3. Teil - Heim
“Da!”… Klatsch… kltasch… klatsch… ”Ich werde Dir helfen, nicht zu gehorchen! Du ungezogener Junge!” …klatsch… “Dir wird das Ausreißen noch vergehen! Da!” …klatsch… “Bleibst Du wohl liegen, Du kleines Biest! Ja, heul und schrei nur, schrei nur noch lauter, dann bekommst Du es gleich noch mehr! Wage nicht noch einmal solche Frechheiten an den Tag zu legen! Mit Dir werde ich noch spielend fertig!” …klatsch… klatsch… “Bleibst Du liegen!” Du wirst nicht mehr… klatsch… Dummheiten machen! Du wirst Dich… klatsch… klatsch… vor der ganzen Gruppe entschuldigen, verstanden?!”
Judika hatte während der körperlichen Züchtigung die ganze Zeit gebrüllt und geweint. Sein kleines Hinterteil brannte wie Feuer.
“Du kannst jetzt aufstehen, verstanden?” Sie zerrte ihn am Hosenboden hoch, stellte ihn hin. “Ja, jetzt kannst Du Dein Hinterteil ruhig reiben! Das nächste mal kommst Du nicht mehr so billig davon. Dann bekommst Du Dein Teil nicht auf die Hose, sondern auf den blanken Hintern, das verspreche ich Dir jetzt schon, verstanden? Merke Dir das! Und damit Du darüber nachdenken kannst, wirst Du jetzt zwei Stunden unten im Tagesraum in der Ecke stehen, das Gesicht zur Wand, wenn die anderen spielen! Das wird Dir sicherlich gut bekommen! Du kannst jetzt sowieso nicht sitzen auf Deinem Hinterteil! Außerdem wirst Du anschließend 500 mal schreiben: ‘Ich darf nicht weglaufen und ungehorsam sein!’ verstanden?”
Sie schupste ihn aus dem Zimmer, nachdem sie den Rohrstock wieder in den Kleiderschrank verstaut hatte, die Treppe hinunter.
Judika war erschlagen. Er musste die zwei Stunden stehen und benötigte zwei Tage für das Abschreiben, da auch noch andere Arbeiten gemacht werden musste. Die Strafe musste er in seiner Freizeit tun. Jürgen und Manfred bekamen es von der Kaiser ebenfalls mit dem Stock und mussten ebenfalls eine Strafarbeit schreiben. Damit war es aber nicht getan: von diesem Tage an hatte Judika mehr denn je zu leiden. Wo immer sie konnten, peinigten die drei Erzieherinnen den Jungen. Fräulein Striesel schlug ihn ebenso wie die Schröder - ganz abgesehen von der Füchsin, wie man die Kaiser nannte unter den Zöglingen der Gruppe.
Wo immer man konnte, versuchte man, Judika zu schlagen. Abgesehen vom physischen Schmerz bei den körperlichen Züchtigungen, waren es besonders die psychischen Schmerzen und Ungerechtigkeiten, die viel weher taten und sich seiner Seele unvergesslich einschnitten.
Infolge seines Ausreißens durfte Judika die ersten Sonntage keine Sonntagskleidung anziehen, sondern musste in Alltagskleidern die Sonntage verbringen. Freizeit bekam er kaum. Während die anderen spielen konnten, musste er Hausarbeiten verrichten: die Schuhe der Kameraden putzen, Kleidungsstücke säubern, Toiletten ausschrubben, Treppen und Flure wischen… Er versuchte, den Eltern zu schreiben und sich darüber zu beschweren, ihnen sein Leid zu klagen. Das Schreiben wurde ihm zunächst verweigert. Als er es doch durfte, gingen die Zeilen durch die Zensur bei den Erzieherinnen. Der Brief wurde zerrissen. Ein neuer wurde ihm diktiert, in dem er nur schreiben durfte, dass es ihm gut gehe und die Eltern sich keine Sorgen zu machen bräuchten, da er in den besten Händen sei. Ob dieser Brief überhaupt abgeschickt wurde, erfuhr er freilich nie, da er von daheim nie Post erhielt.
In seinem nunmehrigen Leben löste eine Tragödie die andere ab. Abgesehen von kleinen Verfehlungen, für die man unnachgiebig zum Stock griff, wie etwa beim Schwätzen zu unerlaubten Zeiten oder an unerlaubten Orten, beim Werfen mit Steinen, Widerreden oder beim Fußballspielen mit Schuhen oder Holzschuhen.
Die Zöglinge wurden sogar wegen Bettnässen körperlich bestraft. Da derartige Strafen für derartige Dinge zuweilen täglich erfolgten, lebte Judika in der Gewissheit, aber auch in der Angst vor diesen körperlichen Strafen, die ihm zu einer täglichen, aber auch sehr gefährlichen Gewohnheit wurden, die ihm alles gesunde Urteilsvermögen, alles kritische und selbständige Denken unterbanden, ihm jeglichen Mut zu eigenem Handeln in bezug zu seinem künftigen Leben raubte, weil alles in seinem täglichen Leben unterdrückt und niedergeknüppelt wurde. Seine innere Natur rächte sich dafür: Zum Schutze seiner selbst lernte er ein zwiespältiges Leben zu führen, äußerlich aus Angst zu gehorchen, aber innerlich zu rebellieren…
An den Sonntagnachmittagen gingen die jeweiligen Gruppen spazieren. Das geschah zuweilen stundenlang. Zwei Wochen, nachdem die “Füchsin” Judika so verbläut hatte, ging sie mit den Zöglingen ihrer Gruppe in die Wälder. Die Schröder war auch dabei. Während die beiden Erzieherinnen am Schluss der Zöglingskolonne gingen, fing vorne einer der Zöglinge an, den altbekannten Schlager “Banane, Zitrone, an der Ecke steht ein Mann”, zu singen. Die anderen Jungen stimmten mit ein, obschon von den kleinen Kindern der ordinären Wortlaut, den man zu diesem Schlager singen konnte, gar nicht gesungen wurde, da er ihnen nicht bekannt war. Sie kannten lediglich die Melodie und sangen nur den einen Reim immer wieder. Desto besser Bescheid schienen die beiden Erzieherinnen über diesen Schlager zu wissen. Sie verboten sofort erregt den Reim und ließen die ganze Gruppe umkehren. Keiner der Zöglinge wusste, warum das eigentlich geschah. Die Jungen sahen sich ratlos an.
In der Abteilung angelangt, wurden die Zöglinge, die den Reim gesungen hatten, einzeln nach oben zur Kaiser gerufen. Insgesamt waren es 21 Zöglinge. Jeder bekam von der Kaiser 6 harte Hiebe. Diese Massenzüchtigung wurde von den drei Erzieherinnen mit ironischen Worten begleitet. Dieter Wege, der das Lied angestimmt hatte, bekam die doppelte Anzahl an Hiebe. Auch Judika, der mitgesungen hatte, bekam seine 6 Hiebe. Man nannte die Zöglinge “Schweine”, die “unkeusche Lieder singen” würden. Das könnte man nicht dulden! Die, welche das ganze Lied ihrem ordinären Inhalt nach kannten, prügelten jene, die es ohne böse Absicht gesungen hatten. So war das Verhalten der Erzieherinnen recht verwunderlich und wurde von den Zöglingen auch verwunderlich betrachtet. Die ganze Gruppe musste anschließend für ihre “betriebene Unkeuschheit in Worten” 2 Stunden lang stillsitzen. Das war eine besondere Qual für die lebendigen Kinder, zumal dabei kein Zögling sprechen durfte.
Danach begaben sich die Zöglinge in den Schlafsaal und ins Bett. Vordem wurde sich gewaschen. Die Jungen traten danach einzeln vor die Schröder, die Dienst hatte, mit entblößtem Oberkörper hin und streckten die Hände vor, wobei die Schröder bei jedem einzelnen Zögling immer wieder die gleichen Worte sprach: “Hände umdrehen! Hals zeigen! Ohren! Füße! After sauber? Geschlechtsteil? Oder muss ich erst kontrollieren?”
Bei dieser Prozedur pflegte sie den jeweiligen Zögling am Ohr festzuhalten und zu schauen, ob er gründlich sich gesäubert hatte. Als alle in den Betten lagen, ging sie von Bett zu Bett und kontrollierte, ob die Zöglinge die Unterhosen aushatten. Nach einem “Gute Nacht!” und einer Ermahnung um Ruhe, löschte sie das Hauptlicht, so dass nur noch die gedämpfte Nachtlampe brannte.
Die Zöglinge schwiegen zunächst, weil die diensthabende Erzieherin in der Regel so lange anwesend blieb, bis der reguläre Nachtwächter kam, oder bis sie jedenfalls selbst vermeinte, dass die Zöglinge schliefen. Bis zu diesem Zeitpunkt ging sie im Schlafsaal zwischen den Bettreihen auf und ab. Die Zöglinge wagten dann auch nicht noch so leise zu flüstern, aus Angst, aus den Betten geholt und bestraft zu werden, entweder mit dem Stock oder mit Kniebeugen, Stehen oder Knien. Kam gegen 22.00 Uhr der Nachtwächter, waren plötzlich etliche Zöglinge wieder wach und unterhielten sich flüsternd. Denn der Nachtwächter hatte seinen Platz im Schlafsaal der Großen: hier saß er an einem kleinen Tisch, auf dem eine Stehlampe stand, las, machte zuweilen seine Runden, weckte die Bettnässer, damit sie zur Toilette gehen konnten. Er war ein verständiger, guter und schon älterer Mann. Von diesem Edmund Schabelinski, wie er hieß, muss löblich erwähnt werden, dass er zwar oft hörte, wenn die Knaben sich unterhielten; aber er übersah solche Dinge und “verpetzte” die Kinder auch nie bei den Erzieherinnen.
Judika unterhielt sich an diesem Abend leise mit seinem Bettnachbarn. In den letzten Wochen schlief er immer sehr schlecht ein. Zu viele Gedanken bewegten ihn, die er entweder begriff oder nicht begriff. Sein kleines Hirn grübelte bis zur psychischen Erschöpfung. Ängstlich ging er ins Bett, um mit der erneuten Angst tags darauf aufzuwachen, auf Ereignisse wartend, die der bevorstehende Tag bringen würde. Sein Bettnachbar hier Johannes Koster war ein stiller, bescheidener Junge, von dem er nicht recht verstehen konnte, dass er sich im Heim befand. Fast nie fiel er auf, da er sich sehr zurückhaltend benahm. In der Schule war er einer der besten Schüler überhaupt. Er war zwei Jahre älter als Judika, sah aber stets etwas blass aus und benahm sich zuweilen recht linkisch. Er hatte eindrucksvolle Augen, schwarz wie die Nacht, groß und klar. Judika mochte diesen Jungen gut leiden, hatte auch schon wiederholt versucht, mit ihm ein Gespräch anzuknüpfen, aber er wich einem solchen immer aus: er gehörte zu jenen wenigen Zöglingen, die sich der Heimordnung völlig fügten.
An diesem Abend fing der Junge aber selber ein Gespräch an, indem er zu Judika leise hinüberflüsterte: “Judika, bist Du noch wach?”
“Ja”, flüsterte dieser. “Was ist denn, Hans?”
“Hast Du noch Eltern?”
“Ja.”
“Und Geschwister auch?”
“Oh ja, eine ganze Menge! Doch warum interessiert Dich das so? Jeder hat doch Eltern! Meine sind zwar nicht besonders und haben mich nie richtig lieb gehabt, aber Eltern muss man doch haben!”
“Ich habe aber keinen Menschen!”
Es entstand eine Pause.
“Auch keine Eltern?” fragte Judika ungläubig.
“Nein”, kam es schwach zurück. “Geschwister habe ich auch nicht!”
“Wo sind sie denn?”
“Die Eltern?”
“Ja.”
“Ich weiß nicht… ich glaube, sie sind tot… im Krieg, weißt Du… begraben… durch die Bomben verbrannt…”
Judika schwieg. Es gab ihm einen Stich. Gab’s so was? Keine Eltern? Immerhin hatte er welche. Hans tat ihm unendlich leid.
“Warum bist Du hier?” fragte Hans ihn.
“Weiß nicht! Eines Tages musste ich mit meinem Vater los! Ich glaube, durch das Jugendamt!”
“Hast Du etwas angestellt?”
“Wie?”
“Ich meine, ob Du etwas ausgefressen hast?”
“Kaum! Die Eltern haben mich immer geschlagen! Meine Mutter mit dem Stocheisen…”
“Warum das denn?”
“Sie haben mich nie richtig lieb gehabt!” Kam es kaum hörbar von Judikas Lippen. “Niemand hat mich richtig lieb! Nur Silvia und Maria hatten mich lieb… ja, und noch die Großmutter, aber die ist jetzt tot!”
“Mir erging es nicht viel anders. Zuerst war ich in einem Waisenhaus. Dort hat es mir gut gefallen. Aber dann kam ich nach hier. Warum, weiß ich auch nicht. Jetzt bin ich fast schon 5 Jahre hier, und es gefällt mir hier gar nicht!”
“Fünf Jahre schon?” fragte Judika ungläubig.
“Ja. Wollen wir Freunde werden, Judika?”
“Aber ja!” sagte dieser sogleich eifrig. Erstmals hatte man ihm hier im Heim ein solches Angebot gemacht. Daher griff er freudig zu. “Ja, wir wollen Freunde sein!” sagte er noch einmal wie zur Bekräftigung dieses nächtlichen Bundes. “Ich werde alle meine Knicker mit Dir teilen - auch die Glas- und Eisenknicker! Und wenn Dich mal einer verhauen will, dann helfe ich Dir, denn ich bin ganz schön stark und habe vor den anderen Jungen keine Angst…”
“Prügeln mag ich nicht!” sagte Hans leise zurück.
“Ich meine ja nur, wenn Dich mal einer etwas tun will, denn man kann sich ja nicht einfach verhauen lassen. Ich werde Dir dann zur Seite stehen… Denn ich bin wirklich stark, stark wie… wie… nun ja, wie ein großer Baum. Zu Hause habe ich einmal mit einem Prengel ganz allein meine ganze Klasse verscheucht, dass alle gelaufen sind wie die Hasen! Ich sage Dir…”
Ehe Judika noch weiter prahlen konnte, wurde er von dem Nachtwächter unterbrochen, der seine Runde machte. Sie stellten sich beide schlafend, bis er wieder gegangen war.
“Ich bin nicht so stark!” flüsterte Judikas Nachbar, um das Gespräch nicht versiegen zu lassen.
“Oh”, richtete Judika sich auf, “das ist nicht weiter schlimm. Wir machen das schon!”
“Damals hat man Dich aber sehr gehauen, nicht wahr? Als Du gebrochen hattest. Du hast mir richtig leid getan!”
Judika wurde warm ums Herz. Er sagte zornig: “Ja, die Füchsin, diese Eule, diese Ziege…”
“Das ist gar nicht mehr menschlich!” Hans legte die Hände hinter den Nacken. “Das machen sie nur mit uns, weil wir noch so klein sind und uns nicht wehren können!”
“Du bist aber immer brav und bekommst fast nie Schläge. Wie kommt das nur? Wie machst Du das? Ich hingegen bekomme fast täglich Ohrfeigen, Backen- oder Ohrzwicker, man schlägt mich mit dem Schlüsselbund oder dem Stock, dabei bin ich doch nur etwas lebhafter als Du! Wie stellst Du das an?”
“Ich weiß nicht”, murmelte Hans. “Ich verhalte mich einfach ruhig und mache keinen Krach!”
Judika schwieg eine Weile, um darüber nachzudenken. Dann meinte er: “Das ist aber komisch!”
“Was ist komisch?”
“Dass man mich immer mehr haut als Dich! Ich glaube, keiner bekommt es so wie ich. Die haben es direkt auf mich abgesehen. Wenn ich ein Riese wäre, würde ich mir das nicht gefallen lassen, dann wären die anderen Zwerge gegen mich! Bin ich nicht so wie andere Jungen auch?”
“Ja, man müsste schon groß sein! Was willst Du eigentlich mal werden? Ich selber möchte später ins Kloster gehen und dann Missionar werden…”
“Was möchtest Du?”
“Ins Kloster. Ich möchte später einmal den armen Heidenkindern helfen und von Gott erzählen!”
“Was ich werden will, weiß ich noch nicht, aber ich werde es mir schon aussuchen!”
Die beiden Jungen wurden langsam müde. Das Gespräch wurde einsilbiger, bis man sich “Gute Nacht!” sagte und einschlief. Als Herr Schabelinski wieder seine Runde durch den Schlafsaal machte, um die Bettnässer zu wecken, lagen die beiden Jungen in tiefem Schlaf. Beide Gesichter waren ruhig und entspannt.
Von jener Nacht an waren die beiden oft zusammen, spielten gemeinsam.
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Bezüglich der sexuellen Neugierde der Kinder war man im Heim sehr streng. Alles wurde getan, um ihnen eine völlig falsche, ja absurde Sexualeinstellung beizubringen. In anderer Hinsicht gab man recht wenig auf das Schamgefühl der Jungen. So war es beispielsweise Sitte, dass jeder Zögling abends seine Unterhose auf links drehen und der jeweiligen Erzieherin vorzeigen musste, ob diese beschmutzt war. War dies der Fall, musste sie mit Wasser und Seife ausgewaschen und über Nacht zum Trocknen aufgehängt werden.
Eine andere beschämende Erniedrigung war die - als Verschärfung der Strafe geltende - Entblößung bei der körperlichen Züchtigung, wobei der Zögling sich mit nackten Hinterteil bücken oder über einen Stuhl legen musste…
Judika war etwa 3 Monate bei den Kleinen der Flamingogruppe, als die Erzieherin Schröder, eine kleine, etwa 24jährige Frau, ihn rufen ließ. “Wir haben beschlossen, Dich zu den Großen zu verlegen. Für die Kleinen bist Du nicht mehr tragbar. Was meinst Du selbst dazu?”
“Es gefällt mir gar nicht! Ich möchte lieber in meiner Gruppe bleiben!”
“Und warum? Bei den Großen hast Du es doch eigentlich besser: Du kannst abends länger aufbleiben, kannst mehr hinaus - und auch beim Brennball mitspielen…”
“Ich mag nicht!”
Wie jeder Mensch, verwurzelte auch Judika sich an seinem jeweiligen Aufenthaltsort. Er hatte sich eingelebt. Und jetzt sollte er wieder verlegt werden. Das gefiel ihm nicht, nein, überhaupt nicht gefiel ihm das! Da musste er sich wieder völlig neu einleben und kannte fast keinen der Jungen persönlich. Das störte sein psychisches Gleichgewicht ganz empfindlich.
“Warum möchtest Du also nicht zu den Großen?” forschte die Schröder weiter.
“Ich kenne da keinen - und möchte auch lieber in der Gruppe bei den…”
“Aber die anderen Jungen sind jedes Mal froh, wenn sie zu den Großen verlegt werden!”
Obwohl es so aussah, als wenn die Schröder seine Meinung dazu hören wollte, wusste er doch gleich, dass man ihn erst gar nicht lange fragen würde, wenn man ihn verlegte, sondern dass man ihn einfach nur form halber kommen ließ.
So zog er also um und war sehr traurig, als er seine Sachen aus dem Spind holte, seine Bettwäsche nahm und seine weiteren Klamotten zusammensuchte, weil er nicht mehr mit Hans zusammen sein konnte.
In der neuen Abteilung konnte Judika einfach keinen Fuß fassen, zumal sie auch von denselben Erzieherinnen betreut wurde, die auch die kleineren Zöglinge betreuten. Er fühlte sich nicht wohl unter den Jungen, die alle bedeutend älter waren als er selbst und ihn links liegen ließen. Was sollte man auch schon als Großer mit einem kleinen Jungen anfangen können?
Judika war sehr sportlich. Und gerade dieses sportliche Talent war es schließlich, das ihm verhalf, sich Anerkennung zu verschaffen. Er konnte gut werfen, verstand es vorzüglich, mit Bällen umzugehen, flink zu sein und schnell zu laufen, zu springen und den Ball zu schlagen. Mit der Zeit ging er auch ans Tischtennislernen. Im Völkerball war er sowohl in der Schule als auch in der Gruppe sehr gefragt. Er lernte das Fußballspielen und brachte es - wie in fast allen sportlichen Dingen - bald soweit, dass er immer mehr Freunde bekam. Aber neidisch registrierten dies die drei Erzieherinnen. Und es war, als wollten sie sich dafür rächen, als gönnten sie ihm diesen Triumph, so gut anzukommen, nicht.
Beim Brenn- oder Schlagballspiel, das besonders gefragt war unter den Zöglingen, war Judika besonders gut angekommen, denn er verstand es meisterhaft, mit der Plecke umzugehen oder die Brennbälle zu fangen und so seiner Gruppe einen Vorteil zu verschaffen.
Aber kaum hatte er sich hier eingelebt, musste er wieder seine Sachen packen, denn man verlegte ihn zur “Heuschreckengruppe…
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“Nein, Fräulein Schade, so geht das aber nicht weiter! Ich bestrafe die Zöglinge- und Sie heben diese Bestrafungen, die durchaus ihre Berechtigung haben, wieder auf! Denken Sie nur an Judika Regiez: Ich versuche, ihm seine Trotzigkeit und sein Ungehorsam auszutreiben - und Sie bestärken ihn geradezu mit Ihrem Verhalten darin! Was soll es denn werden, wenn wir uns gegenseitig in die Karre fahren, Sie andauernd meine Anordnungen als Gruppenleiterin zunichte machen?”
Die das sagte, war die Gruppenleiterin der “Heuschreckengruppe”. Die etwa 46jährige Frau war sehr dick. Sie glich einer Kugel, die sich dauernd bewegte. Kleine Schweinsäuglein blinzelten aus ihrem Gesicht. Ihre Hamsterbacken gerieten beim Sprechen unweigerlich in Bewegung, und es sah aus, als würde sie kauen. Die schon etwas grauen Haare hingen ungepflegt herunter. Ihre kleinen Beine stampften beim Gehen. Der Mund war stets in Bewegung. Die Nase zuckte bisweilen wie eine vorstoßende Schlangenzunge, zumal, wenn sie diese hochzog - das tat sie sehr oft. Sie hatte einen mächtigen Busen. Ihr Hintern glich dem eines Brauereipferdes, das eine Stürzkarre zieht. Fräulein Hausmann, so hieß sie, war eine Jungfer von konservativer Einstellung, die sich selbst gern reden hörte. Ja, sie empfand beim Reden eine gewisse Wollust und fühlte sich dadurch selbst bestätigt. Wenn sie sich nicht reden hörte, war sie nicht zufrieden. Ihr Glück und Sein, der Sinn ihrer kleinbürgerlichen Existenz hing von diesem Reden ab. Sie redete wie ein Wasserfall, wie “die klappernde Mühle am rauschenden Bach”! Wenn sie reden konnte, vergaß sie alles: nur ihr Reden nicht. Daß sie nicht auch sich selbst vergaß, lag nur daran, dass sie sich selbst ebenfalls beim Reden zuhörte und es phantastisch fand. Zuweilen bediente sie sich höchst gewählter Ansprüche. Sie war - so meinte sie jedenfalls selbst - eine äußerst gute Erzieherin: streng und unnachgiebig, die alles Böse hart mit dem Stock ahndete, aber gerecht und gesittet war. Die Kinder parierten bei ihr auf Wort, da im Hintergrund der Rohrstock herumtanzte, denn der Grundsatz dieser Erzieherin war der bekannte und ihrer Meinung nach altbewährte Spruch: “Wer nicht hören will, muss fühlen!” Bei Verfehlungen jeder Art ließ sie daher die Zöglinge recht deutlich fühlen, dass es besser sei, ihr aufs Wort zu gehorchen, als ein ungehorsames Leben in der Gruppe zu fristen…
Nur diese dumme Schade, eine gerade erst 27jährige Erzieherin, funkte ihr immer wieder dazwischen. Aber jetzt war man gerade dabei, ihr das begreiflich zu machen, denn schließlich war man ja die Gruppenleiterin. Jetzt wandte sie sich an die junge Frau, in deren Zimmer man saß.
“So geht es also nicht weiter, Fräulein Schade, das müssen Sie doch selbst einsehen! Sehen Sie mal, ich bin nun über 15 Jahre hier als Pädagogin bzw., als Erzieherin tätig und bin mit meiner Erziehungsmethode immer am besten gefahren. Man gehorcht mir aufs Wort. Wenn nicht, ist der Stock immer noch das beste Mittel dagegen…”
“Die Kinder mögen Ihnen vielleicht nach außen hin gehorchen”, antwortete die junge Frau, “aber das ist ein erzwungener Gehorsam, da sie es aus Angst vor dem Rohrstock tun. Innerlich aber verkriechen sie sich, werden verstockt und trotzig. Eines Tages - ob bald oder später - wird das alles zum Durchbruch kommen, das ist gewiss. Der Stock ist nicht der Erzieher, sondern nur ein Hilfsmittel in der Erziehung, das nicht die beste Medizin ist für die Kinder und nur in schwerwiegenden Fällen angewandt werden sollte. Wir selbst sollen ja erziehen und dies nicht den Rohrstock überlassen…”
“Aber, mein liebes Fräulein Schade”, meinte nun die Gruppenleiterin, “was sind denn das für Ansichten? Ja, was wollen Sie denn machen, wenn sie mit den Bengeln nicht fertig werden? Dann muss man doch zum Stock greifen! Kinder, die manchmal primitiv, zu dumm sind, um ein Wort oder ein gefordertes Verhalten zu behalten, denen infolge der schwachen Intelligenz keine Einsicht beigebracht werden kann - denen muss man einfach mit dem Stock die Einsicht verabreichen, einen Denkzettel verpassen: wenn es erforderlich ist wieder und immer wieder, damit sie an die Schmerzen zurückdenken, Angst bekommen und unseren erzieherischen Forderungen unverzüglich nachkommen. Die Angst ist das beste Mittel, um Dummköpfen begreiflich zu machen, dass sie zu gehorchen und sich unterordnen zu haben. Angst verhilft zwar nicht zu rechten Einsicht, aber sie erzieht, sie erzielt dasselbe Ergebnis in der Erziehung. Haben Sie selbst früher nie Dresche bekommen?”
“Nein, meine Eltern hielten davon nichts. Sie erzogen mich mit Liebe und Geduld. Wäre es anders gewesen, hätte ich kaum heute solche Ansichten über meinen Beruf. Ich habe ihn gewählt, um den Kindern das zu lernen und zu zeigen, was ich von meinen Eltern mitbekommen habe!”
Das hatte gesessen! Die Hausmann kaute mächtig mit den Backen. Aber die junge Frau fuhr fort: “Kinder brauchen Liebe und Geborgenheit. Fast alle Kinder, die hier sind, haben seelische Schäden. Sie brauchen daher umso mehr die Gewissheit, nicht allein zu sein. Wir sind dazu da, ihnen zu zeigen, dass auch wir einmal Kinder waren und daher um ihre Probleme Bescheid wissen…” Sie schwieg, weil sie bemerkte, dass die Gruppenleiterin die ganze Zeit schon etwas sagen wollte.
“Ja, ja, das ist ja alles schön und gut, aber man muss sie ja auch für das spätere Leben erziehen, damit sie den kommenden Anforderungen gewachsen sind. Ich versuche deshalb gerecht zu sein und alle gleichermaßen zu behandeln…”
“Man kann eben nicht alle gleichermaßen behandeln, weil jeder Mensch verschieden geartet ist, eine ihm eigene Persönlichkeit hat. Eigentlich formen die Kinder in einer Gruppe sich selber viel mehr als wir das vermögen mit unseren unvollkommenen Erziehungsmitteln. Immer wieder kann ich beobachten, dass die Kinder untereinander viel ehrlicher sind als uns gegenüber. Das sollte uns zu denken geben! Wir vermögen nur äußerlich zu formen. Aber an den inneren Kern ihrer kleinen Persönlichkeit kommen wir nicht heran. Wir können zwar äußerlich eingreifen, ihnen sagen, sie sollen dies oder jenes tun und anderes zu lassen haben. Wir können sie auch zwingen dazu. Aber ist das die wahre Erziehung? Viel wichtiger ist doch, dass wir versuchen, in das Innenleben einzudringen und dort Veränderungen verursachen. Gewiss ist das schwierig bei einer Gruppe von über 30 Jungen und nur zwei Erzieherinnen. Da kann man nicht allen Kindern zur gleichen Zeit seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Das braucht man auch nicht, weil sie verschieden geartet sind. Die einen sind selbständiger und ausgeglichener geartet; andere wieder labil. Die einen werden die Forderungen eher begreifen als die anderen. Den ängstlichen und labilen Zöglingen muss man mehr Zeit widmen, da nur mit Geduld an ihnen heranzukommen ist.”
Die junge Frau schwieg. Die Gruppenleiterin aber meinte: “Schön, jeder hat seine eigenen Vorstellungen von Erziehung. Vieles von Ihren Sätzen mag auch richtig sein. Das besagt aber nicht, dass wir nicht an die Verantwortung den Kindern gegenüber zu denken haben. Und diese Verantwortung lässt mich sie alle gleich behandeln!”
“Was ist Verantwortung?”
“Der Weg ins rechte Leben!”
“Das rechte Leben”, entgegnete die junge Frau, “besteht darin, dass wir jede menschliche Persönlichkeit respektieren sollten.”
Die Gruppenleiterin sprach noch einige belanglose Worte und verabschiedete sich dann. Und auch die junge Frau saß noch einige Minuten in Gedanken da, um dann ins Bett zu gehen.
Fräulein Schade war eine der wenigen Erzieherinnen, die Judika wirklich ernst nahmen. Sie war eine hübsche Frau mit eindrucksvollem, schmalem Gesicht, die ihre Haare kurz trug. In ihr hatte Judika erstmals einen Menschen, der ihn nahm, wie er war und zu verstehen schien. Nie wurde er von ihr geschlagen. Und er hing mit seiner ganzen kindlichen Naivität an ihr. Sie nahm sich Zeit für ihn.
Ganz anders hingegen die Gruppenleiterin Hausmann: mit Vorliebe schlug sie die Zöglinge bei der körperlichen Züchtigung aufs Gesäß, ließ sie zur Strafe nackt eiskalt duschen nach der Züchtigung und anschließend Strafsport betreiben im Baderaum. Zuweilen mussten die Zöglinge auch nackt in der Ecke stehen oder knien, die Hände weit vorgestreckt, im Entengang durch den Raum hüpfen - bis zur totalen Erschöpfung...
Judika hatte von ihr viel zu erleiden.
Judika war erst wenige Wochen in der Heuschreckengruppe, als er krank wurde: zunächst verspürte er ein anhaltendes Jucken im Rücken. Er bekam die Windpocken. Von den anderen Heiminsassen wurde er daraufhin isoliert und kam auf die Krankenstation. Die Station lag oben im Hauptgebäudes des Heimes. Abends wurde er hingebracht von Fräulein Schade.
“So, nun werde bald wider gesund!” sagte sie ihm beim Abschied. “Morgen werde ich wieder nach Dir sehen, wie es Dir geht. Ein Buch werde ich Dir auch mitbringen! Und sei schön lieb, wenn Du hier bei der Krankenschwester bist, hörst Du?”
Judika versprach es. Auf der Krankenstation war eine Schwester, die alle Zöglinge des Heimes versorgte und extra als Krankenschwester ausgebildet war. Sie leitete die Station. Schwere Fälle wurden dem Arzt zugeführt und kamen ins Krankenhaus. Die Schwester hieß “Ursula”.
“Na, da wollen wir mal”, sagte sie zu Judika, als die Erzieherin gegangen war. “Zieh Dich mal aus und stelle Dich in die Wanne dort, damit ich Dich ganz abwaschen kann!”
Judika zog sich bis zur Unterhose aus.
“Die auch noch!” verlangte die Nonne und wies auf die Unterhose.
Judika zögerte, da er sich schämte.
“Du brauchst Dich nicht zu schämen! Zieh sie nur aus, denn wenn es nicht nötig wäre, würden wir es nicht machen! Ich muss Deinen ganzen Körper mit dem Zeug da abwaschen!”
Sie wies bei ihren Worten auf den Inhalt der Wanne, der wie blaue Tinte aussah.
Zögernd zog er die Hose aus, stand nackt da, sagte zweifelnd; auf den Inhalt der Wanne zeigend: “Da soll ich ‘rein? Dann werde ich ja ganz blau!”
Die Nonne lachte. “Ach was, steig nur hinein. Das wird später wieder mit Wasser abgewaschen!”
Er stieg in die Wanne und wurde von der Nonne mit einem Schwamm gründlich abgewaschen, abgetrocknet und in einen sauberen Schlafanzug sowie ins Bett gesteckt.
“Nun schlaf erst mal schön!” sagte die Nonne. “Morgen werden wir dann schon weiter sehen.”
Fast drei Wochen verblieb er auf der Krankenstation des Heimes. Bereits nach einer Woche gefiel es ihm dort so gut, dass er am liebsten für immer dort geblieben wäre.
Plötzlich entdeckte er seine Leidenschaft fürs Lesen. Erstmals fing er an, Bücher mit einem Heißhunger zu verschlingen, der ihm selber unheimlich war. Fräulein Schade kam ihn fast täglich besuchen.
Eines Tages erschien Fräulein in seinem Zimmer. Er war am lesen. “Hör mal, Judika, ich muss Dir eine unangenehme Nachricht mitteilen: Übermorgen kommst Du in ein anderes Heim!”
Er war wie vom Donner erschüttert. Plötzlich schluchzte er. Die Tränen kullerten an seinem Gesicht herunter. Sein Gesicht barg er in das Kissen.
Fräulein Schade stellte sich näher zu ihm, setzte sich auf den Bettrand und strich ihm über den Kopf. “Ich weiß ja, dass Du nicht wieder verlegt werden möchtest. Sei bitte nicht gar so traurig. Weißt Du, ich habe alles versucht, damit Du hier bleiben kannst und Deine Entwicklung nicht gestört wird, denn ich mag Dich auch - bestimmt: ja, ich mag Dich besonders gern… Aber ich bin eine kleine Angestellte, die da genauso machtlos ist wie Du selbst!”
“Immer stößt man mich weg!” schluchzte Judika nun noch trauriger auf. “Immer werde ich umher geschoben. Gerade jetzt, wo ich Sie gefunden habe…!”
Plötzlich warf er seine dünnen Ärmchen um ihren Hals, barg seinen Kopf verschämt an ihrer Brust und konnte vor Weinen nicht mehr richtig sprechen. Sein kleiner Körper wurde durchgeschüttelt wie von einem starken Stromstoß…
Die Erzieherin ließ ihn gewähren. Sie schämte sich und fühlte sich ihm gegenüber schuldbewusst, weil sie ihm in seiner Lage nicht zu helfen vermochte. Sie begriff seine Reaktion, da sie wusste, wie viel man in der kurzen Zeit in diesem Knaben zerbrochen hatte. Das konnte man nur wieder mit viel Liebe und Verständnis reparieren. Sie mochte den kleinen Buben gern, der immer mit frechen, aber offenen Augen in die Welt schaute, der äußerlich so rau, so draufgängerisch, so unängstlich sein konnte, der aber innerlich sensibel, ängstlich, erschrocken, einsam und voller Sehnsucht nach einem Stück Heimat und Geborgenheit war… Ja, sie mochte ihn! Noch sehr viel musste man ihm wieder gut machen. Wehe, wenn er in falsche Hände geriet! Er war nicht dumm und hatte ein gutes Urteilungsvermögen. Sie empfand die Situation selber als beschämend und bedrückend und suchte verzweifelt nach Worten. Sie, die ansonsten wortgewandte und intelligente Frau fand keine Worte.
Sie gab sich einen Ruck. “Du kannst mir ja schreiben, Judika! Ich werde Dir bestimmt antworten, das verspreche ich Dir!” Und sie dachte bei sich: ‘Nein, das Heim ist nichts für ihn, wo er jetzt hin soll!’ Laut aber fuhr sie fort: “Aber versprichst Du mir auch, dass Du mir schreibst?”
Er nickte heftig mit dem Kopfe, und sein tränennasses Gesicht hob sich zu ihr auf.
“Wir wollen es uns nicht zur Qual machen”, sagte sie jetzt. Mir fällt es auch schwer, mich von Dir trennen zu müssen! Es tut mir auch weh! Aber wenn Dir im neuen Heim einmal Böses oder Ungerechtes zugefügt werden sollte, dann denke an mich! Denke daran, dass es außer solchen Menschen auch noch andere gibt und nicht alle so lieblos und hartherzig sind! Versprichst Du mir das?”
Heftig nickte er wieder mit dem Kopf…
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Sie waren unterwegs in das andere Heim. Nicht nur Judika wurde verlegt: mit ihm fuhren zwei andere Zöglinge, die er aber nicht näher kannte. In einem Auto brachte man sie zum Theresien-Heim.
Als sie das Theresien- Heim erreichten, war es 16.00 Uhr. Das Heim kam ihm sonderbarerweise bekannt vor. Plötzlich erinnerte er sich, dass er damals mit dem Vater sich verfahren hatte und bei diesem Heim gelandet war. Gerade vor diesem Heim befanden sie sich nun. Ronsbeck hieß die Stadt, in der sich das Heim befand.
Sie fuhren von der Straße links in einen breiten Weg hinein auf einen großen Hof. Rechts lag eine große Wiese mit etlichen Spielgeräten. Davor die Häuser des Heimes.
Der Erzieher, der sie hingebracht hatte, klingelte an der Pforte. Judika kannte das bereits: es war wie in den anderen Heimen - Aufnahme im Büro und Vorführung zur Schneiderei, Empfang der Heimkleidung, Einteilung in die Gruppe, die üblichen Zugangspredigten mit Ermahnungen, Drohungen, Hinweisen und Erklärungen über den Tagesablauf.
In diesem Theresien-Heim gab es Jungen und Mädchen, die allerdings getrennt untergebracht waren. Es war ein katholisches Heim. Ein Priester war der Heimleiter - wie im vorigen Heim, in dem Judika nur einige Monate gewesen war. Im Theresien-Heim gab es 3 Mädchen- und 5 Jungengruppen. Nur in einer Gruppe lebten beide Geschlechter zusammen: Indessen war dies eine Gruppe, in der fast noch Kleinkinder lebten. Ansonsten waren nur schulpflichtige Kinder im Heim. Nonnen waren die Erzieherinnen. Ein Kloster lag in der Nähe des Heimes. Es war ihm vermutlich angeschlossen. Die Schule befand sich darin. Das Kloster selbst war schon ein sehr alter Bau. Es gab keine Parkanlagen und Wälder in der unmittelbaren Umgebung. Dafür gab es hohe Mauern rings um das Heim. Hinter dem Heim lagen die landwirtschaftlichen Gebäude, die aber längst nicht so groß waren wie im Albertus-Heim. Etwa 250 Kinder beiderlei Geschlechts befanden sich im Theresien-Heim - auch Waisenkinde und uneheliche Kinder. Die einzelnen Gruppen hatten die Namen Heiligen.der katholischen Kirche.
Judika kam zunächst in die Aloisius-Gruppe, in der sich die jüngsten Zöglinge befanden. Auch diese Gruppe hatte etwa 35 Zöglinge Als er hier eintraf, musste er nur seine Sachen in das Spind legen, das sich im Tagesraum befand. Eine Nonne führte ihn in den Schlafsaal, wo er ins Bett gehen musste, da er von der Krankenstation des anderen Heimes verlegt worden war. Es sei Mai, erklärte ihm die Nonne, und die anderen Zöglinge seien alle in der üblichen Maiandacht in der Heimkirche.
Er schlief sofort ein und merkte nicht einmal, als die anderen Zöglinge aus der Kirche kamen und sich zu Bett begaben.
Im Schlafsaal standen zwei Betten jeweils so nebeneinander, dass sie durch eine 50 cm hohe Zwischenwand abgetrennt wurden. In der ersten Nacht wurde er von einem Krach wach. Er richtete sich auf, schaute über das Brett in den Schlafsaal hinein. Etwa drei Meter von ihm stand ein kleiner Junge im Bett und weinte herzerbarmend. Judika begriff zunächst nicht, warum er weinte.
Einige Jungen zwangen den Kleinen unter Gelächter, in der Nase zu bohren und die Sekrete zu essen.
“Los, Stariz2, schrie es aus einer Ecke, “bohr in Deinem Riecher und fresse die Popel auf!”
Ein anderer Junge brüllte: “lass gehen, sonnst verdresche ich Dich morgen ganz schön!”
Als der Kleine noch erbärmlicher weinte, warf man mit Schlappen nach ihm. Judika konnte sein von Tränen nasses Gesicht deutlich ausmachen. Der Junge tat ihm leid, so leid, dass er den Kopf unter die Decke steckte und ebenfalls weinte. Aber es waren Tränen der Wut. Er schämte sich für alle Jungen im Schlafsaal, die so gemein und grausam waren. Unwillkürlich ballte er unter der Bettdecke seine kleine Faust. Er schwor sich, später einmal alle Jungen zu verhauen, die den Kleinen gepeinigt hatten! Er fragte sich, wo wohl die Nachtschwester sein mochte. Aber im ganzen Haus gab es für alle Gruppen nur eine Nachtschwester, die alle zwei Stunden die Schlafsäle aufsuchte.
“Warum macht man das?” fragte Judika den Bettnachbarn, als dieser mit seinem Kopf zum Vorschein kam.
“Ach, das ist hier so Sitte! Das macht man immer mit denen, die sich nicht wehren können. Ulkig, nicht wahr? Bei den Neuen machen sie auch immer so einen Blödsinn: auf einen Stuhl stellen und ein Lied singen lassen, Wasser ins Bett - oder so was! Bei Dir wird man das sicher auch versuchen! Deshalb sage ich es Dir jetzt schon. Also pass gut auf, dass man Dich nicht auch reinlegt!”
“Sie sollen es wagen! Sie sollen nur kommen!” knurrte Judika erbost.
“Bist Du so stark?” fragte sein Nachbar neugierig. “Bei mir haben sie es auch gemacht…”
“Oh, Angst habe ich keine, warum?”
“So hilf doch dem Stariz - oder traust Du Dich nicht?”
Judika war nicht auf den Kopf gefallen und knurrte: “Warte nur ab! Du wirst es schon merken, wenn ich länger hier bin!”
“Das kann man so sagen!”
“Ich bin ja erst gestern Abend gekommen und kann nicht gleich am ersten Tag einen verhauen. Sagen denn die Schwestern nichts? In dem Heim, wo ich vorher war, gab es Prügel, wenn man sich zankte.”
“Ja, hier ist es auch verboten”, sagte der Junge, “aber man macht es dann heimlich auf der Toilette, den Hof, wenn keine Schwester in der Nähe ist. Die Nonnen schlagen viel. Der Direktor auch. Fast jeden Tag wird einer von dem verdroschen…”
‘Das kann ja heiter werden!’ dachte Judika.
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Es fiel Judika sehr schwer, sich den zuweilen recht absonderlichen Erziehungsmethoden zu unterwerfen. Die beiden Gruppennonnen der Aloisius-Gruppe hießen Schw. Maria und Schw. Paula: Schwester Maria schien noch relativ jung, Schwester Paula hingegen älteren Jahrgangs zu sein. Indessen vermochte man das sehr schlecht zu schätzen, da die Nonnen in ihren Trachten alle gleich aussahen. Judika hatte solche Nonnen noch nie gesehen. Ein langes und schwarzes Kleid trugen sie, das bis zum Boden reichte. Um die Hüfte trugen sie eine schwarze Kordel, deren beiden Enden ebenfalls fast den Boden berührten. Über der Brust ein großer, weißer Latz und einen hohen, steifen Kragen. Die Haube war rund, fasste Stirn und teilweise auch Wangen mit ein. So konnte man nur das halbe Gesicht und die Hände sehen - alles andere entzog sich den Blicken, da es durch die Tracht verdeckt wurde. So schienen die Nonnen den Eindruck erwecken zu wollen, als seine sie keine Menschen, sondern ganz besondere Wesen.
Schon vor 6.00 Uhr morgens war im Heim das Wecken. Die Zöglinge wuschen sich im Waschraum, der unmittelbar vor dem Schlafraum lag. Judika bekam wieder eine Nummer zugewiesen: diesmal die Nummer 19. Nach dem Wecken mussten sich die Zöglinge waschen, vorzeigen, dann die Betten machen und auch sogleich den Schlafsaal putzen. Beim Morgengebet kniete die ganze Gruppe auf dem Boden und musste ein langes Gebet sprechen, wenn es nicht die Nonne selbst sprach. Danach gingen sie in die Kirche. Das alles geschah schweigsam. In der Kirche musste jeder Zögling sich bekreuzigen mit dem Weihwasser am Eingang. Vor dem Altar wurde eine Kniebeuge gemacht. Dann rückten alle in die reservierten Plätze ein. Links saßen die Mädchen, rechts die Jungen. Die Nonnen der jeweiligen Gruppen saßen in der letzen Reihe und passten auf wie die Luchse. Wer Dummheiten machte, sich umdrehte, schwätzte oder keine Haltung zeigte, wurde später bestraft.
“Wie oft geht man eigentlich hin zur Kirche?” forschte Judika bei einem Jungen.
“Bald jeden Tag! Das ist langweilig. Immer derselbe Mist! Abends geht es auch noch in die Maiandacht…”
In der Kirche durften die Zöglinge nur zu bestimmten Zeiten sitzen, stehen oder knien. Wer dagegen verstieß, wurde ebenfalls bestraft. Abwechselnd durfte einer von den ältesten Mädchen oder Jungen vorbeten. Die Messe selbst wurde in der Regel von dem Heimleiter als katholischer Priester und “Stellvertreter Gottes” oder seinem Stellvertreter, einem “Präses” zelebriert.
Nach dem Gottesdienst rückte man geordnet in die Gruppe ein. Die Zöglinge nahmen das Frühstück schweigend ein. Die Brote waren bereits geschmiert. Oft gab es morgens eine Milchsuppe. Nach dem Frühstück konnten die Zöglinge noch eine Weile auf den Hof gehen, um dann in die Schule einzurücken, die im Hauptgebäude lag.
Judika kam in die Klasse zu Herr Schaller. In der Schule war es sehr streng. Fehler jeder Art wurden mit dem Stock geahndet.
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In mancherlei Hinsicht ging es zu wie im Heim, in dem Judika vorher gewesen war - nur dass es hier bedeutend strenger, ja brutal war. Wochen und Monate vergingen. Judika lebte sich ein - und lebte sich doch wieder nicht ein. Er konnte sich schlecht einordnen. Daheim hatte er sehr viel draußen gelebt. Und nun war er hier regelrecht eingesperrt und wurde in ein Erziehungsschema hineingepresst, in das er gar nicht passte. Auch hier wurde er viel geschlagen, weil er allein seinen Weg ging. Bald hatte er bemerkt, dass unter den Zöglingen der Stärkere die besten Überlebenschancen hatte - auf Kosten der Schwächeren. Da Judika seinem Alter gemäß kein Schwächling, flink und sportlich war, verstand er es bald, sich bei den Zöglingen seines Alters durchzusetzen…
Freizeit gab es im Heim wenig. Nach der Schule mussten die Zöglinge Kartoffeln schälen, in der Landwirtschaft kleinere Arbeiten verrichten oder in der Heimgärtnerei helfen. Selten kamen sie dazu, auf dem Hof an den Spielgeräten zu spielen.
Bei einer dieser wenigen Gelegenheiten kam er mit einem 11jährigen Jungen namens Resing zusammen, der aus einer anderen Gruppe stammte. Dieser Junge fragte ihn beim Knickern unvermittelt: “Weißt Du eigentlich, woher die Kinder kommen?”
“Klar”, antwortete Judika, “das weiß doch jeder, dass sie vom Klapperstorch der Mama ins Bett gebracht werden!”
Der andere Junge lachte und lachte, hielt sich die Hand prustend vor dem Mund. “Das habe ich mir gedacht, dass Du mir mit einem Klapperstorch kommen würdest. So ein Blödsinn! Früher habe ich auch daran geglaubt, aber das sind Märchen!”
“Warum?”
“Du Esel! Die Kinder kommen nicht vom Klapperstorch! Hast Du schon einmal gesehen, wie ein Storch angeflogen kam und ein Kind brachte?”
“Nein, das nicht, aber meine Mutter hat es mir auch erzählt, dass der Storch mich in der Nacht gebracht hat. Und die muss es ja schließlich wissen…”
“Wie hat er Dich denn gebracht?”
“Durch den Schornstein?”
“Da bist Du wohl schwarz geworden? Hahaha!”
“Wenn er durch den Schornstein fliegt, kann man ihn natürlich nicht sehen!”
Der Junge tippte an die Stirn: “Hornochse! Da hat Deine Mutter Dich beschwindelt! Wo sollte der Storch die Kinder herhaben?”
“Nun, er holt sie sich vom lieben Gott!”
“Du bist bekloppt! Da fliegt er wohl in den Himmel, um sich dort andauernd Kinder zu holen?”
“So ähnlich”, sagte Judika.
“Mensch”, sagte der andere Junge, “Man hat Dich ja ganz schön mit dem Klapperstorch verscheißert! Weißt Du nicht, dass der Klapperstorch die Kinder gar nicht bringt, sondern Mann und Frau sie machen?”
Judika schaute ihn verständnislos an und lachte dann unsicher: “Du kohlst!”
“Von wegen, ich kohle! Es ist so, das weiß jeder. Hör mal zu, ich erkläre Dir das mal genauer. Also: Du weißt ja, dass der Mann so’ n Pillemann hat wie wir…”
“Du meinst, unser Männchen?”
“Ja, ich meine den Schwanz oder wie man das nun auch nennen mag. Ja, also: und die Mutter hat doch ein Loch - da, wo wir unser Ding haben…”
“Das weiß ich”, sagte Judika.
“Der Vater steckt also sein Ding bei der Mutter ins Loch und geht damit immer rein und raus… Eines Tages bekommt die Mutter ein Kind aus dem Loch. Und Du bist auch aus dem Loch bei Deiner Mutter gekommen! Alle Kinder kommen aus so einem Loch…”
Judika begriff das nicht ganz und war mit dieser Art des Kinderkriegens gar nicht einverstanden. Seine Stirn legte sich in Falten. Er dachte an Silvia und Jutta, an seine Schwestern, dachte an den Stall, in dem er “Doktor” gespielt hatte. Ja, ein Loch hatten sie gehabt - dass man da aber auch ein Männchen hineinstecken konnte und dann Kinder herauskamen, das schien ihm reichlich merkwürdig. Das müsste doch schrecklich weh tun?
So bekam Judika von seinen Kameraden den ersten “Aufklärungsunterricht”. Er grübelte noch lange über diese Sache nach, vergaß sie zuweilen, wurde aber immer wieder daran erinnert, wenn er beim Gottesdienst die Mädchen sah. Dann musste er wieder an die Worte des Jungen denken. Das stieß ihn ab, diese Form des Kinderkriegens. Der Gedanke daran erfüllte ihn geradezu mit Angst, die er nicht zu bewältigen vermochte.
Judika bekam viel Prügel mit dem Stock. Und nicht nur damit. Er vermochte es schließlich nicht mehr auszuhalten und risse an einem Montag aus dem Heim aus.
Weit kam er allerdings nicht. Er sollte beim Kartoffelschälen aus der Schälstube eine Bütte voll Kartoffelschalen in den darunter liegenden Schweinestall bringen. Da er sich schon Tage vorher die Flucht überlegt hatte, stellte er die Bütte nebst Inhalt in den Stall, schlüpfte zur hinteren Stalltür hinaus und rannte über den Hof zu dem Feldweg, der in die Felder führte. Gerade war er zwei Kilometer weit gekommen, als ihn Herr Relli, der Schmiedemeister des Heimes, schnappte.
Der Schmiedemeister war mit dem Fahrrad unterwegs gewesen und hatte ihn gleich gesehen. Obschon er Judika nicht kannte, wusste er doch sogleich, dass er nur ein Zögling vom Heim sein konnte. Das konnte er schon an der Heimkleidung erkennen..
Der Schmiedemeister nahm das Kind mit zur Schmiede. Judika musste sich über den Amboß legen und bekam mit einem Gummischlauch furchtbar Prügel. Dann brachte er Schmiedemeister ihn zurück zur Aloisius-Gruppe. In der Gruppe bekam er die so genannte “Gruppenkeile”: die ganze Gruppe fiel über ihn her und schlug ihn windelweich, brutal zusammen. Die Nonnen waren während dieses Spießrutenlaufens nicht sichtbar…
Da die Gruppe bestraft worden war nach Judikas Verschwinden, war sie nun wütend und zahlte es ihm heim. Die Nonnen versuchten damit, die Zöglinge mit Fluchtgedanken abzuschrecken und erfanden dazu die raffiniertesten Strafen für die Gruppe. Judika bekam die Haare völlig abgeschnitten. Schwester Paula gab ihm 8 Hiebe mit dem Rohrstock. Der priesterliche Heimleiter bestrafte ihn mit 10 Hieben. Zwei Wochen lang musste Judika getrennt von den anderen Zöglingen seiner Gruppe an einem “Schandetisch” sitzen und dort auch essen. Niemand durfte mit ihm sprechen. Drei Tage sperrte man ihn in eine Zelle ein. Zwei Wochen musste er bei Veranstaltungen im Heim ein Schild auf dem Rücken tragen, auf dem geschrieben stand: “Ich bin ein Ausreißer”.
Seine Leiden vermehrten sich. Es schien, als hätte sich alles im Heim gegen den kleinen Jungen verschworen. Man schlug ihn wegen geringster Verfehlungen. Man prügelte ihn, weil er Fingernägel kaute. Zu Weihnachten schenkte man ihm deshalb höhnisch einen Lutscher und einen Schnuller. Letzteren musste er vor der Gruppe gebrauchen… Er musste immer Angst haben, etwas Falsches zu sagen und Prügel zu bekommen.
Fräulein Schade hatte ihm anfangs einige Briefe geschrieben. Dann schlief auch dieser Briefwechsel ein.
Nach etwa einem Jahr in der Aloisius-Gruppe gab man ihn in eine andere: in die Thomas-Gruppe. Hier waren Schw. Theresia und Schw. Berta die Erzieherinnen.
Judika viel es immer besonders schwer, wenn er sich in einer neuen Gruppe wieder neu einleben musste. Da ihm sein Ruf vorausging, begegneten ihm die Nonnen mit Vorurteilen, ohne ihn überhaupt persönlich näher zu kennen. So hatte gleich Schw. Berta gesagt, als er die Gruppe betrat:
“Du bist der Regiez, ich weiß. Wir kennen Dich schon. Aber eines will ich Dir gleich sagen: Hier wird sich benommen. Das gibt es hier nicht, aus der Reihe tanzen. Ordnung muss sein, mein Lieber. Denke daran, sonst wirst Du es zu spüren bekommen!”
Das hatte ihm zu denken gegeben. Wie konnte man einen Menschen beurteilen, ohne ihn überhaupt näher zu kennen? Schw. Theresia war nicht viel anders. Sie war eine dicke Nonne, die immer daherwackelte wie eine Ente auf einem Bauernhof. Sie ging ein wenig gebückt. Sprach sie mit einem Zögling, stützte sie die rechte Hand in die Hüfte. Das nahm sich wie ein Denkmal aus. Judika mochte sie nicht. Er mochte die Nonnen schließlich überhaupt nicht. Denn er ahnte, das ihr christliches Gehaben oft heuchlerischer Natur war. Ihm währe es viel lieber gewesen, wenn Männer als Erzieher da gewesen wären. Die hätten ihn auch sicher besser verstanden.
Hier in der Thomas-Gruppe traf er auch wieder einige Zöglinge aus der Aloisius-Gruppe wieder, so dass sich sein Los etwas milderte.
Aber Judika fügte sich auch hier ein, wenn es ihm auch sehr schwer fiel. Es schien ihm fast, als würden die Nonnen die Zöglinge mit zunehmenden Alter strenger behandeln. Peinlich war ihm besonders, dass die Nonnen auch nach dem Waschen oder Baden den After und die Kranzfurche der Zöglinge kontrollierten, um Sauberkeit zu erforschen. Der Neuling wurde visitiert und musste sich nackt unter den Augen der Nonne gründlich duschen…
Diese und andere Dinge waren Judika peinlich genug, um gehaßt zu werden. Und er haßte auch die Verursacher dieser Peinlichkeiten gründlich. Die beiden Nonnen waren streng und machten rege Gebrauch von Strafen jedweder Art und der körperlichen Züchtigung.
Er unterhielt sich am ersten Abend in der neuen Gruppe beim Putzen der Zähne mit seinem Nebenmann, fiel dabei sofort auf. Zur Strafe musste er zwei Stunden vor dem Bett stehen und durfte sich nicht bewegen. Danach fiel er vor Müdigkeit ins Bett.
Bei einem der Gottesdienste saß er neben einen Knaben namens Jochen Laudum. Die Messe bestand diesmal aus einem feierlichen Hochamt, bei dem auch Weihrauch verwendet wurde. Judika schnupperte bewusst auffällig und strich mit der Hand über den Bauch, sagte zu Laudum: “Hm, dieser Weihrauch riecht zum Schlecken gut!” Laudum verpfiff ihn daraufhin nach der Messe bei der Nonne. Sie schlug ihn mit dem Rohrstock und ließ ihn 200 Kniebeugen machen.
Während des Gottesdienstes wurden die Zöglinge dazu angehalten, nicht bewusst tief zu singen oder zu brummen - selbst wenn der Knabe zu den älteren gehörte, die vielleicht schon im Stimmbruch waren. Die Nonnen waren eben der Meinung, dass die Zöglinge mit hoher Stimme wie Knaben zu singen hätten. Am liebsten hätten sie wohl alle Knaben kastriert gewusst wie zu jenen Zeiten, als die Päpste in Rom in ihren Chören verschnittene Knaben und Jünglinge hatten. Die Harmonie des Gesangs durfte unter keinen Umständen gestört werden während der “heiligen Messe”. Der eunuchiale Gesang wurde gewaltsam erzwungen. Zöglinge, die sich nicht diesem Eunuchengesang unterwarfen, wurden hart bestraft.
Judika hatte eine sehr gute Stimme. Deshalb stellte man ihn im Chor auf. Er konnte es sich aber aus Protest nicht verkneifen, zuweilen extra zu brummen. An einem Sonntagnachmittag brummte er während der Andacht bei dem Lied “Kommt her ihr Kreaturen all”. Bei der Stelle “Erzengel, Mächte, Kräfte all” sang er plötzlich schwungvoll von oben nach unten. Der zelebrierende priesterliche Heimleiter schaute sich verzweifelt um, um den Störenfried des Gesangs ausfindig zu machen.
Nach der Andacht erschien der Heimleiter noch einmal aus der Sakristei, trat vor den Altar und rief: “Regiez! Sofort rauskommen zu mir!”
Judika stand auf, zwängte sich an den anderen Zöglingen seiner Bank vorbei und ging zum Altar.
“Warum hast Du gebrummt?”
Judika schwieg.
Der Heimleiter schlug ihm vor allen Anwesenden ins Gesicht, dass es durchs Kirchenschiff hallte. “Das hast Du für Dein Brummen!”
Judika wurde infolge der gewaltigen Schläge zurückgeschleudert und stolperte über die Altarstufen, stürzte zu Boden, raffte sich sofort wieder auf. Seine Wangen waren rot von den Schlägen.
“Du wirst 100 mal schreiben: ‘Ich darf beim Gottesdienst nicht brummen!’ Und nun geh wieder auf Deinen Platz!”
Eine Woche später fiel Judika wieder mit seinem Brummen auf: diesmal ausgerechnet an einem “Herz-Jesu-Freitag”! Wieder bezog er vom PriesterDirektor Prügel und musste 200 mal schreiben, dass er nicht brummen dürfe. Judika fand das ungerecht. Fast bei jedem Gottesdienst stand der Tischlermeister des Heimes hinten und sang völlig falsch und tief, ohne dass sich je einer daran gestört hätte.
Seltsamerweise fand sich unter den Nonnen keine, die es einmal mit Milde bei Judika versucht hätte. Die Nonnen verstanden mit dem Rohrstock besser und handlicher umzugehen als mit dem geweihten Rosenkranz, den sie allenthalben in der Kirche durch die Finger rieseln ließen. Judikas Wut wuchs, ohne dass er sie innerlich loswerden konnte. Ein Pulverfass an Aggressionen sammelte sich in seinen Gefühlen an. In den ersten Jahren getraute er sich nie, den Nonnen Widerworte zu geben. Einmal hatte er mit Schuhen Fußball gespielt. Sofort war Schw. Theresia erschienen, hatte gesagt: “Du weißt doch, dass es verboten ist! Und trotzdem tust Du es?” Sie hatte die Hand ausgestreckt und ihn in den Hals gekniffen, gezogen: das geschah derart, dass die Nonne mit Daumen und Zeigefinger unter das Kinn griff und das so Gefasste kräftig nach unten zog. Das verursachte dann höllische Schmerzen und führte bei den Kindern zu einem regelmäßigen Gebrüll. Manchmal zogen sie die Halshaut auch mit einem schnellen Ruck brutal nach oben, so dass der Zögling wie bei einem bohrenden Zahnarzt auf den Zehenspitzen immer höher zu wachsen schien. So erging es auch Judika.
“Au!” schrie er auf, als die Nonne seinen Hals so fasste.
“Marsch - in die Gruppe!” fuhr ihn die Nonne an. “Melde Dich bei Schwester Berta und sage ihr, warum ich Dich geschickt habe!”
Judika suchte seine Gruppe auf. “Ich soll mich bei Ihnen melden!” sagte er, als er die Gruppe betrat.
“Warum?”
“Weil ich mit Schuhen Fußball gespielt habe.”
“Dass Du immer auffallen musst! Setz Dich dort mit einem Stuhl in die Ecke! Und mäuschenstill, wenn ich bitten darf!”
Eine Stunde musste er so sitzen. Als Schwester Theresia wieder erschien, flüsterte sie mit Schwester Berta eine Weile, wobei beide manchmal zu Judika herüber schauten.
“Los, Du kannst wieder auf den Hof gehen!” sagte Schw. Theresia.
Er trollte sich. Aber es kam ihm verdächtig vor. So glimpflich kam er ansonsten doch nie weg! Da stimmte etwas nicht!
Abends, als die Zöglinge beim Putzen der Zähne waren, schickte ihn Schw. Theresia nach unten in den Schuhputzraum. Damit er ihre Schuhe hole. Judika hatte zu diesem Zeitpunkt seine Nachtkleidung an: ein dünnes, kurzes Höschen sowie ein Nachtjäckchen. Da es öfter geschah, dass die Nonnen einen Zögling nach unten schickten, um Schuhe zu holen, fand er nichts dabei.
Er begab sich nach unten, öffnete die Tür des Raumes. Er lag im Dunkeln. Judika tastete nach dem Lichtschalter und machte - während er den Schalter betätigte - die Tür von innen zu. Das Licht flammte auf, übergoss den Raum. Geblendet schloss er einen kurzen Moment die Augen. Er wollte auf den Regalen hingehen und drehte sich um.
Er sah jetzt Schw. Berta, die vor ihm stand, in der Hand einen Rohrstock.
Ohne etwas zu sagen, schlug sie auf Judika ein. Sie wurde zur Furie: wieder und immer wieder sauste der Rohrstock auf den schmächtigen Körper de Kindes nieder.
Judika schrie wie von Sinnen. In seiner Angst, Pein und Verzweiflung versuchte er - wie eine Maus das rettende Loch - eine Stelle im Raum zu erreichen, die ihn vor Schlägen schütze. Er lief von einen Winkel in den anderen und versuchte schließlich, durch die Tür zu entweichen. Zu seinem Schreck bemerkte er, dass die Nonne die Tür von innen verschlossen und den Schlüssel abgezogen hatte, ohne dass er es gemerkt hätte.
Er bekam so fürchterlich mit dem Stock Prügel auf den ganzen Körper, dass er schließlich vor Schmerz gar nicht mehr schreien, sondern nur noch wimmern konnte. Die Nachtkleidung hing ihm in Fetzen vom Körper. Er lag auf dem Boden und wand sich wie ein gepeinigter Wurm. Die rechte Augenbraue war aufgeschlagen. Zeitlebens sollte er eine Narbe an dieser Stelle zurückbehalten. Der Kopf hatte mehrere Platzwunden…
“Nun steh auf!” sagte die Nonne, nachdem sie sich ausgetobt zu haben schien.
Mühsam richtete er sich auf, aber der Versuch misslang. Die Nonne goss ihm Wasser über den Kopf.
Wankend stand er vor ihr.
“Da!” Sie wies auf den Schuhputzschemel. “Setz Dich da hin!”
Er setzte sich. Die Nonne griff in ihre Kleidertasche und holte einige Bonbons hervor: “Da - nimm! Und dann sei wieder lieb und brav!”
Sie hielt dem Knaben die Bonbon hin. Er sagte nichts, nahm das vor Hohn triefende Trostpflaster nicht an. Ihm war auch gar nicht danach zumute. Alles tat ihm weh, alles an ihm war ihm taub: er glaubte, seinen Körper gar nicht mehr zu spüren…
Eine halbe Stunde konnte er auf dem Schemel sitzen bleiben, derweil die Nonnen ihm einen Vortrag hielt. Als er zu seinem Schlafsaal ging, stützte ihn die Nonne dabei. Im Schlafsaal brach er zusammen…
Die Nonne war sehr erschrocken, beugte sich über den Jungen. Aus den Betten steckten die anderen Zöglinge neugierig die Köpfe.
“Was ist?” fragte nun auch erschrocken Schw. Theresia, die herbeigeeilt war. “So hätten Sie ihn aber nicht zu schlagen brauchen!” Ihre Stimme klang ein wenig vorwurfsvoll. “Wir müssen sofort die Krankenschwester holen!” Sie eilte fort.
Die Krankenschwester kam, beugte sich über das Kind. “Habt Ihr ihn so geschlagen?” wandte sie sich an die Nonnen.
Die beiden Nonnen schwiegen.
“Der Junge muss sofort ins Krankenhaus!” sagte die Krankenschwester. “Wir müssen einen Arzt anrufen! Der Kopf muss verbunden werden. Wahrscheinlich hat er eine Gehirnerschütterung!”
Der Arzt kam, schüttelte den Kopf und verband Judika.
Judika lag einen Monat auf der Krankenstation. Die ersten Tage hatte er rasende Kopfschmerzen und schrie im Fieber, da er immer wieder alles durchlebte. Er schlug um sich, weinte. Man gab ihm Beruhigungsmittel und versuchte, ihn zu beschwichtigen.
Als er nach 5 Wochen wieder aufstand, verlegte man ihn und behandelte ihn in den kommenden Wochen etwas vorsichtiger, zumal der Arzt Schonung verordnet hatte.
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Judika fragte sich zuweilen in seiner kindlichen Naivität, warum gerade er soviel leiden musste. Alle schienen ihn zu hassen. Jeder sah es schon als frech an, wenn er frech in die Welt schaute. Sein freches, spitzbübisches Aussehen, dass er von Natur aus hatte, schien für viele Leute Anreiz zu sein, ihn die Knute spüren zu lassen. Diese Lage empfand er als bedrückend. Sie verursachte in ihm langsam ein Hassgefühl. Auch die Schule, die ihm zunächst sehr viel Spaß gemacht hatte, bedrückte ihn. Es gab Schläge dort: mit Prügel versuchte man, den Zöglingen das Wissen einzutrichtern. Er litt unter der Vorstellung, dass täglich in seiner Klasse Schüler vom Lehrer geschlagen wurden. So lernte er aus trotziger Opposition extra nicht.
Die in der Schule durchgeführte körperliche Züchtigung an den Zöglingen entsprach den christlichen Moralvorstellungen der Heimerzieherinnen und Nonnen. So gab es etwa für jeden Diktat-, Rechen- oder sonstigen Fehler einen Schlag mit dem Rohrstock oder einem Ochsenziemer. Ein Junge, der mit 10 oder mehr Fehlern sein Unwissen zeigte, bekam die entsprechende Anzahl von Hieben aufs Gesäß oder durch die Hand: zu diesem Zwecke mussten sie sich über eine Bank legen, der Lehrer steckte sich ihren Kopf zwischen die Beine oder schlug mit Vorliebe über die Fingerspitzen. Die Zöglinge rieben sich die Hände mit Zwiebeln ein oder mit Tinte. Lehrer Schaller schlug zuweilen sogar mit einem Stück vom Besenstiel. Unter den Zöglingen galt der als besonders “stark”, welcher die jeweiligen Schläge aushalten konnte, ohne mit der Wimper zu zucken. Es kam soweit, dass die Zöglinge es als einen Ehrgeiz ansahen, besonders viel Schläge auszuhalten, ohne dabei eine Reaktion zu zeigen. Wer seine Schmerzempfindlichkeit zeigte, galt als Schwächling, Versager und “Mamasöhnchen”.
Judika entdeckte seine Vorliebe für das Schreiben und für die Musik. Er lernte einige Musikinstrumente zu spielen und gehörte auch der Schola an. Im Sport war er sehr gefragt. Er las viel. Zwar verschloss er sich nicht dem Spielen, aber das trat langsam zurück und ernstere Interessen traten in den Vordergrund. Er führte ein Eigenleben, das ihn nicht gerade bei den Nonnen beliebt machte.
Er las sehr viel, verschlang alles, was er im Heim erreichen konnte. Zunächst waren es solche Bücher, die seinem kindlichen Bedürfnis entsprachen: Märchen, Heldensagen, Karl May, Fritz Steubens Indianergeschichten. Besonders gern las er die Bücher von “Nonni und Manni”, den beiden Islandkindern… Wenn er las, vergaß er alles. Er identifizierte sich mit den Gestalten seiner Bücher dermaßen, dass er erst aus einem Traum erwachen musste nach dem Lesen. Die Konfrontation mit der rauen Wirklichkeit des Heimalltags stürzte ihn in Depressionen.
Judika lernte auch etliche praktische Dinge: Putzen, Kartoffelnschälen. Besonders beim Kartoffelnschälen war er bald ein wahrer Artist, der es verstand, hauchdünne Schalen zu schälen oder die Schalen meterlang werden zu lassen… Aber mit welchen Preisen hatte er sich die Kunstfertigkeit erkaufen müssen! Die Nonnen hatten eine sehr feine Methode, den Kindern das Dünnschälen aufzuzwingen. Jeder Zögling, der die Schalen zu dick schälte, indem sie sich von den Nonnen brechen ließen, bekam die Schalen zum Essen: man brachte den Blechteller mit den Schalen in die Heimküche, ließ sie dort kochen und servierte sie dann beim Mittagessen dem jeweiligen Zögling. Judika hatte am Anfang oftmals seine Schalen essen müssen, weil er zu dick geschält hatte. Dabei hatte er am “Schandetisch” sitzen müssen.
Da Judika das, was er tat oder erlernt hatte, gründlich tat, wurde er von den Nonnen reichlich ausgenutzt und zu allen erdenklichen Heimarbeiten herangezogen: Er wurde in die Küche geschickt, putzte Gemüse, half in der Gärtnerei - ja, selbst beim Dreschen von Getreide musste er helfen. Er musste Flure, Gruppenräume, Treppenhäuser schrubben und wischen, bohnerte Schlafsäle, wusch und reinigte Toiletten, spülte Geschirr. Er lernte das Nähen und Stopfen, das Flicken und Sticken. Alle diese Arbeiten musste er in seiner Freizeit verrichten.
Der Winter kam. Aber er brachte auch seine Not mit sich. Die Zöglinge freuten sich auf die Schneeballschlachten. Judika lernte erstmals das Schlittschuhlaufen. Um Schlittschuh überhaupt laufen zu können, waren die Zöglinge auf eine ganz einfache Idee verfallen: Da kein Eis oder gefrorener See in der Nähe war, gingen sie abends mit Eimern voller Wasser auf den Hof, kippten dort das Wasser aus. In der Nacht gefror es und bildete eine gute Eisfläche.
Die Jungen entdeckten an einem Morgen, dass man das Eis auf dem Hof zerhackt hatte. Sie stellten Nachforschungen an und erfuhren, dass die Mädchen abends dort Schlittschuh liefen und das Eis extra mit den Schlittschuhen zerhackten. Die Gruppe lauerte am Freitagnachmittag den Mädchen auf, hatte sich mit etwa 20 Zöglingen hinter der Mauer versteckt, die den Hof umgab und nur an der Küchenseite einen Eingang hatte. Gegenüber dieses Eingangs lag die Stopfstube der Mädchen. Die Jungen hatten vor sich zahllose Schneebälle liegen, die sie als Geschosse geformt hatten. Als die Mädchen erschienen und gedrängt vor der Stopfstube standen, wurden sie von den Jungen derart mit Schneebällen bombardiert, dass sie überhaupt nicht auf die Idee kamen, Widerstand zu leisten. Sie duckten sich wie verschreckte Kaninchen und gingen in Deckung. “Gebt’ s den Schicksen!” brüllte ein Junge. Judika zielte auf ein großes Mädchen mit hübschem Gesicht und straffem Busen, versuchte, ihren Busen zu treffen. Aber es duckte sich und wurde mitten ins Gesicht getroffen. Das tat ihm leid, denn er sah, dass das Mädchen schmerzvoll das Gesicht verzog. Plötzlich hatte er keine Lust mehr und kam auf eine andere Idee: Er nahm einen Schneeball und warf ihn nach vorne zu einem Jungen aus seiner Ludger-Gruppe, traf ihn im Nacken. Der Getroffene sah sich erbost um. Judika tat, als sei er emsig mit dem Formen neuer Schneebälle beschäftigt. So nahm er eine Weile etliche Jungen aus seiner eigenen Gruppe vor und stiftete damit soviel Verwirrung und Ärger, dass sich schließlich jeder gegen jeden kehrte. Die Jungen lieferten sich selbst eine Schneeballschlacht, die sich gewaschen hatte!
Schwester Elsbeth - eine der Gruppenschwestern der Ludger-Gruppe - tauchte unversehens auf, geriet mitten in das Gefecht hinein und wurde ebenfalls mit Schneebällen empfangen. Als Judika ihrer ansichtig wurde, kam sein Ärger hoch. Hier war eine Gelegenheit, aus der Anonymität der ganzen Gruppe heraus es der Nonne einmal heimzuzahlen! Er zögerte nicht mehr lange, nahm einen festen Schneeball, zielte genau und nach ihrem Kopf und - traf mit voller Wucht die schwarze Haube der Nonne. Sie stieß einen schrillen Schrei aus, als wäre eine Maus durch den Schnee gekrochen und hätte sie angefallen. Judika musste unwillkürlich lachen, als er die mit der schwarzen Haube versehene Nonne mit dem weißen Zeichen auf der Stirn dort stehen sah: er erinnerte sich an die biblische Geschichte von Kain und Abel und an das Kainszeichen - versuchte sich vorzustellen, die Nonne trüge nunmehr ein solches… Niemand hatte bemerkt in dem ganzen Durcheinander, wer die Nonne so gezeichnet hatte. Sie schien keinen Spaß zu verstehen, die Tochter Gottes, und auch nicht daran zu denken, dass der Herr den Schnee fallen ließ, damit auch die Kinder ihren Spaß daran haben. Als die Zöglinge die Nonne bemerkten, wurde sofort das Werfen eingestellt.
“Antreten!” kommandierte nun die Nonne laut und mit sehr wütender Stimme.
Die Zöglinge traten an, formierten sich zu je zwei hintereinander.
“Abzählen!” kommandierte die Nonne weiter.
Die Zöglinge zählten ab und kamen von 1 bis 17.
“Aha - also eine regelrechte Verschwörung gegen mich! Wer ist denn alles dabei? Lass uns doch mal sehen!”
Sie schritt die Reihe ab, reckte hier und dort ihr Mondgesicht und gab beim Abschreiten Kommentare von sich:
“Sieh an, Haas ist auch dabei… Ja, Judika musste ja auch wieder dabei sein - es wäre ja auch ein Wunder gewesen…! Weiger, Balltrum, Pech…, immer dieselben! Bei Gott, wer von Euch hat versucht, mir ins Gesicht zu werfen?
Die Zöglinge schwiegen. Und Judika schwieg erst recht.
“Aha! Natürlich war es keiner! Das habe ich mir fast gedacht! Womöglich ist der Schneeball vom Himmel gefallen?”
Judika war versucht zu sagen: “Nein, vom Himmel nicht, aber der Schnee ist vom Himmel gefallen…” Aber wohlweislich hütete er sich, dies zu sagen. Denn er wusste nur zu gut, welch ein Donnerwetter er damit über seinem Haupte heraufbeschworen hätte.
“Ich war’s nicht, Schwester Elsbeth!” sagte nun der Radfahrer Ladum schmierig, ohne dazu aufgefordert worden zu sein.
“Gerade der war’s bestimmt!” sagte nun Paul Haas ganz laut.
“Der tut so etwas nicht!” sagte die Nonne.
“Der scheißt sich auch lieber die Hosen voll!” ertönte eine sehr vernehmliche Stimme aus der hinteren Reihe.
“Wer war das?” forschte erbost die Nonne.
“Ich!” sagte Peter Weiger, ein kleiner Junge mit rotem Haar und recht lustigen Augen, der mit allen Wassern gewaschen war und auch nie Ruhe geben konnte - in den Augen der Nonnen. Als Kamerad war er hingegen einfach unbezahlbar.
“Sofort raus treten!” verlangte die Nonne und gab ihm zwei Ohrfeigen, als er bei ihr angelangt war. “Wieder einordnen!”
“Judika, warst Du es?”
“Wieso ich?”
“Dir wäre es schon zuzutrauen!”
“Ich war’s nicht!”
“Gesehen hast Du natürlich auch nichts?”
“Nein, bestimmt nicht!”
“Warst Du es, Haas?” forschte die Nonne weiter.
“Ich?” fragte der lange Haas. “Wie sollte ich!?”
“Also war’s vielleicht der Pech?”
Aber da hatte die Nonne wirklich Pech. “Ich bin unschuldig”, sagte dieser nur.
Es war bemerkenswert, mit welcher Ausdauer die Nonne ihr Ziel verfolgte. “Gut”, sagte die Nonne, “Wenn keiner sich melden will, dann müssen wir es anders machen: ich werde alle bestrafen - solange, bis derjenige sich gemeldet hat, der es getan hat!”
Ein Murren erhob sich unter den Zöglingen.
“Ruhe!” rief die Nonne laut. “Kehrt - marsch! Dreimal um den ganzen Hof laufen!”
Die Zöglinge liefen los. Nach der zweiten Runde fingen sie an zu dampfen.
“Alle wieder aufstellen!” rief die Nonne nach der dritten Runde. “Nun, wer war es?”
Die Zöglinge schwiegen und sahen sich bedeutsam an.
“Schön, dann bleibt Ihr nun so lange hier in der Kälte stehen, bis der Übeltäter sich gemeldet hat!”
Sie standen nahezu zwei Stunden. Niemand meldete sich während dieser Zeit. Auch Judika nicht, denn er wusste zu gut, dass er damit auch noch die Wut der Kameraden auf sich gezogen hätte. Nach zwei Stunden hatte die Nonne endlich Erbarmen mit den Kindern und ließ sie wegtreten und in die Gruppe einrücken.
Judika bewegte sich in einem Kreis von 8 Jungen, die eine verschworene Gemeinschaft gebildet hatten. Er selbst war mittlerweile 10 Jahre alt. Der Kreis, in dem er sich bewegte, hatte sich von allein gebildet. Da die Jungen im gleichen Alter waren, fanden sie sich immer wieder auch in den anderen Gruppen zusammen, wenn sie verlegt wurden. So war es auch bei Judika nach seiner Verlegung bei seiner Genesung gewesen. Merkwürdigerweise befand sich unter den 8 Jungen auch jener Jochen Ladum, der als “Radfahrer” und “Petzer” im ganzen Heim besonders bekannt, verachtet und wenig beliebt war. Vielleicht lag es daran, das er überall seine Nase hineinsteckte und alle Streiche sogleich den Nonnen verriet. Trotzdem konnten sich die Jungen den Kreis ohne ihn nicht denken. Dieses seltsame psychologische Phänomen mag sich daraus erklären, dass er einigen Jungen leid tat. Waren die Jungen Pläne am schmieden, saß Ladum unweigerlich dabei und hörte neugierig zu. Oft kam es nicht einmal zur Ausführung des Plans, weil Ladum ihn schon vorher an die große Glocke hängte.
In diesem verschworenen Kreis gab es ansonsten die grundverschiedensten Charaktere. Da war außer Ldum der lange Haas, der alle überragte und deswegen nur der “Lange” oder “Langer” bzw. “Lulatsch” gerufen wurde: ein Gemütsmensch, der nur relativ selten explodierte, dann aber richtig. Er war dünn wie eine Bohnenstange, so dass man Angst haben musste, das er wie ein Taschenmesser eines Tages zusammenklappen könnte.
Da war Peter Weiger, der gemeinsam mit Herbert Schreiber für das Lachen der anderen Zöglinge sorgte und Judikas bester Freund war. Beide waren echte Pfiffikusse. Herbert Schreiber trug eine Brille, mit der er allerlei Kunststücke vollbringen konnte, denn sie schien ihm wie ein Hund zu gehorchen.
Heinz Ballrum, mit Spitznamen einfach nur “Baller” genannt, war ein rechter Gemütsmensch, der zwar selten genau begriff, um was es eigentlich ging, der aber alles mitmachte, weil er eben kein Spielverderber sein wollte. In der Schule war er schlecht; etwas Trottelhaftes war an ihm. Zuweilen gab er Antworten oder stellte Fragen, die einem Pädagogen oder Psychoanalytiker rechte Freude bereitet hätten. Er war das “Maskottchen” des Kreises.
Günter Pech war der Klassenbeste. Darauf bildete er sich aber nichts ein. Im Gegenteil: er war sozusagen der Vervielfältigungsapparat, bei dem viele Zöglinge abschrieben.
Detlef Rabik wurde nur “Dicker” gerufen, denn andauernd dachte er ans Essen. Er fraß wie ein ausgewachsener Wolf in der Winterzeit. Eine dumme Angewohnheit, fast schon Phobie, war, dass er die Brotsamen bei Tisch mit dem angefeuchteten Zeigefinger von Tisch las und dabei eine Geduld zeigte, die den Stoikern alle Ehre gemacht hätte. Den ganzen Tag über stöhnte er über Hunger und brachte damit die Nonnen in Rage. Selbst unmittelbar nach dem Essen erkundigte er sich freundlich bei den Nonnen, wann es das nächste Essen gäbe…
Gustav Stöpfel schließlich wurde nur “Nässer” gerufen, weil er fast jede Nacht das Bett nass machte. Da er eine sehr piepsende Stimme hatte, nannte man ihn auch “Katze”, denn es klang wie das Miauen einer solchen.
Mit dieser bunt zusammen gewürfelten Schar war Judika also viel zusammen, wenn es ihm die Freiheit erlaubte oder alle auf der Gruppe anwesend waren. Sonst traf man sich zu abgemachten Zeiten auf dem Hof. Er schloss sich dem Kreis an, weil er sich hier am besten verstanden und bestätigt fühlte.
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In der schönsten Jahreszeit kamen die Diakone. Jedes Jahr in den Sommerferien bekam jede Gruppe einen solchen Diakon zugeteilt für einige Wochen. Diese jungen Männer in der schwarzen Kleidung waren in ihrem “sanften”, stocklosen Verhalten das genaue Gegenteil von den Nonnen: sei es, weil sie Priesteranwärter waren und noch Idealvorstellungen hatten; sei es, weil die Nonnen sich vor diesen Männern mit ihren Erziehungsmethoden keinerlei Blöße geben wollten. Jedenfalls waren sie in dieser Zeit wie ausgewechselt gutmütig und ließen auch die Zügel etwas locker… Nie schlugen diese jungen Männer ein Kind. Stattdessen machten sie mit den Kindern in den umliegenden Wäldern Schnitzeljagden, Pfadfinderspiele, erzählten Gespenstergeschichten, die unter den Zöglingen sehr gefragt waren. Allerdings waren sie durchweg schwul und in Judikas “Zöglingsclique” war das ein “offenes Geheimnis” und die Jungen berichteten von selbst erlebten konkreten Mißbrauchshandlungen durch diese Diakone und Subdiakone, die das mit Süßigkeiten wie Schokolade, Bonbons u .a. Zuwendungen “bezahlten” . Teilweise ließen sich diese angehenden Priester auch “einen abwichsen”, während sie beim “Schwulitieren” grundsätzlich die Zöglinge ganz nach Belieben schändeten. Da dies ständig geschah bei ihrem Erscheinen, wurde dies im Laufe der Jahre auf beiden Seiten wie “selbstverständlich” hingenommen und praktiziert. Auch Judika wurde zweimal mit zehn Jahren, viermal mit elf und zweimal mit zwölf Jahren böse geschändet. Ob zwischen den Diakonen und dem priesterlichen Heimleiter in dieser Hinsicht eine “geheime Abmachung” bestand, da fast immer die von den Diakonen mißbrauchten Zöglinge auch vom “Stellvertreter Gottes” ziemlich zügellos geschändet oder sonst wie missbraucht, “befummelt” wurden, sich befummeln lassen mußten und Judika durch diesen Priester zweimal dieses böse Leid als “hinzunehmendes Schicksal” widerfuhr, obwohl andererseits gerade Nonnen, Heimleiter und Diakone gegen jegliche Unkeuschheit, Onanie, Schwulität und “Eigenunzucht” wetterten und zur Beichte trieben, ist nicht genau nachweisbar, aber mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit zu vermuten.
Im Jahre 1954 kam auch in die Ludger-Gruppe ein Diakon, mit dem sich Judika sogleich anfreundete. Es war jener, von dem Judika dann ziemlich übel und “hinnehmbar”, wehrlos missbraucht wurde. Denn der junge Diakon mochte den Knaben bald “besonders gut leiden“. Judika bewunderte den Haarscheitel dieses Diakons, der jedes Mal kerzengerade war. Die Kinder wetteiferten nämlich mit ihren Scheiteln. Aber er verstand nie, wie er seinen Scheitel machte. Der Diakon verstand wunderbar zu erzählen, war aber ansonsten durch ein durch ein zweibeiniges schwules Schwein, der Judika beim “Befummelungsmißbrauch” und beim Schänden mehrfach grinsend bei Abnahme von Schweigepflicht erzählte, dass man “im Priesterseminar automatisch schwul” werde unter seinesgleichen:” Das ist wie bei Euch hier im Heim unter den Zöglingen - denn ihr seit ja auch alle schwul und fickt euch gegenseitig in den Arsch… Wir sind also schwule Kameraden und Leidensgenossen und brauchen daher keine Hemmungen voreinander haben - auch wenn ich einige Jahre älter bin…!” Da andererseits dieser Diakon ziemlich “weiblich” und wie ein Mädchen wirkte, gab es sogar einige ältere Zöglinge, die tatsächlich “richtig geil” auf ihn waren und "freiwllig" mitmachten…
Eines Abends erzählte er den Kindern der Ludger-Gruppe eine Geschichte, die Judika nie vergaß. Die Kinder waren alle im Bett. Das Hauptlicht war verlöscht. Es brannte nur noch die milde Nachtlampe, die ihren grünen Schein über die Betten warf.
“Heute”, sagte der Diakon, der vorne im Gang in einem Sessel saß, “möchte ich Euch eine Geschichte erzählen, die sich tatsächlich in einem anderen Heim zugetragen hat. Es ist also keine erfundene Gespenstergeschichte!”
Ganz still war es nun im Schlafsaal der Jungen, als der Diakon mit seiner schönen und eindringlichen Stimme ganz ruhig zu erzählen begann:
“In einem Heim, dessen Namen ich verschweigen möchte, geschah es eines Nachts, dass der Nachtwächter einer Gruppe sehr müde bei seiner Wache wurde und an seinem Tisch bei brennender Nachtlampe einnickte. Da erwachte er. Er wusste nicht, warum er erwacht war, aber er hatte das unbestimmte Gefühl, dass ihn etwas geweckt hatte. Erschrocken stand er auf und machte seine Runde. Er ging durch die Flure, prüfte die Türen und ging auch die Bettreihen entlang. Plötzlich erschrak er sehr. Aus der hinteren Bettreihe kam ein Mann hervor, den er noch nie gesehen hatte. Schwarz war er gekleidet. Er trug einen Hut. Das Seltsame aber an diesem Mann war, dass der Nachtwächter sein Gesicht nicht sehen und auch nicht zu erkennen vermochte, so sehr er sich auch darum bemühte. Das Gesicht lag völlig in Dunkelheit und versteckte sich hinter ein abgeschnittenes Stück Nacht. ‘Eigenartig’, dachte der Nachtwächter da bei sich, ‘warum kann man nur sein Gesicht nicht sehen, wenn man doch das schwarze Gewand sehen kann?’ Bald erkannte er zu seinem Schreck, dass der Mann in Wirklichkeit keine Gestalt zu haben schien - und doch war er gleich überzeugt gewesen, dass die Gestalt ein Mann sein musste. Die Gestalt näherte sich ihm. Der Nachtwächter hörte dabei keinen Ton: keine Schritte kein Atem - nichts. ‘Aber wie kann er hier hereingekommen sein?’ dachte der Nachtwächter, denn er hatte vorher alle Türen und Fenster verschlossen und sie auch noch einmal kontrolliert. Der nicht ängstliche Nachtwächter dachte, dass vielleicht ein Besucher es sein könnte, der sich verspätet habe. Aber was suchte er hier um diese Zeit im Schlafsaal der Zöglinge in der hinteren Reihe? Und warum sah er so seltsam aus? Jetzt wollte die Gestalt ruhig an ihm vorbeigehen. Er fasste sich ein Herz und sprach sie an: “Mit Verlaub, mein Herr, suchen Sie etwas?’ Die Gestalt blieb stehen, schwieg aber. Der Nachtwächter wollte noch einmal fragen. Da sagte die Gestalt mit einer Stimme, die aus einer Grabesgruft zu kommen schien: ‘Ich suche das Meinige!’ Der Nachtwächter erschrak: ‘Das Meinige?’ fragte er. ‘Ist Ihr Sohn hier!’ Aber warum kommen Sie mitten in der Nacht her und schleichen hier herum? Sie können sich doch auch an die allgemeinen Besuchszeiten halten…’ Die Gestalt sagte: ‘Ich habe immer Besuchszeit - zu jeder Tag- und Nachtzeit, denn ich suche nur das Meinige…’ Dem Nachtwächter wurde es immer unheimlicher zumute und fragte die Gestalt: ‘Darf ich Ihnen die Tür aufschließen, denn Sie wollen jetzt gewiss gehen?’ Die Gestalt antwortete: ‘Ich gehe allein und rate Ihnen nicht, mit mir zu kommen. Wenn Sie mit mir gehen, kommen Sie nie wieder zurück!’ Die Gestalt setzte sich in Bewegung und ging, ohne Geräusche zu verursachen, an dem Nachtwächter vorbei, der plötzlich arg fror und eine eisige Kälte verspürte, die ihm den Atem nahm. Neugierig ging der Nachtwächter hinterher, um zu sehen, wohin die Gestalt sich begeben würde. Er fand sie nicht mehr, als er den Flur erreichte. Die Gestalt war spurlos verschwunden. Der Nachtwächter kehrte in den Schlafsaal zurück, suchte die hintere Reihe auf. Aber er konnte nichts entdecken, was ihm Aufschluss über den Besucher gegeben hätte. Die Jungen lagen alle friedlich schlafend in ihren Betten, und auch sonst war nichts zu bemerken. Er schwieg und teilte tags darauf niemand von seinem Erlebnis etwas mit. Vielleicht hatte er das alles nur geträumt und man würde ihn für verrückt erklären, wenn er die Geschichte so berichten würde, wie sie sich in der Nacht wirklich zugetragen hatte. Am folgenden Abend verschloss der Nachtwächter besonders sorgfältig alle Türen und Fenster und prüfte sie doppelt. Dann steckte er die Schlüssel ein, leuchtete mit einer Taschenlampe sogar unter die Betten der schlafenden Jungen. Alles war in Ordnung. Und auch in der letzten Reihe fand sich nichts, was verdächtig gewesen wäre. Mit sich selbst zufrieden, ging er zu seinem Tisch und setzte sich. Diesmal wollte er nicht wieder einschlafen…”
Der Diakon machte eine bedeutungsvolle Pause, um die Spannung noch zu steigern. Zunächst war es totenstill und er glaubte schon, einige Jungen seien eingeschlafen. Doch dann schollen vereinzelte Stimmen: “Weiter - weiter! Was passierte dann? Kam die Gestalt wieder?”
Der Diakon lächelte, wurde dann wieder ernst und fuhr in seiner Erzählung fort: “Es wurde Mitternacht. Die Uhr vom Turm der Heimkirche schlug zwölf mal in gleichmäßigen Schlägen. Im Schlafsaal waren nur die Atemzüge der schlafenden Zöglinge, Jungen zu hören. Es wurde ein Uhr, zwei Uhr. Gerade hatte die Uhr zweimal geschlagen, als der Nachtwächter aufstand, um seine übliche Runde zu machen. Er ging in den Schlafsaal zu den hinteren Reihen und war gerade dabei, kehrt zu machen - da erstarte er: wieder kam aus der hinteren Reihe die schwarze Gestalt. Plötzlich war sie in der Nähe des dritten Bettes aufgetaucht. Das Blut gefror dem armen Mann in den Adern. Die Gestalt kam wieder auf ihn zu, völlig lautlos. Ihre Füße konnte der Nachtwächter nicht sehen. Aber sie schien wie ein normaler Mensch zu gehen. Das Gesicht war wieder nur ein Stück Nacht. ’Mein Herr’, sprach der Nachtwächter mit zitternder Stimme und vor Angst schlotternden Knien die Gestalt ab, als sie gerade wieder an ihm vorbeigehen wollte. ’Mein Herr, was soll das? Was suchen Sie denn dort immer?’ Die Gestalt schien auf etwas zu horchen und sagte dann mit ihrer Grabesstimme: ’Ich suche das Meinige!’ Der Nachtwächter sagte: ’Ich kann Ihnen vielleicht helfen nach der Suche des Ihrigen - was ist es denn?’ Die Gestalt antwortete nur: ’Es ist das Meinige - ich hole es mir schon selbst!’ Dem Nachtwächter schlug das Herz dröhnend laut, so dass er glaubte, es müsse ihm jeden Augenblick in der Brust zerspringen. ’Seltsam’, dachte er wieder; ’die Gestalt bewegt sich überhaupt nicht, als wenn sie tot wäre - nur beim Gehen bewegt sie sich!’ Ihm wurde immer unheimlicher. ’Haben Sie das Ihrige gefunden?’ fragte er trotzdem. Die Gestalt schwieg und setzte sich wieder in Bewegung. Er wollte ihr sofort folgen, aber eine unbekannte Macht hielt ihn fest. Er konnte sich nicht von der Stelle rühren und stand wie festgenagelt. Erst als die Gestalt seinen Blicken entschwunden war, konnte er sich bewegen und eilte ihr nach. Es fand sich keine Spur von ihr. Auch sonst konnte er nichts in der hinteren Bettreihe bemerken. Daher schwieg er wieder am folgenden Tag. Am Abend des dritten Tages kontrollierte er alles noch sorgfältiger und harrte ängstlich der Dinge, die da kommen würden. Gegen zwei machte er seine Runde. Alles schien in Ordnung. Und doch fühlte er ängstlich, dass etwas passieren würde. Die schwarze Gestalt stand plötzlich in der hinteren Bettreihe und machte dort etwas am dritten Bett. Was sie machte, konnte der Nachtwächter nicht sehen. Dann kam sie auf ihn zu. Er sprach sie wieder an. Aber diesmal sagte die Gestalt nur: ’Ich habe das Meinige gefunden!’ Und in diesem Augenblick verschwand sie - sie löste sich einfach in nichts auf und ließ nur einen eisigen Hauch zurück. Der Nachtwächter rief den Direktor aus dem Bett, erzählte ihm die ganze Geschichte. Der Direktor lachte. Sie begaben sich zu der hinteren Reihe zum dritten Bett. Die Jungen atmeten ruhig. Der Junge im dritten Bett atmete nicht mehr - er war tot. Sofort wurde das Licht angemacht. Man rief einen Arzt. Aber der konnte die Todesursache nicht feststellen. Erst drei Tage später schien sich der Vorfall aufzuklären: die schwarze Gestalt musste der Tod gewesen sein. Von dem Jungen aber erfuhr man, dass er einige Wochen zuvor mit einem anderen Jungen Unkeusches getrieben hatte. Als Strafe musste ihm also der liebe Gott den Tod geschickt haben. Der Nachtwächter aber war darüber so entsetzt, dass er sofort seinen Beruf aufgab und dieses Erlebnis nie wieder vergaß.”
Der Diakon hatte die Geschichte beendet und schwieg. Eine atemlose, ja beängstigende Stille herrschte im Schlafsaal. Er sagte den Kindern “Gute Nacht!” und begab sich dann hinaus.
Eine derartige Geschichte, die eigentlich zu dem Diakon und seinem sonstigen, besonders unzüchtigen und schwulen Charakter und Verhalten gar nicht passte, musste naturgemäß Angst und Entsetzen in den Kindern auslösen. Und tat dies auch bezüglich jeder normalen und gesunden sexuellen Entwicklung. Diese Geschichte war wohl als Hemmung für sexuelle Erfordernisse gedacht und erfüllte ihren Zweck bestens. Versteckt kam in ihr zum Ausdruck, dass Höllen- und Todesstrafen auf denjenigen warteten, der sich seinen sexuellen Gelüsten ergab Aber offenbar galt das nur für die “Unkeuschheit zwischen den Zöglingen selbst“ und nicht für abhängige Mißbrauchsverhältnisse zwischen Diakone und Jungen bzw. dem priesterlichen Heimleiter und Präses und den Jungen oder gar, was Judika später auch noch erlebte mit elf und 12 Jahren, zwischen Zöglingen und scheinheiligen Nonnen, die - wie der Heimleiter selbst dabei als Vorbild - Zöglinge, die beim Schwulitieren, Onanieren oder gar beim heimlichen “Kreisficken” der halben Gruppe in flagrati ertappt wurd en, diese “unkeuschen Zöglinge“ detailliert befragte und beichten ließen. Auch in Judika hinterließ die “Geschichte” ihren nachhaltigen Eindruck und führte deutlicher denn je zu einen Zwiespalt zwischen Sexualität und Religion. Sein Verhältnis zur Religion war ohnehin durch seine Erziehung geprägt. Er glaubte an einen Gott, weil man es ihm so beigebracht hatte. Der Glaube wurde ihm zuweilen mit dem Rohrstock eingebläut.
Die Nonnen, fanatisch in ihrem Glauben und Keuschheitsfimmel, aber auch ihrem Sadismus und ihrer Heuchelei versuchten, diesen Fanatismus auf die ihnen anvertrauten Kinder ebenfalls zu übertragen. Jedes Mittel schien ihnen hierfür normgerecht und gottgewollt zu sein. Sie beließen den Kindern weder Entscheidungsmöglichkeiten noch sonstigen Spielraum für eine religiöse Vor- oder Einstellung. In der Schule lernte Judika seitenlange Bibelgeschichten auswendig, Kirchenlieder und lateinische Gesänge. Die Fragen aus dem Katechismus musste er alle auswendig lernen. Unzählige Gebete und fromme Sprüche wurden durch ständiges Wiederholen zu einem festen Bestandteil seines Denkens. Die Nonnen erzählten Geschichten und Wunder von etlichen Heiligen. Die Feiertage wurden mit Messen und einem solchen Pomp begangen, als habe man einen Dom zur Verfügung und sei der Papst selbst anwesend. Noch durchschaute Judika nicht den Personenkult: galten doch alle feierlichen und pompösen Ehren dem zelebrierenden Priester, der im Mittelpunkt des Geschehens stand: mit im also dem Heimleiter, dem Stellvertreter Gottes… Messen mit 20 Messdienern und mehr waren absolut keine Seltenheit. Zum Gottesdienst mussten alle Zöglinge. Weigern durfte sich niemand. Judika wurde eines Tages gezwungen, Messdiener zu werden. Obschon er keine Lust dazu hatte, musste er lange Gebete auswendig lernen, dazu noch in Latein. Trost fand er nur darin, dass seine Kameraden Ballrum, Haas und Weiger auch Messdiener waren und man daher oft zusammen dienen konnte. Nun zeigte es sich, dass es gut war, auch den Radfahrer Ladum unter den Messdienern zu haben. Er führte zumeist die Flambofträger an und lernte Judika, wie man alles machen müsse. Nach einer gewissen Zeit machte ihm das Messedienen sogar Spaß: nicht weil er Messdiener sein durfte, sondern weil er dabei das Weihrauchfass schwingen konnte und gewisse Vorteile hatte. Judika glaubte an einen Gott, begriff aber schon, dass da irgendetwas nicht richtig war mit dem Glauben. Er betete zwar ehrlich und andächtig, auch wenn er allein war, merkte aber trotzdem, dass die Nonnen sich selbst nicht so verhielten, wie sie predigten: sie predigten fast täglich von der Liebe des himmlischen Vaters, von dem ersten aller Gebote - dass man auch gegenseitig und untereinander lieben müsste, weil Jesus es so wolle - doch wenig später schlugen sie wieder unbarmherzig zu, ohne die geringsten Gewissensbisse zu haben. Sie schlugen “zur Ehre Gottes”, um die Kinder zu wohlgefälligen Gotteskindern zu machen.- Ihr Fanatismus ging so weit, dass sie fast alles unterdrückten, was nicht mit Religion zu tun hatte. Es gab Kinder, die das aus innerer Not ausnützten und sich körperlich fromm gaben, um den Nonnen wohlgefällig zu sein und den körperlichen Züchtigungen auszuweichen. Sie dienerten, schmeichelten den Nonnen derart, dass sie fast nie geschlagen wurden. Dafür hielten diese Zöglinge, die es auch in Judikas Gruppe gab, für diese Nonnen stets ihre Zunge parat und leckten die “Dienerinnen Gottes blind”, mit verbundenen Augen, damit sie nicht sehen und entlarven konnten, welche Nonne sie leckten, die diese Leckprozeduren in einem Klausurraum ganz heimlich vollzogen wurden, in den man den “leckwilligen Zögling” blind und völlig nackt dorthin führte und er lecken mußte, was er nicht sah und von wem es war. Unter den Zöglingen nannte man sie intern nur die “Nonnen- und “Speichellecker” Sie lachten, wenn sie eigentlich lieber geweint hätten. Wöchentlich liefen sie zur Beichte. Dort mussten zwar alle größeren Zöglinge gezwungenermaßen hin, aber diese Nonnenlecker fragten aus unerfindlichen oder auferzwungenen Gründen schon Tage vorher die Nonnen, wann denn endlich wieder gebeichtet werden könnte. Vermutlich haben sie noch Sünden für den Beichtvater extra erfunden. Oft waren aber gerade diese Zöglinge hinter dem Rücken der Nonnen die schlimmsten. Die Nonnen ließen ihren Lecklieblingen alles nur erdenkliche Vergünstigungen zukommen: Sie durften aufpassen und aufschreiben jene Zöglinge, die in Abwesenheit der Nonnen daneben sich benahmen oder auffielen. Unter der Aufsicht der Nonnen durften sie such körperliche Züchtigungen mit dem “Gruppenochsenziemer”, Lederriemen oder Rohrstock an ungehorsame, unkeusche oder zuchtlose Mitzöglinge vollziehen, wobei sie von den Nonnen noch angefeuert wurden oder “böse Gruppenzöglinge blank klatschten” Damit gaben sie diesen Zöglingen eine gefährliche Macht in den Händen, die immer wieder für persönliche Rachegelüste missbraucht wurde. Es kam soweit, dass diese Zöglinge mitunter sogar jene Zöglinge zu benennen pflegten, die auch von den Nonnen Prügel beziehen sollten. Ihre Feinde hatten daher nichts zu lachen. Diese Zöglinge durften kleine Botengänge machen, konnten allein hinausgehen oder bekamen auch oft Urlaub. Ertappte man zwei von ihnen in eindeutiger schwuler Pose im Bett, übersah man das ebenso geflissentlich, wie wenn man sie beim “Wichsen” oder mit einer “Morgenlatte” ertappte, die “unkeusches nächtliches Tun an sich selbst” verriet und beim normalen Zögling unweigerlich harthiebig wieder abgetrieben und mit sogenannten “Entgeilungsstrafen” (Sport und Schikane bis zum Umfallen und totaler Schlappheit) geahndet wurde.
Das alles widerte Judika an, da er kein Schleichertyp war und dies auch niemals fertig gebracht hätte. Er war ein Mensch, der seine Meinung offen sagte, obwohl er sich in dieser Hinsicht ein wenig gebremst hatte aus reinem Selbsterhaltungstrieb.
An einem Dienstagabend rückte die Ludger-Gruppe nach dem Abendessen in den darüber liegenden Schlafraum ein. Bevor die Zöglinge ins Bett stiegen, sprach man in der Regel ein Gebet: etwa ein Gesetz vom Rosenkranz, ein langes aus dem Gebetbuch, da man gemeinsam betete. Oder man sang gemeinsam ein Kirchenlied, betete für Eltern und Geschwister, für die armen Seelen der Toten, für den Papst und die armen Heidenkinder. Anschließend pflegte die Nonnen ein erdachtes Gebet anzufügen. Das alles dauerte ungefähr eine halbe Stunde, bei der die Zöglinge knieten. Eine aus dem fanatischen Wesen der Nonne stammende Eigenart war es, dass religiöse Verfehlungen neben der Unkeuschheit in jeder Form besonders hart geahndet wurden. Machte ein Zögling beim Beten oder sonstigen Religionshandlungen Dummheiten, wurden die Nonnen unweigerlich wild und vergaßen sich völlig.
An diesem Abend meldete sich beim Beten ein kleiner, 9jähriger Junge, der Vitus Rottenberg hieß. Diese Vitus war ein schmächtiger hässlicher Junge. Er tat keiner Fliege etwas zuleide, war sehr schüchtern und wurde von den anderen Zöglingen oft gehänselt. Er musste viel leiden, weil er Bettnässer war. Das war unter den Zöglingen eine sehr große Schande. Von den Nonnen wurde er oft gedemütigt, da fast kaum ein Tag verging, an dem er nicht das Bett nass machte. Zahllose Gummiunterlagen nützten bei ihm nichts. Abends durfte er kaum Flüssigkeiten zu sich nehmen. Zweimal ließ man ihm nachts wecken. Als das nichts half, wurde er dreimal geweckt. Auch das half nichts. Nun verfügten die gemeinen Nonnen, ihn einen Monat lang nächstens jede Stunde zu wecken. Das half zwar. Aber man konnte das nicht weiter durchführen, da der Junge während dieser Zeit zusehens abmagerte, weil er keinen richtigen Schlaf mehr hatte. Man weckte ihn also wieder dreimal pro Nacht.. Prompt nässte er wieder das Bett. Die Nonnen erfanden eine neue gemeine Idee: Er bekam für jedes Bettnässen drei Hiebe mit dem Rohrstock. Da es fast täglich ein nasses Bett gab, bekam er seine drei Hiebe jeden Morgen vor den Zöglingen der ganzen Gruppe im Schlafsaal. Das Bettnässen konnten sie ihm nicht abgewöhnen. Sie erfanden wieder etwas Neues: die ansonsten so sehr auf Sauberkeit achtenden Nonnen ließen Vitus in dem durchnässten Bettlaken weiterschlafen, ohne es zu wechseln. Vor allen Zöglingen musste er laut beten, Gott möge ihn behüten, dass er nicht mehr ins Bett nässe. Drei Nächte schlief er auf dem Fußboden - als Unterlage hatte er nur seine Gummimatte. Sozusagen als “Krone ihres Erfindungsgeistes” hingen die Nonnen Vitus einen Plastikbeutel um die Genitalien, der den Penis umschloss und den Urin in der Nacht auffangen sollte…
Diesen Abend musste Vitus während des Betens dringend seine gefüllte Blase entleeren. Wollten die Zöglinge ihr “kleines Geschäft” machen, hatten sie die Nonne zu fragen, ob sie “stehend” machen dürften. Bei einem “großen Geschäft” hieß es dann entsprechend “sitzend”.
“Schwester”, sagte mitten beim Beten Vitus zur Nonne, “ich muss mal dringend stehend!” Seinem verzerrten Gesicht sah man an, dass es tatsächlich sehr dringend war.
Schwester Cäcilia, die gerade vorbetete, stoppte sofort ob einer solchen Unverschämtheit und sah zornig auf. “Das hat Zeit, bis wir mit dem Beten fertig sind. So lange wirst Du es wohl noch aushalten können!” Sie betete weiter.
“Aber ich muss wirklich sehr dringend, sonst mach ich mir in die Hose…”
Einige Zöglinge sahen sich an und lachten verhalten. “Ruhe!” donnerte die Nonne. Sie wandte sich an Vitus: “Wenn Du jetzt noch einmal etwas sagst, dann sprechen wir uns nach dem Beten! Ruhe jetzt - sonst lasse ich Euch nachher alle zwei Stunden vor den Betten stehen!”
Sie betete weiter, diesmal mit ärgerlicher Stimme: “Herr, beschütze unsere Eltern, Bekannten und Geschwister! Du bist ja dafür da, uns dahin zu führen, wo wir alle…” Weiter kam sie nicht, denn Vitus hatte seinem Drang nachgegeben. Das Wasser lief aus seiner Schlafhose auf den Teppich, bildete sich eine Lache.
“Puh!” schrie sein Hintermann, der das gleich bemerkt hatte, “der Vitus hat den ganzen Teppich nass gemacht!”
Ein Gelächter erhob sich, brach aber gleich wieder ab, denn die Nonne zeigte ein völlig vor Wut entstelltes Gesicht. Wie ein Fisch auf dem Lande schnappte sie nach Luft über das Wagnis, beim Beten zu stören.
Sie schleuderte ihr Gebetbuch auf Vitus, der sich instinktiv duckte, und traf ihn mitten ins Gesicht. Die Nase des Jungen fing zu bluten an. Sie stürzte zu Vitus hin, so dass die anderen Zöglinge entsetzt auseinander stoben und ihr Platz machten.
Sie riss Vitus an den Haaren und schleifte ihn einige Meter über den Boden. Er schrie laut und strampelte wie rasend mit den Beinen. Sie stieß und knuffte den auf den Boden Liegenden, trat ihn, schlug ihn mit den Fäusten.
“Du kleines Biest! Du eingenässtes Ferkel! Dir werde ich es zeigen!” schrie sie wütend und schlug weiter auf das Kind ein, ohne acht zu geben, wohin sie traf.
Die Szene war herzzerreißend. Das Kind versuchte immer wieder auf die Knie zu kommen, hob bettelnd seine dünnen Ärmchen zu der schlagenden Nonne empor und bettelte gar nicht mehr menschlich:
“Bitte, bitte, hören Sie doch auf! Ich will das nie wieder tun, Schwester! Ach bitte, lassen Sie es doch sein, ich bin noch so klein und kann doch nicht anders…” Er weinte, bekam einen Schlag ins Gesicht, so heftig, dass der kleine Körper gegen das vordere Bett geschleudert wurde. Das Kind duckte sich, kniete dann - die Arme um das Gesicht gelegt - auf dem Boden. Die Nonne nahm ihre Kleiderkordel und schlug damit mehrmals auf den gebeugten Rücken des Kindes, traf seinen Kopf…
“Mami… Mami! ”wimmerte das Kind und konnte es gar nicht fassen, warum sein kleiner Körper dermaßen gepeinigt wurde…
Judika konnte von seinem Platz aus den ganzen Vorfall genau verfolgen. Er war, als die Nonne angestürzt kam wie ein Furie, ebenfalls zur Seite gegangen, wie alle anderen, und betrachtete das grausige Schauspiel mit wütendem Gesicht und geballten Fäusten. Seine Augen standen voller Tränen. Er wünschte sich, für einen Moment erwachsen zu sein… Wurde er selbst geschlagen, empfand er nicht einen solchen psychischen und auch physischen Schmerz wie er ihn beim Anblick solcher durchaus im Heim normalen Szenen empfand. Seine empfindsame Seele erlitt in solchen Augenblicken die reinsten Folterqualen. Er vergaß solche Bilder nie.
In den folgenden Tagen ging er schweigsam und brütend umher. Sein Hirn brütete etwas aus. Aber was? Tage und Wochen gingen dahin, aber sein Gesichtsausdruck blieb der gleiche. Es war, als sei er seit diesem Vorfall wie erstarrt. Als eines Tages Weiger zu ihm kam, wurde er regelrecht böse, als er sagte:
“Nun komm, blas keinen Trübsal! Komm zum Kreis, damit wir wieder vollzählig sind. Die anderen Jungen haben schon keine Lust mehr, weil Du nicht dabei bist. Was ist denn eigentlich mit Dir los, Judika?”
“Ach, geh, lass mich, ich mag nicht!” funkelten seine Augen böse. Weiger trat erschrocken zurück, denn Judikas Gesicht und seine Augen bekamen einen recht seltsamen Glanz, wenn er sehr böse und wütend war. Weiger kannte diesen Ausdruck, da er ihn schon erlebt hatte. Und dann war mit Judika nicht zu spaßen. Weiger zog wieder ab. Judika schaute ihm nach, folgte ihm aber nicht, obschon er wusste, dass Weiger es sicher erwartete.
Judika schlief im Schlafsaal neben den dicken Ballrum. Links neben ihm lag der bebrillte Schreiber, der auch “Zwilackius” genannt wurde, dem die Prügel überhaupt nichts mehr ausmachte: er verulkte die Nonnen oder Lehrer bei der Prügel noch. Bekam er es auf den Hintern, bat er zuweilen, den Stock vorher küssen zu dürfen. Schlug man ihm durch die Hand, pflegte er blitzschnell die Finger wegzuziehen und dann zu behaupten, er habe immer “ein nervöses Zucken” in seinen Fingern. Nie sah man ihn weinen - wenn er auch noch so verdroschen worden war. Dieser Schreiber war fast 3 Jahre im Heim und bereits 12 Jahre Alt. Judika stieg eines Nachts mit ihm aus dem Bett. Sie schlichen zum Schrank, in dem sich eine große Flasche Hustensaft befand, den alle Kinder gerne mochten. Die Nonnen waren damit allerdings sehr knauserig. Einige Nächte lang nahmen sie einen kleinen Schluck. Da das eines Tages auffallen musste, füllte man die Flasche mit Wasser auf. Wenige Tage später war der Schwindel geplatzt und der Teufel war los gewesen. Trotz eifrigen Nachforschens bekam man aber nicht heraus, wer der Übeltäter gewesen war.
Ein andermal sollten Judika und Zwilackius den Kaffee aus der Küche holen, da man im Sommer das Kaffeebrot draußen an den Tischen einnahm. Unterwegs sagte Judika zu seinem Freund: “Was meinst Du, ob wir mal in den Kaffeepott pinkeln sollen?”
“Was sollen wir?” fragte Schreiber und seine Brille machte einen eleganten Hopser nach unten, um auf seiner Nase Halt zu machen. Dann aber erhellte sich sein Gesicht zu einem Grinsen. “Das wäre ‘ne Wucht!” sagte er. “Da können wir gleich das richtige Aroma beimischen.”
“Ob es keiner merken wird?”
“Glaube ich nicht - höchstens, wenn wir sitzend ‘reinemachen würden, aber so…”
So hatten beide feierlich in den Kaffeepott gepinkelt. Danach schleppten sie den Kessel mit vereinten Kräften zur wartenden Gruppe, die - durstig vom Fußballspielen - gleich darüber herstürzte. Dass Judika und sein Freund nicht zur Schöpfkelle griffen, fiel niemandem sonderlich auf…
Judika brütete etwas aus, das war klar, denn so ruhig war er in der letzten Zeit nie gewesen. In den letzten Tagen hatte er mit Schreiber im Bett kaum noch gesprochen. An diesem Abend, als er Weiger abgekanzelt hatte, beugte er sich nach dem Verlöschen des Hauptlichtes zu Schreiber hinüber.
“Zwilackius!”
“Hm…”
“Du! Zwilackius, schläfst Du schon?”
“Hm…”
“Warum machst Du denn immer so ein Hm?” fragte Judika leise.
“Hm… hm… hm…, was ist denn?” flüsterte es leise zurück.
“Du bist also nicht am schlafen? Ich habe gedacht, Du wärst schon am schlafen.”
“Armleuchter! Wie soll ich am schlafen sein, wenn ich andauernd Hm sage?”
“Ich dachte nur…”
“Denken soll man den Heiligen und den Nonnen überlassen und nicht selber!”
“Spaßvogel!”
“Ich habe gedacht, dass Du beleidigt bist, weil Du gar nicht mehr in unserem Kreis mitgemacht hast. Mensch, Judika, was ist nur mit Dir los? Ist Dir ein Elefant über die Leber gelaufen?”
“Wollen wir nicht den Schlafsaal ein wenig durcheinander bringen? Hast Du eine Idee?”
“Ideen schon”, flüsterte Zwilackius, “aber es ist noch zu früh.”
“Gut, warten wir noch etwas. Wenn wir einschlafen, ist das nicht schlimm, denn ich werde in der Nacht sowieso immer wach und werde Dich dann wecken. Was wollen wir machen?”
“Wie man andere das Bett nässen lässt - weißt Du, wie das gemacht wird?”
“Keine Ahnung. Wie denn?”
“Wir nehmen einen Becher mit Wasser und tauchen die Hand des Schlafenden da rein.”
“Warum denn das?”
“Mensch, damit er das Bett nass macht!”
Judika war verblüfft. “Geht das denn überhaupt? Ich kann das nicht glauben. Davon habe ich noch nie gehört…”
“Sicher geht’s! Ich habe es selbst schon ausprobiert. Es klappt wunderbar!”
“Komisch.”
“Wir müssen nur solche Jungen nehmen, die fest schlafen, wenn wir das tun…”
“Also gut”, meinte Judika, “ich wecke Dich dann!”
Er versuchte wach zu bleiben, schlief aber bald ein. Als er mitten in der Nacht erwachte, vermochte er nicht zu sagen, wie spät es war. Er langte mit der Hand zu Schreiber hinüber und weckte ihn. “Los, wach auf - es ist soweit!”
“Zum Teufel…” schreckte Schreiber auf, “was soll denn dieser Blödsinn? Ich bin müde, lass mich pennen!”
“Du”, drohte Judika nun, “wenn Du mich jetzt im Stich lässt, ist es mit unserer Freundschaft aus!”
Das wirkte. Schreiber richtete sich auf. “Reg Dich nicht auf! Wir machen das schon! Lass uns erst einmal beraten…” er gähnte anhaltend…” wer dazu geeignet ist.”
“Der Horst Wenzel!” sagte Judika.
“Nee, der hat einen leichten Schlaf! Aber vielleicht der Vitus…”
“Nein, bei dem machen wir das nicht!” sagte Judika sehr heftig. “Da geh ich gleich wieder ins Bett, denn der hat durch die blöden Nonnen schon genug zu leiden. Ich mag so etwas nicht, überhaupt nicht. Mir kommt jetzt noch alles hoch, wenn ich daran denke, wie die Cäcilia ihn damals geschlagen hat! Armer Kerl! Also den auf keinen Fall!”
“Ist ja gut! Ich mag so etwas auch nicht, ich habe mir eben nur gedacht…”
“Wie wär’s mit dem Klaus Radell?” fragte Judika. “Der hat doch lange kein Bett mehr nass gemacht. Außerdem kann es ihm nicht schaden. Ich mag den Kerl nicht leiden, wie er sich immer an die Kleinen vergreift. Dem können wir also ruhig mal so etwas verpassen!”
“Gut, also der. Wer noch?”
“Willi Zahn?”
“Versuchen können wir es bei dem auch, obwohl ich glaube, dass er keinen sehr tiefen Schlaf hat.”
“Und wer noch?”
“Vielleicht noch der Werner Jung? Der hat einen tiefen Schlaf und noch gestern den Böckel verprügelt!”
“Noch mehr?” fragte Judika.
“Ich glaube, das reicht. Wir müssen die Hand ja wenigstens 5 Minuten ins Wasser halten. Daher dürfen es nicht mehr sein, sonst legen wir uns selbst herein.”
“Fünf Minuten? Da wird man doch wach, wenn man die Hand so lange im Wasser hat”, sagte Judika recht zweifelhaft.
“Na ja, wir können es ja mit zwei Minuten machen, das wird auch hinhauen.”
“Und was machen wir, wenn sie wach werden?”
“Keine Angst, lass mich nur machen! Los, jetzt auf, damit wir das Wasser holen!”
Beide erhoben sich leise, schlichen vorsichtig zu den Waschbecken, nahmen zwei Becher vom Zahnputzständer und füllten sie mit Wasser. Dann schlichen sie an Willi Zahns Bett.
“Junge, ist der am schnarchen!” flüsterte Judika.
Zwilackius nahm vorsichtig die rechte Hand Zahns und hob sie ein wenig an, tauchte die Fingerspitzen in das Wasser… Zahn murmelte im Schlaf unverständliche Worte und schnarchte weiter. Nach zwei Minuten zogen sie den Becher langsam zurück und begaben sich zu Werner Jung. Auch hier klappte es ohne Zwischenfälle. Anschließend kam Klaus Radell dran. Hier klappte es nicht ganz. Sie hatten die Hand des Schlafenden schon ins Wasser getaucht, als er plötzlich unruhig wurde und um sich schlug. Der Becher wurde ihnen aus der Hand geschlagen, so dass sich der Inhalt ins Bett ergoss und Radell fluchend im Bett hochschoss.
Wie der geölte Blitz waren die beiden Übeltäter unter den Betten verschwunden. Judika kippte zuvor noch den ganzen Inhalt des Bechers auch noch ins Bett des Jungen. Dann rutschten sie unter die Betten entlang: da viele Betten hintereinander standen, brauchten sie nur das erste Bett anzufassen, sich durch einen Schub vorwärts ziehen und rutschten dann auf dem glatt gebohnerten Boden schnell dahin. Keuchend kamen sie am anderen Ende der Bettreihe an und verharrten dort.
Radell erhob ein Geschrei, als er das Wasser mitbekam, aber ehe er noch richtig erwacht war, waren die beiden Jungen schon wieder in ihren Betten. Radell beruhigte sich nach einer Weile wieder und schlief ein.
“Das wäre beinahe ins Auge gegangen!” flüsterte Zwilackius.
“Ja, komm, wir schlafen jetzt lieber”, antwortete Judika.
Die Jungen schliefen ein. Morgens waren sie auf das Ergebnis Ihrer Streiche gespannt. Radell und Jung hatten tatsächlich die Betten nass. Nur Zahn schien besonders widerstandsfähig zu sein, aber Zwilackius meinte, das käme öfter vor. Ob die beiden anderen Jungen nun tatsächlich durch ihr Wasser oder infolge reinen Zufalls das Bett genässt hatten, mag dahingestellt bleiben.
In der Folge war Judika kaum noch zu halten. Schon am nächsten Abend wiederholten sie ihren Streich bei anderen Zöglingen. Eines Nachts brachte die Verschwörergruppe sehr viel Unruhe in den Schlafsaal. Haas, Weiger, Ballrum, Pech, Rabik, Stöpfel und Schreiber sowie Judika besorgten sich Gummis. Tagsüber waren sie damit beschäftigt, Munition herzustellen aus Papierkrampen. Abends legte jeder seine Gummi mit den Krampen unter sein Kopfkissen und wartete darauf, dass die Nachtschwester ihre erste Runde beendet hatte. Dann aber erfolgte eine Schlacht, die sich verheerend auswirkte. Die Krampen flogen durch den Schlafsaal und bombardierten etliche Schläfer. Ein Gefluche und Geschrei erhob sich von allen Seiten. Die Schläfer fuhren wütend auf und versteckten sich dann unter die Decken.
Plötzlich erschien die Nachtschwester, und das Malheur war da. Die ganze Gruppe musste aufstehen, nachdem das Hauptlicht eingeschaltet worden war. Die Zöglinge mussten zwei Stunden vor ihren Betten stehen. Das Verhör über die Täter verlief ergebnislos.
Judika wurde immer schlimmer, fiel immer mehr auf. Eines Nachts schlich er mit Zwilackius in die unten gelegene Brotstube, um dort aus einem Korb Möhren zu klauen. Zwilackius hatte den Vorschlag gemacht. Judika hatte sofort zugestimmt. Sie nahmen sich einige Möhren und schlichen wieder fort. Unvermittelt kam die Nachtschwester aus der Küchentür, da sie draußen ein Geräusch gehört hatte. Die beiden Jungen waren zunächst starr vor Schreck, fassten sich aber schnell, machten blitzschnell kehrt und liefen in den Schlafsaal zurück. Da es dunkel war, konnte die Nachtschwester nicht erkennen, wer es von den Zöglingen war. Trotzdem schrie sie hinterher:
“Stehen bleiben, Ihr Lümmel!” Und sie setzte den Flüchtenden nach - aber zu anderen Richtung hin, um ihnen den Weg abzuschneiden.
Judika wollte gerade die letzten Stufen in der Dunkelheit nehmen, als er schleichende Schritte vernahm.
“Das kann nur Schwester Nikodemus sein!” flüsterte er seinem Kameraden zu und machte eine Kehrtwendung, setzte sich auf das Treppengeländer und sauste wieder nach unten. Zwilackius folgte ihm. Er verlor während seiner Rutschpartie seine Brille und flog auf die unteren Treppen, fluchte leise. Sie suchten die Brille, die sie nicht finden konnten. Das war ihr Verhängnis. Die Nachtschwester hatte sie unvermittel am Kragen. “Ich werde Euch gründlich den Hosenboden durchwalken!” versprach sie.
Zwilackius war es, der sie aus der Lage rettete. Die Nachtschwester war kein Unmensch und unterschied sich von den Tagschwestern wirklich wie die Nacht vom Tage. Oft lies sie den Jungen etwas durchgehen. Sie war von Natur aus gutmütig und ein bisschen verschroben, die gerne Schmeicheleien hörte und ein gesetztes Alter erreicht hatte.
Zwilackius sagte zu ihr: “Schwester, es tut mir leid, dass ich das getan habe - allen beiden tut es uns leid, wir werden es nie wieder tun!”
“Mein Junge”, sagte sie, “ist das wahr, dass Du Dein Tun ehrlich bereust und darob betrüb bist?”
“Aber sicher, Schwester, ich bin zerknirscht wie der arme Zöllner, der an seine Brust schlug und um Vergebung bat…”
“Aber was wolltet Ihr denn in der Brotstube, mein Junge? Hattet Ihr Hunger?”
“Ja, ja, gewiss”, sagte nun Judika eifrig und zauberte eine lange Möhre aus dem Nachtjäckchen hervor. “Ich erwachte, verspürte einen mächtigen Hunger, als wenn ich gefastet hätte. Da flüsterte mir der Teufel, die Schlange des Verderbens, ins Ohr, ich möge mir einige Möhren aus der Brotstube holen. Und da ich nicht so willensstark bin wie Christus in der Wüste mit seinem vierzigtägigen Fasten, überlistete mich die Schlange, die Hand auszustrecken, um die Gabe des Herrn zu ergreifen…”
Und Zwilackius sagte, nachdem er bemerkte, dass diese Tour zog: “Aber dann muss sie der Herr geschickt haben, auf das wir nicht weiter uns an den Würzelchen versündigen…” Pfeifend zog er nach seinen Worten die Luft ein und sah die Nonnen so zerknirscht an, als sei er der rechte Schächer am Kreuze.
Prüfend schaute die Nonne beide Jungen an, da sie nicht wusste, ob sie diese ganzen Worte ernst nehmen konnte oder nicht. Als sie die zerknirschten Gesichter sah, wurde ihr warm ums Herz.
“Nun ja, meine Jungen”, sagte sie mild, “ich verstehe Euch schon. Ich werde Euch auch nicht mit dem Stock bestrafen, obgleich Ihr es verdient hättet. Stattdessen werde ich für Euch beten, damit der Herr Euch verzeihen möge. Unser Herr Jesus ist ja auch in der Wüste vom Teufel verführt worden - quoniam adversarius noster diabolis -, weil er großen Hunger hatte. Aber wir sind ja Menschen und den Anfechtungen des Satans mehr ausgesetzt. Versündigt Euch aber nicht noch einmal gegen die Gebote Gottes, sonst werdet Ihr gründlich den Rohrstock zu fühlen bekommen. Der Herr ist zwar barmherzig bis in tausendste Glied, aber einmal platzt auch seine Geduld, wenn man seine Langmut auszunutzen versucht… Und nun geht wieder ins Bett!”
So nahm alles noch ein gutes Ende. Und die beiden Jungen waren herzlich froh, diesmal so glimpflich davongekommen zu sein.
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Das Weihnachtsfest rückte in der Ludger-Gruppe heran. Bereits 5 Tage vor dem Fest zogen alle Gruppen des Heimes in die Schulen um: solange brauchten nämlich die Nonnen, um die Geschenktische, die Krippe, den Weihnachtsbaum und alles andere fertig zu machen. Kein Zögling durfte während dieser Zeit den Tagesraum betreten. Selbst das Schlüsselloch wurde von den Nonnen verhängt.
Welche Umstände wurden gemacht, wie geheimnisvoll ging es um diese Zeit zu! Man schleppte vom Dachboden die Krippen und Figuren, Steine und alle dazugehörenden Gegenstände in den Gruppenraum und baute die Krippe auf.
Eigentlich ging es schon in der Adventszeit damit los. Es wurden Adventskränze aufgehängt - überall: in den Gruppen, im Flur, in der Küche, in der Schälstube - und ein besonders großer Kranz wurde in der Kirche aufgehängt. Die Kränze stellte die Gartenschwester allein her. Die Nonnen stellten Adventskalender auf. In der Ludgergruppe gab es einen großen Engel aus Gold, vor dem eine leere Krippe stand, die man nur mit einer Leiter erreichen konnte. Gelbe, rote, blaue, grüne und goldene sowie silberne Strohhalme lagen in einer Schale am Fuße dieser Leiter. Die Leiter war mit breiten Sprossen gebaut. War ein Junge brav, so durfte er einen Strohhalm auf die unterste Sprosse legen. Die Farbe sowie die jeweilige Sprosse bestimmten den Grad der Bravheit. Ein bunter Strohhalm galt als mittelmäßig. Durfte man einen normalen Strohhalm auflegen, galt das als unterster Grad - den höchsten machte der goldene Strohhalm aus. Für jede gute Tat, jede gute Aufmerksamkeit oder jedes gute Benehmen durfte man einen Strohhalm eine Sprosse höher legen. Hatte man die letzte Sprosse erreicht, durfte man beim nächsten Male den Strohhalm in die Krippe legen, konnte einen neuen Erwerben und unten wieder beginnen. Die Zöglinge mussten also danach trachten, möglichst viele bunte oder goldene Strohhalme in die Krippe zu bekommen...
Am Ende der Adventszeit wurden die Halme in der Krippe gezählt. Man schrieb die Zahl auf. Wer die meisten und besten Halme hatte, bekam die größte Belohnung zu Weihnachten.
Alles wies also mit der größten Feierlichkeit auf das Weihnachtsfest hin. Adventslieder wurden gesungen, neue Weihnachtslieder eingeübt. Die Kinder, welche noch Eltern hatten, konnten zu dieser Zeit einige Tage in Urlaub fahren und wurden von ihren Eltern abgeholt. Judika bekam nie Weihnachtsurlaub. Anfangs war er darüber immer sehr traurig. Aber die Macht der Gewohnheit überwand im Laufe der Jahre dieses Heimweh. Langsam hatte er sich damit abgefunden, dass die Eltern und Geschwister ihn im Stich gelassen hatten. Nie bekam er Post, nie wurde er von daheim besucht. Und obwohl er darunter litt und ihm diese bittere Erkenntnis zunächst zu schaffen machte, schwieg er, biss die Zähne zusammen, weil er es als unabwendbares Schicksal empfand.
Besonders das Weihnachtsfest traf sein Gemüt sehr schmerzlich. In diesen Tagen fühlte er sich verlassener denn je. Viele seiner Kameraden aus der Verschwörergruppe fuhren ebenfalls an diesen Tagen heim, so dass er sich noch einsamer fühlte. Die beiden Betten neben ihm waren in diesen Tagen verwaist, so dass er abends nicht einmal einen Gesprächspartner hatte.
Es kam der Heilige Abend, der sehnlichste von den meisten Kindern ungeduldig erwartet wurde. Judika konnte sich nicht freuen. Er war melancholisch gestimmt und wünschte sich insgeheim, das Fest möge schon vorbei sein.
Am Abend gingen die verbliebenen Zöglinge der Ludger-Gruppe sehr früh ins Bett: schon um 18.00 Uhr, weil sie zur Christmette um Mitternacht wieder geweckt werden sollten. Um 23.00 Uhr weckte man sie wieder. Eine Nonne kam mit einer Gitarre in den Schlafsaal, spielte und sang Weihnachtslieder und weckte damit die schlafenden Kinder, die aufstanden und sich Matrosenanzüge anzogen und besonders gut kämmten.
Der Gottesdienst in dieser Nacht dauerte fast zwei Stunden. Es wurde ein feierliches Levitenhochamt abgehalten, mit drei Priestern und 19 Messdienern. Judika musste d as Weihrauchfass schwenken.
Kurz vor der Beendigung des Gottesdienstes schlüpften von allen Gruppen die Nonnen hinaus, um den Christbaum anzuzünden. In der Kirche standen 6 riesige Christbäume mit elektrischen Kerzen, einer großen Krippe.
Nach der Messe war die Bescherung. Wie die Kinder um den Baum standen! Fast nahm es sich so aus, als hätten sie alles an Leid und Trübsal vergessen. Obwohl es solche Augenblicke gibt, die in ihrer winzigen Spanne ein Glücklichsein verursachen, für das sich das Leben schon lohnt, konnte Judika sich nicht freuen. Gerade in einem solchen feierlichen Augenblick wurde ihm erst recht das Leid, die Qual bewusst, die er erleiden musste. Intensiver denn je dachte er an die Prügel, an Ohrfeigen und Stockhiebe, die er noch gestern bekommen hatte und schon heute oder morgen wieder bekommen konnte. Für Judika zählte in seinem Herzen nicht die scheinbar glückliche Gegenwart. Er spürte und wusste besonders, dass das, was man Glück nannte, oft nur eine Spanne Zeit, ein Ding voller Unbeständigkeit war. Es konnte nur ein Ungeheuer voller Beweglichkeit sein, das sich der jeweiligen Zeit und Situation anpasste. Ohne entsprechende Regung konnte Judika nicht glücklich sein. Für ihn lag das Glück in der Zufriedenheit bei gewissen Lebenshandlungen. Er ahnte aber, dass sich eher in Gram stirbt als in Glück.-
Judika konnte sich nicht freuen, er war aber auch nicht traurig: in solchen Augenblicken verspürte er keine Regung und verhielt sich wie tot. Sein Bewusstsein schien auszusetzen; er blickte über das Geschehen hinweg zu einem Traumpunkt, dem er regungslos verhaftet zu sein schien.
Die Kinder hatten sich nach dem Singen und dem Beten vor der Krippe gleich über die Geschenke gestürzt, die man auf den Tischen ausgebreitet hatte. Nur Judikas Geschenke blieben verlassen liegen. Der Knabe stand noch still an seinem Platz vor der Krippe, starrte zusammengekniffenen Augen auf die Hirten, die um ein künstliches Feuer standen. Fast hatte es den Anschein, Judika sei am schlafen. Aber in seinen Augen war ein Matter Glanz
…
“
Der Knabe schien sie gar nicht zu hören.
Interessieren Dich gar nicht die Geschenke, die auf dem Tisch für Dich liegen?” fragte Schwester Elisabeth, die hinter ihm getreten war und ihn am Arm gefasst hatte.
“
Judika schrak auf.
Ja - aber, was ist denn mit Dir los? Was starrst Du denn immer in das Moos der Krippe?” Ihre Stimme klang heute etwas anders als sonst: etwas milder und rühriger. “Nun komm schon! Ist Dir nicht gut? Deine Augen haben einen merkwürdigen Glanz…” Sie tippte ihn wieder an.“Was ist, Schwester?”
“
Ist Dir nicht wohl?”
“
O doch. Ich habe mir nur die Figuren angesehen… Nein, nein, mir ist schon gut!” fügte er rasch hinzu, als er den zweifelhaften Blick der Nonne bemerkte.
“
Er öffnete die Päckchen, die bei dem gefüllten Weihnachtsteller standen. Er fand ein paar Tischtennisschläger mit Schaumgummi vor, die er sich gewünscht hatte, ein Fußballtrikot für die 15 Mark, die jeder Zögling als Geschenk zu Weihnachten vom Landesjugendamt bekam. Er prüfte die Schläger, wiegte sie hin und her. Sie lagen gut in seiner Hand. Das freute ihn ein wenig. Aber da war noch ein Päckchen. Was konnte das sein? Langsam packte er es aus. Weiß-blaue Turnschuhe kamen zum Vorschein. Er wunderte sich. Turnschuhe hatte er sich gar nicht gewünscht. Aber die erfüllten ihn mit einer gewissen Genugtuung, denn Turnschuhe hatten im Heim Seltenheitswert. Sofort probierte er sie an. Nun brauchte er wenigstens nicht mehr barfuss Fußball zu spielen, zumal der Hof mit Schlacke bedeckt war und er am Anfang mit seinen nackten Füßen arge Last hatte.
Gerade war er dabei, seine Turnschuhe wieder auszuziehen - da kippte er um: er stürzte einfach zu Boden und blieb regungslos liegen. Erschrocken sprang die Nonne hinzu und rüttelte ihn:
Geh, pack nun Deine Geschenke aus!” Sie folgte ihm zu dem Tisch, wo er ansonsten saß, wo aber jetzt seine Sachen lagen.“Judika, was ist denn?”
Sie bekam keine Antwort.
Die anderen Kinder hatten einen Kreis um den liegenden Knaben gebildet und starrten neugierig auf ihn.
“
Ladum!” wandte sich die Nonnen an den Radfahrer. “Hol mal bitte ein nasses Handtuch! Ich glaube, er ist ohnmächtig geworden.”
Ladum lief in den Waschraum nebenan und kam bald mit einem Handtuch wieder.
“ER war schon beim Dienen so komisch”, sagte er zur Nonne und gab ihr das Handtuch. “Das Weihrauchfass hat er wie im Schlaf geschwungen…”
Die Nonne legte Judika das nasse Handtuch auf die Stirn, sagte:
“Ich habe doch gewusst, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Er war vorhin schon so merkwürdig und geistig gar nicht da, als er an der Krippe stand.”
“
Was er nur haben mag, Schwester?”
“
Vielleicht die ganze Aufregung!”
Zehn Minuten später kam Judika wieder zu sich. Verwirrt richtete er sich auf, fragte verwundert:
“Was ist denn geschehen?”
“
Du bist uns auf einmal umgefallen! Na, geht es wieder?” Sie half ihm, sich aufzurichten.
“
Mir war auf einmal so schlecht, als ich die Turnschuhe ausziehen wollte…”
“
Jetzt ist es ja wieder gut. Hier, setz Dich erst einmal hin!” Die Nonne schob ihm einen Stuhl zu. “Sonst fällst Du uns noch einmal um.”
Eine Stunde später, nachdem man Kuchen gegessen und Kakao getrunken hatte, ging man wieder ins Bett, denn schon am nächsten Morgen war gegen 6.00 Uhr noch einmal ein feierliches Hochamt.
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Am folgenden Tag gab es nachmittags das Krippenspiel. Ein gewaltiger Aufwand wurde dazu aufgeboten. Nahezu 30 Zöglinge von den Jungen und Mädchen spielten beim Krippenspiel mit. Das spielte sich in der Aula ab. Vorne befand sich eine große Bühne. Der Saal war mit etlichen Tannenbäumen geschmückt. Die Mädchen saßen auf der linken, die Jungen auf der rechten Seite. Um den Flügel stand die Schola und eine Gruppe von Mädchen mit ihren Blockflöten. Vorne, in den ersten Bänken, saß der Direktor des Heimes mit seinen vielen Gästen. Einige Dominikanerpater befanden sich in ihren weißen Ordenskleidern dazwischen. Die Mädchen hatten ihre adretten, bunten Kleider an, die Jungen wieder ihre Matrosenanzüge.
Auch Judika wurde von dem allgemeinen Lampenfieber angesteckt. Das mochte aber auch daran liegen, dass er diesmal viel leisten musste: zunächst musste er nach der Ansprache des Heimleiters, der das Spiel damit eröffnete, ein Gedicht aufsagen. Dann musste er sofort zum Chor rennen. Alsdann, während Lehrer Schaller das Evangelium von der Geburt Christi las, musste er zur Bühne, sich rasch umkleiden, da er einen Hirtenbuben zu spielen hatte.
Mit dem Gedicht klappte es wunderbar. Das Hirtenspiel war am schönsten. Besonders gefielen ihm die Mädchen, die die Engel spielten und dabei wirklich wie Engel aussahen. Besonders fiel ihm dabei ein etwa 11jähriges Mädchen auf, dass ihm so schön vorkam, dass ihm ganz warm ums Herz wurde, als er diesen Engel sah. So mochte ein wirklicher Engel aussehen! Sie hatte langes, schwarzes Haar, da in seidenen Wellen weit über die Schultern fiel und mit vielen kleinen goldenen Sternen durchwirkt war. Große, klare Augen blickten unschuldig in die Welt. Als dieser Engel dann auf einmal ganz nah an ihm vorbeimusste, hielt er fast den Atem an und hatte recht seltsame Gefühle, die er beim besten Willen nicht zu deuten vermochte. Er ließ das Mädchen nicht aus den Augen.
“
Kennst Du die?” fragte Judika leise Jochen Ladum, der ebenfalls einen Hirtenknaben spielte.
“
Ja, das ist die Angelika Gräve. Beim Messedienen kann man sie immer vorne in den ersten Bänken bei den Mädchen sehen. Sie ist in der Anna-Gruppe. Hübsch, nicht wahr? Fast alle Jungen sind hinter ihr her. Aber das braucht man erst gar nicht versuchen. Hast Du etwa die Absicht, es auch zu versuchen bei ihr?”
Judika war etwas traurig: wenn so viele Jungen hinter diesem Mädchen her waren, wie sollte er da eine Chance haben?
Die Zeit ging viel zu schnell vorbei. Von ihm aus hätte das Spiel die ganze Nacht dauern können. Das war ihm dieser besondere Engel aus Fleisch und Blut schon wert.
Aber auch das Krippenspiel ging zu Ende, und man begab sich wieder in die Gruppen. Judika selbst bewegte sich wie im Traum an diesem Abend. Als er in seinem Bett lag, dachte er sehr lange an dieses Mädchen. Mit dem Einschlafen wollte und wollte es diesmal nicht klappen. Er grübelte darüber nach, wie er mit dem Mädchen Kontakt aufnehmen konnte. Einen Vorteil hatte er ja: er war Messdiener und war nun froh darüber. Beim Messedienen war er ganz vorn. Und bei der Predigt saß er als Messdiener mit den Blick zu den Mädchen auf den Stufen de Altares. Da konnte er ihr eventuell ein Auge zukneifen, ihr zulächeln
Es dauerte lange, ehe er einschlief. Und als er schlief, träumte ihm, er würde mit dem Mädchen spielen: er war mit ihr auf dem Karussel und drehte sie, dass sie dabei hell und fröhlich lachte. Er träumte mächtig viel wirres Zeug: dass er sie beschützte wie ein Ritter; dass sie seine Räuberbraut war - dann war sie wieder ein Engel, der ihn beschützte, immer hinter ihm stand und überall hin begleitete
“Nein, nein”, sagte er zerstreut zu Ladum. Trotzdem nahm er sich insgeheim fest vor, diesem Mädchen nachzustellen. Im Verlaufe des Krippenspiels war seine Aufmerksamkeit nur noch auf dieses Mädchen gerichtet, so dass er fast vergaß, mit den anderen Hirten die auswendig gelernten Worte zu sprechen. Ladum musste ihn mehrmals anstoßen.… Oder sollte er sie einmal im Mädchenflur anzusprechen versuchen, wenn er von der Küche das Essen holte? Dann musste er sich für das Essenholen zur Verfügung stellen. Ja, so konnte es vielleicht gehen!… Er träumte auch Sachen, die ihm den Schweiß aus den Poren trieben: von Ungeheuern und Riesen, von Zwergen und Schlangen, die ihm alle etwas tun wollten… Ihm träumte, sie sei eine Schlafwandlerin, würde kerzengerade am Kirchturm emporsteigen - und plötzlich abstürzen…
Da erwachte er, in Schweiß gebadet.
‘
Was ist nur mit mir los?’ dachte er und versuchte, seine durcheinander geratenen Gedanken wieder in Ordnung zu bringen. Ansonsten hatte er sich doch nie etwas aus Mädchen gemacht. Gewiss, man verulkte die Ischen - aber im Grunde waren sie doch albern. Andauernd kicherten sie, streckten die Nase in die Luft, wenn man mal vorbeiging, und zischelten dann nur hinter dem Rücken… Und nun? So plötzlich war da nun doch ein Interesse erwacht, von einer Eifrigkeit, die sich kaum überbieten ließ. Er verstand sich selbst nicht mehr. In seinem Innern ging etwas vor, das er nicht verstand und auch nicht zu deuten vermochte. Es war etwas ganz Neues, etwas Niedagewesenes, das seine ganzen Empfindungen durcheinander brachte und ihn verwirrte. Ein bisschen hatte er vor dem Unbekannten sogar Angst…
Judika war erstmals richtig verliebt. Und er beschloss, seine Angebetene fortan nur noch
Jetzt, als er das Mädchen kannte, erschien ihm alles nicht mehr so grau zu sein. Alles war gar nicht mehr so streng, so schlimm. Die Welt um ihn her war bedeutend heller geworden - als sei ein wirklicher Engel vom Himmel gestiegen und verbreite dieses Licht extra für Judika. Selbst die Stockschläge empfand er nun nicht mehr ganz so schlimm. Er war zufriedener und - ein wenig glücklich. Obschon ihm das alles seltsam vorkam, dachte er nicht erst lange darüber nach.
Aber ob das Mädchen ihn überhaupt leiden mochte? Er bekam bei diesem Gedanken einen Schreck. Vielleicht gefiel er ihr gar nicht! Das wäre schlimm! Nicht auszudenken. Diese Gedanken deprimierten ihn, bremsten seinen Enthusiasmus. Denn wie alles, nahm er auch diese Sache mit dem ihm eigenen kindlichen Ernst auf. Was würden die Nonnen sagen, wenn sie es herausbekamen? Ja, er musste alles heimlich machen, so heimlich, dass niemand etwas merkte, denn in diesen Sachen waren die Nonnen besonders streng. Ob er vielleicht einmal in der Nacht in den Mädchenschlafsaal der Anna-Gruppe schleichen sollte? Nein, dieser Gedanken war zu abwegig, zu verwerflich! Wenn das
“Engelchen” zu nennen, weil sie den Engel beim Krippenspiel gespielt hatte.’rauskäme, würde man ihn so verprügeln, dass er sich selbst nicht wieder erkennen würde…
Die Tage gingen dahin. Judika sah seine Angelika (wie er sie bereits bei sich nannte) fast täglich beim Gottesdienst. Wenn sie kommunizieren ging und ganz nahe kam, wurde er ganz verwirrt. Trafen sich ihre Blicke, errötete er leicht - und beide schauten immer wieder ganz schnell weg.
An einem Sonntagmorgen beim Gottesdienst brauchte Judika nicht bei der Messe dienen. Er saß mit seiner Gruppe in den Bänken und konnte Angelika durch eine Lücke gut sehen. Als sie beim Credo waren und das lange Glaubensbekenntnis aufsagten, sah Angelika sich um. Ihre Blicke trafen sich, blieben aneinander haften. Judika glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen, als Angelika ihn anlächelte. Sein Herz machte einen Sprung - noch einen, und schien dann stillzustehen. Er war so freudig überrascht, dass er unbewusst zurücklächelte.
Es ging so weiter. Während de Gottesdienstes drehte sein Engelchen sich um und lachte ihn dann offen ins Gesicht, und Judika lachte zurück, dachte:
’Das kann doch nicht wahr sein? Also mag sie mich doch!’
Traurig war er und melancholisch gestimmt, als die Messe aus war und die Zöglinge ausrückten. Weit weg mit seinen Gedanken, ging er mit seiner Gruppe in den Tagesraum, wo die Tische mit dem Frühstück schon gedeckt waren. Es gab Kakao mit Kuchen.
Das Gebet wurde gesprochen. Schweigsam setzten die Zöglinge sich nieder und nahmen das Frühstück ein.
Während des Frühstücks erschien unvermittelt Schwester Hildegard von der Anna-Gruppe. Angelika Gräve war bei ihr. Judika bekam einen großen Schreck. Und wie sah sein Engelchen aus! Ganz blass war es, seine Augen standen voller Tränen - und es zitterte am ganzen Leib. Judika wurde zusehens kleiner und wäre am liebsten von seiner Frühstücksbank gerutscht und unsichtbar geworden. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum sie mit der Nonne in der Jungengruppe erschien. Er ahnte nur, dass etwas nicht in Ordnung sein musste; aber was? Hatte man etwas sein Engelchen geschlagen? Fast sah es so aus. Er richtete sic wieder auf, trotzig, mit flammendem und bösem Blick. Sie sollten es nur gewagt haben, dann sollten sie ihn aber einmal richtig kennen lernen. Seine Augen funkelten immer wütender. Zum ersten Mal war er in einem Zustand, in dem er später so manchen Menschen auf die Palme, zur Verzweiflung bringen sollte, in dem er sie alle hasste, am liebsten alle erwürgt hätte, ohne Gewissensbisse. Alles war ihm dabei egal. Auch jetzt sah er nur sein Engelchen, das geweint hatte. Und das machte ihn so wütend, dass er am liebsten so laut und zornig geflucht hätte wie der Großvater daheim. Ha, jetzt hätte er nur ein Rübezahl sein müssen!
“
Fast alle Zöglinge hörten auf zu frühstücken und sahen sich verständnislos gegenseitig an.
So, wer war es, mit dem Du in der Kirche immer gegrinst hast?” fragte Schwester Hildegard das Engelchen.
“
Das Engelchen schwieg und wollte offenbar auch nicht mit der Sprache heraus, um ihn nicht zu verraten.
Aha, daher weht also der Wind!” sagte Judika zu sich selbst.
“
Wird’s bald!” sagte die Nonne nun heftiger. “Wer war der Junge, der Dir immer zugelacht hat? Ich habe ganz genau gesehen, dass es einer aus dieser Gruppe war.”
Das Engelchen schwieg und hielt den Blick zu Boden gesenkt.
Judika konnte es nicht mehr mit ansehen.
“Ich war es!” sagte er daher nun laut und trotzig. “Ich habe das Mädchen angelacht. Gegrinst haben wir aber nicht.”
Alle Augen richteten sich auf den Knaben.
“Du warst das?” fragte die Nonne.
“
Gewiss!”
“
Komm mal her!”
Er kletterte hinter dem Tisch hervor und ging zu der Nonne hin. Das Herz schlug ihm laut, als er neben dem Engelchen stand.
“
Warum habt Ihr in der Kirche bei der Messe gelacht?”
Engelchen schwieg. Judika antwortete patzig für sie mit:
“Man kann doch mal lachen! Meinen Sie, dass Christus das nie gemacht hätte?”
“
Er wurde noch zorniger, stampfte mit seinem rechten Fuß heftig auf den Boden.
Was, frech wirst Du auch noch, Du Lümmel…” Die Nonne schien zu wachsen. Klatsch… hatte er eine saftige Ohrfeige von der Nonne bekommen. Seine Wange lief rot an und er hielt sie sich fest.“Das ist wirklich kein Kunststück, kleine Kinder zu schlagen. Wenn ich groß wäre, würden Sie nicht wagen, mich zu verhauen, weil ich mich nicht verhauen ließe!”
Die Nonne schnappte ob solcher Frechheit nach Luft.
“Waas? Drohen willst Du mir, Du Knirps? Halt Deinen Schnabel…”
Dreimal schlug sie ihm ins Gesicht.
“
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Was sollen wir uns mit ihnen herumärgern”, wandte sich die Nonne an Schwester Elisabeth. “Geben wir ihnen einen gehörigen Denkzettel! Du, Angelika, wirst nachher von mir in der Gruppe Deine Strafe bekommen. Außerdem wirst Du beim nächsten Essen Jungenkleider anziehen und Dein Essen hier bei den Jungen am Schandetisch einnehmen, damit man Dich mal gehörig auslachen kann. Und Du, Judika, wirst im Mädchenkleidern in meiner Gruppe am Schandetisch essen, damit Euch die Lust an Lachen bei der Messe für immer vergeht!”