Teil 7
“Kommt nicht in Frage”, meinte Judoka “Das wäre freilich ein Triumph für die Leute im Heim. Nein, diese Schande wollen wir und lieber ersparen .” Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie sehr man lachen würde, wenn sie von allein zurückkehrten. Da wäre er persönlich auch durch bei seiner Clique.
Und dann hielt plötzlich doch ein Wagen bei ihnen. Flink liefen sie hin. Dann aber erschraken beide so sehr, dass sie wie erstarrt stehen blieben. Im Wagen saß niemand anders als der Direktor des Theresien-Heimes selber, der trotz seiner behäbigen Fülle rasch aus dem Wagen geklettert war und zu den beiden Jungen hinstürzte.
Das hatten sie eigentlich am allerwenigstens erwartet. Ehe sie auch noch die Flucht ergreifen konnten, hatte der Heimleiter sie am Kragen.
“Welch ein netter Zufall”, sagte er streng. “Da habe ich ja einen schönen Fang gemacht. Ja - hoch mit Euch! Damit Ihr habt Ihr wohl nicht gerechnet?” Er lächelte süffisant. “Dass der Direktor Euch persönlich erwischt, habt Ihr sicher nicht einkalkuliert, wie? Ab! Marsch, in den Wagen mit Euch, aber flott… Alles weitere werden wir dann im Heim erledigen…”
“Wir wollten sowieso zum Heim zurückkehren!” log Haas, um ihre Lage etwas zu mildern.
“Maul halten, Du Lümmel!” fuhr ihn der Heimleiter an. “Das könnt Ihr nun sagen. Aber es wird Euch nichts helfen. Eure Tracht bekommt Ihr noch!”
“Das dürfen Sie nicht!” Judika sagte es zornig.
“Ich darf nicht? Ha, warum nicht? Ich bin der Heimleiter! Ich habe die Erziehung zu bestimmen…”
Das gab den Ausschlag. Noch ehe der Heimleiter weitersprechen konnte und den Versuch beendet hatte, sie in den Wagen zu schieben, riss Judika sich los, trat dabei dem Heimleiter vor das Schienbein und stürzte davon.
Der Heimleiter war im ersten Moment so verdutzt, dass er auch Haas losließ. Dieser rannte ebenfalls davon - Judika hinterher.
“Hier geblieben!” brüllte der Heimleiter hinter die Jungen her.
Aber Judika dachte nicht im Traum daran, zurückzukehren.
Der Heimleiter rannte ein wenig hinter Haas her, der bedeutend schlechter laufen konnte als der schnelle Judika. Aber er mochte wohl einsehen, dass er den Jungen nicht einholen konnte. Daher blieb er stehen und drohte laut: “Haas! Sofort kehrst Du um. Es wird Dir nichts passieren! Wenn Du aber nicht kommst, wirst Du später Dein blaues Wunder erleben. Kriegen wird man Dich ohnehin. Also, bleib stehen! Junge, es ist das Beste für Dich, glaube mir das!”
Haas blieb stehen.
Judika blieb ebenfalls stehen, um zu erforschen, wie sich Haas verhalten würde.
“Ich bekomme also keine Dresche?” fragte Haas
“Nein, mein Junge, nur musst Du herkommen!”
“Das glaube ich Ihnen nicht!”
“Ich gebe Dir mein Wort, mein Junge! Du machst doch Dein ganzes Leben kaputt!”
Haas zögerte.
Judika ging ein wenig zurück, schrie zu Haas hinüber: “Langer, sie bloß nicht so blöd, Dich reinlegen zu lassen! Der will Dich doch nur anschmieren. Das müsstest Du doch wissen. Ich werde nicht zurückgehen…”
“Halte den Mund, Du Lümmel! Junge, der Regiez will Dich doch nur verführen, Dein Leben verderben. Komm nur ruhig, mein Junge. Ich habe Dir versprochen, Dir nichts zu tun. Ich bin Priester. Mein Wort halte ich bei Gott!”
“Höre nicht auf ihn!” brüllte Judika. “Du weißt doch, wie es im Heim ist, wie oft man uns hereinlegt mit solchen Versprechungen. Daraus musst Du Deine Lehre gezogen haben. Wenn Du wieder im Heim bist, verprügelt er Dich. Seine Worte sind nicht die eines Priesters…”
“Regiez! Lass den Jungen in Frieden!”
“Lassen Sie Ihn in Frieden!”
“Na warte, wenn wir Dich wiederhaben!”
“Das glaube ich gern, dass Sie sich darauf schon freuen. Aber da können sie lange darauf warten. So schnell wird man mich schon nicht bekommen. Haas, komm her - er ist eher der Teufel als der Priester Gottes!”
“Mir wird bestimmt nichts passieren?” fragte Haas erneut.
“Nein, sicher nichts, mein Junge. Nur musst Du schnell herkommen, Dich den bösen Einflüssen des Regiez entziehen. Ich muss noch zu einer Konferenz. Vorher muss ich Dich aber ins Heim zurückbringen. Also habe Verständnis für meine Lage. Du bist doch sonst immer ein vernünftiger Junge gewesen. Warum willst Du diese Vernünftigkeit auf einmal aufgeben. Ich werde jetzt kommen und Dich holen! Du wirst sehen, nichts wird Dir passieren. Aber der Regiez - wenn wir den erwischen, dann wird er eine gehörige Tracht Prügel bekommen, das verspreche ich ihm jetzt schon. Es wird mir ein Vergnügen sein, ihm den Hintern zu versohlen…”
“Haha!” lachte Judika laut. “Dazu müssen Sie mich erst einmal haben. Mich fangen sie nicht mit diesem Honig, mich nicht!”
Der Heimleiter ging jetzt auf Haas zu, der einige Schritte zurückging.
“Idiot!” brüllte Judika. “Wenn Du Dich von ihm hereinlegen lässt, bist Du mein Freund gewesen!”
Haas zögerte, war unschlüssig. Man sah ihm an, dass er einen heftigen inneren Kampf austragen musste; einerseits wollte er die Freundschaft Judikas nicht verlieren, andererseits wusste er, dass es ihm gut ergehen würde, wenn er den Heimleiter auf seiner Seite hatte.
Und der Heimleiter lockte ihn wie einen Hund: “Komm, mein Junge, sei vernünftig. Wir steigen erst einmal in den Wagen. Dann bringe ich Dich ins Heim zurück. Dort kannst Du Dich baden, vernünftig essen und auch schlafen, denn Du wirst sicher hungrig und müde sein, nicht wahr, mein Junge!”
Judika hätte heulen mögen, zumal er sah, dass solche Worte ihre Wirkung bei Haas nicht verfehlten.
Der Heimleiter erreichte Haas, fasste ihn am Arm und führte ihn zu seinem Wagen. Haas ließ es ohne Gegenwehr geschehen. Dann fuhren sie davon…
Enttäuscht und traurig kehrte Judika sich ab und wanderte weiter. Er schlug sich in die Büsche und wanderte den ganzen Tag nur durch Wiesen, Felder, Wälder. Sah er Bahnschienen, ging er auf ihnen eine Strecke entlang. Er vermied es, Menschen zu begegnen. Wenn er welche sah, ging er ihnen aus dem Wege. Er wanderte ziellos durch die Gegend.
Am Abend, als es bereits dunkel war, ging er in fremde Gärten und rupfte sich einige Möhren und Radieschen. Damit konnte er seinen Hunger halbwegs stillen. Um Durst brauchte er keine Sorgen zu haben, da auf den Wiesen oft Pumpen standen, an denen er das Wasser nur hochzupumpen brauchte.
Er schlief in dieser Nacht in einer Scheune mit Heu. Ganz tief buddelte er sich ein, deckte auch den Kopf leicht mit Heu zu und schlief bald ein.
Tags darauf stand er schon gegen 4.00 Uhr auf, machte seine Kleidung sauber. Das war eine sehr mühselige Arbeit, da sich das Heu besonders widerspenstig festgesetzt hatte. Danach ordnete er sein Haar, wusch sich leicht an einer Pumpe und wanderte weiter.
Er kam zu einem Dorf. Vor den Häusern standen Brötchen in Tüten. Judika nahm sich zwei Tüten mit, zählte die Brötchen: es waren genau 13 Stück. Für die kommenden Tage hatte er damit Nahrung genug.
Hinter dem Dorf erwischte er einen Wagen, der ihn mitnahm. Er wurde in Wegenburg abgesetzt, las dort auf einem Hinweisschild, dass es nach Römmelberg noch 70 Kilometer waren.
Er beschloss, sich ein Fahrrad zu stehlen, um schneller weiterzukommen. In den Hauseingängen und hinter den Häusern suchte er nach einem Fahrrad. Schließlich fand er einen alten Schinken, den man aber abgeschlossen hatte. Er versuchte, das Schloss zu erbrechen. Es gelang ihm nicht, wenn er nicht Lärm machen wollte. Und das mochte er nicht riskieren. Also suchte er weiter.
Er fand ein Damenfahrrad hinter einem Haus. Es war nicht abgeschlossen. Kurz entschlossen schwang er sich darauf und radelte frech aus dem Hauseingang.
Zunächst radelte er schnell etwa eine Stunde lang. Dann ließ er es langsamer angehen, da er glaubte, weit genug weg zu sein, um nicht aufzufallen.
Jetzt richtete er sich nach den Wegweisern. Nach Hause - dazu hatte er sich schon entschlossen - wollte er nicht. Dort würde man ihn sicher am ehesten erwarten und aufgreifen können. Also radelte er zu der Stadt, in der Engelchen wohnte. Vielleicht konnte er das Mädchen noch dort finden, wenn es nicht schon wieder im Heim war.
Da er sich trotz der Wegweiser oft verfuhr, brauchte er fast noch zwei Tage, ehe er die Stadt erreichte. Unterwegs lebte er von Gartengemüse und Brötchen, die er sich stahl. Auch Flaschen voller Milch holte er von den Haustüren im Morgengrauen weg. Er schlief im Wald in Schonungen.
Kurz vor der Stadt stellte er das Fahrrad in einem Park ab und ging zu Fuß weiter. Er wusste nicht mehr genau die Straße, in der Engelchen wohnte. Die Stadt war auch sehr groß, so dass ihm ein wenig Angst wurde. Wie sollte er in einer so großen Stadt überhaupt Engelchen finden.
Verwildert und heruntergekommen stromerte er durch die Straßen der Stadt. Ein Heißhunger überkam ihn, wenn er die Geschäfte sah mit ihren Eßsachen.
Er landete am Bahnhof und beschloss, hier zu warten. Vielleicht war Engelchen noch hier und würde heute oder morgen ins Heim zurückkehren. Dann musste er das Mädchen am Bahnhof treffen.
Den ganzen Tag harrte er aus. Als die Dämmerung aufkam, machte er sich davon, versteckte sich in einen Park, kroch dort in ein Gebüsch und versuchte zu schlafen. Immer wieder wachte er nachts auf und musste an Engelchen denken.
Tags darauf ging er schon ganz früh wieder zum Bahnhof, um Engelchen nicht zu verpassen, falls es wegfahren würde. Aber es kam nicht. Es wurde Abend, und er war schon ganz mutlos, saß vor dem Bahnhof auf einer Bank und musterte die Leute, wenn sie vorbeigingen. Manch verwunderter Blick traf ihn.
Unvermittelt hielt ein Polizeiwagen neben ihm. Zwei Polizisten sprangen heraus.
Er war klug genug, nicht wegzulaufen. Dadurch hätte er sich erst recht verdächtig gemacht. Ob sie wussten, wer er war, woher er kam? Nein, das konnten sie ja eigentlich nicht wissen. Aber man würde ja sehen…
“Was machst Du denn hier, mein Junge?” fragte einer der Polizisten freundlich - fast zu freundlich, wie Judika fand. Er wusste aus Erfahrung, dass man vorsichtig sein musste, wenn Erwachsene so freundlich waren..
“Ich sitze hier!” sagte er, weil ihm gerade nichts Besseres einfiel.
“Ja, das sehen wir. Aber wo kommst Du her? Wie heißt Du? Wo wohnen Deine Eltern?”
Er schwieg.
Die beiden Polizisten sahen sich an, nickten wie im Einverständnis. Einer sagte: “Du willst und nichts sagen?”
Judika schüttelte den Kopf.
“Dann müssen wir Dich mitnehmen aufs Revier!”
“Warum?”
“Weil wir Deinen Namen und Deine Personalien wissen müssen. Du kannst ja von daheim weggelaufen sein. Bist Du das?”
“Nein.”
“Was dann?”
Er biß die Lippen zusammen.
Einer der Polizisten fasste ihn am Arm. “Dann komm mal mit. Wir werden uns auf der Wache unterhalten…”
Sie brachten Judika zur Wache. Unterwegs versuchten sie ihn auszufragen. Aber er schwieg beharrlich auf alle Fragen.
“Ein ganz trotziger Junge!” sagte einer der Polizisten. “Mit dem werden wir sicher unsere liebe Mühe haben!”
“Ja, ich glaube auch!” sagte der andere. “Aber wird werden ja sehen. Wir werden schon herausbekommen, woher er kommt.”
Judika aber ärgerte sich schwarz, dass er sich hatte auf dieser Weise erwischen lassen.
Auf der Wache ging die ganze Fragerei wieder von vorn los. Aber auch jetzt schwieg Judika beharrlich: weder Drohungen noch Schmeicheleien halfen, ihm den Mund zu öffnen.
Das örtliche Jugendamt wurde eingeschaltet. Die Polizei fuhr ihn zum Jugendamt. Man brachte ihn in ein Büro, wo eine Fürsorgerin saß. Sie versuchte es mit Schmalz:
“So, mein Kind, nun verrate mir einmal, woher Du kommst! Weißt Du, wir wollen das ja nicht wissen, um Dich zu verletzen, sondern um Dich wieder nach Hause zu bringen. Oder hast Du kein Zuhause?”
“Sicher habe ich eins!” schrie Judika fast!
“Aha - so kommen wir der Sache schon näher…”
“Sie erfahren nichts von mir! Macht von mir aus mit mir, was Ihr wollt!”
“Du scheinst ja schon viel mitgemacht zu haben!”
Fast war er versucht, nun zu sagen, dass er schon tatsächlich eine Menge mitgemacht hatte. Aber dann überlegte er es sich, weil er wusste, dass es wohl das Beste sei, wenn er gar nichts sagte.
“Wo wohnst Du?”
“Überall!” sagte er frech, um die Frau zu provozieren.
Aber die lies sich nicht provozieren, sondern sagte nur: “Das müssen wir aber wissen! Irgendwo musst Du doch hingehören… Wo wohnst Du denn?”
Ihn langweilte diese Frage. Er hatte sie nun schon zehnmal gehört. “Ich habe doch gesagt, das ich überall wohne…”
“Dann sage uns doch wenigstens, wie Du heißt?”
“Warum?”
“Damit wir etwas für Dich tun können! Wie sollen wir denn etwas für Dich tun, wenn wir nicht einmal Deinen Namen wissen?”
“Niemand braucht etwas für mich zu tun! Ich will nur wieder raus!”
“Das kannst Du ja auch, wenn Du uns alles sagst!”
Misstrauisch sah er sie an. Er glaubte ihr nicht, wusste, dass sie ihn auf den Leim führen wollte. So entschloss er sich, einfach zu sagen, dass er in dieser Stadt wohne. “Ich wohne hier!” sagte er jetzt.
“Hier?”
“Sicher.”
“Wo denn?”
Er überlegte fieberhaft, um den Namen einer Straße zu finden. Sicher kannte die Frau etliche Straßen. So sagte er auf gut Glück: “Ich wohne auf der Bachstraße…”
“Bachstraße?”
“Ja.”
“Wo ist die denn?”
“Ach, die kennen Sie nicht? Die ist doch oben am Park, dort in der Nähe des Kanals!” Er wusste, dass es den Park und den Kanal gab, da er selber dort gewesen war.
“Ah! Dort ist das! Das ist schon gut. Und wie heißt Du? Wie heißen Deine Eltern?”
“Das sage ich nicht!”
Verzweifelt schüttelte die Frau den Kopf. “Das muss ich aber wissen!”
“Sie können ja versuchen, es aus mir herauszuprügeln. Ich glaube aber kaum, dass sie das schaffen werden. Das haben vor Ihnen schon andere versucht…”
Die Frau tat, als hörte sie seine Worte nicht, sagte stattdessen: “Bist Du vielleicht aus einem Heim ausgerissen?”
“Nein!” sagte er heftig und bekam einen Schreck.
“Es ist doch sinnlos, wenn Du uns nichts sagst!” meinte die Frau gütlich. “Wir bekommen es früher oder später doch heraus, wenn wir auch die Polizei einschalten müssen…”
“Die Polizei?
“Natürlich. Wir müssen ja wissen, was mit Dir los ist. Und solange wir das nicht wissen, müssen wir Dich in einem Heim unterbringen!”
Auch das noch. Jetzt wollte man ihn schon wieder in ein Heim stecken: Heim raus - Heim rein! Etwas Besseres schienen die Leute wohl nicht zu kennen und zu wissen. “Was soll ich denn in einem Heim?”
“So lange warten, bis wir mehr über Dich wissen. Die Polizei wird jetzt viel Arbeit bekommen, denn Sie muss ja jetzt erst einmal alles ermitteln über Dich!”
In den folgenden Stunden wurde Judika von Zimmer zu Zimmer gereicht. Jeder Angestellte und Sozialarbeiter wollte seine Menschenkenntnis und psychologischen Fähigkeiten an ihm erproben. Jeder von ihnen glaubte, Judika zum Reden bringen zu können. Von ein Zimmer ins andere wurde er auf dem Jugendamt geschoben. Manche boten ihm Butterbrote an; andere versuchten es mit Strenge. Aber er nahm weder etwas aus Stolz an noch ließ er sich beeinflussen, etwas über seine Person zu sagen. So hielt er den ganzen Nachmittag das ganze Jugendamt in Atem. Und niemand wusste genau, wie man sich gegenüber dem Jungen verhalten sollte. Judika ließ alles willenlos über sich ergehen.. Er wusste, wenn er sprechen, nähere Angaben über seine Person machen würde, käme er unweigerlich wieder ins Theresien-Heim. Und was ihn dort erwartete, konnte er sich in allen Fingern abzählen. Daher wollte er unter allen Umständen vermeiden, dass man ihn wieder in das alte Heim zurückbrachte.
Man brachte ihn in der Nacht in einem Kinderheim der Stadt unter. Er musste allein in einem Zimmer mit vergitterten Fenstern die Nacht verbringen. Auch die Tür hatte man von außen abgeschlossen.
Er blieb eine Woche in diesem Kinderheim. Verschiedene Leute, denen er das Fürsorgetum schon von weitem ansah, versuchten, an ihn heranzukommen. Er reagierte schließlich immer gereizter und frecher, wenn man ihn besuchte, und verhielt sich noch sturer als zuvor. Er wollten endlich einmal Ruhe haben.
Nach einer Woche brach er nachts aus dem Zimmer aus, indem er sich mehrmals vor die Tür warf und diese aufbrach. Er kletterte aus einem Flurfenster und machte sich davon.
Einen Tag später griff man ihn erneut durch die Polizei etwa 60 Kilometer von dem Ort bei einem anderen Dorf auf der Landstraße auf, wo er versuchte, ein Auto anzuhalten.
Diesmal wurde er nicht so schonend behandelt. Als er sich ausschwieg, sperrte man ihn in eine Gewahrsamzelle so lange ein, bis er es leid war und gestand, dass er aus dem Theresien-Heim ausgerissen war. Er war einfach müde und ausgelaugt, entnervt, um in seinen jungen Lebensalter noch mehr diesen ganzen Rummel mitzumachen.
Über das Jugendamt brachte man ihn mit einer Fürsorgerin und einem Sozialarbeiter zurück in das Heim. Auf der Fahrt schwieg er sich aus. Es hätte auch wenig Sinn gehabt, den Leuten etwas aus dem Heim zu erzählen. Vermutlich hätten sie ihn ohnehin nicht verstanden mit seinen Sorgen und Ängsten. Und eine große Angst hatte er, da er wusste: Schlimmes würde ihn erwarten, zumal er dem Heimleiter einiges gesagt hatte. Der würde sich mit absoluter Sicherheit mit dem Rohrstock revanchieren. An die Nonnen wollte er dabei gar nicht erst denken…
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Als man Judika ins Heim zurückbrachte, war man zu den beiden Leuten, die ihn zurückbrachten, durchaus sehr freundlich. Kaum waren sie aber fort, bekam er von dem Heimleiter 20 harte Hiebe mit dem Rohrstock aufs nackte Gesäß und 12 Hiebe durch die Finger…
Gruppenkeile konnte man ihm nicht mehr geben, denn die Jungen legten sich nicht gern mit Judika an. Man schnitt ihm eine Glatze. Die Nonne Klara gab ihm 10 Hiebe mit dem Rohrstock aufs nackte Gesäß. Für drei Tage kam er auf eine Zelle. Vier Wochen musste er allein leben und durfte an dem Heimleben und dem Leben seiner Gruppe nicht teilnehmen. Auf der Zelle musste er Bohnenschoten öffnen, um daraus die Bohnen zu holen. Als er auf der Zelle einen Selbstmord androhte, musste er seine Kleidung abgeben. Nackt hockte er in der Zelle. Jede Stunde kam eine Nonne und beobachtete ihn, ob er noch lebte. Die Kleider hatte er in den Flur legen müssen. Als er tobte, trieb ihn die Nonne mit einem dünnen Gummischlauch auf den Flur - nackt wie er war.
“So, Du hast also noch die Kraft zu toben. Das können wir Dir schnell abgewöhnen. Da!” Ein harter Hieb traf seinen Rücken. “Los, Du Lump, auf den Flur mit Dir, aber dalli, wenn ich bitten darf - schnell, los!” Erneut versetzte sie ihm einen Hieb aufs Gesäß.
Judika rannte vor Schmerzen auf den Zellenflur, versuchte, die Tür zu erreichen, um zu flüchten und der Peinigerin auszuweichen. Aber es ging nicht. Man hatte Vorsorge getroffen und die Flurtür nach unten abgeschlossen, weil man schon davon ausging, dass auf den Zellen sich befindliche Zöglinge zu flüchten versuchen würden, um der Härte ihres Schicksals zu entgehen.
Die grausame Nonne lachte. “Versuch es nur!” sagte sie hart. “Wir sind hier ganz allein und werden jetzt das nachholen, was fällig ist und Du ohnehin nötig hast. Schon lange stört es mich, dass Du mir die ganze Gruppe aufwiegelst und alles durcheinander bringst. Das werde ich Dir gründlich austreiben…””
“Ich werde mich wehren!” drohte Judika voller Angst und Schmerz.
Sie lachte hart, kam näher. “Du? Dich wehren? Versuch es nur! Ich werde Dir das Fell so gerben, dass Du froh sein wirst, wenn Du Dich danach noch bewegen kannst. Los, herkommen zu mir!” Sie schlenkerte mit dem Schwarzen Gummischlauch, der wie eine Schlange durch die Luft schlängelte.
Judika dachte nicht daran, der Aufforderung nachzukommen. “Dann holen Sie mich doch!” sagte er frech. “Von allein werden Sie mich nicht kriegen!”
Die Nonne kam näher. “Wir werden sehen! Deine nackte Haut wird es bereuen, sich nicht willig gefügt zu haben!”
Judika versuchte, an seine Kleidung zu kommen. Die Nonne sah es und kam ihm zuvor. “Nichts da!” schrie sie. “Du sollst es deutlich spüren, wenn ich Dich züchtige. Dein sündiger Körper scheint von einem Teufel besessen zu sein, den wir Dir austreiben müssen!”
Sie drang nach diesen Worten auf Judika ein, schlug einfach los, als sie ihn erreichte. Judika versuchte sich zu wehren, trat ihr vor das rechte Schienbein. Die Nonne schrie auf. Judika schrie noch lauter: “Ich werde zuhauen!” Er hob die Faust - in diesem Moment schlug ihm die Nonne den Schlauch ins Gesicht. Die Haut platzte an der rechten Wange und am Nacken auf. Ein fürchterlicher Schmerz durchzuckte ihn. Er war wie gelähmt und fiel auf die Knie, verzerrte sein Gesicht.
Die Nonne schlug ihm auf den bloßen Rücken, keifte: “Hoch mit Dir!” Erneut schlug sie zu. “Hoch habe ich gesagt, aber schnell!”
Er kam hoch. Ein Schlag traf ihn an den Schenkeln, ein weiterer aufs Gesäß.
“An die Wand!” schrie die Nonne, “sonst schlage ich Dich in Fetzen. Schnell zur Wand!”
Sie trieb ihn zur Wand.
“Mit dem Gesicht zur Wand!” Ein Schlag traf erneut sein Gesäß.
Er drehte sich mit dem Gesicht zur Wand.
“Zwei Schritte zurück! Arme hoch - auseinander! Und die Beine ebenfalls, wird’s bald!”
So stand er nun da: völlig nackt an der Wand - als befände er sich als schwerer Verbrecher bei der Polizei. Er versuchte, den Kopf rückwärts zu wenden. Sofort traf ihn ein harter Schlag aufs Gesäß.
“Du wirst so stehen bleiben!” sagte die Nonne hart.
Das Blut rann ihm über den Rücken. Aber Erbarmen hatte sie nicht.
Er stand etwa eine viertel Stunde so auf den Zehenspitzen. Scham, Schmerz und Angst hatten ihn fast willenlos gemacht. Die Nonne sagte: “Für Deinen Angriff vorhin wirst Du 5 Hiebe extra bekommen. Wenn Du Dich bei der Züchtigung nicht benimmst, werden wir erneut abrechnen. Merke Dir das…”
Sie holte aus eine der Zellen einen Schemel, stellte ihn mitten in den Flur.
“Hertreten!”
Er drehte sich um.
Die Nonne schlenkerte mit dem Schlauch in Richtung Schemel. “Da drauflegen!”
Zitternd vor Angst und Scham folgte er der Anweisung und legte sich nackt auf den Schemel.
“So nicht, mein Freundchen! Kopf ganz hinten runter! Die Arme und Hände auf den Boden. Und die Füße bleiben ebenfalls auf den Boden. Kommst Du bei der Züchtigung hoch, setzt es extra etwas. Merke Dir das gut!”
Fast kam er sich vor wie ein Lamm auf der Schlachtbank, als er da so lag. Vor Angst vermochte er an nichts zu denken, zumal die Nonne sich grausam viel Zeit nahm.
Und dann traf ihn der erste Hieb dermaßen aufs Gesäß, dass er automatisch hochgerissen wurde vor Schmerz. Aber sogleich traf ihn der zweite Hieb und warf ihn zurück. Fünf derbe Hiebe trafen ihn.
Er merkte, wie ihm die Gesäßhaut aufplatzte und es wahnsinnig brannte.
Nach dieser Züchtigung musste er laufen: den Flur entlang. Immer hin und zurück - hin und zurück, an der Nonne vorbei, die in der Mitte des Flures stand und mit dem Schlauch schlenkerte, ab und zu bei seinem Vorbeirennen zuschlug, dass es laut klatschte und er brüllte und schrie….
Er wusste nicht mehr, wie lange er gelaufen war - einmal langsam, einmal schneller, ganz nach dem Belieben seiner Peinigerin -, als sie befahl damit aufzuhören.
“Herkommen!”
Als er bei ihr ankam, lächelte sie höhnisch. “Ich glaube, es reicht wohl, wie? Oder hast Du noch nicht genug?”
“Doch!” sagte Judika leise und mit gebrochener Stimme.
“Das will ich meinen. Ich sage Dir ganz ehrlich: gerne führe ich solche Züchtigungen nicht aus. Aber solche Unverschämtheiten kann man nicht durchgehen lassen. Die Ordnung in der Gruppe und im Heim muss gewahrt bleiben. Und gerade Du bist am schlimmsten. Manchmal muss man Dich wie ein reißendes Tier behandeln, das man hart hernehmen muss, wenn man die Zügel nicht verlieren will. Und die Zügel wollen wir doch behalten, nicht wahr! Es soll Dir weh tun, soll Dir schmerzen, damit es haften bleibt und in Dir eingeht. Das soll keine Quälerei sein! Nein, aber Zucht und Ordnung ist oberstes Gebot! Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es, so steht es schon in der Bibel. Auch Christus hat mit einer Geißel die Händler aus dem Tempel getrieben. So habe auch ich Dich in meiner christlichen Pflicht gezüchtigt, denn ich bin verantwortlich für Dein Seelenheil. Und was sind schon körperliche Leiden gegen das ewige Heil, mein Junge!”
Ihre Stimme war jetzt milder geworden. Aber Judika hörte gar nicht recht hin. Er hatte mit seinen Schmerzen genug zu tun und gab ohnehin nichts auf das Gewäsch der Nonne. In diesem Moment hätte er sie ermorden können. Er musste daran denken, was Haas ihm über seine Wünsche bezüglich der Widervergeltung an den schlagenden Nonnen unterwegs gesagt hatte. Jetzt ging es ihm ebenso. Liebend gern hätte er die Nonne alles auf einmal heimgezahlt, wenn er nicht so schwach gewesen wäre. Auf der Stelle hätte er sie jetzt ermorden können und hätte dabei nicht einmal ein Bedauern verspürt. In diesem Moment wünschte er sich, die Nonne ebenfalls splitternackt und winselnd, auf den Knie liegend vor sich zu sehen… O, was würde er dann losschlagen, ohne Erbarmen und Mitgefühl. Und anschließend würde er diesem Häufchen Elend ebenfalls einen höhnischen Vortrag halten…
Er musste sich anschließend brausen - kalt. Die Nonne beaufsichtigte das.
Nachher war er dann wieder allein auf der Zelle, nackt und zitternd wie ein verängstigtes Tier. Alle Bilder vergangener Ereignisse zogen an ihm in einer Deutlichkeit vorbei, als seien sie erst gestern passiert. Judika pflegte die Nonnen ohnehin insgeheim als “Knüppel-aus-dem-Sack des Teufels” zu bezeichnen. Sie verstanden zu schlagen mit dem Rohrstock wie Schwert schwingende Ritter aus König Arturs Tafelrunde. Die Nonnen waren derart vernarrt ins Züchtigen und Schlagen, dass sie stets einen kleinen und dünnen Rohrstock bei sich trugen, um zu jeder Zeit Züchtigungen durchführen zu können. Zumal die Gruppenschwestern verstanden die Praktizierung solcher Angewohnheiten. Es gab wenige Ausnahmen, die man an einer Hand abzählen konnte. Die wandelnden Schlagstöcke, wie man die Nonnen auch heimlich unter den Zöglingen nannte, hatten ihren kleinen Rohrstock als Züchtigungsinstrument in ihren weiten Kuttenärmeln verborgen. Die Zöglinge wusste nie, ob sie einen in der Tracht versteckt hatten oder nicht. Fast nahm es sich aus, als seien diese Rohrstöcke extra hergestellt worden, weil sie immer genau in ihrer Größe in die Ärmel passten. So konnten sie ihr Schlaginstrument überall mit herumschleppen: Beim Spaziergang, im Aufenthaltsraum, im Schlafsaal, sogar beim Gottesdienst und zur Toilette wurde es mitgeschleppt. Gehorchte ein Zögling nicht, erschien blitzschnell und mit einer gekonnten Übung das Knüppelchen und trat ebenso kurzfristig, aber hart in Aktion, um wieder ebenso schnell zu verschwinden. Die Nonnen schlugen bei diesen Aktionen wahllos zu. Mit Vorliebe schlugen sie auf die Köpfe der Zöglinge, auf ihre Knöchel oder Arme. Jede Nonne hatte ihren speziellen Rohrstock. Beim Schlagen selbst hatten sie mitunter die absonderlichsten Ideen, die in Bruchteilen von Sekunden geboren wurden. Es konnte etwa passieren, dass beim sonntäglichen Spaziergang, wenn dabei ein Zögling auffiel, die diensthabende Nonne dem Zögling befahl, einen elastischen Weidestock zu seiner eigenen Züchtigung abzuschneiden… Nicht selten schlugen sie aber auch mit kantigen oder anderen Gegenstäden, so dass nur zu oft körperliche Züchtigungen in körperliche Misshandlungen ausarteten…
Daran musste Judika denken, als er bei Wasser und Brot die Tage auf der Zelle saß. Er erinnerte sich noch deutlich an einen Vorfall, der sich Ostern abgespielt hatte. An diesem Ostern waren die Zöglinge zur Heide gegangen, um Ostereier zu suchen, wie man das alljährlich tat. Judika hatte bald eine Menge Eier zusammengesucht. Spät am Nachmittag war man heimgekehrt und hatte dabei sogar die Andacht verpasst. Als beim Abendessen sich einer der Zöglinge bei Tisch nicht recht benahm, nahm die Gruppennonne ein Ei und warf es dem Übeltäter mitten ins Gesicht - der Schlüssel folgte unmittelbar danach…
Es konnte dabei nicht ausbleiben, dass auch die Zöglinge angesichts solcher Züchtigungsmethoden ihren Erfindungsgeist strapazierten. Sie versuchten, sich mit Stuhlkissen den Hosenboden zu polstern, )wenn sie nicht gerade die Hosen ablassen mußten) , bevor sie zur Züchtigung geführt wurden. Das fiel natürlich auf. Und als gar einer mal ein Schachbrett in der Hose hatte, das die Hiebe auffangen sollte, da vermochte er sich nicht einmal zu bücken. Aus diesem Grunde ließen die Nonnen oft die Hosen abziehen, um solchen Dingen vorzubeugen, aber auch, um die spürbare Strafe drastisch zu verschärfen. “Spürbare Einsichtsvermittlung in christlicher Form“ nannten sie das Man unterschied bei der Körperzüchtigung an den Zöglingen zwischen solchen, die freiwillig und jene, die durch das Gericht bzw. das Jugendamt eingewiesen worden waren. Bei den ersteren war man mit den herrschenden Züchtigungsmethoden und deren Durchführung sehr vorsichtig und wandte sie recht vorsichtig dort an, weil die Eltern das letzte Wort hatten und sich schnell einschalten konnten, wenn diese Zöglinge sich darüber beschwerten. Und das hätte für das Heim sicherlich Schwierigkeiten gegeben. Bei den anderen Zöglingen nahm man dies nicht so genau und unterwarf sie daher jeder gehandhabten Züchtigungsmethode. Die körperliche Züchtigung war das Mittel, das als Bestrafung oberstes Gebot war. Täglich hörte man im Heim die harten und lauten Schläge klatschen, das Wimmern und Heulen der Gezüchtigten...
Auch die Mädchen wurden körperlich gezüchtigt. Doch nahm diese Züchtigungen meist der Direktor selbst vor. Der “Stellvertreter Gottes” prügelte die Mädchen meist in seinem Büro mit Unterstützung seiner Nonnen-Sekretärin durch. Nicht selten führte an den Mädchen aber auch diese Sekretärin die Züchtigungen durch im Beisein des priesterlichen Heimleiters, d er d bei gemütlich im Schreibsessel hockte und zuschaute.
Für jedes Vergehen war eine bestimmte Anzahl von Hieben vorgeschrieben, an die man sich streng hielt.
Schändlich aber waren die seelischen Grausamkeiten: das Bloßstellen einzelner Zöglinge vor der ganzen Gemeinschaft; das Verletzen an den empfindlichen Stellen des Selbst; das Herumstoßen, das Aufdecken bestimmter Schwächen vor der ganzen Gruppe; das Herauszerren intimster Dinge, Bedürfnisse und Geheimnisse; das Wecken in der Nacht; die Missachtung des Schamgefühls, die Prügel oder die Ohrfeigen mitten in der Kirche vor versammelten Jungen und Mädchen vorne am Altar mitten bei der Messe, wobei die “Sünder“ vom zelebrierenden Chef nach vorn gerufen wurden, etwas, wenn sie “gebrummt“ hatten beim Gesang…
Als Judika die Zelle wieder verlassen konnte, bekam er auch in der Schule noch 13 Hiebe mit dem Rohrstock, weil er sich “von der Klasse entfernt” hatte, wie es hieß. Er nahm auch das mit einer gewissen Gleichgültigkeit hin. Man ließ ihn bei den Nonnen deutlich spüren in der kommenden Zeit, was man von ihm und seinem Ausreißen hielt, zog ihn zu verschiedenen Arbeiten heran, um seine Freizeit total einzuschränken; er musste zumal Toiletten schrubben und säubern - sozusagen als Verachtung für sein Tun. Man wollte ihn damit besonders treffen.
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Engelchen war auf einmal wieder da. Es hatte sogleich alle schrecklichen Sachen erfahren. Denn auch in den Mädchengruppen blieb nie lange etwas verborgen, selbst wenn es in den Jungengruppen geschah. Engelchen war über die erfahrenen Dinge tief betrübt und versuchte, sich mit Judika zu treffen, weil es ihn trösten wollte, aber das war gar nicht so einfach, da die Nonnen ihn stets durch Arbeiten bei der Stange hielten.
Hatte Judika sich vorher schon gesträubt, mit seiner Glatze zum Gottesdienst zu gehen, da er die Peinlichkeit fürchtete, so getraute er sich nun noch weniger an Engelchen heran. Denn wie sollte er mit einem kahlen Kopf bei Engelchen erscheinen und ihr alles erklären? In den Gottesdienst konnte man ihn gewaltsam treiben. Zu Engelchen konnte er selbst gehen. Und da er das Mädchen vorläufig mied, sollte es noch eine Weile dauern, bis sich die beiden Kinder sprechen konnten. Sicher, im Gottesdienst sah ihn Engelchen ohnehin, wenn er sich auch hinter den anderen Zöglingen verstecken zu versuchte. Es war etwas Anderes, Engelchen unmittelbar gegenüberzustehen oder es nur von weitem zu sehen.
Da er die Schande nicht mehr ertragen konnte, besorgte er sich von einem Kameraden eine Pudelmütze, um damit sein entblößtes Haupt und seine Glatze zu verdecken, weil man versteckt darüber lachte.
Die Gruppennonne nahm ihm die Pudelmütze weg.
Er verprügelte einige Zöglinge, weil diese über seine Glatze gelacht und ihn verspottet hatten.
Dafür bekam von der Gruppennonnen 10 Hiebe durch die rechten Finger.
Er verprügelte noch mehrmals Zöglinge und empfing dafür immer wieder Prügel von der Nonne. Schließlich schickte er Weiger hin, der sie dann unter einem anderen Vorwand verprügelte, indem er sie zuvor provozierte.
Von Haas hatte er sich zurückgezogen. Beide gingen sich aus dem Weg. Judika fand sein Verhalten als unverzeihliches Versagen: er hatte ihn im Stich gelassen auf der Walze. Das hatte er auch gleich Weiger erzählt und allen anderen Jungen von der Clique. Der ihn ansonsten umgebende Kreis, der ihm noch Halt und etwa Zuversicht gegeben hatte, löste sich langsam, aber sicher auf. Die Jungen fürchteten wohl auch etwaige Sanktionen der Nonnen. Schreiber, Pech und Stöpfel gingen ihm ebenfalls aus dem Weg, das merkte er nur zu deutlich an ihrem ganzen Verhalten. Nur Weiger, Ballrum und Rabik hielten treu auch weiterhin zu ihm. Und das erfüllte ihn mit tiefer Dankbarkeit.
Haas hingegen fühlte sich sehr schuldbewusst und war deshalb Judika aus dem Wege gegangen. Eines Tages sprach er Judika an, als dieser den Hof harkte und säuberte.
“Judika”, fing er sehr zaghaft an zu sprechen, “es tut mir sehr leid, dass Du für mich alles mitbekommen hast und ich damals auf der Walz so versagt habe. Ich hätte zu Dir halten sollen. Aber weißt Du, die Angst…”
Judika hielt mit dem Harken inne, sah Haas scharf an. “Warum hast Du Dich denn so reinlegen lassen? Hat der Schappes denn sein Versprechen gehalten?”
“Nein, hat er nicht”, sagte Haas. “Kaum waren wir im Heim, hat er mich mächtig verprügelt. 15 Hiebe hat er mir gegeben!”
“Ich habe es Dir ja gesagt!”
“Ja, aber die Angst…”
“Warst Du auf der Zelle?”
“Nein.”
“Ich war aber drauf. Scheiße alles!”
“Was nun, Judika?”
“Nichts!”
“Was heißt das?”
“Eben nichts.”
“Das verstehe ich nicht!”
“Du hast mich eben ganz schön reingelegt!”
“Ich habe Dir ja gesagt…”
“Ja, ja, ich weiß, Du hast es gesagt: die Angst. Glaubst Du denn, ich hätte keine Angst gehabt? Aber schau Dir mal meine Pläte an, dann weißt Du Bescheid. Ich hätte Dich nie und nimmer im Stich gelassen. Du aber hast es getan, nur weil der blöde Schappes Dir gedroht hat. Mir hat er auch gedroht. Bin ich deswegen etwa tot?”
Man sah es Haas an, dass ihm das Gespräch peinlich war. Ihn freute es aber, dass Haas wenigstens einsah, dass er ihn verletzt hatte. So sagte er: “Rückgängig können wir die Sache ohnehin nicht mehr machen. Eigentlich hatte ich ja eine mächtige Wut in Bauch und wollte Dir alle Zähne zerschlagen… Aber ist schon gut! Ich trage Dir nichts mehr nach.”
Freude überzog Haas’ Gesicht. “Wenn Dich einer wegen der Glatze verarschen will, bekommt er es mit mir zu tun!”
“Ich kann mir schon selbst helfen und werde damit fertig!” meinte Judika.
“Dann werde ich Dir von der Birke am Friedhof Birkenwasser abzapfen, damit Dir die Haare wieder schnell wachsen.”
“Das kannst Du tun, denn ich selbst komme wohl kaum hin. Die Nonnen halten mich nur auf Trab und passen wie die Luchse dabei auf.”
“Also werde ich das…”
“Regiez, Haas!” wurden sie da von der schrillen Stimme Schwester Klaras unterbrochen. “Wollt Ihr wohl auseinander, sonst setzt es was! Aber dalli, meine Herren! Hockt Ihr schon wieder zusammen, um Fluchtpläne zu erörtern?”
Drohend trat sie auf die beiden Jungen zu, rasselte mit ihrem großen Schlüsselbund.
Sie schlug Judika damit auf den Kopf, dass er laut aufschrie…
“Haas, Du gehst sofort in die Gruppe. Und Regiez, sieh zu, dass Du allein mit dem Hof fertig wirst. Du sollst Dich bei Deiner Arbeit nicht mit den anderen Jungen unterhalten. Die Schularbeiten musst Du danach auch noch machen. Die anderen Jungen werden mir auch nicht aufgehetzt!”
Nach diesen Worten zog sie wieder ab und begab sich hinter Haas in das Hauptgebäude. Judika fegte weiter und sammelte das Papier auf, das auf dem Hof herumlag.
Selbst in der Schule machte sich Judikas Lage misslich bemerkbar, denn man ließ ihn einfach links liegen.
Aus Trotz lernte er nichts. Man schimpfte ihn faul und widerspenstig und fand, er störe bewusst und könne es nicht lernen, sich unterzuordnen. So erging es ihm schlechter denn je. Zu Engelchen, seinem einzigen Trost, mochte er noch nicht gehen. Wenigstens zwei Wochen wollte er noch warten, bevor er sich mit dem Mädchen treffen würde. Bis dahin würden seine Haare schon wieder etwas gewachsen sein und er brauchte sich dann nicht mehr ganz so genieren.
Nur Weiger kümmerte sich um diese Zeit rührend um Judika. Wo immer der kleine Kerl es konnte, war er bei Judika und folgte ihm wie ein Leibwächter. Obwohl er eigentlich an Körperkraft stärker war, erkannte er Judikas geistige Überlegenheit an, wusste aber auch seine Körperkraft zu schätzen. So ließ er sich von Judika auch allerlei sagen, was er sich von anderen Jungen nicht sagen ließ. Weiger schien vor niemanden Angst zu haben, nicht einmal vor den Nonnen. Bei Kraftproben unter den Zöglingen stach er alle mit seiner Stärke aus. Weiger selbst war schon sechsmal türmen gegangen. Weder Prügel noch gute Worte vermochten ihn abzuhalten, sich gegen die Heimordnung aufzulehnen, wann immer er konnte. So war es eigentlich ein Wunder, dass man ihn nicht schon längst verlegt hatte; denn es war eine Angewohnheit der Heimleitung, schwierige Zöglinge, mit denen man nicht recht fertig wurde, schon vor der Schulentlassung in “nonnenlose Heime” zu verlegen. Hätte Judika ihn mitgenommen, wäre ihm mancher Schnitzer erspart geblieben. Riss Weiger aus und schnitt man ihm nach seiner Rückkehr eine Glatze, so lachte er darüber und erzählte überall laut, eine Glatze sei nicht weiter schlimm, denn die Nonnen trügen auch eine unter der Haube - außerdem würden ihm die Haare schon wieder wachsen. Einmal war er fortgelaufen. Man hatte ihm bei seiner Rückkehr eine Tracht Prügel gegeben, eine Glatze geschnitten und ein Schild auf den Rücken gehängt. Er lachte, nahm das Schild und warf es in den Abfalleimer und pisste darauf. Und kratze dann erneut aus. Man schnappte ihn nach einer Woche wieder. Bei seiner Rückkehr erklärte er frech dem Heimleiter: “Ich wollte Euch nur einmal beweisen, dass man auch mit einer Glatze abhauen kann. Nun wisst Ihr es also.” Er lachte dem Direktor danach frech ins Gesicht und erklärte: “Von mir aus könnt ihr mir erneut eine Glatze schneiden!” Das konnte man freilich nicht, weil er ohnehin eine hatte…
Ihm Gruppenkeile zu geben, wie man es bei schwächeren Zöglingen tat: das hätte sich bei Weiger die ganze Gruppe nicht gewagt. Selbst die Nonnen waren sehr vorsichtig mit ihm und beließen es in den seltenen Fällen, in denen sie ihn schlugen, bei einer Ohrfeige, denn wenn Weiger rasend wurde oder die Nonnen versuchten, ihn zu kneifen, mit dem Schlüsselbund oder anderen Gegenständen zu schlagen, konnte er saufrech werden und ebenfalls alles ergreifen, was ihm in Händen kam, um damit sich zu verteidigen.
Weiger scherte sich wenig um die Anordnungen der Nonnen, selbst wenn Judika getrennt essen musste am Schandetisch, damit er nicht mit den anderen Zöglingen sprechen konnte. Weiger hatte bereits mehrere Zöglinge verprügelt, weil diese über Judikas Glatze gelacht hatten. Schon als Judika auf Walze war, hatte er gedroht: “Ich schlage jedem die Zähne ein, der meinen Freund verarscht nach seiner Rückkehr. Und wenn Ihr ihm Gruppenkeile geben wollt, dresche ich mit einem Stuhl dazwischen…” So verhielt man sich bei den Zöglingen sehr zurückhaltend.
Trotzdem geschah gerade in dieser trostlosen Zeit eine missliche und für Judika folgenschwere Sache. Das war an einem Sonntag in den Nachmittagsstunden. Schwester Klara hatte bis zum Mittagessen Dienst gehabt. Dann wurde sie von der Nonne Regina abgelöst, die auch den Toilettengang mit den Zöglingen machte.
Danach saßen die Zöglinge alle im Tagesraum und beschäftigten sich: einige spielten Karten, andere lasen oder schrieben, unterhielten sich. Judika musste abgesondert sitzen und blieb noch ausgeschlossen. Noch vier Tage musste er abgesondert leben, dann hatte er seine diesbezügliche Strafe um. Am vergangenen Sonntag hatten sie Gesellschaftsspiele betrieben. Hierbei hatte er ebenfalls nicht mitmachen dürfen. So saß er auch jetzt streng abgesondert von den Kameraden und durfte sich weder mit ihnen unterhalten noch sich rühren. Stattdessen hatte man ihm wieder eine Bütte voller Erbensschoten gegeben, die er putzen sollte. Deshalb saß er auch am heiligen und ansonsten von den Nonnen so streng beachteten arbeitsfreien Sonntag in einer blauen Schürze da und zog ein bitteres Gesicht. Er sah sehr mitgenommen und verunstaltet mit seiner Glatze aus, zumal auch noch die sichtbaren Spuren seiner Misshandlung vorhanden waren. Er brütete vor sich hin.
Der unverwüstliche Weiger näherte sich ihm. “Wenn ich an Deiner Stelle wäre”, meinte er, “würde ich den ganzen Plunder zum Fenster hinauswerfen - aber mit Karacho!”
“Dann hätten die Nonnen noch mehr Grund, mich zu quälen!” knurrte Judika missmutig. “Und das könnte ihnen so passen. Sie lauern regelrecht darauf, dass ich etwas anstelle. Ich werde es ihnen schon heimzahlen, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet. Aber jetzt nicht!”
“Die ollen Nonnen werden gewiss alle beim Teufel landen!” grinste Weiger. “Davon bin ich fest überzeugt. Aber lass mal, das wird schon wieder mit Dir werden.”
“Daran glaube ich im Augenblick nicht!”
“Du wirst Dich doch nicht vor verhinderten Unterröcken verkriechen?”
“Nein, das nicht, aber es wird etwas dauern, bis ich das alles überwunden habe. Ich möchte mal bloß wissen, warum beispielsweise die Nonnen eine Glatze schneiden…”
“Sie sind einfach bekloppt!” sagte Weiger eifrig. “Als man mir damals eine Glatze geschnitten hat, habe ich mir das auch gefragt. Die Isabelle hat mir damals die Pfanne rasiert. Und weißt Du, was sie gesagt hat?”
“Nun? Was denn?”
“Das sei so Sitte - schon sehr lange. Stell Dir das vor: nur weil es Sitte ist, schneiden die uns Glatzen. Es ist zum Totlachen, wenn es nicht so traurig wäre. Demnächst wird es noch Sitte, dass man unsere Fürze vergoldet… hahaha…!”
Judika war nicht zum Lachen zumute. “Eine Sauerei ist das, was diese Schreckschrauben mit uns machen. Schau Dir doch nur diese Mieselprimen von Nonnen an. Ich wette, die kennen nichts anderes als das Gebet, das Lecken und den Rohrstock…”
“Vielleicht beten sie zu Gott, er möge ihren Arm stark machen, damit sie besser prügeln können, was meinst Du?”
“Fast könnte man das glauben!” Judika warf eine geöffnete Schote wütend in den Korb zurück.
“Quatsch, warum willst Du denn gleich die Flinte ins Korn werfen? Ist es wegen Deiner Freundin? Aber Judika, sieh mal, ich habe ja auch keine Ahnung von den Mädchen - jedenfalls habe ich sehr wenig bisher mit den Weiberröcken zu tun gehabt. Und die Nonnen sind für mich keine Weiber, höchstens vom Teufel besessene Huren…”
“Las das bloß keine Nonne hören!”
“Ich werde mich hüten!” Weiger sah sich vorsichtig um. Dann fuhr er fort: “Was ich sagen wollte, ist eigentlich: Wenn das Engelchen sich an Deiner Glatze stören würde, taugt es sicherlich nichts… Ja, ich weiß, reg Dich nicht gleich deswegen auf, denn ich glaube nicht, dass es der Fall ist. Und ich sage es auch nicht, um Dich bewusst damit zu verletzen. Die Gräve ist da anders wie andere Mädchen. Erst jetzt kann sie zeigen, ob sie Dich wirklich mag, indem sie zu Dir hält. Und jetzt kannst Du das erst mal richtig überprüfen. Dass Du Dich jetzt nicht mit ihr treffen magst, kann ich schon verstehen, obwohl Deine Haare schon wieder etwas gewachsen sind. Bald hast Du wieder einen Igelschnitt. Noch eine Woche, dann sieht keiner mehr etwas von Deiner Glatze. Wenn es Dir recht ist und Du willst, werde ich die Gräve einmal abpassen und sie fragen…”
“Wenn Du das tun würdest, Peter!” Unterbrach ihn Judika, der gleich wusste, worauf der Freund hinaus wollte. Seine Augen blitzen auf. “Ich gebe Dir dann einen Brief mit, ja?”
“Ist doch klarer Fall, dass ich das für Dich mache. Lass mich nur machen! Ich werde das schon erledigen.”
Judika sah sich jetzt heimlich um, ob die Nonne nicht herumschaute, denn Weiger saß am Nebentisch, tat, als wenn er lesen würde und flüsterte dann zu Judika herüber, damit es nicht bemerkt wurde. Dann nahm Judika einen verschlossenen Brief aus dem Hemd, den er schon lange bei sich trug. Auf dem Brief stand nur das Wort “Engelchen”. Er gab ihm Weiger unter dem Tisch, hielt ihn seitlich am Tischbein hervor, so dass die Nonne ihn nicht sehen konnte.
Weiger stand auf, streckte sich, gähnte und schlenderte an Judikas Tisch nahe vorbei, wobei er sich den Brief angelte. Hatte man bei der Nikolausfeier über Judika und Engelchen gelacht, so hätte ein Auffallen diesmal schlimme Folgen haben können, zumal wenn die Nonnen den Brief bekommen hätten. Aber wenn Weiger ihn erst einmal hatte, war er völlig sicher. Der würde sich eher in Stücke schlagen lassen, als den Brief herauszurücken. In solchen Situationen gab es bei Weiger nichts zu ergattern.
Judika hatte eigentlich keinen richtigen Brief geschrieben, sondern ein Gedicht, das lautete:
“Kahl ist mein Kopf, Ich weine
Um meine, schönen Haare!
Ich fühl’ mich so alleine -
Nur Dir ich mich bewahre.
Vielleicht wirst Du nun lachen?
Dann weine ich noch mehr.
Du kannst mich froher machen -
Denn alles fällt mir schwer!
Gib mir ein liebes Zeichen
Aus Deiner treuen Hand -
Sonst muss ich nachts entweichen
Und komm zu Dir gerannt!”
Mehr hatte er nicht geschrieben. Weiger hatte indessen den Brief ins Hemd geschoben und sich Judika wieder genähert.
“Die Nonne hat nichts bemerkt!” flüsterte er. “Also wird alles in Ordnung gehen. Du brauchst Dir also…”
“Weiger!” wurde er durch eine scharfe Stimme Schw. Reginas unterbrochen, die sich seit Judikas Entweichen radikal in ihrem Benehmen ihm gegenüber geändert hatte. “Mach sofort, dass Du vom Regiez verschwindest, aber ein bisschen schnell, ehe ich Dir Beine mache!”
“Immer mit der Ruhe, immer schön langsam!” maulte Weiger und rollte mit den Augen.
“Hast Du nicht gehört?”
“Der Blitz soll beim Lesen ihre Brille treffen!” sagte Weiger leise, so dass es nur Judika hören konnte. “Ich komme gleich bestimmt wieder, verlass Dich drauf!”
Dann trollte er sich davon, ging zu dem Tisch, wo Baller und Rabik saßen und Karten spielten. Er setzte sich zu ihnen und sah ihnen eine Weile beim Bauernskat zu, bis die Nonnen den Tagesaum verließ, weil sie etwas erledigen musste.
Was für Gründe es auch gewesen sein mögen, für Weiger war das Verschwinden der Nonne ein Grund, wieder zu Judika zu gehen, um sich weiter mit ihm zu unterhalten..
Es gab in der Anselm-Gruppe einen Jungen namens Siegfried Scherenz. Dieser Scherenz war etwa in Weigers und Judikas Alter und gehörte der Pfadfindergruppe des Heimes an, deren Anführer er sogar war. Weil er Anführer der Pfadfinder war, durfte er auf Anordnung das Fahrtenmesser am Gürtel tragen. Er schleppte es sogar in der Kirche beim Gottesdienst und beim Messedienen mit sich herum. Weiger hatte diesen Scherenz schon einmal verprügelt. Aus diesem Grunde suchte er jede Gelegenheit zu nutzen, um Weiger eins auszuwischen und ihn im Beisein der Nonne zu provozieren, da er wusste, dass die Nonnen auf seiner Seite standen, da sie Weiger ohnehin nicht leiden mochten. Er war auch der besondere Liebling des Heimleiters, durfte sich daher manches erlauben, was anderen Zöglingen bei Strafe verboten war.Heimleiter und Zögling, das war offenes Geheimnis im Heim, hatten ein schwules Verhältnis miteinender. Aalle wussten das, einschließlich der Nonnen, aber niemand sprach offen darüber.
Als die Nonne aus dem Tagesraum gegangen war und Scherenz sah, dass Weiger sich wieder mit Judika unterhielt, erhob er seine provozierende Stimme und sagte zu Weiger: “Du hast doch gehört, was Schwester Regina gesagt hat: niemand soll mit dem Regiez sprechen, auch Du nicht!”
Weiger drehte sich betont langsam um. “Kümmere Dich um Deinen eigenen Scheißdreck, Du verdammter Radfahrer!” sagte er laut, so dass es jeder hören konnte.
Sofort hörten die anderen Zöglinge in ihrer Beschäftigung auf und verhielten sich still, da sie eine Auseinandersetzung witterten. Judika legte seine Hände ebenfalls in den Schoß und harrte der Dinge, die da kommen würden. Gern hätte er eingegriffen, aber er wusste am besten, dass das in seiner momentanen Lage nicht gut sein würde.
“Ich würde mein Maul nicht so weit aufmachen!” stichelte Scherenz weiter. “Die Schwester könnte jeden Moment erscheinen. Und wenn ich der das sage, bekommst Du es von ihr saftig!”
“Pah!” meinte Weiger, “Die Nonne kann mir den Arsch küssen, wenn sie den Mut dazu hat!”
“Großmaul!”
“Selber eins, Du Schnorchel!”
“Angeber!”
“Scheißzwerg!”
“Affe!”
“Danke! Du bist ein Stinkfisch, der vergessen hat, seine Gräten zu sortieren!”
Scherenz lief rot an, weil die anderen Jungen lachten. “Du… Du…” stotterte er.
“Was denn?” stichelte nun Weiger weiter. “Hat es Dir Großmaul etwa die Sprache verschlagen? Das sollte mich wundern. Sonst hast Du doch immer ein Maul wie ein gähnendes Krokodil…”
“Die Schwester kommt gleich!”
“Und?”
“Sie wird Dir Beine machen!”
“Ha, Jungs, habt Ihr gehört, sie will mir Beine machen, wo ich meine Beine schon seit Geburt mit mir herumtrage… Hahaha! Junge, der ist gut, was? Noch einige solcher Dinger und ich liege vor Lachen in einem Grab…”
“Die Schwester…”
“Hör mir bloß mit Deiner Nonne auf, Du Nonnensöhnchen. Die kann mir gestohlen bleiben. Von mir aus kannst Du ihr mit einer feierlichen Verbeugung den Hintern küssen und was weiß ich noch alles, aber lass mich damit zufrieden. Sie zu, dass Du Land gewinnst, sonst werde ich Dir Beine machen, Du unrasierter Sandmann. Aber danach hast Du garantiert Hammelbeine, das verspreche ich Dir, Du milchiger Mondsäugling!” Weiger schaute ihn nach diesen Worten sehr grimmig an.
“Mensch, Peter”, erscholl da Ballers Stimme vom fenster her, “warum knallst Du ihm nicht eine vorm Latz! Hau ihm eins auf seine schlitzigen Vergissmeinichtaugen - aber gesalzen und für mich gleich mit, denn ich mag diesen Stinkiltis auch nicht besonders leiden!”
“Du halt Dich daraus!” schnauzte Scherenz Baller an.
“Gib nur Ruhe!” forderte Weiger von Baller. “Mit dem Giftel werde ich auch noch spielend allein fertig. Er hat wieder einmal Sehnsucht nach einem kornblumenblauen Auge. Dazu kann ich ihm sehr schnell verhelfen!”
Weiger trat einen Schritt vor und fasste Scherenz ans Hemd…
Da trat etwas ein, was eigentlich niemand erwartet hatte: Scherenz schlug Weiger die geballte Faust ins Gesicht.
Weiger hatte das ebenso wenig erwartet. Er erstarrte ebenso wie Judika und alle anderen. Judika war darüber so verblüfft, dass er aufsprang und dabei die Bütte mit den Schoten fallen ließ. Sie verstreuten sich über den Boden. Aber das merkte er nicht einmal.
Nur Weiger selbst schien sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Er war über den Schlag recht verdutzt gewesen. Jetzt grinste er aber tatsächlich und wischte sich langsam das Blut von den aufgeplatzten Lippen. Er leckte sich die Lippen.
“Nicht schlecht!” sagte er jetzt zu Scherenz, wobei gleichzeitig seine eigene Faust vorschoss und das Kinn von Scherenz mit voller Wucht traf. Scherenz stürzte zu Boden…
“Habt Ihr das gesehen!?” brüllte der ansonsten so gemütliche Baller laut. “Mit einem Schlag hat er ihn von den Stelzen geholt - wie ein Berufsboxer! Gut so, Peter, lass ihn erst gar nicht wieder auf seine Gehwerkzeuge kommen!”
Scherenz stand auf. Weiger hinderte ihn nicht daran, denn er blieb immer fair und wurde nur link, wenn auch andere Zöglinge link wurden.
Plötzlich schrie ein Zögling auf. Und auch die anderen Jungen brüllten los. Denn Scherenz hatte auf einmal sein Fahrtenmesser gezogen und hielt es nun in der rechten Hand zum Angriff bereit. Er riss es hoch und kam damit drohend und mit wutverzerrtem Gesicht auf Weiger zu.
Weiger wich zurück und stieß dabei mit Judika zusammen, der sich genähert hatte. Er hatte sich von der Schürze befreit, schob sich nun zwischen Weiger und Scherenz.
“Leg Dein verdammtes Messer weg!” herrschte er Scherenz an.
“Geh zum Teufel!”
Judika ging auf ihn zu. “Willst Du, dass es ein Unglück hier gibt?”
“Halt die Schnauze!” brüllte Scherenz wütend. “Deine Visage fehlt mir jetzt gerade noch. Aus dem Weg, sage ich, sonst passiert tatsächlich etwas. Wer sich mir in den Weg stellt, den steche ich ab wie ein Schwein!”
Er hob die Hand mit dem Messer noch drohender höher und versuchte, mit dem Messer über Judikas Schulter den hinter ihm stehenden Weiger zu treffen.
Judika hob - als er die wilde Entschlossenheit im Gesicht Schrenz’ sah und bemerkte, dass dieser tatsächlich zustechen wollte - den Arm, um Scherenz daran zu hindern und Weiger zu schützen. Das Messer sauste herab und traf Judikas rechten Handballen in der Nähe des Daumens. Die Messerspitze und ein Teil der breiten Klinge fuhren tief in den Ballen hinein, denn der Stoß war sehr heftig geführt worden.
Gellend schrie Judika vor Schmerz auf, als ihm das Messer in den Handballen fuhr und darin stecken blieb, denn Scherenz hatte erschrocken den Griff losgelassen und wurde kreidebleich vor Schreck. Ernüchterung überkam ihn, als er sah, dass er Judika getroffen hatte.
Während Judika vor Schmerz aufschrie, sprang Weiger vor und haute Scherenz mit der rechten Faust eins aufs Auge. Scherenz flog gegen einen neben ihm stehenden Tisch und polterte in die Stühle hinein. Weiger stürzte sich auf Scherenz, um dann nach allen Regeln der Kunst auf ihn einzuschlagen…
Aber das sah Judika schon gar nicht mehr, denn er wurde vor lauter Schmerzen ohnmächtig und sank zu Boden.
Als er wieder zu sich kam, trug er einen dicken Verband um die ganze rechte Hand, die höllisch wie Feuer brannte. Man hatte ihn ins Bett gebracht, worin er nun lag. Ganz allein lag er im Schlafsaal in seinem Bett. Er musste seine Gedanken erst einmal wieder sammeln, bis er wieder wusste, was sich unten im Tagesraum abgespielt hatte.
Er hatte einen großen Blutverlust erlitten und fühlte sich kraftlos und erschöpft. Deshalb schlief er bald wieder ein und bemerkte nicht einmal, dass die Kameraden der Anselm-Gruppe gegen 21.00 Uhr in den Schlafsaal kamen und ins Bett gingen. Er sah deshalb auch nicht Peter Weiger, der ihn in seinem Bett betrachtete und einige Zeit sinnend vor Judikas Bett stehen blieb, bevor er in sein eigenes kroch…
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Drei Tage später konnte Judika wieder aufstehen, aber es dauerte fast vier Wochen, ehe er ohne den Verband herumgehen konnte. Kaum war er aber aufgestanden, führte man ihm dem Heimleiter vor. Er musste fast eine Stunde warten, bevor der Heimleiter erschien. Während dieser Zeit stand er in seinem Büro und durfte sich nicht setzen. Die Nonne, die als Sekretärin fungierte, sah ihn nur zuweilen recht streng an. Dann fragte sie ihn:
“Du weißt doch hoffentlich, warum der Herr Direktor Dich sprechen will?!”
“Ich kann es mir denken!” entgegnete er.
“Wegen der Messerstecherei!” sagte die Nonne. “Wäre ich der Herr Direktor, würde ich Dir zusätzlich den blanken Hintern so versohlen, dass Du gleich wieder ins Bett müsstest…”
Judika war nahe daran, ihr zu sagen, dass sie ihm den Buckel herunterrutschen könne. Aber er hütete sich, diesen Gedanken laut zu äußern.
“Darauf hast Du wohl gar nichts zu sagen?” fragte die Nonne barsch.
Er schwieg. Was sollte er darauf auch antworten. Jede der vielen Nonnen, selbst wenn sie nicht als Erzieherinnen fungierten, glaubten etwas sagen zu müssen. Sie alle hatten den falschen Ehrgeiz, es in Gottes Namen und im Namen der bewusst christlichen Erziehung besser zu machen. Am Ende kam doch nur Salat dabei heraus. Zudem hatte es ja keine Messerstecherei gegeben, da nur Scherenz ein Messer hatte.
“Da hast Du wohl den Scherenz provoziert und angegriffen?”
“Nein.”
“Das hat er aber gesagt!”
“Dann lügt er eben.”
“Und Du sagst die Wahrheit!”
“Ja.”
“Der Scherenz macht so etwas aber nicht… Der Herr Direktor wird das schon herausbekommen. Ich sage Dir aber jetzt schon: Lüge ihn nicht an, das hat er nicht gern. Denke an die letzte Tracht Prügel und den Rohrstock. Wir haben noch eine Menge davon vorhanden!” Die wies mit dem linken Zeigefinger auf das Pult. “Bis die erschöpft sind, bist Du längst kuriert worden von Deinem unanständigen Benehmen und Deiner Frechheit!”
Sie wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Judika grinste böse, dachte: “Verrückte Nonne!”
Der Heimleiter erschien. Er legte seinen Mantel ab, setzte sich hinter seinen Schreibtisch. “Wir werden eine Anzeige machen müssen wegen der Messerstecherei!” sagte er. “Wie ist das gekommen?”
“Scherenz wollte den Weiger stechen. Ich bin dazwischen und bekam dann den Stich ab!”
“Scherenz behauptet aber, Du habest angefangen?”
“Die anderen können bezeugen, dass es nicht so war…”
Fragen und Antworten gingen hin und her. Judika wurde schließlich wieder entlassen. Dann hörte er nichts mehr von der ganzen Sache. Vermutlich verschwieg man sie den Behörden, um sich nicht selbst ins schlechte Licht zu rücken.
4 Tage später schrubbte Judika die Toiletten seiner Gruppe. Weiger erschien, brachte ihm einen Brief von Engelchen. Mit kleiner, zierlicher Schrift stand auf dem weißen Umschlag geschrieben: “Für Judika
Sinnend betrachtete er den Brief, wartete, bis Weiger wieder weg war. Er wollte den Augenblick des Lesens noch etwas hinauszögern und machte daher erst die Toiletten fertig.
Dann aber riss er ungeduldig den Brief auf und las:
“Lieber Judika
Dein trauriges und liebes Gedicht habe ich mit großer Freude erhalten. Ganz weh ist’ s mir dabei geworden, ehrlich. Auch ich bin sehr traurig über Dein Geschick, darüber, dass man Dir Böses angetan hat… Aber warum sollten die verschwundenen Haare zwischen uns etwas ändern? Ich habe Dich deshalb nicht weniger lieb, das darfst Du mir schon glauben. Ich werde nicht mehr lange im Theresien-Heim bleiben. Vielleicht noch einige Wochen. Als ich daheim auf Urlaub war, haben meine Eltern das gesagt. Für immer werde ich nach Hause zurückkehren. Aber ich werde Dich nie vergessen, davon darfst Du überzeugt sein. Ich werde Dir auch immer schreiben und Dir meine Liebe und Kameradschaft beweisen und bewahren. Noch nie, lieber Judika, habe ich Dich aufgefordert, zu mir zu kommen. Aber jetzt fordere ich dazu auf. Ja, komm recht bald zu mir, denn auch ich habe eine große Sehnsucht nach Dir! Komm trotz Deiner kurzen Haare. Die stören mich nicht. Auch Deine kaputte Hand stört mich nicht. Dein Freund, der mir Deinen Brief überbrachte, hat mir alles erzählt. Ich kann mir vorstellen, wie Dir zumute ist. Komme auf die gewohnte Weise zu mir geschlichen! Dann darfst Du Dich auch wieder bei mir einkuscheln und ich will Dich feste lieb haben… Alles Andere können wir ja zusammen dann bereden. Ich habe Dir auch viel zu erzählen. Und Du mir sicher auch. Und ich selbst kann ja hier nicht weg.
In tiefer Liebe und Treue!
Dein Engelchen.”
Oh, wie seine Augen leuchteten, als er den Brief gelesen hatte! Eine, gefühlsmäßig kaum zu fassende Freude ergriff ihn für Engelchen. Ja, das war typisch SEIN ENGELCHEN! Und wie gebildet, gewählt es sich ausdrückte in seinem Schreiben! Judika war beim Lesen der Zeilen immer nachdenklicher geworden. Und dann standen seine Augen auf einmal voller Tränen…
Er las den Brief noch einmal. Er freute sich, war aber zugleich auch traurig, als er las, dass Engelchen bald für immer nach Hause sollte. Dann wollte er auch nicht mehr im Heim bleiben. Er würde wieder ausreißen…
Er beschloss aber auch zugleich, in der folgenden Nacht sein Engelchen aufzusuchen. Da sein Schlafsaal direkt neben dem Schlafsaal der Ursula-Gruppe lag, wartete er, bis alle schliefen, als man zu Bett gegangen war und Schw. Pauline ihre erste Runde gemacht hatte, um dann durch die Verbindungstür zum Mädchenschlafsaal hinüber zu huschen.
Engelchen schien ihn schon erwartet zu haben, denn es war noch wach. “Wie froh bin ich”, sagte es, ”dass Du kommst!”
Ohne etwas zu sagen, hob er die Bettdecke des Mädchens an und schlüpfte zu ihr ins Bett, schmiegte sich ganz eng an das große Mädchen und legte wieder das lange Haar über sein Gesicht. So mochte er am liebsten liegen.
Sie schwiegen zunächst und gaben sich ganz der kindlichen Hingabe, der reinen Liebe preis, die keiner Worte bedurfte. Schweigend wollte Judika seine Geborgenheit für einige Augenblicke genießen. Zudem hatte er in einer solchen Situation auch keine Lust, gleich zu sprechen. Viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Ganz wundersam fühlte er sich, ganz warm. Diese Wundersamkeit und Wärme schienen aus dem Abgrund seiner Seele zu kommen. Er vermochte sie nicht recht zu erfassen. Er fand es rätselhaft, dass er in Engelchens Nähe nie ein Verlangen nach dem Körper des Mädchens in sexuellem Sinne empfand. War er hingegen von dem Mädchen getrennt, dann bemächtigte sich seiner sofort ein Begehren. Alle Gefühle und Empfindungen waren in beiden Situationen ganz anders. Jetzt waren sie ausgeglichen und ruhig. Er fühlte eine innere Behaglichkeit, Zufriedenheit… Judika fand das eigenartig, ja sehr geheimnisvoll. Er konnte - wie er es jetzt tat - seinen Kopf getrost an Engelchens weicher Brust legen und empfand die Weichheit der Brust nur wie geschaffen zum Ausruhen. Ja, eigenartigerweise konnte er sich Engelchen in solchen Augenblicken völlig nackt vorstellen, ohne dabei an etwas Anderes zu denken als an die Reinheit und Schönheit dieses Mädchens.
“Wenn ich Dich begehren würde”, sagte er plötzlich aus einen Gedanken heraus, “ob das auch eine Sünde wäre, wie die Nonnen das immer behaupten?”
Das Mädchen wandte sein Gesicht jetzt ihm zu. Es hatte die Arme hinter dem Kopf gehabt und nachdenklich zur schwach sichtbaren Decke gestarrt. Jetzt legte es die Hände gefaltet unter die rechte Wange. Sein Gesicht war dem Gesicht Judikas ganz nahe. Er sah die roten, vollen Lippen, die sich ihm verlockend entgegenstreckten. “Ich glaube nicht”, sagte das Engelchen als Antwort, “dass das eine Sünde ist. Am Anfang - als ich hier ins Heim kam - habe ich auch daran geglaubt, weil die Nonnen das immer wieder sagten. Aber heute bin ich klüger und älter als damals, kann schon selbst über viele Dinge nachdenken und mache mir auch über solche Sachen Gedanken. Die Nonnen übertreiben. Ich habe manchmal auch meine eigenen Gedanken darüber. Ich meine: niemand kann solche Gedanken einfach auslassen. Mein lieber Judika, in der Pubertät hat jeder solche Gedanken - nur ist es bestimmt bei den Jungen anders als bei uns Mädchen… Aber nun erzähl mir erst einmal, was alles passiert ist, als ich nicht hier war. Da muss ja eine Menge los gewesen sein. Von der Schule bist Du auch geflogen?”
Judika, der an seine Glatze gar nicht mehr dachte, wurde nun daran erinnert und versuchte, seinen Kopf verschämt mit Engelchens Haaren zu bedecken. Aber Engelchen, das das merkte, strich ihm über die kurzen Haare. “Ich lache ja nicht darüber!” sagte es mit trauriger Stimme! “Wenn ich könnte, würde ich Dir einen Teil meiner Haare abgeben. Was musst Du alles mitgemacht haben, als ich nicht da war! Wie ist denn das alles gekommen?”
Judika weinte, denn er vermochte nicht die richtigen Worte zu finden, so sehr er sich auch darum bemühte. Ein Kloß saß ihm im Hals. Er lehnte sich an Engelchens Schulter.
Engelchen streichelte ihn sanft und zärtlich. Nun sei doch nicht gleich so traurig, denn ich bin doch jetzt bei Dir!”
“Gemeinheit!” flüsterte Judika schluchzend.
“Was?”
“Was man mit mir gemacht hat!”
“Finde ich auch!”
“Man müsste etwas dagegen unternehmen können” Es wird doch sicher Leute geben, bei denen man das melden kann. Das ist doch sicher verboten!”
Aber wohin soll man sich da wenden?”
“Ich weiß auch nicht!”
“Soll ich mich mal erkundigen, wenn ich draußen bin?”
“Ach, das wäre lieb, Engelchen, wenn Du das für mich tun würdest. Beim Alten kann man sich ja nicht beschweren, der gibt höchstens noch eine Tracht Prügel dazu!”
“Ich werde es tun!”
“Danke!”
“Ist doch selbstverständlich!”
“Da ist mir etwas wohler!”
“Kann ich schon verstehen!” Engelchen drückte ihn etwas fester. “Aber nun erzähl mir mal…”
Da brach es aus ihm heraus. Er erzählte alles: Wie es damit angefangen hatte, dass er von der Schule geflogen war, wie er dafür gequält wurde und später mit Haas den Zettel im Schweinestall fand und einen Vers schrieb, wie er dann geflüchtet war und was er erlebte unterwegs und nach seiner Rückkehr. Und schließlich berichtete er die Sache mit dem Messer. Abschließend sagte er: “Am liebsten würde ich mir das Leben nehmen. Denn ich mag das hier so nicht mehr mitmachen!”
Engelchen hatte still zugehört und ihn nicht unterbrochen. Es war sehr erschüttert, als Judika seine Erzählungen beendet hatte. “Und nun fährst Du auch bald weg!” sagte er traurig zu dem Mädchen. “Und dann habe ich überhaupt keinen Menschen mehr, der zu mir hält und mich richtig lieb hat!”
Engelchens Augen füllten sich nun ebenfalls mit Tränen. So sehr es sich auch mühte, ihm etwas wirklich Tröstliches zu sagen, so war es doch reif und klug genug, um zu wissen, das Worte hierbei wenig zu helfen vermochten und eher noch den inneren Schmerz und die trostlose Traurigkeit vergrößerten. So schwieg es, drückte Judika aber um so fester an sich und war sehr zärtlich zu ihm. Erst als Judika sich einigermaßen gefangen und wieder beruhigt hatte, versuchte es, ihm etwas Liebes zu sagen: “Sicher wirst Du eines Tages wieder nach Ronsberg zu Schule gehen und Obermessdiener werden können - davon bin ich fest überzeugt!”
Er lächelte schwach und tapfer über Engelchens Glaubem an ihn und seine Leistungen. Wie gut das tat, wenn man einen Menschen hatte, der einen so sah, wie man wirklich war, mit all seinen Fehlern und Schwächen, Neigungen und Sehnsüchten.
“Was sollte ich ohne Dich wohl hier anfangen?” meinte er. “Wie schwer hätte ich es hier immer gehabt, wenn ich Dich nicht gehabt hätte! Manchmal meine ich einfach, alles sei nur ein böser Traum. Aber dieser Traum scheint nie aufzuhören…”
Er musste an ein Beispiel denken, dass er in der Schule gehört hatte. Da hatte der Lehrer einmal gesagt, mit dem Glück sei es wie mit einem Ball, mit dem einige Kinder voller Launen spielten. Aus ihrer Laune heraus konnten sie dann einfach ihren Ball zuwerfen, den sie gerade für wert hielten, den Ball aufzufangen. Der Lehrer hatte weiter gesagt, er glaube, dass das Glück stets aus der jeweiligen Laune des Schicksals heraus geboren und ebenso launenhaft von diesem wahllos einigen Menschen zugeworfen werde, ohne damit ein Sinn oder Zweck verbunden sei… Ganz hatte er das noch nicht verstanden. Aber er hatte die Worte behalten und darüber nachgedacht. Die Nonnen hätten aber solche Worte sicher als ketzerisch angesehen. Er war sich aber nicht schlüssig, ob man nicht doch selbst an seinem Glück feilen konnte.
“Warum schweigst Du?” fragte er nun Engelchen.
“Ich musste gerade an etwas denken! Aber ich höre Dir zu.”
Judika sah das Mädchen an, lächelte leicht. “Wie schön deine Augen sind…! Weißt Du, was mir am besten an Dir gefällt?”
“Was denn?”
Aber so einfach wollte er es ihr nicht machen. “Rate einmal selbst, was es sein könnte!”
“Vielleicht meine Augen?” fragte es und war zugleich froh, dass Judika abgelenkt wurde und es selbst das Opfer dieser Ablenkung war.
“Falsch!” sagte Judika. “Das habe ich mir fast schon gedacht, weil ich vorhin von Deinen schönen Augen sprach. Rate nur weiter!”
“Meine Nase?”
“Nein!” Jetzt musste er sogar grinsen.
“Die Ohren?”
“Aber nein! Die sind zwar auch schön, aber sie sind es nicht! Ich habe gedacht, Du würdest es gleich heraus bekommen!”
“Ah, jetzt weiß ich es: es ist mein Gesicht!”
“Nee - auch falsch!”
“Ich hab’ s: meine Haare…”
“Ja, ja, genau die! Da hast Du aber sehr lange gebraucht, echt lange. Ich habe gedacht, das würdest Du schnell…”
“Ja, das hätte ich eigentlich gleich erraten müssen!” stimmte ihm Engelchen sofort zu.
“Jetzt weißt Du es aber!”
“Ja, aber sag, warum hast Du meine Haare ausgerechnet so besonders gern? Es könnte doch auch etwas anderes sein, was ich an mir habe.”
“Ich weiß es auch nicht genau”, entgegnete Judika und versuchte sogar, im Bett die Achseln zu zucken. “Sie gefallen mir halt so wie sie sind. Die Haare sind schön schwarz und lang - und wenn Du damit einen Engel spielst, siehst Du auch wie einer aus. So stelle ich mir dann jedenfalls einen Engel vor. Ich glaube nämlich, dass auch ein Engel nicht schöner aussehen kann als Du!”
“Da machst Du mir ja Komplimente, Judika! Wie habe ich das nur alles verdient? Durch mein Aussehen?”
“Ja, sicher, aber nicht nur deswegen. Du hast halt etwas an Dir, was mir zusagt und gefällt!”
Er spielte mit Engelchens Haar, ließ es immer wieder durch die gespreizten Finger rieseln: das kitzelte so schön, fühlte sich seidenweich und zärtlich an. Die rechte, noch immer verbundene Hand konnte er dazu nicht verwenden, deshalb nahm er die linke.
“Wenn ich Dich so ansehe”, sagte er und tastete Engelchens Nacken entlang, “möchte ich am liebsten immer ganz nahe bei Dir bleiben, obwohl ich weiß, dass das nicht geht.”
“Würdest Du mich nie leid werden?”
“Nein. Wie sollte ich auch. In solchen Sachen bin ich eigentlich immer sehr beständig!”
“Musst Du nicht bald wieder gehen?”
“Ach, noch ein wenig habe ich Zeit! Was soll denn auch schon passieren?”
“Die Pauline könnte auftauchen!”
“Mehr als bisher kann mir ja nicht mehr passieren!”
“Du solltest trotzdem vorsichtig sein, damit man uns nicht ertappt.”
“Ich möchte es ausnützen, wenn wir diesmal zusammen sein können, verstehst Du das nicht!”
“Doch!” Es strich ihm erneut übers kurze Haar.
Sie unterhielten sich noch etwa eine viertel Stunde. Dann musste Judika gehen, wenn er nicht erwischt werden wollte. Und das hätte ja auch Engelchen geschadet. Das wollte er nicht. Sie umschlangen sich noch einmal fest, gaben sich einen Kuss. Judika machte sich wieder davon.
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Am nächsten Morgen stand er wie üblich auf, wusch sich, putzte die Zähne, zog sich an, machte sein Bett und verrichtete mit den anderen Zöglingen das gemeinsame Morgengebet. Noch immer stand er unter dem Eindruck der vergangenen Nacht, die ihn ein wenig mit seinem harten Schicksal versöhnt hatte. Es sah nicht mehr so trostlos aus. Er hoffte und lächelte wieder, wenn es auch noch das Lächeln einer aufgehenden Sonne war. Auch in der Schule war er an diesem Morgen ein eifriger Zuhörer. Seine Gedanken weilten noch bei Engelchen, als die Schule aus war und die Zöglinge der Anselm-Gruppe das Mittagsmahl einnahmen. Danach machten sie die Schularbeiten und begaben sich anschließend zur Schälstube, da sie heute an der Reihe waren.
Judika war etwa eine halbe Stunde mit den anderen Zöglingen am schälen, als Schwester Klara ihn beiseite nahm und mit ihm auf den Flur ging.
Er dachte zunächst, dass er wieder etwas verbrochen hätte, obschon er sich keiner Schuld diesmal bewusst war. Die Nonne räusperte sich, machte dabei eine ernste und wichtige Miene. “Du bist ja mittlerweile dreizehn Jahre und wirst bald vierzehn”, fing sie an. “Bald kommst Du sogar schon aus der Schule…”
“Was mag sie nur haben?” fragte er sich selber und wusste nicht, was das ganze Gehaben der Nonne bedeuten sollte, da sie ansonsten gleich auf ihr Ziel los ging. Nichts Gutes schien ihn zu erwarten.
“Du bist also schon ein großer Junge und kommst nach Deiner Schulentlassung mit 14 Jahren wie alle anderen Jungen sowieso aus dem Theresien-Heim in ein anderes Heim. Wir haben daher beschlossen, dass Du morgen Mittag in ein anderes Heim kommst, da wir neuen Platz brauchen. Du wirst in das Albertus-Heim verlegt nach Werfelsdorf. Wenn ich mich nicht irre, warst Du dort schon, bevor Du nach uns gekommen bist. So wird es Dir also nicht gar so schwer fallen, von uns Abschied zu nehmen. Ballrum und Weiger werden ebenfalls dorthin verlegt…”
Das musste er erst einmal verdauen. Er glaubte, nicht recht zu hören, wusste aber sogleich, dass sein Alter und alles Gerede der Nonne nur ein Vorwand war. Er war ihnen mittlerweile zu unbequem geworden. Sie wollten ihn abschieben: einfach abschieben wie ein unhandliches Paket. Gab es denn so etwas überhaupt? Er starrte die Nonne an. So sehr hatte er sich an das Theresien-Heim gewöhnt, dass er an eine Verlegung niemals gedacht hatte. Er kannte das Albertus-Heim und war von ihm nicht begeistert. Auch der Hinweis, dass Weiger und Baller mit ihm fahren würden, vermochte ihn kaum zu trösten. Viel es ihm schon unsagbar schwer, von einer Gruppe in die andere verlegt zu werden, so hatte er angesichts dieser neuen Abschiebung überhaupt nicht mehr seine Empfindungen in der Gewalt. Sein psychischer Zustand war verheerend, als er erst einmal richtig begriff, was die Nonne alles gesagt hatte. Wilde und wirre Gedanken durchrasten sein Hirn, wie er der Verlegung entrinnen konnte. Zunächst wollte er sich das Leben nehmen. Dann wieder wollte er mit Weiger alles besprechen und ihn überreden, mit ihm auszureißen. Aber das waren alles keine richtigen Lösungen…
“Hast Du alles verstanden?” schreckte ihn die Nonne aus seinen Gedanken auf.
“Ja.”
“Dann ist es ja gut. Du kannst heute Nachmittag schon einmal alle Deine Sachen packen für den morgigen Tag… Aber was ist denn mit Dir? Ist Dir nicht gut? Du siehst ja auf einmal schneeweiß im Gesicht aus! Ist Dir schlecht? Bist Du wieder krank?”
“Nein, nein”, wehrte Judika ab, “es ist nur meine rechte Hand, die mir auf einmal wieder weh tut.” Kläglich hob er seine Hand und schüttelte sie ein wenig hin und her.
“Nun geh zur Schälstube und schäle weiter. Packen kannst Du danach!”
Er begab sich wieder zurück in die Schälstube und setzte sich neben Weiger. “Hast Du schon gehört, dass Baller, Du und ich morgen in ein anderes Heim verlegt werden sollen?”
“Was sagst Du da, Judika?”
“Ja, es stimmt. Die Nonne hat es mir eben gesagt.”
“Hat sie Dich deswegen mit nach draußen genommen?”
“Ja.”
“Welches Heim soll es denn sein?”
“Albertus-Heim!”
“Huii! Das ist aber schlimm. Ich habe gehört, dort soll es auch nicht gerade rosig zugehen.”
“Das stimmt”, meinte Judika, “In vielen Dingen ist es dort schlechter als hier!”
“Wieso? Kennst Du es?”
“Sicher.”
“Davon hast Du mir aber nie etwas gesagt!” Weiger sah den Freund an. “Das ist typisch für die Nonnen: wenn sie einen Zögling loswerden wollen, schieben sie ihn einfach unter einem Vorwand in ein anderes Heim ab..."
Er hustete, knurrte dann: “Das machen die immer so. Sie sind zu faul, sich mit schwierigen Zöglingen abzugeben…”
“Lass das bloß nicht die Nonnen hören!”
“Pah! Die soll mich mal!”
Judika fragte: “Fällt es Dir auch schwer, das Heim hier zu verlassen?”
“Natürlich”, meinte Weiger. “Man gewöhnt sich an die Umgebung. Und wenn man dann rausgerissen wird, so ist das große Scheiße!”
“Ja.”
“Wenn Du der Angelika noch etwas bestellen willst, dann richte ich ihr das gerne aus. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht gerade gut ist, wenn Du das machst.”
“Lass mal, Peter, ich werde das schon selbst machen.”
“Wenn Du meinst…”
“Ja. Übrigens bleibt das Engelchen auch nicht mehr lange hier im Heim. Es wird bald wieder nach Hause kommen. Aber das ist ein sehr schwacher Trost.”
“Die Nonnen werden jedenfalls froh sein, wenn sie uns drei los sind. Dem Baller ist ja sicher alles egal. Den wirft nichts um. Jetzt brauchten wir auch keine Rücksichten mehr zu nehmen. Ich werde den letzten Tag noch einiges anstellen, um mich würdig zu verabschieden!” lachte Weiger.
“Vielleicht sollten wir einfach abhauen?”
“Das lohnt nicht !” sagte Weiger. “Sie werden jetzt aufpassen. Da ist es sehr schwer, hier wegzukommen.”
Der Tag zog sich endlos langsam dahin für Judika. Er sehnte den Abend herbei, um wieder zu Engelchen schlüpfen zu können. Diese letzte Nacht wollte er ausnutzen. Nichts konnte ihn diesmal davon abhalten, das Mädchen aufzusuchen.
Den ganzen Nachmittag verhielt er sich schweigsam. Wie in einem Traum ging er umher und vermochte sich für nichts zu entscheiden. Die Nonnen ließen ihn seltsamerweise diesmal ebenfalls in Frieden. Er tat an diesem Nachmittag nichts mehr und packte auch nicht seine Sachen.
Abends sollte dann aber doch noch etwas passieren. Gegen 20.00 Uhr gingen die Zöglinge zu Bett. Beim Putzen der Zähne brüllte Judika plötzlich einen seiner Mitzöglinge laut und zornig an. Der Zögling war zuvor angesaust gekommen und hatte versucht, den bei Judika stehenden Rabik wegzustoßen. Dabei stieß er an Judikas rechten Arm, so dass dessen Hand heftig gegen das Waschbecken gestoßen wurde. Ein heftiger Schmerz durchzuckte den ganzen Arm. Er fuhr zornig herum:
“Kannst Du Stoffel denn nicht aufpassen?” Da…!” Dabei kippte er dem Zögling wütend das Wasser aus seinem Zahnputzbecher mitten ins Gesicht.
Der mit Wasser bespritze Zögling erhob ein großes Geschrei. Die Nonne wurde aufmerksam, eilte herbei. “Was ist denn nun schon wieder los?”
“Der Regiez hat mir den ganzen Zahnbecher voll Wasser ins Gesicht geschüttet!”
“So”, schrie die Nonne und riss Judika am Ohr. “Willst Du den letzten Tag noch eine gründliche Tracht Prügel bekommen? Sprich, warum beträgst Du Dich so undiszipliniert? Dein Verhalten ist schon unverschämt!”
“Er hat meine kaputte Hand gestoßen!” verteidigte Judika sich zornig.
“Ist das ein Grund, sich so zu verhalten?”
Judika sagte gar nichts, denn er wollte die Nonne am letzten Abend nicht unnötig reizen.
“Wir werden Dir den letzten Abend noch einen schönen Abschied bereiten”, sagte jetzt die Nonne. “Nun hinunter mit Dir und den Gang entlang gehüpft!”
Judika musste sich hinhocken und durch den Schlafsaal hüpfen.
“Hoch mit Dir!” befahl dann die Nonne Klara, zog ihn erneut am Ohr hoch.
Judika schrie: “Meine Hand tut mir schon fürchterlich weh. Kann ich nicht aufhören!”
Die Nonne gab ihm eine Ohrfeige. Unbarmherzig sagte sie dann: “Jetzt kommt sozusagen unser Abschiedsgeschenk: Los, nimm Dein Handtuch!”
Judika nahm sein weißes Handtuch zur Hand und kehrte zur Nonne zurück.
Nun geschah etwas sehr Gemeines: Judika musste sich mit dem Handtuch auf ein Nachtschränkchen stellen und wurde dann gezwungen, mit seinem Handtuch das Licht der elektrischen Birne auszuwedeln - als sei es eine brennende Kerze… Das Handtuch schwenkte er hin und her, als könne er damit tatsächlich das Licht auswedeln…
Diese Art Schikane war sehr berühmt, wurde aber nur selten angewandt. Es war aber das Gemeinste, was man tun konnte. Die Zöglinge - genannt die “Lichtauswedler” - mussten bei dieser Schikane vor den Augen der versammelten Mannschaft auf das Tischchen steigen, die Arme anheben und das Handtuch so hin und her schwenken, als könnten sie durch den dadurch entstehenden Luftzug das Licht der elektrischen Birne löschen. Ein Zögling konnte dabei bis zu zwei Stunden auf dem Tischchen stehen und mit dem Handtuch wedeln. Dabei lag es im Ermessen der Nonnen, wann sie wieder den Lichtschalter betätigten und das Licht ausmachten. Erst dann durfte der schikanierte Zögling heruntersteigen und aufhören, da das Licht als von ihm ausgewedelt galt…
Einen solchen Blödsinn im wahrsten Sinne des Wortes musste nun auch Judika absolvieren.
Er wedelte und wedelte mit dem Handtuch vor der Lampe hin und her. Man nahm weder Rücksicht auf seine verbundene Hand noch auf seinen psychischen Zustand. Es nahm sich tatsächlich so aus, als wollten ihm die Nonnen einen besonderen Abschied bereiten.
Die Arme durfte er nicht sinken lassen. Immer, wenn er im Begriff war, dies zu tun, schlug ihm die Nonne Klara mit ihrem kleinen Rohrstock, den sie aus dem Ärmeln geholt hatte, auf die nackten Beine. Zu diesem Zwecke stand sie hinter ihm… Judika fühlte die Schmerzen in seinen Beinen aufsteigen. Blaurote Striemen zeigten sich wie Bandagen auf seinen Beinen…
Bereits nach fünf Minuten waren Judikas Arme völlig lahm. Seine rechte Hand brannte wie Feuer. Er merkte den immer lauteren Pulsschlag an ihr…
Nach einer viertel Stunde zitterte er am ganzen Leibe. Die Arme und Beine waren ihm schwer wie Blei. Sein Nacken schien bewegungsunfähig zu sein, weil er beim Schwenken den Kopf nach hinten halten musste, um die brennende Lampe sehen zu können. Sein Atem ging schwer wie bei einem Ackergaul, der einen schweren beladenen Wagen ziehen muss.
Er musste weitermachen. Mechanisch tat er es. Nach einer halben Stunde geriet er ins Wanken, da er sich nicht mehr halten konnte. Er zitterte wie ein Epileptiker bei einem Anfall. Der Schweiß rann in Strömen von seinem ganzen Körper. Er weinte, schnappte nach Luft, stürzte schließlich vom Tisch, schlug mit dem Kopf auf und blieb zitternd und weinend liegen…
“Schlappschwanz!” sagte die Nonne laut. “Aufstehen, los!”
Wankend stand er auf.
“Mitkommen!”
Er torkelte hinter der Nonne her, die ihn zum Duschraum führte und hineinstieß.
“Ausziehen - nackt!” befahl sie ihm.
Willenlos zog er sich nackt aus.
Sie drehte eine Dusche an. “Unter die Dusche!”
Er ging unter die Dusche, torkelte aber zurück. Eiskalt war das Wasser.
“Du sollst unter die Dusche!” sagte die Nonne hart. “Du Schlappschwanz wirst jetzt wieder munter gemacht!”
Sie trieb ihn unter die Dusche zurück, blieb neben ihm stehen, krempelte die Ärmel ihrer Kutte hoch. Wie weiße Schlangen zeigten sich ihre Arme.
Als Judika erneut zurückweichen wollte vor dem eiskalten Wasser, griff sie mit der linken Hand brutal in seine Haare, riss seinen Kopf nach unten mit einem Ruck. Mit der rechten Hand griff sie von hinten zwischen die Beine zu seinem Hodensack und krallte sich darin ein.
“So - jetzt bleibst Du unter der Dusche, sonst hole ich noch den Rohrstock herunter. Was Dir dann blüht, kannst Du Dir ja vorstellen, Du Lümmel.
Sie hielt ihn an Haaren und Hoden fest, während er unter dem eiskalten Wasser stand.
Etwa fünf Minuten musste er unter dem Wasser bleiben. Dann ließ sie ihn los, als er wie ein Fisch nach Luft schnappte und glaubte, sein Brustkorb müsste ihm zerspringen. Die Hoden schmerzten ihm furchtbar
Er musste nun Kniebeugen machen, bis er trocken war… Danach durfte er seine Nachtkleidung wieder anziehen und wurde von der Nonne nach oben gebracht.
Sein ganzer Körper war wie erstarrt. Die Schmerzen spürte er schon gar nicht mehr: er fühlte sich empfindungslos, tot und abgestorben, leer. Selbst sein Gehirn vermochte die Dinge nicht mehr richtig zu registrieren.
“Das alles hättest Du Dir am letzten Tag sparen können!” sagte ihm die Nonne noch, als er ins Bett stieg. Für sie war die Sache damit abgetan - alles Andere interessierte sie herzlich wenig. Der Knabe konnte von Glück sagen, dass er zusammengebrochen war, denn sonst hätte man ihn sicher ohne Erbarmen noch einmal mit dem Handtuch wedeln lassen.
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So kam es, dass Judika auch den Besuch bei Engelchen vergaß und vor Erschöpfung und Mitgenommenheit in einen fiebrigen Schlaf versank, quälende Träume hatte. Er schrie im Traum. Die Nachtschwester weckte ihn deswegen einmal und gab ihm eine Beruhigungstablette.
Erst morgens gegen 4.00 Uhr erwachte er. Es wurde schon ein wenig hell draußen. Zermalmt und zerschlagen fühlte er sich. Trotzdem erhob er sich leise. Die ganze rechte Beckenseite seines Körpers schmerzte höllisch.
Er musste sich beeilen, wenn er die letzte Gelegenheit, mit Engelchen noch einmal sprechen zu wollen, nutzen wollte. In zwei Stunden würde man wecken. Dann war diese Gelegenheit vertan. Unter Schmerzen schlich er in den Mädchenschlafsaal der Ursula-Gruppe.
Engelchen schlief ruhig. Es ahnte ja auch noch nichts davon, dass Judika verlegt werden sollte. Sanft strich Judika über Engelchens Gesicht. “Engelchen! Engelchen! Los, wach auf!” flüsterte er aufgeregt, “Ich habe Dir etwas Wichtiges mitzuteilen!”
Engelchen war schnell wach. Als es Judika so zerschlagen sah, erschrak es furchtbar. “Wie siehst Du denn aus, Judika?! Was ist passiert? Du zitterst ja richtig! Komm schnell zu mir unter die Decke!”
Er schlüpfte bei ihr hinein und flüsterte abrupt: “Ja, ja, ich soll heute Mittag in ein anderes Heim kommen!”
Er weinte jetzt und steckte seinen kurz geschorenen Kopf tief unter die Decke.
“Aber warum denn?” fragte Engelchen heftig und war nun selber blass geworden. “Hat man Dich wieder geschlagen?”
“Ja!” Er erzählte ihr von dem ganzen Vorfall und schloss mit den Worten: “Ich grüble schon über diese Dinge lange nach: Warum muss gerade ich immer so leiden?”
Er gab Engelchen einen Kuss. “Lange kann ich nicht bleiben. Gleich muss ich wieder zurück, da man bald weckt… Ach Engelchen, ich bin so todunglücklich! Was mache ich nur? Ich werde es nicht mehr lange so weiter aushalten. Immer diese Quälerei! Und wenn ich jetzt auch noch ohne Dich leben muss… Ich habe Dich so lieb, schrecklich lieb!”
Ganz fest drückte er sich an Engelchen.
“Wann soll es denn losgehen?” fragte Engelchen.
“Ich weiß es nicht genau, aber so gegen Mittag.”
“Ich werde kommen zum Abschied, das verspreche ich Dir ganz bestimmt! Fahrt Ihr mit den Zug?”
“Ja.”
“So werde ich zum Bahnhof kommen… Egal, was auch passiert! Ich werde einfach abhauen, um Dir auf Wiedersehen zu sagen. Später werde ich dann zurückkehren. Passieren kann mir nicht viel, da ich ja bald nach Hause komme. Von meiner Gruppe aus kann man die Straße zum Bahnhof genau übersehen. Ich sehe dann sofort, wenn Ihr zum Bahnhof geht. Dann werde ich mich auch davonmachen. Wer wird Euch dann wegbringen?”
“Lehrer Schaller!”
“Gut, dann ist es wenigstens keine Nonne. Meine Adresse hast Du ja! Wir werden einander ganz fleißig schreiben. Ich werde Dir von daheim auch Pakete schicken.”
“Bekomme ich ein Andenken von Dir?” fragte Judika und drückte das Mädchen fester an sich.
“Ja, aber ich werde es Dir erst am Bahnhof geben, damit es eine Überraschung ist. Und nun gib mir noch einen Kuss, mein lieber, lieber Judika!”
Beinahe feierlich wie in der Obermessdienerzeit bei einer heiligen Handlung beugte Judika sich mit nassen Augen über Engelchen und küsste es scheu und traurig, aber sehr lange. Engelchen bemerkte sein Zittern und musste selber weinen - ebenso traurig und erschütternd von der bevorstehenden Trennung war es wie Judika…
“Jetzt muss ich aber zurück!”
“Ja, geh nur, damit Du keine Schwierigkeiten bekommst. Bis heute Mittag, Judika! Ich komme bestimmt!”
Er kehrte in seinen Schlafsaal zurück. Eine halbe Stunde später weckte man die Zöglinge der Anselm-Gruppe. Schwester Regina hatte Dienst und schüttelte den Kopf, als sie Judikas Zustand sah und zu hören bekam, was sich tags zuvor am Abend abgespielt hatte.
Es war ein sonniger und schöner Morgen, der gar nicht so recht zu diesem traurigen und verhängnisvollen Tag passte. Judika, Baller und Weiger brauchten nicht zur Schule, denn sie hatten noch die Vorbereitungen für die Reise und Heimverlegung zu treffen. Lehrer Schaller wurde durch einen Kollegen vertreten.
Judika war kaum bei der Sache, weil er an Engelchen denken musste, das ihm die Erfüllung seiner Wünsche schien. Bisher hatte er sich herzlich wenig Gedanken darüber gemacht, was eine Trennung von Engelchen für ihn bedeuten, wie sie sich in seinem Leben auswirken würde. Jetzt aber spürte er erst richtig, wie schwer Liebe wirklich sein konnte, welches Leid sie heraufzubeschwören vermochte. Das Beisammensein mit Engelchen, seine Nähe war ihm schon so natürlich und zur Gewohnheit geworden, dass er es mit seinem Dasein eng verband und seine ganzen Empfindungen darin ausschritten. Er weigerte sich einfach, seinem eigenen Ich gegenüber zuzugeben, dass nun auf einmal alles zu Ende sein sollte. Seine Liebe über alles, das war seine Parole! Engelchen war ein besonderer Meilenstein in Judikas Leben, das wusste er selbst nur zu genau.
Selbst die äußeren Bauwerke des Theresien-Heimes schienen ihn jetzt feindlich anzustarren. Es war, als stehe ihm plötzlich alles feindlich gegenüber, als sei er allen unerwünscht, selbst den sichtbaren Bauwerken, die ihn hasserfüllt anzustarren schienen.
Alle seine Habseligkeiten packte er zusammen. Es waren all jene kleinen Dinge, die ihm liebgeworden, die ihm ein Stück persönliches Eigentum waren und daher besondere Bedeutung für ihn hatten.. Besonders liebevoll packte er Engelchens Briefumschläge und Briefe ein und steckte sie sorgfältig in sein Bündel. Er holte seinen Tornister vom Speicher, betrachtete ihn gedankenverloren. Seine Gedanken schweiften zurück! Ja, was hätte dieser staubige Tornister alles erzählen können! Sieben Jahre war er nun alt - aber was für Abenteuer hatte er schon erlebt! Ein treuer Begleiter war er ihm in Gorzberg immer gewesen. Schwer hatte er zuweilen seinen Rücken mit seinem Inhalt gedrückt - wie das Leid, das ihn manchmal ebenso drückte. Und wie leicht hatte er sich immer tragen lassen, wenn er von der Schule aus heim ging!
Er strich den Staub von dem brauen und abgetragenen Leder, strich sanft über die vielen Risse und Verschabungen. Eine Weile dünkte es ihn, als könnte er sich mit ihm unterhalten. Wie einen treuen Freund drückte er ihn an sich… Die letzte und einzige Erinnerung an Gorzberg, die ihm noch vorhanden war! Ein Zweig aus dem vergangenen Leben in Freiheit!
Er nahm den Ranzen unter den Arm, stieg mit ihm die Wendeltreppe hinunter und brachte ihn zu seinem Bündel.
Weiger war schon mit Baller da. Beide waren ebenfalls mit dem Packen beschäftigt. Baller blickte kurz auf und machte weiter. Weiger richtete sich auf. “Hast Du ein Erinnerungsstück vom Speicher geholt?” fragte er. Er wies auf den Ranzen. “Der alte Schinken taugt doch nichts mehr. Wirf ihn weg!”
“Das werde ich nicht tun!” sagte Judika bestimmt. “Es ist das einzige Erinnerungsstück, das ich noch von daheim habe. Aber das verstehst Du sicher nicht! Für Dich ist das nur alter Kram, gerade gut genug, weggeworfen zu werden.”
“Schon gut, schon gut, Judika, ich will Dich ja nicht verletzen!”
“Ich nehme es Dir nicht übel!” Judika wandte sich wieder seinem Bündel zu und packte weiter.
Schwester Klara erschien, kontrollierte die Sachen. “Was ist das?” Sie hatte Engelchens Briefe gefunden und hielt sie ihm jetzt entgegen.
“Das sind Briefe, was denn sonst”, meinte Judika betont schnippisch.
“So, Briefe”, sagte die Nonne und legte das kleine Häufchen auf den Tisch. Sie nahm den ersten Brief und zerriss ihn betont langsam, ließ die Reste achtlos zu Boden fallen. Die anderen Briefe von Engelchen folgten….
Judika stand wie erstarrt. Hörte das denn gar nicht mehr auf! Hatte man ihm nicht schon genug angetan! Eine unbändige Wut stieg in ihm auf. Erst langsam, aber dann kroch sein Zorn immer höher. War das nicht ein unbezahlbares Andenken von Engelchen? War es nicht sein Eigentum, das da wahllos und unnachgiebig der Vernichtung preisgegeben wurde? Musste er es daher nicht verteidigen, weil er damit Engelchen verteidigte? Wie Flammen loderte es in ihm auf. Schon wollte er hinstürzen und der Nonne die restlichen Briefe entreißen, als Weiger, der den ganzen Vorfall zunächst schweigend und dann mit immer finsterer werdenden Gesicht beobachtet hatte, wie ein Rakete an der Nonne vorbeischoss und dabei alle Briefe, die noch vorhanden und heil waren, vom Tisch riss und mitnahm.
Die Nonne stand wie erstarrt, war so verblüfft, dass sie den dritten Brief, den sie schon einmal durchgerissen hatte, achtlos vor Zorn fallen ließ.
Ehe die Nonne sich aber von ihrer Verblüffung erholt hatte, tauchte Weiger schon wieder im Raum auf, grinsend, als sei er nu mal eben zur Toilette gewesen. Von den Briefen, die er mitgenommen hatte, war nichts zu sehen.
“Wo sind die Briefe?” schrillte die Nonne. “Sofort gibst Du sie wieder her!” Drohend ging sie auf Weiger zu.
“Die Briefe habe ich in die Ponte (Klo) geworfen - und dann abgezogen”, sagte Weiger und grinste dabei frech, indem er gleichzeitig zurückwich und sich einem Tisch näherte.
Als die Nonne zornig auf ihn zutreten und ihm eine herunterhauen wollte, ergriff er einen Stuhl und stellte ihn angekippt vor sich hin.
“Wagen Sie es ja nicht!” drohte er zornig. “Diese Zeiten sind vorbei! Ich schlage Ihnen den Stuhl vor den Schädel, wenn Sie noch einen Schritt näher kommen. Und ich will verdammt sein, wenn ich es nicht mache!”
“Du wirst…”
Aber die Nonne kam nicht zu Wort. Krebsrot brüllte Weiger “Jahrelang habt Ihr mich geschunden und schikaniert, habt mich gequält, gemein behandelt. Täglich habt Ihr Heuchler fromme Reden geführt und Gott angerufen. Ihr Heuchler! Christus hätte Euch wie die Geldwechsler in der Bibel mit einer Geißel aus seinem Haus getrieben, wenn Ihr Euch dort aufgehalten hättet…”
Die Nonne war erschrocken zurückgewichen. Sie wurde zusehends blasser. Man konnte Weiger deutlich ansehen, dass er zu allem fähig war und sein Versprechen wahrmachen würde, wenn sie versucht hätte, gegen ihn etwas zu unternehmen.
“Glauben Sie nicht”, sagte Weiger jetzt, “dass ich ohne Stuhl wehrlos bin und meine Fäuste nicht gebrauchen kann, wenn Sie mich hinterlistig zu schlagen versuchen. Das rate ich Ihnen nicht! Ich kenne wohl Ihre Gemeinheiten!”
Er ließ den Stuhl los und begab sich zu seinem Spind, um seine Sachen weiter auszuräumen.
“Meuterei!” schrie die Nonne.
Weiger lachte: “Was wollen Sie dagegen tun? Holen Sie doch die anderen Heuchler, dann wird es wenigstens eine schöne Keilerei geben!”
“Wir werden uns vor Deiner Abreise noch sprechen!” sagte die Nonne und eilte dann aus dem Tagesraum.
“Was hast Du mit den Briefen gemacht, Peter?” forschte Judika, nachdem die Nonne verschwunden war.
“Ich habe sie noch! Sehe ich so aus, als würde ich tatsächlich die Briefe, die Dir etwas wert sind, ins Klo werfen? Nein: das habe ich doch nur gesagt, damit die alte Pute keinen Verdacht schöpft. Ich habe sie direkt auf dem Hof an der Eingangstür versteckt - am Kokshaufen. Da können wir sie nachher wieder holen.”
“Gott sei dank! Ich dachte schon, Du hättest sie wirklich abgespült! Ich werde Dir das nie vergessen, Peter!” atmete Judika erleichtert auf.
Weiger wehrte etwas verlegen ab. Äußerlich war es ein rauer Kerl, aber innerlich empfindlich. Schon ein kleines “Dankeschön” konnte ihn verlegen machen. “Was war schon dabei”, sagte er daher nun und grinste schief. “Aber der Nonne habe ich Bescheid gestoßen, was? Hast Du gesehen, wie blass sie geworden ist. Die brütet nun sicher wieder etwas aus, um mich doch noch zu kriegen!”
“Peter, sei bitte vorsichtig!”
“Ich werde schon aufpassen!”
“Hoffentlich wird das keine üblen Folgen für Dich haben!”
Baller aber meinte: “Es war ganz richtig, dass Peter es der Nonne einmal gezeigt hat! Wir hätten uns alle so verhalten sollen.”
“Dann wäre es wirklich Meuterei gewesen!” gab Judika zu bedenken.
Weiger machte eine wegwerfende Handbewegung: “Nur so kann man sich helfen, anders geht es nicht… Ich hätte ihr mit dem Stuhl eins auf die Haube geben sollen. Was glaubst Du, wie sie gesprungen wäre. Sie hätte bestimmt gleich an den schmerzhaften Rosenkranz denken müssen… Sie Dir mal den Schrank an!” sagte er plötzlich abschweifend zu Judika und wies auf seinen offenen Spind. “Was da alles für ein Krimskrams drin ist! Ich hätte Lust, den ganzen Zinnober in den Abfalleimer zu werfen. Was da so alles zusammenkommt - man sollte es kaum glauben! Ich komme mir vor wie der Nikolaus mit seinem vollen Sack… Schau mal nach! Vielleicht findest Du noch etwas, dass Du gebrachen kannst.” Er ging zur Seite.
Judika hatte kein Interesse daran. Aber Baller kam hinzu. “Lass mal sehen. Vielleicht kann ich es ja gebrauchen!” Er wühlte in dem Spind herum und schmiss alles, was er nicht gebrauchen konnte, auf den Fußboden.
Judika war inzwischen fertig und hatte sein Bündel gepackt. Er wartete darauf, dass auch Baller und Weiger das Bündel fertig bekamen. Als dies geschehen war, warteten sie, bis die Nonne erscheinen würde.
Unvermittelt wurde die Tür aufgerissen, vier Nonnen stürzten wie wehende Fahnen herein, ihnen voran Schwester Klara. Sie stürzten sich auf Weiger, schlugen auf ihn los, rissen ihn zu Boden und schleiften ihn dann über den Fußboden hinaus. Man konnte das Fluchen und Schreien Weigers noch hören, bis es allmählich aufhörte.
Judika und Baller sahen sich an. Sie warteten. Aber sie mussten lange warten. Erst nach einer knappen Stunde brachte man Weiger wieder. Er sah arg verhauen aus und hatte rote Flecke und Striemen im Gesicht. Er sagte nichts. Aber als die Nonne, die ihn gebracht hatte, wieder gegangen war, grinste er bereits wieder frech. “Die haben geglaubt, mich klein zu kriegen. Aber denen werde ich es noch heimzahlen, verlasst Euch darauf!”
Die Nonne erschien dann. Sie mussten mitgehen. Man führte sie zur Schneiderei des Heimes. Hier wurden sie von der Nonne Luise umgekleidet. Statt der kurzen, bekamen sie nun lange Hosen, die sie anziehen mussten…
Von der Schneiderei ging es zum Büro, wo sie abgemeldet werden sollten. Die Vorführung zum Direktor folgte. Er hielt ihnen eine kurze Predigt der Erbauung. Der Heimleiter fragte sie auch, ob sie irgendwelche Klagen oder Beschwerden über das Heim hätten. Wenn ja, sollten sie ihm das jetzt mitteilen. Weiger wollte sogleich intensiv lospoltern, aber Judika stieß ihn an und schüttelte kaum merklich das Haupt. So sagte Weiger nichts, obschon es ihm nicht recht zu sein schien. Was sollten sie auch schon sagen? Es war ja sowieso nur alles “Mache” von Seiten des Alten. Der würde sich zwar die Klagen anhören, aber ändern würde sich nichts, überhaupt nichts.
“Dann ist es ja gut!” sagte der Direktor. “Ich wünsche Euch alles Gute! Und lebt Euch schnell im neuen Heim ein…”
Er reichte allein drei Jungen die Hand. Judika und Weiger gaben ihre Hand nicht her. Einen Augenblick erschien eine steile Falte auf der Stirn des Heimleiters, die aber sogleich wieder verschwand.
Der Heimleiter begleitete sie noch bis zu seiner Tür des Büros. Draußen sagte Weiger ein wenig verärgert zu Judika: “Warum hast Du mich nicht sprechen lassen? Ich hätte ihm schon ordentlich die Meinung gesagt!”
“Das glaube ich Dir gern! Und was wäre dabei herausgekommen? Nichts. Genügt es Dir nicht, dass man uns wie lästige Fliegen aus dem Heim hier abschiebt? Ich hätte den Fettwanst auch lieber in seine speckige Hand gespuckt - es hat mich richtig geschüttelt, als ich diese schwule fleischige Hand mit den Wurstfingern sah!”
“Vielleicht hast Du recht!” meinte Weiger. “Aber manchmal muss man sich Luft verschaffen.”
“Da bin ich mit Dir einige, Peter!”
“Und ich bin auch mit Euch einig!” sagte Baller wie zur Bestätigung.
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Gegen Mittag erschienen die anderen Zöglinge aus der Schule, und sie aßen gemeinsam mit ihnen. Danach verschwand Weiger kurz und holte die versteckten Briefe für Judika zurück. Judika verbarg sie in seinem Unterhemd. Dann nahmen sie von den Kameraden Abschied. Judika bemerkte, dass zumal Stallmann besonders traurig über seinen Abschied war, da er sich immer viel um diesen Jungen gekümmert hatte.
Stallmann gab ihm beim Abschied ein eingewickeltes Päckchen von der Größe einer Zigarre. “Das möchte ich Dir zum Abschied geben!” sagte er dabei verlegen!
Judika wickelte das Päckchen auf. Ein schöner Füller kam zum Vorschein. Stallmann war auf diesen Füller immer besonders stolz gewesen.
“Danke”, sagte Judika und fasste ihn am Arm, nahm dann seine Hand. “Ich werde Dir das nicht vergessen und Deinen Füller in Ehren halten. Vielleicht schreibe ich Dir damit gleich nach meiner Ankunft im neuen Heim einen Brief. Ja, das ist keine schlechte Idee!”
“Schreibe mir zum Andenken einen kleinen Vers von Dir!” bat Stallmann und hielt ihm ein Notizbuch hin.
Judika nahm es, dachte einen Moment nach und schrieb dann mit dem Füller die Worte hinein:
“Ohne Hoffnung lässt sich selten
Hier auf Erden richtig zelten!”
“Ein schöner Spruch!” sagte Stallmann, als er ihn gelesen hatte. “Aber Deinen Namen musst Du noch hinzufügen!”
Das tat Judika dann noch. Bald war es so weit. Lehrer Schaller erschien und erkundigte sich, ob alles gepackt sei und es losgehen könne. Ja, es konnte losgehen. Alle drei Jungen nickten, und jeder von ihnen nahm sein Bündel auf.
Sie verabschiedeten sich auch von den Nonnen. Weiger benahm sich dabei wieder daneben. Lehrer Schaller war darüber ungehalten.
Sie gingen den alten Weg zum Bahnhof hoch. Vorher ging es aber noch durch den langen Hauptflur, der ansonsten immer so lang gewesen war, jetzt aber viel zu kurz zu sein schien. Noch einmal gingen sie die Treppe mit dem schraubenartigen Geländer hinunter. Wie oft war Judika hier heruntergerutscht - alles kleine und unscheinbare Dinge, von denen man Abschied nehmen musste. Sie gingen über den Hof, diesen alten und staubigen Hof, der oft seinen dicken Staub an Judikas nackte Füße zurückgelassen hatte, wenn er Fußball gespielt hatte. Noch einmal nahm sein Blick alles auf, schweifte darüber hinweg: über den Sandkasten, die Kletterstangen, das große Karussel und die Schaukel, blieb am leeren Eichhörnchenkäfig länger haften, wanderte dann über den alten, riesigen Backsteinbau des Theresien-Heimes. Wie düster er äußerlich noch immer aussah! Hoch überragte der Kirchturm alle anderen Bauten. Da war die Küche, vor der jetzt noch die großen Töpfe standen. Weit hinten, die neu entstehende Turnhalle. Dahinter die Stallgebäude, die gesondert von dem Heimkomplex lagen…
Sie bogen links ab und kamen zum Weg, der zur Straße führte. Rechts lag die Spielwiese der Mädchen, daneben die Gruppenräume. Judikas Augen suchten die Fenster der Mädchengruppen ab. Vielleicht konnte er Engelchen dahinter entdecken. Aber sein Bemühen war umsonst. Was war, wenn Engelchen gar nicht kam? Wenn etwas sie aufhielt? Er bekam einen Schreck und schwor sich, aus dem fahrenden Zug zu springen. Unbedingt wollte er sein Engelchen noch einmal sehen!
Sie gelangten zur Straße. Lehrer Schaller unterhielt sich mit Ballrum, derweil Judika und Weiger hinter ihnen gingen.
“Du warst also schon im Albertus-Heim?” fragte Weiger Judika.
“Ja, aber das ist auch schon einige Jahre her. Vielleicht ist inzwischen dort alles anders geworden. Damals habe ich mich dort nicht wohl gefühlt!”
“Ist es dort auch so öde und kahl wie hier?”
“Nein, ganz im Gegenteil: das Heim liegt in einem großen Park, und landschaftlich ist es dort schöner als hier: viel Wald, auch eine Heide, Teiche, Sumpf, Schilf… Und das alles gehört zum Heim!”
“Klasse!”
“Wir können uns überraschen lassen!” meinte Judika.
“Und wie alt sind die Jungen dort?”
“Ich weiß es nicht genau, aber es gibt Schüler und Entlassene dort, ganz große schon.”
“Ist man dort streng?” wollte Weiger wissen und schaute Judika dabei an.
“Bei den kleinen Jungen, ja! Die Erzieherinnen können dort sehr gemein sein. Aber es gibt auch gute Erzieherinnen. Ich habe mal eine gehabt, die hieß Schade und war sehr gut…”
“Haben sie dort auch Männer als Erzieher?”
“Ja, aber nur bei den großen Jungen!”
“Das kann ich mir denken, sonst würden die Weiber noch von den Großen gevögelt, was?” Weiger lachte laut, so dass Lehrer Schaller sich umsah.
“Was ist?” fragte er.
“Nichts”, sagte Judika. “Wir haben nur gelacht über etwas.
“Ach so…”
Weiger fragte Judika: “Haben die Gruppen im neuen Heim auch so fromme Namen wie im Theresien-Heim?”
“Nein, aber die Gruppennamen sind sehr komisch. Oft sind es Tiernamen. Es gibt beispielsweise eine Heuschrecken-, eine Flamingogruppe…”
Sie schwiegen und schritten eine Weile so dahin. Jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt und dachte wohl schon an die kommenden Ereignisse. Sie durchquerten die Altstadt. Azurblau war der Himmel. Ein warmer und wohliger Wind bewegte ein wenig die saftigen Blätter der Bäume, die sich an dem Straßenrand entlang zogen. Kein Wölkchen zeigte sich am Himmel. Aber gerade dieses herrliche Wetter drückte um so mehr auf Judikas Seele.
Was erwartete ihn im Albertus-Heim? Wann kam er überhaupt wieder aus dem Heim? Jetzt war er mittlerweile schon fast 5 Jahre in Heimen gewesen! Ob die Kaiser auch noch da war? Und das Fräulein Schade? Würde sie ihn überhaupt wieder erkennen? Sollte sein Leben denn immer nur aus einem ewigen Suchen, Ahnen, Kämpfen, Versagen, Überwinden und Abenteuer bestehen? Er glaubte, schon nicht mehr viel mehr Hässliches erleben zu können - vielleicht war es da gut, dass er wieder einmal eine andere Richtung einschlug…
Sie gelangten zum Bahnhof. Sie mussten durch viele Leute hindurch, ehe sie auf dem Bahnsteig anlangten. Die Fahrkarten hatte Lehrer Schaller vorher schon gehabt. Gegen 15.00 Uhr sollte der Zug eintreffen. Aber 15.00 Uhr war schon vorbei und der Zeiger war bald darauf schon wieder eine Minute weitergerückt.
Judika wurde unruhig. Von Engelchen war nichts zu sehen. Der Zug fuhr ein. Dröhnend kam er heran und hielt dann blubbernd.
Sie stiegen ein. Judika öffnete innen sogleich das Fenster und lehnte sich mit Weiger hinaus.
“Ob sie wohl kommt?” fragte Weiger.
“Das Engelchen?”
“Ja.”
“Wenn sie es gesagt hat, wird sie auch kommen!” meinte Judika, obschon er langsam daran zweifelte. “Sie wird es schon schaffen.
Selbst Lehrer Schaller schmunzelte, als er die beiden Jungen über ein weibliches Wesen reden hörte. Er kannte längst die Geschichte zwischen Engelchen und Judika.
“Halte auch Du Ausschau!” bat Judika seinen Freund aufgeregt.
Es war mittlerweile 15.05 Uhr geworden. Die Spannung und Nervosität waren für Judika schlimmer als eine Tracht Prügel.
Wenn der Zug anfuhr und Engelchen war immer noch nicht da, wollte er aussteigen, das nahm er sich fest vor. Wenn nur nicht so viele Menschen auf dem Bahnsteig gewesen wären. Da konnte kein vernünftiger Mensch etwas sehen!
Immer wieder fragte er Weiger nach der Uhrzeit. Von Engelchen war nichts zu sehen. Sollte es nicht weggekommen sein? Vielleicht hatte man sie bewusst festgehalten! Das wäre eine sehr schlimme Sache! Er wusste vor lauter Aufregung nicht mehr, was er tun sollte. Jeden Moment konnte der Zug abfahren - und von Engelchen war immer noch nichts zu sehen. Fieberhaft suchten seine Augen zwischen der Menge nach Engelchens schwarzem Haar. Nichts.
Da! Endlich tauchte es auf, sah sich suchend um.
Judika beugte sich weit aus dem Fenster, fuchtelte wie wild mit beiden Armen und schrie laut: “Engelchen! Hier bin ich! Hier!” Leute drehten sich um. Aber das störte ihn nicht weiter.
Engelchen hatte ihn entdeckt, drängte sich durch die Leute…
Hoffentlich fuhr ausgerechnet jetzt nicht der Zug ab!
Aber da war Engelchen schon bei ihm. Noch weiter beugte er sich aus dem Fenster, um sein Engelchen zum Abschied küssen zu können.
Rührend sahen die Leute den beiden Kindern zu. Vermutlich hielten sie die beiden Kinder für Bruder und Schwester, die Abschied voneinander nahmen.
Judika brachte kein Wort hervor. Die Kehle war ihm zugeschnürt, als der Zug sich langsam in Bewegung setzte. Engelchen, das Judikas Hand gefasst hatte, nestelte an der Kleidertasche.
“Da! Mein Andenken für Dich! Verwahre es gut!” Mehr brachte es auch nicht heraus, denn die Tränen standen in seinen Augen.
Engelchen musste Judikas Hand loslassen, denn seine Füße vermochten den anrollenden Zug nicht mehr zu folgen.
Judika standen die Tränen in den Augen. Die ganze Brust tat ihm weh. Er musste schlucken und vermochte es doch nicht.
Engelchen hob die Hand und winkte.
“Ich werde immer an Dich denken!” Diese Worte trug ihm der Wind noch zu wie einen heiligen Hauch. Dann hörte er nichts mehr. Engelchen entrückte immer mehr, wurde zusehends kleiner - bis der Zug um eine Biegung verschwand.
Mit Tränen in den Augen riss Judika das kleine Päckchen Engelchens auf. Eine schwarze Haarlocke und ein wunderschönes Herzchen an einer goldenen Kette kamen zum Vorschein.
Engelchen hatte die Kette mit dem Herzen immer um den Hals getragen. Und dann diese Locke! Wie sehr sich Judika darüber freute! Engelchen hatte ihm genau das geschenkt, was er am schönsten fand. Nicht für alle Reichtümer der Welt hätte er diese beiden Schätze wieder hergegeben.
Schon wollte er das Papier, in dem das Kettchen mit dem Herzen eingewickelt gewesen war, achtlos aus dem Fenster werfen, als er bemerkte, dass etwas in Engelchens zierlicher Schrift darauf geschrieben stand.
Weiger, der die ganze Zeit hinter Judika gestanden und die Sachen über dessen Schulter hinweg betrachtet hatte, las laut die Worte Engelchens, die auf dem Papier standen:
“Tu immer an mich denken,
Wenn’ s nicht mehr weiter geht!
Das Herz soll dahin lenken,
Wo Freude um Dich weht!”
“Ein Prachtweib!” sagte Weiger und setzte sich wieder auf seinen Platz.
“Ich habe”, sagte Judika sehr, sehr nachdenklich, “nicht einmal geahnt, dass Engelchen auch dichten konnte! Und ich Idiot habe Engelchen oft ganz dumme und primitive Verse geschrieben und geschenkt! Wenn ich das gewusst hätte…!
“Wenn”, sagte Weiger, “ja, wenn der Hund nicht geschissen hätte -, na ja, Du weißt schon, dann hätte er den Hasen gefangen…!”
E N D E