl war. Etwas böse schaute er zur Mutter.
“Das finde ich sehr gemein!” sagte Maria. “Dadurch ist mir alle Freude verdorben worden. Ich glaube nicht, dass das Christkind etwas so Gemeines tut und Judika gar nichts schenkt!” Und sie weinte ebenfalls.
Fest der Liebe! Noch nie hatte Judika sich so ausgestoßen gefühlt wie in diesem Augenblick. Er begriff die grausame Lieblosigkeit in ihrer ganzen Tragweite und ging still aus dem Zimmer - ohne noch etwas zu sagen.
Dieter war bei der Bescherung nicht anwesend gewesen. Auch er hatte sich zwar wieder mit dem Vater ausgesöhnt, ließ sich aber selten daheim blicken. Aber heute kam er etwa eine Stunde nach der Bescherung, hatte sich von seinen jüngeren Geschwistern die Geschenke zeigen lassen und verteilte generös selber kleine Geschenke an sie. Er erfuhr sofort, dass Judika nichts bekommen hatte. Zwar war Dieter ein rechter Rabauke, der keinerlei Hemmungen kannte, wenn es um Mädchen und seine eigenen Vorteile ging, aber für Judika hatte er schon immer etwas übrig gehabt. Er ging zu den Eltern und polterte mit seiner lauten Stimme los: “Wo gibt`s denn so was? Das sieht Euch mal wieder ähnlich! Deshalb habe ich persönlich auch auf Eure Geschenke geschissen. Man sollte es nicht für möglich halten, zu was Ihr fähig seid!”
Anschließend ging er zu Judika ins Schlafzimmer und setzte sich zu ihm aufs Bett. “Hör mal, Du darfst nicht traurig sein. Nimm es nicht so tragisch. Ich hätte mich auch sehr geärgert, wenn man mit mir so verfahren wäre. Aber pass mal auf, jetzt legen wir sie alle rein. Ich habe doch noch den großen Stabilbaukasten. Du kannst ihn haben. Ich schenke ihn Dir zu Weihnachten.”
Judika verschlug es die Sprache. Er fiel Dieter um den Hals. “Ist das wahr?”
“Sicher, mein Kleiner!”
Judika war glücklich, denn Dieters großer Stabilbaukasten war fast noch ganz neu.
“Was hast Du denn zu Weihnachten bekommen?”
“Nichts. Siehst Du, mir erging es nicht anders als Dir. Aber das macht nichts. Weißt Du, ich habe immer Geld genug und kann mir alles kaufen. Hier, da! Sieh mal, was ich da habe!” Er hatte seine Geldbörse herausgeholt, zeigte Judika den Inhalt.
“Soviel!” staunte dieser, denn soviel Geld hatte er noch nicht auf einen Haufen gesehen. “Woher hast Du denn das viele Geld?”
“Ja, man muss es nur richtig anfangen können, dann hat man schnell etwas herbeigeschafft!” tat Dieter sehr geheimnisvoll.
Später wurde Alkohol getrunken. Das Fest artete zu einem Saufgelage aus, man gröhlte und sang Weihnachtslieder. Zwei Kaninchen hatte man geschlachtet am ersten Weihnachtstag, so dass sich alle mal wieder richtig satt essen konnten. Eine Familie kam zu Besuch am späten Abend. Es war die Familie Fischer aus dem in der Nähe gelegenen Wenzdorf. Herr Fischer war ein ehemaliger Arbeitskollege des Vaters.
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Herr Regiez war äußerst labil und wankelmütig. Sein Verhältnis zu den Kindern entsprang nicht der wichtigen Vaterliebe, sondern wurde von der Notwendigkeit seines eigenen Lebens geprägt. Ersichtlich war besonders, dass der Vater seinen jüngsten Sohn nicht liebte. Judika seinerseits liebte ihn auch nicht. Sie lebten aneinander vorbei und erkannten einander nicht als Vater und Sohn. Es mag dahingestellt bleiben, inwieweit Krieg und Veranlagung, Milieu und Erziehung ihren Teil dazu beigetragen haben. Er strebte immer mehr dem Abgrund zu. In gewissen Momenten, wenn er nüchtern und aufgeräumt war, konnte er auf eine plump-vertrauliche Art sogar sentimental und rührselig werden. Indessen war gerade dies dazu angetan, die Kinder noch mehr zu verwirren, weil sie diesen unvermuteten Gefühlsausbruch aus ihrer Erfahrung her nicht zu begreifen vermochten. Mit Sicherheit machte er sich auch Gedanken über sein Tun, denn er war alles andere als dumm. Mitunter hatte er viele gute Vorsätze. Aber sie fielen sogleich ins Wasser, wenn er Alkohol roch. Davon konnte er eine Unmenge vertragen.
Wiederholt hatten die Eltern überlegt, ob sie sich scheiden lassen sollten. Eine Entscheidung darüber hatten sie aber immer wieder hinausgezögert. Das Geschah zumal auf Betreiben der Mutter. Der Vater liebte zwar die Mutter nicht mehr und gab ihr das oft genug deutlich zu verstehen, wie auch sie ihn nicht mehr liebte, aber von einer wirklichen Scheidung schreckte er doch zurück. Die widersprüchliche Natur des Vaters lässt sich schwer erklären. Er war krank in seelischer Hinsicht - vielleicht war er ein Psychopath und Neurotiker, der, obwohl er seine Kinder nicht richtig liebte, sie doch beisammen halten wollte.
Wenn der Vater nüchtern war, war er gerechter als die Mutter. Wäre er kein Trinker gewesen, hätte er für die Kinder der beste Vater der Welt sein können. Nicht selten war es aber auch die Mutter, die ihn bewusst reizte, in Wut brachte, zumal wenn er getrunken hatte und seiner Sinne nicht mehr mächtig war. Dann geschahen die furchtbarsten Dinge, denn man schmiss sich an Worten und Taten an den Kopf, was man gerade in Händen parat hatte.
An einem Donnerstagabend kam der Vater gegen 21.00 Uhr betrunken nach Hause. Judika, Marianne und die Mutter waren noch auf. Den ganzen Tag hatte der Vater vermutlich bei Kuhlhubers getrunken. Statt nun zu schweigen, da Worte ohnehin zu keiner Nüchternheit des Vaters geführt hätten, er aber sicherlich ins Bett gegangen wäre, um seinen Rausch auszuschlafen, forderte sie seinen Jähzorn nachgerade heraus. Der Vater kam in die Stube, sagte zu den Kindern: “Ach, Ihr beide seid ja noch auf! Habt ihr auf mich gewartet? Das ist nett. Ich will aber gleich ins Bett gehen, da ich sehr müde bin.” Das sagte er relativ freundlich.
“Das Schwein hat schon wieder gesoffen!” sagte die Mutter laut zu Marianne.
Der Vater stierte sie an, wechselte die Farbe, war einen Moment sprachlos. “Wer hat gesoffen? Wer ist ein Schwein?” brüllte er dann.
“Du, wenn Du andauernd säufst! So etwas tut ein Schwein nicht einmal!”
“Halt die Klappe und hüte Deine Zunge, sonst kannst Du etwas erleben, Du alte Hure!”
“Was bin ich?”
“Eine Hure, das sagte ich doch schon! Oder soll ich Nutte sagen, wenn Dir das lieber ist?”
“Du selber bist ein Hurenbock!” kreischte die Mutter los. “Meinste, ich wüsste nicht, dass Du Deine Piepen nicht nur versäufst, sondern auch im Puff in Wenzberg bei den Nutten verprasst und verschleuderst? Glaube ja nicht, so etwas würde mir nicht hinterbracht! Die Spatzen pfeifen es ja in der ganzen Nachbarschaft vom Dach…”
“Also Du spionierst mir nach?” Drohend kam der Vater auf sie zu.
“Ich? Dir nachspionieren? Dass ich nicht lache! Ich wüsste etwas Besseres! Die ganze Stadt weiß es mittlerweile, was Du für ein Kerl und Familienvater bist.”
“Ah… was Du nicht sagst! Und wer steigt mit wildfremden Kerlen ins Bett wie eine geile Kuh? Das bist Du doch! Und so eine will mir dann auch noch Vorwürfe machen!” Er brach nach diesen Worten in ein heiseres Gelächter aus.
“Lach nur”, meinte die Mutter, “Du bist für mich nicht ein Mann, sondern ein Waschlappen…”
“Jetzt will sie mich hochbringen!” sagte der Vater auf einmal erstaunlich ruhig zu Marianne. “Aber heute wirst Du das nicht schaffen! Ich bin betrunken, wie Du meinst, aber nicht so, dass ich darauf hereinfallen würde, Du altes Miststück.”
“Ja, weil Du Dir stark vorkommst, kannst Du Dir allerlei erlauben, sogar noch vor den Kindern. Aber schlag doch alles wieder kurz und klein! Los, schlag schon! Oder hol Dein Beil, ohne das Du ja nicht auskommst, wenn Du besoffen bist! Hol es doch, dann kommst Du endlich einmal ins Zuchthaus - und wir haben vor Dir Ruhe!”
“Dann kann ich Dich wohl nicht mehr stören, wenn Du Deine Besuche bekommst, wie? Das würde Dir so passen, das glaube ich. Ich soll nur mal einen von diesen Schweinekerlen erwischen!”
“Sie sind nicht so schwach wie ich…”
“Aha, also doch! Das stimmt es also, was man mir alles erzählt. Und das im eigenen Hause, unter den Augen der Kinder.”
“Dein Haus? Noch ist es meins! Dur wirst es eines Tages noch ganz versaufen! Es ist jetzt schon genug belastet!”
“Verrückt!” brummte der Vater. “Ich werde ins Bett gehen!” Er schlurfte davon.
Die Mutter warf ihm nach: “Der Verrückte bist wohl Du!”
Solche Vorfälle geschahen im Hause Regiez nicht selten. Jeder versuchte den anderen zu beschuldigen. Beide kamen gar nicht auf die Idee, dass damit nichts getan war, dass jeder ein bisschen Recht mit seinen Worten hatte, aber auch sehr viele Dinge sagte, die man hätte zuerst einmal selbst beherzigen sollen. Der Vater versuchte durch das Trinken zu vergessen. Irgendwie schien er sich zuweilen dabei zufrieden zu fühlen. Sicher, es war eine falsche Zufriedenheit, eine scheinbare, die ihm etwas vorspiegelte. Ihm schien das nichts auszumachen. Vielleicht fühlte er sich unter den Saufkumpanen wirklich wohler. Sie verstanden ihn. Da wurde nicht viel nach dem Warum? und Woher? gefragt, sondern er konnte frei nach Schnauze reden, wurde nicht ausgelacht und verspottet. Wusste er doch, wie verrufen er in Gorzberg war. Die Leute lachten über ihn und machten einen großen Bogen, wenn er des Weges kam. So kam auch er sich wie ein Ausgestoßener vor. Er hatte nicht einen wirklichen Freund. Auch er war einsam und verbittert. Er schämte sich seines Lebens, vermochte es aber nicht zu ändern. Vielleicht war er auch einfach zu bequem dazu.
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Als Judika an einem Montagnachmittag bei den Schularbeiten saß, trat der Vater auf ihn zu und sagte: “Geh mal eben mit in den Garten, ich möchte mit Dir allein sprechen!”
Judika folgte ihm in den Garten. Der Vater meinte: “Ich brauche heute abend wieder jemanden, der aufpasst! Wirst Du mitgehen? Ich werde Dir später auch etwas Schönes kaufen.”
“Ich weiß nicht recht. Ich mag so etwas nicht gern tun, Vater, und bekomme immer Angst dabei…”
“Ich bin ja bei Dir!”
“Ja, aber die Polizei hat mir gesagt, dass ich ins Gefängnis käme, wenn ich es noch einmal tun würde.”
“Ach, die Polizei! Die will Dir doch nur Angst einjagen. Kinder darf man doch gar nicht ins Gefängnis stecken, das darfst Du mir glauben!”
“Ist das wahr?” fragte Judika. “Warum hat man mich dann belogen?”
“Das macht die Polizei immer!”
“Komisch!”
“Ja.”
“Aber vielleicht komme ich dann ins Heim, und dort möchte ich nicht hin!”
“Wer hat Dir denn diesen Blödsinn erzählt? Niemand wird Dich ins Heim stecken!”
“Doch, ein Mann vom Jugendamt hat es mir selber gesagt. Er meinte, wenn ich mich nicht gewaltig bessere, müsste man mich in ein Heim bringen.”
“Dummer Kerl!”
“Ich habe Angst!”
“So lange ich hier bin und lebe, wird man Dich bestimmt nicht in ein Heim bringen, dafür werde ich schon sorgen, verlass Dich drauf!”
“Ich möchte eigentlich auch nicht mit”, sagte Judika behutsam, um seinen Vater nicht in Zorn zu bringen. “Ich möchte zu Hause bleiben. Abends bin ich immer so müde. Können wir nicht ein andermal gehen?”
“Nein, ich habe heute gerade etwas sehr Schönes entdeckt, das uns viel Geld einbringen kann. Herr Wersmann wird auch mitgehen. Wir brauchen nur noch einen Aufpasser! Also geh schon mit, ja?!”
Er redete so lange auf Judika ein, bis dieser widerwillig und um endlich Ruhe zu haben einwilligte. Abends gegen 21.30 Uhr erschien Michael Wersmann, einer jener dunklen Gestalten, mit denen der Vater wiederholt zu tun hatte und sich in den Kneipen herumtrieb. Er und Vater verschwanden ins Schlafzimmer und berieten sich. Dann nahmen sie zwei Aktentaschen. In eine von ihnen legten sie einen Bohrer, ein Stemmeisen, einen großen und kleinen Schraubenzieher, einen Glasschneider und einen durchgeschnittenen Gummiball, sodann eine Bolzenschere, Hammer, Handschuhe und anderes Werkzeug. Der Vater steckte zudem eine Taschenlampe und den Gummisauger aus der Toilette ein.
Sie gingen im Dunkeln die Kirchstraße hinunter, in Richtung Bahnhof, nach Berghausen. In einer kleinen Seitenstraße machten sie vor einem Lebensmittelgeschäft halt. “Brüggemann”, las Judika auf einem Schild über dem Schaufenster.
Wersmann öffnete die Tasche mit den Werkzeugen, nachdem sie sich vergewissert hatten, dass kein anderer Mensch in der Nähe war. Er holte den Gummisauger hervor, zog den Stiel ab und legte diesen wieder zurück. Dann pinkelte er ein wenig in den Hohlraum des Saugers, nahm den Sauger und stülpte die Saugfläche fest an ein zur Erde liegendes Fenster in der Nähe des Fenstergriffes auf. “Das ist die Küche!” sagte er, während er den Sauger an die Scheibe presste. Mit dem Glasschneider umrandete er den Sauger, drückte fester zu und hob das runde Stück Glas aus, griff in das Loch und öffnete von innen das Fenster. Er stieg ein und nahm eine Aktentasche mit. Judika und der Vater warteten draußen. Bald erschien Wersmann wieder und hatte die Tasche prall gefüllt.
“So”, sagte Wersmann, “laßt und nun zum anderen gehen!”
“Hat es sich gelohnt?” forschte der Vater.
“Es geht!”
Sie gingen die Gasse weiter hoch, zu einem anderen Geschäft.
“Wo ist das andere?” ließ sich des Vaters Stimme vernehmen. “Ist es weit bis dorthin?”
“Wir sind gleich da!” sagte Wersmann.
Sie kamen nach etwa 10 Minuten zu einem Geschäft, das mit Spirituosen aller Arten versehen war. Durch eine Torfahrt gingen sie hinter Wersmann her. Sie kamen auf einen Hof.
“Hier ist die Kantine! Jedenfalls muss man zunächst durch diese Tür!” Wersmann wies auf eine Tür, die er schwach mit der Taschenlampe anleuchtete. “Wenn man hinein will, muss man vorher auch noch durch einen kleinen Flur. Die Leute wohnen aber nicht hier, sondern vorne im Haus!”
Wersmann schnitt wieder mit dem Glasschneider ein kreisrundes Loch an den Fenstergriff. Er zog sich die Handschuhe an. Der Vater hatte seine längst übergestreift. Man öffnete das Fenster, damit Wersmann einsteigen konnte. Dieser öffnete dann von unten die Tür und ließ sie ein. Sie begaben sich in das Innere des Hauses.
“Leise!” sagte Wersmann. “Komm, Kleiner!” wandte er sich sodann an Judika. “Du stellst Dich jetzt an die Tür da vorn und passt auf. Wenn Du etwas siehst oder hörst, wenn einer kommen sollte, kommst Du und sagst uns schnell Bescheid!”
Judika stellte sich an die Tür und schob Wache. Er sah, wie sein Vater den Strahl der Taschenlampe auf das Schloss einer anderen Tür richtete. Wersmann hatte den Bohrer in der Hand und bohrte damit anscheinend am Schloss herum. Was er genau machte, konnte Judika nicht sehen. Jetzt nahm er den großen Schraubenzieher. Unmittelbar darauf hörte man ein Knacken, das sich mehrmals wiederholte…
Judika hörte ein Auto kommen…
“Da kommt ein Auto!” rief er leise zu den Männern hin.
Sofort kamen Wersmann und Vater zur Tür gerannt. Wersmann zog schnell die offene Haustür zu. Dann kauerten sich alle nieder und beobachteten durch den Spalt die Straße.
Der Wagen kam näher, bog in die Toreinfahrt ein und kam näher und näher, auf den Hof gefahren. Die Scheinwerfer trafen ihre Gesichter…
“Runter, duckt Euch!” flüsterte Wersmann.
“Verfluchte Scheiße! Das hat uns noch gefehlt!” murmelte auch der Vater. “Hoffentlich sieht man das Loch in der Scheibe nicht - dann sind wir in den Arsch gekniffen. Dass das jetzt gerade passieren muss!”
Judika hockte wie ein verängstigtes Vögelchen in der Ecke, ein Vögelchen, das gerade aus dem Nest gefallen war und nun zitternd und frierend auf dem Fußboden hockte. Sein Herz drohte ihm zu zerspringen, es dröhnte laut, so dass er es richtig schlagen hören konnte. “Lieber Gott!” betete er. “Mach, dass man uns nicht erwischt, damit ich nicht ins Gefängnis komme oder ins Heim! Ich werde auch nie mehr so ’was machen…”
Und der Herr des Himmels, der die Gerechtigkeit liebt und das Böse verachtet, der alle Bösewichter der gerechten Strafe zuzuführen bestrebt ist, der aber auch zugleich der Herr der Liebe und Barmherzigkeit ist und wie kein anderer um Judikas Leiden wusste, er ließ noch einmal Gnade vor Recht walten und schlug die Augen des Autofahrers mit Blindheit. Aber die drei Menschen waren wenig dankbar: kaum hatte der Herr Judikas Gebet erhört, nützten die bösen Anhänger Luzifers dies wieder weidlich aus und begaben sich von neuem an Werk.
Der Fahrer hatte das Fahrzeug in die Garage gebracht und war dann weggegangen.
“Verdammt!” sprach Wersmann, der Handlanger des Teufels, “da ham wa ja Schwein gehabt! Los, machen wir es schnell zu Ende! Judika! Du passt wieder auf!”
Eine viertel Stunde später hatten sie alles erledigt. Die Tasche, die Wersmann und der Vater mitbrachten, war prall gefüllt.
Leise schlichen sie wieder davon und pirschten über den Hof der Straße zu.
“Mensch, das ist noch einmal gut gegangen!” Der Vater wischte sich den Angstschweiß von der Stirn und vom Gesicht. Zwar war er nicht ganz unerfahren in solchen Dingen, aber ein solcher “Experte” wie Wersmann war er längst nicht. Gegen ihn war er ein Stümper. Und Judika ahnte nun zum ersten Mal, dass neben ihnen ein “schwerer Junge” ging, ein richtiger Ganove und Verbrecher.
Sie gingen den Weg zurück. Daheim wollten sie teilen. Aber das bekam Judika schon gar nicht mehr mit, denn er begab sich gleich ins Bett.
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Judika blieb nichts erspart. Es dauerte nicht lange, da kam er zum ersten Mal mit Dingen in Kontakt, von denen er überhaupt noch nichts verstand. Da war hinter der Wiese, zur linken Seite der Steinhalde, ein Feld, an dessen Ende ein großer Hühnerstall war: mehrere Holzbaracken, in denen etwa 300 Hühner ihr Dasein hegten. Früher war Judika immer dorthin gegangen mit anderen Jungen in seinem Alter. Abwechselnd legte man sich unter eine Ziege, die dort oft weidete, und melkte sich einen Strahl Milch in den Mund. Dabei gab es immer ein großes Gelächter, zumal wenn der Milchstrahl nicht in den Mund traf, sondern daneben ging.
Lange war Judika nicht mehr zu dieser Stelle hingegangen. Die Versorgung der Hühner betrieb ein blondlockiger, etwa 15jähriger Junge namens Werner Krautbusch. Dieser Krautbusch war geistig nicht ganz auf der Höhe. Er war recht gutmütig, wie das in der Regel bei “Trotteln” der Fall ist. Nur seine Ausdrucksweise entsprach seinem leichten Schwachsinn, denn er kannte eine Unmenge von der Straße und gab dieses Wissen ungeniert weiter.
Judika hatte ihm oft beim Füttern der Hühner geholfen. Krautbusch hatte ihm dabei gezeigt, wie man die Milch der Ziege direkt in den Mund bekommen konnte.
Diesmal war es ein Dienstag, als er zum Hühnerhaus ging. Krautbusch zeigte ihm ein Präservativ. “kennst Du das?”
Judika nickte. Er erzählte ihm von dem “Luftballon”, den er damals in Georgs Tasche gefunden hatte. “Stell Dir vor, die ganzen Leute haben so komisch geguckt, und Vater hat gesagt, dass ich das Ding wegwerfen soll…”
“Das war doch ein Pariser!” lachte Krautbusch laut los.
Judika sah ihn verwundert an. “Warum lachst Du denn so laut darüber?”
“Ach - nur so!”
Plötzlich zeigte Krautbusch ihm den zwischen Zeigefinger und Ringfinger geklemmten, vorn durchsehenden Daumen und fragte: “Kennst Du das?”
Judika verneinte. “Was ist denn das?”
“Sag bloß, das kennst Du nicht?”
“Nein!”
“Du bist aber blöd!”
“Was ist es also? Ist das Zeichen damit gemeint? Ich kenne nämlich einige Zeichen der Indianer! Aber das kenne ich bestimmt nicht.”
Krautbusch lachte wieder auf. Er machte jene weltbekannte Geste, mit der man einen gewissen biologischen Trieb und dessen Befriedigung bezeichnet, die in der ganzen Welt ohne Dolmetscher in ihrer Urbedeutung erfasst wird, die überall das Gleiche bedeutet. Dabei bewegte er den Finger schnell hin und her.
“Kennst Du das denn?” erkundigte er sich.
“Nein!”
“Du kennst ja gar nichts!”
Judika zuckte die Achseln. “Was soll das?”
“Das heißt Ficken!”
“Wie?”
“Ficken nennt man es überall! Das kennt jeder.”
“Ich nicht.”
“Was?”
“Ja, nie gehört. Was bedeutet es?”
Krautbusch lachte zwar schon wieder, aber er wollte es Judika nicht recht erklären.
Judika wusste mit dem Wort nichts anzufangen und bohrte darum weiter: “Also sag schon, was es ist!”
“Hast Du noch eine Schwester?”
“Klar, vier Stück sogar.”
“Sind sie hübsch?”
“Ziemlich, warum?”
“Wie alt sind sie denn? Wie alt ist die älteste?”
“Marianne? Oh, die ist schon bald fünfzehn…”
“Ach, so alt wie ich?” Krautbusch leckte sich über die Lippen.
“Hat sie schon stramme Titten? Sicher, wie? Sie fickt bestimmt schon die Jungen, was? Kann ich die nicht mal ficken?”
“Was ist ficken?”
“Du kannst ja mal Deine große Schwester fragen, die wird es Dir bestimmt sagen!” Er machte wieder die Geste und sagte das zutreffende Wort dazu.
Judika fand das blöde und machte sich bald wieder davon. Als er nach Hause kam und Marianne im Garten antraf, wo sie gerade ihr Fahrrad putzte, fragte er sie naiv: “Kennst Du das?” Und er machte dabei die Geste, die Krautbusch ihm gezeigt hatte.
Marianne wurde rot, stellte sich aber dumm, sagte: “Nein, das kenne ich nicht. Was soll es denn sein?”
“Warum bist Du denn auf einmal so rot geworden?”
“Ach, ich habe mich ein bisschen überanstrengt, die Schraube hier saß so fest. Komm, Du kannst mir dabei helfen.”
“Ja, weißt Du, das heißt ‘Ficken’! Was ist das? Denn was es heißt, weiß ich auch nicht.”
“Wo hast Du das denn her?” Marianne fing an zu kichern.
“Du weißt also doch, was es heißt?” Judika sah sie etwas beleidigt an. “Du kannst es mir ruhig sagen. Ist es etwas sehr Schlimmes.
“Von wem hast Du es?”
“Das hat mir der olle Krautbusch vom Hühnerstall gezeigt. Er hat gesagt, ich soll Dich fragen, denn Du wüsstest, was es heißt.”
“Hat er sonst noch etwas gesagt?”
“Ja, er hat gefragt, ob Du dicke Titten hast und dass Du Jungen ficken würdest…”
“Das hat er gesagt, dieses geile Schwein, dieser Affe, dieser Idiot?”
“Ja.”
“Du solltest nicht mehr zu ihm hingehen, denn er verdirbt Dich noch ganz. Hör mal, es ist ein sehr schlimmes Wort, das Du vorhin gesagt hast! Und auch das, was Du mir gerade gezeigt hast mit Deinen Fingern. Es ist böse! Sage oder zeige das niemanden, besonders nicht Mama oder Papa; denn die würden Dich dafür mächtig verprügeln.”
“Ist es wirklich so schlimm?”
“Ja, denn man sagt so etwas nicht!” Marianne kam sich wie eine weise Tante von Judika vor. Sie wusste nur zu gut, dass sie mit ihren Freundinnen oft genug über solche Dinge sprach und dabei noch ganz andere Worte fielen. Aber was brauchte dies Judika zu wissen, der noch Eierschalen hinter den Ohren sitzen hatte und es ohnehin nicht verstehen würde!
“Kannst Du mir das denn nicht ein klein bisschen erklären?”
“Das ist zu schwer für Dich. Du bist noch zu klein dafür!”
Am liebsten hätte er geflucht wie Großvater, wenn er in Fahrt war. Immer war er zu klein! Immer konnte er nichts verstehen!
“Dann frage ich den Krautbusch!” sagte er aggressiv. “Der wird es mir schon sagen.”
“Das wirst Du sein lassen, hörst Du? Es hat etwas mit Jungen und Mädchen zu tun… So, und nun muss Du Dich damit zufrieden geben. Mehr erfährst Du von mir nicht darüber. Ich muss jetzt mein Fahrrad weiter putzen. Du hast mich sowieso schon zu lange aufgehalten. Geh jetzt schön spielen!”
Judika trollte sich davon. Wie eigenartig! Mit Jungen und Mädchen hatte es zu tun? Wie konnte das sein? Vielleicht, weil die Mädchen unten und oben anders waren als die Jungen? Was es war, wusste er aber auch nicht. Die Brüste der Mädchen kannte er ja hinreichend, da man sie ja deutlich durch die Kleidung sehen konnte, weil sie wie zwei Hügel, nein, wie zwei Bälle aussahen. Anne und besonders Marianne hatten ja schon welche, und er kniff dort beim Balgen gern hinein, weil die Mädchen dann immer so hell aufschrieen. Silvia hatte auch schon welche, aber das waren erst Äpfel. Die Dinger waren so schön weich. Wenn er früher bei Marianne geschlafen hatte, weil der Alptraum ihn ängstigte, hatte er sich ganz eng an sie angekuschelt und seinen Kopf an die Brüste gelegt. Die waren dann sein weiches Kopfkissen… Gewiss also: oben gab es keine Geheimnisse mehr für ihn. Aber unten war das so eine Sache. Denn man konnte da nichts Rechtes bei den Mädchen sehen. Silvia , Anne und Maria hatte er schon wiederholt nackt beim Baden gesehen, aber das “Warum” dieser Andersartigkeit gegenüber den Mädchen wusste er nicht, konnte er auch nicht beantworten. Auch fand er es komisch, dass Marianne unten alles voller Haare hatte - und Anne auch, wenn auch noch nicht so viele, derweil die anderen Schwestern unten noch ganz kahl waren. Für was sollte das gut sein? Sie hatten etwas, das wie Lippen aussah und etwas vorgewölbt war. Dass man auch den Finger hineinstecken konnte, hatte Judika durch einen besonderen Umstand erfahren:
Er war eines Tages in den Garten gegangen und hatte Anne überrascht, als sie in den Johannisbeersträuchern hockte, das Höschen unten war und sie den Finger hineingesteckt hatte. Sie schien sich zu streicheln und steckte manchmal den ganzen Finger rein, zog ihn wieder raus, um ihn erneut rein zustecken. Also - so schloss Judika weiter - musste dort zwischen den Beinen bei den Mädchen ein großes Loch sein. Als er noch klein war, hatte es ihn sehr interessiert, Maria zuzuschauen, wenn sie pinkeln musste. Daher wusste er, dass die Mädchen auch ein Loch hatten zum Pinkeln - genauso wie die Jungen. Aber dass dort ein Schlitz war, wo man den ganzen Finger reinstecken konnte, hatte er nicht gewusst bis zu dem Zeitpunkt, als er es bei Anne gesehen hatte. Er konnte sich damals allerdings nicht recht vorstellen, was Anne trieb. Daher war er hingegangen und hatte sie gefragt:
“Was machst Du denn da? Warum steckst Du Deinen Finger da hinein?”
Anne war ganz erschrocken gewesen. Mit rotem Kopf hatte sie sich schnell die Hose wieder hochgezogen und dabei gesagt: “Ich habe gepinkelt!”
Er hatte sich damit zufrieden gegeben. Aber eines Tages beschloss er dann, auf eigene Faust bei den Schwestern Nachforschungen anzustellen, wie es da unten bei ihnen beschaffen sei. Er wollte die Nacht dazu verwenden, wenn die Schwestern tief schliefen.
So schlich er sich nachts in das Schlafzimmer der Mädchen und schob langsam seine Hand unter die Decke von Silvia. Aber o Schreck! Silvia wurde sogleich wach und schaute ihn erschrocken und entgeistert an:
“Was machst Du denn hier?”
“Ich habe solche Angst, denn ich habe geträumt. Und die Eltern möchte ich nicht wecken, sonst schimpfen sie wieder”, log er. “Darf ich ein bisschen zu Dir ins Bett kommen?”
“Mich weckst Du aber, was? Na los, dann komm schon her!”
Sie rückte ein wenig zur Seite und hob die Decke. Judika schlüpfte neben ihr ins Bett. Sie schwiegen.
Weil beide nicht so schnell einschlafen konnten, fragte Judika leise: “Warum sind die Mädchen unten anders als wir Jungen, Silvia? Warum habt Ihr kein Männchen? Fehlt Euch da unten etwas, oder haben wir zuviel?”
“Quatsch, was sollte uns denn fehlen? Aber ich möchte auch viel lieber ein Junge sein als ein Mädchen und so ein Männchen haben. Warum wir keins haben, weiß ich auch nicht.”
“Möchtest Du meins mal sehen?” fragte Judika. “Ich zeige es Dir gerne einmal!”
“Ich habe es ja schon oft gesehen, wenn Du gebadet hast”, meinte Silvia. “Aber lass es mich mal fühlen!”
Sie ging mit ihrer kleinen Hand ans Judikas Männchen und betastete es recht ausgiebig…
Judika bekam eine Erektion.
“Oh, es wir ja lang, Judika! Komisch, ist das immer so? Wie kommt das?”
“Weiß ich auch nicht! Es wird halt zuweilen lang und dick. Da kann man nichts dagegen machen. Es kitzelt…”
“Wie komisch das ist. Willst Du auch einmal bei mir?”
“Ja, sicher”, sagte er eifrig, richtete sich ein wenig auf und ging mit seiner Hand an Silvias Scheide, betastete ihre Schamlippen.
“Autsch!” Sie unterdrückte einen Schrei. “Was machst Du denn da? Du kannst doch da nicht einfach Deinen Finger hineinstecken! Du tust mir ja weh!”
“Man kann, man kann!” sagte Judika. “Ich habe es bei Anne gesehen, im Garten!”
“Was hast Du bei der Anne gesehen?”
“Das man den Finger reinstecken kann, was denn sonst!”
“Was, Du hast ihn hineingesteckt?”
“Ich doch nicht! Anne bei sich selber!”
“Aber Anne ist doch auch größer für so was als ich. Komm, lass es sein, denn es tut so weh! Du kannst ja nur streicheln!”
“Hast Du noch nie den Finger rein gesteckt, Silvia?” forschte Judika leise.
“I, wie denn? Das tut doch viel zu weh!”
Judika hatte Silvia noch einige Zeit gestreichelt - und sie ihn. Dann waren beide eingeschlafen.
Am Wochenende wurde Judika um eine Erfahrung reicher: Oft holte man vom Bauern Stenzel Stroh in Pressbunden. Der Bauer hatte seinen Hof in der Nähe der Halde. Mit dem Stroh legte man den Hühnerstall aus. Sehr oft spielten die Kinder auch auf dem Stallboden im Stroh. Manchmal waren auch Mariannes Freundinnen oder jene von Silvia dabei. Dann gab es immer ein Gekicher und Gelache der Mädchen, wenn Judika Fratzen zog.
An diesem Wochenende holte er ein Bund Stroh, schleifte es die Schienen entlang, denn es schien ihm mächtig schwer. Er und die Mädchen polsterten eine Stelle des Stallbodens besonders dick mit Stroh. Die Kinder saßen darauf. Silvias Freundinnen waren ebenfalls dabei: es war das Zwillingspaar Jutta und Margret Werfel, deren Eltern Mieter in Großvaters Haus waren. Silvia hatte ihre ganze Puppenstube dabei und Annes Kaufladen. Man spielte Verkaufen, wobei Judika wieder den Kaufmann spielen musste. Eine Weile war man damit eifrig beschäftigt, bis dann Jutta auf die Idee kam, dass man doch “Doktor” spielen könnte. Alle waren gleich damit einverstanden. Und die drei Mädchen erklärten Judika einstimmig zum Doktor. Ihm war es nur recht.
Aber wie fange ich es an?” erkundigte er sich.
Die drei Mädchen lachten über diese kindliche Unbeholfenheit. Am lautesten lachte Jutta. “Das musst Du doch selber wissen”, kicherte sie.
“Ja, aber wie soll ich anfangen? Ein Doktor hat doch immer so ein rotes Ding umhängen, das wie ein Schlauch aussieht und bei ihm im Ohr ist. Das muss ich haben!”
“Da können wir einen Gartenschlauch nehmen!” Silvia rannte los und holte einen langen Schlauch.
“Was? Damit soll ich Euch untersuchen? Der ist ja viel zu lang!”
“Aber doch nicht den ganzen Schlauch”, meinte Silvia. “Wir schneiden ein Stück davon ab.”
Ein Messer wurde geholt und ein etwa 50 cm langes Stück davon abgeschnitten. Judika nahm das Stück und untersuchte damit neugierig die genitalen Stellen…
“Hast Du was?” wandte er sich fragend an Margret.
“Du musst ‘Sie’ sagen!” sagte Silvia. “Margret ist doch jetzt eine Dame, die zu Dir kommt und sich untersuchen lassen will. Gib mal den Schlauch her! Ich zeige Dir mal, wie es gemacht wird!”
Sie nahm den Schlauch und wandte sich an Margret: “Bitte schön, gnädige Frau, was steht zu Ihren Diensten? Welche Beschwerden haben Sie?” Silvia sagte das mit einer Stimme, die recht tief klingen sollte; aber das klappte nicht recht.
“Herr Doktor, ich habe so komische Schmerzen im Leib!” sagte nun Margret.
“Hm, ich will doch mal Ihre Brust abhorchen!”
“Die Brust?”
“Ja, machen Sie sich bitte frei!”
Margret tat dies. Silvia hielt das eine Ende des Schlauches an Margrets kleine, ein wenig geschwollene Brust und das andere Ende ins Ohr.
“Hm… hm! Sonnst irgendwo Schmerzen, gnädige Frau? Vielleicht im Hals? Am Ohr? Weiter unten? Haben Sie einen guten Stuhlgang gehabt? Sonst haben Sie also keinerlei Beschwerden mehr?”
“So muss es ungefähr gemacht werden!” sagte sie dann zu Judika und gab ihm den Schlauch zurück.
Judika ging zu Jutta. “Lass mal sehen! Ich will mal horchen!”
Silvia wollte schon wieder protestieren, aber Jutta winkte ab. “Lass ihn nur”, meinte sie, “er kann es nicht besser! Herr Doktor, mir tut die Brust weh!”
“So”, räusperte Judika sich und versuchte ein nachdenkliches Gesicht aufzusetzen. Wohlgefällig und neugierig betrachtete er die schon recht ansehnlichen Brüste des Mädchens. “Wo tut das Ding weh?” forschte er und zeigte mit dem Schlauch auf ihre Brust.
“Hier!” sagte das Mädchen und tippte mit den Fingern auf die linke Brust. “Es zieht hier so komisch.”
Der kleine Doktor nahm den Schlauch. “Lass mal!” Und er setzte ihn auf die rechte Brust an. Jutta sagte nichts, obwohl es die falsche war.
“Ist es hier?”
“Ein bisschen mehr links!”
Judika nahm die Hand zur Hilfe und knetete mächtig an der Brust herum… Plötzlich ließ er sie los.
“Gesund!” sagte er dann.
Die Mädchen protestierten. Sie schrien gemeinsam wie ein Chor: Mogel… mogel - Du musst uns richtig untersuchen!”
Man muss sich doch auch ausziehen beim Doktor”, sagte Jutta
“Ausziehen? Na, dann mal los, zieh Dich aus, wenn ich bitten darf… Nein, zieht Euch am besten alle aus und setzt Euch hier hin!” Er wies bei diesen Worten ins Stroh.
Die Mädchen hockten sich hin und zogen die Höschen herunter, hoben die Kleidchen bis zum Hals hoch. Ihre kleinen Brüste standen wie Kugeln vom Körper ab.
Judika hockte sich vor ihnen hin und untersuchte sie. War das ein Gekichere!
Als er zu Silvia kam, sagte er: “Dich habe ich damals schon im Bett untersucht. Dich brauche ich nicht mehr. Bei Dir tut es ja doch weh.”
“Du musst mich auch untersuchen!” verlangte Silvia, “sonst gilt es nicht…!”
Judika tat, als habe er ihre Worte nicht gehört. “Zeig mal!” verlangte er von Jutta und steckte seinen Kopf zwischen ihre Beine, um ihre Genitalien zu untersuchen. “Kann man da den Finger reinstecken? Bei Silvia geht das nicht!”
“Ich glaube schon!” Jutta zog unaufgefordert ihre Vulva etwas auseinander mit ihren Fingern.
Judika steckte seinen rechten Zeigefinger hinein, bohrte eine Weile neugierig herum, zog ihn wieder heraus, um ihn erneut hineinzustecken…
“Tut das weh?”
“Kaum.”
“Dann ist es gut.”
“Ja - es kitzelt.”
“Komisch, was Du für ein Ding hast! Warum ist das denn zum Pinkeln so groß?”
“Das ist immer so.”
“Sieh mal, wie klein das Loch in meinem Männchen ist!”
Er holte nach seinen Worten ungeniert sein Männchen heraus und ließ es sehen.
Drei Mädchenköpfe beugten sich neugierig und aufmerksam über das kleine Wunderwerk seiner noch unausgereiften Männlichkeit.
“Einen Sack habe ich auch darunter!” sagte Judika stolz, als er bemerkte, wie sehr er Eindruck erweckte.
Die Mädchen betasteten seinen Hodensack. “Was ist da denn drin!?” fragte Jutta, die den Inhalt ausgiebig befühlte.
“Weiß nicht!” sagte er.
“Ob die Großen so etwas auch haben?”
“Glaub ich schon…”
Judika untersuchte die Mädchen der Reihe nach alle drei: auch bei Margret steckte er den Finger hinein. Die Mädchen hatten das nicht ungern, so dass sie ihn in seinem Bemühen, sie genau zu untersuchen, tatkräftig unterstützten. Die von der reinen Natur verursachte kindliche Neugierde war nichts anderes als der Drang, in die Dinge einzudringen, die man noch nicht kannte.
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Die Vorzeichen zu einer Heimerziehung mehrten sich. Judika musste mit seiner Mutter zum Gericht. Dort wurde er noch einmal zu jenem Diebstahl befragt, bei dem man ihn ertappt hatte. Er wurde verwarnt. Es schaltete sich durch das Jugendamt das Vormundschaftsgericht ein. Man beriet über Judikas Einweisung in ein Fürsorgeheim. Judika selbst ahnte davon nichts. Die Bürokratie arbeitete mit der Langsamkeit eines dahin kriechenden Regenwurmes und ließ sich Zeit.
Judika hatte seine Gnadenfrist. Er spielte und tollte wie eh und je herum und hatte sich in letzter Zeit geweigert, noch einmal bei Diebstählen den Aufpasser zu spielen. Man drohte ihm, prügelte ihn durch und behandelte ihn noch liebloser. Innerlich war er der alte geblieben; nur äußerlich hatte er sich verändert.
Ein neuer Frühling war ins Lang gezogen. Judika besuchte wieder regelmäßig die Schule. Aus irgendeinem Grunde schien er diesen Frühling besonders genießen zu wollen. Die Sonne lächelte lieblich auf das dunkle Haar des Knaben und brach sich in den Wasserlachen, die seinen Weg begleiteten. Er hatte den Weg in den Wald eingeschlagen. Seine Gedanken gingen zu dem Tag zurück, als er mit dem Vater diesen Weg gegangen war… Er kam zur Süggel und kletterte den kleinen Damm des Baches hinunter, ging den Bach entlang. Ab und zu hob er einen kleinen Stein vom Boden auf und schleuderte ihn ins Wasser, blieb dann stehen und beobachtete, wie der Stein rasante Sprünge machte, ehe er schwerfällig im Wasser versank. Bis nach Wenzdorf marschierte er. Seine kleinen Beine schmerzten bereits. In der Nähe des Heidetales sah er eine riesige Schafherde vorüberziehen und blieb eine Weile stehen. Unlustig ging er danach weiter. Schließlich fasste er den Entschluss, einmal zu den Großeltern zu gehen. So ging er also den ganzen Weg wieder zurück und hatte bald die Weberstraße erreicht. Vor dem Haus der Großeltern blieb er stehen, trat ein und klopfte.
Ein schwaches “Herein!” erfolgte.
Er drückte die Klinke nieder. Der Großvater, der gerade die Zeitung las, schaute ein wenig verblüfft über den Rand seiner Brille.
“Aber Judika, wo kommst Du denn her?” fragte er. “Bist Du den ganzen Weg von Gorzberg bis nach hier zu Fuß gelaufen?”
Judika nickte. Er befand sich hier bei den Eltern seines Vaters, die er ansonsten recht selten besuchte..
“Komm mal her!” verlangte der Großvater. “Sieh mal Mutter, da läuft dieser kleine Bursche bis hierher zu Fuß, um uns zu besuchen! Na, wie geht’s Dir denn?” Er fasste ihn am Arm und sah ihn an. “Was macht die Schule? Mutter! Hol doch mal einige leckere Sachen her für unseren tapferen Kerl!”
Die Großeltern mochten Kinder gern. Zwar vermochten sie ihrem Sohne nicht zu verzeihen, aber seinen Kindern gegenüber waren sie sehr herzlich und aufgeschlossen.
“Jetzt warst Du schon sehr lange nicht mehr bei uns…”
In diesem Moment ging die Tür zum Wohnzimmer auf und eine Dame mit einem alten Dackel erschien. Der Dackel kam zu Judika, schnupperte ein Weilchen an ihm herum und stieß dann ein heiseres Bellen aus, versuchte an Judika hochzuspringen und ihm die Hand zu lecken.
“Siehst Du”, meinte der Großvater, “Axel erkennt Dich wieder. Er freut sich, dass er Dich sieht!”
“Ja”, sagte Judika und streichelte den Hund, der fröhlich mit dem Schwanz wedelte.
Die Großmutter gab ihm die Hand. “Tag, Junge! Wie geht es denn Deinen Geschwistern?” erkundigte sie sich, nachdem sie sich gesetzt hatte.
“Marianne kommt jetzt aus der Schule”, erzählte er. “Anne ist zumeist immer mit ihrer Freundin weg. Ich spiel immer mit Silvia und Maria…”
“Und die Mutter…?”
“Die ist ja fast nie da - wie der Papa, der noch immer säuft und Krach macht. Dann haut er uns… Aber die Mutter ist schlimmer! Sie haut mich immer mit dem Stocheisen auf den Kopf…”
“Mit dem Stocheisen?” fragte der Großvater entsetzt.
“Ja, damit! Vor einigen Tagen hat sie mir das Ding noch auf den Kopf gehauen… Da…!”
Er ging zum Großvater und hielt ihm den Kopf hin. “Fühl mal! Da ist jetzt noch eine Beule!”
“Schrecklich!” sagte die Großmutter. “Unfassbar! Das ist ja nicht mehr menschlich! Was soll man da nur sagen, Eduard?”
“Ich habe es ja immer gesagt”, meinte der Großvater. “Ich habe zu unserem Sohn ja immer gesagt, er soll sich nicht mit Brigitte einlassen. Aber er wollte ja nicht hören. Wir sollten uns da aber nicht einmischen…!”
Judika blieb etwa drei Stunden bei den Großeltern. Danach machte er sich wieder auf den Heimweg. Als er daheim ankam, hatte bereits eine Bombe eingeschlagen:
Die Mutter teilte ihm ziemlich bewegungslos mit, dass er am Montag ins Heim sollte.
Gerade übers Wochenende hatte er also noch Zeit, um seine Sachen zu ordnen. Der Vater sollte ihn am Montagmorgen selber ins Heim bringen. Vorher sollten beide beim Gorzberger Jugendamt vorbeikommen.
Judika fiel aus allen Wolken, als er diese Nachricht erhielt. Die Lust, übers Wochenende noch zu spielen, verging ihm gründlich. Zunächst wollte er einfach weglaufen, aber dann verwarf er diesen Gedanken wieder. Besonders schmerzte es ihn, dass die Eltern ihn einfach hergaben. Hatte der Vater nicht immer betont, er werde es nicht zulassen, dass man ihn in ein Heim stecken würde? Innerlich kochte er - aber er hielt still, da er wusste, dass er gegen die Großen nicht ankam.
Am Montag musste er ganz früh aufstehen und wurde sauber angezogen. Die Geschwister machten ganz traurige Gesichter. Dieter versprach, ihn besuchen zu kommen. Es gab Tränen. Immerhin war er ja ein Teil der Familie. Besonders Maria und Silvia waren sehr betrübt. Die Mutter zeigte beim Abschied ein wenig Gefühl.
Judika hatte schreckliche Angst vor dem Ungewissen, als man endlich losging. Er klammerte sich verzweifelt an seinen Vater. Sie fuhren zunächst zum Gorzberger Jugendamt. Dort wurde dem Vater mitgeteilt, dass er den Sohn nach dem Michaelishaus in Bonzstadt bringen sollte. Judika verstand nicht alles, was gesprochen wurde. Aber er staunte: nicht das Vormundschaftsgericht direkt hatte die Heimeinweisung verfügt, sondern die Eltern selbst steckten dahinter. Vermutlich war er ihnen in der letzten Zeit zu unbequem geworden. Es war also eine “freiwillige Fürsorgeerziehung”, in die man ihn verbringen wollte…
Nach Erledigung dieser Formalitäten fuhren sie mit dem Bus und der Straßenbahn bis nach Bonzstadt hinaus. Ein wenig erleichtert stellte Judika fest, dass Bonzstadt gar nicht weit von Gorzberg weg lag: nur 15 Kilometer. Das tröstete ihn ein wenig. Da konnten ihn die Geschwister sicher oft besuchen kommen. Aber dieser Trost hielt nicht lange an. Bald war er wieder seiner Melancholie verfangen.
In zwei Stunden waren sie in Bonzstadt. Sie mussten erst einmal den Weg zum Heim erfragen.
Endlich erreichte man das Heim. Recht düster - fand jedenfalls Judoka - nahm es sich aus. Es lag fast mitten in der Stadt.
Danach ging eigentlich alles sehr schnell: Der Vater drückte auf die Klingel am Hauseingang. Nach einer Weile wurde in der Tür ein vergittertes Klappfensterchen aufgemacht. Das Gesicht einer alten Nonne - oder? - wurde sichtbar.
“Sie wünschen?” fragte sie misstrauisch den Vater.
“Ich wollte meinen Sohn bringen! Das Gorzberger Jugendamt wird Sie deswegen wohl schon benachrichtigt haben?”
Sie sah Judika von oben bis unten an. “Warten Sie”, meinte sie nun und öffnete die Tür. “Kommen Sie herein!” Sie öffnete linker Hand eine Bürotür und ließ sie eintreten.
Der Vater musste die erforderlichen Personalien angeben. Der Abschied verlief schnell. Judika musste mit den Tränen kämpfen - alles kam ihm noch so unwirklich, wie ein Traum vor.
Er bemerkte, dass der Vater sich plötzlich zu schämen schien, dass er ihn einfach hier zurücklassen musste. Judika empfand es als großen Verrat gegenüber seinem Wesen.
“Ich komme Dich bestimmt bald besuchen!” versprach der Vater.
Er verließ Judika, ohne sich noch einmal umzusehen, obschon Judika es innerlich sich wünschte, dass er das tun würde. Er konnte es einfach nicht fassen, dass er nun nicht mehr bei seinen Geschwistern sein sollte, sondern mit wildfremden Kindern im Heim.
Bevor er nach oben zu seiner künftigen Abteilung geführt wurde, hielt ihm die Nonne einen Vortrag über das Betragen im Heim.
“Du wirst Dich hier anständig führen! Hast Du das gut verstanden?”
“Das fängt ja gut an!” sagte er zu sich selbst. “Ich bin ja nicht schwerhörig!”
“Hast Du gehört!” sagte die Nonne nun strenger.
“Ja!”
“Ruhe und Ordnung wird hier gehalten”, fuhr die Nonne fort. Wenn Du etwas hast, kannst Du es der Gruppenschwester sagen. Gestritten wird sich hier mit den anderen Kindern nicht, denn wir haben schon gehört, dass Du ein gerissenes Bürschlein bist. Sauberkeit hat zu herrschen! Im Schlafsaal ist Ruhe; mit dem Bettnachbarn wird sich nicht unterhalten! Wer hier nicht pariert, der bekommt es mit dem Stock - solange, bis er es begriffen hat, damit Du gleich Bescheid weißt. Unkeuschheiten mit anderen Kindern werden nicht geduldet. Man hat zu gehorchen. Und der Gruppenschwester ist nicht zu widersprechen…”
‘Junge, Junge’, dachte Judika, ‘ das kann ja noch etwas werden hier. Da sehe ich ziemlich schwarz!’
“So - und nun komme mit nach oben, ich werde Dich zur Gruppe bringen, in der Du vorläufig bleiben wirst!”
Es waren nur wenige Kinder da. Die anderen waren alle in der Schule.
“Tag!” sagte er nur und setzt eine Miene auf, die nicht daran zweifeln ließ, dass er sich nichts gefallen lassen würde. Er sprach nicht viel mehr, als dass er der Gruppenschwester die Hand gab und sich vorstellte. So verhielt er sich den ganzen Tag.
Am Nachmittag waren alle Kinder wieder vollzählig. Beim Mittagessen saß er mit 5 anderen Knaben an einem Tisch. Er aß schweigend, obschon man ihn neugierig musterte. Danach hatte er gespielt. Es folgte das Abendessen. Es war ein ausgesprochen langweiliger Tag. Schon um 18.00 Uhr ging es zu Bett, nachdem man vorher die Zähne geputzt und sich gewaschen hatte.
Auch in den folgenden Tagen verhielt er sich sehr verhalten und schweigsam: er war ernst und verschlossen. Und auch die Nonnen kamen nicht an ihn heran. Wie komisch die Nonnen aussahen! Sie trugen eine riesige Haube, die nach oben hin spitz zulief. Dass sie mit diesem Ding den ganzen Tag herumlaufen konnten, fand Judika reichlich verwunderlich.
Am fünften Tag - einem Freitag - war plötzlich nach dem Mittagessen Judikas Vater da. Ernst und verschlossen war er erschienen. Judika freute sich und dachte zunächst, der Vater wolle ihn besuchen. Aber der Vater wollte ihn mitnehmen. Judika konnte es nicht glauben; denn die wenigen Tage, in denen er von seiner Familie getrennt war, dünkten ihm eine Ewigkeit zu sein.
Judika fuhr mit seinem Vater zurück nach Gorzberg. Aber seine Freude wurde rasch getrübt, als er unterwegs erfuhr, dass er nur für kurze Zeit nach Hause sollte. Bereits am Montag sollte er in ein anderes Heim, das sehr weit von Gorzberg entfernt lag. Das traf ihn wie ein Fels aus der Luft. Übers Wochenende, so hatte das Jugendamt Gorzberg gnädig erlaubt, durfte er noch bei seiner Familie bleiben. Bevor er ins neue Heim sollte, musste er noch einmal mit dem Vater beim Jugendamt vorbeikommen.
Von seinen Geschwistern wurde er herzlich begrüßt. Aber es war noch deprimierender als vor Tagen, da man ihn ins Michaelisheim geleitet hatte.
Das Gorzberger Jugendamt schien sich indessen allerlei dabei gedacht zu haben: hier hielt man eine Heimerziehung für unumgänglich für das Wohl des Kindes, das, wie man glaubte, infolge der zerrütteten Familienverhältnisse sittlich und moralisch an Leib und Seele auf das Höchste gefährdet zu sein schien. Gründe hatte man daher genug. Da Judika der Kleinste war, glaubte man, ihn noch vor dem Verderben retten zu können. Das Heim würde ihn schon positiv formen!
Der Montagmorgen begann wie jener vor einer Woche: wieder gingen sie zum Jugendamt. Die üblichen Formalitäten.Der Vater bekam einen Einweisungsschein. Judika aber erzählte man auf dem Jugendamt, dass er nur ein halbes Jahr im Heim verbleiben müsse, bis sich die Familienverhältnisse geändert hätten. Länger brauchte er bestimmt nicht dort zu bleiben. Zudem log man ihn an, indem man ihm erzählte, in einem solchen Heim sei es sehr schön. Das Michaelisheim sei nur eine Übergangsstation gewesen. Im folgenden Heim sei es viel schöner. Dort gäbe es Pferde, auf denen er reiten könne. Es gäbe extra eine Badeanstalt und viele Spielsachen. Gerade als Kind würde man sich dort sehr wohl fühlen…
Man fuhr noch einmal bei der Familie vorbei, um sich zu verabschieden. Vom Gorzberger Bahnhof aus stieg man in einen Personenzug. Etwa 5 Stunden waren sie unterwegs. Und dann landeten sie bei einem falschen Heim. Also mussten sie wieder eine andere Richtung fahren. Endlich, gegen 21.00 Uhr, erreichten sie Werfelsdorf. Noch eine halbe Stunde mussten sie zu Fuß gehen, ehe sie das Heim erreichten.
Das Heim war reichlich groß. Angst und bange konnte einem werden, wenn man es sah. Es ging durch einen ausgedehnten Park, der vor dem Hauptgebäude lag. Der Vater schellte an der Pforte des Gebäudes.
Eine noch reichlich junge Frau öffnete ihnen und führte sie in ein Büro. Danach ging alles sehr schnell. Der Vater sagte sein Sprüchlein auf, sagte dem Sohn “Tschüs!” - und ging dann eilig davon.
Da stand Judika nun, ohne zu ahnen, was ihn erwarten würde…
Das Albertusheim lag ziemlich außerhalb von Werfelsdorf: etwa 8 Kilometer davon entfernt an der Landstraße, die nach Belsen führte. Schon von Werfelsdorf konnte man die Kirche des Heimes sehen. Unzweifelhaft lag es in einer sehr schönen Landschaft. Vor der Hauptpforte lag der große Park mit seinen herrlichen Blumen, Wiesen, Bäumen und Sträuchern, Wegen und Bänken. Große Ländereien umgaben das Heim, das rege Landwirtschaft betrieb und weit über 1000 Morgen Land hatte. Wälder riesigen Ausmaßes - Eigentum des Heimes - lagen dahinter. Es gab große Seen, eine Heide, sowie Spiel - und Fußballplätze.
Rund 400 Zöglinge männlichen Geschlecht befanden sich in diesem Heim. Von 6 Jahren aufwärts, gab es hier Zöglinge bis zu 21 Jahren. Die aus der Schule entlassenen Zöglinge wurden in der Regel in der Landwirtschaft oder in einigen kümmerlichen Heimbetrieben beschäftigt. Es gab 13 einzelne Gruppen, gestaffelt nach dem jeweiligen Alter der Zöglinge. Schüler und Schulentlassene lebten getrennt. Die Schüler wurden zum Hauptteil von Erzieherinnen und Praktikantinnen, die Entlassenen von älteren Erzieherinnen oder Erzieher beaufsichtigt und erzogen.
Das alles wusste Judika aber noch nicht, als er nun im Büro des Hauptgebäudes saß und sich gedulden musste. Zwei Frauen saßen in diesem Büro: eine schien eher noch ein Mädchen zu sein; die andere hingegen sah sehr streng aus. Judika mochte sie gleich nicht leiden. Fast ahnte er schon, dass diese Frau ihm besonders viel Leid zufügen würde. Ein solcher Instinkt betrog ihn fast nie. So war diese Abneigung nichts anderes als eine innere Abwehrstellung, das Sträuben der Gefühle einer Person gegenüber, die durch ihr äußeres Aussehen ihre innere Einstellung und lieblose Härte, Unbarmherzig bekundete. Man mag dagegen reden! In der Regel ist es aber so, dass ein von der Nächstenliebe geprägter Mensch diese in seinem äußeren Gehaben, seinen Worten und Gesten zum Ausdruck bringt. Die innere Gesinnung spiegelt das äußere Gehaben wieder. Andererseits ist der innerlich harte, unbarmherzige, abgebrühte und skrupellose Mensch so geartet, dass dies in seinem Handeln drastisch zum Ausdruck kommt. Ein innerlich milder Mensch wird sich auch nach außen hin kaum brutal verhalten. Innere Einstellungen zum Leben und zu den Mitmenschen vermögen daher durchaus das Äußere eines Menschen wesentlich zu verändern. Innere Wesensänderung verursacht auch äußere Physiognomieänderung . Es gibt zudem Momente im Leben eines Menschen, wo er das Drohende, Schicksalhafte beinahe greifbar spürt, wenn ein bestimmter Mensch in der Nähe ist…
So erging es auch dem Knaben Judika, als er jene hagere, bebrillte Frau sah, die ihm das Urbild aller Strenge und Unbarmherzigkeit zu sein schien. Die Frau mochte etwa 32 Jahre alt sein. Ihr äußeres war nicht gerade einladend. Das Gesicht glich einer Maus, war spitz, schmal und knochig. Mitten im Gesicht stand die Nase wie der Haken eines Schüreisens. Die Augen, grau und ein wenig geschlitzt, schauten stechend und unstet umher. In gewissen Zeitabständen kniff sie sie zusammen und zwinkerte wie ein vom Sonnenlicht geblendeter Mensch. Sie gehörte zu jenem leptosomen Menschenschlag, der von der Natur auserlesen ist, dünn und flach wie ein Brett zu sein. Sie hatte eine flache Brust. Und das, was man - wenn sie sich reckte - als Brüste gemeinhin zu bezeichnen pflegt, glich zwei flachen Reibekuchen, die man etwas dicker als normal zu backen versucht hatte. Sie glich einer Bohnenstange und hatte Beine, die wie Streichhölzer unter dem Rock hervorschauten. Von den Heimzöglingen wurde sie nur “Zicke” genannt. Indessen nannte man sie natürlich nicht so in ihrer Nähe, sondern heimlich, denn man hatte einen höllischen Respekt, eine große Angst vor dieser strengen und harten Frau. Zunächst war sie als Gruppenleiterin in einer Schülergruppe tätig gewesen, um dann als “Bürohexe” - wie man sie ebenfalls zu nennen pflegte - umzusiedeln. Hier war sie die Hauptsekretärin. Außer diesem Bürodienst hatte sie aber auch noch immer Dienst in den Gruppen, zumal an den Wochenenden. Sie hatte im Heim sehr viel zu sagen. Sie hieß Regina Bergmann, war unverheiratet, übertrieben fromm und fühlte sich anscheinend sehr gerecht und vollkommen. Fast täglich besuchte sie den Heimgottesdienst: in der Frühmesse faltete sie fromm die Hände, schlug die Augen züchtig nieder und ging demutsvoll kommunizieren…
Während Judika nun im Büro saß, ließ man sich bei dem Personal Zeit. Endlich höre die Frau mit dem Klappern der Schreibmaschine auf, blickte hoch, als gewahre sie ihn jetzt erst, und schnarrte wie ein Raabe:
“Name! Alter! Geburtsdatum! Woher?”
“Judika Regiez! 24.3.44 geboren, in Fernberg…”
“Halt! Ternberg heißt es doch? Warum also Fernberg?”
“Ach ja”, sagte er, “ich habe mich versprochen.”
Durchdringend sah sie ihn an, stand auf und kam näher. “Woher? Wo hast Du gewohnt? Los, sag schon! Wir haben hier nicht ewig Zeit, das solltest Du Dir gleich von Anfang an gründlich für später hinter die Ohren schreiben.”
Sie blickte in die Papiere, die auf einer Art von Theke lagen und vom Vater dagelassen worden waren. “Du kommst also aus Gorzberg?”
“Ja.”
“Ebertstraße hast Du gewohnt?”
“Ja.”
“Hm - ich kenne Gorzberg auch, da ich dort in der Nähe gewohnt habe… Aber bilde Dir bloß nicht ein, dass ich Dich deswegen bevorzugen werde! Nein, nein, ich bin stets und immer gerecht, behandle immer alle gleich! Wenn Du nicht gehorchst, bekommst Du es ebenso mit dem Stock, wie jeder andere Zögling auch! Führe Dich gut, dann hast Du es auch gut! Diese Regel nimm Dir gleich zu Herzen… Komm! Ich will Dich erst einmal zur Aufnahmeabteilung bringen!”
Judika folgte ihr. Sie gingen durch den Park, an etlichen Häusern vorbei. Bei einem der Häuser blieben sie stehen. Die Fenster des Hauses waren mit Gittern versehen. Drei Spielplätze lagen in der Nähe. Alle waren mit Maschendraht eingezäunt. Sie bogen links ab und kamen über einen Hof, vor dem noch eine große Wiese lag. In der Mitte stand eine große Linde. Rechts traten sie durch eine Haustür und gelangten von dort aus zur Heimschneiderei.
Hier wurde Judika umgekleidet und bekam heimeigene Sachen: kurze Hose, Kniestrümpfe in grüner Farbe, hohe Holzschuhe, Hemd, Unterwäsche, Jacke und ein Taschentuch.
“Das andere Zeug bekommst Du drüben in Deiner Gruppe, wo auch die Kleider getauscht werden, wenn sie schmutzig sind”, sagte ihm die “Zicke”.
Sie gingen den Weg zurück, hielten vor einem Haus, wo sie schon einmal vorbeigekommen waren. Die “Zicke” schloss mit einem Schlüssel von einem großen Schlüsselbund auf und führte Judika hinein. Sie gingen ein Stockwerk hoch und kamen in einen Tagesraum, in dem sich ungefähr 30 Jungen in Judikas Alter befanden. Sie saßen an den Tischen und hörten einer Erzieherin zu, die aus einem Buche vorlas. Die Vorleserin war eine korpulente Frau von rund 28 Jahren, die ihre brandroten Haare zu einem Knoten aufgesteckt hatte.
Alle schauten auf, als Judika mit der “Zicke” den Raum betrat, und sagten dann laut und gemeinsam: “Guten Abend, Fräulein Bergmann!”
Judika staunte, dass die Kinder noch auf waren. Erst später erfuhr er, sie mussten aus Strafe zuhören…
“Guten Abend!” gab die “Zicke” zurück und wandte sich an die Erzieherin: “Hier, Fräulein Kaiser! Ich bringe Ihnen einen Zuwachs für Ihre Gruppe. Er heißt Judika Regiez!”
“Geht in Ordnung, Fräulein Bergmann!” sagte Fräulein Kaiser zuckersüß mit lispelnder Stimme. Und zu Judika gewandt: “Setz Dich! Da hinten ist noch ein Stuhl frei; aber verhalte Dich ruhig! Hast Du schon zu Abend gegessen?”
“Ich habe keinen Hunger!” murmelte Judika, der sich nicht wohl fühlte. Es war immer so komisch, wenn man 30 fremden Jungen vorgeführt wurde. Er mochte das nicht. Man wurde immer so doof angeglotzt, dass er sich wie ein Affe im Zoo dabei vorkam… Er hörte der Geschichte zu, die das Fräulein vorlas. Langweilig! Er versuchte, seinen eigenen Gedanken nachzuhängen.
Die Kinder mussten ins Bett. Man sprach das Nachtgebet: teilweise wurde es von der Erzieherin vorgebetet, teilweise sprach man es gemeinsam. Der Schlafsaal war groß. Ein Bett stand neben und hinter dem anderen. Vorne war etwas mehr Platz. Dort befanden sich die Waschbecken, Handtücher, der Sims mit dem Zahnputzzeug, versehen mit Nummern. Auch Judika bekam eine Becherstelle mit der Nummer 22 und wurde angewiesen, sich diese Nummer für die Zukunft zu merken.
Die Jungen aus seiner Gruppe waren natürlich neugierig genug, und stellten ihm etliche Fragen, aber leise, da das Sprechen nicht erlaubt war. Aber Judika schwieg sich aus. Als sie es merkten, ließen sie ihn in Ruhe.
Judika wusch sich, putzte seine Zähne und musste ein langes Nachthemd anziehen, das er bekommen hatte. Er war sogleich ins Bett geschlüpft, um zu schlafen, denn der ereignisreiche Tag machte sich bei ihm bemerkbar. Die Erzieherin holte ihn wieder aus dem Bett und hielt ihm einen Vortrag über die Hausordnung. Wie er das hasste! Auch diese Frau gefiel ihm nicht sonderlich. Ihm missfiel schon, dass er die ganze Zeit stehen musste während des Vortrages, derweil sie saß.
“Hör zu”, sagte sie gedehnt, “hier ist kein Freizeitheim, sondern ein Erziehungsheim, in das Ihr nicht umsonst gekommen seid - verstanden?”
“Jau!” sagte der 7jährige Knabe.
“Wie?”
“Jau!”
“Ja!” heißt das, verstanden?!”
“Ja.”
“Ja, Fräulein Kaiser! Ich heiße nämlich Kaiser! Verstanden?
“Jau… ich meine: ja, Fräulein Kaiser!” Und er dachte bei sich selbst: ‘Die soll mich mal…!’
“Also: Diese Gruppe ist die Flamingogruppe, weil sie Flamingo heißt, verstanden?”
Dieses “Verstanden?” bei jedem Satzende ging ihm langsam auf den Wecker!
“Komischer Name!” sagte er laut.
“Also: weiter hören!” sprach die Kaiser. “Ich werde Dir jetzt mitteilen, wie Du Dich zu verhalten hast, was die Hausordnung besagt und wie alles hier vor sich geht, damit Du später nicht sagen kannst, es hätte Dir keiner gesagt, verstanden?”
“Ja.” Judika hatte schnell herausgefunden, dass es das Einfachste war, mit Ja zu antworten.
“Jeder Zögling hat hier eine Nummer”, fuhr die Erzieherin fort. “Du hast die Nummer 22! Die Zahlen richten sich nach Eurer Größe! Also hat der Kleinste Nummer 1, der Größte Nummer 34. Im Schuhregal hast Du also Deine Schuhe immer bei der Nummer 22 stehen; der Zahnputzbecher steht auf 22 - und nur die Schuhbürsten von 22 darfst Du verwenden. Auf Deine Holzschuhe machen wir morgen die Zahl drauf. Schuhe trägst Du sowieso nur sonntags. Alltags werden nur die Holzschuhe getragen. Also immer auf die Nummer 22 achten. Deine Sachen hängst Du ebenfalls am Haken 22 auf - und auch nur 22er Bügel benutzen, verstanden?”
“Ja.”
“Um 7.00 Uhr wird morgens geweckt - beim Kirchgang um 6.00 Uhr. Im Schlafsaal hat Schweigen zu herrschen, ebenso beim Essen und beim Ausrücken. Beim Wecken sofort aufstehen und sich mit nacktem Oberkörper waschen, gründlich den ganzen Körper, auch dort, wo es sich gehört, also After und Geschlechtsteil. Nach dem Waschen kommt jeder unaufgefordert zur Erzieherin und zeigt sich mit ausgestreckten Händen vor, ob er auch sauber ist. Die Zähne werden gründlich geputzt, es wird sich angezogen und ordentlich gekämmt. Die Betten macht jeder Zögling selbst. Einmal im Monat ist Bettwäschetausch. Die Nachthemden werden dann ebenfalls getauscht… Bist Du Bettnässer? Nein? So, wenn es doch mal passiert, sofort melden, sonst gibt’s was, verstanden?”
“Ja”, sagte Judika, wie einer, der eine auswendig gelernte Sache im Schlaf herunterleiert.
“Dann ist es ja gut!” Die Kaiser warf den Kopf etwas hoch, betrachtete ihn einige Sekunden lang genau von oben bis unten. “Nachdem die Betten gebaut sind, sprechen wir das Morgengebet und rücken danach geordnet zum Frühstück in den Tagesraum. Der Schlafsaal wird täglich abwechselnd von drei Zöglingen gesäubert, die von uns Erzieherinnen eingeteilt werden, bis alle Nummer durch sind. Die Waschbecken, Toilette und die Treppen im Flur gehören auch dazu, verstanden?”
“Ja.” - ‘Wann hört das bloß auf? ’dachte er bei sich.
“Vor und nach dem Essen wird gebetet. Das geht nummernweise. Jeder betet der Reihe nach vor. Um 8.00 Uhr geht’s zur Schule. In welcher Klasse bist Du? So, in der zweiten! Na schön, ich bringe Dich morgen zum Hauptlehrer, der kann Dich einteilen. Um 12.00 Uhr ist die Schule aus. So wie Ihr hingebracht werdet von einer Erzieherin, werdet Ihr auch wieder abgeholt. Das geschieht geschlossen und ruhig, zu zwei und zwei, verstanden?”
“Ja.”
“Der Nachmittag verläuft ebenfalls genau geregelt. Briefe werden Donnerstags geschrieben, vorgezeigt nach dem Schreiben. Gebadet wird samstags - dann werden auch die Handtücher getauscht. Es gibt hier zwei Gruppen: eine mit den größeren Jungen und eine mit den kleineren. In der ersten sind die 10 bis 14jährigen; in der zweiten - zu der auch Du gehören wirst - die 6 bis 10jährigen. Ihr habt getrennte Schlaf- und Aufenthaltsräume. Doch das alles wirst Du noch selber feststellen können, wenn Du ein paar Tage hier bist. Draußen auf dem Hof könnt Ihr spielen. Schmöker, beispielsweise Akimhefte, sind hier streng verboten, verstanden?”
“Ja.”
“Der Nachmittag ist also immer ausgefüllt: entweder mit Schularbeiten oder anderen Dingen. Um 16.30 Uhr gibt es Marmeladenbrote. Um 18.00 Uhr wird zu Abend gegessen. Gegen 20.00 Uhr wird zu Bett gegangen - es sei denn, dass etwas Anderes bestimmt wird von uns Erzieherinnen. Ruhe und Ordnung hat während der ganzen Nacht zu herrschen. Wir haben einen Nachtwächter, der aufpasst. Vor dem Zubettgehen wird sich wieder gründlich und mit nacktem Oberkörper gewaschen und vorgezeigt: Zähne werden geputzt. Nachts wird nur das Nachthemd getragen. Die Unterhose wird ausgezogen und am Bettende ohne Aufforderung hingelegt, damit man sie bei der Kontrolle sehen kann, verstanden?”
“Ja.”
Sie schwieg eine Weile und schien zu überlegen, was sie ihm noch sagen könnte. Judika wurde langsam ungeduldig und hätte am liebsten aufgebockt…
“Es sind hier noch zwei Erzieherinnen, die Du noch kennen lernen wirst: Fräulein Schröder und Fräulein Striesel, denen Du ebenfalls bedingungslos zu gehorchen hast, verstanden?”
“Habe verstanden!”
“Ach ja, da hätte ich bald etwas vergessen: solltest Du jemals auf die Idee kommen, hier auszureißen, so bekommst Du es nicht unglimpflich mit dem Rohrstock, damit Du es nur gleich weißt. Die ganze Gruppe wird bestraft, bis Du wieder gefasst worden bist. Wie sie Dir das dankt, kannst Du Dir ja selbst ausrechnen, verstanden?”
“Ja”… Judika gähnte…
“Na also, wenn Du Dich so verhältst, wie ich es Dir gesagt habe, ist alles zum Besten. Aber wehe, Du tust es nicht: unweigerlich wird dann der Rohrstock bei Dir in Aktion treten! Führe Dich also entsprechend bei uns… Und noch etwas: Schweinereien werden hier grundsätzlich nicht geduldet! Unkeuschheit wird hart bestraft! Wenn Du etwas siehst oder hörst, hast Du es sogleich dem jeweiligen Fräulein unaufgefordert zu melden. Wir sind hier ein christliches Haus und keine Lasterhöhle, verstanden?”
“Ja.”
“So, nun kannst Du ins Bett gehen! Wenn Du etwas nicht weißt, kannst Du uns fragen! Geh nun zu Bett - aber leise! Gute Nacht!”
“Gute Nacht!” sagte Judika und huschte leise davon.
Eine Weile musste er suchen, ehe er Bett gefunden hatte. Dann schließlich verfiel er rasch in einen tiefen Schlaf.
Tags darauf kam er in die Schule. Die Gruppe ging dabei geschlossen. Judika sah, dass auch andere Gruppen zur Schule unterwegs waren. Ungefähr 200 Jungen befanden sich schon auf dem großen Schulplatz. Die Schule selbst lag etwa 100 Meter von den Heimgebäuden entfernt mitten im Wald.
Fräulein Schröder, die am heutigen Morgen in der Flamingogruppe Dienst hatte, brachte ihn zum Hauptlehrer. Judika gefiel dieser Lehrer. Er fand ihn sehr sympathisch.
“Du bist also der Judika, mein Junge!” sagte der Hauptlehrer herzlich und lächelnd. “Sicher werden wir beide gut miteinander auskommen, was meinst Du? Du kommst einstweilen zu Herrn Lehrer Göbel, der Dir sicher gefallen wird.”
Und so geschah es. Lehrer Göbel war ein noch relativ junger Lehrer, zugleich der Sportlehrer, mit einem fröhlichen Gesicht und Wellen im Haar.
Täglich sang die ganze Schule vor dem Einrücken in die Klassenzimmer ein Lied. Herr Göbel ging zudem fast täglich eine Stunde mit den Schülern seiner Klasse in den Wald. Dort trieb man dann leichten Sport: Leibesübungen. Es klapperte jedes Mal laut, wenn die Kinder in ihren Holzschuhen durch den Wald marschierten und ein Lied schmetterten.
Judika bekam seinen Platz neben einem Schüler, der Hubert Gärtner hieß und in seinem Alter war. Die beiden Jungen freundeten sich schnell an und spielten gemeinsam. Sein Klassenkamerad war in der “Heuschrecke”: einer Gruppe, die so hieß und im Hauptgebäudeteil des Heimes lag.
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Kinder tollten und spielten laut auf dem Spielplatz. Die einen schaukelten, andere waren auf einem Karussel, wieder andere beschäftigten sich intensiv im Sandkasten. Gerade rückte eine Gruppe von den größeren Jungen aus, sie gingen in Richtung des Sportplatzes.
Drei Jungen waren nicht weit von der Erzieherin, die auf einer Bank saß, am knickern. Eifrig waren sie am lachen und am spielen. Der eine war gerade dabei, einen Glasknicker, den er vor sich am Boden liegen hatte, in ein Loch zu befördern, das etwa 5 Meter von ihm entfernt war und etwa 10 Zentimeter im Durchmesser maß. Er kniete auf dem Boden und knipste mit Daumen und Zeigefinger die kleine Glaskugel auf das Loch zu, um die Kugel dort hineinzuknipsen. Die beiden Spielgefährten sahen ihm gespannt zu. Er knipste - und der Knicker rollte am Loch vorbei…
“Schade, meinte er! Judika, Du bist nun dran!”
“Judika kann es besser!” sagte der andere.
Judika knipste und traf das Loch. Dann strich er den ganzen Pott mit etwa 10 Glaskügelchen ein.
“Jetzt wollen wir mehr machen”, sagte er, “aber Tonknicker! Ich setze 35 ein, und dann legen wir einen neben den Pott, den anderen hier hin. Dem am Pott liegenden müssen wir treffen - aber von hier aus! Wir wollen es aber mit Schieben machen!”
Er entnahm einem Beutel mit 35 Tonkügelchen von verschiedenen Farben und legte 34 in den Pott.
“Ich werde dafür 10 dicke Glasknicker oder 5 dicke Eisenkugel einsetzen”, sagte einer der anderen Jungen.
“Gemacht”, meinte Judika. “Und Du?” Er wandte sich an den anderen Jungen, der damit beschäftigt war, seinen Knickerbeutel zu untersuchen.
“Ich habe nur noch 5 Tonknicker”, sagte dieser.
“Na, komm!” Judika gab ihm 30 Tonknicker umsonst. Er konnte sich diese Großzügigkeit leisten, da er zwei Beutel voll hatte.
Sie spielten noch eine ganze Weile. Schließlich war es Jürgen, der den Pott gewann.
“Kommt, wir spielen lieber Pinchen!” sagte nun Manfred, “ich habe keine Lust mehr, immer nur zu knickern.”
Das “Pinchenspiel” war sehr beliebt: es bestand darin, dass man einen Schlitz in den Erdboden machte. Darüber legte man ein Hölzchen - an beiden Seiten angespitzt - von der Größe einer Zigarre. Mit einem Stock wurde in die Rille gefasst, so dass die Stockspitze unter dem Pinnchen lag. Schnell wurde der Stock gehoben und das Pinchen weggeschleudert, je weiter, je besser, denn die anderen mussten versuchen, es zu erhaschen, wenn sie drankommen wollten. Dabei ging es um Punkte. Es konnte auch versucht werden, das Hölzchen mehrmals zu treffen, dann gab es die entsprechende Anzahl von Punkten. Das Spiel erforderte Geschicklichkeit. Und Judika hatte seine Zeit gebraucht, ehe er es richtig beherrschte.
Notgedrungen hatte sich Judika also eingelebt, ging aber in der Regel immer mit den selben Kindern spielen. Eines Tages geschah folgendes: Jürgen kam während der Schulpause zu ihm und sagte: “Sag mal, Judika, was hältst Du davon, wenn wir einmal ausbüchsen. Du kommst doch aus Gorzberg. Ich komme aus Welsheim. Beide Städte liegen also nicht weit auseinander. Mit Manfred habe ich auch schon gesprochen. Er kommt aber nur mit, wenn auch Du mitmachst - was meinst Du?”
“Ich weiß nicht”, meinte Judika vorsichtig. “Ist das nicht ein bisschen weit bis nach Hause? Und dann zu Fuß? Die schnappen uns doch gleich wieder, ehe wir auch nur einige Kilometer hinter uns haben. Außerdem kennen wir uns doch in der Gegend gar nicht aus!” Er dachte dabei an das, was die Kaiser ihm gesagt hatte, was ihm passieren würde, wenn er ausriss. Aber immerhin, versuchen konnte man es ja mal - sozusagen als Probe aufs Exempel. “Ich muss es mir erst überlegen”, sagte er. “Morgen gebe ich Dir Bescheid!”
Nachmittags schmiedeten sie auf dem Spielplatz Fluchtpläne und beschlossen, tags darauf in der Schule während der ersten Pause türmen zu gehen.
Das war gar nicht so einfach, wie Judika bald feststellte. Alle drei hatten eine Heidenangst, dass sie erst gar nicht wegkommen würden, obschon sie nur vom Schulhof herunter zu gehen brauchten oder durch die Bretterwand der Toilette schlüpfen mussten. Aber die Angst saß ihnen im Nacken, der Zwang der Erziehung, die unmissverständliche Drohung der Kaiser schien seine Füße zu lähmen.
In der Pause sagte Manfred: “Los, Jürgen, Du gehst als erster, dann komme ich - und Judika geht als letzter. Hinten an dem Schuppen, wo es zur Straße geht, treffen wir uns wieder!”
Manfred gab den noch unentschlossenen Jürgen einen leichten Stoß, als er sein Zögern bemerkte. “Loß, mach schon, sonst fallen wir noch auf, ehe wir weg sind! Die Pause ist gleich um, dann ist unsere Chance verpatzt!”
Jürgen kletterte durch die Bretterwand. Manfred folgte ihm wenig später. Judika war gerade durch die Bretterwand gestiegen, als die Schulglocke das Ende der Pause ankündigte. Mit heftigem Herzklopfen hetzte er los. Am Schuppen traf er die anderen. “Mensch, die Pause ist ja schon wieder um! Jetzt müssen wir uns aber beeilen, denn man wird unser Verschwinden gleich bemerken.”
Sie huschten über die Straße, in einen Feldweg hinein. Das war Manfreds Idee, der sich am besten auskannte, weil er schon lange im Heim war. “Wir müssen durch die Felder zum braunen Berg hoch”, meinte er, “da kann man am besten verschwinden und sich verstecken, weil dort alles einsame Straßen sind.”
Sie waren schon etliche hundert Meter in die Felder hineinmarschiert, als Jürgen es sich anders überlegt zu haben schien. “Ich werde doch lieber wieder zurückgehen!” meinte er.
Die beiden anderen Kameraden sahen ihn verblüfft an. “Was ist denn mit Dir auf einmal los?” erkundigte Manfred sich.
“Ich habe es mir überlegt. Es ist doch besser, wenn wir zurückgehen. Vielleicht tut man uns dann nichts.”
“Das glaubst Du! Da hätten wir ja gar nicht erst loszugehen brauchen!” sagte nun auch Judika.
Sie blieben stehen und berieten über ihre momentane Lage. Jürgen vermochte schließlich Manfred zu überzeugen, mit zurückzugehen.
Da Judika sich nicht auskannte und allein ohnehin keine Lust hatte abzuhauen, blieb ihm nichts anderes übrig, als es sich bei der Mehrheit zu beugen.
“Scheiße!” sagte er laut und stieß wütend mit dem Fuß einen Stein weg.
Sie gingen den Weg zur Schule zurück.
“Was sollen wir denn sagen?” fragte Manfred jetzt. “Am besten sagen wir, dass wir entwischen wollten, es uns dann aber anders überlegt haben und daher wieder zurückgekommen sind. Das zieht am meisten…”
So machten sie es auch. Der Hauptlehrer nahm es auch tatsächlich nicht so tragisch. Er sagte ihnen nur, sie sollten es nicht noch einmal versuchen. Auch Judikas Lehrer nahm es mit Humor und meinte, er würde es vielleicht auch gemacht haben, was aber nicht heißen solle, dass demnächst die ganze Klasse auf “Walze” gehe. Judika atmete erleichtert auf. Seine Freude wurde aber rasch getrübt, als er mit zwiespältigen Gefühlen an die Kaiser denken musste. Hoffentlich würde es bei ihr auch so glimpflich abgehen!
Aber es ging nicht so glimpflich ab! Als die Kaiser die Zöglinge nach der Schule abholte, wusste sie schon von dem Ausreißen der drei Schüler. Andere Zöglinge hatten es ihr sogleich zugetragen.
“Wir werden uns später mit dem Rohrstock unterhalten, aber nicht zu knapp!” sagte sie nur, als sie mit den Zöglingen zur Gruppe zurückkehrte.
Beim Essen gab es Lebertran: jeder Zögling bekam einen großen Eßlöffel voll davon. Es war gelber Lebertran, der scheußlich schmeckte. Manchmal gab es auch weißen, der gut schmeckte und von den Zöglingen lieber genossen wurde. Die Erzieherinnen gaben den weißen Lebertran aber in der Regel ihren Lieblingen unter den Zöglingen als “Belohnung”, derweil der gelbe Lebertran regelrecht als Strafe angewandt wurde. Den gelben Lebertran mussten die Zöglinge zuweilen gewaltsam herunterschlucken. Oft erbrachen sie sich oder hielten sich die Nase zu beim Schlucken.
Auch Judika mochte diesen Lebertran nicht. Er bekam Brechgefühle, ein Würgen im Hals, wenn er ihn zu schlucken versuchte. Der Brechreiz wurde schon bei ihm verursacht, wenn er den Tran nur sah. Er konnte dann nicht weiter essen, wurde aber ebenfalls gezwungen, den Tran zu schlucken.
Die Kinder hielten also den Esslöffel hin, und die Kaiser ging von Tisch zu Tisch und goss jedem Zögling den Löffel voll. Der Lebertran musste vor dem Essen eingenommen werden.
Judoka - ohnehin in Erwartung der Dinge voller Angst - vermochte diesmal erst recht nicht den Tran herunterzuschlucken. Mit aller Gewalt und Ekelgefühlen gelang es ihm. Mitten beim Essen wurde er dann schneeweiß im Gesicht, versuchte aufzustehen, weil ihm schlecht wurde. Er erbrach das Essen und den Lebertran, ehe er sich noch ganz erhoben hatte.
Die Kaiser sah es, war sofort bei ihm. “Schwein!” keifte sie ihn an. Ihr rotes Haar schien dabei noch mehr zu flammen.
Ängstlich duckte Judika sich, hob schützend die Hände über den Kopf hoch. “Ich kann nichts dafür!” jammerte er.
Die Kaiser stürzte auf ihn zu, riss ihn am linken Ohr hoch und schlug ihm links und rechts heftig ins Gesicht, dass es durch den ganzen Tagesraum schallte.
“Das hebst Du sofort auf und tust es auf den Teller zurück, aber ein bisschen schnell!”
Judika, dem unendlich schlecht war, rührte sich in seiner Benommenheit nicht.
“Wird’s bald, Du Ferkel!” Sie riss das Kind an den Haaren zu Boden, nahm es am Kopf und drückte, schlug es mit dem Gesicht in das auf dem Boden liegende Erbrochene, wobei sie wie rasend mit ihrem großen Schlüsselbund auf seinen Rücken und Kopf schlug. Immer wieder stieß sie den Knaben in das Erbrochene. Der so Gepeinigte lief rot an und bekam kaum noch Luft. Er versuchte, sich aufzurichten. Sein Gesicht war mit dem Erbrochenen verschmiert: er sah aus wie ein Zirkusclown in seinem bedauernswerten Zustand.
“Willst Du wohl endlich Deinen Mist wieder aufheben! Los, nimm den Löffel und heb es auf! Auf Deinen Teller damit!”
“Ja… ja!” jammerte das Kind voller Qual mit erstickter Stimme und holte sich mühsam und kriechend den Löffel, der auf den Boden gefallen war, versuchte, das Erbrochene in seinen Teller zu schöpfen. Sein Gesichtchen war voller Tränen…
“So, nun wird es wieder aufgegessen!” verlangte ungerührt die Erzieherin, als das Erbrochene wieder auf dem Teller war. “Einen Aufnehmer holen und aufwischen!
Er tat es mühsam. Sie zwang ihn danach, das Erbrochene wieder zu schlucken. Unter Würgen und Brechreizen versuchte er es herunterzuschlucken. Er erbrach sich erneut, eher er es unten hatte. Er versuchte hochzukommen. Ihm war ganz elend zumute, er hustete, presste, würgte…
Die Erzieherin, die hinter ihm stand und aufpasste, erregte sich erneut und packte erneut brutal sein Ohr, riss ihn hoch, dass er laut aufschrie vor Schmerz. “Jetzt reicht es mir aber! Du bist ja noch schlimmer als ein Schwein! Wir haben sowieso noch eine Rechnung zu begleichen, Du Ausreißer! Das können wir gleich erledigen, dann bekommst Du gleich alles auf einmal!”
Sie wandte sich anschließend der ganzen Gruppe zu. “Während ich oben bin, hat absolute Ruhe zu herrschen! Verstanden? Ich werde Fräulein Striesel, die bei den Großen ist, Bescheid geben, dass sie nach Euch sehen soll. Wenn einer auffällt, hole ich mir den auch noch nach oben! Stengel und Berger! Ihr kommt auch noch dran…”
Stengel und Berger waren mit Judika ausgerissen.
Sie riss Judika am Ohr vorwärts. “Los, vorwärts mit Dir, die Treppe hoch! Nach oben! Ein bisschen flotter, mein Herr!”
Am Ohr zog sie ihn neben sich her, die Treppe hoch zu ihrem Zimmer.
Sie stellte einen Stuhl, der neben den Kleiderschrank stand, in die Mitte des Zimmers.
“Drauf mit Dir! Die Beine auf dem Boden lasen - die Fingerspitzen vorn auf den Boden und stillgehalten…”
Sie ging zum Kleiderschrank, öffnete ihn. Hinter ihren Kleidern holte sie einen langen Rohrstock hervor, pfiff damit durch die Luft, nickte dabei, verzog angewidert den Mund und strich den Rohrstock wie liebkosend entlang, einmal, zweimal.
Langsam kam sie näher. “Lass das Gesicht unten! Du wirst schon merken, wenn es weh tut!” sagte sie, als Judika sich aufzurichten versuchte. Und er zuckte wieder zurück. “Bleib bloß unten… Ich warne Dich!”
Er bekam 10 harte Hiebe mit dem Rohrstock von der Kaiser. Er schrie laut, heulte, strampelte und wollte sich losreißen, aber unbarmherzig hielt sie seinen Nacken mit der linken Hand nieder und schlug unbarmherzig immer wieder zu.
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