Roman
von
Julius Zeiger
Und Ihre Augen sahen das Glück 
Ein Abend wie jeder andere – und doch...
Samstagabend. Das Mädchen trippelte auf dem Markt im niederrheinischen Geldern an den Telefonzellen entlang. Immer auf und ab. Manchmal blieb es stehen, zündete gemächlich eine Zigarette an. Es beugte sich dabei etwas vor, um die Flamme zu schützen, sodass die wohl geformten, etwas kräftigen Beine einen besonderen Reiz ausübten. Jedes Mal, wenn das Mädchen verharrte – und das geschah zumeist vor dem erleuchteten Fotogeschäft "Schütte", das unmittelbar an der Marktecke Richtung Bahnhof gegenüber der Galenus-Apotheke lag -, schaute es auf und sah in die vordere Schaufensterscheibe, wo sein Spiegelbild größtes Interesse erweckte. Offenbar war es zufrieden mit dem, was es sah, denn wie zur Bestätigung seiner selbst nickte es ab und zu mit dem Kopf, wobei ein einnehmbares und verhaltenes Lächeln wie ein huschender, sanfter Wind die Mundwinkel umspielte.
Der Markt in Geldern war noch ziemlich belebt. Seit seiner Umgestaltung, die mit viel kommunalpolitischem Gezänk über die Bühne und durch die Ratfraktionen gegangen war, wirkte er, wenn er leer war, wie ein kleiner Hubschrauberlandeplatz. Einige Zeitungen vor Ort betitelten ihn auch so. Für den Verkehr war es so gut wie gesperrt worden. Pedalritter, Fußgänger, Omnibusse und Lieferfahrzeuge waren die Einzigen, die ihn beleben durften. Und Fixer und Dealer aller Art. Immerhin war die alte Herzogsstadt nahe der Grenze nach Holland gelegen, sodass der Markt seit vielen Jahren ein Stelldichein für Drogenabhängige war. Die Rauschgiftszene hatte sich fest etabliert. Von Zeit zu Zeit tauchte unvermutet die Polizei auf und fuhr wie der Blitz in diese "Szene", nahm einige Festnahmen vor. Dann herrschte eine Weile Ruhe, Unsicherheit unter den jungen Leuten. Die Ecke der Szene mit ihren Bänken sah eine Weile gelichtet aus. Doch binnen kurzer Zeit hatten sich die Lücken gefüllt, betrieben die Fixer, Dealer, Strichbienen und Schwule ihre Geschäfte wie eh und je …
An diesem Abend lustwandelten noch junge und alte Menschen beiderlei Geschlechts umher. Einige bevölkerten die Bänke und unterhielten sich angeregt über mehr oder minder ihnen wichtig erscheinende Dinge in ihrem Leben.
Der Hauch einer gerade schüchtern aufkommenden Dämmerung warf schon riesige Schatten wie ein Gewölbe über die alte Herzogsstadt. Die katholische Kirche Maria Magdalena stieß ihren spitzen Turm fast drohend in den Himmel, als wollte sie den lieben Gott mutwillig die Fersen kitzeln. Zauberisch spielte die Lichtreklame in den Blättern der vor der Kirche und dort auf der großen Rasenfläche stehenden Bäume. Die aufkommende Dämmerung spiegelte verhalten das schicksalhafte Dasein der Menschen wider und verwandelte das auf einen äußeren Betrachter wie grau wirkende satte Grün der Bäume in eine rötliche Farbe, die von der sinkenden Sonne den letzten farblichen Schliff bekam.
Schräg gegenüber von den Telefonzellen – fast schon zur Mitte des Marktplatzes hin – befand sich das "Hotel Voss". Einige Hotelfenster waren oben erleuchtet. Offenbar waren Gäste da. Es war längst Ladenschluss.
Das Stadtcafé zeigte indessen noch die rege Geschäftstätigkeit der Reinigungskräfte, die oben und unten aufräumten, alles blitzeblank machten. Manchmal scholl ihr Lachen verweht über den Marktplatz.
Das Hotel Voss mit seinen erleuchteten Fenstern wirkte wie ein mächtiger, steinerner Weihnachtsbaum mit riesigen Lichtern. Es war Ende Mai 1983.Eine schöne, vom Sommer durchtränkte Zeit, mit warmem und trockenem Wind, der nur launisch manchmal ins Haar der Menschen auf dem Marktplatz, in das Grün der Bäume, die bunte Pracht der Blumen blies und mit mildem Hauch den Staub des Pflasters berührte.
Das Mädchen trippelte weiter, obwohl das goldene glänzende Glockenspiel neben der Uhr mit Beständigkeit seine laute Melodie ertönen ließ. Dann zuckte das Mädchen fast immer wie erschrocken zusammen.
Eigentlich war nichts Besonderes an dem Mädchen zu entdecken. Vielleicht, dass es monoton stets dieselbe Strecke ging: wie ein ferngesteuerter Roboter, der nichts anderes kann als einem eingegebenen Impuls zu gehorchen.
Es war jetzt 22 Uhr
Es war längst ruhiger geworden. Einige Leute saßen noch im Hotel Voss. Fixer laberten noch auf den Bänken. Zwischen dem Hotel Voss und ihnen wurde die Pommes-Bude von drei Leuten belagert, die reichlich angeheitert schienen und ziemlich laut und barsch nach „Bratwurst und Pommes" verlangten.
Das Mädchen strich an den Bänken vorbei. Auf einer lag zusammengekrümmt ein Fixer und schien sich für die Nacht eingerichtet zu haben: Unterm Kopf hatte er die Jacke als Kopfkissen zusammengerollt. Er schnarchte ziemlich geräuschvoll.
Keinem fiel sonderlich auf, dass das Mädchen besonders an jenen Bänken vorbeistrich, die noch von jungen Männern besetzt waren - Männern aus der Szene und dem Milieu. Einige Bänke waren sogar von einzelnen Männern beschlagnahmt worden. Gerade hier musste ihr ostentatives Verhalten auffallen.
Das Mädchen sprach keineswegs die Männer an, war auch nicht bestrebt, dies auf einen Versuch hin irgendwie zu erproben. Doch immer, wenn es an einer Bank vorbeiging, auf der ein Mann allein hockte, wurde das Verhalten recht sonderbar. Es war ersichtlich, dass das Trippeln nicht ganz ziel- und planlos geschah, sofern es sich in die rechte weibliche Positur warf und betont die frauliche Attraktivität hervorkehrte. Dabei ließ es die Augen der Männer begehrlich auflodern. Dafür schein die Natur aufs Beste gesorgt zu haben.
Prächtige Brüste mit nahezu abgezirkelten Maßen durfte das Mädchen sein Eigen nennen. Sie waren von jener Art, wie sie Männer gerne mögen: hoch und fest, nicht gerade groß, aber doch so üppig und umrissen, dass jede Frau darauf hätte stolz sein können.Auf einen heißen männlichen Betrachter mussten diese wie Bomben wirken, zumal sie noch von einem hellgelben Pulli verdeckt wurden, der wie angegossen saß und sie erst recht zur Geltung brachte.
Ein sehr kurzer grüner, glockenförmiger Rock ließ die tadellosen langen Beine ebenfalls voll zur Geltung gelangen. Die Beine waren mit schwarzen Netzstrümpfen umfasst. Ein dem Minirock angepasster weißer kurzer Mantel von auffallender Dünne schien wenig Schutz für die nun frische Abendluft zu bieten. Beim Gehen schwang der Mantel manchmal zurück, besonders, wenn das Mädchen seine drehartige Wendung machte, um zurückzutrippeln – dann sah man kurzweilig die äußerst feine und schmale Taille, die demonstrativ schaukelnden ausgeprägten Hüften, den schlanken, doch nicht gerade zerbrechlichen Körper, dessen Konstitution mehr der einer trainierten Sportlehrerin glich.
Schlanke, feingliedrige Hände schwenkten manchmal die kleine braune Tasche beim Trippeln hin und her. Den Riemen der Tasche hatte das Mädchen um das linke Handgelenk gewickelt. Die Haltung dieses weiblichen Wesens war gerade und stolz, ja kühn zu nennen. Seine Schritte waren sicher und rhythmisch wie im Gleichtakt bestimmter Gefühle, die nur mit Gebärden und gewissen Bewegungen ausgedrückt werden können.
Stolz war der Kopf erhoben.
Das Bemerkenswerteste waren indessen Kopf und Gesicht an diesem weiblichen Wesen. Der Kopf trug die hellblonden Haare nicht eben kurz, aber auch nicht besonders lang, vielmehr waren sie voll und lagen etwas gebauscht und gewellt im schmalen Nacken, der unter einem ebenso schmalen Hals lag. Kleine, fast niedlich zu nennende Ohren lugten wie neugierige Zwerge aus dem Haar hervor, in dem sich jetzt das gelbe Licht der Abendbeleuchtung des Marktplatzes brach und ein schimmerndes Gewoge verursachte.
Der Kopf selbst hatte einen recht charakteristischen Einschlag, eine schöne, ausgeglichene Form, die durch die wesentlichen und bestimmten Eigenschaften des schmalen Gesichtes noch erhöht wurde. Eigentlich war das schmale , vielleicht eher oval nennende, Gesicht nicht gerade ästhetisch schön zu nennen – jedenfalls nicht dergestalt hübsch, dass darob die Welt aus den Fugen geraten wäre. Doch hatte er jenes gewisse „Etwas", das manchen Frauen erst ihren eigenen Charakter auch äußerlich gibt. Angesehen davon wurden die Gesichtszüge von einer gewissen Anmut durchwirkt, die auf einen Mann äußerst angenehm wirkte.
Volle, ein wenig aufgeworfene und leicht geschminkte rote Lippen, die manchmal sinnlich und gedankenverloren benagt wurden, ließen beim Lachen weiße Zähne sehen, die scheinbar eifrig gepflegt wurden. Der Mund selbst war klein, wenn nicht gar ein wenig spitz zulaufend – als wolle er dauernd küssen. Einige Sommersprossen im Gesicht passten dorthin wie Regentropfen auf dem Regenschirm. Das Gesicht war rein und hell, jetzt aber ein wenig gerötet. Die Stirn, nicht gerade besonders hoch, zeugte trotzdem von Verstand und Intelligenz, derweil die kleine, etwas stupsige Nase ein ziemlich freches Aussehen verlieh, das zwar von den grünen und lachenden, aber auch zuweilen melancholisch oder sinnlich dreinblickenden Augen gemildert wurde, doch eine Keckheit ahnen ließ, die durchaus zu dem Gesamtbild des Mädchens passte. Lange, ein wenig violett gefärbte Wimpern ließen ahnen, dass sie bei Erregung des Gemüts oder der Seele zu flattern vermochten.
Abgesehen von dem ausgeprägten Mund, der sehr gern und leidenschaftlich lächelte und dies mit dem Augen gemeinsam hatte, war das Gesicht nicht geschminkt.
Das Mädchen hätte 18 Jahre sein können – wenn nicht eine genauere Betrachtung zur Vorsicht gemahnt hätte. Es stimmt: Sigrid sah zwar wie 18 aus, war aber in Wahrheit schon 24 Jahre alt. Sie hatte ein sehr bewegtes Leben mit allen Höhen und Tiefen hinter sich. Nur besaß sie jene Eigenschaft, um die manche Geschlechtsgenossinnen sie beneideten. Sie sah bedeutend jünger aus, als es der Fall war. Das kam ihr in der momentanen Lebenssituation sehr zustatten. Es mochte in gewisser Hinsicht einer finanziellen Unterstützung dienen, die sie mit „Unschuldigkeit" geltend zu machen versuchte.
Betrachtete man Sigrid näher, kannte sie jemand vor allen Dingen näher, erwies es sich als sehr zweideutig, dass sie älter war, als sie gern vorgab. Aus ihren Gesichtszügen, die Art derselben lugte eine besondere Leidenschaft, die gewisse lasterhafte Kälte erahnen ließ. Selbst das ewige melancholische Lächeln vermochte dies auf Dauer nicht zu verdecken. Die Schatten unter den Augen, die oft verschleierten Blicke, die kleinen, kaum sichtbaren Augenfältchen, und die mitunter zynischen Gesichtszüge vermochten nicht darüber hinwegzutäuschen, dass sie vom Leben tief gezeichnet war – und täglich auf besondere Art noch immer an Leib und Seele gezeichnet wurde …
Ihrem sicheren Auftreten am Markt in Geldern war anzusehen, dass es nicht das erste Mal war, dass sie sich hier auf derlei besondere Weise auch besondere Bewegung verschaffte.
Immer, wenn sie an einem Mann vorbeikam, wurden ihre Schritte langsamer. Das Wiegen der Hüften verstärkte sich, die Brüste nahmen dem Pulli noch mehr Platz weg, derweil sie stolz wie ein Storch vorbeitrippelte - ohne auch nur den Männern scheinbar die geringste Aufmerksamkeit zu schenken.
Diese hingegen wurden manchmal regelrecht unruhig, wenn Sigrid in ihre Nähe kam. Begehrenswert blitzten die Augen auf, rückte die Männlichkeit bewusst in den Vordergrund, saß sie geil-verklemmt mit dicken Eiern auf der Bank, mit glitzernden Augen …Denn Sigrid war eine Frau, nach der sich die Männer umschauten. Wo immer sie auftauchte, erfüllte sie scheinbar die Luft mit sexueller Elektrizität. Das wusste sie auch selber.
Einige Male schon hatten ihr jetzt Männer am Markt, die dort herumlungerten, recht anzügliche und lüsterne Worte zugerufen. Sie hatte das geflissentlich überhört, da sie solche Laszivitäten nur zu gut kannte, ihr Ohr solche Bemerkungen schon gar nicht mehr wahrnahmen.
Langsam leerte sich jetzt der Marktplatz. Nur noch vereinzelt fuhren einige Busse, nahmen die letzten Nachzügler mit. Beklommen still war es nun auf dem Marktplatz. Nur aus dem Ratskeller kamen noch einige bierselige Gestalten und riefen ein Taxi herbei.
vorbei, wie die Marktuhr zeigte. Die aufkommende Nacht war vorangeschritten. Zwei Stunden und zehn Minuten ging das Mädchen nun schon seinen eintönigen Trott. Die hohen Absätze der grün-grauen Schuhe knallten jetzt deutlich hörbarer über das Pflaster des Marktes.
2
Der Mond warf sein silbriges Licht geisterhaft und schaurisch über den Marktplatz. Vereinzelt kamen Taxis an oder fuhren los von ihrem Stammplatz im Schatten neben der Kirche, wobei ihr Scheinwerferlicht über die leeren Bänke strich.
Sigrid fröstelte. Sie schlug den Kragen ihres leichten Mantels hoch, um der Frische entgegenzutreten.
Ein Mann schlenderte von der Straße her auf den Markt zu. Er kam aus der Glockengasse. Seine Schritte konnte man bereits hören, ehe er um die Sparkasse bog und den eigentlichen Marktplatz betrat.
Er überquerte den Markt und studierte vor Woolworth an den Wartehäuschen einen Busfahrplan. Die Hände hielt er dabei lässig in den Hosentaschen verborgen. Sein Anzug – von bläulicher Färbung – sah nicht gerade geschäftsneu aus. Auch war sein Alter schwerlich auszumachen, denn er konnte ebenso 30 wie 40 Jahre alt sein. Er schien nicht das Aussehen eines Romanhelden zu haben. Eher schien seine Visage in ein Verbrecheralbum zu passen als auf dem Gelderner Marktplatz. Als harmloser Nachtschwärmer ließ er sich auch nicht ohne weiteres einstufen.
Als er Sigrid etwa 60 Meter weiter im hellen Mondlicht und im gleißenden Licht der Marktlampen entdeckte, blitzte es in seinen Augen auf. Eine ganze Weile stricht er in auffälliger Manier um sie herum, nachdem er sich von den Fahrplänen abgewandt hatte. Er fing dann ein Gespräch von solcher Art an, wie dies solche zwielichtigen Gestalten zu tun pflegen. Jedenfalls wagte er einen solchen Versuch.
„Ganz allein zu so später Stunde?" Er fragte es, als sei es die wichtigste Feststellung der ganzen Nacht in ganz Geldern. Dabei ließ er seinen glitzernden Blick mit unverschämter Deutlichkeit über Sigrids Figur schweifen, bis er an ihren Beinen haften blieb.
„Ah – die Dame ist scheinbar stumm", versuchte er nun die ironische Masche, als er feststellten musste, dass Sigrid ihm keine Antwort gab und weitergegangen war. Seine Dreistigkeit ging aber so weit, dass er mit ihr auf gleicher Höhe blieb und erneut das lose Mundwerk in Bewegung setzte.
„Anscheinend vertreibst Du Dir hier die Zeit in langweiliger Form, meine Süße…Wie viel also?!"
„Verpiss dich, Freier, sonst rufe ich die Polizei!" fuhr ihn Sigrid da an, denn der Freier gefiel ihr gar nicht und ließ eine Gänsehaut langsam in ihren Nacken kriechen.
„Ach, sieh mal an, frech wie eine Katze ist sie auch noch – das wäre gerade das Richtige für mich als Bettwärmer! Mensch, Mädchen, ich gebe Dir 30 Mark, wenn Du mich mal lässt …"
Dabei griff er mit gierig-lüsternen Händen zu Sigrids Pulli.
Sigrid, innerlich schon überkochend, zögerte jetzt nicht mehr länger. Ziemlich vehement schlug sie dem Strolch die kleine, aber feste Handtasche ins Gesicht. Der Mann ließ sofort von ihr ab, hielt sich erschrocken das Gesicht.
„Da, du Lump!" fuhr sie ihn dabei an und schwang die Verteidigungswaffe erneut, um sie in das brutale, hässliche, jetzt geil-verzerrte Gesicht des Angreifers zu schmettern.
Obwohl noch zwei Taxis mit männlichen Fahrern an ihrem Standort auf nächtliche Kundschaft harrten, stieg keiner aus, um zu helfen. Das war typisch für diese Stadt mit ihren sturen und gleichgültigen Menschen, die egoistisch nur sich selbst und eigene Interessen im Sinn hatten, obwohl sie vorgaben, christlich gesinnt, hilfsbereit und menschenfreundlich zu sein.
Der Mann wurde nun seinerseits wütend und griff Sigrid brutal ins Haar. Ein Handgemenge entstand zwischen beiden. Sicher wäre es Sigrid gewiss – infolge der körperlichen Überlegenheit des Mannes – schlecht ergangen, wenn nicht in diesem Moment mit quietschenden Reifen unmittelbar neben den beiden Kämpfenden ein dunkelblauer Mercedes gehalten hätte, der aus Richtung Finanzamt kam und eigentlich hier hätte gar nicht halten dürfen.
Aus dem Wagen sprang ein Mann wieselflink heraus, der ihr zur Hilfe eilte. Mit raschem Griff packte er Sigrids Angreifer an den Kragen, warf ihn auf den Boden.
Der Lüsterne erhob sich gleich wieder und rannte geduckt davon, denn es schien ihm wohl rätlich, nicht mit dem kräftig wirkenden jungen Mann anzubinden.
Der Mercedesfahrer wandte sich jetzt Sigrid zu. „Ich hoffe", meinte er fast leichthin und wie selbstverständlich, „dass Ihnen nichts geschehen ist? Da bin ich wohl gerade im rechten Augenblick gekommen! Wenn Sie wünschen, fahre ich Sie nach Hause - ach ja, mein Name ist Johannes Belser. Ich bin gerade von meiner Geschäftsreise zurückgekommen und sah den unverschämten Kerl rein zufällig, als in die Tiefgarage wollte.Nach diesen Worten sah er die Frau mit klugen und gespannter Erwartung. Übel sah er nicht aus! Wenn nur nicht diese dumme Brille gewesen wäre! Sie hatte eine empfindliche Abneigung gegen "Brillenschlangen". Irgendwie fühlte sie sich in ihrer Gegenwart befangen und minderwertiger. Vielleicht lag es daran, dass die Brillenträger immer so altklug aussahen und oft durch die Brille schauten, wie wenn sie durch Brenngläser sahen. Wie alt er wohl sein mochte? Sicher gehörte dieser Mensch der höheren Gesellschaftskaste in Geldern an. Sein Anzug war bestimmt vom besten Geschäft.
Verstohlen sah sie auf das Nummernschild des Mercedes: KLE – las sie. Das besagte nichts, sondern nur, dass er womöglich irgendwo im Kreis Kleve( dem Geldern, selber ehemalige Kreisstadt, seit der kommunalen Neuordnung und Gebietsreform angehörte) beheimatet war. Sicher hatte er einen Haufen Geld. Es dünkte Sigrid, dass hier zwei diametrale Gesellschaftskategorien sich gegenüberstanden.
Eine innerliche Erregung erfasste sie.
Mit ihrem weiblichen, nahezu geschlechtserprobten Instinkt, der sich auf Erfahrungen mit Männern jeglicher Art gründete, ahnte sie sofort, dass hier ein „goldgefiederter Vogel" eifrig im Begriff war, ihr eine bisher noch nicht vorhandene Chance zu geben, dass er so dumm war, in eine Schlinge zu schlüpfen, obwohl sie noch nicht recht geknüpft war.
Ihr Hass auf diese steinreichen Möpse, die sich alles leisten und mit ihrem klimpernden Geld erkaufen, erlauben konnten, brach wieder durch und ergriff derart Besitz von ihr, dass ihr ganzes Wesen voll innerer Spannung war. Innerlich wurde das hungernde, arme und stets in Bereitschaft liegende Raubtier wach, das zwar noch tastend, aber bereits entschlossen und bedächtig seine Krallen ausstreckte, um sein Opfer an sich zu ziehen.
Sie, die bisher nichts anderes als Lieblosigkeit, Ausnutzung ihrer Weiblichkeit, Hunger, Armut, Not und Schläge gekannt hatte, die vom Leben nicht gerade mit sanften Händen angefasst worden war und daher gegen alles Wohlhabende, Reiche und Verschwenderische eine unüberwindbare Abneigung besaß, beschloss, den Reichtum dieses Menschen ein wenig anzuzapfen. Schließlich kam es nicht darauf an, ob er einen großen Schein mehr oder weniger nach Hause brachte. Ob er verheiratet war? Sicher war er das! Er sah so auffallend stinknormal aus! Sie kannte diese Art von Männern nur zu gut. Arrogant, selbstbewusst, geltungssüchtig und protzerisch, waren sie meistens darauf bedacht, in der von ihnen sich selbst zugeteilten Rolle an einem besonderen - wie sie meinten -, nur ihnen zugedachten Platz als aufgegangener Stern zu glänzen. Nur musste sie raffiniert ans Werk gehen, da solchen Menschen ein von der Natur verliehenes Misstrauen zu eigen schien. War diese überwunden, war das Rupfen des Goldvogels ein Kinderspiel.
Solcherlei Gedanken gingen Sigrid durch den Kopf, als sie den vor ihr stehenden Mann betrachtete.
„Ich danke Ihnen sehr!" wandte sie sich daher direkt dem Mann zu. „Sie sind wirklich im richtigen Augenblick gekommen!"
„Ist es nicht etwas gewagt, hier so allein zu bleiben?" fragte der Mann und sah sie dabei mehr neugierig an, musterte sie von oben bis unten.
Sigrid kannte solche Blicke. Sie hätte ihm auch am liebsten wegen dieser Worte mitten ins Gesicht gespuckt. Doch sie setzte ihr bestes Lächeln auf und scherzte sogar: „Ich bin ja nicht allein, da es zum Glück noch solche Kavaliere wie Sie gibt…Nach dieser Aufregung muss ich mich erst einmal hinsetzen…"
Sie eilte zu einer in der Nähe stehenden Bank direkt neben der offenen Telefonzelle zur Glockengasse, denn beide waren inzwischen in diese Richtung beim Gespräch gewandert. Gegenüber leuchtete „Foto Porst", das immer wieder Opfer von Einbrechern wurde, die aus der Fixerszene stammten, aber wenig Glück hatten, da die dicken Panzerglasscheiben stets ihrer Gewaltanwendung widerstanden. Auch jetzt zeigte die Schaufensterscheibe ein Loch mit unzähligen Rissen und Zersplitterungen. Es sah aus, als hätte sich eine milchige kleine Sonne dorthin verirrt, die nicht mehr genug Energie hatte, um zu strahlen.
Kaum hatte Sigrid sich gesetzt, fasste der neben der Bank verharrende Mann sie einfach am Arm: „Entschuldigen Sie, ich möchte mich ja nicht aufdrängen, doch einen besseren Vorschlag wüsste ich schon. Wie wäre es, wenn wir noch irgendwo in ein Lokal gingen, wo Sie sich besser erholen könnten als hier in der doch ziemlich frischen Nacht? Ich bin gern bereit, Sie dann später mit meinem Wagen nach Hause zu bringen."
´Immer dasselbe! ´ Sigrid hätte am liebsten durch die Zähne gepfiffen, aber das passte natürlich nicht zu einer wirklichen Dame. So harmlos fingen sie alle an - immerhin näherte sich der goldene Vogel bereits der Leimrute und konnte sein Gerupftwerden anscheinend gar nicht mehr erwarten, obwohl ein Blick auf Sigrids Armbanduhr bewies, dass es knapp zwei Uhr nachts war.
„Ich weiß nicht recht …" sagte sie und beendete den Satz bewusst nicht. „Ich fühle mich auch nicht ganz wohl und werde lieber mit einem Taxi nach Hause fahren…"
Sie stand entschlossen auf.
Beinahe erschrocken, aber zumindest betrübt und enttäuscht sah der Mann sie an. „Vielleicht für ein paar Minuten nur?"
„Na schön", sagte sie und zog ein Gesicht, als wenn ihr dieser Gang höchst unangenehm wäre. „Immerhin bin ich Ihnen zu Dank verpflichtet, weil Sie mir geholfen haben."
„Ich habe es doch gewusst!" triumphierte er. Die Augen hinter den Brillengläsern funkelten eigenartig, als sie über Sigrids Figur wanderten.
Beide stiegen in den Mercedes. Sigrid war gespannt, wohin er fahren würde. Aber dann staunte sie. Es ging zurück über den Marktplatz, die Straße am Finanzamt vorbei, am Schild zum Holländer See. Und Sigrid merkte bald, dass der Mann Richtung Wachtendonk fuhr. Einsam und verlassen lagen die nächtlichen Straßen da. Das Licht der Scheinwerfer ließ die Bäume am Straßenrand wie huschende Riesen erscheinen. Sigrid war zwar schon einige Male in Wachtendonk gewesen, weil sie dort einmal eine Freundin hatte, aber genau kannte sie sich in dieser kleinen Gemeinde des Gelderlandes nicht aus.
Der Fahrer neben ihr schien sich indessen bestens auszukennen. Zielstrebig kurvte er durch einige Straßen, als man Wachtendonk erreicht hatte. Unterwegs hatten sie wenig gesprochen. Nur manchmal merkte Sigrid, wie dieser Belser einen lüsternen Blick auf ihre Beine warf. Da sie einen ziemlich kurzen Minirock trug, waren ihre Beine beim Sitzen ziemlich weiss sichtbar und zogen immer wieder die Blicke Belsers auf sich. Fast züchtig zog sie dann den Rock über die Knie, obwohl das ziemlich sinnlos war, da er doch gleich wieder nach oben rutschte.
3
Sie landeten schließlich im Ortsteil Wankum. Hier war Sigrid noch nie gewesen. Es war die B 60, die sie befuhren, das hatte sie wohl mitbekommen, obwohl sie ein wenig den Eindruck hatte, Belser fuhr um edliche Ecken in gehörigem Tempo, als wollte er vermeiden, dass Sie mitbekam, wohin genau es ging.
Auf der Wachtendonker Straße hielten sie vor einer Nachtbar. „La residence" – las Sigrid. Sie kannte etliche Bars im Kreis Kleve und am Niederrhein bis hinauf nach Duisburg, Düsseldorf, Krefeld, Mönchengladbach und Wesel, aber diese Bar kannte sie nicht. Sie nahm sich eher wie eine Club-Bar aus. Das konnte ja herrlich werden! Der Mann schien eine heiße Hose zu haben, dass er eine so weite Anfahrt in Kauf nahm. Andererseits schien ihr das sehr verdächtig.
Als sie ausstiegen, merkte sie sich die Hausnummer 30. Belser hatte den Mercedes rechts vor der Bar an der Straße geparkt.
Wenig später betraten sie das Lokal. Es war fast 4 Uhr morgens. Eigentlich hatte da kaum noch ein Nachtlokal auf. Daher war Sigrid ziemlich verblüfft, dass das Lokal noch ziemlich gefüllt war. Stimmengewirr, Zigarettengeruch und mieser Alkoholduft schlug ihr entgegen. Sie rümpfte die Nase. Belser, der das Kommando übernommen hatte, ohne dass Sigrid ihn daran zu hindern versuchte, steuerte zielsicher auf einen kleinen Raum zu, der sich dem Hauptraum des Lokals anschloss und von diesem nur durch einen schmalen Durchgang getrennt war. Rechter Hand, direkt neben der Wand, befand sich ein für offenbar vier Personen gedachter Tisch, der freilich momentan leer war. Auf ihn strebte Belser zu, während gedämpfte Musik durch das Lokal rieselte.
Man schien den Mann hier ziemlich gut zu kennen, denn einige Gäste, Bardamen und auch der Mann hinter der Theke nickten Belser wie einen alten Bekannten zu. Zwei Bardamen, das sah Sigrid aus den Augenwinkeln, warfen sich vielsagende Blicke zu. Es war klar, dass Damenbegleitung von außen hier nicht sehr erwünscht war. Das konnte das Geschäft der Damen nicht förderlich sein.
Belser streckte Sigrid die Hände entgegen, mit einer Gebärde, die besagte, dass sie den Mantel ablegen sollte. Da Sigrid dies ohnehin erwartet hatte, ließ sie sich beim Ablegen helfen und straffte danach den Pulli dergestalt aufreizend, dass einige schon angetrunkene Männer in der Bar begehrlich zu ihr hinsahen. Die Blicke der Bardamen, mit denen Sigrid dafür bedacht wurde, waren alles andere als aufmunternd. Die Bardamen steckten jetzt zu dritt die Köpfe zusammen und flüsterten. Das war Sigrid jedoch ziemlich egal. Sie trank in der Folge recht mäßig eine Cola, derweil Belser ein Bier und einen Whisky trank.
"Zur Feier des Tages", sagte er bereits nach der dritten Lage, " will ich mir heute mal einiges gönnen und aus dem Rahmen meiner mir sonst angewöhnten Mäßigung treten."
Ein merkwürdiger Satz — fand Sigrid und dachte angestrengt darüber nach, denn dass diese Situation für ihn einmalig war, nahm sie ihm nicht ab.
Er wurde nun Zusehens munterer, je mehr er trank. Schließlich wurde er sogar plump — vertraulich, beugte sich geheimnisvoll an Sigrids Ohr: "Wissen Sie, mein alter Herr ist reichlich verschroben! Er meint immer, man müsse nur arbeiten, schuften, schaffen, schaffen und wieder schaffen, bis die Zunge wie beim Hund heraushängt. Das predigt er mir allenthalben, ohne dessen müde zu werden. So ein Blödsinn! Aber das kann und darf ich ihm natürlich nicht sagen, das würde ihm das Herz und wer weiß was sonst noch brechen... Ganz im Vertrauen, Fräulein Sigrid - so darf ich Sie doch nennen? —, manchmal habe ich diesen ganzen Salami satt und würde am liebsten ins Wasser springen ..."
Familie ist Geborgenheit...
"Sie kamen doch am Holländer See vorbei. Warum sind Sie nicht hineingesprungen, wenn Sie ins Wasser wollten!?" Sigrid sagte es sehr ironisch.
Er hatte bereits vertraulich seinen Arm auf ihren gelegt, sah sie jetzt verblüfft an. Dann zog er ein Gesicht wie ein kleiner Junge, der gerade Schelte bekam und weinen will, meinte: "Ich komme mir zuweilen wie ein Roboter vor. Sie sind doch eine verständige Frau.
"Gewiss, gewiss —", beeilte Sigrid sich zu sagen. Sie merkte mit der ihr eigenen Schadenfreude, dass Belser immer leutseliger, gelöster, ungehemmter wurde, langsam im Suff abtrieb und mit platten Worten, eines Geschäftsmannes kaum würdig, ins Prahlen geriet. Er wurde ihr zusehens widerlicher, wie sie sich eingestand. Aber sie bezwang sich und beschloss, ihn auf ihre Weise, mit ihren geheimen und nur ihr zur Verfügung stehenden Waffen zu bekämpfen und zu bestrafen, weil er so eitel und so geil war.
Allein der Gedanke daran erregte sie dermaßen, dass sie sich arg zusammennehmen musste, wenn sie sich nicht verraten und aus der Rolle fallen wollte. So ermunterte sie ihn ab und zu durch geschickt eingeworfene Schmeicheleien und Zustimmungen, die ihn nur noch mitteilsamer und offener werden ließen.
"Ja", strahlte er und legte sein spitzes Gesicht etwas nach links, „mit einer solchen Frau möchte ich wohl die ganze Nacht beisammen sein ..." ‘Und wohl ficken, du geiler Bock‘- dachte im gleichen Moment Sigrid.
Doch Belser redete weiter: „Ich bin nicht dumm, nein, wahrhaftig, Sie dürfen mir glauben, dass ich ausgezeichnet studiert habe und ein umfangreiches Wissen besitze. Ich will Ihnen sogar gestehen, dass ich sie anfangs gewiss für eine Straßendirne gehalten habe. Ist natürlich absoluter Blödsinn, denn eine Frau wie Sie — intelligent und distanziert..."
Dabei hatte Sigrid bisher nicht einen intelligenten Spruch von den Lippen gelassen! Dass er studiert hatte, war ihr erinnerlich. Auf der Fahrt nach Wankum hatte er davon irgendetwas im Auto gebrummelt — Volkswirtschaft oder so was war es, was er studiert hatte. Ein Diplomvolkswirt, der es aber vermutlich faustdick hinter den teilweise geknickten Segelohren hatte! Tja - über die Straßendirne konnte sie innerlich nur amüsiert lachen. Ja, sie hätte am liebsten laut losgelacht.
Was für verrückte Ideen solche Männer zuweilen hatten! Bei ihnen musste man stets neu auf Überraschungen gefasst sein. Letzten Endes wollten sie alle auf dasselbe hinaus und wurden ihrem Vorsatz in dieser Hinsicht selten untreu.
Sie bemerkte jetzt, wie Belsers Hand sich zu ihrem rechten Knie schlich, darüber strich, dann höher zu gleiten versuchte. Sie entzog ihm das Knie. Dies wiederholte sich noch mehrmals. Ein verrücktes Spiel, wie sie fand. Es bereitete ihr eine diabolische Freude und freudige Genugtuung, als sie bemerkte, dass Belser immer erregter und fordernder wurde. Und sie war grausam genug, sein Männliches noch mehr und berechnender anzustacheln, ihn gleichzeitig aber erbarmungslos zappeln zu lassen. Es war das Spiel einer erfahrenen Katze, die mit einer Maus spielte, dass sie empfindlich aufregte und in gefühlsmäßige Spannung hielt. Ihr Herz pochte vor Aufregung.
Sigrid wollte die Männer vernichten, zerstören, wie man sie zerstört hatte; so vernichten, wie man sie vernichtet hatte, erbarmungslos und konsequent nur dieses eine Ziel der Rechtfertigung ihres eigenen Lebens vor Augen haben, ohne Rücksicht auf Verluste oder Zerstörungen. Emanzipatorische Motive kannte sie bei diesem Vorhaben kaum.
Mittlerweile war Belser immer betrunkener geworden und versuchte daher energischer, seinem ungehemmten Begehren und seinen Gelüsten Geltung zu verschaffen. Offenbar war er gewöhnt, seine Wünsche und Forderungen stets erfüllt zu sehen. Er versuchte, ihr zwischen die Schenkel zu greifen und wurde beinahe zornig, als dies nicht gelang, da Sigrid in weiser Voraussiecht die Knie zusammengeklemmt hielt. Ein böses Lächeln umspielte jetzt auch ihren schmal sich geformten Mund.
Bisher hatte Sigrid ihren "goldenen Vogel", wie sie ihn insgeheim nannte, um rund 120 Mark erleichtert. Nicht auf unredliche Weise, sondern er hatte sie großzügig ausgegeben, sozusagen, um sich dadurch den Anschein von Unabhängigkeit zu geben. Plötzlich rückte Belser mit einem Vorschlag heraus, den sie eigentlich längst erwartet hatte. Er fragte sie nämlich, ob sie bereit sei, mit ihm in ein Hotel zu gehen, und mit ihm zu schlafen, denn an Autofahren sei natürlich nun nicht mehr zu denken. Deshalb hatte er vor, in einem Hotel zu übernachten. Ganz und völlig bedeppert schien er also noch nicht zu sein.
Er wollte sie also ficken, dachte Sigrid sich, wie es ihre offene Gedankenart war. Sie erfand zunächst allerlei Ausreden, da sie sich auf einmal tatsächlich nicht mehr schlüssig war. Es war bereits 5 Uhr morgens durch. Der Tag dämmerte herauf. Langsam wurde sie auch müde. Sie überlegte daher nun ehrlich und ernsthaft, ob das noch alles mit ihren Prinzipien vereinbar und zu ihrem Besten angetan sei oder nicht. Da kam ihr plötzlich eine Idee, ein rettender Einfall, der genau im richtigen Moment kam. Sie hatte nämlich eine um fünf Jahre ältere Freundin, die ihre Zelte schon geraume Zeit in Strahlen "privat" aufgeschlagen hatte und einem Gewerbe nachging, das fast schon älter als der liebe Gott war — oder doch so alt wie die Menschheit selbst.
Diese Ilse Starix, ein mit allen Wassern gewaschenes weibliches Geschöpf, würde ihr bestimmt den nun langsam flatternden Vogel abnehmen, um ihn zu rupfen. Sie musste nur sehen, dass er auch ihr noch einige goldene Federn hinterließ. Außerdem musste er nach Straelen bugsiert werden. Sigrid selbst mochte durchaus keine betrunkenen Männer — besonders nicht im Bett: das sah immer so aus, und war vermutlich auch so, dass sie ihren Schwengel nur in Aktion treten lassen konnten, wenn sie sich vorher entsprechend selbst enthemmt und ihren Schaft aus der allgemeinen alltäglichen Verklemmung mit Alkohol befreit hatten.
Sie handelte daher, erhob sich, wendete sich dabei Belser zu: "Komme gleich wieder", flüsterte sie," denn ich muss mal schnell telefonieren an der Theke, um meine Eltern anzurufen, sonst machen diese sich Sorgen. Ich bin ohnehin schon überfällig. Ich werde ihnen sagen, dass ich heute Nacht bei meiner Freundin geschlafen habe, denn irgendeine Entschuldigung muss ich daheim anbringen."
Dann schlüpfte sie hinaus, rief leise an der Theke ihre Freundin in Straelen an und teilte ihr den Plan mit. Diese stimmte begeistert zu. Sigrid kehrte zu Belser zurück.
"Von mir aus können wir in ein Hotel gehen", bot sie Ihm an, denn Ilse bewohnte ein Zimmer in einem solchen. Das war zwar teuer, aber sie schaffte auch gut an.
Unbeholfen und schwankend erhob sich Belser jetzt und versuchte, ihr in den Mantel zu helfen. Sigrid nahm ihn am Arm, führte ihn aus dem Lokal. Unterwegs sagte sie: "Wir können mit einem Taxi nach Straelen fahren. Ich weiß dort ein Hotel, welches ich gut kenne..."
"Ist,.. st mir,.. schon recht - sehr recht sogar..." lallte Belser, der sich nun schwer auf ihren Arm stützte. Sein widerlicher, mit Alkohol durchtränkter Atem strich an ihrem Gesicht vorbei und verursachte einen unangenehmen Brechreiz bei ihr.
Bevor sie das Lokal verljeßen, hatte Belser mit einem Hunderter bezahlt. Sie fuhren mit einem bestellten Taxi nach Straelen. Das war Richtung nahe der niederländischen Grenze. Eigentlich war es eher ein Hotel-Restaurant, das ziemlich abseits der eigentlichen Hauptstraße lag. Belser versuchte mit einem Fünfhunderter zu zahlen. Offenbar wollte er vor Sigrid angeben. Aber darauf konnte der mißmutig wirkende Portier unten im Foyeur nicht herausgeben. Also zückte Belser wieder einen Hunderter. Er hatte davon einen ganzen Packen in der Brieftasche. 52 Mark berappte er für ein Doppelzimmer. Den Rest steckte er achtlos wieder ein, derweil er den Schlüssel mit der Zimmernummer 21 in der rechten Hand behielt. Sigrid war ihm behilflich, als sie die Treppe zum 2. Stock - wo auch ilses Appartement lag, für das sie täglich 70 Mark zahlte - hochstiegen.
Weil Belser trotz mehrmaligen Versuchs das Schlüsselloch nicht fand und die Tür nicht aufzuschließen verinochte, nahm Sigrid ihm diese Arbeit ab. Innen ließ sich Belser gleich aufs Bett fallen,dass es krachte. Er versuchte,Sigrid neben sich herunterzuziehen. Doch sie entzog sich ihm geschickt. Was sie erwartete, trat bald ein: es dauerte nicht lange, da war Belser fest eingeschlafen und schnarchte wie ein blutrünstiger Itis vor seiner Mahlzeit. Sie wartete noch eine Weile, warf dann einen raschen Blick auf die kleine Armbanduhr. Es war jetzt schon fast 6 Uhr morgens. Sie hatte sich die ganze Nacht um die Ohren geschlagen und bedauerte dies fast. Einen Augenblick erwog sie den Gedanken, ihm einfach einen Blauen aus der Tasche zu nehmen - von dem Geld, das er mehrfach achtlos in die Jackentasche gesteckt hatte. Doch sofort verwarf sie diesen Gedanken wieder. Sie hatte, das wusste sie, eine Menge "schlechter Eigenschaften", wie die Zeitgenossen das nannten, aber für dergleichen war sie nicht geartet, sondern betrieb ein ehrliches Gewerbe. Das sollte nur die Ilse Starix machen! Die verstand von solchen Dingen bedeutend mehr. Mit ihrem roten Haar war sie gerade die rechte Frau für Belser - eine erfahrene Füchsin...
4
Noch einen geradezu nachdenklichen Blick warf sie auf den Schnarchenden, wobei sie ihre Lippen benagte, dann öffnete sie leise die Tür und schlüpfte hinaus, huschte rechts den Flur hoch. Es war nur ein kleiner Anbau, der noch zum 1. Stock gehörte und für besondere Gäste gedacht war.
Die rothaarige, 29 Jahre alte Ilse Starix bewohnte das Appartement 27, das ziemlich gegen Ende des Flurs lag. Direkt neben der kleinen Flurtoilette verharrte Sigrid, pochte leise an die Zimmertür. Unmittelbar darauf wurde ihr leise geöffnet. Ilse Starix, nichts weiter an als ihre nackte Haut, steckte den jetzt wuscheligen Kopf durch den Türspalt. "Ah, Sigrid, Du! Komm schnell rein, denn ich habe Dich schon erwartet!" Ungeniert ob ihres Paradieszustandes öffnete sie die Tür weiter und ließ Sigrid eintreten. Dann schloss sie die Tür wieder.
In ihrem momentanen Naturzustand hätte Ilse Starix die Herzen der meisten Männer, wenn sie sie jetzt hätten sehen können, höher schlagen lassen. Brandrotes, langes Haar bedeckte die Schultern und teilweise auch die Brüste wie ein durchsichtiger Vorhang. Hohe Brüste erhoben sich unter ihrem Hals und standen wie zwei Zipfelmützen vom Körper ab, bewegten, hoben und senkten sich beim Atmen und Sprechen. Ausladende Hüften und eine schmale Taille zauberten den entsprechenden Kontrast hervor. Nur ihr Bauch schien nicht ganz in dieses harmonische Bild zu passen und störte wesentlich die weibliche Vorderfront, sofern er ein bisschen arg aus dem übrigen "Fleisch" hervorragte. Die Beine konnte man eher stämmig, aber trotzdem reizend nennen. Der Mund war sinnlich und schmal. Das schien auch nicht zueinander zu passen. Das Gesicht hatte eine breite Fläche. Das Kinn, energisch und ein wenig vorgeschoben, zeigte kalte Entschlossenheit aus vergangener Stammesentwicklung an.
Das Gesicht war eigentlich schön als solches - wenn nicht dieser verlebte Ausdruck gewesen wäre, dieses andauernde spöttische Lächeln mit den vielsagenden Fältchen um den Mund, diese tiefen, beinahe schon eingekerbten Augenschatten und die grauen Augen, von denen man sich ohne weiteres vorstellen konnte, dass sie recht hart und grausam, unnachgiebig blicken konnten. Das Bemerkenswerteste war ihr sofort ins Auge fallendes Hinterteil. Ilses Po hätte einem Weltmuseum alle Ehre gemacht. Es schien, als habe sich hier Schöpferin Natur besonders vorwitzig verhalten und sei bestrebt gewesen, mit lachendem Gesicht eine weibliche Demonstration kurioser Art zu unterstützen. Insbesondere wenn Ilse Starix in engen und langen Hosen durch Straelen oder das Gelderland defilierte, drehten sich die Männer um und verrenkten sich jedesmal den Hals dabei, pfiffen anerkennend oder schnalzten gelüstig mit der Zunge. Auch schien der Po zahlreiche Männer derart zu reizen, dass sie es nicht unterlassen konnten, zu versuchen, ihr dort hineinzukneifen, Das verdross die Inhaberin sehr. Es war gleich zu merken, dass Ilse Starix Sigrid zu beherrschen schien und gewohnt war, sie zu kommandieren. Sie warf sich einen Morgenmantel um den nackten Körper, setzte sich in einen Sessel neben Sigrid, die ihre Beine übereinander geschlagen hatte, den Mantel aber anbehielt.
Das Appartement war geräumig. Ein großes Doppelbett, zwei Sessel, Rauchtisch mit Telefon, Bad und Toilette, zwei große Schränke und die üblichen Wohngegenstände eines solchen teuren Hotelzimmers waren vorhanden. Ilse steckte sich eine Zigarette an und hielt die Schachtel auch Sigrid hin, beugte sich etwas vor, um ihr Feuer zu geben, wobei ihre Brüste aus dem Ausschnitt lugten. Deutlich war zu bemerken, dass Sigrid mit ihren 1,71 Metern nahezu 10 Zentimeter größer war als die Starix. Diese sog tief den Rauch in sich hinein, blickte erwartungsvoll Sigrid an. Sigrid sah ihre Freundin an, sagte: "Zimmer 21!"
"21?"
Sie nickte. "Er schläft scheinbar." "
Hat er viel Geld?" Die Starix sagte es, als hänge davon ihr ganzes Leben ab, was teilweise ja auch der Fall war.
"Er stinkt nach Geld!"
"Hast Du es selbst gesehen?" erkundigte sich Ilse ein wenig misstrauisch. "Ich meine, lohnt es sich überhaupt, ihn auszunehmen ?"
Sigrid verfolgte den Rauch ihrer Zigarette, der sich unter der Decke kräuselte und dort eine Schwadenschlange hinterließ. "Ich glaube schon. Ich habe selbst gesehen, dass die Brieftasche voller Scheine war..."
Die Starix beugte sich etwas gespannt vor. "Ja? Warum hast Du ihn dann nicht selbst um einige Scheinchen erleichtert?"
Sigrid wollte zunächst aufbrausen. Sie war müde und gereizt, fühlte sich leergepumpt, mochte jetzt nicht diskutieren. Es war eine absolut sinnlose Nacht, die sie verbracht hatte. Stundenlang war sie am Gelderner Markt marschiert in der vagen Hoffnung, vielleicht einen Menschen zu finden – irgendeinen, der ihre Einsamkeit überbrücken oder doch mithelfen würde, sie zu tragen. So sagte sie daher fast ungehalten: "Du weißt, dass ich dafür nicht recht geeignet bin!"
Familie ist Lachen...
"Pah - immer diese moralischen Rücksichten! Du wirst es nie zu etwas bringen! Nehmen denn die Männer auf uns Rücksicht? Nein. Du hast noch viel zu lernen, mein Liebes, wenn Du weiterkommen möchtest. Die Männer, das wissen wir beide wohl am besten, sind wie Tiere, schlecht, böse und ständig geil, nur immer auf die Befriedigung ihrer Gelüste bedacht. Sind sie befriedigt, zeigen sie sich als Waschlappen. Dann bekommen wir Frauen einen Fußtritt und werden in die Gosse, in den Dreck oder auf den Mist geworfen, bis wir der Verfaulung anheimfallen..."
Sie hielt kurz inne und fragte dann wie beiläufig:" Hat er denn nichts gesagt, dieser Belser oder wie er heißt, als Du einfach weggegangen bist?
"Er schläft", entgegnete Sigrid. Es war ihr nicht angenehm, noch länger bei Ilse zu bleiben. "Er liegt auf dem Bett und schnarcht."
"Hast Du Geld von ihm bekommen?"
Was die Starix alles wissen wollte! "Ein wenig..."
"Wie viel?" wollte ihre Freundin mit gierigen Blicken wissen.
"80 Mark und ein paar Kröten hat er mir gegeben.."
"Ist er hübsch?"
Sigrid zuckte die Schultern. "Was Du alles wissen willst! Das ist Dir doch sonst immer egal. Ich weiß nicht recht. Hübsch kann man ihn eigentlich nicht nennen. Er trägt eine Brille und ist als Besoffener ziemlich widerwärtig."
"Willst Du heute bei mir schlafen?" fragte die Rothaarige jetzt fast lauernd.
"Nein, ich fahre mit dem Taxi gleich nach Hause!"
"Na schön", erhob sich Ilse Starix, "ich werde mir den Burschen vorknöpfen und ihn etwas erleichtern. Weißt Du was? Ich werde mich einfach zu ihm ins Bett legen...Was glaubst Du, wie der Stielaugen bekommt, wenn er aufwacht und ich liege nackig neben ihm. Ich werde ihm dann schon eine entsprechende Massage verpassen, dass er schnell wieder munter wird, in Ekstase gerät und gern aus sich selbst ein paar Federn hinterlässt."
Sie ging nach diesen Worten zum Schrank, warf den Bademantel ab, zog ein Höschen an, tat sich den Büstenhalter um und zog dunkle Seidenstrümpfe an. Nachdem sie auch noch in ihre Stöckelschuhe geschlüpft war, warf den Morgenmantel über die spärliche Leibwäsche, die sie nur angezogen hatte. Sigrid und Ilse schlichen regelrecht zur Tür, gingen hinaus, verschlossen die Tür hinter sich. Schnell hatte sie Nummer 21 erreicht. Sigrid ging nicht mit hinein, sondern verabschiedete sich von der Starix. Sie ging wieder nach unten und verließ das Hotel, ohne sich um die verblüfft-fragenden Blicke des Portiers weiter zu kümmern.
Draußen auf der Straße schloss sie einen Augenblick die Augen, da die helle Straßenlampe vor dem Hoteleingang sie blendete.
Sie fror plötzlich, fühlte sich hundemüde und verwerflich. Still war es, sehr still nun in Straelen.
Sie ging noch einmal ins Hotel und rief ein Taxi herbei, das sie fast vergessen hatte.
Wenig später saß sie im Taxi und fuhr in Richtung Geldern. "Vernumer Straße" hatte sie als Fahrziel angegeben, während sie sich behaglich zurücklehnte, aus dem trüben Augenwinkeln beobachtete, wie der Fahrer dauernd auf ihre beim Sitzen weitentblößten Beine starrte, wenn er schaltete und seine Hand ihren Beinen verdächtig nahe kam.
Sigrid ließ sich bis zur Vernumer Straße mit dem Taxi fahren, bezahlte dann und stieg aus.
Laut klapperten ihre Absätze, als sie einem Haus zustrebte, das ziemlich am Ende der Straße lag. Ein altes, fast schäbiges Haus, das von der Zeit und Witterung benagt worden war. Sie schritt durch das Gartentor von hinten zum Haus, durchquerte den verwilderten Garten und ging die alte Treppe zum Eingang hoch, suchte den Schlüssel in ihrer Handtasche und schloß auf, als sie ihn endlich gefunden hatte.
Muffigkeit und Modergeruch schlug ihr entgegen, als sie den kleinen Korridor betrat. Vorsichtig schloss sich hinter sich die Haustür und streifte die Schuhe ab, schlich sich ins Wohnzimmer, wo sie einen Moment still stehenblieb.
Deutlich sah sie ihre l8jährige Schwester Helma auf dem Sofa liegen - klein und zusammengekrümmt wie ein verängstigtes Tier, das sich durch die Eigenkrümmung seines Körpers selbst Schutz, Wärtne und Geborgenheit geben wollte.
Sie machte kurz Licht in dem engen kleinen Raum. Leise, beinahe zärtlich zog sie sich aus - erst den Mantel und Pulli, dann Rock und Netzstrümpfe. Ganz zuletzt den winzigen Slip. Einen Büstenhalter trug sie ohnehin nicht - schon gar nicht um diese Jahreszeit.
Völlig nackt stand sie nun da, verharrte regungslos, in einer Haltung, als lausche sie tief in sich hinein und erwarte irgendwo aus der Tiefe ihrer Seele eine verschwommene Musik. Das Licht der Straßenlampen, das von draußen durch die Fenster hereinfiel, erfasste ihre Nacktheit in einen streichelnden und fließenden Rahmen. Wie eine junge Göttin stand sie da, sich ihrer weiblichen Instinkte und ihrer Eigenschaften bewusst.
Jetzt bewegte sie sich, strich wie liebkosend sanft über ihre Nacktheit - und warf sich dann das Nachthemd über.
Sehr behutsam legte sie sich neben Helma auf das auseinandergezogene Sofa, ohne dass diese es bemerkte oder im Schlaf unruhig wurde. Wenig später war auch Sigrid eingeschlafen und merkte gar nicht, wie sie unwillkürlich im Schlaf wie schützend ihren rechten Arm um ihre jüngere Schwester legte...
DAS PORÖSE ELTERNHAUS SIGRIDS
Die Sonne war schon ziemlich hochgeklettert, und die Vögel zwitscherten lustig ihre immer wiederkehrenden und doch nicht ganz gleich anmutenden Melodien,als Sigrid erwachte. Der Morgen war schon beträchtlich vorgerückt. Die Sonne schien verwegen und blinzelnd ins Stübchen.
Schlaftrunken richtete sich die Frau ein wenig auf, tastete nach dem Lager neben sich.
Leer!
Von Helma war nichts zu sehen und zu hören. Sigrid fühlte sich sehr melancholisch gestimmt und sah verdriel3lich ihre Mutter an, als diese gerade in diesem Augenblick regelrecht ins Zimmer gewatschelt kam. Fast schien es unmöglich, dass diese Frau, deren Aussehen kaum zu beschreiben ist, drei solche hübsche Kinder zur Welt gebracht hatte, wie sie sie besaß. Sie war nahezu das getreue Abbild jener "Hexe Kaukau" ‚die im Lesebuch früherer Schulkinder den Kleinen das Gruseln lehrte und oft genug phantastische Bilder in ihnen hervorzuzaubern vermochte. Alles an Sigrids Mutter schien auf Hexenhaftigkeit ausgerichtet zu sein. Die Haare der fast 5Ojährigen Ottilie Gewis, geborene Scharens, hingen wie stets auch diesmal wirr und ungepflegt ins Gesicht. Das Gesicht selbst glich einer abscheulichen Fratze. Es war von der Scheußlichkeit jener Lasterhaftigkeit, Schlampigkeit und Primitivität geprägt, die schon aus sich heraus äußerst unangenehm und "abschreckend" wirken. Mitmenschen wurden dadurch automatisch zurückgestoßen.
Eine wurstige Knollnase, ewig rot vom Saufen, schien der Wegweiser zum Alkohol und seinen Konsequenzen zu sein. Im platten und ordinär wirkenden Gesicht, mit seinen vereinzelten Warzen und Leberflecken, befanden sich zwei verglaste Augen, die eine gewisse Blödheit kennzeichneten, die überhaupt das ganze Gesicht ausdrückte. Die Lippen war grobflächig, breit und überhaupt nicht weiblich. Ihr ganzer Körper war zwar füllig, doch wirkte diese Fülligkeit eher peinlich und nahm sich höchst hinderlich aus, als dass sie einnehmend oder von dicklicher Gutmütigkeit charakterisiert gewesen wäre. Der Mund war nur noch spärlich bezahnt - teilweise trug sie ein Gebiss, dem sie vorzüglich keifen, klappern und - falls vor Wut erforderlich - zu knirschen verstand.
Ein schon mit 50 Jahren ausgemergelter flacher Hängebusen,der mehr hinderlich als vorzüglich war, konnte auch nicht rechte Sympathie erwecken, sondern vergrößerte eher noch die Abneigung gegen diese absonderliche Frauenperson, die Sigrids Mutter war.
Sigrids Mutter trug stets einen alten Kittel. Dieser graugrüne Kittel gehörte zu ihr wie das wirre Haar. Klein und viel zu kurz auf den stämmigen und von Krampfadern durchgezogenen Beinen herumlaufend, machte sie den Eindruck einer überreifen, leicht angefaulten Frucht, wirkte wie eine matschige Tomate. Kein Wunder, dass sie daher bedeutend älter als 50 aussah. Sie wirkte wie 60. Ihr lasterhaftes und schlampiges Leben in Elend und Dreck mag dazu beigetragen haben.
Die Wohnung selbst, bestehend aus drei winzigen Zimmern, gehörte eigentlich ihrer Mutter, die man im Haus, in dem mehrere Familien wohnten, nur "Oma Sparens" nannte, obwohl sie richtig Lisa hieß. Die Wohnung kostete nicht viel und war - obwohl sie von der Familie schon lange Zeit bewohnt wurde - eine Art Notunterkunft. Oma bezog sogar noch eine nachhinkende Reichsrente. 185 Mark bezahlte man an Miete monatlich. Das war eine Menge Geld, da niemand eine feste Arbeit hatte. Teilweise wurde Sozialhilfe bezogen.
Drei andere Familien bewohnten das Haus mit. Wie meist üblich in solchen Mehrfamilienhäusern, hatten sie jedoch nichts miteinander zu tun. Jeder hatte mit seinen eigenen Sorgen genug Probleme, da wollte sich keiner auch noch um andere Hausbewohner kümmern und deren Kümmernisse auf sich laden. War man doch froh, selbst über die Runden zu kommen.
"Haste was bekommen?" fragte Ottille Gewis ihre Tochter, die sich auf das Sofa gesetzt hatte. Ihre Stimme klang brüchig und morsch wie faules und splitterndes Holz, das aufgenommen wird und zerbröckelt.
"Natürlich habe ich etwas bekommen - was denkst Du denn? Aber laß mich mit Deiner dauernden Nörgelei und Neugierde zufrieden, das habe ich Dir schon wiederholt gesagt, denn es nervt mich ganz schön. Ich bin alt genug, um auf mich selbst aufzupassen."
Bei den letzten Worten hatte Sigrid ihre beinahe schon schön zu nennende Stimme bewußt verschärft. "Wo ist Helma übrigens?" lenkte sie auf ein anderes Thema über. "Ist Sie schon wieder im Krankenhaus?"
"Schon um sechs Uhr ist sie wieder losgezogen", antwortete die Mutter und zog ein beleidigtes Gesicht über das, was Sigrid ihr vorher an den Kopf geworfen hatte. "Gestern abend hat sie sehr lange auf Dich gewartet - ich glaube, sie wollte etwas mit Dir besprechen, Ich soll Dir ausrichten, dass sie heute Abend gegen 19 Uhr vorbeikommen will."
Sigrid rieb sich die Augen, schüttelte das Haar., "Dann werde ich sie also heute Abend erwarten", sagte sie mehr zu sich selbst als zur Mutter.
Sie legte sich wieder auf das Sofa zurück, streckte sich ganz lang, mußte dann an die l8jährige Helma denken, die noch als Schwester scheu und zahm war wie ein unschuldiges Baby. Sie war genau das Gegenteil von Sigrid. Helma war lange Zeit in einem Mädchenheim in Coesfeld im Westfälischen gewesen - auf der Marienburg. Nicht weit von der Borker Straße lag das Heim von einem Wassergraben umgeben - rechter Hand einige hundert Meter neben dem Gerichtsgefängnis, aus dem die in der Regel einsitzenden Untersuchungshäftlinge hinter den vergitterten und verblendeten Fenstern begierig hervorlugten, wenn die weiblichen Heimzöglinge von der Marienburg sonntagsmorgens dort vorbeispazierten.
Sigrid war auch einige Zeit in dem Heim gewesen, das von Nonnen und einem katholischen Priester geleitet wurde und Schülerinnen sowie schulentlassene Mädchen beherbergte, die aus der Lebensbahn geraten waren. Die entlassenen Mädchen arbeiteten weitgehend in der heirneigenen Landwirtschaft.
Nun hatte man ihre Schwester Helma probeweise mit dem Segen des zuständigen Jugendamtes sozusagen "auf Bewährung" entlassen, weil sie sich ins Leben einfügen sollte.
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Es macht ihn Spass, den amtlich bestellten Bewährungshelfer hinters Licht zu führen und aufs nicht gerade breite Kreuz zu legen, wobei ihn Mutter Ottilie tatkräftig unterstützte.
Wenn es nach Helmas ordentlicher Führung im Heim gegangen wäre, hätte sie längst entlassen werden können. Doch die zerrütteten Familienverhältnisse hatten das einfach nicht zugelassen. Deshalb hatte man ihr eine Stelle als Schwesternschülerin im Gelderner Krankenhaus am Rande der Stadt besorgt. Hier im St. Clemens-Hospital wohnte sie vorübergehnd in einem ehemaligen Wohnheim für Schwesternschülerin. Das zerfiel zwar zusehens und diente längst nicht mehr seiner ursprünglichen Bestimmung, da die Trägerschaft des ganzen Krankenhauses,das immer wieder in die negativen Schlagzeilen geraten war,aus dem alten Gebäude eine psychosomatische Klinik machen wollte, aber für einige Monate diente diese Lösung Helma dazu, wenigstens einen gewissen Rhythmus wiederzufinden und sich ins normale Leben einzufügen. Ohnehin wurde gemunkelt, dass sich die neue Trägergesellschaft aus Trier bereits zu Beginn ganz schön mit dem Krankenhaus in die Nesseln gesetzt hatt. Doch Genaueres wußte auch Hehma noch nicht zu berichten.
Später durfte Helma bei einer Mitschülerin wohnen - ebenfalls mit dem Segen des Jugendamtes, das trotz Helmas Volljährigkeit sie noch betreute und sie, die noch nicht lange 18 war, nicht einfach fallenlassen wollte. Mit vier Mädchen hausten sie zusammen auf einer Etage Mitte des Westwalls in Geldern. Im Krankenhaus selbst führte die Stationsschwester ein strenges Regiment. Helma war vier Monate vor ihrem 18 Geburtstag aus dem Heim probeweise entlassen worden. Und obwohl sie volljährig war und nun ihre eigenen Wege hätte gehen können, unterwarf sie sich noch immer aus alter Heimgewohnheit den Anweisungen und Reglementierungen der Stationeschwester oder der Fürsorgerin des Jugendamtes, die oft nachschauen kam, ob auf der "Mädchenenschule" am Westwall noch alles in Ordnung war. Zuweilen tauchte auch eine Tante vom Sozialdenst katholischer Frauen auf. Wenn diese sich auch den Anschein gab, nicht reglementieren zu wollen, so war doch unverkennbar, dass man Helma noch kontrollieren wollte. Sigrid, die über alles das nachdachte, kannte das aus eigener Erfahrung, denn früher hatte sie sich auch immer in einer solchen beängstigenden Einengung befunden und durfte kaum ihren eigenen Willen gelten lassen. Momentan arbeitete Helma auf der Gebärstation des Krankenhauses. Nach Hause durfte sie in ihrer Freizeit so oft gehen, wie sie wollte. Manchmal schlief sie sogar hier auf dem Sofa, wo ansonsten nur Sigrid schlief. Doch geschah dies selten, da sehr wenig Platz war...
So weit war Sigrid mit ihren Gedanken gekommen, als es klingelte. Die Mutter schlurfte hinaus, um zu öffnen. Gleich darauf kam sie mit einem jungen Mann zurück, der von natürlicher Größe war, blondes, nach hinten gekämmte Haar und ein Gesicht hatte, das nichts Besonderes aufwies, vielmehr dem zahlloser anderer junger Männer glich - ein Alltagsgesicht, das man täglich hundertmal und mehr sah.
Auffallend waren die sehr labilen Gesichtszüge und derselbe sinnliche Mund, der bereite ahnen ließ, dass dieser junge Mann der 22jährige Walter Gewis, der Bruder Sigrids, war, der da im kombinierten Anzug und mit Krawatte ins Zimmer trat und einen süßlichen Geruch verbreitete, da er stets das Haar mit allen erdenklichen Haarmitteln und Ölen beschmierte, um besser auszusehen als es den Anschein hatte. In eingeweihten Kreisen nannte man Walter Gewis daher auch ‘Speckschwarte".
Dieser Walter war nicht im mindesten das, was man mit "intelligent" zu bezeichnen pflegt. Eher war er ein Patron, der eifrig bestrebt war, nur sich selbst Vorteile zu verschaffen, um diese bedächtig zu genießen.
Obwohl er im Heim aus der Handelsschule entlassen worden war, konnte man Walter Gewis eine ausgeprägte Gerissenheit nicht absprechen. Der aus der 5. Klasse entlassene Sonderschüler machte damit fehlende Geistigkeit weg.
Auch Walter war rund fünf Jahre in Heimerziehung gewesen, hatte hier den Schliff bekommen, der nötig war, Um auf seine ihm eigentümliche Weise das Leben meistern zu können. Zudem hatte Walter Gewis bereits zweimal im Kittchen gesessen, weil er die Finger nicht bei sich behalten konnte.
Damit prahlte er besonders gern. Derweil er einmal eine Jugendstrafe von 15 Monaten in der Jugendstrafanstalt Siegburg abgerissen hatte, wie er zu sagen pflegte, hatte er ein andermal in Dortmund auf der Lübecker Str. seine Untersuchungshaft abgebrummt und war dann für ein Jahr - mittels grüner Minna - als Strafgefangener nach Münster auf die Gartenstraße 26 verlegt worden, um dort unter sozialpädagogischen Fittichen sein gefangenes Dasein zu hegen. Da er sich - wie es sich im Beurteilungsbogen der Anstaltsakte niederschlug - ordentlich geführt hatte, öffneten sich für ihn als geläuterten Gefangenen vorzeitig die schweren Eisentore zur Freiheit, ohne dass er allerdings ehrlich Einkehr bei sich gehalten hätte. Just im Gefängnis hatte er sich erneut dem Pläneschmieden hingegeben und rege überlegt, welches krumme Ding er nach der Entlassung wohl drehen könnte, ohne gleich wieder erwischt zu werden. So stahl er auch jetzt alles, was nicht gerade niet- und nagelfest war. Dass er einen Bewährungshelfer, Bewährungsauflagen zu erfüllen hatte, störte ihn dabei nicht weiter.
Auch jetzt trat er breit lachend auf Sigrid zu, schlug ihr nicht gerade glimpflich auf die schmalen Schultern, um sich dann zu ihr aufs Sofa zu setzen.
"Hast Du heute etwas Besonderes vor?" fragte er die ältere Schwester.
"Warum fragst Du?" Sigrid, die unter der Decke nackt war, zog ihre obere Blöße mit der Decke bis zum Hals zu.
"Ich meine nur so. Ich habe nämlich vor, heute nach Walbeck zur Grenze zu fahren, um mir einige Gramm Haschisch drüben iin Holland zu holen. Willst Du mitkommen?"
Sigrid musste daran denken, dass Walter seinen VW auf recht mysteriöse Weise erworben hatte. Seit Monaten fuhr er bereits ohne Führerschein durch das Gelderland und die Gegend. Sie lehnte daher dankend ab. "Ich habe heute leider noch einiges vor, will eine Freundin besuchen..."
Das war zwar geschwindelt, aber sie wollte sich keineswegs auf krumme Touren einlassen.
Sie mochte Walter immer weniger leiden, während sie ihre Schwester Helma über alles liebte - vielleicht, weil sie so sauber und das genaue Gegenteil von ihr selber war.
Walter hingegen führte sich immer widerwärtiger auf, seit er aus dem Knast gekommen war. Je älter er wurde, desto mehr ließ er sich gehen. In früheren Jahren hatte ein beinahe herzliches Verhältnis zwischen beiden bestanden, bis sie begann, ihn immer besser und mehr in seinem Verhalten, seiner Maskerade zu durchschauen. Seit er festen Fuß gefaßt hatte in der Rauschgiftszene am Markt, trieb er sich meistens dort herum und traf sich mit anderen Fixern, die ihr ebensowenig gefielen. Er war zwar nicht selber hochgradig süchtig, aber ein Mitläufer, ein labiler Typ, der glaubte, mit dem Stoff, aus dem angeblich die Träume waren, könne er sich über das Leben mit seinen Problemen hinwegmogeln. Er nahm regelmäßig Haschisch, zuweilen auch einen Schuß vom weißen Gift. Dann lag er in irgendeiner Ecke und sah das Leben durch die goldene Brille der Illusionen, bis später das große Kotzen kam und er tagelang nicht anzusprechen war. Dann gingen ihm alle am besten aus dem Weg.
Etwas verdrossen sah Walter sie jetzt an nach ihrer Ablehnung. "Du bist in der letzten Zeit so komisch", meinte er, "oder hat es gestern nicht recht geklappt?"
"Halt den Mund!" fuhr Sigrid ihn an. "Das ist allein meine Sache!"
Er mischte sich immer gern in Angelegenheiten, die ihn nicht persönlich angingen. Eine weitere Marotte, die alle im Haus haßten, war seine schlechte Angewohnheit, dauernd fremde Leute mitzubringen. Zumeist stammten sie aus der Marktszene in Geldern, waren Hungerleider und Menschen, die vom Leben gezeichnet waren. Sigrid würde nie vergessen, wie er einmal einen 32jährigen, rothaarigen Mann mitbrachte. "Pressefotograf bin ich!" hatte er fast überheblich gesagt, dabei schaute ihm schon die Sucht aus der Nasenspitze hervor. Mit zwei umgehängten Fotoapparaten und einer Fototasche war er sehr gewichtig aufgetreten.
"Ich arbeite für eine Zeitung hier!" hatte er verkündet wie einer, der mit Leichtigkeit dicke Bäume ausreißt und schon mit den bloßen Augen Fotos schießt. Sie hatte auch gleich gemerkt, dass er angeben wollte, um sich bei ihr einzuschmeicheln. Dieser Fred, wie er hieß, wohnte in der Issumer Straße - oder vielmehr hatte er da mal gewohnt. Tatsächlich hatte er mal versucht, bei einer Zeitung vor Ort als Fotograf unterzukommen, doch das war nicht lange gutgegangen. Er hatte sofort krumme Geschäfte zu machen versucht auf Kosten der Zeitung, als er ein Kärtchen hatte, das ihn als Mitarbeiter des Anzeigers auswies. Zudem verstand er kaum etwas vom wirklichen Fotografieren. In der Redaktion der Zeitung verschwanden Entwicklungsutensilien, und auch als der Chefredakteur ihm Geld pumpte, bekam er das nie zurück. Zudem hatte er komische Angewohnheiten. Allenthalben kam er in die Redaktion gestürzt und bot dem Redakteur irgendwelche "sensationelle Geschichten" für einen Haufen Geld. Einmal wollte er für eine banale Story gar über 200 Mark. Dabei handelte es sich vielleicht um einen kleinen Ladendiebstahl, eine nicht einmal seltene Prügelei am Markt oder um alltägliche Auseinandersetzungen unter Fixern. So kam es, wie längst erwartet: sie warfen diesen Fred hinaus. Wenig später wurde er bei "Aldi" beim Diebstahl ertappt. Und dann leistete er sich morgens am Markt erst vor kurzer Zeit einen ganz dicken Hund, über den jetzt noch der ganze Markt und die ganze Szene sprach: er war völlig abgebrannt, da er gerade aus einem Urlaub aus Mönchengladbach zurückgekommen war. Angeblich, so verkündete er jedem, der es nicht einmal wissen wollte, habe man ihm während seiner Abwesenheit aus der Wohnung die gesamte Kameraausrüstung im Wert von über 10 000 Mark gestohlen, indem man bei ihm eingebrochen habe.
Falls das überhaupt stimmte, so dachte Sigrid, war das nicht verwunderlich und seine eigene Dummheit. Erzählte er doch vorher überall herum, wie toll seine Kameraausrüstung war. Im Suff und unter Drogen war er dann morgens gegen 7 zum Markt marschiert, hatte einen günstigen Augenblick abgepaßt und dann direkt am Gemüsestand neben den Telefonzellen die Kasse mit rund 200 Mark ergriffen. Dann hatte er sich in Richtung Bahnhof davongemacht. Die geraubte Kasse hatte er unter der schwarzen Lederjacke versteckt.
Sein Pech war, dass in Höhe des "Fotohauses Schütte" die Kasse zu Boden purzelte und das Hartgeld laut auf das Pflaster klimperte. Sofort waren die Inhaberinnen aufmerksam geworden, entdeckten den Räuber und zeterten alles zusammen. Schnell hatten einige kräftige Männer von den anderen Marktständen den Räuber dingfest gemacht. Fred bekam eine dicke Abreibung, ehe er der Polizei übergeben wurde. Er verschwand aus der Szene, da er offenbar im Kittchen in Untersuchungshaft landete. Gut drei Monate sah und hörte man nichts mehr von ihm - bis er vor wenigen Wochen mit glasigen Augen wieder in der Szene auftauchte und verkündete: "Ich war das nicht auf dem Markt mit der Kassette! So etwas mach ich doch nicht. Das war ein anderer, den man inzwischen schon verurteilte..." Klar, das alle nickten, obwohl ihm keiner glaubte, denn Fred war sehr jähzornig und schlug schnell zu. Seit ihm die Freundin auch noch abgehauen war, die im Landeskrankenhaus Bedburg-Hau als Krankenschwester arbeitete, war er ganz unter die Räder gekommen, ließ sich immer mehr gehen, verfiel zusehens dem Suff und den Drogen. Mehr denn je sah Sigrid ihn am Markt, wo er unter den anderen Leuten von der Szene hockte, mit glasigen Augen. Er machte gerne die Frauen an. Bei ihr, Sigrid, hatte dieser impotente Versuchsficker anfangs sogar versucht, sie für den Straßenstrich einzuspannen - aber da war er an die völlige falsche Adresse geraten! Seit dem Bruch mit seiner Freundin hatte er ohnehin auffallend intensiven Kontakt zu recht zweifelhaften Frauen und erwähnte auch oft Freundinnnen aus Mönchengladbach, wo seine Eltern wohnten, die dem ältesten Gewerbe der Welt nachgingen. Er und Walter waren scheinbar ein Herz und eine Seele...
Sigrid wurde aufgeschreckt durch Walters Verhalten. Sie setzte sich wieder im Bett au, zog die Knie an, schlang die Arme darum, stützte den Kopf darauf. Denn Walter wendete sich nun der Mutter zu, die neugierig wie ein lauerndes Raubtier ihren Kindern zugeschlichen war, weil sie glaubte, sonst etwas verpassen zu können.
"Verschwinde, alte Ziege!" brüllte er plötzlich die Mutter an, so dass diese erschrocken zurückwich und sich dann eilig zurückzog ins Wohnzimmer, denn wo Sigrid auf dem Sofa schlief, das war eigentlich die reguläre Küche und Omas Zimmer, die sich den ganzen Tag hier aufhielt - egal, was auch passierte oder sich tat.
Eigentlich hätte sie schon längst auftauchen müssen, denn es war fast zehn Uhr. Die Sonne fiel vom Garten durch das Fenster. Es dauerte auch nicht lange, da kam Oma Sparens angeschlurft - wie üblich mit dem Stock, auf den sie sich beim Gehen stützte.
Sie begab sich zum Ofen linker Hand und unmittelbar neben der Terasse, wo ein alter, reichlich zerschlissener, tiefer Sessel mit hoher Rückenlehne stand. Dort ließ sie sich etwas stöhnend nieder.
Oma war schon sehr alt. 81 Jahre. Von Sigrid wurde sie sehr geliebt. Eigentlich gab es nur Helma und Omi, die sie liebte. Andere Menschen haßte Sigrid mehr oder weniger aus einer ursprünglichen Fehlentwicklung heraus.
Zwar war Oma Sparens fast schon erblindet und sah so gut wie gar nichts mehr. Aber sie hatte eine humorvolle und unverwüstliche Natur, die von jener absonderlichen Laszivität geprägt war, mit der alte Jungfern oft ihr Leben abwechslungsreich zu gestalten trachten und versüßen möchten. Obwohl Oma stets behauptete, noch heute, mit 81, keusch und züchtig zu sein, seit dem Tode ihres werten Gatten, zog sie ganz schön vom Leder mit einer sehr rüden Sprache, die sich auch nicht genierte, markante Straßenausdrücke zu verwerten.
Andererseits war Ggroßmutter zweifelsohne der "gute Geist" des Hauses. Sie thronte als Familienoberhaupt unangefochten über allen ihren Kindern.
Auch trank sie sehr gerne Bier. Mochte das ohnehin spärliche Geld auch noch so knapp sein - ihre zwei Flaschen Bier musste sie täglich haben. Dann wurde sie allerdings sehr lebendig und oft ausgelassen. Ansonsten saß sie mit ungeheuerlicher Ausdauer den ganzen Tag am Ofen wie der faule Wanja und lauschte den Gesprächen, schimpfte mit ihrer Tochter, weil diese immer so schlampig und neugierig war, und hielt ansonsten ausnahmslos zu ihren Enkeln, besonders zu Sigrid, die sie einseitig verteidigte. Walter bekam es besonders oft von ihr geharnischt zu hören, das ihm Hören und Sehen verging.
Großmutter war nicht dumm. Doch manchmal konnte sie neben derber Ordinärität regelrecht ausflippen und noch derbere Späße treiben.
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Sigrids Vater hingegen spielt in der ganzen Lebensgeschichte nur einen "Entwicklungsfaktor", als diese noch ein Kind war.
Sigrids Vater, der 53jährige Schlosser Klaus Gewis, hatte mit seiner Familie nichts mehr gemein - jedenfalls wollte die ganze Familie nichts mehr von ihm wissen. Schon lange war Frau Ottilie von ihrem Mann geschieden. Sigrids Vater gehörte zu jenen zwielichtigen Gestalten, die in Xanten sich durchs Leben schlugen, denen die Lust und Leidenschaft gewisser Dinge alles bedeutet, die den Sinn des Lebens in perversen Gleichnissen und Erscheinungen suchen und auch noch zu finden vermeinen.
Helma wurde vom eigenen Vater mißbraucht, der sie fesselte, sich dann brutal an die eigene Tochter verging. Dafür hatte man ihn fast totgeschlagen. Er bekam etliche Jahre Gefängnis wegen seiner blutschänderischen Vergewaltigung. Schon vordem hatte er Sigrid, als diese 16 war, mißbraucht. Aus Scham darüber schwieg sie bis heute. Helma war mit zehn Jahren durch den Mißbrauch schwer verletzt worden. Sie hatte im Krankenhaus gemußt, wo sie drei Wochenn verbleiben musste.
Natürlich hatte es auch mit dem Unterhalt durch den Vater gehapert. Mehrfach hatten sich Gerichte deswegen mit ihm beschäftigen müssen, denn er drückte sich, wo immer er konnte, arbeitete nicht, gammelte herum. Klaus Gewis war heute dem Suff verfallen. Manchmal tauchte er in Geldern auf - etwa bei der Straßenparty, dem Pflaster-Maler-Wettbewerb oder der Pfingstkirmes. Aber sie sahen sich kaum an, versuchten so schnell wie möglich gegenseitig unterzutauchen. Längst hatte man sich nichts mehr zu sagen, Einige Male war es vorgekommen, dass Klaus Gewis besoffen in Geldern auf der Vernumer Straße aufgetaucht war. Dannn hatte er offenbar einen moralischen Kater und versuchte seine Töchter oder seinen Sohn zu sprechen. Zweimal hatte gar die Polizei hergemußt, weil er so gewütet hatte. Einmal hatte er vom Garten aus einen dicken Stein ins Küchenfenster geworfen, der haarscharf an Omas Kopf in der Ofenecke vorbeigeflogen war. In Xanten sollte er sich momentan arbeitslos mit einer anderen Frau herumtreiben.
Frau Ottilie, selber ziemlich lasterhaft nach der Scheidung zumindest phantasiemäßig und im Wunschbereich geworden - ja Sigrid nannte die eigene Mutter oft "mannestoll" -,hatte damals nach Helmas Mißbrauch selber die Scheidung eingereicht. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Mutter und ihre Welt eigentlich noch in Ordnung gewesen. Klaus Gewis hatte sich zwar nach seiner Entlassung aus dem Schwerverbrechergefängnis Werl gleich wieder verheiratet, indem er eine ehemalige Briefpartnerin ehelichte, aber das war nur zwei Jahre gutgegangen. Mutter Ottilie hingegen hatte alles sehr schwer genommen. Sie, die das Leben ohnehin eher als Last und Bürde sah, wusste es eigentlich nie richtig sinnvoll zu gestalten. Die Kinder waren eher zufällig gekommen und weil man nicht aufgepaßt hatte. In der Erziehung war sie total überfordert und versuchte das weiterzugeben, was sie bei ihrer eigenen Mutter gelernt und erfahren hatte, obwohl die Oma aus einem ganz anderen "Zeitalter" stammte und aus einer Generation, die die "gute alte" Zeit als allein seligmachende pries...
So waren sie alsoo bald alle ohne Vater gewesen und ins Heim gekommen, einer nach dem anderen. Sigrid war dabei in drei Mädchenheimen gewesen. Sie verblieb auch am längsten im Heim.
Zunächst war sie ebenfalls in Coesfeld gewesen, dann nach Bocholt zur Karolingerstraße in ein Mädchenheim gekommen, im "Heim Zum Guten Hirten". Schließlich landete sie in "Kathaus", einem Heim bei Hiddingsel zwischen Lüdinghausen und Münster. Es war ein sonderbares Heim, in das Sigrid gewiß nicht hingehört hatte. Von Nonnen geleitet, wurde das Heim streng geführt. Sigrid gefiel es hier erst recht nicht, da sich nur solche Mädchen und auch erwachsene Frauen im Heim befanden, die geistig angeknackst und nicht ganz in Ordnung waren.
Ein Psychiater hatte sie nämlich untersucht und für "äußerst triebhaft" befundden, ja, er hatte Sigrid sogar, nur weil diese während der Exploration schwieg und nicht den Mund aufmachte aus reinem Trotz, schlichtweg für "etwas verblödet" eingestuft. Das hatte sie besonders geärgert und aufgeregt. Sie hatte sich tief verletzt gefühlt. Es stimmte zwar, dass sie als Frau ziemlich triebhaft war, ein wenig bi-sexuell veranlagt; doch konnte das bei ihrer Entwicklung nicht ausbleiben, wenn sie lange Jahre unter wirkichen triebhaften Geschlechtsgenossinnen gelebt und nie Gelegenheit gehabt hatte, sich mit einem Mann abzugeben.
Sie hatte sich daher in ihrer bodenlosen Einsamkeit auf sich selbst geworfen, auf sich selbst zurückgegriffen mit jener letzten Konsequenz, die zuweilen kotzig und lebensüberdrüssig macht. Hinzu kam, dass ältere Geschlechtsgenossinnen sie imm Heim schon früh und oft verführt und missbraucht hatten. Nach dem stillschweigenden Missbrauch durch den Vater war sie vom Regen in die Traufe geraten. Seltsamerweise fand Sigrid dann später an dem wohl in allen solchen Heimen vorkommenden Treiben selber Spaß und Entspannung. Trotzdem war sie nie richtig lesbisch gewesen. Sie suchte einfach nur etwas Liebe und Geborgenheit.
In den Heimen selbst erlebte sie sehr viel Widerwärtiges, vor dem sie teilweise die Augen verschloß oder nicht verschließen konnte. Sie litt darunter. Um dieser weiblich-frivolen Atmosphäre zu entfliehen, war sie wiederholt aus den Heimen ausgerissen, zumal dort der körperlichen Züchtigung einen sehr hohen Stellenwert bei der Erziehung eingeräumt wurde. Es wurde schikaniert. Und der eigene Wille war zu nichts nütze. Sigrid wurde jedoch immer wieder eingefangen. War sie früher von Natur aus gut- und leichtgläubig, von einer kindlich-traurigen und fast melancholischen Naivität, so erhoffte sie sich ernsthaft die Rettung vom sogenannten "starken Geschlecht", von der Liebe und echter Partnerschaft mit einem Mann.
Deshalb auch folgte sie einigen Männern recht naiv und arglos, erhoffte sich Hilfe, als sie aus den Heimen fortlief. Stattdessen aber hatten die Männer sie nur als "Verwendungszweck" betrachtet, als Objekt, mit dessen Hilfe man sich Vorteile verschaffen konnte.
Die naive Sigrid merkte das erst, als es zu spät war. Sie, die von der wirklichen Welt draußen nicht die mindeste Ahnung gehabt hatte - abgesehen von der rauhen Wirklichkeit einer verkorksten Kindheit -, wurde mit all jenen Widerwärtigkeiten und Grausamkeiten konfrontiert, die das Leben als Stigma für viele Menschen parat hat.
Da sie leben und sich oft ganz klein machen musste, sich versteckt hielt, wenn man sie nach dem Fortlaufen suchte, befand sie sich fast immer in den Händen ihrer Peiniger, von denen sie abhängig war, wie der Teufel von der armen Seele, nach denen sie sich richten musste.
Oft genug erpreßte man sie regelrecht damit, schlug sie, zwang sie, auf die Straße zu gehen und den Lockvogel zu spielen, sich den Männern hinzugeben. Hierbei erfuhr sie auch zum ersten Mal, was ein "Zuhälter" war. Vordem hatte sie nicht einmal geahnt, dass es so etwas gab.
Von niemanden richtig geliebt, geschlagen, gestoßen, umhergetrieben und missbraucht, verschoben sich allmählich ihre Moralbegriffe, die sie von den frommen Nonnen zum Guten Hirten gelernt und mit auf den Weg bekommen hatte dergestalt, dass sie sich überhaupt nicht mehr zu bewegen wußte und nimmermehr zurechtfinden konnte.
Einmal bekam sie während ihres Heimaufenthaltes Urlaub. Während dieser Urlaubszeit lernte sie zufälligerweise in Issum bei einer vom Bierriesen Diebels gesponserten Sportveranstaltung den 27jährigen Hans Jürgen Tröpper kennen, der aus Sevelen kam und in einem Bundeswehrdepot arbeitete als Aufräumer und Lagerarbeiter. Es schien zunächst, als hätte sie in ihm einen Menschen gefunden, der sie verstehen würde. Als sie daher wieder im Heim war, kam Tröpper sie tatsächlich im nicht gar so weit entfernten Bocholt mit Walter besuchen und warb um sie. In der Hoffnung, dann aus dem Heim zu kommen, kam sie ihm entgegen. Beide heirateten rund ein Jahr später. Da war Sigrid nicht einmal volljährig und musste den Segen des Jugendamtes haben, denn wie Helma und Walter stand sie unter der Vormundschaft desselben. Es dauerte lange, bis die Heirat durchgesetzt war. Jedenfalls war sie aus dem Heim, wenn sie auch später in Kathaus landete.
Nach der Heirat änderte sich die ganze Lage. Einige Wochen schien alles gut zu gehen. Sie hatten in Sevelen eine Wohnung. Außerdem bekam Sigrid einen anderen Vormund, da man die Amtsvormundschaft hatte bestehen lassen, obwohl sie das sehr wurmte. Der neue Vormund hieß Olga Straßmann. Warum es auf einmal eine Frau war, hatte sie nicht sagen können ohnehin hatte sie sich mit dem vorherigen männlichen Vormund nie recht verstanden.
Die ersten Eheschwierigkeiten ergaben sich relativ schnell, Sigrid, die lange in Gefangenschaft, in den Fesseln der Heimerziehung ihr Leben und ihre Kindheit verbracht hatte, war recht unbeständig und sprunghaft. Da zudem ihr Mann krankhaft eifersüchtig ihre sämtlichen Schritte überwachte, ja ihr regelrecht nachschnüffelte, erschien ihr das Dasein untet dieser Kontrollfuchtel nur noch unerträglicher als zuvor.
Es gab immer häufiger Streitigkeiten, Szenen, Scherben und Tätlichkeiten, Versöhnungen und erneute Auseinadersetzungen - bis sie es einfach nicht mehr ertrug und vor den Schlägen davonlief, regelrecht die Flucht ergriff, zumal sie ohnehin nicht die besten Nerven hatte,
Sie zog wieder nach Geldern zur Oma und Mutter. Doch dort herrschte Armut und Not. Gerade das Existenzminimum war gewährleistet.
Sie machte - obwohl noch nicht geschieden - Männerbekanntschaften, lebte ansonsten in den Tag hinein, verdiente mit ihrem Körper Geld. Schnell hatte sie herausbekommen, dass sie die Männer, die sie allesamt haßte, wenigstens so beherrschen konnte, und wenn es nur für die sexuellen Augenblicke ihres Abreagierens, ihrer Befiredigung war. Schnell merkte sie, dass Männer im Grunde Waschlappen, schwach und von Trieben beherrscht waren, denen sie offenbar nicht entrinnen konnten. Das nutzte sie ohne die geringste Hemmungen aus. Das führte aber unweigerlich dazu, dass sie die Männer immer mehr und beständiger haßte. Seelisch gelangte sie schließlich zu dem Punkt, die Männer ihrerseits auszunutzen und zu betrügen. Das war ihrer Meinung nur recht und billig. Es war sozusagen die Rache für die Mißbrauchung ihrer eigenen Weiblichkeit! Obwohl das eigentlich ihrem innersten Wesen widersprach und sie auf Zärtlichkeit erpicht, ja geeicht war, zwang sie sich doch regelrecht gewaltsam, ein solches Vorhaben auch praktisch durchzuführen, und zwar mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln und weiblichen Waffen und Möglichkeiten.
Kurzweilig verschwand Sigrid nach dem Ehereinfall nach Hamburg, da sie die Luft in Geldern mit den heuchlerischen Menschen nicht mehr ertragen konnte. In einem Lokal zwielichtiger Art im berüchtigsten Hamburger Viertel fungierte sie als Animierdame und lockte mit ihrer Attraktivität den Männern das Geld aus der Tasche.
Nach drei Monaten solcher Tätigkeit au der Reeperbahn erschien ihr Bruder, der auf wer weiß was für einen Weg ihren Aufenthaltsort herausgefunden hatte. Er überredete sie, wieder zurück nach Geldern zu kommen. Sie fuhr dann auch tatsächlich mit ihm zurück, versuchte es zeitweilig sogar mit ehrlicher und ordentlicher Arbeit in Veert in einem Baugeschäft. Dort hielt sie nicht lange durch. Danach hungerte und fror sie sich durch, hatte oft nicht einmal richtige Kleidung zum Anziehen. Es kam vor, dass Sigrid, die sonst mit der Kleidung so penibel und extravagant war, sogar ohne Slip unter dem Rock oder den langen Hosen durch Gelderns Straßen marschierte, ohne dass es auch nur einer ahnte. Aber sie wollte nicht wieder in den alten Trott verfallen und sich dem Straßenstrich verdingen, zumal immer die Gefahr bestand, dass die Polizei aufkreuzen und sie festnehmen konnte.
Die Not trieb sie wieder nach geraumer Zeit auf die Straße.
Und nun war sie wieder dort angelangt, wo sie schon oft gewesen war.
Sigrid blieb am heutigen Tag daheim, um Helma zu erwarten. Bemerkenswerterweise war sie zwar genau das Gegenteil von ihr, aber sie wachte als große Schwester eifersüchtig darüber, dass Helma nicht denselben Weg einschlug wie sie selber. Sicher, Helma hatte im Heim in Coesfeld schon allerlei trübe Erfahrungen gesammelt und war auch mit den üblichen Widerwärtigkeiten einer Mädchengesellschaft in Konflikt gekommen, sie war sogar mit lesbischen Praktiken in Konfrontation geraten und betrieb, wie sie, Sigrid, auch, ersatzweise mastubatorische Praktiken. Aber wer hatte das im Mädchenheim nicht getan, um sich wenigstens auf sich selbst bezogen aus der Isolierung zu befreien. Nur schlug sich Helma damit schuldig herum, weil die Nonnen jegliches sexuelle Treiben als "Todsünde" gebrandmarkt hatten, in ihr Komplexe und Schuldgefühle, die Angst vor Höllenstrafen erzeugt hatten. Jegliche Praktiken wurden oft mit strengen, der Keuschheit fördernden Maßnahmen, wie die Nonnen das nannten, geahndet.
Sigrid, die es selbst heimlich betrieb und dadurch Entspannung suchte, hatte sich auch mit diesen nervenzerreibenden Problemen herumschlagen müssen, bevor sie ein Psychiater befreite und die heimliche und durchaus praktisch-entspannende Selbstbetätigung wieder in den Bereich des Normalen einordnete, obwohl sich auch heute noch leichtes Unbehagen bei diesen "praktischen Leibesübungen", wie Sigrid das insgeheim bei sich nannte, mischte.
Jetzt stellte sie sich die Frage: Was mochte Helma diesmal auf dem Herzen haben? Sigrid fühlte sich nicht nur geschmeichelt, dass Helma ihr ihre kleinen und großen Intimitäten unterbreitete und keinerlei Geheimnisse vor ihr kannte, sie um Rat anging als große Schwester, mit ihr alle Probleme besprach, wenn welche auftraten. Das tat Sigrid ausgesprochen gut, weil es ihr Wert und Sicherheit verlieh. Sie war aber auch stolz darauf, dass sie Helma weitgehend abschirmen konnte, obwohl ihr klar war, dass sie das nicht immer können würde. Sigrid fand durch ihre "kleine Schwester" mehr oder weniger immer mehr zu sich selbst zurück, zu ihren schlummernden Möglichkeiten, die ungenutzt in der Seele lagen, in jene Bereiche, in die sich bewusst nur schwer eindringen ließ.
Sie fühlte ihre Befähigung, ein offenes Ohr zu haben, damit bestätigt. Zugleich wurde ihr aber auch schmerzlich bewusst, wie sehr sie selbst sich eigentlich gehen ließ, eine doppelte Rolle spielte. Sie gab ihrer Schwester oft Ratschläge, die sie selbst nicht befolgte oder anzuwenden versuchte. Dieser innere Zwiespalt wurde ihr gerade immer wieder durch Helma vor Augen geführt und ganz deutlich bewusst. Sigrid war zwar nach ihrer Scheidung im schlimmen "Kathaus", gelandet, wo sie fast ein Jahr verblieb, aber danach war sie nur noch als längst Volljährige verbitterter und zermürbter herausgekommen, um das Leben erneut scheiternd in Angriff zu nehmen...
6
An diesem Tag bummelte Sigrid nachmittags durch Geldern, ohne die Blicke der Männer zu beachten, die zur Gewohnheit geworden waren. Sie trug eine enge lange Hose und einen engen schwarzen Pulli, der ihre Figur voll zur Geltung brachte, was dazu führt, dass sie sich von einigen halbwüchsigen Bengeln, die auf dem Markt mit ihren Rädern herumkurvten, unflätige Bemerkungen nachrufen lassen musste. Überhaupt verwunderte sie das immer wieder neu. Anscheinend, so sagte sie sich mit ein wenig getrübter weiblicher Eitelkeit, musste sie irgendetwas an sich haben, das gerade junge Kerle zu solchen Obszönitäten und Anzüglichkeiten besonders reizte. Sie gab kaum noch acht darauf.
Sie wanderte später geruhsam Richtung Schloß Haag, die Niers entlang, vorbei am Krankenhaus, wo sie Ausschau hielt, ob sie vielleicht Helma sehen würde. Das war nicht der Fall. Dann ging sie langsam den gewundenen Waldweg zum Schloß entlang, atmete die frische Luft ein, rekelte sich in der wohligen Sonne, träumte vor sich hin. Zuweilen kamen ihr Radfahrer entgegen. Sie träumte, obwohl sie genau wusste, dass diese Träume nie in Erfüllung gehen würden. Sie dachte daran, dass sie sehr gerne lachte. Die Männer mochten das gern und fanden das natürlich. Nur sie wusste, dass auch das Lachen eine Maske war, ein Zeichen von Unsicherheit und untergründigen Gefühlen, Problemen. Dass dadurch arg zerrissene Empfindungen verborgen wurden, die sie tief in sich verschloß und verheimlichte.
Jetzt, wo sie so allein inmitten der Bäume und Sträucher, des Grüns und Werdens einherwandelte, überkamen sie wieder recht seltsame Gedanken, schien sie ganz anders zu sein, viel freier, gelöster und beschwingter...
Verstohlen sah sie sich nach allen Seiten um, brach dann rasch eine kleine, halbgeöffnete wilde Rose ab, die sich offenbar zwischen Moos und Farnenkraut verirrt hatte am Schloß Haag mitten im Wald. Sie roch daran und lächelte beinahe treuherzig und verschmitzt. So rein und edel müsste sie selber sein! Aber wer war das schon?
Während sie weiterging, fiel ihr ein Gedicht ein, das sie einmal im Heim in einem Buch gelesen hatte. Es hatte ihr so gut gefallen, dieses Gedicht von einer einsamen schönen Rose und einem dicken, häßlichen Frosch, dass sie es auswendig gelernt hatte. Nun versuchte sie es sich in Erinnerung zu rufen und klaubte sich die Worte wieder zusammen. Und während sie die wilde Rose an den Lippen hielt, murmelte sie Zeile für Zeile beim Gehen vor sich hin:
„Eine dunkelrote Rose
Sah ich einst am Wege stehn.
Und aus Ihrem duftend Schoße
Rannen Tränen wunderschön.
Heimlich kam ein Frosch gekrochen,
Der zur Rose zärtlich sprach:
´Schöne Jungfrau, darf ich hoffen,
Dir zu helfen treu und brav?´
´Lieber Frosch´, sprach da die Kleine,
´Lieber Frosch, ach glaube mir,
Immer steh ich so alleine,
Wachse viele Jahre hier.
Manchmal kommen zwar die Bienen,
Fliegen summend zu mir her;
Doch anstatt mich zu bedienen,
Rauben sie mir noch viel mehr…!´
´Häßlich bin ich´, sprach das Fröschlein,
´Längst nicht einmal schön wie Du,
Blähen tu ich meine Bäcklein,
Quake ohne Rast und Ruh…
Doch gar gerne will ich bleiben
Dir zu der Gesellschaft hier,
Will mich täglich vor dir neigen,
Quaken nur zu deiner Zier!´
Dankbar senkte da das Köpfchen
Jene Rose wunderbar,
Und zwei wundersame Tröpfchen
Rannen aus dem Kelche klar –
Fielen perlend nun zur Erde,
Glitzerten im Sonnenschein.
Fort war jegliche Beschwerde –
Nie mehr war sie nun allein…"
Eigenartig, dass Sigrid sich immer wieder mit dieser Rose verglich, sich an ihre Stelle versetzte! Das musste wohl am ursprünglichen Sehnen einer Frau liegen, die sich oft im Mittelpunkt ihrer eigenen Betrachtungsweise wiederfand.
Erst am späten Nachmittag, als fast schon der Abend aufkam, kehrte Sigrid vom Schloß Haag zurück. Sie hatte das ganze Schloß umrundet und war bis zur Straße nach Kevelaer gegangen, einen kleinen Waldweg zurück, um dann an der Niers auf einem schmalen Pfad wieder den Rückweg anzutreten, umtanzt vom Schwärmen von Mücken, die sie immer wieder mit Handbewegungen zu vertreiben versuchte, wenn sie ihr zu nahe kamen.
Bevor sie kurzweilig nach Hause ging, weil sie schwitzte und sich umziehen, etwas frisch machen wollte, nahm sie in der Imbißstube auf der Vernumer Straße, die gleichzeitig eine Schänke war, etwas zu sich.
Gegen 19 Uhr machte sie sich erneut auf den Weg zum St.Clemens-Hospital, um Helma abzuholen, die erst kurz vor 19 Uhr Feierabend hatte.
Unterwegs begegnete Sigrid ein Bauer, der Kartoffelsäcke geladen hatte und sie mit einem Anhänger zu den Kunden brachte. Und sie musste, als sie ihn sah, daran denken, wie sie einmal in Hartefeld einige Zeit dem Straßenstrich nachgegangen war und mit einem Bauern gebumst hatte, der den Liebeslohn mit Naturalien bezahlte. Damals ging es der Familie mal wieder ziemlich schlecht. Daheim war kaum etwas zu essen.
"Gib mir lieber einen Sack Kartoffeln!" hatte sie ihm gesagt, als er ihr 100 Mark geben wollte. Verblüfft hatte sie der stämmige und noch recht junge Bauer, der höchstens 27 war, angeschaut, als zweifle er ihren Verstand an. Aber schließlich hatte er ihr lachend doch noch 50 Mark und einen Zentner Kartoffeln in zwei Säcken zu je 50 Pfund gegeben. Er war sogar noch so anständig gewesen und hatte sie mit dem Wagen bis vor die Haustür zur Vernumer Straße gebracht. Nie würde sie auch das Gesicht vergessen, als sie mit den Kartoffeln angekommen war. Wie die Wölfe hatten sich alle daraufgestürzt. Sie hatten Kartoffelpuffer gemacht und so gefuttert, dass Sigrid davon Bauchschmerzen bekommen hatte. Als sie an diese Begebenheit dachte, musste sie unwillkührlich lächeln. Welche Dirne ließ sich auch schon mit einem Zentner Kartoffeln bezahlen, wo sie alle so wild auf Geld waren! Doch der Hunger hatte sie dazu getrieben. Und Hunger war größer, seine Stillung wichtiger als Geld.
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Helmas Gesicht strahlte, als sie Sigrid erblickte, die direkt vor dem Hauptportal stand. Sie kam angelaufen.
"Oh, wie ich mich freue, Sigrid, dass Du mich abholen kommst! Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich habe gestern abend umsonst auf Dich gewartet. Bis nachts gegen zwei war ich wach, bin dann aber eingeschlafen. Beunruhigt hat mich, als ich heute morgen erwachte und Dich neben mich fand. Du sahst ziemlich erschöpft aus. Jetzt wollte ich gerade zu Euch nach Hause kommen."
Sigrid lächelte über den ungestümen Hergang von Helmas Begrüßung, sah sie aber auch ein wenig prüfend an. Fürwahr, ihre Schwester wurde von Tag zu Tag schöner und gereifter. Es wäre jammerschade, wenn sie unter die Räder käme oder einem brutalen Kerl in die Hände fiele! Gar nicht auszudenken!
Arm in Arm gingen die Schwestern der Gelderner Innenstadt zu. Helma war etwas kleiner als Sigrid, hatte aber an Attraktivität und Aussehen viel Gemeinsames mit ihrer älteren Schwester.
Die Haare, blond, trug sie lang und gewellt. Die Augen, Lippen und Nase glichen denen von Sigrid. Nur waren die äußeren Formen noch nicht ganz so reif und fraulich ausgeprägt wie Sigrids Formen. Deutlich sah man, dass ihre Brüste sich noch im Entwicklungsstadium der Pubertät befanden und noch nicht endgültige Form angenommen hatten. Woran man die beiden aber sofort als Geschwister, Schwestern erkannte, das war ihr gleichartiges Lächeln und beider Neigung, den Mund dabei nach rechts leicht zu verschieben - und viel und gern zu lachen.
Während Helmas Lachen aber noch ohne jegliche Färbung, noch frei und natürlich, geradezu jungmädchenhaft war und ziemlich naiv klang, obwohl sie schon so Niederträchtiges erlebt hatte im Heim, merkte man Sigrids Lachen Erfahrung und Unsicherheit an.
Auch Helma trug einen ziemlich kurzen Minirock. Sigrid stellte mal wieder fest, dass sie darin ganz anders, freier, lockerer, luftiger aussah als in der strengen Schwesternkleidung, aus der sie bedeutend älter hervorschaute und auch ernster wirkte. Fast neidvoll sah sie auf Helmas wohlgeformten Beine, obwohl sie selber keine schlechten hatte. Der Mini war so kurz bei Helma, dass ihre reizvollen Waden, Knie und Kniekehlen sehr wirkungsvoll sich darboten. Sigrid wusste, dass dies besonders weibliche Reizzonen für die Männer waren und betonte sie entsprechend auch immer wieder mit ausgefallenen Tricks. Es war daher kein Wunder, dass die Beine der beiden Schwestern immer wieder unterwegs von machem geilen Männerblick bedacht und begutachtet wurden.
In dieser Hinsicht erging es Helma nichts anders als Sigrid, obwohl Helma oft genug mit Wohlgefallen und prickelnden Empfindungen diese geilen Blicke zur Kenntnis nahm, sie durch die typische weiblichen exhibitionisitische Neigung förderte - ohne dies allerdings in Gegenwart von Männern hervorzukehren.
Wie alle Mädchen in ihrem Alter, wollte sie ihre, der Vollendung entgegenwachsende Geschlechtlichkeit vom genauen genitalen Gegenteil bestätigt wissen. Daher sonnte sie sich in diesen Männerblicken, dem begehrlichen Verhalten. Sie tat das nicht direkt immer mutwillig, sondern aus dem allen pubertierenden Mädchen innewohnenden Naturtrieb heraus, der die ewig alte und ewig neue Spannung zwischen beiden Geschlechtern verursacht und demonstriert, ja viele Mädchen oft dazu verführt, nur in ihm den Sinn und Zweck, die Aufgabe für das weitere Leben zu sehen.
Andererseits kam es durchaus vor, dass die beiden attraktiven Schwestern bewusst die Männer heiß machten. Sie machten sich zuweilen einen Spaß daraus, indem sie die kürzesten Röcke, die engsten Pullis oder durchsichtigsten Blusen oder tiefsten Ausschnitte präsentierten. Dann hatten beide einen mächtigen Spaß. "Die Männer scharf wie Katzenpisse machen" - so nannten sie das gemeinsame Unternehmen. Dann wackelten sie hüftesschwingend und mit wiegenden Hinterteilen durch die Stadt, stolzierten über den Mark wie brünstige Stuten und hatten einen Heidenspaß, wenn den Männern dabei die Augen aus dem Kopf fielen. Hernach frischten sie daheim sich kaputtlachend alles auf und hatten daran nicht minder Gefallen.
Am Ende der Pubertät und am Anfang der Adoleszens glich Helma daher jenen Mädchen, die im Aufbruch waren und das fazinierende Wirken ihrer eigenen Genitalität, ihrer von der Natur verliehenen weiblichen Merkmale im männlichen Geschlecht gerne widerspiegeln sehen.
„Komm", sagte Sigrid jetzt und dirigierte ihre jüngere Schwester zum alten Turm gegenüber dem Finanzamt, der weit über Geldern hinauszustarren schien und von Bäumen eingefasst war.
Sie setzten sich hier auf eine Bank. Sigrid wusste, dass hier oft auch Fixer, Herumtreiber und allerlei zwielichtiges Volk sich aufhielt. Doch war das meist abends und in den späten Nachmittagsstunden, da die kleine Parkanlage am Fuße des Turmes ziemlich hoch auf einem kleinen Hügel lag und keinen Einblick von der Straße oder vom Weg gewährte. Der Ort wurde daher von jenen Menschen besonders gern aufgesucht, die das Licht scheuten oder als Fixer mal schnell einen Joint rauchen oder sich einen Schuss setzen wollten. Sigrid hatte den Platz gewählt, weil sie wusste, dass er um diese Zeit menschenleer war und Helma und sie hier ihre Ruhe hatten.
Sigrid schlug ihre Beine übereinander. Helma tat es ihr nach. Einige Sonnenstrahlen, die durch das dichte Laubwerk der Bäume lugten, verirrten sich spielend auf die beiden Seidenstrumpfhosen der jungen Frauen und schienen auf ihren Knien und Oberschenkeln herumzutanzen, als mache es ihnen besonderen Spaß, über diese vier hübschen Beine zu huschen. Helma hob einmal kurz die linke Hand und wischte über das obere Knie – als könne sie damit die Sonnenstrahlen wegscheuchen. Aber es war eine unbewusste und eher unwillkürliche Bewegung.
Sie saßen ungestört und hatten einen Blick auf die Kreuzung am Finanzamt, ohne selber gesehen zu werden. Es war ruhig genug, um Konversation zu halten. Manchmal sahen sie einen Spaziergänger unter sich den Weg entlangwandern, Vermutlich ein Patient, der gerade den unten praktizierenden Orthopäden besucht oder verlassen hatte. Leise, wie wehmütig, wehte der Wind milde raschelnd durch die Blätter an den Sträuchern und Bäumen.
„Was hast Du also auf dem Herzen?" wandte Sigrid unvermittelt der Schwester das Gesicht zu, nachdem beide eine Weile geschwiegen und wie verloren in die Ferne gestarrt hatten, als gäbe es dort ein Geheimnis zu ergründen.
„Helma, nimm Dich vor unserem Bruder, vor Walter in acht – das möchte ich Dir gleich hier am Anfang sagen!" Sie sah ihre Schwester prüfend an. Wie reagierte sie?
Helma war über die unvermittelten und sehr ernsten Worte ein wenig zusammengezuckt.
„Weißt Du, Sigrid", sagte sie dann aber, wenn auch noch ein wenig stockend, „es gefällt mir nicht auf der Gebärstation im St.Clemens-Hospital; da war mein vorheriger Platz kurzweilig als Putzhelferin und Essensausteilerin auf der Männerstation besser.."
„Und warum gefällt es Dir auf der Station nicht? Sind es die anderen Schwestern, die Ärzte oder die Station selbst? Es muss doch, wie ich mir vorstellen kann, wahnsinnig interessant sein, wenn man als Mädchen bei der Geburt dabei ist und sieht, wie all die kleinen Erdenbürger zur Welt kommen. Da weiß man doch wenigstens für später, wenn man mal selbst ein Kind bekommt, wie es sein wird, was zu erwarten ist, ja wie es genau zu machen ist bei den Wehen und der Geburt des Kindes selbst."
Helma legte den Kopf etwas schief, schien die Antwort zu überlegen. „Ja, das stimmt vielleicht", meinte sie dann leise, dann aber etwas verbal erregter: „Am Anfang war es ja auch so, da war ich sehr neugierig und gespannt, weil ich so etwas noch nie gesehen hatte. Aber dann wurde es mir immer unangenehmer und auch peinlicher…"
„Peinlich?"
„Ja!"
„Was? Das Gebären?" Sigrid wollte es erst nicht glauben.
Helma sagte: „Nein, das Gebären an sich wohl nicht! Aber die damit verbundenen Dinge und Begleiterscheinungen, das ganze Blut, das Drumherum…"
„Verstehe ich trotzdem nicht", staunte Sigrid, „da musst Du Dich schon ein bisschen deutlicher ausdrücken."
Helma wurde etwas rot. Das stand ihr. Die leichte Röte ging von den Wangen aus, wanderte wie ein sich langsam bildender Regenbogen bis zum Kinn und Hals hinab, um hier eine intensivere Färbung anzunehmen. Als Helma merkte, dass die ältere Schwester sie anschaute, vertiefte sich dieses Rot noch, so dass es ihr deutlich noch peinlicher wurde.
„Das ist es ja gerade", entgegnete Helma nun, „ja, das ist es gerade, was ich selbst nicht so recht verstehe. Die Gebärenden erheben aber mitunter ein so großes Geschrei, Wehklagen und Jammern, dass ich mich jedes Mal neu erschrecke, dass ich wirklich ganz konfus werde und regelrecht abgeschreckt."
„Es tut ja auch tatsächlich weh", versuchte Sigrid einzulenken und zu trösten. Trotzdem war sie eigentlich froh, nicht selber in der kurzen Ehe schwanger geworden zu sein.
„Ja – und gerade das stößt mich ab, hindert mich, es im Rahmen einer natürlichen Notwendigkeit zu betrachten."
Helma schwieg nach diesen Worten, sah einer Biene zu, die in der langsam untergehenden Sonne vor ihrer Nase an einem Strauch herumsummte. Und sie musste daran denken, wie abgebrüht da andere Schwestern waren. Wenn sie sich manchmal in den Umkleideräumen trafen, lachten sie sich fast krank über mancherlei Begebenheiten. Etwa jene Assistentinnen, die auf der chirurgischen Abteilung bei den Operationen assistierten und sich über die unter dem Hemdchen nackten Männer amüsierten, die rasiert und mit einem Leistenbruch in den Operationssaal gefahren wurden. Waren sie narkotisiert, wurden sie desinfiziert zwischen den Beinen. Dann wurden Witze über die Größe der Geschlechtsteile gemacht, oder man pinselte sie bewusst mit dem Mittel übertrieben großflächig und gelb ein, obwohl man wusste, wie denkbar schlecht das Zeug abging…
Wie aus einem plötzlichen Entschluss heraus sagte Helma plötzlich: „Eigentlich wollte ich aber etwas anderes mit Dir besprechen."
„So?" mehr sagte Sigrid nicht, war aber gespannt, was Helma ihr mitteilen wollte. Sie wartete geduldig, da sie wusste, dass Helma zuweilen eine lange Anlaufzeit brauchte, um sich mitzuteilen, selbst der eigenen Schwester gegenüber, der sie volles Vertrauen schenkte.
Helma sagte jetzt langsam: „Ich habe in der vergangenen Woche einen jungen Mann kennen gelernt. Walter brachte ihn einmal an einem Freitag mit, als er mich mit seiner Freundin hier abends am Krankenhaus zu einem Bummel in Geldern abholte. Wir sind damals auch noch nach Straelen gefahren…"
„Von Walter kann doch gar nichts Gutes kommen", wandte ihre große Schwester ernst ein.
„Das habe ich mir anfangs auch gedacht und gesagt. Aber dieses Misstrauen scheint mir langsam nicht mehr berechtigt. Es scheint eine besondere Art von Mann zu sein – sogar Walter hört auf ihn, und das will doch schon etwas heißen."
Ja, Sigrid kannte das aus eigener Erfahrung, als sie noch jünger war. Jeder Mann hatte „so eine Art", war „etwas Besonderes", wie man als Frau zunächst glaubte. Bis sich dieser rätselhafte Schleier lichtete und festgestellt werden konnte, dass überhaupt nichts Geheimnisvolles bei der ganzen Sache war, sondern nur die höchst wankelmütigen Gefühle und Empfindungen sich mal wieder als Eulenspiegelei erwiesen hatte, indem sie Illusionen vorgaukelten, die mit einem Schlag zerstört wurden, wenn sich der Schleier lichtete und die Realität dahinter zum Vorschein kam. Wie oft hatte sie das erlebt!
„Wie alt ist er denn?" fragte sie dann doch neugierig die Schwester skeptisch und misstrauisch. Sie wusste, wie schnell gerade junge Mädchen wie Helma mit Illusionen behaftet waren.
„In Walters Alter ist er…"
„Also 22?"
„Ja, gerade erst geworden. Er heißt Werner Färber und ist so seltsam, aber auch gut, dass er mir sehr imponiert hat…" Bei diesem Wort überzog wieder ein leichtes Rot Helmas Gesicht, das ihr reizend stand.
„Du möchtest also", mutmaßte Sigrid und wechselte die überschlagene Beinstellung, „dass ich Dir nun einen Rat gebe, wie Du Dich verhalten sollst?"
„Nein – das heißt: ja…Ich möchte, dass Du dir ihn mal ansiehst."
„Donnerwetter!" Sigrid musste schlucken. „Ist es schon so weit? Hat es Dich schon so feste gepackt? Du bist also rettungslos verliebt in Ihn?"
Helma schüttelte unbestimmt den Kopf, dass die blonden Locken wie ein windiger Vorhang über ihr Gesicht huschten und es streiften.
„Ich weiß nicht recht, ob ich tatsächlich unsterblich verliebt bin. Aber er nimmt mein ganzen Denken momentan gefangen, ja, ich kann zuweilen kaum noch einen klaren Gedanken fassen, so dass sie meine Geistesabwesenheit sogar auf der Station schon bemerkt haben und ihre Witze darüber rissen. Willst Du ihn Dir mal anschauen?"
„Was denkst Du denn?! Natürlich werde ich das tun! Schließlich lasse ich Dich doch nicht einfach ins Verderben rennen. Ich werde diesen Kerl sogar ganz genau unter die Lupe nehmen, verlass Dich darauf. Die Männer sind oft sehr gerissen, Schleimscheißer. Sie verstehen es wunderbar, mit raffinierten Theaterstücken an das zu gelangen, was sie haben möchten. Eigentlich sind sie immer nur auf die Befriedigung ihrer sexuellen Neigungen aus. Alles andere tritt dabei in den Hintergrund oder dient nur diesem triebhaften männlichen Verlangen…"
„Ich glaube aber bestimmt, dass er anders ist. Du wirst es ja selbst sehen." Helma sagte es ziemlich bestimmt.
„Warten wir es ab", dämpfte Sigrid ihren Optimismus, die bereits gemerkt hatte, dass Helma bei dem Begriff „Kerl" ziemlich die Lippen geschürzt hatte. „Vielleicht ist dass alles nur Schwärmerei, eine vorübergehende Phase."
„Er wird morgen Abend mit Walter zum Krankenhaus kommen und mich abholen. Ich hatte ihm schon gesagt, dass ich ihn mit Dir bekannt machen möchte. Er hatte auch nichts dagegen einzuwenden."
Die beiden Schwestern erhoben sich.
„Bring ihn doch einfach mit nach Hause" meinte Sigrid im Aufstehen.
„Ist das Dein Ernst?" fragte Helma geradezu entsetzt.
„Natürlich, meine Liebe, „dann können wir gleich sehen, wie er auf unsere Bruchbude auf der Vernumer Straße reagiert, wenn er sie sieht!"
Helma sah ihre Schwester immer noch recht zweifelhaft und mit nach links geneigtem Kopf. Sie wusste nicht: machte sie nun Spaß oder meinte sie völlig ernst, was sie da mit der Bruchbude vorschlug? Manchmal wusste Helma wirklich nicht so recht, wo sie mit Sigrid dran war.
Sie gingen den Weg vom Turm und Hügel hinunter. Der Mühlenturm warf bereits seinen breiten Schatten bis zum Finanzamt. Sie gingen an der orthopädischen Praxis und dem Caritasverband vorbei, überquerten bei der Kinderarztpraxis Dr. Schrey den Südvall, um durch den schmalen Weg bei Aldi vorbei den Marktplatz zu erreichen, den sie nur kurz überquerten, um durch die Glockengasse auf die Issumer Straße zu gelangen. Über das Issumer Tor, rechts bei der Polizei, an der Weseler Straße vorbei, wanderten sie die Stauffenberger Straße bis zur Vernumer Straße entlang, vorbei am so genannten „Sozial-Glaskasten, jene imposanten Bauten, wo die Polizei mehr Runden drehte, als ihr eigentlich lieb war, weil dort immer was los war.
Sigrid wollte mit Helma daheim zu Abend essen und sie dann zurück zum Krankenhaus bringen. Das tat sie nach dem Abendessen auch, wobei sich beide Schwestern noch viel zu sagen hatten.
7
Eine seltsame Begegnung
"Warum?" fragte der junge Mann mit den blauen Augen und dem dunkelblonden Haar. "Man muss das ein wenig umrissener sehen und darf deshalb nicht den Fehler machen, die Dinge nur allgemein zu betrachten..."
Sein schmales, ein wenig blasses Gesicht mit den ironischen wirkenden Mundwinkeln und den durchaus schwungvoll und schön zu nennenden Lippen verzog sich bei diesen Worten ein wenig. Kurz danach lächelte er aber wieder und zeigte dabei zwei wundersame Grübchen.
"Für Sie ist scheinbar die Welt nur ein großer Misthaufen - aber bedenken Sie bitte, dass der Mist von uns selber produziert wurde. Außerdem fördert der Mist das Wachstum mitunter sehr schöner Blumen. Das sollte auch Sie ein wenig trösten und nicht gar so pessimistisch oder gar böse stimmen."
Sigrid, die regelrecht in Rage geraten war und rote hektische Flecken im Gesicht bekommen hatte, schnappte jetzt regelrecht nach Atem.
"Das ist aber wirklich ein kurioser Vergleich", brachte sie schließlich mühsam hervor. Denn so sehr sie sich auch bemühte, diesen Kerl, diesen Werner Färber aus dem Konzept zu bringen - stets übertraf er sie mit einer noch ironischeren, einer noch gesalzeren Bemerkung. Hatte sie schon ein lockeres Mundwerk, wenn es darauf ankam und sein musste, so stellte er dieses noch in den Schatten, hatte ein noch größeres, frecheres . Dabei, so musste sie sich ärgerlicherweise insgeheim eingestehen, war vieles so wahr, was er sagte.
"Vergleich oder nicht Vergleich", spottete er nun zu ihren Worten. "Sie scheinen die Meinung zu hegen, dass sie das arme, bedauernswerte Geschöpf seien, das harmlose und arg Verfolgung leidende, das von den bösen und schlimmen Männern verführt, missbraucht und schikaniert wurde und noch immer wird! Ja, und dann nehmen Sie sich sogleich frei und fröhlich das Recht heraus, einen dicken Stab über alle Männer dieser Erde zu brechen. Entschuldigen Sie - aber merken Sie denn gar nicht selbst, dass das albern, kindisch und einfach dumm ist? Ja, stampfen Sie ruhig zornig mit dem Fuß auf, das ist noch immer besser als Selbstmitleid und Bedauerung der eigenen Persönlichkeit. Ich weiß und kann es mir lebhaft vorstellen: am liebsten möchten Sie mir jetzt ins Gesicht springen und es zerkratzen - stimmt´s? So ist es recht, denn die richtigen Krallen dazu haben Sie gewiß."
Sigrid war völlig sprachlos. Und dann geschah etwas, was ihr lange schon nicht mehr passiert war: Sie wurde rot. Ja, wirklich, sie wurde richtig rot! Selbst zum Hals und Nacken zog sich diese Röte hin.
Das Schlimme daran war, dass sie das selbst bemerkte, darüber furchtbar erschrak, sich maßlos ärgerte. Und weil sie es selbst merkte, dieses Rotwerden, denn ihr wurde auf einmal ganz heiß, errötete sie noch mehr - aus Scham, aber auch aus hilfloser Wut darüber.
Sie wäre diesem Färber wirklich liebend gern sogar mit dem nackten Arsch ins Gesicht gesprungen, wenn es nur schicklich gewesen wäre. Gab es das denn überhaupt? Sie, die angeblich selbstsichere und ältere Sigrid, die sich von keinem Mann mehr aus der Ruhe bringen ließ, saß hier im kleinen Stübchen auf der Vernumer Straße mit diesem "Schnösel" und befand sich wie auf heißen Kohlen, war ich echte Schwulitäten geraten. Ja, sie kam sich vor wie ein kleines Schulmädchen, das seinen Lehrer liebt oder bei verbotenem Tun ertappt worden war und darob sogleich errötete.
Das war ja ein Ding!
Sie war in einer für sie äußerst unangenehmen Lage und fühlte sich so unsicher wie ein kleines Kind, versuchte diesem unverschämten Bengel nicht einmal in die Augen zu sehen, in denen oft genug der Spott und Schalk aufblitzten.
Zunächst hatte Sigrid, als Helma ihr den Mann vorgestellt hatte, geglaubt, mit einem "solchen Knaben" leichtes Spiel zu haben, denn er sah längst nicht wie schon 22, eher wie 18 oder noch jünger aus. Aber er hatte ihr Testvorhaben offenbar sofort durchschaut, obwohl er scheinheilig darauf eingegangen war, dabei aber soviel Spötteleien parat hatte, dass ihr das Spiel bald verleidet worden war.
Aus Gründen, die sie selbst nicht zu erklären wusste, hatte sie dann versucht, mit ihm allein zu sein. Dazu ergab sich Gelegenheit, als sie Helma gemeinsam am späten Abend zum Krankenhaus zurückbegleiteten.
Sigrid war mit ihm zurückgegangen. Helma hatte auch nichts dagegen gehabt. Sie waren wieder in das kleine Stübchen zurückgekehrt, in dem sie jetzt noch saßen.
Walter betrieb draußen seine eigenen Geschäfte. Mutter und Großmutter waren schon ins Bett gegangen. Sigrid und Fäber saßen auf dem Sofa, das für alles herhalten musste. Sie hatte versucht, ihn mit ihren weiblichen Waffen zu schlagen, sozusagen als Test, ob er darauf abfahren, sie anmachen würde. Dann wäre er nichts für Helma gewesen. Doch darauf war er nicht reingefallen. Sämtliche Verführungskünste hatte sie angewandt, alle Register des weiblichen Könnens gezogen.
Raffiniert hatte sie beim Sitzen ihren ohnehin schon kurzen Rock wie unbeabsichtigt höher rutschen lassen, hatte die Brüste wie auf einer Miß-Universum-Show, wie eine Weltmeisterin nach außen gestreckt, um auch mal so zu lachen, dass sie gehörig wackelten. Sie hatte alle jene kleinen und großen Kniffe, Stellungen und Reize durchexerziert, mit der eine Frau in der Regel einen Mann aufs erregende und glitschige Eis zu locken versucht. Doch das fruchtete alles nichts. Wahrscheinlich hatte er ihr Gehabe gleich durchschaut. Und eigenartig, später - Tage danach - musste sie immer noch an ihn denken und ertappte sich dabei, wie ihr Interesse für ihn beständig wuchs.
So eigenartig das aber auch war, sie versuchte sich selbst eine "dumme Ganz" zu schimpfen. Doch da musste sie mit erneuter Überraschung und nicht gelindem Erschrecken feststellen, dass er ihr Denken immer mehr gefangen nahm. Je mehr sie sich dagegen wehrte, je mehr sie sich auflehnte, aufbegehrte und sich eine Torin schalt, desto mehr glitten ihre Gedanken ständig zu ihm hin.
Ja, indem sie sich schalt und heftig sträubte, ihre Gefühle der strengen Koontrolle des Verstandes zu unterwerfen versuchte und alles weit von sich zu weisen trachtete, wurden in Wirklichkeit ihre weiblichen Empfindungen in gerade diese Richtung gelenkt und auf ihn fixiert. Unweigerlich landeten sie immer wieder bei seiner Person.
Hinzu kam noch der erschwerende Umstand in Form ihrer Schwester. Ihr gegenüber fühlte sie sich schuldig, hatte sie ein schlechtes Gewissen. Und was bedeutete dieses Schuldgefühl der jüngeren Schwester gegenüber anderes, als dass sie begann, sich zu verlieben, bestrebt war, ein bestimmtes Gut zu erwerben?
Das durfte doch wohl nicht wahr sein!
Sie, Sigrid, und sich verlieben? Nach dem Reinfall in der kurzen Ehe vorher mit dem Lagerarbeitet? Das war doch wirklich ein Unikum, eine Unmöglichkeit!
Doch sie mochte sich innerlich noch so sehr darüber aufregen, dagegen sträuben, so änderte das doch nichts an den Tatsachen. Alle Zeichen und Empfindungen deuteten auf das Verliebtsein hin. Und das binnen blitzkurzer Zeit! Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen!
In den folgenden Tagen, seit sie Färber das erste Mal persönlich kennengelernt hatte, fühlte sie sich sehr unruhig und atmete auf, als sie ihn bereits zwei Tage später zufällig in der Fußgängerzone in Geldern antraf, als er gerade einen Lottoschein ausfüllte.
Sigrid wollte ebenfalls gerade einen Lottoschein auf der Issumer Straße im Lottogeschäft abgeben, da ihre Familie gelegentlich mit vereinten Kräften und trotz der miesen finanziellen Lage Lotto spielte und auf den großen Glückstreffer und dem Mann mit dem Geldkoffer hoffte. Sigrid sah ihn nicht sofort, da eine ganze Schlange an Menschen im Lottogeschäft stand. Alle hofften auf das große Glück. In stillen Augenblicken sagte sich Sigrid, dass die ganze Lottospielerei fauler Zauber war, es einzig der Staat war, der abkassierte in jeder Form, weil die Menschen so dumm waren, auf eine Chance zu hoffen, die eins zu Million oder weit höher war und der berühmten Stecknadel im Heuhaufen glich. Es wunderte sie überhaupt, dass die Behörden so streng jegliche Art von Glückspielen verboten und das Lotto nicht, denn das Lotto war ja erst recht ein Glücksspiel, bei dem Menschen ausgenutzt und verführt werden, zu investieren, obwohl sie so gut wie keine Chance besaßen, wirklich etwas zu gewinnen. Der Staat hoffte wie ein Angler auf jene Fische, die anbissen, weil einer mal gewonnen hatte, eine Million oder mehr. Also glaubten alle anderen naiv, sie würden irgendwann einmal gewinnen - selbst wenn sie darüber alt wurden oder ein dreiviertel Jahrhundert Lotto spielten, ohne jemals einen Volltreffer gelandet zu haben!
Wie viele Ehen waren wegen Lotto schon in die Brüche gegangen, wieviel Streit hatte es darum schon gegeben. Sie wusste, dass es Menschen gab, die wegen einem Lottoschein darbten, Sozialhilfeempfänger, die lieber die karge Hilfe zum Lebensunterhalt in Lottoscheine investierten statt in die Nahrung oder den persönlichen Lebensbedürfnissen. Sie empfand das, obwohl sie für Großmutter gelegentlich selber einen Schein wegbrachte, als ausgesprochene Sauerei und gewissenlose Ausnutzung menschlicher Wunschvorstellungen von einem besseren Leben.
Als sie daher Färber ziemlich vorne in der Reihe gewahrte, ihr Herz lauter zu pochen anfing, beschloß sie, ihn gelegentlich mal nach seiner Meinung zu fragen, wie er denn selbst zum Lotto stehe. Aber vermutlich würde er um ironische Ausreden nicht verlegen sein. Was Sigrid weiter störte, war die Tatsache: Obwohl sie sich noch immer gegen seine Art sträubte, wie er sie behandelte, merkte sie doch mit zunehmender Angst, dass sie im Begrif war, in ihren bisherigen Anschauungen und Meinungen über sich und das Leben, die Mitmenschen wankend und unsicher zu werden. Oder war das vielleicht nur eine Täuschung, die sie sich zur eigenen Beruhigung einzureden versuchte?
Sie wusste es nicht und war von Tag zu Tag verwirrter und nervöser geworden. Man verabredete sich. Zunächst hatte Färber nach dem zweiten Zusammentreffen aus sich heraus den Wunsch nach einem Wiedersehen geäußert.
"Wie? Liegt Ihnen denn überhaupt etwas an meiner Person?" war es ihr ungewollt ironisch entfahren, weil sie ihn nachäffen wollte, um ihn zu treffen. Es war seltsam, aber Sigrid hatte schon oft die Erfahrung gemacht, dass der Mensch zuweilen ein äußerst seltsames und verücktes Tier war, versuchte, gerade jene Menschen zu ärgern, zu treffen und zu beleidigen, zu verletzen, die er eigentlich wirklich und vielleicht sogar über alles liebte.
Doch er hatte spöttisch erwidert: "An Ihnen nicht, aber an der Sigrid Gewis!"
Verblüfft und ärgerlich hatt sie seinen Spott nachzumachen versucht. "Liegt Ihnen denn nichts an Helma?" hatte sie gefragt und gehofft, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. "Oder fahren Sie gern zweigleisig, damit sie zwei Eisen im Feuer haben?"
Mit Genugtuung hatte sie festgestellt, dass diese Worte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatten. Einen winzigen Augenblick hatte es in seinen Augen gefährlich aufgeblitzt. Und triumphierend glaubte sie schon, er würde aus der Rolle fallen. Dann aber hatte er wie gleichgültig gesagt: "Ihre kleine Schwester ist ein nettes und sauberes Mädchen - viele Mädchen könnten von ihr lernen. Doch sieht sie die Dinge und Realitäten der uns umgebenden Welt ein wenig verfälscht. Die berühmte rosane Brille sitzt ihr noch zu fest auf der Nase. Doch das ergeht uns wohl allen so im Leben, zumal in der Pubertät, weil wir dann alle bestrebt sind, alles aus den realistischen Fugen zu reißen..."
Und dann trafen sie sich doch wieder. Jetzt verging schon seit zwei Wochen kein Tag, an dem sie sich nicht trafen. Anfangs hatte Sigrid ja Angst gehabt und genau aufgepaßt, wie er sich verhalten würde, zumal beim Anblick der "Bruchbude".
Doch auch dieser Einstand mit Helma brachte typischerweise nur Verwirrung und Rätsel. Er tat offenbar so, als sehe und bemerkte er die Schäbigkeit und Schlampigkeit in der Wohnung gar nicht. Und als sie ihn in Versuchung führen und zu einem abfälligen Wort darüber verleiten wollte, sagte er nur wie nebenbei: "Ich habe schlechtere Behausungen gesehen! Geld ist nicht immer ein Zeichen dafür, dass der, der es besitzt, auch charakterlich so wie dieses wertvolle Metall glänzt oder durch das Leben geläutert wurde!"
Diesen Vergleich hatte sie wirklich umwerfend gefunden.
Gar zu gern hätte sie sich diesen mysteriösen Ausspruch von ihm näher erklären lassen, um seine Gedanken darüber zu erfahren. Aber natürlich war Sigrid viel zu stolz, ihn darum zu bitten. Sie konnte ja auch nicht ahnen, wie sehr sie diesem Stolz später noch zu Leibe rücken musste.
Auf Großmutter machte Färber jedenfalls einen "sehr, sehr guten Eindruck", wie diese selbst bekundete.
Frau Ottilie schien ihm allerdings nicht zu gefallen, das zeigte er auch recht deutlich.
Walter lag ihm fast zu Füßen wie ein räudiger Hund. Sigrid musste bei diesem Vergleich unwillkürlich lächeln.
Helma selbst ahnte noch nichts, sondern vertraute Sigrid völlig. Das machte ihr alles so besonders schwer.
Und nun saßen sie also wieder allein auf dem Sofa in der kleinen Stube und Sigrid gingen diese Gedanken blitzschnell durch den Kopf. Dabei trieben es beide weit schlimmer als der Vergleich "Katze und Hund" oder "Katze und Maus" bei einer Begegnung auf der Straße oder auf dem Maisfeld.
Jeder versuchte, dem anderen dort eins auszuwischen, da zu treffen, wo er eine Lücke zu erspähen glaubte, wo er besonders empfindlich zu sein schien.
Wer sich neckt, liebt sich! Das schien hier genau zuzutreffen. Nur wollten es sich beide einfach nicht eingestehen. Die Zeit sollte es aber an den Tag bringen. Alles war wirklich nur eine Frage der Zeit.
Momentan warf Sigrid wild den Kopf zurück. "Vielleicht sagen Sie mir einmal, warum der Mensch überhaupt lebt und liebt, wenn das doch nur relativ kurz ist?!"
Etwas erstaunt sah Färber sie an. "Eine recht eigenartige Frage aus Ihrem Munde. Warum man überhaupt lebt? Nun, wir leben einfach, weil wir es müssen und natürlich auch wollen. Klingt ganz einfach, nicht wahr?" fragte er, als er sah, dass Sigrid geringschätzig die Mundwinkel verzog. "Aber so einfach ist die Frage gar nicht zu beantworten, selbst wenn sie einfach klingt. Wir Menschen sind geneigt und bestrebt, dem Leben die guten Seiten abzugewinnen, obwohl wir dauernd mehr die schlechten antreffen - das trifft selbst für die - mit Vorbehalt gesagt - bösen Menschen zu..."
"Und was verstehen Sie unter guten Seiten?" unterbrach Sigrid ihn.
"Oh - vielerlei. Jede Handlung hat irgendetwas Gutes an sich, das trifft selbst für solche zu, die uns verwerflich erscheinen. Ein Verbrecher mag eine böse Tat ausführen. Doch warum tut er das? Immer im Hinblick auf die Verschaffung eines Vorteils auf illegalem Weg. Mag das auch nicht moralisch annehmbar sein, so ändert das doch nichts an der Tatsache und daran, dass sein Vorhaben auf bestimmte Zufriedenstellung seiner eigenen Interessen zielt. Nur sind die Mittel jeweils nicht legal..."
"Und die Mörder?" fragte Sigrid ganz spontan, weil sie ihr gerade in den Sinn kamen.
"Die Mörder? Warum gleich so hoch gegriffen? Selbst ein Mörder ist nicht bodenlos schlecht. Auch er erstrebt in der verwerflichen Aktivität der Handlung eine Zufriedenstellung. Tötet er etwa aus Eifersucht, dann tut er dies aus Angst, ein bestimmtes Gut, das seine Zufriedenheit gewährleistet, nicht zu verlieren."
"Dann sollte ein Verbrecher also nicht bestraft werden?" Sigrid fragte es gespannt. Sie wollte ihn unbedingt in eine selbstgegrabene Grube fallen lassen.
Doch er antwortete sogleich: "Das habe ich damit nicht gesagt. Ich würde nur den Begriff Strafe abändern. Strafe ändert ja nicht den jeweiligen Tatbestand. Strafe ist nur immer eine Folge und Erscheinung unserer Entrüstung, die sich dadurch Luft und mitunter sogar Ergötzlichkeit verschafft. Der Mensch straft gern und viel, weil ihn das selber mit seinen eigenen Schuldgefühlen beruhigt, weil ihm das auch nicht selten Bedauerung verschafft. Das Kind, das gezüchtigt wird, wird anschließend gestreichelt und liebkost. So verkehrt und verdreht ist unsere Welt. Oft strafen und bedauern wir sogar zur gleichen Zeit. Die meisten verwechseln auch Sühne und Strafe. Das, was wir Sühne für eine Tat nennen, ist keine Sühne. Sühne ist immer die freiwillige Auferlegung von Buße - und zwar aus sich selbst heraus für das eigene Tun und Handeln. Nicht aber gezwungenermaßen. Die Bereitschaft dazu ist unerläßliche Vorbedingung. Nun hat das Wort Buße freilich einen etwas religiösen Hauch und gerät daher oft in Verrufenheit. Strafe hingegen ist Gewalt, ist Zwang und Auferlegung körperlicher oder seelischer Leiden, Entzug und Verweigerung bestimmter Entscheidungen und Freiheiten. Das übersehen die meisten! Außerdem kann die Handlung während eines bestimmten Zeitpunktes nicht derart gewertet werden, dass man sie als Wertmaßstab für alles vorherige oder spätere Tun gebraucht. Ja, ich hege sogar die Ansicht, dass eine gute Tat für die Dauer ihrer Ausführung sämtliche Fehler und Schwächen kurzweilig aufhebt..."
Sigrid hatte mit nagenden Unterlippen immer erstaunter zugehört. In einer solchen sonderbaren Sprache, fand sie jetzt, hatte noch nie jemand mit ihr gesprochen. Das waren ja ganz neue Perspektiven und Möglichkeiten, die ihr da offenbart wurden!
Sie sagte jetzt ein wenig nachgiebig: "Ich habe den ´Mörder´ nicht bewusst zitiert. Ich hätte auch ein anderes Beispiel anführen können, etwa die Prostitution - ja, ist nicht die Prostitution verwerflich?"
Sie fragte dies lauernd und listig, um ihn auf die Probe zu stellen. Was würde er nun darauf antworten, mit welchen klugen Worten seinen Senf dazu geben?
"Die Prostitution", sagte er und schwieg einen Augeblick nachdenklich, rückte auf dem Sofa zurecht und fuhr sich durchs Haar. "Hm, man kann sie natürlich von vielen Seiten betrachten. Ich finde, ob auf der Straße oder registriert im Bordell - was macht das einen Unterschied? Ich selber war noch nicht in einem Bordell, meine aber, dass die ganze Sache irgendwie einen mächtigen Haken hat..."
"Ist Ihnen schon einmal eine Nu..., ich meine, Dirne begegnet?" Sie saß bei dieser fast scheinheiligen Frage wie auf brennenden Kohlen.
"Eine?" fragte er wie zu sich selbst ironisch mit leicht nach oben gezogenen Mundwinkeln, so dass die Grübchen sich tief bildeten. "Mehrere! Ich habe mit vielen gesprochen. Gesprochen - sonst nichts, da sie sehr gern ihre Lebensgeschichte erzählen. Sie tun dies wohl aus eigener Rechtfertigung für ihr Tun..."
"Und?"
"Nichts und! Sondern es ist eher traurig, meine ich."
"Also verurteilen Sie solche Frauen?"
"Wer bin ich, dass ich mir solches anmaßen darf und kann?"
"Was aber dann?"
"Ich selber glaube", meinte er etwas leiser, "dass manche Frauen und Mädchen die Prostitution oft aus reiner Neugierde und Verachtung, aus Rache am männlichen Geschlecht und natürlich auch des Verdienstes wegen betreiben. Sind sie einmal in diesen Prostitutionskreislauf hineingeraten, sinken sie immer tiefer, sind wie ein Vogel in einem Käfig gefangen und finden keine Öffnung mehr, um diesem Käfig zu entschlüpfen. Es stimmt, einige mögen es ja aus tatsächlicher Not und infolge von Armut, Verführung und Enttäuschung tun. Doch glaube ich nicht, dass es sich so verhält, wie es allenthalben in den dick aufgemachten Illustrierten geschildert wird. Selten haben es Frauen nötig, die es wirklich tun. Es gibt bekanntlich bildhübsche Frauen unter ihnen, die wahrhaftig andere Chancen hätten, als diesem Gewerbe nachzugehen. In der Regel sind es jedoch geldgierige Frauen, die sich sogar ausgesprochen wohl dabei fühlen."
Sigrid hatte aufmerksam zugehört, fragte jetzt: "Würden Sie beispielsweise eine solche Frau heiraten?" Erst als sie diese Frage gestellt hatte, hätte sie sich am liebsten selbst auf den Mund geschlagen. Trotzdem wartete sie gespannt auf eine Antwort.
"Das ist schwer zu sagen", entgegnete er nach einigem Nachdenken. "Jedenfalls vermag ich das hier nicht aus der jeweiligen Situation heraus zu sagen. Es käme auf die Umstände und natürlich vieles andere mehr an!"
"Würden Sie denn persönlich eine solche Frau verurteilen?" Sigrid wollte unbedingt wissen, wie er darüber dachte. Sie merkte, dass sie ihn langsam in die Enge trieb, aber auf einmal hatte sie darüber keine Schadenfreude mehr, sondern bedauerte ihn fast.
"Nein!" kam es aber sehr bestimmt von seinen Lippen. "Dazu hätte niemand aus eigener Macht das Recht. Ich also auch nicht. Zudem sind die Männer oft noch schlimmer, die von solchen Frauen freigehalten werden, die ihre Lage schmählich ausnutzen."
Sie atmete hörbar auf, als sie das hörte, fragte dann plötzlich wie aus der Pistole geschlossen: "Und was halten sie von der Liebe an sich?"
"Alles!"
"Alles?"
"Klar!"
"Aber was wollen Sie damit sagen?"
"Dass die Liebe der Lebensrahmen ist, in und aus dem jeder Mensch sich bewegen sollte! Finden Sie nicht auch?"
"Ja, gewiß", strich Sigrid ihren Minirock glatt und zog ihn sogar etwas über die Knie, denn aus unerklärlichen Gründen wollte sie auf einmal nicht so entblößt und "freigiebig" da auf dem Sofa sitzen. "Wenn der Mensch aber keine Chancen und Möglichkeiten dazu hat - was dann?"
"Jeder hat sie!" sagte er sehr bestimmt. "Jeder hat auch ein Recht auf Liebe, Geborgenheit, Achtung und Zufriedenheit!"
"Schöne Worte!" sagte sie daraufhin fast bitter. "Aber was sollen die tun, die ausgestoßen sind oder das alles verlernt haben? Denn das gibt´s ja auch!"
"So etwas kann man nicht verlernen!" meinte er ein wenig erhitzt.
"Sooo?"
"Ja!"
"Und warum nicht, wenn man fragen darf?"
"Weil sie alle darauf angelegt sind!"
"Angelegt?"
Wie sehr sie dieses Bestimmte und Feste in seinem Wesen haßte. Doch dann wieder schlug es sie auch in den Bann, es freute sie sogar insgeheim.
8
Sie musste daran denken, dass bei ihm alles von dieser bestimmten Art geprägt war. Die beschloß, alles daran zu setzen, ihn einmal in Verwirrung zu bringen - das wäre eine sehr schöne Belohnung für sie gewesen. Wie alle Männer, wollte sie ihn auch kraft ihrer spezifischen Weiblichkeit beherrschen und in Bestürzung versetzen, vom hohen Sockel seiner scheinbar imposanten Männlichkeit stürzen, um sich dann schadenfroh an seinem Fall zu weiden. Und sie überlegte, wie sie ihn "fangen" könnte.
"Sind Sie gut?" fragte sie todernst, obwohl sie am liebsten gelacht hätte.
Er zündete sich eine Zigarette an, hielt ihr die Schachtel hin: "Auch eine?"
Sie nahm eine mit spitzen Fingern. Dann wartete sie darauf, dass er ihr Feuer geben würde. Doch sie wartete vergeblich. Nachdem er sich mit einem Wegwerffeuerzeug die Zigarette angezündet hatte, beugte sie bereits den Kopf mit dem Mund und der Zigarette darin etwas zu ihm hinunter. Er tat, als bemerkte er es nicht und schob ihr das Feuerzeug über den kleinen schmalen Tisch zu, der vor dem Sofa stand.
Das ärgerte sie.
Walter steckte auf einmal den Kopf herein. Das wurmte sie noch mehr. Ausgerechnet jetzt!
"Was willst Du denn?" bellte sie fast mit metallener Stimme und zog ein verdrießliches Gesicht, das ihr gar nicht stand.
Aber Speckschwarte tat, als hätte er sie einfach überhört, wendete sich an Färber: "Kannst Du mal eben kurz herauskommen?! Ich muss Dir was wichtiges sagen.
Färber erhob sich, ließ sogar seine Zigarette im Aschenbecher liegen, ging hinaus.
Sie blieben fast zehn Minuten draußen. Angespannt horchte sie, legte sogar die linke Hand ans Ohr, in der Hoffnung, vielleicht doch etwas mitzubekommen. Aber nur zuweilen verstand sie ein Gemurmel, das sie nicht deuten konnte. Offenbar sprachen sie sehr leise. Was sie wohl ausheckten?
Als Färber wieder eintrat und sich setzte, sah sie ihn an, als wollte sie in seiner Miene lesen, was draußen gesprochen worden war. Aber daraus ließ sich nichts deuten.
"Oh, meine Zigarette ist verqualmt! Daran habe ich gar nicht gedacht..."
Das war alles, wa er sagte. Und: "Wo waren wir stehengeblieben?"
"Ich habe gefragt, ob Sie selbst gut sind?!"
"Hm..."
"Das ist keine Antwort!" Sie drückte im Aschenbecher an der längst verloschenden Kippe herum, fragte dazwischen: "Was wollte Walter denn?"
"Ach, nichts besonderes. Sie wissen ja, dass ihr Bruder oft seltsame Ideen hat. Eine davon hat er mir unterbreitet..."
"Geht es um Rauschgift?"
Er war echt verblüft. "Damit habe ich nichts zu schaffen. Es ging um eine ganz andere Sache."
Zweifelnd sah sie ihn an, räusperte sich, wollte etwas sagen, als er meinte: "Wie kommen Sie überhaupt auf eine solch seltsame Frage mit dem Gutsein?"
"Ich möchte es halt gern wissen!" sagte sie fast trotzig und wischte sich über die Stirn. Es war warm in der kleinen, mit alten Möbeln vollbepackten Stube, zumal die Großmutter stets die Angewohnheit hatte, zu jeder Jahreszeit zu heizen. Dass sie nicht wie der faule Wanja noch auf dem Ofen lag, war eigentlich alles! Doch selbst bei diesem Gedanken musste Sigrid lächeln.
Färber sah es und fragte sogleich irritiert: "Warum lächeln Sie?"
"Ach - nichts, ich habe nur an etwas denken müssen, das mich dazu veranlaßte!"
Dann schwiegen beide, hingen ihren Gedannken nach.
Bis Sigrid demonstrativ ihren Pulli straff strich.
Sie bemerkte aus den Augenwinkeln, dass Färbers Blick kurz ihre herausfordernden Brüste streifte, bevor er sie aufmerksamm ansah. Sie bemerkte aber doch das feine Lächeln, das seinen Mund umspielte, als er einen Blick auf seine Armbanduhr warf. Sie hatte eigentlich schon frohlockt und geglaubt, ihn auf den Leim geführt zu haben - doch jetzt sah auch sie wie abgemacht automatisch auf ihre Uhr am Arm. Wollte er Zeit gewinnen?
"Sind Sie gut?" fragte sie noch einmal.
"Das ist gemein!" antwortete er jetzt etwas heftiger, längst nicht mehr so ausgeglichen. Er fühlte sich nun wohl in die Enge getrieben wie eine Maus, die vor der Katze flüchtet und in eine Sackgasse gelangt war. Vorher war es Sigrid so gegangen. Jetzt hatte sie den Spieß umgedreht und lachte sich eins in die Brust, weil er ein Gesicht zog, als hätte er eine saure Gurke und scharfe Zwiebel gemeinsam verschluckt und leide nun unter furchtbarem Bauchweh.
"Das ist gemein!" wiederholte er noch einmal und wische sich den Wärmeschweiß aus dem etwas geröteten Gesicht.
Sigrid stocherte gleich nach: "Warum soll das gemein sein?"
Er schoß eine Gegenfrage ab: "Sind Sie denn gut??"
"Das ist gemein!" Sie merkte zu spät, dass sie sich ebenso mit den gleichen Worten aus der verbalen Affäre zu ziehen versuchte wie er vorher selber.
Er lächelte ironisch und fast süffisant, als er es merkte, meinte: "Warum bin ich jetzt gemein, wenn Sie sich auch nicht damit bewarfen? Sagen Sie, wer ist schon gut? Wirklich gut, he?"
Sie zuckte noch geschockt die Achseln.
"Der gute Mensch braucht nicht erst geboren zu werden!" stellte er ziemlich nüchtern fest. Er bekam wieder Oberwasser, das merkte sie ganz deutlich.
Sie versuchte trotzdem noch zu kontern: "Das verstehe ich nicht. NIcht geboren werden? Wie soll sich das alles zueinander verhalten, wie soll man das verstehen?"
"Die Sache ist doch relativ einfach: der geborene Gute hätte seinen Zweck, sein irdisches Dasein erfüllt, noch bevor er es erkämpfen oder erleben kann. Was nützt ihm das Leben, wenn er kein Ziel anstreben kann? Wir werden ja geboren, leben, wachsen und gedeihen, um es zu bemeistern, um es auszufüllen. Doch nach menschlichem Dafürhalten ist der Sinn des Lebens, das Ziel immer darauf ausgerichtet, das Gute anzustreben. Warum das überhaupt? Wer stellt überhaupt fest, dass das, was wir das Gute nennen, tatsächlich auch wirkich das Gute ist, jenes, was uns im Leben am meisten nützt, glücklich macht und bis zum Ende durchhalten lässt? Vieles spricht dagegen, denn in früheren Jahrhunderten, das wissen wir alle längst aus der Schule, gab es vieles, was gut geheißen wurde, uns aber heute als schlecht, verdorben, verwerflich und strafbar, ahndungswürdig dünkt, während anderes, was wir heute als gut preisen und verherrlichen, damals als ebenso schlecht und verderblich, als lasterhaft und strafbar empfunden wurde. Menschen bestimmen offenbar stets selbst, was sie gerne für gut oder schlecht empfinden möchten, um uns dann glauben zu machen, das alles Gute von oben, alles Schlechte aber von unten komme - gemäß dem Motto: der Teufel hockt mit seinen Verführungskünsten tief drunten in der Hölle, während der liebe Gott als Beherrscher des Guten im Himmel thront und selber das Gute in Person oder Wesenhaftigkeit ist...Aber Leben ist zeit- und raumgebunden in eigentlicher Raum- und Zeitlosigkeit. Leben ist ein Fließen zu uns selbst, weil wir wachsen und sterben - egal ob gut oder böse..."
Er unterbrach sich selbst, weil er merkte, dass Sigrid etwas staunte, offenbar nicht alles genau verstand. Daher sagte er fast beschwörend: "Verstehen Sie, wie ich das meine?Leben ist Fließen, sei es nun in Form von Wachsen, Vergehen, Änderungen oder sonstigen Bewegungsprozessen. Das ganze Leben ist ja ein Bewegungsprozeß! Nicht nur ihr Körper bewegt sich andauernd, sondern auch Stimmungen sind der Wechselhaftigkeit, der absoluten Veränderung unterworfen. Kein Mensch ist daher so gut, dass er nicht doch noch besser oder schlechter werden könnte. Daraus ergibt sich natürlich nach menschlicher Logik auch zwingend, dass keiner so schlecht ist, dass er nicht noch schlechter oder auch besser werden könnte. Leben ist Werden; Werden wieder ist Aufbau. Und eben im Werden liegt die Entscheidung dessen, was der Mensch als gut oder böse identifiziert, liegt auch die Entscheidung zum Guten oder Bösen, aber es gibt ja auch einen guten Willen zum Bösen und einen bösen Willen zum Guten, so widersprüchlich das auch anmuten mag. Neutralität gibt es nicht..."
"Da muss ich Ihnen zustimmen", meinte jetzt Sigrid, obwohl sie nicht alles verstanden hatte."Doch Sie haben damit meine Frage nicht beantwortet: Sind SIE gut?!"
"Darüber mögen sich die Philosophen den Kopf zerbrechen, die dazu berufen sind, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen..."
"Fürchten Sie um ihr Prestige?"
Er lachte: "Nein. Aber gut, wenn es Sie beruhigt und Sie es zu wünschen wissen: ich bin nicht gut. Und das meine ich völlig ernst. Sind Sie nun zufrieden?"
"Nein. Warum sind Sie nicht gut?"
"Ich muss schon sagen", rieb er seine Nase und rümpfte dieselbe, "Sie haben Ausdauer. Verdammt noch mal, wie soll ich das selbst wissen, wenn ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht habe?"
"Das ist gelogen!" Sigrid sagte es scharf und umbarmherzig. "Dazu sind Sie doch gar nicht der Typ."
Hatte er eventuell auch immer Schuldgefühle wegen seines Kampfes um das Gutsein?
Doch er entgegnete fast lässig: "Wenn sie meinen!"
"Und ob ich das meine!" Jetzt, wo sie merkte, dass er unsicher geworden war, sich eine Blöße gegeben hatte, hakte und stieß sie umbarmherzig nach - fast mit sadistischer Freude -, damit er ja nicht Luft holen konnte. Jetzt hatte sie Oberwasser! Es bereitete ihr eine diabolische Freude, ihn immer mehr in Verwirrung zu stürzen, ihn seelisch zu quälen und auf die Folter zu spannen. Endlich hatte sie eine Lücke gefunden - so glaube sie jedenfalls. Sie, die sich eigentlich ansonsten gar nicht für so tiefsschürfende Sachen interessierte und lieber in seichten Gewässern schwamm, fühlte sich auf einmal pudelwohl.
"Also, wie ist das jetzt? Warum lügen Sie mir etwas vor?"
Färber wurde tatsächlich rot und hätte sich am liebsten verkrochen. Wo wollte sie mit ihren Vorstößen hin? Worauf hinaus? Er versuchte ihre Gedankenzüge zu erraten. Aber welche Gedanken mochte so eine Frau haben? Und wie herausfordernd sie ihre weitentblößten Beine zur Schau stellte! Übereinandergeschlagen, braungebrannt schienen sie ihn verlockend anzustarren. Er selber hatte sich vom Fleck weg in die um zwei Jahre ältere Sigrid verliebt, verbarg es aber geschickt und unterließ tunlichst alles, was ihr diese Liebe oder Anzeichen dazu hätte verraten können. "Ich weiß tatsächlich nicht, ob ich gut bin, doch glaube ich es nicht..."
"Was ?" staunte Sigrid, "Dass Sie gut sind?"
Er nickte. "Ja." Nach diesem kurzen Wort sah er sie voll an.
"Würden Sie mich denn für gut halten?" fragte er dann Sigrid.
"Ich glaube schon!" hörte sie sich zu ihrer eigenen Verwunderung wie aus weiter Ferne sagen. Kam das aus ihr selbst? Was war das, was da gedrängt hatte, gerade das zu sagen? Was hatte er gerade gesagt? Man musste ihn also noch einmal fragen. "Ich habe nicht ganz mitbekommen, was Sie gesagt haben. Bitte wiederholen Sie es noch einmal", bat sie daher.
"Ich habe gesagt und gefragt, ob Sie gut sind?" wiederholte er brav.
"Was glauben Sie?"
"Bedarf es dazu einer Erläuterung?"
"Ich möchte es trotzdem gerne wissen!"
Er atmete hörbar aus. "Hören Sie, Sigrid", redete er sie unvermittelt mit dem Vornamen an. "Seien Sie mir nicht böse, wenn ich Sie mit dem Vornamen anrede..." Jetzt nahm er doch tatsächlich ihre Hand, ohne dass diese von ihr entzogen wurde. "Also ich halte Sie für nicht schlechter oder besser als einen normalen Menschen. Vielleicht sollte ich es nicht sagen - aber Helma hat mir alles von Ihnen erzählt. Ich weiß alles!"
Sigrid war entsetzt. Er wusste alles? Unfaßbar! Sie bekam eine unbändige Wut auf Helma.
Es war, als sause ihr ein Dolch mit rasender Geschwindigkeit mitten durchs laut pochende Herz, so sehr erschrak sie. Sie wurde jetzt schneeweiß. Eine Bombe hätte nicht verheerender wirken können.
Er hatte sich also vermutlich nur lustig über sie gemacht! Gleich würde er sicher aufstehen, mit irgendeiner platten Entschuldigung - dass es schon spät sei oder so. Und eigenartig: erst jetzt merkte sie richtig, wie sehr sie Angst davor hatte, wie sehr sie ausgerechnet diese Reaktion fürchtete. Diese Angst schnürte ihr in gespannter Erwartung die Kehle zu und beschwor einen wahnsinnigen psychischen Zustand herauf. Es klang unmöglich, das wusste sie selber, aber sie liebte diesen verdammten arroganten Kerl, liebte ihn mit einer hektischen und nahezu rasenden Leidenschaft. Das alles kam erst jetzt richtig zum Vorschein, ihr ganz deutlich zu Bewußtsein. Glasklar stand ihr nun diese unumstößliche Gewißheit vor Augen.
Färber, der noch immer ihre Hand hielt und Sigrid so blaß werden ließ, dies auch sah, erschrak nun seinerseits. "Aber was ist denn? Ist Dir...äh, ich meine, ist Ihnen nicht gut?" forschte er besorgt.
"Ja, mir ist ganz elend!" gab sie bereitwillig und schwach zu. Nichts mehr von der harten und starren Haltung eines Lebens, das von Härte und der Prostitution geprägt worden war.
"Färber aber sprach zu ihrem eigenen Entsetzen genau das aus, was sie vermeiden wollte und befürchtet hatte: "Dann ist es wohl besser, wenn ich jetzt gehe, damit Sie sich ins Bett legen können, denn es ist ja auch schon spät und ich muss noch etwas schreiben für den Wochenanzeiger..." Er stand auf.
"Also doch!" entfuhr es Sigrid ganz spontan. Unbewußt waren ihr die Worte aus gequälter Brust entfahren.
"Wie bitte?" erkundigte sich Färber ziemlich verständnislos.
"Ach, nichts. Es ist schon wieder vorbei. Aber wenn Sie unbedingt gehen wollen - bitte, niemand hält Sie. Ihre Komödie hätten Sie sich sparen können! Jetzt kann ich mir auch vorstellen, warum Sie alles so aufgezogen haben..."
"Sigrid!" unterbrach er sie.
"Lassen Sie mich! Ist doch wahr. Sie sind genau so wie alle anderen Männer - schlecht und obendrein hinterlistig!"
"Jetzt wirst Du gehässig!"
"Und Du warst gemein..."
Es fiel ihnen gar nicht auf, dass sie sich in der Hitze des Gefechtes einfach duzten.
Färber stand auf einmal ganz auf, ging zu ihr hin und versuchte, sie am Arm zu fassen.
"Was ist denn auf einmal los?"
"Lassen Sie mich!, welchselte sie wieder auf das Sie und schaute fast böse auf. "Ich denke, Sie wollen gehen? Warum gehen Sie dann nicht?"
"So nicht", sagte er bestimmt und nahm wieder Platz - jetzt aber ganz dicht neben Sigrid, dass ihr abwechselnd kalt und heiß wurde. "Also was ist los?" drängte Färber. "Welche dicke Laus ist Dir über die gelbe Leber gelaufen!" Er wollte witzig klingen, aber er merkte selbst, dass dies gründlich mißlang.
Sigrid schwieg trotzig wie ein kleines gescholtenes Mädchen. Einen Augenblick sah es sogar so aus, als wollte sich Färber nun erneut erheben. Aber dann blieb er sitzen und schwieg ebenfalls. Er überlegte: Ob sie ihn hinauswerfen würde?
Das Schweigen dauerte an. Nur die große Uhr über dem Ofen tickte laut und nervenzermürbend. In Sigrids Gedanken und Gehirn klangen sie wie Donnerschläge und taten weh. Er sah zuweilen verstohlen auf Sigrid, die die Beine auf dem Sofa angezogen und halb untergelegt hatte.
Die Stille bildete eine fühlbare Spannung, die einer echten Belastungsprobe glich. Es war, wie wenn sich zwei Naturelemente mit Explosivstoff gegenüberstehen würden, zwei Urgewalten aufeinander prallten, dass die Funken nur so stoben und durch die ganze kleine Stube umherflogen wie kleine verdammte Teufelchen...
Die zwei Geschlechter - ein jedes einzeln von ihnen vertreten - standen sich stumm und belauernd wie zwei hungrige Wölfe gegenüber. Nur das Schweigen stand wie ein Abgrund zwischen ihnen und bildete momentan den Trennungsstrich, der aber auch nicht ewig dauern würde und einmal übertreten werden musste. Es knisterte geradezu vor Spannung. Und gewiß, so empfand Sigrid es, konnte es nichts Größeres geben, als die konzentrierten Gefühle und Empfindungen, deren Ladung eine schweigende Sprache schaffte, die aber schließlich doch wie eine Explosion der Seele sich entladen musste.
Und diese Explosion kam.
Es fing damit an, dass Sigrid schließlich das nervenzermürbende Schweigen satt hatte und es so bedrückend empfand, dass sie plötzlich den Kopf hochwarf, dass die Haare flogen. "So sag doch schon etwas! Man wird ja rein verrückt bei diesem Schweigen. Warum sagst Du denn nichts? Hat es Dir vielleicht die Sprache verschlagen?"
Er runzelte etwas verstört die Augenbrauen. "Na ja, was soll ich sagen? Du fährst mir ja doch gleich ins Gesicht. Du darfst nicht immer so mißtrauisch sein, überall nur etwas sehen, was Dir etwas will! Du musst auch einmal daran denken, dass Du nicht andere verletzt. Vorhin warst Du recht wütend, obwohl ich mich nicht erinnere, etwas Gemeines zu Dir gesagt zu haben..."
Er strich ihr unvermittelt sanft über das Haar, kraulte ihr zart den Nacken, so dass Sigrid leicht ins Zittern geriet und ein wohliges Gefühl ihren ganzen Körper durchrieselte, eine Gänsehaut entstehen ließ. Sie merkte sogar eine erotische Erregung: ihre Brüste schwollen mehr an, die Brustwarzen, das spürte sie ganz deutlich, drängten auf einmal hervor und wurden hart und spitz.
Er sagte: "Sei also wieder lieb, denn es ist mir doch völlig egal, was vorher war. Man darf einem Menschen nie etwas nachtragen. Bist Du nicht auch dieser Meinung? Ich selber glaube Dir sowieso nicht Deine äußere Ruhe und Gleichgültigkeit. Warum sollte es Dir anders ergehen als mir in diesem Augenblick? Du bist im Grunde sehr empfindlich und willst das sicher nur nicht wahrhaben, stimmt´s? Glaube nun nicht, weil ich etwas jünger sei als Du, hätte ich keine Menschenkenntnis. Und noch etwas: Du wirst inzwischen sicher schon gemerkt haben, dass Du mir nicht gleichgültig bist..."
"Ist das wirklich wahr?"
"Ja, was denkst Du denn? Warum schaust Du mich denn so entgeistert an?" Er hielt inne, weil Sigrid tatsächlich große Augen machte.
"Ja." fuhr er dann aber fort, "eigentlich wollte ich Dir heute ein Geständnis machen. Versprich mir aber, dass Du dabei ruhig bleibst, wenn ich es Dir sage. Versprochen?"
Sigrid nickte. "Klar!"
Färber sagte fast feierlich: "Ich liebe Dich und möchte nicht, dass Du meine Liebe als etwas anderes ansiehst."
Sigrid schwieg wie benommen.
Mit allem hatte sie gerechnet, nur nicht mit dies. Obwohl die Worte von ihm schlicht und einfach gesagt worden waren, erfaßte sie doch ihre ungeheure Bedeutung und ihren Sinn. Es schlug so gewaltig und plötzlich bei ihr ein, dass sie kaum zu atmen wagte, weil sie fürchtete, der Augenblick könnte zu schnell vorübergehen.
"Da!" Plötzlich warf sie spontan ihre Arme um Färbers Hals und barg ihren Kopf wie ein kleines verschämtes Mädchen an seine Brust, schluchzte laut und hemmungslos.
Färber war über den Ausbruch ihrer Gefühle zunächst sehr erschrocken und verstört, ja er war sogar etwas zurückgezuckt, denn er wusste sich diese heftige Reaktion am Anfang nicht zu erklären und glaubte, Sigrid wolle ihm eine Ohrfeige geben.
Dann aber umschlang auch er sie zärtlich und führte seinen Mund nahe an ihr niedliches Ohr, wobei ihm ihre Haare an der Nase kitzelten.
"Sigrid!"
"Werner!" kam es ebenso leise, wenn auch in zitternder Erregung zurück.
"Du also auch?"
"Was?" fragte Sigrid mit glänzenden Augen.
"Hast Du mich...Ich meine, liebst Du mich denn auch?"
Sigrid nickte glücklich und bejahte.
"Es ist also schon schon etwas länger - oder kam es erst heute?"
Stumm schüttelte die schlanke, junge Frau den Kopf.
"Ich habe mich sogleich in Dich verliebt, als ich Dich sah. Und da schleichen wir beide wie zwei Blindschleichen umeinander herum, werfen uns dicke Brocken an den Kopf und benehmen uns wie Katze und Maus..."
Sigrid kicherte plötzlich wie ein albernes Schulmädchen und lachte dann hell auf, hob ihr Gesicht ihm entgegen. Wie Tautropfen hingen einige Tränen in den Wimpern und bewegten sich - so, als hätten sie Anteil an ihrer empfindlichen Glückserregung.
"Warum lachst Du denn so?" fragte Färber und beugte sein Gesicht noch tiefer zu ihr hinunter.
"Ach", wiegte sie ab, "ich musste halt auf einmal über Deine wahren Worte lachen, weil wir..."
"Pst!" machte Werner. Für einige Sekunden legte er den schlanken Zeigefinger auf ihren Mund, dann auf seinen, küßte sie danach innig und lange.
Sigrid lag ganz gelöst da, obwohl sie innerlich erregt war. Sie wollte diesen Augenblick genießen wie einen saftigen, süßen Apfel, wie das Dahinschweben auf einer rosanen Wolke, denn sie wusste: dieser Augenblick in dieser Form würde nie wiederkommen. Sie schloß die Augen und dachte nur immer wieder dasselbe: er liebt mich!... Er liebt mich...!
Zärtlich strich er über ihre Brüste, die sich ihm steil entgegenreckten... ´Jetzt´, dachte sie - aber dann warf er sich über sie und küßte sie noch wilder, noch leidenschaftlicher mit einer unbezähmbaren Kraft, die roh und fast tierisch war, sie aber doch beglückte, zumal er ihre Brüste mit beiden Händen wie ein Opfer gepackt hielt und sie unbändig knetete, so dass sie steinhart wurden und sich an Sigrids Körper alle kleinen Härchen wie Zinnsoldaten stramm aufstellten.
Doch noch begegneten sie sich beide nicht in der letzten Form der Empfindung, des völlig innigen Verschmelzens, das "Ineinander-Versinkens".
Die Welt der Sigrid Gewis war total aus den Fugen geraten, denn sie liebte und wurde geliebt...
9
Großmutter als Kupplerin
Für Sigrid sah die Welt nun völlig anders aus - hoffnungsvoller, sonniger.
Da sie inzwischen längst geschieden war, war sie auch froh, diese Liebe frei genießen zu können. Sie fühlte sich von heute auf morgen edler, gehobener, moralisch wertvoller und reiner.
Etwas ganz Neues, Geheimnisvolles umgab diese Liebe, ihre Liebe!
Obwohl sie den Trieb hatte und den Liebsten gleich ganz, mit ihrer Wildheit und oft zügellosen Leidenschaft besitzen wollte, versuchte sie doch, sich etwas zu bremsen, Zurückhaltung aufzuerlegen, um sich in der künftigen HIngabe vorab genußvoll zu sonnen.
Wenn sie allein war, malte sie sich aus, wie diese Hingabe sein würde. Und ließ dabei ihrer Phantasie völlig freien Lauf. Sie schwelgte sozusagen in der erregenden Erwartung einer totalen Vereinigung mit Werner - ihrem Werner.
Werner konnte nur abends mit ihr zusammentreffen. Tagsüber versuchte er für den "Wochenanzeiger", als "rasender Reporter" durch das Gelderland zu hetzen mit seinem Fahrrad, um Storys und Reportagen ausfindig zu machen. Sie wusste beileibe noch nicht viel darüber, hoffte aber, er würde ihr im Laufe der Zeit mehr davon erzählen. Seit Sigrid wusste, dass Färber für diesen Wochenanzeiger arbeitete, las sie ihn genauer - es war eine jener Anzeigen-Zeitungen, die wie Pilze aus dem Boden schossen und kostenlos durch Verteiler einmal die Woche in die Briefkästen der Haushalte geworfen wurden -, denn vorher hatte Sigrid ihn, wie die meisten Leute, die nicht gerade Anzeigen setzen ließen oder ein Gewerbe betrieben, diesem Wochen-Anzeiger keine Beachtung geschenkt. Meistens flog er in der Wohnung oder draußen im Flur, nicht selten auch auf der Straße herum oder diente irgendwelchen Zwecken. Zuweilen diente er sogar als Klopapier, wenn mangels Geld keins da war. Sie wollte ihn gelegentlich mal näher über seinen Job befragen, wenn er nicht von allein davon berichtete. Einen Journalisten, wie er sich nannte, hatte sie wirklich noch nicht gefunden - geschweige denn geliebt.
Abend für Abend kam Werner getreulich, wenn auch abgehetzt, zu ihr und holte sie mit seinem Drahtesel ab. Am Heiligenweg in Geldern hatte Werner ein Zimmer bei seinen Eltern, wie er ihr erzählt hatte. Es war auch eine etwas "verrufene Gegend", in der er wohnte. Sigrid kannte den Heiligenweg, wenn auch nicht näher. Die meisten Häuser dort gehörten der Siedlungsgesellschaft, bei der auch die Stadt ihr Händchen mit im Spiel hatte, so dass auch hier viele Familien Unterkunft fanden, die nach städtischem Dafürhalten nirgendwo sonst eine Wohnung finden konnten, zumal es auch im Gelderland höchst schwierig war, für eine Familie mit Kindern auf Anhieb eine Wohnung zu finden.
Sigrid hatte alsdann ernsthaft versucht, eine ehrliche Arbeit zu bekommen. Aber das war von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen. Wo sie sich auch um Arbeit bewarb - man verlangte unweigerlich genaue Angaben über ihre Vergangenheit, erkundigte sich, was sie vorher gemacht habe. So hatte sie bei ihrem "Vorleben" resigniert und schnell aufgegeben. Aber sie hatte sich, wenn sie nun auch eigenen Interessen nachging, sich selbst keineswegs aufgegeben. Vielmehr war sie stärker geworden, selbstbewusster auch als Frau. Und sie merkte, wie sie die anderen Männer mit Werner verglich.
Sigrid verstand es nun auch besser, ihre freie Zeit sinnvoll auszufüllen. Sie hatte sich sogar aufgerafft und besuchte regelmäßig Arbeitslosentreffs bei der Arbeiterwohlfahrt, wo sich arbeitslose Männer und Frauen zweimal wöchentlich aus dem ganzen Gelderland trafen und bei Kaffee und belegten Brötchen über ihre Probleme laberten, Erfahrungen austauschten, sich gegenseitig Mut machten und auch gemeinsame Unternehmungen in Angriff nahmen. Zunächst war sich Sigrid auch hier ziemlich vereinsamt vorgekommen, weil nur zwei oder drei Frauen kamen. Doch als dann die zwei männlichen Sozialarbeiter aus der ABM-Maßnahme Abschied nehmen mussten und eine neue, junge Sozialarbeiterin deren Platz einnahm, die sehr emanzipiert und auf Frauenarbeit erpicht war, änderte sich das. Wie sie erfahren hatte von Färber, hatte der darüber im Wochenanzeiger geschrieben, so dass sich mehr Frauen gemeldet hatten, und sie nun nicht einer zu großen männlichen Übermacht ausgeliefert waren. Die Sozialarbeiterin selbst war ein zartes Ding. Sigrid wunderte sich immer über einige der sprießenden Haare am Kinn dieser jungen Frau. Das sah nicht gerade hübsch aus. Sie hatte ihr das auch schon einmal sagen wollen, es dann aber unterlassen.
Obwohl inzwischen einige Monate seit jenem denkwürdigen und ereignisreichen Abend vergangen waren, und Helma aus bisher für die Familie unerklärlichen Gründen plötzlich wieder in das Heim nach Bocholt kam, fühlte sich Sigrid gegenüber ihrer jüngeren Schwester noch immer schuldig. Ja, sie fragte sich oft, ob Helma wieder im Heim gelandet wäre, wenn sie ihr nicht Färber "weggeschnappt" hätte. Zwar versuchte sie, sich das ständig selbst wieder auszureden, doch gelang es ihr nicht ganz. Nur wenn sie mit Färber beisammen war, vergaß sie alles andere - auch diese Schulgefühle, unter denen sie oft sehr litt.
Frau Ottilie hingegen, neugierig und gelüstig wie sie war, hatte nichts Besseres zu tun, als ihren neugierigen Gelüsten ständig Rechnung zu tragen und sie zufrieden zu stellen, sofern sie stets eifrig bestrebt war, den beiden jungen Leuten heftig nachzuspionieren. Dass dabei Sigrid ihre eigene Tochter war, störte sie nicht weiter. Sie drückte ihr Ohr an jedwedes Schlüsselloch, hinter dem sich das liebende Paar verbarg.
Aus diesem Grunde fuhren auch beide abends meist irgendwo hin mit den Fahrrädern spazieren. Da Helma ihr Fahrrad zurückgelassen hatte, benutzte es Sigrid nun. Mal fuhren sie nach Walbeck, mal nach Straelen oder Issum, wo sie zu Abend aßen. Es konnte auch vorkommen, dass sie nach Kevelaer fuhren, wenn dort auch immer um diese Jahreszeit infolge der Wallfahrer, die alle die Gnadenstätte besuchten, reger Betrieb zumal in den Fußgängerzonen herrschte. Aber sie fanden stets ein kleines Plätzchen, wo sie sich ungestört ihrer LIebe hingeben konnten.
Großmutter machte derweil ihrer Tochter Ottilie mitunter heftige Vorwürfe, da sie trotz ihres Alters und ihrer schlechten Sehfähigkeit gern ihre Enkelin und deren Geliebten bei sich in der Stube hatte. Sie sah beide nämlich gern schmusen. Oma war mit allen Wassern gewaschen. Bei einem Fläschchen Bier gedachte sie dann ihrer eigenen Jugend, wenn sie zuweilen auch nur alles verschwommen wahrnehmen konnte. Wenn sie ihrer Tochter Ottilie die Hölle heiß machte, stieß sie immer wieder mit ihrem Gehstock heftig auf den Holzfußboden, dass es im ganzen Haus dröhnte. Jedes Wort wurde mit dröhnendem Nachhalt vorgebracht und prasselte auf Ottilie nieder, die noch immer einen Heidenrespekt hatte vor ihrer alten Mutter. Bei jedem Wort duckte sie sich nieder, wenn sie auch manchmal heftig aufzumucken versuchte. Aber gegen Oma kam sie einfach nicht an.
Was Walter derweil trieb, vermochte niemand so recht zu durchschauen oder mit Bestimmtheit zu sagen. Fest stand nur, dass er sich noch immer viel mit zwielichtigen Gestalten herumtrieb, oft tagelang nicht daheim erschien, plötzlich wieder auftauchte, und nach purer Lust und Laune seinen mutwilligen und unsteten Lebenswandel betrieb.
Das Nachsehen hatte ebenfalls Ilse Starix, die Freundin Sigrids, die noch immer dem ätesten Gewerbe der Welt privat nachging. Sigrid löste sich von dieser Freundin auf Anraten Werners. Zwar hatte die Starix zunächst versucht, Sigrid bei der Stange zu halten, doch diese war infolge des vielen Beisammenseins mit Werner standhaft geblieben und hatte ihr eine deutliche Absage erteilt, zumal sie ihre ehrliche Liebe nicht aufs Spiel setzen wollte.
Wenn sie nicht gerade Besorgungen zu erledigen hatte, beim Arbeitslosentreffen war oder Behördengänge absolvierte, saß Sigrid daher daheim, las und strickte, dachte nach, unterhielt sich mit der Großmutter oder machte auch Spaziergänge durch Geldern. Sehr große Sprünge konnte sie ohnehin nicht machen. Sie bezog Hilfe zum Lebensunterhalt. Wie sie den Gang zum Sozialamt haßte! Werner hatte zwar gemeint, das sei nicht schlimm, ja er bot ihr sogar allenthalben Geld an, aber natürlich dachte sie nicht im Traum daran, auch nur einen Pfennig anzunehmen. Wenn er mal das Abendessen bezahlte - gut, das war etwas anderes.
Aber es gab da zweifelsohne eine Gefahr: Sigrid war ein Frauentyp, der die Männer brauchte. Für sie waren sie, obwohl sie das andere Geschlecht haßte, lebensnotwendig. Daher fiel es ihr besonders schwer, wenn sie den ganzen Tag ohne Werner sein musste, um den zur Zeit ihr ganzes Denken kreiste, was sie freilich nicht davon abhielt, mit Wohlwollen zur Kenntnis zu nehmen, dass die Männer nach wie vor ihre Gestalt mit begehrlichen Blicken verfolgten. Darauf konnte und wollte Sigrid nicht verzichten, da es ihr als ein Stück Lebensinhalt galt. Sigrid war auch gar nicht der Frauentyp bei ihrer Einstellung zum anderen Geschlecht, der das gekonnt hätte.
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Es war Freitag. Sigrid befand sich mit der Großmutter allein in der kleinen Stube. Mutter Ottilie hatte sich dazu aufgerafft, nachmittags zwei Stunden in einem kleinem Laden in der Nähe die Putzfrau zu spielen, um etwas Geld "schwarz" zu verdienen. Da die ganze Familie Hilfe zum Lebensunterhalt bezog, teilte sie das natürlich nicht dem Amt mit. So war es diesmal eine wirklich wohltuende Ruhe, ein erquickliches Beisammensein. Großmutter und Enkelin genossen die Ruhe. Großmutter saß an diesem Nachmittag wie üblich in ihrem hohen Lehnstuhl am Ofen. Sigrid saß am Radio und träumte irgendetwas, was nur sie allein zu empfinden vermochte.
"Sigrid!"
Großmutter stieß den schwarzen Handstock laut auf.
"Hol mir doch mal rasch zwei Flaschen Bier - möchtest Du auch eine? - So - nein? Nun, dann hol sie eben vorn im Konsum. Aber rasch! Die Kehle ist mir schon ausgedörrt vom vielen Denken..." Sie lachte meckernd rauh. "Weißt Du, mein Kind, ich habe heute den ganzen Tag noch keinen Schluck von dem Gesöff gehabt."
"Vom vielen Denken ist Deine Kehle ausgedörrt, Oma?"
"Papperlapapp! Ja, was denn sonst, nur vom dauernden Denken, Du dummes Ding. Denken und die Sonne machen durstig. Das Denken ist ja auch wie eine Sonne in unserem Kopf. Und außerdem: mein Gehirnkalk muss in den Mund gerieselt sein. Ich hab halt nicht mehr so gut geölt wie Du...Nun lauf eben rasch, Dirn! Hier hast Du das Geld. Die Mark ist für Dich. Kauf Dir was davon!"
Sigrid musste über die Agilität und den nicht zu bremsenden Eifer der Großmutter lächeln. Kopfschüttelnd entfernte sie sich. Nach wenigen Minuten war sie wieder zurück mit dem Bier.
Großmutter stampfte erneut mit dem Stock: "Gib her, Kind! Ich verdurste!"
Sigrid gab ihr die Plastiktasche. "Da, Oma - aber trink nicht so schnell!"
Sie lachte wieder meckernd. Sigrid musste dann unwillkürlich stets an das Märchen vom Wolf und dem Rotkäppchen denken. Als der die Großmutter gefressen und ihre Kleidung angezogen, sich ins Bett gelegt hatte, ob er da auch so meckernd gelacht hatte, als er Rotkäppchen überlistete? Jedenfalls konte sie sich das gut vorstellen.
Mitunter war Großmutter eine recht sonderbare Frau, der man aber nie böse sein konnte. Ihr schmales Gesicht mit der langen Nase sah manchmal mit dem übrigen Haupt wie ein großer Adlerkopf aus. Die Augen, obwohl schon fast blind, bewegten sich trotzdem noch listig. Die Haare trug sie stets zu einem immensen Knoten. Klar, dass sie längst völlig ergraut waren, als stamme Oma noch aus einer anderen Welt, aus der Steinzeit. Sie trug fast nur völlig graue oder auch schwarze Kleidung, die bis zum Boden reichte. Der Saum fegte nicht selten denn Boden der staubigen Stube, in der sie den ganzen lieben, langen Tag geduldig am Ofen in ihrem Lehnsessel hockte, als sei dies das größte Glück der Welt, ein Stück Paradies, das sie sich unter allen Umständen erhalten wollte. Nie dachte auch nu einer aus der Familie daran, Omas Lehnsessel zu besetzen. Mochter der Platz auch noch so eng sein, der Sessel der Großmutter stand unverrückbar an seinem Platz am Ofen. Selbst bei der Reinigung der Stube rührte ihn keiner an, getraute sich niemand, ihn auch nur um ein Haarbreit zu verrücken.
Stets lag eine Zeitung neben Oma, obwohl sie gar nicht mehr lesen konnte. Die Zeitung zierte die Fensterbank, über der Oma einen weiten Blick durch den Garten und den Himmel darüber hatte.
Omas Haltung war immer noch stolz und aufrecht. "Den Stock", sagte sie ständig, "brauchte ich nicht zum Gehen, sondern nur, um damit bei Euch für Ruhe und Ordnung zu sorgen!"
Sigrid musste ihr jetzt eine Flasche Bier öffnen. Dann nahm Oma aus der Flasche einen feierlichen und großen Schluck, schnalzte freudig und kichernd mit der Zunge, und verkündete: "Bier hält den Geist frisch und den Körper gesund! Man wird fidel und munter. Was meinst Du, Sigrid, warum ich so alt geworden bin und noch immer lebe? Ich verstehe etwas vom Leben, mein Kind."
Sigrid lächelte wieder - fast weise. Dann ließ sie sich zu Füßen der Großmutter auf ihr Fußbänkchen nieder, zog die Beine schräg an und saß da wie ein kleines Kind, das begierig einer Geschichte lauscht.
Das Fußbänkchen war, wenn es mit Sigrid besetzt war, sozusagen ein Zeichen, dass Großmutter mit ihr palavern wollte. Sie hatte es hinter dem Ofen hervorgeholt, da es sonst unsichtbar dort schlummerte, wo zwischen Wand und Ofenn eine kleine Lücke klaffte. Während Sigrid das Bier geholt hatte, war Großmutter aufgestanden und hatte sich mit viel Gestöhne drangemacht, das Bänkchen hervorzuklauben und zu ihren Füßen zu stellen. Auch das war für sie eine Art Ritual, das nur bei bestimmten Gelegenheiten vollzogen wurde.
Großmutter taute jetzt immer mehr auf. Mit jedem Schluck Bier wurde sie redseliger. "So ist es recht", sagte sie, "setz´ Dich nur zu meinen Füßen, die in jungen Jahren wie die Wirbelwinde getanzt haben..."
Sigrid musste unwillkürlich laut auflachen bei der Vorstellung von Omas Füßen im jetzigen Zustand. Sie konnte sich schwerlich Oma als ganz junges Ding mit wirbelnden Füßen auf einer Tanzfläche vorstellen, obwohl sie davon überzeugt war, dass sie in jungen Jahren bildhübsch und wirklich ein "Wirbelwind" gewesen sein musste, der sicher allen Männern den Kopf verdrehte hatte. Also lachte sie deswegen und wollte gar nicht wieder aufhören.
Großmutter sah sie durchdringend über die oberen Brillenrandgläser an, denn die Brille pflegte beim Biertrinken stets auf die Nase zu rutschen, weil Oma den Kopf sehr weit zurück in den Nacken warf, wenn sie die Flasche ansetzte. Wenn sie die Flasche dann - oft mit einem lauten Rülpser - wieder abstellte, rutsche der Kopf mit einen Ruck wieder in die alte Lage und zog auch unweigerlich die Brille in Mitleidenschaft. "Lach nicht, dumme Dirn! Was gibt´s denn da zu lachen? Was verstehst Du schon vom Leben? Großmutter hat das ganze Leben gemeistert." Oma kicherte nach diesen Worten wieder verhalten und verlangte plötzlich:
"Gib mir einen Kuß!"
Sigrid stand brav auf und legte zärtlich den Arm um sie, gab ihr einen dicken Kuß.
"Großmutter! Warst Du schon einmal richtig verliebt? Ich meine, als Du jung warst? Sicher bist Du doch ein sehr schönes Mädchen gewesen."
"Und ob! Und ob, mein Kind!" entgegnete die geschmeichelte Großmutter. "Ich? Verliebt? Ja, und ob! Was für eine Frage. Was denkst Du denn? Ja, papperlalapp, ich war ein Tausendsascha! Alle Männer waren verrückt nach mir..."
Sie unterbrach sich und blinzelte ein wenig in die Strahlen der untergehenden Sonne, die jetzt schon als riesiger Feuerball ihre letzte Energie durch das Fenster warf und hoch über den Wipfeln der Bäume am Ende des Gartens stand, aber so, dass bereits ersichtlich war, sie würde bald wegtauchen.
Schon fuhr Großmutter fort: "Heute ja, mein Kind, da bin ich eine alte Primel, eine welke Blume, ein stabiles Unkraut auf dem Acker - ja, so ist das, mein Kind..."
"Aber Großmutter", sagte Sigrid entrüstet, da sie ihre Oma genau kannte,"Du bist doch eine wunderbare Frau. Alle haben wir Dich gern! Und so weise bist Du, Om - schon so alt und noch stabil!"
"Papperlapapp!" hob die Großmutter den langen, knochigen Zeigefinger. "Das sagt Du nur so, um mich zu trösten. Glaube nicht, Großmutter hätte ihr Gehirn völlig verkalkt... Aber sag: bin ich tatsächlich noch so stabil? Meinst Du das wirklich ehrlich, Sigridchen?"
Sie kicherte verhalten.
"Aber sicher, Großmutter, ich meine es wirklich ganz ehrlich."
"So?"
"Ja!"
"So...hm..." Dann brummte Oma sich etwas in die paar Härchen am Kinn, die schon seit Jahrzehnten zu keinem Bart werden wollten. Sigrid verstand auch nicht, was sie sich da zusammengrummelte. Doch dann blinzelte Oma auf einmal wieder tatendurstig und erkundigte sich listig:
"Was macht denn Dein Werner?"
Sigrid sah ihre Großmutter jetzt erstaunt an. "Werner? Wie kommst Du auf den, Oma? Was soll er machen? Du weißt doch, dass er für den Wochenanzeiger arbeitet..."
Oma tat, als überlege sie, hob die Hand, schüttelte das graue Haupt. "Aber ja, ja, es stimmt ja."
Und nach einer Weile: "Du dumme Gans, aber das meine ich doch nicht!" Sie kicherte, dass ihr ganzer alter Körper gehörig durchgerüttelt wurde. "Ich meine, wie es mit Euch beiden momentan geht - vorangeht?"
"Wie soll´s gehen, was meinst Du, Oma?"
Sigrid sah Oma zwinkernd an.
Oma sagte offen: "Habt ihr schon miteinander geschlafen? Hi...hi...hi..."
"He! Aber Großmutter", meinte Sigrid etwas heftiger. "Was denkst Du hin?!"
Ganz rot wurde sie, die Sigrid bei diesen Worten.
"Was ist denn dabei", meinte Großmutter wie beiläufig. Jetzt hatte sie Oberwasser bekommen. Ohnehin unterhielt sie sich gern über solche Sachen und auch mal ganz gern sogar über ordinäre Dinge - besonders, wenn sie ihre zwei Flaschen Bier getrunken hatte. Jetzt meinte sie:
"Du bist ja so rot geworden, Kind. Hi-hi - glaube nicht, dass ich das nicht sehen könnte, ich meine, wegen meiner Augen. So etwas sehe ich, jawohl! Großmutter sieht und hört oft mehr als Ihr denkt. Wenn ich ein Kerl wäre, würde ich mich auch in Dich verlieben und unter mir liegen haben wollen...hi...hi...hi...hi..."
Und dann verlangte sie : "Los, Kind, steh´ doch mal auf!"
"Was soll ich?"
"Aufstehen! Los, los!"
"Warum denn?"
"Hopp - stell Dich schon hin!"
Sigrid erhob sich jetzt ein wenig mißmutig von ihrem Sitzbänkchen. Wenn sie sich einmal darauf niedergelassen hatte, war sie nicht so schnell wieder hochzubekommen.
"Komm näher!" befahl die Großmutter, als sie aufgestanden war.
Sigrid trat näher.
"So ist´s recht..."
"Was ist recht?"
"Du siehst schön aus, mein Kind!" Dabei drehte sie Sigrid ein wenig.
"Hm, hm, hast genau das, was Männer mögen und sie verrückt macht. Da!" - dabei tippte sie mit ihrem Stock ungeniert an Sigrids linker Brust, dass diese etwas zurückwich, um die Stockspitze nicht zu spüren. "Ist bestimmt Dynamit drin, was? Du hast genau überall die richtigen Polster, wo Männer sie gerne haben mögen beim Fummeln!"
Ungeniert hob sie jetzt Sigrids kurzen Rock weiter hoch mit dem Stock, so dass ihr nach innen zulaufender Slip sichtbar wurde, und Sigrid sanft, aber bestimmt den Stock wieder beiseite schob.
"Laß dass, Oma!"
"Kind!"
"Erzähl´ mir lieber was von Deiner Jugend, wie Du verliebt gewesen bist!"
"Nein, nein", sagte die Großmutter eifrig, "Du willst mich nur vom Thema abbringen. Aber mal heraus mit der Sprache; bist Du richtig in ihn verliebt?"
"Ja!"
Es klang ganz trotzig und es schien, als beabsichtige sie dabei mit dem Fuß aufzustampfen.
"Ist er gut zu Dir?"
Sigrid, die noch unschlüssig stand, setzte sich wieder, zog die Knie an und stützte die Ellbogen darauf. Den Kopf seitlich zum Fenster gewendet, sagte sie träumerisch und fast zärtlich: "O ja Großmutter, er ist sehr gut zu mir..."
"Das will ich auch meinen, ihm geraten haben!" meckerte jetzt die Großmutter und fuchtelte drohend mit ihrem Stock durch die Luft. "Ansonsten bekommt er es nämlich mit mir zu tun - aber mächtig...! Er liebt Dich also auch?"
"Ja. Doch er ist eigenartiger Natur."
Sigrid machte eine Pause, weil sie nicht wusste, wie sie es formulieren solle.
"Weißt Du, Großmutter", meinte sie, als sie sich eine Zigarette angezündet hatte, obwohl sie wusste, dass Großmutter nicht so gern den Rauch von unten her in die Nase bekam, "ja, weißt Du, er ist so ganz anders als die anderen Männer."
"Möchtest Du mit ihm schlafen? Sage es mir ruhig. Vielleicht kann Großmutter da helfen."
Sigrid war erst perplex. Sie kannte zwar die zuweilen brutale Offenheit ihrer Oma, aber es schockierte sie immer wieder neu, obwohl sie selber alles andere als penibel war. Doch dann entgegnete sie: "Ich weiß und spüre nur, dass ich sehr viel mit ihm zusammen sein möchte, sonst nichts!" Die Großmutter
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Die Großmutter lachte wieder meckernd, sagte: "So kann man es natürlich auch umschreiben! Kind, Du brauchst doch vor mir keine Geheimnisse zu haben. Ich werde mir den Burschen auf alle Fälle einmal vorknöpfen."
Jetzt erschrak Sigrid wirklich. Sie wurde sogar blaß und erhob sich abrupt vom Bänkchen. "Bloß nicht! He, Oma, wenn Du das tust... Nachher kommt noch Unheil dadurch."
"Unheil?"
"Ja!"
"Ach - papperlapapp! Großmutter weiß genau, was sie will, was für Dich gut ist!"
Wie alle Großmütter und alte Jungfern, so war auch die Großmutter gerne zu einer Kuppelei bereit und freute sich diebisch darauf, zumal dies ihrem im Grund doch recht eintönigen Leben große und fast abenteuerliche Abwechslung bot. Ja, solche von der Natur oft vernachlässigte Frauen empfanden dabei selbst eine erotische Genugtung, wenn sie eingreifen konnten in das Geschehen zweier Liebenden. Das war endlich einmal eine Abwechslung! Da konnte man agieren, zwei Menschen, der Jugend mal zeigen, zu was das eigene Leben alles genützt hatte.
Und in der Tat: Als Werner Färber am Abend wie üblich gegen 19 Uhr in der Stube aufkreuzte, wo Sigrid schon auf heißen Kohlen saß und allenthalben zum Klo lief, weil sie vor "liebende Nervosität" pinkeln musste, suchte Großmutter eine Gelegenheit, um mit ihm allein zu sprechen.
Dieser Gelegenheit half sie natürlich auch prompt selbst etwas nach, indem sie Sigrid noch einmal losschickte, um in einer nahegelegenden Trinkhalle, die zugleich auch als Imbißstube diente, Bier zu holen. Oma war heute richtig in Form. Ihr Gesicht hatte sich bereits leicht gerötet - ein Zeichen, dass sie zu großen Taten und Streichen aufgelegt war. Angeblich sollte das Bier, das Sigrid holen sollte, schon für den nächsten Tag sein.
Als Sigrid gegangen war, stand Oma auf, humpelte zum Schrank und holte sich einen Slibowitz hervor, kippte ihn mit einem Ruck in den Hals. Ansonsten pflegte sie immer den Slibowitz mit dem Kaplan zu trinken, wenn dieser, ebenfalls ein lebenslustiger junger Herr mit viel Humor, Oma besuchte und die beiden sich stundenlang über Gott und die Welt ausließen.
"Junger Mann", wandte sich Großmutter sodann an Färber, als beide allein waren. "Junger Mann, so geht das aber nicht mehr weiter mit Ihnen und meiner Enkelin!"
Werner, der zwar schon an die mitunter absonderlichen Passagen aus Großmutters Gehirn gewöhnt war, jetzt aber wirklich nicht wusste, worauf die alte Frau hinaus wollte, blätterte gerade in einer alten Illustrierten, die er vom kleinen runden Radiotischchen genommen hatte. Er saß auf dem Sofa. Jetzt allerdings blickte er fragend auf.
"Was ist denn, Oma Sparens?"
"Was ist? Das fragen Sie noch, junger Mann? Meinen Sie denn, ich hätte keine Augen im Kopf? Und glauben Sie, ich hätte von ungefähr meine Enkelin hinausgeschickt? Nee, mein Lieber, sehen Sie denn nicht, dass Sigrid leidet, weil Sie so ein bornierter Holzkopf sind und sich wie ein Eisblock verhalten?"
Werner war wirklich verblüfft. Das zeigte sein schmales Gesicht deutlich. "Sie leidet?" erkundigte er sich irritiert, fast ungläubig.
"Natürlich, junger Mann, natürlich! Oder meinen Sie etwa, Sigrid ist eine Schaufensterpuppe? Wenn eine Frau wie Sigrid schon von sich aus dieses Bedürfnis hat, dann muss es sie schon mächtig erwischt haben. Denn ansonsten würde meine Enkelin sich anders verhalten."
Mit Genugtung konnte die alte Frau nach diesen Worten feststellen, dass ihre Ansprache ihre Wirkung nicht verfehlte, denn Werner sah so entgeistert drein, als hätte er gerade einen lebendigen Aal verschluckt und sei im Begriff, ihn nun wieder herauszuwürgen.
"Hat Sigrid Ihnen das gesagt?" brachte er schließlich mühsam hervor.
Die Oma schwieg eine Weile. Dann lächelte sie schwach und ein wenig verzerrt. "Nicht direkt hat sie es gesagt, aber so hintenherum war es deutlich aus ihren Worten herauszuhören..."
Wirre Gedanken schossen durch Werners Kopf. Hatte er etwas falsch gemacht? Hatte er vielleicht in seiner Liebe etwas übersehen, war blind gewesen?
"Mir ist das völlig neu", sagte er daher nun und legte die Illustrierte, in der er lustlos geblättert hatter, zur Seite.
"Papperlapapp, junger Mann. Eine Frau zeigt so etwas doch nie ganz offen, das lassen Sie sich mal gesagt sein..."
Die Großmutter schwieg unvermittelt, da man die Haustür gehen hörte. Sigrid kam zurück.
Die Oma flüsterte Färber zu: "Also, junger Mann, erweisen Sie sich als gestandener Kerl und nehmen sie richtig von meiner Enkelin Besitz!"
Sigrid trat zur Tür herein und gab ihrer Oma die Flaschen, wendete sich dann ziemlich erhitzt vom schnellen Gehen Werner zu.
"Sollen wir nicht lieber..." Sie hielt inne, als sie sein noch immer verdutztes Gesicht sah.
"Was ist denn passiert?" Ihre Blicke wanderten zwischen Werner und Großmutter hin und her.
"Nichts!" sagte Werner schnell, aber er beeilte sich, es so schnell zu sagen, dass Sigrid allein das schon sehr verdächtig fand.
"Was wolltest Du denn vorher fragen?" erkundigte sich Werner.
"Ob wir nicht etwas hinausfahren sollen?"
"Von mir aus..."
Werner erhob sich, folgte Sigrid, die in den kleinen Flur ohne zu zögern hinausging, um sich den Mantel zu holen.
Großmutter schaute sehr verdutzt. Mit einer solchen Wendung hatte sie eigentlich nicht gerechnet.
In der Tür steiß Sigrid fast mit ihrer Mutter zusammen. Sie sah besonders Werner böse an, richtig giftig. Sie sagte aber nichts, wagte offenbar nichts zu sagen, weil die Oma alles hätte hören können. Wortlos ließ Frau Ottilie auch Werner passieren.
Da klingelte es schon wieder. Alle blieben wie erstarrt stehen. Da man wegen Sigrid und besonders Walter früher öfters mit der Polizei, mit dem Bewährungshelfer, aber auch Leuten vom Amt zu tun gehabt hatte, saß allein diese ständige gespannte Erwartung ständig im Nacken, ohne dass sie sie abschütteln konnten.
Sigrid öffnete.
Walter stand draußen.
Er war drei Tage abwesend gewesen. Niemand wusste, wo er gesteckt, sich herumgetrieben hatte. Er hatte auch keine Nachricht hinterlassen.
Jetzt tauchte er unvermittelt wieder auf.
Er war sehr aufgeregt und fahrig.
"Verschwinde!" bellte er seine Schwester sofort an, ehe er noch einen Fuß in die Stube gesetzt hatte. "Aber schnell!"
"Warum denn?" Sigrid fragte es naiv und sah ihn so verwundert an, als zweifle sie ernsthaft an seinem Verstand.
Walter wurde wütend. "Mensch, Schwesterlein, frag doch nicht so blöd und albern - jede Sekunde ist jetzt kostbar, denn man sucht Dich...!"
"Was??!!
"Himmel, Arsch und... Ich habe es doch gesagt, man such Dich!"
Sigrid wirkte verstört.
"Wen sucht man? Und wer sucht wen?" schaltete sich Werner ein.
"Sigrid natürlich. Die Polizei sucht sie!"
"Meinst Du das ernst?!"
"Sicher! Todernst!"
Sigrid wurde leichenblaß, erschrak so sehr, dass sie kein Wort hervorbringen konnte. Hilflos sah sie Werner an.
Der sagte: "Ich bin immer noch nicht dahintergekommen, was eigentlich los ist. Los, Walter, nun mal langsam: Was genau ist los? Sage es klipp und klar und deutlich."
"Man sucht Sigrid wegen irgendeiner Geschichte - Raub oder so was. In Straelen oder Kevelaer, mehr weiß ich auch nicht. In einer Bar oder in einer Absteige. Da soll ein Mann vor einigen Monaten von einer Frau, einer Dirne ausgeraubt worden sein. Vorgestern sah dieser Mann zufällig Sigrids Ex-Freundin Starix in Geldern und behauptete, sie habe ihn betrunken gemacht und beraubt, aber die Starix hat gesagt, sie hätte das auf Anstiftung von Sigrid getan, die ihr den Mann extra deswegen angeschleppt habe. Sie und Sigrid hätten dann auch später das geraubte Geld geteilt..."
Walter wandte sich jetzt unmittelbar an seine Schwester: "Deine Ex-Freundin hat man in zwischen verhaftet. Die ganze Szene am Markt spricht schon davon. Und jetzt sucht man Dich. Ich habe das gerade zufällig aus zuverlässiger Quelle erfahren und bin gleich nach hier geeilt, um Dich zu warnen. Was an der Geschichte dran ist oder nicht, interessiert mich nicht weiter. Jedenfalls sollten wir hier nicht weiter lange palavern, sondern Ihr solltet Euch auf die Socken machen - mehr kann ich Euch nicht raten. Es sei denn, Sigrid will unbedingt in den Knast - und das wird sie wohl kaum wollen..."
Flucht vor den Häschern
"Langsam, langsam", bremste Werner sachlich. "Woher weißt Du das denn alles so genau?" Mißtrauisch sah er Walter an.
"Das ist doch egal, woher ich es genau weiß! Ich habe Euch gewarnt. Außerdem habe ich wenig Zeit. Macht also was Ihr wollt. Ihr werden schon sehen, ob ich recht hatte oder nicht."
Er wandte sich nach diesen Worten ab und trat einen Schritt auf die Tür zu.
Werner hielt ihn aber energisch zurück, indem er ihn am rechten Arm festhielt.
"Hiergeblieben!" forderte er. "Ich will erst wissen, ob es tatsächlich stimmt, was Du sagst?!"
"Natürlich! Bei meinem Schwanz," sagte Walter jetzt wütend, aber sehr bestimmt.
"Gut!" ließ Werner ihn jetzt los. "Stellt sich heraus, dass Du uns verschaukelt hast - dann sprechen wir beide uns auf besondere Art wieder. So, von mir aus kannst Du jetzt gehen."
Es war still, nachdem Walter gegangen war. Selbst Frau Ottilie schien es die Sprache verschlagen zu haben.
Sigrid hielt den Blick zu Boden gesenkt,
Sie war weiß im Gesicht und hatte noch immer das Gefühl, als sei gerade ein gewaltiger Vorschlaghammer auf ihren Kopf niedergesaust.
"Ich habe bestimmt so etwas nicht getan!" sagte sie mit zitternder Stimme.
"Ich weiß..." meinte Werner sanft.
Langes Schweigen durchzog dräuend die kleine, jetzt stickige Stube.
Die Großmutter war es, die zuerst die Sprache wiederfand. Sie pochte heftig mit ihrem Stock auf den Boden.
"Nein!" empörte es sie, "nein, so etwas macht doch die Sigrid nicht! Die Polizei soll nur kommen - ich jage sie mit meinem Stock davon, zum Teufel..."
Danach pochte sie wieder heftig auf den Fußboden.
Frau Ottilie aber keifte aus allen Rohren: "Und so etwas habe ich gezeugt, in die Welt gesetzt", jammerte sie. "Es ist eine Schande! Ja, eine unerträgliche Schande ist das! Und meine Tochter eine Verbrecherin, eine Räuberin! Was habe ich verbrochen, dass mir das widerfahren muss?!"
Sigrid war bei jedem ihrer brutalen Worte zusammengezuckt. Wie ein Messerstich traf sie jedes einzelne Wort. Noch konnte sie die ungeheure Beschuldigung nicht fassen. Wie benommen stand sie da und registrierte nicht einmal die zornigen Worte Werners.
"Halten Sie das Maul, Sie Schlampe, Sie Heuchlerin und Ausgeburt einer älteren Generation..." wurde dieser jetzt wirklich böse und ausfallend.
"Jawohl", unterstützte ihn stockaufstampfend die Großmutter, die bei seinen Worten schon den Takt geklopft und damit bestätigt hatte, "jawohl, der Junge hat ganz Recht, Ottilie! Du bist ein Aas, Tochter , das man wirklich noch übers Knie legen sollte. Halte also Dein loses Maul und misch Dich nicht in Dinge ein, die Dich nichts angehen."
Dankbar sah Werner die Großmutter an. "Komm!" sagte er dann zu Sigrid, "gehen wir hinaus, damit wir erst einmal allein sind und darüber reden können."
Er nahm sie sanft an den Schultern und schob sie ebenso sachte aus der Stube vor sich her.
Er ging zu einem Opel draußen am Bürgersteig, schloß dieses auf. "Steig ein!"
Sigrid gewahrte alles wie durch einen Nebel. "Hast Du ein Auto? Wo ist denn Dein Fahrrad?"
Er lachte. "Nein, ich habe meinen Drahtesel noch. Das Vehikel habe ich mir von einem Freund geliehen. Eigentlich wollte ich heute mit Dir mal hinausfahren, rüber nach Holland, oder nach Düsseldorf, damit wir uns mal einen schönen Abend machen. Aber Dir ist wohl auch jetzt die Lust vergangen?"
"Bestimmt!"
"Ja, das kann ich gut verstehen. Aber vielleicht sollte ich mir wirklich mal ein Auto anschaffen..."
Er hatte zwar schon einen Führerschein, aber ein Auto hatte er sich bisher nicht gekauft, weil er mit dem Fahrrad eigentlich immer gut zurecht kam.
Werner nahm Platz am Steuer, machte eine einladende Handbewegung. "Nun steig schon ein!"
Schweigend stieg Sigrid ein, nahm neben ihm Platz, achtete gar nicht diesmal darauf, dass ihr kurzer Rock derart hochrutschte und die schönen Beine freilegte, dass Werner beim Schalten - fast streichelnd und über die entblößten Schenkel und Knie fahrend - ihn wieder in seine ihm angemessene und ursprüngliche Lage brachte.
Aufheulend brauste der Wagen davon, die Vernumer Straße hoch, bog dann rechts an der Kreuzung ab, um Richtung Aldekerk einzuschlagen. Sie änderten dann aber kurz vor dem Holländer See die Richtung, fuhren an ihm vorbei Richtung Wachtendonk, weil sie bei Kaldenkirchen, in der Nähe von Venlo, über die Grenze wollten.
Beide schwiegen unterwegs. Kein Wort wurde gewechselt. Beide hatten ihre eigenen und miteinander verbundenen Gedanken an den Gegenstand ihrer Betrachtung.
Sigrid gelangte erst sehr langsam zum klaren Denken zurück, Erst nach und nach sickerte in ihr Bewusstsein ein rationeller Strahl durch, was eigentlich wirklich vorgefallen war. Schien es ihr erst ein böser und andauernder Traum zu sein, so war es jetzt eine Phinx, aber eine drohende und bedrückende, die da auf ihr Wesen, auf ihr Glück zukam, es zu zermalmen drohte. Da sah man mal wieder, dass das Glück sehr launisch war, wie eine Billardkugel, die nur unter gewissen Umständen dirigiert werden konnte. Sie, die Billardkugel, war aber wenigstens fest! Man konnte sie zu einer bestimmten Richtung veranlassen, wenn man geübt den entsprechenden Stoß führte und gedanklich die Bahn im voraus berechnete.
Beim Glück war das nicht der Fall!
Man konnte es weder fassen noch berechnen, weder stoßen noch zwingen, da es sich nur gefühlsmäßig erfassen ließ und oft wie der Blitz kam und verschwand.
Und jetzt schien nach einem solchen Blitz der Donner mit aller Wucht zu folgen. Er fing schon an zu knurren und zu grollen...
Was nun?
Sie stellte sich diese Frage verzweifelt. Sigrid hielt die Augen geschlossen, denn sie wollte von dieser verfluchten Welt nichts mehr sehen, hören und wissen - jedenfalls nicht in diesem Augenblick.
Ob sie nicht einfach ein Röhrchen Tabletten...!?
Blödsinn war das!.
Dazu hatte sie nicht einmal den Mut.
Ja, wenn sie den hätte...!
Dieses verdammte Biest von Ilse Starix! Was dachte die sich eigentlich dabei? Was mochte sie überhaupt angestellt und ihr, Sigrid, zugeschoben haben? Diese verdammte rothaarige Hexe!
Sicher hatte die Starix dem Mann, den sie vorher kennengelernt hatte, das ganze Geld geraubt. Dann hatte sie es einfach auf Sigrid geschoben, die jetzt den Kopf hinhalten sollte. Also das kam ja wirklich nicht in Frage! Hatte er denn nicht geschlafen! Wie konnte er sie da wiedererkannt haben? Wie sie indessen die Starix kannte, was sie sicher zu ihm ins Bett gekrochen. Er war wohl wachgeworden, dann vielleicht wieder eingeschlafen, derweil sie ihr Verbrechen ausgeführt hatte...
Sigrid musste daran denken, wie sehr sie der Starix doch im Grund immer hörig gewesen war, bevor sie Werner kennengelernt hatte. Wie eine Sklavin war sie grausam von diesem Teufelsweib missbraucht und ausgenutzt worden.
"Du bist meine Süße", hatte sie immer zu ihr gesagt. "So lange Du bei mir bleibst, wird es Dir gut gehen; verläßt Du mich, dann ergeht es Dir schlecht."
Und jetzt hatte sie also ein von ihr selbst verübtes Verbrechen auf Sigrid geschoben, um ihren eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.
Was würde Werner denken? Wie würde er sich weiter verhalten? Würde er sie nun fallen lassen, wo er doch wusste, was sie vorher getrieben hatte?
Sie wusste wirklich keine Antwort darauf. Jetzt öffnete sie wieder ihre Augen. Die Stirn darüber tat ihr weh vom vielen Denken.
Wo waren sie jetzt überhaupt? Sie sah auf die Uhr am Handgelenk: 20:30 Uhr - nicht ganz!
Der Wagen schoß mit geradezu beängstigender Geschwindigkeit eine kleine, schmale Landstraße entland. Werner fuhr wie ein Verrückter.
Verstohlen sah Sigrid ihn von der Seite an. Sein Gesicht wirkte verkrampft und aufmerksam. Trotzdem fuhr er ziemlich sicher. Ruhig hielten sein Hände das Lenkrad, rasant schnitt er die Kurven.
Wo befanden sie sich? Anscheinend irgendwo zwischen Herongen und Venlo, soweit sie sich orientierten konnte. Doch genau wusste sie das nicht. Rechts und links von der Straße lagen Bauernhöfe. Jetzt tat sich ein Wald vor ihnen auf, den sie durchfuhren, da die Straße in mitten entzwei schnitt.
Langsam bekam Sigrid es mit der Angst zu tun, da Werner die Geschwindigkeit nicht drosselte, sondern eher noch erhöhte. Wo fuhr er nur hin?
"Bitte fahre langsamer!" bat sie unvermittelt, bekam darauf aber keine Antwort. Eher tat er das Gegenteil, trat noch fester aufs Gaspedal.
"Venlo", las Sigrid auf einmal auf einmal auf einem Hinweisschild. Bald tauchte auch schon die Grenze auf, die sie nach Durchwinken ungehindert passieren konnten. Der Wagen gewann danach wieder an Geschwindigkeit.
Werner steuerte Venlo nicht direkt an, sondern eine kleine Ortschaft daneben. Doch dann schoß der Wagen auch durch diese kleine Gemeinde hindurch wie eine Rakete. Kurz danach drosselte er die Geschwindigkeit, bog links in einen Waldweg ein und stoppte den Wagen auf einem kleinen, hinter Büschen versteckt liegenden Parkplatz, den man eher vielleicht als "Parkbucht" bezeichnen konnte - zum Ausweichen bei Gegenverkehr auf diesem schmalen Waldweg.
Werner schaltete den Motor aus. Nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, wandte er sich unvermittelt an Sigrid, legte den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. Willig lehnte sie dabei den Kopf an seine Brust.
"Was nun?" fragte er ebenso unvermittelt, wie er angehalten und sie an sich gezogen hatte.
Stumm schüttelte Sigrid den Kopf. Sie wusste tatsächlich nicht mehr weiter.
Ängstlich sah sie ihn an. "Glaubst Du...Meinst Du..., ich meine: Du wirst doch nicht glauben, dass ich...?"
Nein, sie unterbrach sich, da sie den Satz einfach nicht zu Ende sprechen konnte.
"Blödsinn", entrüstete sich Werner. "Weiß der Teufel, wer Dir da etwas anhängen will! Wer ist eigentlich diese Starix?"
Sigrid war erleichtert. Ihre straffe Brust hob und senkte sich langsam, nicht mehr so schnell wie vorher, als das Herz so rasend schlug. "Du glaubst mir also?"
Als Antwort küsste er sie. Dann lachte er auf einmal, drückte sie fester an sich, so dass sie merkte, wie ihre Brüste sich gegen seine Schultern drängten. "Ich traue Dir ja allerlei zu und kann mir auch vorstellen. dass Du ein rechtes Biest sein kannst - aber so etwas...Nein, dazu hast Du einfach kein Talent, glaube ich..."
Obwohl es wie ein Scherz klang, der Sigrid aufmuntern sollte, sah sie ihm doch ziemlich deutlich an, dass er seine Worte sehr ernst meinte.
Sie sah ihn dankbar an. "Aber warum bist Du denn so gerast? Mir wurde oft himmelangst, dass wir uns irgendwo im Graben wiederfinden..."
"Tatsächlich?!" tat er nun ganz erstaunt. "Dann habe ich ja mein Ziel erreicht, denn ich wollte Dir bewusst Angst einjagen, damit du auf andere Gedanken kommst, da ich mir sehr gut vorstellen kann, wie es innerlich in Dir aussieht."
"Wirklich?"
Er nickte, "Ja."
Erleichtert atmete sie auf. Das war ihr Werner, der ganz alleine ihr gehörte. Sie wollte ihn ganz allein besitzen! Mit niemanden wollte sie ihn teilen. Wie besorgt er um sie gewesen war!
Warm und dankbar sah sie ihn an.
"Liebst Du mich?" fragte er sie jetzt spontan.
Sie gab ihm keine Antwort, aber sie drückte ihre Brüste noch fester an seine Schultern, dass sie schmerzten. Sie hob das Gesicht höher dem seinem zu, öffnete bereitwillig die roten und sinnlichen Lippen, die jetzt einen deutlichen Kontrast zu ihrem noch immer blassen Gesicht bildeten.
"Was soll nun aber werden?" fragte sie und schmiegte sich an ihm.
"Zunächst wirst Du einmal bei mir bleiben!" sagte Werner sehr bestimmt. "Eine Hausfrau habe ich gerade noch für meine Wohnung nötig. Du wirst erst einmal in meiner Wohnung bleiben, derweil ich mich erkundige, was an der ganzen Geschichte dran ist. Jedenfalls müssen wir vorsichtig sein und dürfen nun keinen Fehler machen..."
Er streckte sich, indem er die Arme nach oben reckte. Dann zündete er sich eine Zigarette an, gab auch Sigrid eine.
Sigrid konnte ihre Freude nur mühsam unterdrücken. Also hatte er die Sache auch zu seiner gemacht. Sie würde den ganzen Tag mit ihm zusammen sein - ebenfalls am Abend und selbst in der Nacht. Ihre ganze Liebe würde sie ihm schenken können, sich ihm ganz hingeben dürfen.
"Gehen wir ein wenig in den Wald spazieren, damit Du etwas ruhiger wirst", schlug Werner nun vor. Er zog den Zündschlüssel ab, öffnete die Tür und stieg aus dem Wagen.
Sigrid tat es ihm gleich. Neugierig sah sie sich um. Schön war es hier, wirklich schön. Abendliche Dämmerung lag über den vielen Bäumen und Sträuchern, schob sie etwas ineinander und ließ sie wieder auseinaderfließen.
Eine Amsel trillerte - irgendwo im Geäst verborgen. Frei und unbeschwert versuchte sie zu atmen und für diesen winzigen aber kostbaren Augenblick alles zu vergessen, was sie bedrückte, belastete.
Sie schob ihren Arm in Werners und schmiegte ihn im Gehen an den seinen, ihren Kopf an seine Schulter. Beschwingt, für diesen Moment glücklich, schritten sie dahin, einen breiten, von Holundersträuchern bewachsenen Weg entlang, der sich irgendwo in der Ferne in einen Bogen nach links verlor.
"Wo sind wir eigentlich genau, Liebling?"
Sigrid sah ihn an.
"Rate einmal! Vielleicht kommt Dir die Gegend bekannt vor."
"Nein, eigentlich nicht. Ist es weit von hier nach Geldern?"
"Wir sind ganz nahe bei Walbeck - in Arcen!"
"Was? So weit von Venlo?" Sie war ehrlich erstaunt.
Er lächelte. "Ich bin nur einen schnellen Umweg gefahren. Du hast das gar nicht gemerkt, weil Du so gegrübelt hast während der Fahrt."
"Es ist sehr schön hier!" meinte Sigrid.
"Deswegen habe ich Dich ja auch hergefahren. Weißt Du übrigens, dass wir uns hier im Schloßwald befinden?"
"Schloßwald?"
"Ja". Amüsiert schmunzelte er verhalten, als er ihren Gesichtsausdruck sah. "Ich möchte meiner Geliebten ein Schloss zu Füßen legen - aber im Ernst, es ist da hinten!"
Dabei wies er in eine Richtung.
"Du kennst Dich ja hier sehr gut aus! Wie kommt das eigentlich?"
Sein jungenhaftes Lächeln mit den zwei Grübchen vertiefte sich. "Ah, das ist mein Geheimnis. Jedenfalls bin ich sehr oft hier gewesen, weil es mir hier sehr gefällt."
Sie schwiegen nun wieder und genossen beide den Anblick der Natur. Die Dämmerung hatte inzwischen ihre Augen noch mehr geschlossen. Sie wanderten jetzt langsam um einen kleinen Hügel herum. Und dann lag das Schloß in der Ferne offen vor ihnen.
Überrascht blieb Sigrid stehen und stieß ein "Oh!" aus. Weit vorne, etwa 100 Meter im Vordergrund, erhob sich das imposante und riesige Bauwerk mit seinen vielen Zinnen und eckigen Türmen, Fenstern und Anbauten. Ein breiter Graben zog sich um die Burg und glitzerte zu ihnen herüber. Um der Burg schienen Gärten zu liegen - oder war es einfach der Schloßpark? So genau vermochte Sigrid das wegen der untergehenden Sonne und ständig sich verdichtenden Dämmerung nicht ausmachen.
Gebannt starrte sie auf die gewaltige Zugbrücke. Jedenfalls glaubte sie, es sei eine. Für Sigrid war ein Schloß, eine Burg ohne Zugbrücke einfach undenkbar. Es erinnerte sie immer an die alten Filme, in denen die Ritter solche Burgen erstürmten oder im letzten Atemzug über die sich langsam hochziehende Zugbrücke entwischten.
Und Wald! Alles Wald. Rechts hinten sah sie schattenumrissen eine weite Fläche liegen. Das musste offenbar eine Wiese sein!
"Na, was sagst Du?" fragte Werner, der sie gespannt beobachtet hatte.
"He", stieß er sie an, "hat es dich so erfaßt?"
Sigrid nickte stumm und ergriffen. Sie konnte einfach keine Worte finden.
"Komm!" Er zog sie nach rechts herüber. "Machen wir einen kleinen Umweg. Ich möchte Dir nämlich noch etwas sagen."
Bereitwillig folgte sie ihm, weil sie gespannt darauf war, was er ihr sagen und noch zeigen wollte. Dann aber stieß sie wieder einen kleinen Schrei aus und sah entzückt auf das, was sie sah. Zunächst sah es wie ein Bunker aus lauter Bäumen aus, was sich vor ihnen unvermittelt erhob, wie eine gebogenen Wellblechbaracke.
Doch dann - beim Näherkommen - stellte sich heraus, dass man hindurchgehen konnte. Das Ganze war ein grüner, etwa 50 Meter langer Wandelgang aus Sträuchern und ineinander sich verrankenden Pflanzengewächsen. Wilde Rosen blühten daran - mit einer Pracht und einem Duft, dass man regelrecht benommen wurde.
Ganz dicht von innen war man darin verborgen, unsichtbar, wenn man darin lustwandelte. So etwas hatte Sigrid noch nie im Leben gesehen. Der ideale Platz für Liebespaare! Kein neugieriges Auge konnte in diesen grünen Teppich eindringen und das Tun und Treiben der Liebenden belauschen...
Von außen standen entzückende Pyramidenpappeln als stumme Wächter der Natur auf Posten und ermahnten zu einem ehrfürchtigen Schweigen.
Nun betraten sie diesen "grünen Tunnel", durchschritten ihn und wurden ganz gefangengenommen von ihm.
Mitten im Tunnel blieben sie stehen und umarmten sich, küssten sich leidenschaftlich und hingebungsvoll. Wie ein Blitz schoss Sigrid dabei ein eigenartiger Gedanke durch den Kopf. Wie eigenartig das doch mit Werner war! Ein anderer - zudem noch so junger - Mann hätte gewiß den Kopf verloren, hätte Hals über Kopf ziemlich hektisch und planlos reagiert, ja sie vielleicht sofort versteckt. Er hingegen war genau das Gegenteil, ja er fuhr einfach hier nach Arcen, wo sie sich gemeinsam frei bewegen konnten - als wenn nicht das geringste geschehen wär, als hätte alles seine Ordnung, obwohl man sie vielleicht schon suchte und die Fahndung eingeleitet hatte.
Diese energische Einstellung Werners tröstete sie, machte ihr Mut. Das tat er sicher nur, weil er so felsenfest von ihrer Unschuld überzeugt war. Und das beglückte sie noch mehr!
12
Dann kamen sie zum hellerleuchteten Schloss, überschritten die Zugbrücke. Beide lehnten sich über das Geländer, spuckten wie ausgelassene Kinder in den breiten, mit Wasser gefüllten Graben, sahen sich danach an, lachten übermütig, als wenn sie einen Schabernack getrieben hätten. Sie schritten weiter, umrundeten das Schloss.
"Was ist das für ein Gebäude?" fragte Sigrid, zeigte dabei auf ein flaches, längliches Gebäude, das linker Hand von ihnen lag.
"Das ist der Rennstall", erklärte Werner bereitwillig. "Sehr edle Pferde beherbergt er. Innen ist er mit Gold und wertvollem Material ausgestattet..."
"Kann man da hinein?"
"Nein, nicht so ohne weiteres!"
Etwa eine Stunde lang streiften sie dann noch durch den Park mit seinen ausgedehnten Waldstücken.
Dann kehrten sie langsam zum Wagen zurück.
Es war schon dunkel.
Sigrid war müde und auf der Rückfahrt nach Geldern sehr niedergeschlagen. Ihre momentane Lage kam ihr nach diesen schönen Augenblicken noch trostloser und verfahrener vor.
Sie lehnte sich erschöpft an ihren Fahrer an und hielt die Augen geschlossen.
Werner schwieg auch. Sicher mochte er ahnen, was gerade in ihr vorging. Er fuhr diesmal vorsichtig und ohne über einen Umweg nach Geldern über Walbeck und die B 221 zurück. Knapp eine halbe Stunde später hielt er am Heiligenweg vor seiner Wohnung.
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Sigrid kannte die Siedlung am Heiligenweg nur flüchtig. Der Egmondplatz war in der Nähe, wo sich allenthalben jährlich ein Zirkus niederließ. Offenbar wohnten hier die nicht gerade höheren Gesellschaftskreise. Werner hatte ihr mal erzählt, die Familien dort würden ein- und ausziehen, als gäbe es im Leben nichts anderes zu tun. Zuweilen gelangten auch Familien über das Ordnungsamt in diese Ecke. jetzt in der Dunkelheit war nicht viel von den großen und wuchtigen Häusern am Heiligenweg zu sehen. Nur ihre Umrisse hoben sich ab.
"Komm!" sagte Werner ruhig, nachdem er sie in einen Innenhof gefahren hatte, der von den Häusern regelrecht zugebaut worden war. Er hatte hier neben vielen anderen Fahrzeugen das geliehene Auto geparkt. "Ich werde es morgen zurückbringen müssen."
Sigrid konnte beobachten, wie einige Frauen neugierig im Fenster lagen oder hinter den Gardinen standen. Offenbar eine Ecke, in der jeder wusste, was beim anderen gerade lief und stets glaubte, etwas verpassen zu können.
Draußen im Hof spielten noch mehrere Kinder. Einige halbwüchsige Jungenn und Mädchen flirteten oder fuhren mit Mofas hin und her. Geil jagten sie hintereinander her und versuchten sich in pubertärem Übermut zu haschen. Immer wieder klang das helle Lachen der jungen Mädchen auf.
Ganz links in der Ecke des Innenhofes befand sich einer der Eingänge, deren es viele hier gab. Zu diesem Eingang schob Werner sie nun. Er schloss die Tür auf.
"Pst! Nicht so laut. Hier haben die Wände und besonders Treppenhäuser lange Ohren. Es ist wohl besser, wenn wir leise die Treppen hochgehen!"
Sie wusste, dass er allein hier wohnte. Er besaß hier ein kleines Zimmer sozusagen in Untermiete in einer regulären größeren Wohnung, die ursprünglich einer Familie gehört hatte. Aber dann war eine Scheidung gelaufen. Der Mann hatte das Handtuch geworfen. Die Frau war mit den zwei Kindern ausgezogen, während der Mann, der als Pfleger im Krankenhaus arbeitete, noch verblieben war. Als Sigrid davon erfuhr, hatte sie zunächst vage dran gedacht, ob Werner und dieser Mann nicht etwas gemeinsam hatten, vielleicht schwul waren. Aber diesen Gedanken wurde durch Werners Verhalten schnell wieder zerstreut.
"Was ist eigentlich mit Deiner Mutter?" fragte sie leise unvermittelt, während sie zum ersten Stock hochstiegen. "Ich habe...Du hast mir nie davon erzählt. Was ist eigentlich damit?"
Er antwortete ebenso leise: "Ich habe Dir so vieles noch nicht gesagt. Habe nur Geduld..."
"Wird sie...ich meine, hoffentlich bekommst Du keine Unannehmlichkeiten, weil ich jetzt mit in Deine Wohnung komme."
"Wie kommst Du darauf? Mache Dir nur keine Sorgen. Das fehlte noch!"
Oben schloss er die Tür auf. Dann warnte er sie aber: "Da wohnt ja noch der Mann. Er ist, das muss ich Dir gleich sagen, manchmal nicht ganz richtig im Kopf. Jedenfalls glaube ich das. Oft erzählt er phantastischten Dinge und hat auch ansonsten eigenartige Marotten. Ich habe mich, ehrlich gesagt, schon oft gewundert, wie der im Krankenhaus tätig sein kann. Wundere Dich also nicht, wenn er Dir mal nur halb angezogen begegnet oder Dir etwas erzählt, was Dir seltsam vorkommt...Ja und mit meiner Mutter ist das auch so eine Sache. Die richtige ist ja tot..."
"Was? tot?"
Er nickte, während sie einen kleinen Korridor durchgingen und ein geräumiges Zimmer betraten, er ihr aus den Mantel half und sie bat, sich in einen der Sessel zu setzen. "Ich habe nur noch eine Stiefmutter, die ist auch so komisch. Als mein Vater bei einem Unfall um Leben kam, nahm er mir das Versprechen ab, ich solle mich um sie kümmern. Da sie gutmütig und ruhig ist, halte ich dieses Versprechen, obwohl es manchmal schwer fällt..."
Sigrid staunte nicht schlecht. Das alles war ihr völlig neu. Und sie staunte noch mehr, als sie die Wohnung von innen betrachtete. Hatte sie bisher geglaubt, dass er nur ein relativ kleines Zimmer habe, so wurde sie nun eines Besseren belehrt. Das Zimmer war groß und geräumig, hübsch und gemütlich möbiliert. Ein Sofa, zwei Seesel, ein Fernseher, eine Stereo-Anlage, ein Tisch, groß und rund und alle jene Dinge, die ein Zimmer verschönern können. In einer separaten NIsche hatte Werner sogar eine kleine Küche. Das Sofa ließ sich wie ein Bett ausziehen. Badezimmer und Toilette befanden sich nebenan. Man konnte aus Werners Zimmer diese Räumlichkeiten aufsuchen.
Die wohlige und heimische Atmosphäre der Wohnung drang so in Sigrid ein, dass sie sich auf Anhieb zu Hause fühlte. Und eine solche schöne Behausung hatte sie noch nie bewohnt. Sie schämte sich ein wenig, als sie an die schlampige Wohnung daheim denken musste.
Wenig später konnte sie es sich gemütlich machen. Sie hatte den Mantel abgelegt und versank in einen tiefen Sessel. Die Schuhe hatte sie ausgezogen.
Eigenartig, hatte sie sich sonst immer geniert, so zog sie jetzt sofort die Knie an und achtete auch nicht darauf, dass ihr der kurze Rock hochrutschte und ihre Beine weit bis zu den Schenkeln entblößte. Erst als sie Werners Blick gewahrte, der wie gebannt auf ihre nackten Beine starrte, zog sie fast beschämt den Rock darüber. Schämte sie sich wirklich vor Werner? Sie schalt sich im gleichen Augenblick eine Torin und schlug die Beine nun ostentativ übereinander, nachdem sie sich richtig hingesetzt hatte. Sie wollte damit sich selbst beweisen, dass die Vermutung nicht zutraf.
"Wenn Du willst", meinte jetzt Werner wie aus seinen Gedanken heraus, "kannst Du auch auf dem Sofa schlafen und ich auf dem Fußboden. Ich mache mir dann mit Decken etwas zurecht..."
"Kommt gar nicht in Frage!" entfuhr es ihr ganz spontan."
"Du sollst Dich hier aber wie zu Hause fühlen! Verstehst Du?"
Sie nickte. "Ich fühle mich ja so."
Das war typisch für die Art Werners. Er nahm nur Rücksicht auf sie. Sie fühlte sich auch heute noch ziemlich benommen, zu sehr, um der Liebe durch eine körperliche Vereinigung einen wesentlichen Ausdruck zu verleihen.
So nahm sie für diese erste Nacht gern seinen Vorschlag an und war froh darüber, dass sie nur das bei sich hatte, was sie auf dem Leibe trug.
"Ich muss morgen natürlich erst einmal zum Verlag fahren. Doch habe ich noch einen Urlaub gut. Ich werde sehen, was sich machen lässt. Denn ich möchte Dich gerade in dieser für Dich so schweren Zeit nicht allein lassen. Aber wenn ich nicht hier bin, so schalte und walte ruhig nach eigenem Gutdünken."
Sigrid meinte: "Aber ewig kann ich doch nicht auf der Flucht vor der Polizei sein?!"
"Das sollst Du auch nicht", versuchte Werner sie zu beruhigen. "Jedenfalls wirst Du erst einmal hierbleiben und nicht aus dem Haus gehen. Ich persönlich werde mich in den nächsten Tagen erkundigen und umhören, was an der ganzen Sache genau dran ist. Ich habe nämlich auch noch einige Beziehungen, die ich spielen lassen kann..."
"Woher kennt Walter Dich eigentlich?" unterbrach Sigrid ihn plötzlich unvermittelt.
"Dein Bruder?" Er runzelte etwas merkwürdig die Brauen, setzte sich dann ihr gegenüber, schlug die Beine übereinander. "Das ist eigentlich eine komische Sache. Ich habe ihn vor etwa einem halben Jahr unter recht merkwürdigen Umständen kennengelernt, als ich das "Schwarze Pferd" in Geldern besuchte und dort einige Bierchen trank. Dabei wurde er in irgendeine Schlägerei unbeabsichtigt verwickelt. Ich half ihm, weil zwei Mann gegen ihn allein vorgingen. Das fand ich nicht fair. Danach kamen wir ins Gespräch und freundeten uns an, bis ich dann durch ihn Helma und später Dich kennenlernte. Also hat sich meine Hilfe sehr bezahlt gemacht, zumal ich dadurch mit Dir zusammengetroffen bin. Natürlich weiß ich um sein zwielichtiges Verhalten; doch ist das seine eigene Sache. Immerhin hat er uns sehr geholfen, indem er uns gewarnt hat, nicht wahr? Vielleicht kann er uns noch einmal eine wertvolle Hilfe sein, denn er kommt überall herum und ist laufend orientiert...Aber wie kommst Du ausgerechnet jetzt auf Deinen Bruder?"
Sigrid zuckte die Achseln. "Der Gedanke kam mir einfach."
Er stand auf. "So, Du weißt ja, wo das Badezimmer ist und auch alles andere. Getränke sind im Kühlchrank in der Küche - also dort in der Nische. Wenn Du also einen Anspruch hast, dann bediene Dich getrost. Sicher wirst Du nach der Aufregung des Abends müde sein. Morgen kannst Du Dich ruhig ausschlafen. Ich selbst stehe meist um 6 Uhr auf. Angst brauchst Du nicht zu haben, denn hier wird man Dich, wenn man Dich auch sucht, am wenigsten vermuten..."
Nach diesen Worten küsste er sie schweigend und sanft, aber lange, strich ihr zärtlich über ihren Hals. Einen Augenblick ruhte sein Blick auf ihren entblößten Beinen und flackerte kurz auf, als er die Ansätze der prallen Unterschenkel wahrnahm. Aber dann wünschte er ihr eine "gute Nacht" und nahm einige Decken aus dem Schrank, machte sich auf dem Boden nahe der Nische ein Lager zurecht, legte sich angezogen nieder, drehte sich zur Wand und versuchte zu schlafen.
´Ein eigenartiger Mensch!` dachte Sigrid. Es reizte sie immer mehr, ihn ganz zu besitzen. Ihr ganzer Körper drängte danach, sich mit ihm zu vereinigen.
Sie erhob sich, ging zur Tür des Badezimmers und öffnete sie. Einen langen Blick warf sie noch auf Werner, ehe sie ins Badezimmer verschwand...
Werner wird aktiv
Werner erhielt tatsächlich seinen Urlaub, den er sich gewünscht hatte. Der dickleibige Herr Flenser, der Bürochef des Wochenanzeigers, hatte zwar ein wenig geknurrt, ihm dann aber doch seine Zustimmung gegeben. "Na ja, gerne mache wir das ja nicht", hatte er geknurrt, "aber wir wollen mal nicht so sein. Nur hoffe ich, dass das eine Ausnahme bleibt!"
Werner hatte sich artig bedankt und es natürlich am Abend gleich Sigrid mitgeteilt, als er heimkehrte.
Und jetzt war er unterwegs, um zu erkunden, wo Johannes Belser in Wesel wohnte. sein Wagen, den er sich wieder von einem Freund ausgeliehen hatte, jagte die B 52 entlang. Es war ein warmer Morgen, der ihn begleitete.
In Wesel suchte er gleich das Einwohnermeldeamt auf. Eigentlich hatte er ja vorgehabt, sich telefonisch bei der Weseler Polizei zu erkundigen. Doch schien ihm dies dann nach einiger Überlegung zu riskant. Da er von Sigrid wusste, dass Belser zwar ein Klever Nummernschild hatte, aber in Wesel wohnte, wie sie selbst im Ausweis gesehen hatte, obwohl er ihr aus naheliegenden Gründen einen anderen Wohnort im Kreis Kleve vorgeschwindelt hatte, um als Person verborgen zu bleiben, beschloss er, es auf dem Meldeamt zu versuchen.
Er klopfte am Einwohnermeldeamt laut an der Tür und trat ein. Vier Personen sahen kurz auf. Eine bebrillte, schwazhaarige Frau älteren Jahrgangs erhob sich.
"Sie wünschen?" fragte sie, während sie auf ihn zutrat und vor der Holzbarriere, die als Trennwand diente, abwartend stehen blieb.
"Ich möchte gerne die Adresse eines jungen Geschäftsfreundes von mir, der hier in Wesel wohnen muss..."
"Name?"
"Johannes Belser!"
Sie ging zu einer Kartei und sah nach. "Wissen Sie vielleicht, in welchem Stadtteil er wohnt?"
"Leider nein, aber ich dachte, dass man mir vielleicht hier an der Zentralstelle..."
"Schon gut. Wissen Sie wenigstens das Geburtsdatum der Person?"
Er schüttelte den Kopf. Aber ich muss die Adresse unbedingt haben! Es ist sehr wichtig, wissen Sie!"
"Ja, das sagen sie alle..."
Sie suchte weiter unter "B", murmelte dabei dauernd: "Belser...Belser...Belser..."
Plötzlich sagte sie: "Aha...!"
Sie zog fast erleichtert eine Karte heraus.
"Wie war noch der Vorname?"
"Johannes", meinte er nun selber innerlich erregt.
"Hm...Dann ist er es, Johannes Belser, 40 Jahre, wohnhaft auf der Bahnhofsstraße 41!"
"Das ist er!"
Werner notierte sich die Anschrift genau und bedankte sich. Dann verließ er eilig das Gebäude und sprang geradezu in den geliehenen Opel. Mit aufheulendem Motor schoß der Wagen davon. Er dirigierte ihn zum Bahnhof.
Zehn Minuten später parkte er den Wagen gegenüber dem Bahnhof nahe einer Tankstelle.
Langsam schritt er die Bahnhofsstraße entlang. Hoffentlich war Belser da!
Aber Belser war nicht da. Als Werner an dem herrschaftlich wirkenden Haus klingelte, machte eine Frau auf, die eigentlich sehr hübsch aussah, wenn sie auch schon reiferen Jahrgangs war. Offentsichtlich seine Ehefrau. Nein, Johannes sei nicht daheim. Er arbeite in seiner Firma. Wo die sei? In Goch. Er bekam die Adresse. Daher also hatte Belser wohl auch gegenüber Sigrid zur Vortäuschung und Irreführung angegeben, er wohne im Kreis Kleve. Und dann war er noch verheiratet.
Klar, dass seine Frau nichts von seinen nächtlichen Eskapaden wissen durfte. Wahrscheinlich gehörte er zu jener Sorte geiler Männer, die äußerlich den Biedermann und braven Familienvater spielten, aber hintenherum ihren geheimen sexuellen Neigungen nachgingen und sich auslebten bei Nutten und zwielichtigen Weibern. Werner kannte solche Typen zur Genüge und wunderte sich daher auch nicht sonderlich jetzt darüber. Wichtig war allein, dass er an diesen Belser herankam und die ganze faule Sache mit Sigrid aufklärte.
Ein wenig verärgert über die ganzen umständlichen Verzögerungen, machte er sich auf den Weg nach Goch. Er fuhr über Xanten und Uedem und war erst gegen mittag bei der Firma, die im Süden Gochs lag: irgendein Betrieb, der technische Zeichnungen erstellte und Planungen betrieb. Eine mittelgroße Firma, die aber einen sehr sauberen und einnehmbaren Eindruck machte.
In der Folge ging endlich alles reibungslos und nach Werners Vorstellungen. Er fragte sich in der Firma nach Belser durch und fand ihn allein, in einem großen Sessel und hinter einem wuchtigen Schreibtisch thronend, in seinem Büro vor.
Nachdem er ihn wahrheitsgemäß aufgeklärt hatte, schloss er mit den Wirten: "Sie werden sicher verstehen, dass ich dem Mädchen, das bisher nicht gerade vom Schicksal begünstigt wurde, helfen möchte, zumal sie mir persönlich sehr viel bedeutet."
"Was soll ich also ihrer Meinung nach tun?" fragte Belser, der Gefallen an Werner fand, dessen sicheres Auftreten ihn imponierte. Zudem dachte er mit Unbehagen an die damalige Episode mit Sigrid zurück und musste sich anfangs erst mal wieder erinnern. Offenbar hatter er stets so viele Abenteuer, dass er da zuweilen selber nicht mehr durchblickte...
13
"Es geht besonders darum", wurde Werner eifrig, "dass die Polizei weiß, wer mit Ihnen übernachtet hat. Können Sie sich daran erinnern?"
"Erinnern kann ich mich nur, dass ich einem Mädchen am Bahnhof bzw. am Markt in Geldern half gegen irgendeinen Strolch..."
"Das war meine Sigrid!"
"Ja, mag sein. Es war dann aber nicht die, mit der ich später im Bett lag, als ich erwachte. Ich erinnere mich nämlich noch genau, dass es jene Rothaarige war, die ich dann angezeigt habe. Im übrigen habe ich doch nicht Ihre Sigrid angezeigt!"
Gerade das aber wird behauptet. Die Rothaarige sagt nämlich, Sigrid habe sie angestiftet, Sie zu berauben..."
"Das kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen! Dann hätte sie das schon viel eher tun können. Nein, dieses Mädchen war meiner Meinung nach auch nicht der Typ dazu. Es war sehr hilfsbereit, hielt sich auch in der Bar sehr zurück, obwohl ich sehr spendabel war..."
Könnten Sie das auch bei der Polizei und später vor Gericht so wiederholen und richtigstellen?"
"Aber gewiß, junger Mann, mit Vergnügen, denn es entspricht ja durchaus der Wahrheit. Wenn es sein muss, kann ich das sogar sofort richtigzustellen versuchen, wenn Ihnen so viel daran liegt?"
Werner nickte schweigend.
Belser griff zum Telefon, ließ sich mit der Polizei in Kevelaer verbinden.
Das Gespräch dauerte fast eine viertel Stunde. Dann legte er den Hörer auf und wendete sich wieder an Werner. "Sie haben ja sicher so gut wie alles mitbekommen. Ich soll das noch bei der Polizei protokollieren lassen und unterschreiben, was ich jetzt am Telefon sagte. Das werde ich morgen früh gleich tun. Ilse Starix, die ich anzeigte, hat man inzwischen wieder auf freien Fuß gesetzt. Man sucht bereits Ihre Sigrid. Starix ist wieder in ihr Hotel gezogen. Die Polizei hat mir versichert, dass sie Fräulein Gewis nur sucht, weil sie zur Aufklärung der Tat sachdienliche Hinweise geben kann. Man hat meine Versicherung, dass nur Starix es gewesen sein kann, notiert und mich gebeten, Ihnen dies mitzuteilen. Sie brauchen also keine Angst zu haben. Doch wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, dann gehen Sie am besten mit Ihrer Sigrid gemeinsam zur Polizei."
"Wird gemacht!" Mit diesen Worten verabschiedete sich Werner dankbar von Belser. Wenig später brauste er über Kevelaer nach Geldern zurück.
Als er den Heiligenweg erreicht hatte, stürzte er regelrecht die Treppen zu seiner Wohnung hoch. Tiefe Freude war in ihm. Dass es so schnell, gleich am ersten Tag mit der ganzen Aufklärung des Mißverständnisses klappen würde, hatte er selbst am wenigsten erwartet. Er hatte sich eigentlich auf eine schwierige langwierige Aufgabe vorbereitet.
Sigrid, die gerade in einem Sessel saß und ganz verträumt Schallplatten hörte, obwohl ihre Gedanken dabei immer wieder zu Werner abschweiften, drehte sich erschreckt um ihre eigene Achse, als Werner freudestrahlend in die Wohnung gestürzt kam.
"Sigrid!"
Mehr brachte er zunächst nicht hervor. Er umfaßte sie einfach an der Taille und schwenkte sie ihm Kreise wie wild herum, so dass ihr die Schuhe von den Füßen sausten; wobei ein Schuh die Blumenvase vom Tisch fegte und sich das Wasser der Vase auf den Teppich ergoß. Doch das merkten sie gar nicht. Werner war so in Fahrt, dass er seine Sigrid immer schneller kreisen ließ... -
Als er sein Wildes Tun beendet hatte und beide sich - völlig außer Atem - gegenüberstanden, erzählte er ihr, was er erreicht hatte.
Sigrid, deren Brüste sich noch hoben und senkten, sagte zunächst gar nichts. Sie musste das Gehörte erst einmal verdauen.
"Du warst tatsächlich bei diesem Belser?" fragte sie dann ungläubig.
Er nickte. "Natürlich!"
"Ich kann es nicht glauben."
"Doch. Du, er hat übrigens sehr nobel von Dir gesprochen. Bei der Polizei hat er sich dann sehr für Dich eingesetzt."
"Warst Du etwa auch bei der Polizei?" Ihr Gesichtsausdruck wurde jetzt wieder ängstlicher.
"Ach was, das würde ich doch ohne Dein Einverständnis nie machen!" versuchte Werner sie zu besänftigen. "Wir sollten jetzt aber so schnell wie möglich zur Polizei gehen."
Und dann erzählte er ihr haargenau, was er erreicht hatte.
Obwohl Sigrid natürlich noch immer Angst hatte, beschloss sie nun doch, sich am nächsten Morgen zur Polizei fahren zu lassen. Aber Werner war dafür, dass sie es sofort erledigten. Bald darauf waren beide unterwegs. Sie fuhren nach Geldern zur Polizei, weil die Kollegen den Vorgang herübergegeben hatten. Im unteren Stock erkundigten sie sich nach dem Sachbearbeiter. Ein freundlicher Polizist verwies sie ins zweite Stockwerk. "Bei der Kripo oben, da müssen Sie hin!"
Sie stiegen die Treppe hoch, Sigrid mit klopfendem Herzen. Noch einmal mussten sie oben fragen, bevor sie den zuständigen Mann erreichten.
Ein gewichtiger, großer Mann saß in dem Zimmer. "Kriminalobermeister Berger", stellte er sich vor und bat beide, Platz zu nehmen.
Werner ergriff das Wort und erzählte, warum sie gekommen waren.
Berger suchte die entsprechende Akte heraus und rückte die Schreibmaschine zurecht. "Da wollen wir dann mal. Bitte zunächst Ihre Personalien, Fräulein" - er sah in die Akte...
"Heißen Sie Gewis oder Tröpper?"
"Ich habe nach meiner Scheidung wieden den Mädchennamen angenommen."
"Gut. Beruf?"
Sigrid druckste herum, sah hilfesuchend Werner an.
Berger sah auf.
"Hausfrau ist sie", schaltete sich Werner nun schnell ein. Sie versorgt meinen Haushalt und meine Wohnung und kümmert sich um meine Stiefmutter..."
Die Sache mit der Stiefmutter stammte zwar aus seiner Phantasie, aber Besseres war ihm nicht eingefallen.
Der Obermeister sah ihn mit einem langen Blick an, den Werner indessen gelassen stand hielt. Manchmal musste man die Dinge schon ein wenig hinbiegen. Wer tat das nicht?
Berger stellte seine Fragen, und Sigird gab ihm Antwort. Zwischendurch war nur das Klappern der Schreibmaschine zu hören.
Es ging weit besser, als Sigrid und Werner es sich gedacht hatten. Vielleicht lag das auch an Werner, der bei ihr war und durch seine Anwesenheit große Sicherheit verlieh.
"Sie haben also Herrn Belser nur in das Hotelzimmer gebracht?"
"Ja", antwortete Sigrid wahrheitsgemäß.
"Ihre Freundin behauptet aber, dass Sie sie benachrichtigt hätten und ihr diesen Belser zugeführt haben. Stimmt das?"
"Nicht dass ich wüsste", versuchte Sigrid jetzt auszuweichen.
Berger sah auf. "Nein, so geht das nicht. Entweder haben Sie oder Sie haben nicht! Was also stimmt nun?"
"Ich habe mich nicht im Zimmer aufgehalten!" sagte Sigrid fest entschlossen.
"Und wo waren Sie in der Nacht oder in der Zeit, nachdem Sie diesen Belser verlassen hatten?"
"Ich bin nach Hause gefahren."
"Allein?"
Sie nickte: "Mit einem Taxi."
"Haben Sie Zeugen, die das bestätigen können? Wie spät war es, als Sie nach Hause fuhren? Wissen Sie vielleicht noch die Taxinummer?"
"Nr. 8", sagte Sigrid sofort.
"So?"
"Ja. Als ich nach Hause kam, war meine Familie schon am schlafen. So habe ich eigentlich keine Zeugen..."
Der Obermeister hatte noch viele Fragen zu stellen.
Endlich hatten sie es dann doch geschafft und diese mühsame Prozedur hinter sich gebracht.
"Können Sie Ihre Aussage beeiden?" fragte der Beamte zum Abschluss.
"Das kann ich", sagte Sigrid sehr fest und sah ihn dabei furchtlos und entschlossen an.
"Vielleicht werden Sie bei dem Prozess als Zeugin geladen und müssen diese Aussage beeiden. Letztlich wird jetzt die Staatsanwaltschaft entscheiden, wie alles weiter zu laufen hat..."
Sie verabschiedeten sich und gingen die Treppe hinunter.
"War es schwer?" erkundigte sich Werner, als sie wieder auf der Straße standen.
"Gar nicht!"
Jetzt, wo alles hinter ihr lag, hätte sie am liebsten unbändig gelacht. Sie fühlte sich jetzt frei und unbeschwert, hätte davonschweben mögen. Jetzt vermochte sie auch wieder ihr anmutvolles Lächeln aufzusetzen, mit dem sie Werner auch sogleich beglückte.
Sie fuhren zurück in Werners Wohnung. Werner machte ihr unterwegs den Vorschlag, dass sie bei ihm bleiben möge. "Ich werde dann auch diese Ilse Starix einmal aufsuchen und sie mir vorknöpfen..."
"Nein!" sagte Sigrid heftig, "das wirst Du schön bleiben lassen. Ich möchte mit dieser Person nichts mehr zu tun haben."
"Warum soll ich es bleiben lassen? Ich werde ihr gehörig den Marsch blasen..."
"Nein - ich möchte das unter keinen Umständen. Ich habe Dich noch nie um etwas gebeten, aber jetzt bitte ich Dich, nicht dieses Luder aufzusuchen..." Sigrid kannte Ilse Starix gut genug, um zu wissen und Angst zu haben, dass sie unweigerlich versuchen würde, Werner zu verführen. Und ob Werner den schamlosen Verführungskünsten dieses verdammten und raffinierten Weibes gewachsen sein würde - dessen war sie sich nicht sicher, das bezweifelte sie sogar ein wenig. In ihrer Hemmungslosigkeit kannte Ilse Starix keine Grenzen, wenn es darum ging, einen Mann, der ihr gefiel, zu verführen und ihre Gelüste zufriedenzustellen. Gerade deshalb aber wehrte sie sich auch so energisch gegen Werners Vorhaben.
Dieser hatte erstaunt bemerkt, wie sehr sich Sigrid bei seinen Worten aufgeregt hatte. Die Ursachen dazu konnte er sich nicht erklären. Da musste also irgendwo ein Haken sein, der Sigrids Reaktion verursacht hatte. So beschloss er, Sigrid in Sicherheit zu wiegen und nichts davon zu sagen, wenn er einfach stillschweigend die Starix aufsuchte.
Sigrid indessen war jetzt recht schweigsam geworden, obwohl Werner ihr versprochen hatte, nicht die Starix aufzusuchen. Doch zweifelte sie ein wenig an seinen Worten. Sie fühlte, dass er es doch tun würde - und ihr Gefühl betrog sie selten, da sie sich in der Regel darauf verlassen konnte.
In den folgenden Tagen lebten beide in jenen beschwingten Sphären, die Liebenden zu eigen sind und nur infolge der Gefühle und Empfindungen erfasst werden können.
Sigrid verwunderte sich immer mehr über die Veränderungen ihres eigenen Wesens, die sie ganz deutlich zu spüren vermochte. Es versöhnte sie ein wenig mit dem Schicksal und besonders der miesen Vergangenheit, dass sie nun in Form iher selbstlosen Liebe reiche Entschädigungen erhielt. Hatte sie sich früher das Ziel gesetzt, die Männer zu "bestrafen", zu zerbrechen und regelrecht zu vernichten, indem sie sie ständig zu reizen und ihren Sexualtrieb zu steigern versuchte, da sie wusste, dass Männer dann am leichtesten zu bestrafen waren, so empfand sie dies jetzt als unangebracht und nicht mehr angemessen.
Bald nachdem der "Fall" geklärt war, fuhren sie und Werner zur Großmutter, um ihre die freudige Nachricht zu bringen, aber auch, weil Sigrid noch einige von ihren Sachen holen wollte. Großmutter freute sich natürlich mit ihnen, spendierte Werner eine Flasche Bier, die der auch dankend annahm. Derweil Sigrid ihre Sachen zusammensuchte, unterhielt sich Wener mit der Großmutter.
Im besten Einvernehmen trennte man sich. Auf Großmutters Frage, wie lange Sigrid denn bei Werner verbleiben würde, hatte Werner nur unbestimmt mit den Achseln gezuckt. Dabei hatte er es belassen.
Wenig später ergab es sich, dass Werner an einem Mittwochnachmittag Ilse Starix aufsuchte. Er hatte Sigrid nichts davon gesagt. Vielmehr war er mit der Begründung davongefahren, er wolle zu seiner Bank nach Geldern. Hier hatte er bei der Volksbank sein Girokonto und ein Sparbuch. Es drehe sich um reine Geldangelegenheiten, hatte er versichert.
Um 14 Uhr parkte er seinen Wagen vor dem Hotel in Kevelaer, in dem Ilse Starix ihr Zimmer hatte, erkundigte sich beim Portier nach der Zimmernummer und stieg die Treppe zu den oberen Räumen hoch.
Er klopfte. Nichts war zu hören. Er klopfte stärker.
"Wer ist da?" hörte er von innen eine fast vorsichtige Frauenstimme.
"Ich möchte etwas mit Ilse Starix besprechen! Sind sie das?"
Die Tür war verschlossen gewesen, jetzt aber drehte sich langsam ein Schlüssel von innen herum, der fast quietschende Geräusche verursachte, die Werner durch Mark und Bein gingen. Hörbar sog er die Luft durch die Nase ein. Langsam ging die Tür auf. Ein Frauenkopf wurde sichtbar.
"Polizei?" klang fragend ihre Stimme.
"Nein, ich möchte privat mit Ihnen sprechen!"
Der mißtrauische Blick der Frau verschwand und machte einem klirrenden Lächeln Platz. Mit einem beinahe unverschämten Blick betrachtete das Frauenzimmer den jungen Mann von oben bis unten. Dabei verharrte dieser Blick besonders lange in seiner Schrittgegend, als könnte er durch suggestive Kraft eine "männliche Reaktion" erzeugen. Werner fühlte sich etwas unbehaglich. Schließlich öffnete die Frau die Tür ganz, um ihn hereinzulassen. Sie ließ nur soviel Platz, dass er beim Hineingehen mit dem rechten Arm ihre Brüste streifte und das Harte und Fleisch unter ihrer Bluse spürte. Sie trug eine gelbe Bluse, die aber zu "schreiend" war und nicht recht zu ihr paßte, wie er mit einem Blick feststellte.
Als er in der Wohnung war, schloß sie langsam die Tür und sah ihn unverhohlen neugierig-lüstern an. Sie verschloß von innen die Tür und zog den Schlüssel ab. Sie bot Werner einen Platz an, setzte sich dann selbst, schlug die Beine freizügig und ungeniert übereinander, so dass die straffen Schenkel deutlich sichtbar wurden. Sie lächelte auf eine süffisante Art.
"Hat man Sie geschickt?" Sie fragte es wie lauernd, blickte ihn mit verschleierten Augen an, die aber nicht die Begehrlichkeit einer Dirne verbergen konnten. Offenbar glaubte sie, er sei ein Freier, ein Kunde, der gegen Geld Liebesdienste wünschte. Immerhin sah Werner nicht schlecht aus! Die schlanke und wohlgefällige Gestalt des jungen Mannes mit dem feingeschnittenen Gesicht und den klug Augen vermochte manches Frauenherz höher schlagen zu lassen.
"Niemand schickt mich", sagte Werner jetzt. "Ich komme von allein. Es handelt sich lediglich um Sigrid Gewis..."
Sie starrte ihn an, ihre Haltung wurde gespannter, als habe sie nicht recht verstanden, um was es ging.
"Um Sigrid? Schickt die Sie?"
"Nein!" Er sagte es energisch, um gleich jeden Verdacht eines Schäferstündchens auszuräumen, denn er wollte die Sache möglichst schnell hinter sich bringen. "Sie haben da eine mächtige unfeine Sache fabriziert. Ich bin nicht hier, um sie moralisch zu verurteilen, denn was Sie tun, ist allein Ihr Sache. Aber ich finde es nicht anständig, dass Sie die Schuld auf Sigrid schieben und zu feige sind, für ihr Verhalten einzustehen..."
Einen Augenblick sah es so aus, als wollte Ilse Starix empört aufstehen. Ihr Gesicht, das hübsch-verlebt aussah, färbte sich rot - aber dann setzte sie ein fast scheinheiliges Lächeln auf und gab ihrer Stimme einen zerknirschten Klag: "Steht Ihnen Sigrid denn besonders nahe? Warum setzen Sie sich so für diese dumme Gans ein? Haben Sie ein Verhältnis mit Ihr?"
Werner musste sich beherrschen. "Das kann man wohl sagen", antwortete er mit fester Stimme. "Sind Sie also bereit, ihre falschen Angaben zu berichtigen bei der Polizei?"
Wie zufällig krazte sie sich "gedankenverloren" am Oberschenkel, beugte sich etwas vor, ließ den Rock höher rutschen. Auch ihre Brüste wölbten sich jetzt halbfrei aus dem flatternden Blusenausschnitt hervor. Dann, während sie in dieser Stellung verharrte, musterte sie ihn ausgiebig.
"Sie wissen wohl, dass Sie sich strafbar machen, wenn Sie mich hier zu bereden versuchen, wie? Sigrid ist ein dummes Ding. Ich persönlich habe sie ja schon immer im Verdacht gehabt, bei dem Mann einen Raub ausgeführt zu haben. Und sie war es auch - das können Sie mir getrost glauben..."
"Das ist mit Sicherheit nicht wahr!"
"So - meinen Sie?!"
Werner war wie vor den Kopf geschlagen.
Die Starix aber reizte ihn fast bis zur Weißglut, als sie nachhakte: "Sie kennen Sigrid schlecht. Sie ist ein Luder! Ich werde also trotz dieser unerlaubten Zeugenbeeinflussung nichts wiederrufen, aber auch nichts strafrechtlich gegen Sie persönlich unternehmen, da Sie das kleine Biest offenbar geschickt eingewickelt hat. An Ihrer Stelle würde ich diese Frauenperson links liegen lassen - schließlich gibt es andere Frauen, die Ihnen alles das und weit mehr und besser bieten können, was dieses Luder Ihnen gibt..."
Wie zur Bestätigung dieser Worte, die Werner wie Peitschenhiebe trafen, zog sie das rechte Knie an und stützte die Hände verschlungen darauf.
Werner stand auf. "Mit Ihnen hat es keinen Zweck! Sie sind noch bodenloser als ich gedacht hatte. Ich glaube, wir haben uns nichts mehr zu sagen!"
"Sehen Sie sich vor!" wurde sie nun ausgesprochen giftig und ausfallend. "Ein Wort von mir genügt bei der Polizei, um Ihre dumme Sigrid jahrelang hinter Gefängnismauern zu bringen. Ich habe bei der Gelderner Polizei einflußreiche Freunde - ja, ich werde der Polizei dort mitteilen, dass Sie mich zu beeinflussen versucht haben. Wir sind hier unter uns", veränderte sich dann plötzlich der Tonfall ihrer Stimme, "deshalb kann ich Ihnen ruhig sagen, dass ich tatsächlich das Geld genommen habe und Sigrid es nicht war. Da Sie aber keine Zeugen haben, ist Ihnen mein Geständnis wertlos...Lassen Sie Sigrid bleiben, wo der Pfeffer wächst! Tun sie sich lieber mit mir zusammen. Sie sind ein strammes Mannsbild, das mir wirklich gefallen könnte. Ich kann ihnen alles geben als Frau, was ein Mann braucht. Außerdem könnte mir Ihre Männlichkeit noch etwas geben. Seien Sie also kein Narr und tun Sie sich mit mir zusammen..."
Nach diesen Worten sah sie ihn herausfordernd an.
Werner war sprachlos. Schon bei ihren gehetzten Worten war er immer blasser geworden. Plötzlich holte er aus und versetzte der Dirne eine schallende Ohrfeige, dass sie rückwärts in den Sessel flog, mit den Beinen strampelte und vor Wut Gift und Galle spuckte, zu heulen begann.
"Los, schließen Sie die Tür auf!" herrschte er sie wütend an, denn er konnte nicht hinaus, als er es versuchte, da sie nach seinem Eintritt die Tür von innen verschlossen hatte.
Einen Moment sah es aus, als wollte sich die Dirne wutschnaubend auf den jungen Mann stürzen. Dann ging sie zur Tür und schloß auf.
"Mistkerl!" sagte sie dabei. "Das werden Sie noch bitter bereuen. Ja, Sie werden sich noch sehr wundern!"
Mit diesen Drohungen ließ sie ihn hinaus und verschloß hinter ihm die Tür wieder.
Werner, der nach Hause zurückkehrte, erzählte in Geldern Sigrid nichts von seinem Besuch bei der Dirne. Er wollte sie da möglichst heraushalten und nicht beunruhigen. Sigrid selbst ahnte nichts von dem, was sich inzwischen in Kevelaer um ihrer Willen abgespielt hatte.
Während Werner unterwegs war, hatte sie es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht. Sie trug lange Hosen und eine weiße Bluse. Jetzt saß sie mit gekreuzten Beinen auf dem Teppich vor dem Schallplattenschrank und vertiefte sich in einige Schallplatten.
Dann legte sie einzelne Platten auf, hörte sie und träumte vor sich hin.
Lange war Sigrid indessen nicht allein. Werners Stiefmutter erschien plötzlich und hatte ihr "etwas Wichtiges zu erzählen".
Am Anfang hatte sie ja ein wenig Angst und Hemmungen vor der Begegnung mit der Stiefmutter Werners gehabt, war aber auch ein wenig neugierig gewesen, wie sie sich verhalten würde. Wie die meisten normalen und gesunden Menschen, hatte Sigrid eine gewisse Scheu gespürt, als sie die Frau zum ersten Mal sah. Sie war einfach aufgekreuzt, wie es ihre Art war. Aber dann hatte Sigrid die Scheu schnell überwunden, weil die Frau völlig anders war und sich verhielt, als sie gedacht hatte.
Roswitha Färber war sogar eine alles in allem sehr angenehme Erscheinung. Gleich am ersten Tag, als Sigrid allein war, war sie hereingeplatzt. Sie schien überhaupt nicht erstaunt zu sein, eine völlige fremde Frau bei ihrem Stiefsohn vorzufinden.
"Sind Sie eine Freundin Werners?" hatte sie völlig ungeniert gefragt.
Sigrid hatte das bestätigt und sich die Frau dann etwas genauer angesehen. Sie war höchstens 40 Jahre alt, und man konnte sie eigentlich sogar hübsch nennen. Was Sigrid nur sofort auffiel, war die Kleidung, die allenthalben zu kurz war. War schon der weite Rock bedeutend zu kurz und umziemlich, so sprengten die ausladenden Brüste fast die ganze Bluse. Tatsächlich spannte sich der gewaltige Busen derart, dass sie sich jeden Moment vergegenwärtigte, die Brüste müssten den Blusenstoff zerreißen und wie gewaltige Sprengkapseln zum Vorschein kommen...
Blonde, aufgesteckte Haare, ein fast feines Gesicht, zu dem nur nicht die oft wie leer blickenden grünen Augen zu passen schienen, sowie eine eigentlich viel zu große Konstitution hoben die Erscheinung besonders deutlich ins Bewusstsein des Betrachters. Ungeniert trug die Stiefmutter Werners einen derart tiefen Ausschnitt, dass dies Sigrid ein wenig peinlich berührte, obwohl gerade sie früher ebenfalls tiefe Ausschnitte bevorzugte. Seit sie aber Werner kannte, gab sie sich eher zugeknöpft und züchtig, so dass sich selbst die vielen Beannten wunderten, die sie kannten.
Sobald sich die Frau energisch oder fahrig bewegte, gerieten die Brüste hervorschwellend in Wallung. Sie bewegte sich sehr viel und schien eine nervöse Natur zu sein.
Manchmal waren ihre Bewegungen wie die eines Roboters, der innere Signale empfängt, die ihn zur Bewegung veranlassen. Wie alle mit der Schizophrenie behafteten Leute, gab es auch bei Roswitha Färber jene "lichten Geistesmomente", die dazu führten, dass sie rationell richtig, logisch, ja sogar klug und in der rechten Satzreihenfolge zu sprechen verstand. Dann konnte man sich mit dieser Frau sogar recht angeregt unterhalten.
Es konnte aber ebenso vorkommen, dass sie urplötzlich von einem vernünftigen Gespräch auf phantastische Dinge abwich und ganz ins unbegrenze Fabulieren geriet. Dabei konnte sie nicht nur sehr ordinär werden und selbst Sigrid noch verlegen machen, sondern sie konnte auch Dinge tun, die in keinerlei ursächlichem Zusammenhang mit der jeweiligen Situation standen. Sigrid verblüfften sie immer wieder neu.
Es hatte einige Zeit gedauert, bis sie sich mit diesem sonderbaren Verhalten Roswithas abgefunden hatte. Einen gewaltigen Schreck hatte sie beispielsweise bekommen, als die Frau einmal mitten im Gespräch plötzlich die Brüste aus dem Ausschnitt zerrte und sie mit den Worten streichelte und liebkoste: "Ach, ihr kleinen Söhne, Mutter wird euch schon gut versorgen und richtig aufziehen!" Dann hatte sie die Brüste beinahe überhastet und ängstlich wieder in den Ausschnitt gepreßt...
"Ja, ich bin Werners Freundin!" hatte Sigrid beim ersten Treffen gesagt.
Werner hatte ihr bisher herzlich wenig über seine Stiefmutter erzählt, aber Sigrid hatte sich viel zusammengereimt. Und manches, was sie sich zusammengereimt hatte, traf auch zu, wie sie am Verhalten dieser Frau bemerken konnte. Ständig wurde aber Sigrid beim Verhalten dieser Frau zwischen Mitleid, Peinlichkeit und Verständnis hin und her gerissen, so dass sie sich zwischen mehreren Fronten befand. Werner selbst tat wenig, um dies abzubauen. Er sagte, wenn Sigrid ihn darauf ansprach, meist: "Ja, meine Stiefmutter ist schon eine sonderbare Frau. Ich verstehe auch nicht ganz, warum mein Vater ausgerechnet diese Frau nach dem Tod meiner wirklichen Mutter geheiratet hat..."
14
Werners Stiefmutter und deren sonderbares Verhalten
Als Roswitha an diesem Mittwoch in das Wohnzimmer traf, stand Sigrid auf und ging ihr entgegen.
"Ah, Du bist es, Roswitha. Ich freue mich, dass Du mir Gesellschaft leisten willst. Werner ist nämlich zur Bank gefahren, um irgendeine Geldangelegenheit zu ordnen."
Sigrid hatte bereits nach dem zweiten Treffen die Frau mit "Du" angesprochen. Das hatte ihr auch Werner selbst empfohlen, zumal auch Roswitha sie bald so anredete, wenn es auch noch seine Zeit dazu brauchte.
Jetzt richtete Roswitha ihre an sich schönen grünen Augen, die diesmal klar und nicht trübe oder leer blickten, auf Sigrid. Dann setzte sich die Frau in einen der Sessel.
Es war ihr anzusehen, dass sie Angst hatte. Oft, wenn sie Angst hatte, das hatte Sigrid schnell herausgefunden, benächtigte sich ihrer die Persönlichkeitsspaltung. Dann trieb es sie besonders gern nach Sigrid, als könnte die Frau hier Schutz und Geborgenheit vor den eigenen Unheimlichkeiten suchen. So war es auch diesmal.
"Gib mir eine Zigarette, Sigrid!" bat sie. Sigrid, die ebenfalls wieder Platz genommen hatte, erhob sich, um die Zigarette aus Werners Jackentasche zu holen. Sie bot ihr eine an, gab ihr auch gleich Feuer, legte die Schachtel mit dem Feuerzeug dann vor ihnen auf den Tisch.
"Ich höre wieder Stimmen", begann Roswitha gequält langsam.
Sigrid schwieg.
Sie wusste nur zu genau, dass es so immer anzufangen pflegte. Die Frau begann stets mit diesen Worten, wenn sie sich gespalten fühlte und scheinbar nicht recht wusste, welcher Seite ihrer Person sie sich zuwenden sollte. Zumeist redete sie dann alles wirr durcheinander, unterbrach sich ganz plötzlich und begann, etwas ganz anderes zu berichten, beovor das Vorhergesagte überhaupt war. Sigrid brauchte nur dazusitzen und zuzuhören! Und da ihr die kranke Frau leid tat, harrte sie immer geduldig der Dinge, die da kamen, wobei sie sich bewusst war, dass immer wieder neue Überraschungen ihrer harrten. Sie vermochte nur zu ahnen, was die Frau nun wieder erzählen würde. Sie lachte auch nicht, sondern hörte ihr stets ernst und aufmerksam zu. Auch diesmal verhielt sie sich wieder so.
"Es sind mehrere Stimmen", erzählte Roswitha weiter. "Von überall kommen sie her und dringen auf mich ein. Weißt Du, was sie alles sagen und was sie mir zuflüstern?"
Sie sah bei diesen Worten Sigrid fragend-trostlos an.
Sigrid beugte sich gespielt-gespannt vor.
"Nein, dass weiß ich nicht. Aber vielleicht erzählst Du mir mal, was sie Dir zuflüstern?"
Nach diesen Worten rückte sie etwas näher an Roswitha heran.
"Du hörst also keine Stimmen?" fragte Roswitha fast gespannt.
"Nein - nur meine eigene und Deine!"
"Komisch..."
"Was ist komisch?"
"Hm...Weißte, sie verlangen von mir - ja, sie verlangen von mir, dass ich die Gardinen immer auf- und zuziehen soll oder dass ich mir die Hände waschen soll. Ist das nicht komisch?"
Roswitha sah sich heimlich um, als könnte einer verbotene Worte mithören.
"Ach", sagte Sigrid, "verlangen sie das tatsächlich von Dir?"
"Aber ja!" nickte Roswitha heftig. "Sie verlangen oft noch ganz andere Sachen: Dass ich mich ins Bett legen oder zur Toilette gehen soll. Manche verlangen auch, ich soll mich ausziehen. Ob das vielleicht Männer sind, die mir auf der Straße begegnen? Ich erkenne nämlich genau, dass es Männerstimmen sind - ja, manchmal sind es ja auch Frauenstimmen, die das verlangen..."
Sie kicherte.
"Sehr seltsam!" kommentierte Sigrid dies alles.
"Ja, ich will das ja am Anfang nie alles, was sie mir einflüstern, aber dann quälen sie mich immer furchtbar und tun meinen beiden Kindern weh". Dabei strich sie zärtlich und sanft erst über die rechte, dann die linke Brust, um dies deutlich zu unterstreichen. "Aber sie sind mir auch zu Diensten, diese dummen Burschen..."
Sie lachte laut und spreizte dabei etwas die Finger an beiden Händen auseinander. "Aber ich bin schlau und verhalte mich immer, so als wenn ich sie nicht bemerken würde..."
"Wen?" fragte Sigrid, die von den letzten Worten nichts verstanden hatte.
"Ei - der große Mann, der mich täglich besuchen kommt. Er will natürlich etwas von mir...Ja, gewiß - hihihi -, ich weiß genau, was er will. Ich bin schlau. Ja - ich bin sehr schlau... Mein Volk weiß, dass ihre Königin schlau ist, darum verehrt es mich auch so angenehm..." Ein wenig unstetig sah sie umher, stand dann auf und begann im Zimmer auf und ab zu wandern.
"Bin ich nicht schön?" fragte sie unvermittelt.
"Sehr schön bist Du, Roswitha!" bestätigte Sigrid.
"hi...hi...hi..., aber auch sicher so schön wie Du? Ah, ich bin doch nicht schön, findest Du nicht auch? Sieh mal meine Beine!"
Sie hob ungeniert den Rock weit auf und drehte sich um die eigene Achse, wobei sie auf den Spitzen der hohen Stöckelschuhe zu tanzen begann.
Sie fuhr fort: "Der Mann sagt immer, ich hätte schöne Beine - und kneift mir dann derb in die Schenkel. Hier!" Sie wies auf das nackte, weiße Schenkelfleisch zwischen Strumpf und Mieder am linken Bein, wo sich im Zeitalter der Technik und Strumpfhosen tatsächlich noch alte Strumpfhalter in schwarzer Farbe befanden.
Plötzlich lachte sie schrill und laut, sagte, sich nach vorn beugend auf Sigrid zu: "Manchmal kneift er mich auch in den Po!" Kirchernd verdeckte sie den breiten Mund mit der rechten Hand.
"Wie viele Kinder hast Du denn?" fragte sie Sigrid und wechselte das Thema.
Sigrid wurde teilweise rot. "Keine Kinder habe ich!" brachte sie hervor.
"So. Keine. Ich habe zwei...Ich möchte aber zehn - nein hundert...Ach was, ich möchte so viele haben, dass das ganze Haus davon voll ist und es wie in einem Ameisenhaufen wimmelt..."
Sie kicherte wieder anhaltend.
Sigrid erkundigte sich: "Hast Du diese...Ich meine, sind diese Stimmen schon lange da?"
Die Frau versuchte nun etwas nachzudenken, lächelte dann ein fast schönes Lächeln und fummelte wie ein schüchternes Mädchen an ihren Blusenknöpfen herum. Dann hob sie den Kopf. Die Stirn war in tiefe Falten gelegt. "Ich weiß nicht", murmelte sie dann kaum vernehmlich mehr wie zu sich selbst. "Sie waren auf einmal da...Ja..."
Sie erwachte wie aus einer Erstarrung, aus einem tiefen Schlaf. "Auf einmal waren sie da! Aber wann das war, kann ich nicht mehr sagen." Sie ging wieder auf den Sessel zu und setzte sich. Anscheinend hatte sie sich nun wieder gefangen.
"Hat man Dich schon einmal ärztlich behandelt? fragte Sigrid, die das Bedürfnis hatte, etwas mehr über diese Frau zu erfahren.
"Früher hat man das getan. Mein Mann, ich meine, Werners Vater, hat sich sehr um mich gekümmert und wollte mich so gern wieder gesund haben. Ich weiß, dass ich krank bin!"
Sie begann zu weinen.
Sigrid wurde schmerzlich bewusst, wie einsam diese Frau sein musste! Wie schrecklich sich wohl der Verfolgungswahn, die paranoiden Bewusstseinsschübe und die Schizophrenie bei ihr bemerkbar machen mussten!
Sie stand plötzlich ganz spontan auf, ging zu der 14 Jahre älteren Frau hin und strich ihr übers Haar, weil ihr der Anblick selbst weh tat.
Gar zu gerne hätte sie Roswitha gefragt, wie sie Werners Vater kennengelernt hatte. Aber jetzt schien ihr nicht der rechte Augenblick dafür zu sein. Sie hätte überhaupt vieles wissen mögen. Was wusste sie beispielsweise schon wirklich von Werner? Das, was sie wusste, war relativ wenig. Im Grunde genommen wusste sie nicht einmal, wie er aufgewachsen, wo er geboren worden war. Einmal hatte sie an einem Vormittag Langeweile in der Wohnung empfunden und hatte etwas in den Schränken herumgestöbert. Erstaunt hatte sie gelehrte Bücher gefunden, mit denen sie nicht viel anzufangen wusste, aber es waren einige Schriftsteller darunter, die sie vom Namen her vage kannte, berühmte Dichter und Wissenschaftler, Philosophen hatten sie angestarrt wie aus fremden Welten.
Verwundert hatte sie einige Bücher sogar in die Hand genommen, obwohl es schon etliche Jahre her war, dass Sie ein Buch gelesen hatte. Nach einigem Herumblättern hatte sie ein schlechtes Gewissen bekommen und beschlossen, die "Heiligtümer" wieder zurückzustellen, obwohl Werner sicher nichts dagegen gehabt hätte, wenn sie sich die Bücher in aller Ruhe angeschaut hätte. Trotzdem kam sie sich wie ein "Störenfried" vor. Ein fast trauriges Gefühl beschlich sie. Werner selbst tat von sich aus nichts, was ihr das Erkennen seines Wesens, seiner Persönlichkeit etwas erleichtert, oder was sie in ihrem Bestreben, ihn ganz erfassen zu wollen, gefördert hätte.
Komisch, dass ihr diese Gedanken gerade jetzt kamen, wo sie hier neben seiner Stiefmutter stand, sie zu trösten versuchte und tiefes Mitleid mit dieser Frau empfand!
Mittlerweile hatte Roswitha ihr Taschentuch, mit dem sie sich die weinenden Augen getrocknet hatte, wieder weggesteckt. Versunken und wie in einer anderen Welt untergetaucht, saß sie im Sessel. Auch Sigrid hatte sich wieder gesetzt.
Und sie musste auch daran denken, wie schlecht es in Geldern eigentlich mit der praktischen neurologischen und psychiatrischen Versorgung bestellt war! Auch Roswitha hatte sehr oft in Gesprächen darüber geklagt, dass es nur einen einzigen Facharzt für Psychiatrie und Neurologie hier gab, der als Alleinherrscher wirklich dem Wort von einem "Gott in Weiß" alle Ehre machte und glaubte, er wäre die einzige Autorität auf diesem Gebiet. Und da die fachärztliche Konkurrenz fehlte, hatte eine behandlungsbedürftige Patientin wie Roswitha nicht einmal die Möglichkeit, auf einen Kollegen auszuweichen, weil es einfach keinen gab.
Sigrid kannte diesen "Gott in Weiß" nur zu gut. Einmal war sie bei ihm gewesen. Zehn Minuten hatten gereicht, um sie gründlich abzuschrecken. Ja, der Mann war ihr vom ersten Augenblick an äußerst unsympathisch gewesen.
In ihren Leben hatte sie viele Menschen kennengelernt, die ihr sofort vom ersten Augenblick an Unbehagen schafften, weil sie sie als Heuchler empfand, die mehr scheinen wollten, als sie waren.
Dieser Dr. Dagobert Naßpick war in der Tat ein Psychiater, der infolge nicht vorhandener Konkurrenz glaubte, er allein habe das richtige Rezept, um den Menschen bis ins Innerste zu schauen. In Wahrheit war Dr. Dagobert Naßpick ein sehr geltungssüchtiger Heimlichtreter, der selber unter vielen Problemen litt, die es eigentlich erforderlich gemacht hätten, ihn zu einem Kollegen seiner Fachrichtung zu schicken.
Sigrid vergaß nie jene zehn Minuten bei ihm, als sie vor gut zwei Jahren infolge einer psychischen Krise mit den Nerven ganz schön herunter war und glaubte, dieser Arzt könnte ihr helfen. Es war eigentlich eine kleine Praxis, die der Neurologe betrieb. Immerhin mochte er die 4O schon längst überschritten haben. Mal sah man ihn mit Schnautzbart, mal ohne in Geldern herumlaufen. Zuweilen ließ er sich auch dazu herab, einen Drahtesel zu besteigen, auf dem der "Pedalritter in Weiß" eine sehr lächerliche Figur abgab, da er wie ein geduckter Affe beim Radeln im Sattel saß... Naßpick gehörte zu jener Kategorie Menschen, die stets selbst nicht recht an sich glauben und daher ständig versuchen, bei anderen Menschen sich selbst wiederzufinden.
Als Sigrid ihn aufsuchte, thronte er hinter seinem Schreibtisch und trank eine Tasse Kaffee. Er schlürfte den Kaffee wie ein Säugetier, das mit einem Saugrüssel Wasser in der Wüste schlürft. Schon das allein hatte sie sehr abgestoßen.
Naßpick sah immer ein wenig weinerlich aus, als habe er für alle Sünden seiner Patienten zu büßen. Seine Leidensmiene sollte ihm offenbar einen gewichtigen Eindruck verleihen. Und einen solchen auch bei den Patienten hinterlassen.
"Soso", hatte er mehr gebrummt zwischen Geschlürfe, als er es sprach. "Sie sind also psychisch nicht in Ordnung? Wo fehlt uns denn was, he?" Dabei hatte er Sigrid mit so unsteten Fischgrätenaugen angeblinzelt, dass dieser recht unwohl gewesen war. Mit seinen kleinen Schweinsäuglein wirkte dieser Dr. Naßpick wie ein aus dem Neandertal entsprungener Vorfahre, der plötzlich lebendig wurde und sich verwundert zwischen ganz neuen Zeitgenossen wiederfindet, so dass er darüber sehr verdrossen ist. Nach einem belanglosen Wortwechsel war Sigrid enttäuscht wieder gegangen. Sie verstand Roswitha aber durchaus, wenn diese von diesem Möchte-gern-Psychiater ebenfalls die Nase gestrichen voll hatte. Zudem war von diesem Dr. Naßpick allerorts in Geldern wenig Gutes zu hören. Sie brauchte dabei nur an Walter denken.
Der hatte bei seiner Entlassung aus dem Knast vom Gericht die Auflage bekommen, sich wegen seiner Alkoholsucht einer Suchtberatung in Geldern zu unterziehen. Es gab indessen offiziell nur eine Stelle beim Diakonischen Werk. Doch hier hatte Walter schon früher einmal das Handtuch geworfen. War dort doch ein kleiner dicker Suchtberater gewesen, der sein pädagogisches Diplom im zweiten Bildungsweg gemacht hatte. Dies kehrte er gegenüber einem neuen Süchtigen sofort hervor. Dieser kleine Dicke mit einem Vollbart, der leicht an Rasputin erinnerte, hatte höchst merkwürdige Suchtansichten und Methoden, die aus einer hinterwäldnerischen Werkstatt zu stammen schienen. So war es zwischen ihm und Walter nicht gutgegangen. Auch eine Suchtberatung bei der Caritas in Kevelaer war nach drei Beratungsgesprächen prompt in die Hose gefahren .
Über den Bewährungshelfer hatte das Gericht dies "spitz" bekommen. Es drohte Walter den Wiederruf der Bewährung wegen Nichterfüllung der Auflagen an. Also hatte es der Bruder ausgerechnet bei dem Naßpick versucht. Und da Walter ein ziemlich aggressiver Typ war, hatte es bei den beiden gleich gekracht. Der kleinkarierte "Gott in Weiß" hatte ihm gleich einen riesigen Fragebogen mit unzähligen persönlichen und intimen Fragen in die Hand gedrückt und wieder nach Hause geschickt. Daheim hatte Walter natürlich nicht im Traum daran gedacht, diesen Fragebogen auszufüllen. Nur einige belanglose Fragen hatte er ausgefüllt.
Wenig später war er wieder zu Naßpick marschiert. Der hatte gefragt, als sei Walter total bescheuert oder gerade aus einem Irrenhaus entsprungen: "Na, haben wir unsere Schularbeiten gemacht?" Dann hatte er den riesigen Fragebogen verlangt. Doch wie es Walters Art war, hatte er Naßpick gehörig die Meinung gesagt. Nach fünf Minuten waren beide heftig streitend auseinandergegangen. Seit diesem Tage hatte Walter auf eine Beratung gepfiffen und das seltsame Verhalten des psychiatriebedürftigen Neurologen seinem Bewährungshelfer mitgeteilt. Aber derlei Klagen hörte man in Geldern allenthalben von Leuten, die diesen Naßpick in seiner Praxis aufgesucht hatten! Statt sich für den jeweiligen Patienten gerade Zeit zu nehmen, fertigte er sie ab wie Pakete bei der Warenannahme, auf die man nur schnell mal einen Blick wirft, um den Bestimmungsort zu erforschen. Er liebte seinen Kaffee weit mehr als die Menschen, die zu ihm kamen und meist alle schwerwiegende psychische Probleme hatten. In der Regel kanzelte er sie nach rund 15 Minuten ab und kassierte dann vermutlich von der Krankenkasse teures Behandlungshonorar. Statt einfühlsam mit seinen Patienten umzugehen, drückte er ihnen gleich den langen Fragebogen in die Hand und schreckte sie schon damit gehörig ab. Viele gingen daher hin und kamen nie wieder, so dass sich Naßpick am meisten darüber verwunderte. Denn auf die Idee, das könnte womöglich in seiner eigenen Person liegen, kam er bemerkenswerterweise überhaupt nicht.
An dies alles musste Sigrid nun denken, als sie mit Roswitha über deren Behandlung sprach. Naßpick hatte Roswitha nur höchst widerwillig angenommen. Echte Schizophrenie war ihm einfach zu aufwendig, zu zeitopfernd. Darum sollten sich mal die Leute im Landeskrankenhaus Bedburg-Hau kümmern! Bei ihm musste alles wie geschmiert gehen!
So hatte auch Roswitha diesem seltsamen Facharzt schon bald den Rücken gekehrt und ließ sich jetzt von einem im Wesel behandeln. Gelegentlich fuhr sie auch zur Uni nach Essen und ließ sich dort neurologisch untersuchen und hinsichtlich der Tabletten, die sie einnahm, neu einstellen.
Beide hatten jetzt eine ganze Weile geschwiegen. Dann sagte Roswitha unvermittelt und wandte sich wieder Sigrid zu: "Werner ist schon ein lieber Junge, das können Sie mir glauben!" Offenbar hatte sie sich wieder ganz gefangen und fuhr fort: "Als ich seinen Vater vor über zehn Jahren heiratete, ging Werner noch zur Schule..."
Sigrid war nun wieder hellwach mit allen ihren Sinnen, da sie hoffte, hier nun etwas mehr über ihren Werner erfahren zu können. "Was ist eigentlich mit seiner leiblichen Mutter passiert?" entfuhr es ihr spontan, so dass sie - selber am meisten darüber bestürzt - erschrocken die rechte Hand auf den Mund legte.
"Werners Mutter?" sinnierte Roswitha. "Ach, Du meinst die, die ihn geboren hat?"
Unwillkürlich nickte Sigrid und wechselte dabei ihre übereinandergeschlagenen Beine.
"Werners Mutter hat Selbstmord begangen!" sagte die Frau jetzt.
"Selbstmord?!"
Das schlug bei Sigrid wie ein auf sie fallender dicker Baum ein. "Wirklich Selbstmord?" Sie fragte es zweifelnd und schockiert.
"Ja - das nimmt man jedenfalls an. Was wirklich passiert ist -, da ist man nie so recht hintergestiegen..."
"Erzähl mal, Roswitha, wie war das genau?" bat Sigrid nun und beugte sich erwartungsvoll etwas vor.
"Nun ja, so richtig bin ich da auch nicht informiert. Werners Vater -, ich meine, mein Mann hat selten davon gesprochen. Und wenn, dann hatte er meist einen Moralischen oder war besoffen. Die Sache muss vor 12 oder 13 Jahren passiert sein, als Werner so um die Zehn war. Irgendeine andere weibliche Person soll da eine Rolle gespielt haben. Wer die Frau war, weiß allerdings niemand so recht. Adolf - mein Mann, also Werners Vater - schwieg sich auch darüber aus. Es ist aber anzunehmen, dass es eine noch ziemlich junge Frau war. Werners Mutter muss es wohl bemerkt haben. Es gab ziemlich heftige Auseinadersetzungen deswegen. Adolf wollte sich deswegen schließlich scheiden lassen und die Person heiraten, die die Eifersucht seiner Frau erweckt hatte, ohne dass Elisabeth, so hieß Weners richtige Mutter, die Nebenbuhlerin je zu Gesicht bekam. Eines Tages fand man Werners Mutter tot im Schlafzimmer auf. Sie hatte 40 Schlaftabletten genommen und Selbstmord begangen...Ja, mehr weiß ich eigentlich auch nicht davon. Adolf war darüber so schockiert, dass er seine junge Geliebte sofort verließ. Und die ist dann auch bei Nacht und Nebel verschwunden. Aus Issum soll diese Frau gekommen sein. Ich selber lernte dann zwei Jahre später Werners Vater kennen..."
Sie hielt inne und starrte auf irgendeinen entfernten Punkt, der ihr die Vergangenheit zu vergegenwärtigen schien und alles plastisch rekonstruierte. Aber dann fuhr sie, nachdem sie sich mehrfach mit der Zunge über die jetzt spröden bleichen Lippen gefahren war, leise fort:
"Als ich Adolf kennenlernte, war ich noch völlig gesund und gerade 30 Jahre alt, schön wie eine Aphrodite und sanft wie ein stilles Gewässer. Ich hatte studiert und in Wesel eine Stelle als Psychologin in der Berufsberatung, wo es mir sehr gefiel. Adolf lernte ich aber eigenartigerweise auf der Fahrt nach Oberhausen kennen. Wir saßen im Zug in dem selben Abteil uns gegenüber, kamen ins Gespräch und fanden sofort Gefallen aneinander. Wir verliebten uns, wie man so sagt, auf den ersten Blick ineinander und machten gleich eine neue Verabredung hier in Geldern aus. In der Folge verliebten wir uns immer mehr und beschlossen schließlich zu heiraten. Das taten wir dann auch. Wir waren danach sehr glücklich - bis dann meine Krankheit kam...So sehr ich auch immer versuche, mich zu erinnern, so reicht es doch nicht aus, um zu klären, wann mich die Krankheit überfiel. Werner könnte es vielleicht sagen, denn er war danach schon groß genug. Aber auch er schweigt sich aus und mag nicht darüber reden. Und Adolf, der es mir hätte sagen können, ist tot. Manchmal frage ich mich allerdings, ob mein Zustand nicht durch seinen Tod in Gang gesetzt worden ist, denn dieser hat mich arg schockiert. Wir waren sehr glücklich. Leider nur für eine kurze Zeit. Etwas über zwei Jahre war ich nur mit ihm verheiratet, als er mit seinem Wagen tödlich verunglückte bei Bocholt. Jegliche Hilfe kam für ihn damals zu spät. Bis zu diesem Zeitpunkt kann ich mich noch genau erinnern. Aber von diesem Punkt an herrscht eigentlich Dunkelheit..."
"Und Werner? Wie hat er es aufgenommen?" erkundigte Sigrid sich atemlos, wobei sich ihre Brust heftig hob und senkte.
"Werner war ja noch ein Kind. Ich erinnere mich aber noch, dass er es sehr gefaßt aufnahm. Sein Vater muss wohl seinen Tod vorher geahnt und auch an mir schon Zeichen einer psychischen Erkrankung festgestellt haben, da er Werner das Versprechen abnahm, mich nie in ein Irrenhaus einweisen zu lassen. So hat es Werner mir jedenfalls berichtet. Am Anfang konnte Werner zwar sein Versprechen nicht halten, da er ja noch ein Kind war. Als es mit mir schlimmer wurde, ich einmal beinahe sogar unter ein Auto genommen wäre und den Verkehr behinderte, wies man mich nach Bedburg-Hau ein. Werner wurde in ein Kinderheim in Kempen-St.Hubert eingewiesen..."
"In ein Fürsorgeheim?" unterbrach Sigrid sie nun erregt mit zitternder Stimme.
"Ja, es muss wohl eins gewesen sein!"
"Und wie lange blieb er dort?"
"Oh, sehr lange! Etliche Jahre. Ich glaube, bis er 18 Jahre alt war. Das Haus, das sein Vater uns vermacht hatte, wurde einem Vormund unterstellt und kam später unter den Hammer. Ich war noch nicht lange im Irrenhaus, als Werner wieder aus dem Heim kam. Da holte er mich sofort aus der Anstalt und verschaffte mir die kleine Wohnung, die ich jetzt noch bewohne. Das hat ihm sicher viel Geld und Energie gekostet..."
"Und wie ist er an den Beruf der schreibenden Zunft gekommen?"
Roswitha putzte sich die Nase, griff nach den Zigaretten, während Sigrid in gespannter Erwartung da saß.
"Er hat ja immer schon für sein Leben gern und nebenbei in seiner Freizeit für Lokalblätter geschrieben. Ich bekomme es aber nicht mehr genau zusammen, wie alles gelaufen ist. Da muss Du ihn am besten mal selber fragen!"
Sigrid war wie benommen und musste das Gehörte erst einmal verarbeiten. Aber was war, wenn es sich gar nicht so zugetragen hatte? Wenn Roswitha das alles aus ihrer schizophrenen Phantasie heraus erfunden hatte? Andererseits hatte sie so lückenlos und fließend gesprochen, dass Sigrid den Wahrheitsgehalt ihrer Erzählung nach einigem Nachdenken kaum zu bezweifeln wagte. Auch beschloss sie, Werner nicht von dem Gehörten zu erzählen.
Roswitha wirkte jetzt reichlich erschöpft. Vielleicht hatte ihr auch das Erinnern sehr viel Anstrengung und Energie gekostet. In solchen Momenten war sie von einer Normalität geprägt, die auch dem gewöhnlichen Menschen zu eigen war. Bald darauf verließ sie Sigrid und kehrte wieder in ihre Wohnung zurück.
Gegen 17 Uhr kehrte Werner zurück und küsste Sigrid innig, aber schweigend. Er schien sehr erschöpft zu sein. Das wunderte sie. Wie es sie überhupt wunderte, dass er Stunden zur Erledigung bei der Bank gebraucht hatte.
Noch immer hatten sich beide nicht vereinigt zu jenem Treffen zweier Empfindungen, die im Gipfel des Seins und des liebenden Genießens ihre Vollendung erfahren und zu einer einzigen Seelenerfahrung werden ließen. Sigrid wünschte sich zwar nichts sehnlicher als eine solche Vereinigung, doch schien ihr einn bewußtes Drängen unangebracht zu sein - insbesondere auch deshalb, weil sie Werner nicht moralisch nötigen oder drängen mochte, vielmehr die freie Entscheidung gerade in der Liebe gewährleisten wollte. Daher wartete sie ein wenig ungeduldig auf sein Entgegenkommen.
Werner freilich machte den Fehler zu glauben, Sigrid sei wunschlos glücklich, weil er sie lächeln sah und sich eine gewisse Zufriedenheit in ihren Augen spiegelte. Hätte er Sigrids Gedanken, Begehren geahnt, wäre er ihr sicherlich entgegengekommen...
Doch machte sich gerade jetzt seine Erziehung bemerkbar, die eine denkbar prüde und sexualfeindliche gewesen war. Zwar trachtete er allenthalben danach, diese Erziehung zu überwinden, aber gar so einfach, wie er es sich gedacht hatte, war dies doch nicht. Natürlich hatte auch er den Wunsch der Vereinigung mit Sigrid, dachte sich aber, das würde sich von ganz allein ergeben, wenn er sich auch von ihren weiblichen Reizen gern anlocken ließ und dann klamm und heimlich mit den Gedanken an sie masturbierte.
15
Die Rache der Füchsin
Zitternd vor Wut und Aufregung hatte sich die 29jährige Ilse Starix in den Sessel ihres Appartments geworfen, als "dieser unverschämte junge Mann" sie verlassen hatte. Sie heulte Tränen der Wut über die Schmach, die sie erlitten hatte. Die rechte Wange brannte ihr noch heftig von Werners Schlag und war arg gerötet.
Jetzt saß sie zusammengesunken, geduckt wie ein Raubtier im Sessel und brütete Rachepläne. Ja, sie würde diesen eingebildeten Jungen aus Geldern, dieses Milchgesicht bestrafen und demütigen wie einen Schulknaben. Er sollte wimmern vor Schmach, Scham und Schmerzen. Hätte man ihre Gedanken, die sie gerade hegte, sichtbar machen können - man wäre entsetzt zurückgewichen vor deren Verworfenheit.
Wie die meisten Prostituierten der harten Schule, war Ilse Starix mit ihren 29 Jahren geldgierig, hemmungslos und eine Frau, die ihr kompaktes Fleisch zu den besten Preisen feilbot. Sigrid selbst wusste auch nicht mehr so recht, wie sie an diese abgebrühte Frau geraten war, deren Verworfenheit sie schon hätte abschrecken müssen. Vielleicht erklärt es sich aus Sigrids vorheriger Einstellung zur Männerwelt.
Ilse Starix, deren Vergangenheit alles andere als "geordnet" gewesen war, gehörte zu jener Kategorie von Prostituierten, die infolge ihrer Geldgierigkeit, aber auch ihrer sonderbaren Freiheitsgelüste bestrebt sind, ihre Eigenständigkeit zu bewahren, eine Eigenständigkeit, die doch wieder von der Männerwelt abhängig war.
Um diesem Vorsatz nicht untreu zu werden, arbeitete sie nie in festen Häusern wie Bordellen, sondern legte es darauf an, auf der Straße und an bestimmten öffentlichen Orten und Stammplätzen ihre "Fleischware" anzubieten. Infolgedessen arbeitete sie als "wilde Prostituierte" auch nie mit jenen gewissenlosen und zwielichtigen Herren zusammen, die eifrig bestrebt waren, zu ihr zu halten, um dadurch als Zuhälter zu profitieren. Diese Parasiten der schlimmsten Art schmarotztn derart gefräßig und verrucht, dass man sie selten von ihrem Lebenswandel abzubringen vermag. Eher würde ein Hühnerei einen Elefanten hervorbringen, als dass ein Zuhälter der moralischen Bekehrung anheim fiele. Sie sind die Sklavenhändler jedweder Gesellschaft. Überall tauchen sie auf, in allen Ländern der Erde treiben sie ihr Unwesen. Ihre Heimat ist das heiße Pflaster der Großstädte und die Unterwelt. Sie sind Faultiere, die nichts so sehr scheuen als Arbeit - trotzdem haben sie immer Geld und schwimmen darin, fahren dicke Autos und sind brutal und abgebrüht, aber meist auch sehr primitiv. Selten intelligent, sind sie doch stets gerissen genug, aus Frauen willige Sklavinnen, Brotgeberinnen und Arbeiterinnen der Gelüste zu machen. Sie prügeln und quälen ihre "ackernden Frauen" und lassen sich dafür auch von diesen Frauen bezahlen. Es sind die lichtscheuen Elemente, die nur die Nacht und Schummerbeleuchtung als ihr eigentliches Zuhause kennen, wo sie sich sauwohl fühlen.
Die wenigen intelligenten Prostituierten gehen diesen menschlichen Parasiten aus dem Weg. Sie arbeiten für sich allein und sind klug genug, dies wechselhaft und unter dem Deckmantel des Pausierens zu tun...
Ilse Starix musste eine harte Lehre durchmachen, bevor sie zu der heutigen Einstellung und Einsicht gelangt war. Nahezu 12 Jahre lang betrieb sie ihr Gewerbe nun schon. Mit 17 hatte sie ganz klein angefangen, weil sie schnell dahintergekommen war, dass sich mit einem weiblichen Körper, wenn der einigermaßen kurvenreich gebaut war, schnell Geld machen ließ. Zunächst hatte sie probeweise nur mal hier und dort genascht, wobei ihr eine angeborene triebhafte Veranlagung sehr zustatten kam.
Mit 23 Jahren war sie dann freiwillig ins Bordell gegangen. Und zwar zu dem berüchtigen Bordell in Essen. Hier verblieb sie fast zwei Jahre. Als sie um eine Aufnahme ersuchte, wurde sie von der "Bordellaufseherin" wie ein Stück Hammelfleisch taxiert und unter die Lupe genommen. Nackt musste sie sich ausziehen, hin und her wenden, einige "reizvolle Stellungen" mit dem Körper machen - beovr sie für wert befunden wurde, im Freudenhaus die Zahl der Dirnen zu erhöhen und nacktes Fleisch ausstellen zu dürfen.
Danach spielte sich fast täglich dasselbe ab: Sie saß mit den anderen Nutten am Abend und in der Nacht hinter dem Fenster, trug kaum etwas auf dem Leib und ließ sich von den geilen Männern ausgiebig, gierig-lüstern bewundern und mit den Augen taxieren, abtasten, hoffte, bangte, bat und schimpfte, schmeichelte sich ein, war zufrieden, wenn sie eine Nacht "gute Einnahmen" verbuchen konnte und ein paar perverse Männer ihre dicken Brieftaschen zückten...
Am Anfang war sie ja sehr neugierig gewesen, wie sich die Männer verhalten würden. Aber später tat sie ihre "Pflicht" rein mechanisch. Es wurden ja doch immer wieder dieselben Handlungen gefordert, dieselben Perversitäten oder erotischen Gelüste zur Befriedigung verlangt. Alles wurde verlangt! Und sie gab für Geld auch alles. Sadisten, Masochisten, Exhibitionisten, Onanierer, geile und noch unreife Jünglinge - einer perverser als der andere-, sie alle wollten etwas erleben oder lernen, etwas sehen.
Es dauerte nicht lange, da kannte sie alle Tricks der Prostituierten und erfand selbst noch welche hinzu, gaunerte den Männern das Geld aus der Tasche und verstand es raffiniert, sie zu täuschen. Oft genug benutzte sie nicht einmal den Körper, sondern befriedigte die Männer einfach mit der Hand. Waren sie befriedigt, zahlten sie meist willig und gaben Ruhe, erwiesen sich ausnahmslos als Schlappschwänze, die den vergangenen Gelüsten nachtrauerten.
Schlechte Erfahrungen hatte sie auch mit einem Zuhälter gemacht. Nach zwei Jahren allerdings hatte sie die Nase wieder einmal von den ganzen perversen und haarten Sachen gestrichen voll, verließ das Bordell in Essen und wurde eine Einzelgängerin, die von Natur aus ein wenig sadistisch orientiert war und zumindest perverse Anlagen hatte, jetzt aber zähneknirschend im Sessel des Hotels in Kevelaer saß und ausgerechnet an jenen 27jährigen Zuhälter Winfried Schwilger denken musste, der sie damals in Essen so sehr unterdrückt, missbraucht und geschlagen, gequält hatte.
Was hatte die Starix im Sinn?
Ihrem Gesicht war deutlich anzusehen, dass ihre Gedanken sich mit einer sicher nicht gerade guten Sache beschäftigten.
Jetzt stand die Starix auf und trat entschlossen zum Kleiderschrank, öffnete diesen und wählte einen besonderen kurzen schwarzen Rock, schwarzes Jäckchen und eine helle Bluse aus. Sie streifte das Kleid ab, zog die Strumpfhose von den Beinen und trat im Slip und Büstenhalter vor dem wuchtigen Frisiertisch, wo sie sich niederließ, um sich zu schminken und zum Ausgehen fertig zu machen...
Sie nahm ein Taxi und ließ sich nach Geldern zur Vernumer Straße fahren, stieg dort aus und eilte mit klappernden Schuhen zum Hause Gewis, in der Meinung, dort Sigrid antreffen zu können. Vom Taxifahrer hatte sie sich extra einige Häuser vorher absetzen lassen, weil sie fürchtete, Sigrid könnte sich verleugnen lassen, wenn sie so unmittelbar vor der Wohnung auftauchte und gesehen werden konnte.
Die Starix hatte sich das genau überlegt, denn sicher war Sigrid nicht bei dem jungen Mann, der sie vor Stunden besucht hatte. Was sie genau vor hatte, wusste sie selbst noch nicht recht. Sie wusste nur eins: Sie wollte es dieser Gewis heimzahlen, dieser Schlange, dieser heuchlerischen Nutte! Aber so war es immer: die dümmsten Weiber bekamen die besten Männer! Alles sollte für Sigrid und ihren Geliebten eine Lehre sein. Sie war bei der Wohnung angelangt und klingelte.
"Sigrid ist nicht da!" sagte Frau Otiilie, die auf Ilse Starix´ Klingeln geöffnet hatte und sich nach deren Begehr erkundigte.
"Wann wird sie wiederkommen?" erkundigte sich die Dirne recht harmlos.
Frau Ottilie zuckte die Schultern. "Keine Ahnung. Sie kommt selten, da sie jetzt bei Werner wohnt..."
"Werner?"
"Ja."
Ach - sicher bei dem jungen Mann mit dem Opel?" forschte sie verhalten. "Können Sie mir vielleicht die Adresse geben? Ich bin eine gute Freundin von Sigrid..." Jetzt kam es darauf an, ob man die Adresse wusste, und wenn, ob man sie ihr geben würde.
Frau Ottilie sah sie etwas mißtrauisch von oben bis unten an, betrachtete den kurzen Rock. "Da muss ich erst die Oma fragen", meckerte sie und verschwand. "Heiligenweg", teilte sie dann wenig später mit, als sie wieder auftauchte. "Aber fragen Sie mich nicht, wo dort genau. Wenn Sie vom Egmondplatz links bei der Autowerkstatt - da wo man das neue Haus gebaut hat - den Weg reingehen, müssen Sie links rum an den Garagen vorbei und die vorderen Häuser umgehen. Sie kommen dann auf einen Innenhof. Dort ist es der erste Eingang rechts..."
Ilse Starix triumphierte innerlich. "Besten Dank", verabschiedete sie sich dann schnell und eilte fort. Also Heiligenweg!
Erst wollte sie schnurstracks zum Heiligenweg eilen und war auch schon unterwegs, ja sie hatte die Kreuzung bei der Polizeistation in Geldern bereits zu Fuß überschritten - da überlegte sie es sich anders. In ihrem Hirn hatte sich während der Wanderung durch Geldern langsam ein Plan geformt. Sie ging nun wieder zurück Richtung Stadt, über die Issumer Straße bis zum Markt, wo auch die Taxis im Schatten der Kirche St. Maria Magdalena standen. Sie suchte eine der Telefonzellen auf, die von den üblichen Fixern umlagert wurden, die sich dort an den Bänken aufhielten und herumlungerten.
Ilse Starix ließ sich mit dem Zuhälter Winfried Schwilger verbinden, der immer noch in Essen wohnte. Es dauerte eine Weile, bis sich seine Stimme, die sie etliche Jahre nicht mehr gehört hatte, ziemlich unwirsch meldete. Sie haßte zwar diesen Typ und wünschte ihn in die tiefste Hölle, aber jetzt konnte sie ihn in ihre Pläne einspannen und gebrauchen.
"Hier Schwilger! Wer ist denn dort?" meldete sich seine Stimme, die immer noch so belegt und knarrend wie früher war. Schwilger soff unheimlich viel. Vermutlich konnte er moralisch nur so sein nicht immer gerade angenehmes Zuhälterleben ertragen.
"Ilse Starix ist hier! Erinnerst Du Dich noch an mich? Ich muss Dich unbedingt persönlich sprechen. Läßt sich das einrichten? Es liegt mir wirklich sehr viel daran..."
Eine Weile herrschte Schweigen am anderen Ende der Leitung. "Willst Du wieder Pferdchen bei mir werden und galoppieren? Du wolltest doch damals nie wieder etwas mit mir zu tun haben!" sagte er dann ziemlich hart. "Was ist denn überhaupt vorgefallen, dass die eigenständige Nutte Ilse Starix sich persönlich zum Zuhälter Winfried Schwilger bemüht, weil sie ihn braucht? Da muss es ja schon wirklich ganz dick stehen..."
Seine Stimme klang ironisch-neugierig.
Ilse Starix sagte: "Ich brauche Deine Hilfe! Wo können wir uns möglichst bald treffen?"
Schwilger, in der Meinung, die Starix könnte sich eventuell überreden lassen, wieder für ihn zu "ackern", sagte schließlich zu. "Na schön, alte Pflaume, ich komme in etwa eine Stunde ins Hotel, dort wohnst Du doch noch in Kevelaer, nicht wahr? Aber mach Dich darauf gefaßt, dass ich erst einmal gehörig zwischen Deine saftige Schere springe - klar?"
"Ja, ja - die Hauptsache ist, dass Du herkommst! Zimmer 112 habe ich inzwischen hier. Also bis gleich..."
Wie angekündigt, war Schwilger rund anderthalb Stunden später bei der Dirne, die rasch mit dem Taxi nach Kevelaer zurückgeeilt war.
Das pockennarbige Gesicht des gedrungenen Zuhälters mit den einen schmalen Strich bildenden farblosen und fast weißlichen Lippen war ziemlich höhnisch verzogen, als er bei Ilse Starix eintrat, nachdem die Dirne ihm die Tür von innen entriegelt hatte.
"Was gibt es also?" fragte er kurz und schroff, gab ihr aber dabei die Hand und betrachtete sie so unverschämt von oben bis unten, wie er es damals immer getan hatte, als sie ihm noch als Dirne gehörig war.
"Stramme Titten haste ja noch immer, dass muss man Dir lassen! Wohll immer ordentlich massiert, wie?" Er lachte meckernd wie ein alter Ziegenbock.
Und die Starix dachte: "Wahrscheinlich hat er dicke Eier...Seine Augen gucken so richtig geil!"
Sie setzten sich. Als sie sah, wie er gierig ihre Beine mit den Blicken verschlang, zog sie wie verschämt den kurzen Rück über die Knie, dabei sah sie deutlich, wie enttäuscht er darüber war. Aber sie wollte ihn heiß machen, richtig heiß! Er sollte geil und heiß auf dicken Eiern da sitzen und sie ficken wollen, damit sie ihn ganz in die Hand bekam. In Essen hatte er sich damals als Zuhälter immer gern als "Oberficker" bezeichnen lassen. Dabei fickte er gar nicht so gut! Meist fing er langschwänzig und steillattig an und baute dann im Laufe der Fickerei wie Wasser ab, das im Waschbecken immer schneller entschwand, wenn man den Stöpsel herausgezogen hatte....Bei diesem Vergleich musste sie grinsen. Zum Glück merkte es der Zuhälter nicht, der etwas fülliger geworden und einen Bierbauch bekommen hatte. Er sah immer noch so brutal und "schmierig" aus, stellte sie nüchtern fest. Sein kleiner männlicher Docht zwischen den Beinen schien dazu gar nicht zu passen.
Nun aber erzählte sie dem Zuhälter ihren Plan und sagte zum Schluss mit rachefunkelnden Augen: "Ich möchte den beiden eine Lehre erteilen. Am besten wäre es, wenn Du Dich darum kümmerst. Ihren eingebildeten Werner müsste man eine gehörige Tracht Prügel verabreichen - am besten auf den blanken Arsch. Und Sigrid, diesem Luder, könnte man eigentlich auch ´ne stramme Abreibung zukommen lassen..."
Der Zuhälter kratzte sich am Hinterkopf, betrachtete wieder ihre Beine, da der Rock wieder nach oben gerutscht war, weil die Dirne bewusst durch entsprechende Bewegungen nachgeholfen hatte. "Und was springt für mich dabei heraus?" fragte er ungeniert offen und gleichzeitig auch lauernd. "Ich könnte es unter einer Bedingung tun! Wenn Du künftig für mich wieder ackerst!"
"Darüber ließe sich vielleicht reden, aber erst, wenn Du meinen Plan durchgeführt hast..."
"Gut - ich werde mir die beiden vorknöpfen!" Er verschlang die Hände ineinander und knackte mit den Fingern, dass es durch das ganze Appartement hallte.
"Wo wohnen sie?" erkundigte er sich dann. Nachdem er von ihr erfahren hatte, wo sie wohnten, rückte er sogleich näher an Ilse Starix heran, griff ungeniert nach ihren Brüsten, drückte sie, dass sie leise und schmerzvoll aufschrie, obwohl sie von ihren meist perversen Kunden solche brutalen Griffe gewöhnt war, und verlangte kurz und bündig, aber auch sehr barsch: "Los, zieh Dich aus - ganz!" Dabei begann er schon selbst, sich die Hose aufzuknöpfen. Die Jacke hatte er gleich beim Hereinkommen achtlos einfach auf den Boden geworfen.
Die Dirne streifte ihre Kleidung ab. Sie tat es betont langsam und reizvoll, während der Zuhälter schon nackt mitten im Zimmer stand und geil von einem Bein aufs andere trat. Langsam und ostentativ ließ sie ihre Hüllen fallen und stellte mit innerer Genugtung fest, wie der Zuhälter dabei zwischen den Beinen lattig wurde, wie sein Schaft immer mehr in die Höhe ruckte und die Hoden wie Bulleneier anschwollen.
Schließlich stand sie nackt da und trat höhnisch lächelnd auf den jetzt langschwänzigen Zuhälter zu...
Zwei Stunden später schlenderte ein etwa 27 Jahre alter Mann langsam auf der Vernumer Straße in Geldern entlang. In der Hand hielt er ein Bündel Kirchenzeitungen aus dem Bistum Münster, die er aus dem Vorraum einer Kirche gestohlen hatte. Er hatte sie kurzerhand und dreist vom Schriftenstand mitgenommen, wo man sie für die Kirchgänger ausgelegt hatte.
Er begab sich mit den Kirchenblättern von Haus zu Haus. Bei jeden Haus verharrte er eine Weile, warf ein Blättchen in den Briefkasten. Es sah aus, als sei er einer der üblichen Prospekteverteiler oder Reklamefritzen unterwegs, die tagsüber die ganze Horzogstadt überfluteten und die Briefkästen überquellen ließen. Verstohlen sah der Mann bei jedem Einwurf auf das Türschild, merkte sich den Namen der jeweiligen Bewohner oder Familie.
Der Mann suchte Sigrid Gewis.
Endlich hatte er das Haus gefunden. Er ging wieder davon, wanderte mit den Rest Kirchenblättern quer durch die Stadt bis zum Heiligenweg.
Hier wiederholte sich das ganze Spiel. Wieder "verteilte" er die Blätter, warf sie in die Briefkästen. Niemand achtete sonderlich auf ihn. Auch nicht, als er am Heiligenweg den Innenhof betrat. Am Eingang mit dem Klingelschild "Werner Färber" warf er in den unteren Briefkasten die restlichen Blätter. Dann ging er ruhig davon. Niemand hatte auch am Heiligenweg sonderlich auf den Mann und sein Tun geachtet.
Es war schon dunkel. Nur vereinzelt brannten einige Straßenlampen, erleuchteten den Heiligenweg spärlich. Der Innenhof war dadurch jedoch nicht ganz übersehbar. Viele Ecken lagen tief in der Dunkelheit.
Jetzt, als es immer dunkler wurde, kam der Mann wieder. Sein Benehmen war nun allerdings recht merkwürdig. Verstohlen sah er sich immer wieder um, als er vom Florianweg her den Heiligenweg aufsuchte und hinter den Häusern verschwand, diese umrundete und den Innenhof aufsuchte.
Der Mann huschte auf das Haus zu, dass er vorher erkundigt hatte. Er fand es nicht sogleich, da die Eingänge sich fast alle gleich ausnahmen. Mit Hilfe seines Feuerzeuges fand er dann den richtigen Eingang, den er suchte...
Die Mütze des Anoracks hatte er tief ins Gesicht gezogen, als er sich auf die Steinplatten niederließ und wartete. Er wartete eine halbe Stunde, ohne sich zu bewegen. Dann aber wurde er unruhig, stand auf, zündete sich hinter der hohlen Hand eine Zigarette an und sog den Rauch genießerisch und geräuschvoll in die Lunge.
Er ging ein wenig zurück, schaute am Haus hoch und entdeckte ein erleuchtendes Fenster. Kurz darauf kletterte er auf einen etwas abseits stehenden Baum und sah in das Innere der Wohnung hinein. Seine Augen funkelten, als er die Frau sah, die - nur mit einen knappen und winzigen Slip bekleidet - im Zimmer auf und ab ging und dabei manchmal ihre nackten Brüste betätschelte. Der Mann wurde geil. Seine Geilheit behob er dann mit gewissen Maßnahmen an sich selber. Es tropfte klatschend nach unten, als er sich dabei entlud - als wenn Regentropfen vereinzelt fallen würden...
Danach kletterte er hechelnd wieder vom Baum, setzte sich wieder an den alten Platz. Als er nach einer halben Stunde wieder zurücktrat, war das Licht erloschen.
Der Mann sah auf seine Armbanduhr. Mittlernacht war längst vorüber. Er zog den Anorack enger um sich und fluchte verhalten, bevor er das Haus ganz umschritt. Unten waren sämtliche Fenster von Rolläden verschlossen. Nichts regte sich. Der Mann ließ sich brummend nieder. Er wartete die ganze Nacht. Zuweilen stand er auf und vertrat sich die Beine, döste ein wenig vor sich hin und steckte sich eine Zigarette an.
Um 5 Uhr morgens ging oben wieder das Licht an. Er stieg auf den Baum und ertappte die Frau gerade dabei, als sie aufgestanden war.
Mit funkelnden Augen verharrte und betrachtete er sie geil - bis sie sich angekleidet hatte. Als er sah, dass sie anschließend noch einen Mantel anzog und ein Gebetbuch nahm, stieg er eilig vom Baum - fast wäre er hinuntergepurzelt - und huschte hinter dem Haus zum Florianweg zurück.
Dort versteckte er sich ziemlich am Ende des Weges dort, wo er links einbog und die Wohnhäuser begannen, rechter Hand in den Büschen nahe dem Zaun zur Fabrik. Im dichten Gesträuch verhielt er sich still. Seine Kapuze hat er noch tiefer ins Gesicht gezogen.
Es dauerte nicht lange, da hörte er Schritte. Noch mehr kroch der Mann in sich zusammen, als er die Frau kommen sah, die sich der Stelle seines Versteckes ahnungslos näherte. Wenige Meter war sie gerade vorbei - da sprang der Mann mit einem Satz hervor, stürzte hinterrücks auf sie zu.
Erschrocken fuhr die Frau herum, als sie hinter sich die Bewegung und den keuchenden Atem hörte.
Ihr Gesichtsausdruck war vor Angst verzerrt. Sie wollte schreien und hatte den Mund schon aufgerissen - als sich eine harte Hand darauf legte und den Schrei erstickte.
Brutal griff der Mann ihren Hals und würgte sie, dass sie zu röcheln begann.
Er schleifte sie tiefer ins Gebüsch bis zum Zaun, hinter dem sich eine Lagerhalle erhob.
Heftig versuchte sie sich zu wehren, biß und kratze, strampelte mit den Beinen und röchelte...
Der Mann schlug, trat und würgte sie weiter, warf sie nieder. Brutal zerriß der Unhold ihre Kleider, schlug ihr die geballte Faust ins Gesicht.
Jetzt riß er ihr gänzlich die Kleider vom Leib und schändete sie mit diabolischer Grausamkeit...
Als er sein Verbrechen beendet hatte, ließ er die Frau nackt im Dreck liegen, klopfte sich ziemlich gelassen, aber keuchend den Schmutz von den Kleidern, säuberte seinen noch tropfenden Schwanz mit einen Tempotaschentuch, das er dann wegwarf. Dann nahm er die Kleider der Geschändeten und jetzt Bewusstlosen an sich, um davonzuschleichen.
Ruhig und gelassen schritt der Schänder dahin, verließ den Florianweg, ging rechts hoch vorbei an Plus, um dann der Innenstadt zuzustreben.
Es sah aus, als machte gerade ein Mann einem Morgenspaziergang oder sei er auf dem Weg zur Frühschicht.
In der Issumer Straße warf der Mann die Kleider der Geschändeten zusammengerollt und achtlos in einen Abfalleimer, der hinter einer Bank stand. Er trug Handschuhe, die er auch bei seiner grausamen Schändung getragen hatte.
Am Markt nahm er sich ein Taxi und fuhr mit diesem davon...
Die Drohende Gefahr
Ein Maurer der Frühschicht vom Heiligenweg hatte die nackte geschändete Frauengestalt auf dem Florianweg zuerst entdeckt. Sofort war er zurückgerannt, hatte die Polizei verständigt, die sofort zu der angegebenen Stelle fuhr mit einem Streifenwagen. Außerdem verständigte man einen Krankenwagen. Da das Hospital in der Nähe lag, brauste dieser mit heulender Sirene schnell heran, um die Verletzte ins Krankenhaus auf die Intensiv-Station zu bringen, da sie noch immer ohne Bewusstsein war.
Leute aus der Nachbarschaft identifizierten die Frau als Roswitha Färber, die zum Zeitpunkt des Überfalls die Nacht in der Wohnung ihres Stiefsohnes verbracht hatte, da dieser mit Sigrid zu einem Verwandten in Viersen gefahren war, wo die beiden auch übernachteten und nicht von dem schrecklichen Ereignis ahnten.
Die Polizei notierte sich alles fleißig. Beamte des Spurendienstes suchten den Tatort nach Spuren ab, nahmen einen Schuhabdruck. Als es richtig hell geworden war, befragte man auch die Leute in den Häusern am Heiligenweg. Aber da hatte keiner etwas gesehen. Keiner wollte auch etwas mit der Sache zu tun haben. So war es überhaupt am Heiligenweg: Obwohl viele schon mehrfach mit der Polizei zu tun gehabt hatten und auch strafrechtlich nicht unbeschrieben waren, ja teilweise schon im Knast gehockt hatten, kümmerte sich jeder nur um seinen eigenen Dreck. Zwar lauerten die neugierigen Gesichter zumal der Frauen allenthalben hinter den Gardinen , sobald sich die geringste Bewegung tat, um ja nichts zu verpassen, wurde getrascht über die Leute, aber einen festen, nachbarschaftlichen Zusammenhalt gab es nicht.
Vom Tatort wurden Aufnahmen gemacht. Und das Gebetbuch wies darauf hin, dass Roswitha Färber offenbar zur Frühmesse wollte. Es fand sich einige Meter vom Tatort entfernt im Gebüsch. Die Polizei suchte nach Familienangehörigen des Opfers. Man sagte ihr, dass sie beim Stiefsohn übernachtet habe. Aber niemand wusste, wo dieser gerade war. Schnell fand die Polizei auch heraus, dass das Opfer in neurologischer Behandlung war. Und als einer der Kripoleute von der Spurensicherung mehr wie beiläufig erzählte, dass das Opfer eigentlich eine diplomierte, aber jetzt seelisch kranke Psychologin war, sprach sich das in Windeseile am Heiligenweg herum und jedermann kam sich sehr gewichtig vor, wenn er es hörte und hinter vorgehaltener Hand weitererzählen konnte...
Sigrid und Werner saßen in Viersen gerade am Frühstückstisch und tranken Kaffee, als es an der Haustür klingelte. Sigrid stand auf, öffnete, da sie nahe der Tür saß und es zu umständlich gewesen wäre, wenn einer der anderen aufgestanden wäre.
Als die Polizei vor der Tür stand, bekam sie einen großen Schreck und fragte mühsam: "Sie wünschen?"
"Dürfen wir eintreten?" bat der kleine, etwas gedrungene Polizist. "Es ist etwas Unangenehmes passiert!"
"Bitte!" sagte sie und ließ ihn ein. Werner war ebenfalls inzwischen in den Flur getreten, blieb dann aber erstaunt stehen, als er den uniformierten Mann sah, der allein gekommen war, während der Kollege im Streifenwagen vor der Haustüre wartete.
Sollte es wieder um Sigrid gehen?
Nanu! Polizei?" klang es mehr fragend als feststellend.
"Sind Sie Herr Färber?"
"Gewiß."
"Wo ist ihre Stiefmutter?"
"Meine Stiefmutter? Was soll denn diese Frage?"
"Also , wo ist Sie, junger Mann?"
"Wo sollte sie schon sein?" Werner verstand rein gar nichts. "Sie wollte bei mir übernachten. Das tut sie öfters, wenn ich nicht da bin. Wissen Sie, am Heiligenweg klaut man alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Da passt sie dann immer ein wenig auf. Zweimal hat man nämlich schon in meiner Wohnung eingebrochen. Aber was soll das alles? Ich verstehe den ganzen Zusammenhang nicht. Ist etwas mit meiner Stiefmutter passiert?"
Fragend sah er den Schupomann an.
Der sagte: "Das kann man wohl sagen, dass etwas passiert ist! Sogar etwas ganz Schlimmes. Ihre Stiefmutter ist vergewaltigt worden..."
"Waaas??!!" Sigrid und Werner fragten es wie aus einem Mund und standen dann wie erstarrt mit offenen Mündern sprachlos da.
"Man hat sie erst vor knapp zwei Stunden überfallen. Und es war sehr schwierig, Sie ausfindig zu machen", wandte sich der Beamte erneut an Werner. "Ihre Stiefmutter liegt jetzt im Gelderner Krankenhaus auf der Intensivstation. Sie ist noch ohne Bewusstsein, aber nach Meinung der Ärzte schwebt sie nicht in Lebensgefahr. Der Unhold hat sie splitternackt nach seinem Verbrechen in der Nähe Ihrer Wohnung liegengelassen und ist dann spurlos verschwunden. Die Fahndung läuft im ganzen Gelderland. Aber vom Heiligenweg hat niemand etwas gesehen und gehört. Ein Mann, der dort aber wohnt, fand sie, als er zur Frühschicht wollte..."
Werner war bei seinen Worten immer bleicher geworden und konnte das Gehörte kaum glauben, während Sigrid sich die Hand vor den Mund hielt, um keinen Schrei auszustoßen. Das, was sie gehört hatte, klang so ungeheuerlich, dass sie wohl lange Zeit brauchten, um darüber hinwegzukommen.
"Uns tut das zwar auch schrecklich leid", meinte nun der Ordnungshüter, "aber wir müssen Ihnen trotzdem einige Fragen stellen."
"Wenn es sein muss - fragen Sie nur!" sagte Werner. "Alles muss getan werden, um den Unhold zu fangen.
"Gut! Wann ist ihre Stiefmutter heute Morgen aus dem Haus gegangen?"
"Das vermag ich nicht zu sagen. Ich sagte schon, wir waren die ganze Nacht nicht in Geldern, sondern haben hier bei unseren Bekannten in Viersen übernachtet. Hätten wir allerdings geahnt, dass..."
"Schon gut. Sie können also nichts Bestimmtes sagen?"
"Nein."
"Was suchte sie denn so früh schon draussen?"
Werner entgegnete: "Genau vermag ich das auch nicht zu sagen. Aber ansonsten pflegte sie so gegen 5 Uhr aufzustehen, da sie in der Regel in die Frühmesse geht. Ich nehme an, dass sie auch heute Morgen ihre übliche Zeit einhielt und gegen 5:30 Uhr die Wohnung verließ."
"Sie wissen also auch nicht, was sie an Kleidung trug? Aber das ist nicht weiter schlimm, da wir ihre Stiefmutter, nachdem es ihr besser gehen wird, selbst befragen werden."
Die Beamten fuhren in ihrem Streifenwagen wieder davon - Sigrid und Werner in ihrem Dilemma zurücklassend.
Beide waren jetzt mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, als sie sich wieder an den Frühstückstisch begaben. Essen konnten sie allerdings nichts mehr. Nach diesen schlimmen und erdrückenden Nachricht bekamen sie keinen Bissen mehr durch die Kehle.
Schweigend räumten die Gastgeber den Tisch ab. Sigrid half gedankenverloren dabei.
"Ich kann mir nicht helfen", meinte Sigrid nach dem Anzünden einer Zigarette plötzlich, "aber wer kann eine so harmlose Frau wie Roswitha so schändlich vergewaltigen? Mir selbst ist das unheimlich! Ich kann das beim besten Willen nicht begreifen..."
"Wer mag ein Interesse daran haben?" fragte auch Werner fast wie zu sich selbst. "Ich erinnere mich, dass in letzter Zeit immer so ein Mann am Heiligenweg in der Nähe unserer Wohnung herumschlich. Ich habe dem keine besondere Bedeutung beigemessen, aber jetzt kommt es mir sehr verdächtig vor. Ob das etwas mit dem Vorfall meiner Stiefmutter zu tun hat?"
16
Ziemlich deprimiert fuhren die beiden wenig später wieder heimwärts. Neugierig lugten die Leute am Heiligenweg hinter den Fenstern. Seit die beiden zusammenwohnten, hatte sie ohnehin etwas zu tuscheln und stecken allenthalben die Köpfe zusammen, obwohl sie alle selber Dreck am Stecken hatten und hinter den Fenstern manches ablief, was die anderen nicht ahnten. Aber natürlich tat jeder so, als lebe er in einer absolut heilen Welt.
Als Werner im Briefkasten seiner Wohnung unten am Eingang der Mehrfamilienhauses nachschaute, entdeckte er einen Brief. Er trug nur seinen Namen auf dem weißen Umschlag und keinen Absender.
Mit Schreibmaschinenschrift hatte jemand eine Drohung anonym geschrieben:
"Färber, du Schwein.
Jetzt kam erst deine eingebildete Sigrid dran. Hoffentlich hat sie sich nicht erkältet in ihrem nackten Zustand. Ihre Schändung soll dir eine Warnung sein. Du kommst als nächster dran. Als Eunuch wirst Du mit der geilen Sigrid nichts mehr anfangen können.
Einer, der euch kriegt!"
Sigrid, die Werner beim Lesen über die Schulter geschaut hatte, war kreideweiß geworden. Auch Werner ließ jetzt kraftlos die rechte Hand mit dem häßlichen Brief sinken. Sigrid nahm ihm den Brief aus der Hand, weil sie ihn noch einmal für sich lesen wollte, denn Werner hatte schneller gelesen, so dass Sie nicht alles mitbekommen hatte.
"Gib her!" sagte Werner fast unwirsch und laut unten im Flur. Er riß ihr das Papier förmlich aus der Hand, steckte es in seine Gesäßtasche.
"Mir hat das also gegolten!" stöhnte Sigrid leise, als sie die Treppe zur Wohnung hochgingen. Es klang qualvoll. "Der Unhold hatte es also ursprünglich auf mich abgesehen. Er hat Roswitha nur mit mir verwechselt. Eine schreckliche Geschichte!"
Sie zitterte vor Angst und drängte sich näher an Werner heran, als sie die Wohnung betraten und sich resigniert in die Sessel fallen ließen.
Werner stand wenig später auf, als sie eine Weile nachgesonnen hatten, ging zur ihr, setzte sich auf den Sesselrand, legte beruhigend seinen linken Arm um ihre Schultern. Er hatte sich scheinbar wieder gefaßt, versuchte sie zu trösten: "Nur ruhig Blut, mein Herz, so schnell lässt sich ein Werner nicht ins Bockshorn jagen oder von einer primitiven Drohung unterkriegen. Offenbar ist es aber tatsächlich so, dass meine Stiefmutter für Dich herhalten musste. Wir müssen diesen Wisch sofort der Polizei übergeben..."
Sigrid sah ihn an. Er strahlte jetzt wieder die alte Sicherheit aus. Das machte sie froh und irgendwie geborgen. Sie sagte: "Können wir keinen Schutz von der Polizei verlangen?"
"Ich glaube kaum! Außerdem möchte ich auch nicht auf Schritt und Tritt bewacht werden. Ich überlege mir nur die ganze Zeit, wer es auf uns abgesehen haben könnte. Beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, aus welcher Richtung dieser Haß kommt. Bisher habe ich, so glaube ich wenigstens, noch nie Feinde gehabt. Oder ob´s einer ist, den ich in irgendeinem Artikel im Wochenanzeiger einmal angegriffen habe? Aber da fällt mir auch nichts ein."
"Wäre es nicht möglich", warf Sigrid jetzt ein, "dass die Drohung von jenen beiden Männern kommt, die Speckschwarte in der E-dry angegriffen haben?"
Werner dachte eine Weile nach. "Ich glaube nicht. Die sahen mir nicht so aus damals. Sie hätten es dann auch schon eher gemacht, denn der Vorfall liegt ja schon Jahre zurück. Bedenke auch, dass eigentlich Dir der Anschlag galt. Und ich habe Dich damals noch gar nicht gekannt. Den beiden Männern würde also das Motiv fehlen. Doch überlege Du einmal angestrengt. Ich will Dich ja gewiß nicht an Deine Vergangenheit erinnern. Wäre es aber vielleicht nicht doch möglich, dass einige Leute aus Deinem damaligen Bekanntenkreis ein Interesse daran hätten, Dir übel mitspielen zu wollen? Ich meine, vielleicht ist mal irgendwas vorgekommen, dass sie dazu veranlaßt haben könnte."
Daran habe ich auch schon gedacht", murmelte Sigrid ein wenig verlegen und machte eine heftige Bewegung mit dem Kopf, denn der Gedanke, sie könnte die Ursache für die ganze Angelegenheit sein, stimmte sie sehr nachdenklich, aber es war ihr auch sehr unangenehm. "Aber es fällt mir beim besten Willen nichts ein!" Sinnend saßen sie schweigend eine Weile da, darüber nachdenkend, wer ein Interesse daran haben konnte, ihnen so übel mitzuspielen.
Sigrid schreckte plötzlich auf. "Sag mal, Werner, bist du etwa vielleicht bei der Starix gewesen?"
Wie ein ertappter Sünder fuhr er halb hoch. Sollte sie es geahnt haben? Dass er daran nicht gedacht hatte! Er hatte die Starix glatt vergessen, überhaupt nicht mehr an diese aufgeplusterte Pute gedacht! Hatte aber nicht gerade sie ihm gedroht, als er ihr eine Ohrfeige gab? Aber es war doch ein Mann gewesen, der den Überfall ausgeführt hatte.
"Wie kommst du denn so plötzlich auf die Starix?" forschte er vorsichtig und tastend bei Sigrid.
"Werner!"
Sigrids Stimme hatte an Schärfe zugenommen, als sie jetzt aufstand und zu ihm ging, vor ihm stehenblieb.
"Sei ganz ehrlich: warst Du bei Ihr?"
Er wand sich wie ein Wurm. Ihm wurde peinlich bewusst, wie schmählich ihn selbst sein eigenes Verhalten berührte.
"Ja, ich war bei ihr!" gab er sich dann einen anständigen Ruck, um der Wahrheit die Ehe zu geben.
Wie erstarrt stand Sigrid jetzt da - als sei sie gerade mit der Stirn vor die Wand gelaufen. Ein ungutes, gleichzeitig aber auch wildes Gefühl beschlich sie. Sie musste sich erst einmal wieder setzen, da ihr etwas im Hals saß, das nicht geschluckt werden konnte.
Sie weinte.
Werner stand auf, schritt zu ihr hin, ließ sich wieder neben ihr nieder und versuchte, tröstend den Arm um sie zu legen.
"Lass mich!"
Sie stieß ihn weg, wandte sich heftig, ja zornig gegen ihn, um dann erneut aufzuschluchzen.
"Habe ich dir nicht gesagt, dass Du Dich von dieser Frau fernhaltenn sollst? Da kann nichts Gutes herauskommen!"
Er schwieg sich beklommen aus und spielte verlegen mit den Bügelfalten seiner Hose.
"Was wolltest Du denn bei ihr?" fragte Sigrid und wischte sich die Tränen ab, beruhigte sich etwas. "Hat sie Dich verführt?"
"Quatsch! Nein. Sehe ich so aus, dass ich mich so ohne weiteres verführen lasse? Sie versuchte es zwar, ja, das kann ich ruhig sagen, aber ich habe mich mit einer Ohrfeige bei ihr verabschiedet. Und die war nicht einmal von schlechten Eltern..."
"Eine Ohrfeige?"
"Ja."
"Du bist also nicht mit ihr...? Du hast also nicht...? Es ist also nichts zwischen euch beiden passiert?"
"Blödsinn!" Werner wurde jetzt fast ärgerlich. "Wo denkst du hin! Ich habe ihr nur gehörig die Meinung gesagt."
"Ja", meinte Sigrid bitter-ironisch, "einfach die Meinung gesagt, ohne dass ich etwas davon wusste! Warum hast du mich dann belogen und gesagt, du müsstest zur Bank?!"
"Hm..."
"Nichts hm! Dein Vertrauen zu mir scheint ja wirklich nicht sehr groß zu sein, dass du so etwas hintenherum ausführst. Sieh mich an! - Ist auch wirklich nichts passiert? Kannst du das beschwören?"
"Klar, kann ich! Mann, was sollte denn passiert sein? Wie oft soll ich das jetzt noch sagen?" wurde er immer ungehaltener.
"Siehste, jetzt regste Dich auf - ah, ja, das ist sehr veerdächtig! Ja, warum regst du Dich denn auf, wenn nichts passiert ist? Dann kannste doch ganz ruhig bleiben! Es ist doch nichts passiert - oder doch??!
"Mann, o Mann!" Mehr konnte Werner nicht mehr hervorbringen.
Sie sagte, jetzt ein wenig sanfter: "Verstehst Du mich denn nicht? Ich liebe Dich doch, deswegen habe ich solche Sorgen!"
"Ja", zündete er sich eine Zigarette an, "ich liebe Dich auch. Deswegen habe ich ihr auch den Marsch geblasen. Ich habe es doch aus Rücksicht getan. Es erschien mir unumgänglich. Du selbst hast dich ja heftig dagegen gewehrt, als ich Dir meinen Plan mitgeteilt habe. Wie eine borstige Katze hast Du mir immer Deine Krallen entgegengestreckt..."
Er schwieg unvermittelt, da er spürte, wie banal diese Ausreden bei ihr ankommen mussten, da sie sich doch tief verletzt fühlte, weil sie ernsthaft glaubte, er hätte ihr nicht vertraut und sei deswegen heimlich zu der Starix gefahren. Wie sollte er ihr nur beibringen und begreiflich machen, dass es sich in Wahrheit ganz anders verhalten hatte?
Sigrid aber war gerade jetzt grausam genug, ihn zu quälen. Mit der allen weiblichen Geschöpfen angeborenen Gabe der Eifersucht war sie bestrebt, nicht eher locker zu lassen, bis ihr Werner alles gesagt hatte. Es ist ein Zeichen natürlicher und echter menschlicher Weiblichkeit, wenn eine Frau den Liebhaber mit niemanden teilen will und daher einen krallenbewehrten Wall um ihn baut, um ihn vor den Geschlechtsgenossinnen zu schützen. Jede Frau hat das Bedürfnis, sich im Spiegel des Liebhabers wiederzufinden und zu betrachten. Jede Frau möchte daher auch ihr Heiligtum der Liebe möglichst unverletzt bewahren.
Es war daher durchaus natürlich, wenn Sigrid es ebenso machte.
Als sie sich nun Werner zuwendete, klang ihr Stimme beinahe hart und ihre Augenlider flatterten verdächtig, ja, sie schlug einen bisher regelrecht unerhörten Ton an, so dass Werner dem anscheinend nichts entgegenezusetzen hatte. Stattdessen hockte er da wie ein Haufen Elend, wie der Zöllner da saß und den Wolkenbruch der weiblichen Empfindungen zerknirscht und ohne aufzumucken über sich ergehen ließ.
"Du wirst mit jetzt sofort und haarklein erzählen, was sich zwischen dir und der Starix in Kevelaer abgespielt hat", meinte Sigrid und rückte noch weiter von ihm fort. "Was habt ihr also miteinander besprochen?"
"Nicht viel", beteuerte er mit leidensvoller Miene. "Wir haben nur einen kurzen, aber heftigen Wortwechsel gehabt. Sie wurde dann aber so unverschämt, dass ich das Gespräch mit einer Ohrfeige beendet habe und sie verließ."
Sigrid hatte nachdenklich die Stirn gekraust, als sie fragte: "Und wie nahm sich diese Unverschämtheit aus?" Sie durfte sich eine solche Frage auch erlauben, da sie die Starix gut kannte - gut genug, um ihr alles zuzutrauen, was man einer wilden Nutte zutrauen konnte. Lange genug hatte sich ihr die Möglichkeit geboten, dieses Frauenzimmer zu studieren.
"Hat sie versucht, Dich mit ihrem Fleisch zu locken? Hat sie Dir Angebote gemacht?"
"Man könnte es so nennen!" Werner sagte es, obwohl er am liebsten über das "Fleisch" laut aufgelacht hätte.
"Sie hat also versucht, dich ins Bett zu locken und an sich zu fesseln?" fragte Sigrid jetzt mit fast brutaler Offenheit.
"Ja, sie hat gesagt, ich soll mich von Dir trennen und mich mit ihr zusammentun, denn sie könne mir als Frau weit mehr bieten..."
"Das hat sie gesagt?"
Er nickte.
Einen Augenblick sah es so aus, als wenn Sigrid wieder die Tränen kommen wollten, doch dann riß sie sich zusammen. Oh, wie sie diese Starix haßte! Sie fragte jetzt lauernd mit schräg vorgeneigtem Kopf: "Und was hast du ihr darauf geantwortet?"
Werner lachte ein gequältes Lachen. "Ich habe gar nichts gesagt, sondern einfach ausgeholt und meine Hand feste auf ihre Wange gesetzt..."
"Recht so!"
"Ja."
"Und das hat sie sich einfach so gefallen lassen?"
"Was sollte sie tun? Es blieb ihr ja nichts anderes übrig. Allerdings hat sie mir, wenn ich jetzt darüber nachdenke, eine dicke Drohung hinterhergerufen - dass es mir noch einmal leid tun würde oder so ähnlich...genau weiß ich das jetzt nicht mehr...Bitte, Sigrid, glaube mir, dass ich ihr nur Angst einjagen wollte, weil sie Dich so böse falsch beschuldigte."
Sigrid gab keine Antwort. Sie nagte heftig an der Oberlippe. Jetzt rückte sie wieder etwas näher heran. Ihr war gerade ein Gedanke gekommen, der sie alles andere vergessen ließ. Sie rückte jetzt ganz dicht an Werner heran und schob ihren Arm in seinen.
"Mir kamm da gerade ein Gedanke, ein ganz böser furchtbarer, "sagte sie mit veränderter Stimme, die allerdings auch sehr ängstlich klang. "Wäre es eigentlich nicht möglich, dass die Starix irgendetwas mit der ganzen abscheulichen Sache zu tun hat?"
Werner sah sie erleichtert an. "Du, ja - dieser Gedanke, Du wirst lachen, ist mir auch schon gekommen. Ich wollte ihn nur nicht laut äußern."
Er strich ihr über das Haar. "Der Überfall auf meiner Stiefmutter muss aber von einem Mann durchgeführt worden sein..."
Das stimmte. Aber Sigrid fand auch da eine Lösung. "Ja, aber trotzdem könnte doch die Starix dahinterstecken und einen Mann gezwungen haben - oder? Ich würde ihr das jedenfalls ohne weiteres zutrauen. Früher war sie mal in einem Bordell in Essen und hat auch einen Zuhälter gehabt - jedenfalls hat sie mir das mal erzählt. Außerdem kennt sie eine Menge Männer, die für diese Hexe aus reiner Geilheit und nur, um sie einmal zu ficken, eine Menge riskieren würden. Wie brutal, brauche ich dir wohl nicht zu sagen. Es wäre aber doch möglich, dass sie nun Rache nehmen will für erlittene Schmach. Und dafür kann sie leicht einen Mann angeworben haben."
Werner dachte eine Weile nach, stand dann auf, wanderte in der Wohnung vor Sigrid hin und her. Plötzlich blieb er stehen. "Selbst wenn das stimmen würde, wie sollten wir das je beweisen können?" Fragend schaute er Sigrid an und streichelte gedankenverloren ihre bloßen Knie.
Diese meinte jetzt erregt: "Wenn diese Schlange die Urheberin dieses abscheulichen Verbrechens ist, was ich langsam immer mehr glaube, je mehr ich darüber nachdenke, können wir schon mal mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass der Täter in ihrem Kundenkreis zu suchen ist, der sich fast nur auf perverse und zwielichtige Gestalten begrenzt. Ihre Kunden pflegt sie nämlich mit ins Hotelzimmer zu nehmen, wo sie auf übliche Weise handelt und es miese mit ihnen treibt."
"Wir müssen das alles in Ruhe überlegen!" Werner erhob sich wieder, denn er hatte sich vor Sigrid auf die Knie niedergelassen. Er wanderte wieder im Wohnzimmer auf und ab.
"Vielleicht", stieß er den Rauch einer Zigarette fast heftig aus, "sollte ich noch einmal zu ihr fahren und aus ihr herausprügeln, ob sie tatsächlich dahintersteckt. Langsam glaube ich es nämlich auch. Dass wir nicht eher auf diese Ziege gekommen sind!"
"Du willst doch nicht wieder zu ihr hin!?"
Sigrid fragte es schier entsetzt. "Ich würde vor Angst ganz krank werden, Werner, das kannst du mir glauben!"
Er kam näher und umschlang sie heftig, hob sie plötzlich hoch. Sie ließ es willig geschehen. Er trug sie zum Sofa, wo er sie niederlegte. Er setzte sich daneben, beugte sich zu ihr hinunter.
"Hast Du Angst?" fragte er, aber so leise, als hätte er selbst Angst, dass es ein anderer hören könnte.
"Ja!" gestand sie, "ich habe Angst, Werner - um dich, um mich, aber auch vor dem, was uns erwartet und was du tun wirst."
Eine große Freude bemächtige sich seiner, durchfuhr seine Seele, so dass er sie zärtlich küsste. Liebkosend fuhren seine Hände dabei über ihr Gesicht, Hals und Nacken, berührten ihre geschlossenen Augen, die er dann sanft und innig küsste. Seine Hände suchten dann tastend ihre sich bereits entgegenstreckenden Brüste, streichelten diese und zeichneten die Umrisse an dem gespannten Pulli nach, derweil Sigrid ganz still lag und diesen Augenblick durch kein lautes Wort stören mochte.
Plötzlich warf sie die Arme um seinen Hals, zog seinen Kopf herunter.
"Werner", sagte sie mit leiser und zärtlicher Stimme und presste seinen Kopf an ihre jetzt steinharten Brüste, die wild wogten und an den Brustwarzen weh taten. "Wir beide werden immer zusammenbleiben, zusammenhalten und uns durch nichts und niemanden trennen lassen, nicht wahr!? Lass uns einfach nach irgendeiner anderen Stadt fahren, uns dort niederlassen. Da brauchen wir keine Angst zu haben und könnten wunschlos glücklich sein..."
Im gleichen Moment wusste sie aber, dass sie das gar nicht wollte, dass sie da nur etwas vorgebracht und gesagt hatte, was man in Romanen fand, was sie irgendwo irgendwann einmal gelesen hatte. Wichtig war ja allein, das fühlte sie, dass sie in Werners Nähe glücklich war und daher dort sein wollte, wo auch er stets war. In den Liebesromanen las man immer so schöne und traurige Sachen, die am Ende aber doch wieder in so ruhige Gewässer gelangten, dass es mit der Realität doch weit anders bestellt war. Bei fast allen Romanen konnte man sich - wenn das Schicksal einmal zuschlug - damit trösten, dass sich alle Fäden entwirrten, alle hohen Wogen wieder glätteten. Ob es wohl auch ihr und Werner so gehen würde?
Werner hatte wohl bemerkt, dass Sigrid die Augen noch immer geschlossen hielt und über irgendetwas nachdachte. Er spürte die harten Brüste unter seinen Händen, da er sie noch immer fest umklammert hielt.
"Woran denkst Du?" fragte er sanft. "Wir dürfen nicht vergessen, Sigrid, dass wir gemeinsam stark sind! Lass und nicht verzagen! Das brauchen wir nicht. Ich bin nicht so schwach, wie Du vielleicht denkst. Auf alle Fälle werde ich selbst auch Nachforschungen anstellen und etwas unternehmen. Schließlich können wir nicht darauf warten, dass es uns ebenso geht oder noch schlimmer wie meiner Stiefmutter. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich habe auch einige Beziehungen, von denen Du Dir nichts träumen lassen würdest! Jedenfalls werde ich Dich vorläufig erst einmal in einer anderen Stadt unterbringen, wo Du außer Gefahr bist. Man wird Dich dort nicht finden. Ich werde hierbleiben in Geldern und mich ernsthaft um die ganze Sache kümmern..."
Sie wollte aufbegehren, aber er legte zärtlich die Hand auf ihren Mund. "Ich weiß schon, was Du sagen willst. Doch keine Angst, ich werde Dich oft besuchen kommen und die Dinge hier so schnell wie möglich erledigen. Ist alles in Ordnung, hole ich Dich sofort wieder nach hier. Ein bißchen Verständnis musst Du also schon aufbringen. Es fällt mir die Trennung nicht weniger schwer als Dir, glaube mir das. Doch wir müssen jetzt sehr vernünftig sein, um einzusehen, dass es so am besten ist."
Nach diesen Worten küsste er sie erneut und beteuerte ihr seine Liebe.
Am Nachmittag suchten sie das St.Clemens-Hospital auf, um Werners Stiefmutter einen Besuch abzustatten. Die Frau war noch immer bewusstlos und sah sehr schlecht aus. Der Chefarzt versprach ihnen, sie sofort zu benachrichtigen, sobald es ihr wieder besser ging.
Am Abend führten Werner und Sigrid mehrere Telefongespräche von der Wohnung Werners aus. Es ging auch um Sigrids Reise, die sie schon auf den folgenden Tag festgesetzt hatten. Denn die ganze Angelegenheit sollte jetzt sehr schnell über die Bühne gehen.
Auf dem Lande
Sie befanden sich auf der Autobahn von Geldern nach Münster. Die B 58 über Wesel bis nach Haltern waren sie entlanggefahren. Bei Haltern waren sie dann auf die Autobahn gefahren.
Sigrid saß vorne neben Werner und hing ihren Gedanken nach. Zunächst hatte sie sich ja gesträubt, so weit von Werner getrennt zu sein. Aber nachdem sie sich die Sache richtig überlegt hatte, sah sie doch ein, dass es so am besten sein würde. Sie musste sich selbst eingestehen, dass sie Angst vor der Zukunft hatte, Angst auch um Werner, Angst um sich selbst und vor dem Neuen, auf das sie nun zufuhren.
Es sollte nach Angelmodde gehen, wie Werner gesagt hatte. Sigrid hatten den Namen dieses Dörfchens noch nie gehört. Werner hatte ihr erzählt, dass es eine kleine Gemeinde bei Münster sei. Dort wollte er sie auf einem Bauernhof unterbringen. Der Bauer selbst war sein Onkel und Bruder seines verstorbenen Vaters. Gestern Abend hatte er mit ihm ausgiebig telefoniert und bei seinem Onkel ein offenes Ohr für Sigrid gefunden, als er ihm den ganzen Sachverhalt geschildert hatte. "Natürlich kann sie zu uns kommen, Junge!" hatte er sofort gesagt.
Sigrid war zwar unbehaglich zumute, aber Werner hatte ihr immer wieder er neu versichert, dass sie dort in Angelmodde freudig aufgenommen würde und ein willkommender Gast sei. Er hatte gesagt: "Du wirst sehen, es wird Dir in einigen Tagen dort sogar gefallen. Ich war als Kind auch oft in den Ferien dort und hatte immen einen Heidenspaß..."
Als sie durch Münster fuhren, war Sigrid aber doch neugierig genug, sich alles mit großer Aufmerksamkeit anzusehen.
Als sie Münster verließen und nun eine Landstraße befuhren, waren rechts und links nur Wiesen und Wälder, Felder und Bäche, die Sigrid etwas seltsam berührten.
Die Fahrt war ziemlich schweigend verlaufen. Obwohl sie wohl beide die Notwendigkeit einer kurzen Trennung einsehen mochten, schlug sich der Gedanke daran doch schmerzlich aufs Gemüt nieder und schaffte eine etwas bedrückende Atmosphäre, die durch das Schweigen noch an Intensität gewann.
"Wir sind gleich da!" unterbrach Werner nun das Schweigen und schaltete einen Gang zurück, da sie gerade einen Bahnübergang in einer Rechtskurve überquerten.
Neugierig-melancholisch sah Sigrid aus dem Fenster. Sie waren schon in Angelmodde und fuhren nun rechter Hand einen schmalen Weg hinein. Weit hinten sah man einen Bauernhof inmitten von Wiesen und Feldern liegen. Sie fuhren darauf zu und hielten auf einen geräumigen Hof, der mit Hühnern und Gänsen bevölkert war, die geschäftig umherliefen und aufgeregt nach Nahrung suchten. Als Werner und Sigrid hielten, kamen sie neugierig näher, schnatterten und gackerten wild durcheinander.
Als sie ausstiegen, schlugen zwei schwarze Hunde an, die wild ihre Zähne fletschten und an der Kette zerrten.
Ein blondes, noch relativ junges Mädchen kam aus dem Eingang des Haupthauses gelaufen und stürzte sich auf Werner, hängte sich übermütig in seinen Arm und lachte hell und fröhlich wie eine klingende Glocke.
Sigrid fühlte, wie sofort Eifersucht in ihr aufstieg - besonders als sie sah, wie die Kleine Werner fast verliebt mit großen Augen anschaute. Sie unterdrückte diese Gefühle.
17
„Meine Kusine!" sagte Werner. Lachend wehrte er das ungestüme Ding ab.„Ah, dann ist das Deine Sigrid?" Sie wandte sich spontan und offen, mit blitzenden Augen Sigrid zu, die sie bezeichenderweise sogleich mit „Du" ansprach. Sie gab ihr die Hand.„Ich freue mich sehr über Deinen Besuch – seit gestern Abend warten wir schon auf Euch. Alle sind sehr gespannt auf euer Kommen, da wir alle schon neugierig auf Dich waren!"Sie lachte wieder unbekümmert und sah dann Sigrid ungeniert von oben bis unten an.Sigrid drückte ihre zwar herzlich, aber etwas beklommen die Hand. Dabei staunte sie über den festen Händedruck des Mädchens. Das junge, offene Wesen gefiel ihr trotz der Eifersucht, die sie jetzt wieder unter Kontrolle hatte. Ja, das offene, unbekümmerte Wesen brachte sie über den schweren Anfang hinweg, obwohl sie immer noch stirnrunzelnd registrierte, wie die Kleine an Werners Arm hing, wo doch eigentlich Ihr Platz war…„Los, Kinder", meinte Werner jetzt lachend und versuchte seine Kusine abzuschütteln, da er in Sigrids Augen lesen konnte, was diese gerade dachte. Aber er sagte es fast wie ein erfahrender Vater von vielen Kindern. „Lasst uns ins Haus gehen!"Er nahm jetzt Sigrids Arm, während das blonde Geschöpf tänzelnd vor ihnen herging, und ging mit ihr auf den Eingang zu.Das Haus lag genau vor Ihnen. Es war ein Gebäude älterer Bauart und glich jenen großen und klobigen Bauernhäusern, wie man sie allenthalben auf dem Lande findet. Solche Häuser schienen für Ewigkeiten bestimmt zu sein.Trat man auf den Hof, musste man an eine große Scheune vorbei, die ein beträchtliches Stück von dem Hauptgebäude verdeckte. Gleich um die Ecke stieß man linker Hand auf das eigentliche Wohngebäude, das ein springendes Pferd aus Kupfer über der Haustür zeigte. Grüne Blenden lagen wie große Flügel rechts und links an den Fenstern. Der Gibel lief nicht etwa spitz, wie in den meisten Fällen, sondern elypsenförmig nach oben hin zu. Zwei Stufen führten nur den Eingang hoch, den die drei jungen Leute jetzt betraten. Es war ein breiter Eingang, versehen mit einer wuchtigen und hohen Tür.Sie traten in die eigentliche Stube, in der jetzt ein offener Kamin brannte, obwohl es eigentlich um diese Jahreszeit nicht kalt war. Alte Möbel mit gewaltigen Dimensionen gaben dem Raum etwas Mitellalterliches. Ein uralter Rauchfang sog den Rauch manchmal knackend und sprühend in sein steinernes Geweide. Alte Bilder, von denen Sigrid nichts verstand, verschönten den Raum und verliehen ihm einen besonderen feierlichen Reiz.Sigrid nahm nicht gleich alle Einzelheiten der großen Stube wahr, da sich Ihre Augen auf den wuchtigen Tisch konzentrierten, an dem anscheinend die Mitglieder der Bauersfamilie versammelt waren.Es beglückte Sigrid, dass Werner anscheinend über alles beliebt sein musste. Etwas überrascht und zurückgestellt, ja ein wenig ausgestoßen von dieser Szene, sah sie, wie sich die am Tisch versammelten Personen erhoben und Werner regelrecht bestürmten. Jeder wollte anscheinend der Erste sein, der ihm die Hand schüttelte, ihn begrüßte.Werner wehrte lachend ab. Alles redete wirr durcheinander – bis Iris, das blonde Geschöpf, vorlaut sagte: „Was soll denn unser Gast denken und sagen, wenn ihn niemand beachtet?!" Verblüfft hielt alles inne, wurde es still. Es war eine für Sigrid und die Anwesenden gleichermaßen peinliche Stille, zumal sich nun die Augen aller Anwesenden konzentriert auf Sigrid richteten. Ein wenig verlegen, aber auch neugierig sahen sie alle an.Werner war wieder einmal der Retter in dieser Not. Er lachte plötzlich laut auf und eilte auf sie zu, führte sie zu den anderen, die nun einen Ring um sie schlossen. „Iris hat recht", pflichtete er seiner Kusine bei. „Sigrid ist ja die Hauptsache unseres Besuchs, sozusagen dieHauptperson des ganzen Dramas, das ich euch gestern am Telefon erzählt habe. Und da ist sie jetzt!" Er schob sie nun sogar noch mehr in den Vordergrund.„Seien Sie uns herzlich willkommen, Fräulein Sigrid – so darf ich sie doch nennen?" ergriff jetzt ein großer, kräftiger Mann das Wort und schüttelte Ihr warm die Hand.Es war der Hausherr selbst, der 51jährige Bauer Ernst Färber, ein schon leicht ergrauter, aber ungebeugter Mann mit starken Händen und kantigem Gesicht, das jetzt allerdings von vielen Lachfältchen gezeichnet war.Dann traten sie der Reihe nach auf Sigrid zu. Da war die Bäuerin Marianne Färber, geborene Pröpsting, eine 43jährige Frau mit noch schwarzem Haar und ruhigem Gesicht, die recht mütterlich wirkte. Ein junger Mann von 19 Jahren stellte sich als der Bauernsohn vor. Er sah nicht besonders hübsch aus, machte aber auf Sigrid einen angenehmen Eindruck. Joachim hieß er also. Die 21jährige Tochter Maria, eine dralle Person, wie man sie auf dem Lande unter den Bauerntöchter häufig findet, hatte zwar eine gewisse Ähnlichkeit mit der jüngeren Schwester, die sie zuerst begrüßt hatte, aber sonst war hinsichtlich der schlanken Biegsamkeit keine Ähnlichkeit zu entdecken. Maria schien mehr nach dem grobknöchigen Vater zu kommen.Die Rede des Hausherrn – als Willkommensgruß gedacht – hatte denselben Inhalt und nahm sich genau so aus, wie man einen angenehmen Gast zu empfangen pflegt.Man setzte sich bald wieder zu Tisch, da man gerade auch das Zehnuhr-Frühstück zu sich nahm und nur durch die Ankunft Werners und Sigrids unterbrochen worden war.Sigrid erhielt Ihren Platz neben Iris, die sehr darum gebettelt hatte, neben der Frau aus der Stadt mit ihren schönen Kleidern sitzen zu dürfen. Sie fand Sigrid einfach wundervoll und plapperte ungeniert mit Ihr über die Fahrt.Sigrid hatte das Angebot, mit der Familie etwas zu essen, dankend abgelehnt, denn sie hatte keinen Hunger. Der Eindruck über die neue und ungewohnte Situation ließ keinen Hunger bei Ihr aufkommen. Sie war aber doch froh darüber, dass hier eine freie und unbeschwerte Fröhlichkeit herrschte und nichts von der bäuerlichen Schwerfälligkeit zu bemerken war, wie man sie allenthalben auf dem Lande findet. Aber auch die Überheblichkeit und Scheinheiligkeit der eingebildeten Städter fehlte hier völlig.Es schien hier gelöst und harmonisch zuzugehen. Zwar war sie noch befangen, konnte sich aber nicht verhehlen, dass ihr die Leute gefielen und einen guten, ja beruhigenden Eindruck in ihr verursachten. Sie war sich zudem darüber klar, dass es einige Tage brauchen würde, bevor sie sich würde eingelebt haben.Werner unterhielt sich angeregt mit seinem Onkel. Doch einmal musste auch er sich verabschieden. Sigrid begleitete ihn zum Wagen. Er nahm Ihren Koffer heraus und stellte ihn auf den Hof. Zwei neugierige Puten kamen herbeigelaufen und beäugten den Koffer.Der Abschied war so, wie er zwei Liebenden zu eigen ist. Man kann sich nicht ewig umarmen, festhalten und küssen, denn irgendwann muss man sich trennen – und sei´s im Tode oder weil einfach die Puste ausgeht. Dann macht es die zuweilen so unbequeme Notwendigkeit, die bei den Liebenden schiebt und sie trennt…So war auch Werner mit den üblichen Versprechungen, Liebesschwüren und Trostsprüchen davongefahren und ließ Sigrid in den Händen seiner Angehörigen zurück, die ihm am nächsten standen. Er hatte es versprochen, sie täglich zu besuchen und über den Stnad der Dinge zu unterrichten. Sigrid hatte nicht einmal gewusst, dass Werner einen Onkel hatte, der einen Bauernhof besaß. Nie hatter er darüber gesprochen. Daher war sie verblüfft gewesen, als er mit dem Vorschlag, sie nach hier zu bringen, herausgerückt war.Werners Wagen war verschwunden. Sie drehte sich um und wollte den Koffer aufnehmen, hielt aber inne, da sie Iris gewahrte, die herausgekommen war, als Werner davonfuhr.„Lass nur", sagte jetzt das junge Mädchen in seiner unbekümmerten Art. „Ich werde Dir Dein Zimmer zeigen und Dir den Koffer hinaufschleppen. Du hast Dein Zimmer gleich neben dem meinen!"Sigrid folgte dem blonden Geschöpf durch das geräumige Wohnzimmer, in der die Mutter Iris´ sich gerade aufhielt.„Zeigst Du Ihr das Zimmer?" erkundigte sich diese, als sie mit dem Koffer vorbeizogen.„Ja, Mama", erwiderte Iris über die Schulter hinweg. Sie führte Sigrid die Treppe hinauf und ging vor Ihr her, so dass diese die kräftigen und wohlgeformten Schenkel betrachten konnte, die vor Ihr die Treppe erklommen.Iris öffnete rechter Hand oben eine Tür. „So, da wären wir…"Sie stellte den Koffer mitten im Zimmer ab und sah Sigrid fragend an. Wahrscheinlich erwartete sie jetzt einen Kommentar zu dem Zimmer.Sigrid tat Ihr den Gefallen: „Schön ist es hier! Ja, wirklich – sehr schön!"Sigrid trat zum Fenster, sah hinaus, derweil Iris sie von der Seite beobachtete. Die sich Ihr darbietende Aussicht ließ das Herz ein wenig schneller schlagen.Ein naher Wald sah wie eine kleine, fast vertraute Insel aus. Linker Hand davon schlängelte sich ein Fluß am Wald vorbei. Das war die Verse, die im Sommer zum Baden benutzt wurde.Wiesen und Äcker umsäumten das Ganze. Der langsam aufkommende Herbst färbte das Grün bereits etwas braun.„Soll ich Dir beim Auspacken helfen?" fragte Iris.Sigrid sah sie an und fand immer mehr Wohlgefallen an das junge Ding. Jetzt erst betrachtete sie, währen sie sich auf dem Bettrand des einfachen, aber wuchtigen Bettes setzte, das Mädchen genauer.Es sah gut aus –verdammt gut sogar. Sigrid versuchte sich vorzustellen, wie Iris in feiner städtischer Kleidung aussehen würde. Figurmäßig war sie schöner und weit ausgeglichener gebaut als Ihre große Schwester. Alles wirkte frisch und unschuldig an Ihr.Von mittlerer Größe und mit jenem natürlichen, von Wind und Wetter, der Natur geformten Gesicht, das kräftig und etwas breit wirkte wie die ganze biegsame Gestalt, nahm sie sich wie ein echtes Naturkind aus. Kräftige, aber schlanke und stabile Beine, die bis zu den Knien von einem groben Tuchrock verdeckt wurden und in flachen Halbschuhen steckten. Eine grau-weiße Bluse – die mehr einem groben Hemd glich – wölbte sich straff über kleine, aber feste und sicher noch nicht ganz entwickelte Brüste, die wie kleine Fingerhütchen vom Oberkörper abstanden und der Reife entgegenwuchsen. Wenn Iris heftig atmete oder sich bewegte , bewegten sich auch diese Brüste und es sah aus, als wollten sie jeden Moment wie Schlangenzungen vorstoßen und irgendetwas schnappen… Und Iris war sehr agil, ein lebendiges Geschöpf, das dauernd in Bewegung war.„Du siehst hübsch aus!" stellte Sigrid neidlos und anerkennend fest. „Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie Du Dich in städtischer Kleidung ausnehmen würdest. Bestimmt würdest Du eine große Dame abgeben und eine Herzensbrecherin sein. Wie alt bist Du eigentlich jetzt genau, Iris?"Das Mädchen, das wohl bemerkte, wie die junge Dame aus der Stadt sie betrachtete, so dass sie sich deren Blicken nicht entziehen konnte und nicht wollte, errötete etwas ob des unvermittelten Kompliments. Iris fühlte sich dieser Frau gegenüber plötzlich nackt und hüllenlos. Sie merkte körperlich, wie Sigrid sie mit ihren Augen von oben bis unten betrachtete, sie regelrecht auszog, ihre Hüllen abstreifte, so dass sie versuchte, das gleiche bei Sigrid zu tun, indem sie ihre Körperkonturen mit den Augen abmaß und sich vorzustellen versuchte, wie sie wohl unter der Kleidung nackt beschaffen sein mochte...„Ich bin gerade 17 geworden", meinte Iris nun leichthin, versuchte, ihre Blöße gegenüber Sigrids Augen durch ein Lachen abzublocken. Aber Iris hatte das Gefühl, dass es schlecht gelang.
Sigrid lenkte sie nun selbst mit ihren Worten ab: „Wenn du gerne willst, kannst du mir beim Auspacken helfen."
Und ob Iris wollte!
Sie lachte, nickte heftig, dass die blonden Locken flogen und vor das Gesicht wirbelten. Sie schleppte Sigrids Koffer nun zum Bett, hievte ihn hinauf. Sigrid öffnete ihn. Und die fertige und die noch nicht ganz reife Frau packten gemeinsam alle jene Sachen aus, die dem weiblichen Geschlecht helfen, sein Aussehen zu verschönen und bei den Männern Wohlgefallen und Begehren zu erwecken.
Iris stieß immer wieder bewundernswerte Rufe aus, obwohl Sigrid wirklich nicht viele Sachen in dem relativ kleinen Koffer mitgeschleppt hatte.
Beinahe ehrfürchtig betrachtete Iris Sigrids winzige und hausdünne Slips, Netzhöschen und Büstenhalter, Netzstrümpfe und Unterröcke, aber auch Schuhe, Blusen, Röcke und die paar superkurzen Kleider und kosmetische Dinge. Manchmal errötete das Mädchen sogar. Sigrid schien das aber geflissentlich zu übersehen. Sie wusste nur zu gut, welche Gedanken in der pubertierenden Iris vorgehen mochten, wenn sie ein gar zu knappes oder kurzes Stück weiblicher Intimwäsche zu Gesicht bekam.
Sie räumten alles an die entsprechenden Plätze, liefen geschäftig zum Kleiderschrank und ordneten die Dinge ein.
Das Zimmer war schlicht, aber freundlich und hell. Das große Federbett stand unter dem Fenster, ein Kleiderschrank rechts an der Wand, Toilettentischchen mit Spiegel, ein kleines rundes Tischchen neben dem Bett mit einer Konsohle. In der Mitte des Zimmers ein größerer Tisch mit Blumen in einer Blumenvase – Anemonen und einige Wildblumen dazwischen, die Sigrid nicht kannte. Neben der eigentlichen Zimmerleuchte an der Decke gab´s eine Nachttischlampe. Blumenkästen waren vor den Fenstern, die sehr groß waren. Der Boden war mit einem grünen Teppich bedeckt. Kurz und gut: Sigrid fand das Zimmer sehr hübsch und vollkommen ausreichend.
„Das Badezimmer liegt gegenüber von diesem Zimmer. Die Toilette gleich daneben", erklärte Iris ihr.
Nachdem Sigrid die Kleidung gewechselt hatte, während Iris in ihr eigenes Zimmer gegangen war, trat sie wieder auf den Flur hinaus, wollte nach unten gehen.
Da stürzte Iris aus ihrem Zimmer hervor und zog sie zurück, um ihr eigenes Zimmer zu zeigen. Danach gingen sie gemeinsam wieder nach unten.
„Ich werde Sigrid den Hof und die Ställe zeigen", erklärte Iris der Mutter, die freundlich nickte, während das Mädchen sich ungeniert bei Sigrid einhängte. Sigrid wurde von dieser Zutraulichkeit warm berührt, als sie die kleinen festen Brüste des Mädchen deutlich gegen den Oberarm gepresst fühlte.
Vater, Sohn und Tochter waren inzwischen wieder an die Arbeit gegangen, denn zu tun gab es mehr als genug. Der Bauer nickte lachend, als er gerade an Sigrid und Iris mit dem Traktor und einem Miststreuer vorbeiratterte. Er trug einen zerbeulten Hut auf dem Kopf.
Iris führte Sigrid nun überall herum und führte ihr auch den 32jährigen August Schendahl vor, der sich als Knecht hier auf dem Hof verdingt hatte und schon einige Jahre anwesend war. Und dann war da noch die Magd Johanna Arens, die Sigrid ebenfalls herzlich begrüßte. Iris weihte Sigrid in alles ein, so gut sie konnte.
Unvermutete Hilfe
„Speckschwarte", der Bruder Sigrids, war heute ziemlich schlechter Laune. Seine Laune war sogar derart miese, dass er gerade fluchend denn Spaten im Garten hinter dem Haus auf der Vernumer Straße in Geldern weit von sich warf, dass er etliche Meter weit in einen Stachelbeerstrauch flog und hier stecken blieb.
Es war überhaupt seltsam, dass Speckschwarte nun hier im Garten mit dem Spaten fuhrwerkte . Doch hatte das die Großmutter fertiggebracht, die ihn ins Gebet nahm und einen mit Bier getränkten Vortrag hielt über seine Faulheit und den hohen Wert der Arbeit.
Und hatte Speckschwarte auch vor niemanden sonst richtig Respekt, so bildete die Großmutter eine löbliche Ausnahme, die aber gerade heute getroffen hatte. Zwar hatte Speckschwarte immerhin eine ganze Stunde brav seinen Vorsatz durchgehalten, ohne über den Wert seines Verhaltens recht nachzusinnen. Aber nach einer Stunde waren Vorsatz und Laune dain, beträchtlich gesunken. Speckschwarte fand es irgendwie lächerlich, ja verdächtig, dass er sich hier mit Mutter Erde plagte, derweil die Oma mit ihrer Bierpulle am Fenster hockte und mit Argusaugen alle seine Bewegungen verfolgte, ihn regelrecht überwachte. Und dann war auch noch das Wetter dazu angetan, mit dem Auto ins Blaue zu fahren. Daher hatte er der widerspenstigen Mutter Erde besonders gegrollt, war ihr immer zorniger mit dem Spaten zu Leibe gerückt, ehe er ihn selbständig werden ließ durch das Hinwegschleudern.
Missmutig ließ Speckschwarte den Spaten stecken, hob seine Jacke von der frisch umgegrabenen Erde auf und schritt auf die Wohnung zu.
„Was ist denn, Walter?" staunte die Großmutter, als er in die Stube trat. „Bist du etwa schon fertig?"
„Nein, das bin ich nicht, aber ich habe einfach keine Lust mehr", knurrte er ungehalten und verschwand in das Zimmer, wo er zu schlafen pflegte.
„Das ist die Jugend in diesem Zeitalter!" sagte Großmutter zu ihrer Tochter, „Unkraut mag sie nicht rupfen, aber Blumen – die mag sie wohl pflücken. Das ist schon heutzutage eine ziemlich verrückte Welt!"
Speckschwarte zog sich um. Er zog eine enge Hose und einen Rollkragenpulli an. Schwarze Halbstiefel gaben ihm denn Anschein eines verkappten Mopedfahrers. Mit den Haaren hatte Speckschwarte allerdings – wie üblich – seine liebe Not. Aber endlich war auch das in einer viertelstündigen Prozedur vor dem Spiegel geschafft.
Wohlgefällig betrachtete sich Speckschwarte selbst im Spiegel, schnitt einige Fratzen und strich sich sorgsam noch einmal mit der rechten Hand übers ölige Haar, ob die Frisur auch in der momentanen Lage verbleiben würde.
Speckschwarte verließ das Haus, setzte sich ins Auto und fuhr davon. Wohin er wollte, wusste er selber nicht zu sagen. Zunächst fuhr er kreuz und quer durch Geldern und scheuchte das Vehikel schließlich um ganz Geldern in einem großen Bogen herum, um dann nach Issum und Aldekerk zu preschen. Doch warum gerade nach hier, wusste er auch nicht.
Als er wieder in Geldern einfuhr, glaubte er plötzlich in der Nähe des Geldertores Werners Opel gesehen zu haben – jedenfalls sah es so aus, als sei er gerade an der Kreuzung dort rechts zum Arbeitsamt hin abgebogen. Speckschwarte schaltete einen Gang höher ein und gab Vollgas. Der Wagen schloss vor und überholte einige andere. Er bog rechts ab.
Richtig, Werner war es, der da gemütlich entlangzockelte und anscheinend spazieren fuhr!
„Mal sehen, wo er hinfährt!" sagte Speckschwarte zu sich selbst. Er fuhr ihm nach. Aber anscheinend erging es Werner nicht anders als ihm selbst, denn auch dieser fuhr ziemlich ziel- und planlos durch Geldern. Bald erreichten beide sogar wieder die Stelle, wo Speckschwarte ihn gesichtet hatte an der Kreuzung Tankstelle-Finanzamt-Mühlenturm. Speckschwarte beschloss daher, Werner auf sich aufmerksam zu machen, denn der schien auch in Gedanken so vertieft zu sein, dass er ihn noch gar nicht bemerkte hatte.
Er überholte ihn langsam, als er jetzt links zum Mühlenturm einbog und die Bahnhofstraße ansteuerte. Dann hupte er einmal kurz und winkte nach rückwärts. Aber er musste mehrfach hupen, ehe Werner reagierte. Wenig später überholte der Speckschwarte und ließ das rechte Blinkzeichen kurz aufleuchten.
Am Bahnhof parkten sie ihre Wagen und stiegen aus. Als Speckschwarte ziemlich umständlich aus dem Wagen kletterte, kam Werner bereits auf ihn zugeeilt.
„Gut dass ich Dich treffe, Speckschwarte. Komm, gehen wir in die Bahnhofsgaststätte, denn ich möchte eine ernste Angelegenheit mit Dir besprechen."
Speckschwarte verschloß den Wagen und folgte Werner kommentarlos, als er dessen ernsten Gesichtsausdruck sah. Da musste scheinbar wirklich etwas Ernstes und Wichtiges vorgefallen sein, von dem er nichts wusste und ahnte. Und allein das machte Speckschwarte neugierig genug. Denn wenn er etwas haßte, war es die Tatsache, dass es Zeiten gab, in denen er nicht über den genauen Stand aller Familienangelegenheiten informiert war, obwohl er stets besonderen Wert darauf legte, über alles orientiert zu sein.
Sie gingen ins Bahnhofsgebäude erst gar nicht hinein, sondern steuerten die Gaststätte von rechts außen über die hochführende Treppe an.
„Was gibt´s denn eigentlich?" erkundigte sich Speckschwarte sofort, als sie Platz genommen und eine Cola-Bestellung aufgegeben hatten, denn bei Speckschwarte war es grundsätzlich Prinzip, dass er nach seinen düsteren Erfahrungen mit der Justiz grundsätzlich kein Alkohol mehr trank, wenn er ohne Führerschein ein Auto steuerte, weil er dann zu leicht infolge aufkommender Leichtsinnigkeit auffallen konnte. Und das wollte er unter allen Umständen vermeiden. Im übrigen war Speckschwarte schon immer der Meinung, dass man zum Steuern eines Autos keinen Führerschein brauchte, wenn man die Steuerung und Verkehrsregeln beherrschte. Da hatten sich die Menschen mit ihren gesellschaftlichen Zwängen und Moralvorstellungen etwas ausgedacht, um abzusahnen…
Werner berichtete nun wohl eine gute halbe Stunde, was sich alles zugetragen hatte. „Jetzt such ich natürlich diesen Halunken, der Sigrid überfallen wollte und versehentlich seine dreckigen Flossen an meine Stiefmutter legte. Aber wie soll man ihn in dem großen Bekanntenkreis der Dirne finden? Ich weiß nicht einmal genau, ob die Starix dahintersteckt. Und auf die Polizei kann man sich allein nicht verlassen, zumal sie selber alle Hände voll zu tun hat. Deshalb habe ich Sigrid auch weggebracht, um sie keiner unnötigen Gefahr auszusetzen. Was ich bisher herausbekommen habe, ist, dass meine Stiefmutter den grünen Mantel bei dem Überfall getragen hat – jedenfalls fehlt der daheim. Allerdings weiß ich nicht, was sie ansonsten noch trug, da sie eine ganze Menge Kleider hat…"
Speckschwarte hatte schweigend zugehört und nur an sein Cola-Glas genippt. Er war sogleich Feuer und Flamme, als Werner um seine Hilfe ebenfalls bat, zumal er die Starix kannte und sie noch nie hatte leiden können, obwohl er sie andererseits gerne mal gevögelt hätte, wie er seiner Schwester mehrfach insgeheim gestanden hatte. Aber vielleicht mochte er sie deshalb gerade nicht. Männer, die bei gewissen attraktiven Frauen nicht ankommen, denken dann oft das Gegenteil oder vergewaltigen sie einfach in der Phantasie, um sie doch noch wenigstens so imaginär zu besitzen.
Trotzdem hatte Speckschwarte eigentlich schon lange darauf gewartet, dass mal wieder etwas passieren würde, denn er langweilte sich, seit er unter Bewährung stand und dauernd aufpassen musste, nicht in die Fußangeln von Verboten zu treten und wieder in die Kiste zu sausen. Nun schien etwas passiert zu sein, was seiner Aktivität dienlich sein konnte. Und das hob gleich wieder seine miese Laune.
„Ich werde dir helfen", sagte er und trank das Glas leer. „Aber wie sollen wir das alles anfangen? Wo ist der Punkt, von dem aus wir operieren können? Wenn es sein muss, kann ich noch einige Leute besorgen, die uns unterstützen!"
„Das wäre mir im rechten Moment lieb – gerade dann, wenn wir sie mal nötig haben werden; vielleicht kann das bald schon sein. Ich möchte gerne, dass eine Person – oder auch zwei notfalls – bei mir in der Wohnung schläft. Nicht, dass ich Angst hätte, aber nach der Drohung kann ich nicht vorsichtig genug sein… Ich habe mir folgendes gedacht: Steckt die Starix tatsächlich dahinter, wird sich der Täter auf jeden Fall mit ihr in Verbindung setzen, um das weitere mit ihr zu planen.
Spätestens heute haben sie erfahren, dass ihr Anschlag fehlgeschlagen ist und sie die Falsche erwischt haben. Man müsste also Ilse Starix beschatten und beobachten. Wer zu ihr und in dem Hotel ein- und ausgeht, mit wem sie verkehrt, mit wem sie sich abgibt. Sigrid erzählte mir, dass sie viele Zuhälter aus Essen und dem Ruhrgebiet kennt. Der Täter ist womöglich da zu suchen. Auf solche Leute müssten wir deshalb besonders aufpassen!"
„Kann man nicht einfach zu dem Luder in Kevelaer hingehen und es aus ihr herausprügeln?" forschte Speckschwarte grimmig.
„Nein!" meinte Werner sofort bestimmt. „Dann könnten sie den Spieß umdrehen und uns die Polizei auf den Hals hetzen, denn bisher, vergiss das nicht, haben wir ja keinerlei Beweise, sondern stellen nur Vermutungen an, dass sie dahinterstecken könnte. Wir müssen daher sehr vorsichtig sein, um uns nicht selbst ein Ei zu legen. Etwas anderes wäre es, wenn wir jemanden hätten, den die Starix nicht kennt. Der könnte sich an sie heranmachen, ohne gleich Verdacht zu erregen. Er könnte dann versuchen, etwas aus ihr herauszuholen, was ihr den Hals bricht. Weißt Du denn keinen aus Deinem Bekanntenkreis, der dafür in Frage käme?"
Speckschwarte brauchte erst gar nicht lange darüber nachzudenken. „Ich wüsste tatsächlich den geeigneten Mann. Aber warum soll ich es eigentlich nicht selber versuchen? Das würde mich tatsächlich reizen."
„Du?" Werner fragte er ungläubig. „Aber Dich kennt sie doch! Da merkt sie doch sofort, was die Glocke geschlagen hat, dass da was faul ist!"
Speckschwarte war gar nicht dieser Meinung. „Ich glaube nicht", meinte er und winkte dem Kellner, um eine Bestellung aufzugeben. „Ich kenne die Starix nicht persönlich, weißt du, obwohl ich sie schon wiederholt gesehen habe. Deshalb glaube ich auch, die ganze Sache riskieren zu können. Jedenfalls kann ich es ja mal versuchen. Wenn sie etwas ahnt, wird sie sich schon durch irgendwelche Reaktionen verraten…"
„Ist das nicht zu gefährlich?!"
„Ich glaube nicht!"
„Und wenn sie einen Zuhälter hat?"
Speckschwarte lächelte überheblich. „Und wenn schon – davor habe ich keine Angst. Ich kenne etliche Zuhälter vom Puff, da ich oft im Ruhrgebiet Dinger abgezogen habe, von denen niemand etwas ahnt…Keine Angst, ich bin nicht selbst ein Zuhälter. Dazu habe ich kein Talent…"
Er grinste. „Aber du siehst, dass sich manchmal auch mein Herumstrolchen bezahlt macht. Vor allen Dingen habe ich bedeutend mehr Erfahrung mit solchen zwielichtigen Elementen als Du. Man wagt sich in solchen Kreisen auch nicht so schnell an mich heran. Dirnen kenne ich natürlich auch jede Menge. Schließlich war Sigrid…"
Er unterbrach sich, weil er den Satz nicht ganz aussprechen wollte.
Speckschwarte schöpfe Atem, strich sich beinahe wohlgefällig übers ölige Haar, wobei er gekonnt das noch halbvolle Colaglas in beiden Händen drehte.
Beide erhoben sich, nachdem sie die Zigarette, die sie gerade rauchten, ausgedrückt hatten.
„Ich mache das schon!" sagte Werner, als er sah, dass Speckschwarte die Rechnung begleichen wollte. Er holte seine Geldbörse hervor und bezahlte. Beide verließen danach das Lokal und suchten ihre Autos auf.
„Ich werde Dir einen Wachposten schicken", verabschiedete sich Speckschwarte per Handschlag.
„Am Abend werde ich dann selbst kommen und Dir berichten, was ich erreicht habe. Ich werde nachher erst einmal nach Kevelaer fahren und dort vor dem Hotel Wache beziehen…"
„Was hast Du denn genau vor?" erkundigte sich Werner, als er bereits am Steuer saß, durch die Seitenscheibe.
„Weiß ich noch nicht genau. Aber vielleicht ist es gut, wenn ich auch mal das Hotel aufsuche. Mal sehen, wie es läuft…"
Nach diesen Worten zündete er den Motor und legte den ersten Gang ein. „Dann bis heute Abend!"
„Wo ich wohne, weißt Du ja!" schrie Werner ihm noch hinterher, als Speckschwarte davonfuhr. Dann ging der Journalist zu seinem Wagen, aus dem er vorher noch einmal ausgestiegen war, und fuhr los.
Speckschwarte fuhr nicht sofort nach Kevelaer. In letzter Zeit hatte er sich eine neue Freundin angelacht. Britta hieß sie und war 20 Jahre alt. Sie wohnte in Geldern auf der Königsberger Straße.
Dort fuhr er jetzt hin und verblieb eine halbe Stunde dort. Der Vater Brittas war ein Elektromeister, der früher sogar einmal Ratsherr im Rat zu Geldern gewesen war. Aber das war zu einer Zeit gewesen, als die kommunale Neuordnung anstand und der Kreis Geldern verloren ging an den Kreis Kleve.
Britte war ein wenig ungehalten. Sie ging aufs Gymnasium in Geldern. Eigentlich war es verwunderlich, dass dieses schlanke, brünette und attraktive Mädchen sich überhaupt mit Speckschwarte abgab. Britta war intelligent und stets lustig gestimmt, wenn sie sich auch zuweilen sehr ernst geben konnte. „Wo bist Du denn so lange geblieben?" wurde Speckschwarte von Britta empfangen. „Du hast überhaupt Glück, dass du mich antriffst, denn ich wollte gerade die Sachen für das Hallenbad fertigmachen und wäre fünf Minuten später weg gewesen. Wie ist es, gehst Du mit schwimmen?"
„Nein –leider kann ich diesmal nicht", meinte Speckschwarte. Dies sagte er keineswegs schuldbewusst. Er wusste, wie gerne Britta schwamm und dabei auch ihren attraktiven jungen Körper hervorkehrte. Die Blicke der Männer, Jünglinge und selbst Knaben folgten ihr begehrlich, wenn sie auf langen Beinen bis zum Hintern und mit fester hoher Brust im Bikini am Wasserbeckenrand wie ein Storch einherstolzierte. Das machte Speckschwarte dann immer insgeheim rasend eifersüchtig. Egoistisch wie er war, wollte er Britta nur für sich allein besitzen. Da er selber ein triebhafter Mann war, wusste er natürlich auch um die triebhaften Gedanken der anderen Männer, wenn sie Britte mit geilen Augen angafften. Und das ging ihm gehörig gegen den Strich. Das war auch typisch für Speckschwarte, der selber kaum ein treuer Mensch war, sondern die Freundinnen wechselte wie seine Kämme, aber selber Treue und absolute Keuschheit verlangte, wenn er nicht in der Nähe war. So war er denn auch jetzt eigentlich nur kurz auf einen Sprung vorbeigekommen, um seiner Pflicht Genüge zu tun und Britta nicht ganz zu vergrollen. Außerdem hatte er gedacht, schnell mal mit ihr ins Bett steigen zu können, denn wenn er an die attraktive Starix dachte, schoss ihm das Blut heiß in den Kopf und er merkte, dass er zwischen den Beinen dicke Eier bekam, die ihm selbst beim Gehen schmerzten, weil sie gegen die Seiten der Innenschenkel drückten.
Britta hingegen mochte diesen „schnellen Fick" nicht besonders, wie Speckschwarte dieses „geschlechtliche Abspulen der Befriedigung" seiner eigenen Gelüste stets nannte, wobei er jedes Mal grinste und seine Augen flackerten. Irgendwie ahnte Britta auch, dass Speckschwarte triebhaft motiviert war und stets nur immer an seine eigene Lust und Befriedigung dacht. Beim ersten Geschlechtsverkehr hatte er wochenlang um sie gerungen, um sie ins Bett zu kriegen bzw. ins Gebüsch. Wie ein geiler Stier hatte er sich zuweilen gebärdet – besonders wenn sie dem Petting verfielen. Dann hatte er oft einen knochensteifen Riemen und ein deutliches Zelt und wurde sehr aggressiv, weil Britta ihn nicht an ihre „Lüftung" ließ, wie er das nannte…
Ziemlich grollend und beleidigt zog er daher wieder ab, als er Britta, die sonst nur ein Mofa fuhr und einmal Ärztin werden wollte, zum Hallenbad am Schulzentrum gebracht hatte. Sie verabredeten sich am Wochenende. Und Speckschwarte sagte noch im Wegfahren: „Dann bist Du aber mit Deiner Lüftung doppelt reif – richte Dich also darauf ein. Und ziehe die eine hellblaue Jeanshose an, worin Du immer so einen geilen strammen Arsch hast, denn das törnt mich immer so schön an!"
„Verrückt!" hatte Britta an die Stirn getippt, ehe sie mit ihrem Schwimmbeutel ins Hallenbad eilte. Während Speckschwarte mit einer Latte in der Hose ihren wiegenden Hinterbacken nachschaute und überlegte, ob er ihr nicht beim nächsten Fick am Wochenende während des Coitus´ den Zeigefinger mal in den wohlproportionierten Po stecken sollte, um Kimme und Korn gleichzeitig unter Kontrolle zu haben…
Während er sich in dieser Vorstellung sonnte und sie phantasmogorisch noch weiter bis ins Detail ausmalte, fuhr er aus Geldern hinaus - Richtung Kevelaer.
Nahe Wetten wurde er endlich von seinen triebhaften Gedanken abgelenkt, da er an Kevelaer denken musste. Obwohl ein Marienwallfahrort, war es ein unheimlich scheinheiliger Ort.
Die meisten Taugenichtse, Diebe, Einbrecher und Strolche vom ganzen Niederrhein kamen aus Kevelaer. Die Amtsgerichte im Kreis Kleve und besonders das für Kevelaer zuständige Amtsgericht Geldern konnten ein Lied davon singen. Nirgendwo gab es so „fromme", scheinheilige Heuchler und Pharisäer wie in Kevelaer. Das hatte sich längst weit über den Niederrhein hinaus und bis ins benachbarte Holland herumgesprochen, während die ahnungslosen Pilger, die in Bussen und Zügen aus allen Teilen der Bundesrepublik und dem Ausland anwallfahrteten, davon nichts ahnten, denn denen gaukelte die Bevölkerung die tugendhafte, saubere und fromme Stadt im Sinne Christi vor, um des Reibachs nicht zu entgehen.
Speckschwarte, der etliche Gangster aus Kevelaer persönlich kannte, musste hart grinsen, als er dieses alles dachte. Er parkte seinen Wagen jetzt vor dem Hotel, in dem die Starix sich aufhalten sollte. Den Wagen hatte er so gestellt, dass er den Eingang gut beobachten konnte.
Er steckte sich eine Zigarette an und blies den Rauch aus dem heruntergekurbelten Fenster. Er wartete geduldig. Immer wieder wanderte dabei sein Blick die Hotelfenster an der Vorderfront entlang.
Wo genau mochte das Fenster der Starix sein? Das Zimmer 112 musste weit rechts liegen. Er war früher oft in diesem Hotel gewesen, das eher einem Restaurant glich. Freunde hatte er dort besucht, die sich zeitweilig hier aufhielten. Nach seiner Berechnung musste es daher das achte Fenster rechts sein.
Er beobachtete den Eingang und die Leute, die hineingingen oder das Hotel verließen. Bisher hatte er kein bekanntes Gesicht entdeckt. Ihm kam eine Idee: wäre es nicht besser, wenn man zunächst einmal feststellen würde, ob die Dirne überhaupt in ihrem Zimmer war? Vielleicht war sie gar nicht da und er wartete umsonst! Er beschloss, dies festzustellen und stieg aus, schlenderte die Straße etwa 50 Meter hoch, suchte und fand eine Telefonzelle. Er wählte die Nummer des Hotels, die er sich herausgesucht hatte, ließ sich mit Zimmer 112 verbinden, als sich der Portier meldete. Eine Weile musste er warten.
Dann ein Knacken am Ende der Leitung.
„Ja, hier Ilse Starix!?"
Sie war also doch da!
Speckschwarte hatte sich vorher genau überlegt, was er sagen wollte. Er wusste, dass es die Angewohnheit solcher Dirnen war, ihre Kunden im Hotel zufrieden zu stellen. Entweder riefen die Kunden daher vorher bei ihr an – zumal die Stammkunden – oder sie angelte sich dieselben selbst. Er wusste dies insbesondere durch Sigrid, die ihm das einmal erzählt hatte.
„Wer ist denn da?" klang die Stimme der Starix erneut und ungeduldig am Ende der Leitung, denn sie war über das Schweigen des Anrufers anscheinend wenig begeistert.
„Entschuldigen Sie", sagte Speckschwarte jetzt mit vorsorglich sogar verstellter Stimme, „ich muss mich wohl verwählt haben…"
Er hatte es sich blitzschnell anders überlegt, da er am Ende der Leitung die Stimme der Starix mit einer anderen Stimme aus dem Hintergrund flüstern hörte. Er legte den Hörer wieder auf, schritt zum Wagen zurück.
Er wartete noch zwei Stunden, bevor seine Geduld und Ausdauer belohnt wurden. Er sah einen Mann aus dem Hotel kommen, der ihm sehr gut bekannt war. Es war niemand anderes als der Zuhälter Winfried Schwilger, der jetzt sogar an Speckschwartes Auto vorbeischritt und in die Straße vor dem Hotel eingebogen war und vorher bestellt sein musste.
Speckschwarte kannte denn Zuhälter schon eine ganze Zeit aus Essen, wo er sich einmal, als die Polizei ihn mal wieder gesucht hatte, einige Zeit aufgehalten hatte.
Speckschwarte folgte mit seinem Wagen unauffällig dem Taxi. Das fuhr tatsächlich nicht nach Essen, sondern nach Mönchengladbach zum Puff. Eine gute halbe Stunde wartete er auch hier geduldig. Dann kam der Zuhälter zurück und stieg erneut in ein Taxi, fuhr mit diesem nach Rheydt, wo er nahe des Bahnhofs in einer Bar verschwand.
Speckschwarte zögerte nicht lange und betrat wenig später ebenfalls diese Bar. Schwilger saß an der Theke und unterhielt sich angeregt mit einer Dame aus dem ältesten Gewerbe der Welt. Es war sicher eines seiner „Nuttenpferdchen", die er überall laufen hatte.
Speckschwarte ließ sich in der Nähe der beiden auf einem hohen Hocker nieder. Er befürchtete nicht, wiedererkannt zu werden von dem Zuhälter, denn es war schon einige Jahr her, dass er in Essen gelebt hatte., Zudem hatte Speckschwarte heute längst sein Aussehen verändert, die Haare hellblond gefärbt.
Speckschwarte schaute sich im Lokal um. Es war ziemlich gefüllt. Eine miese Luft zog durch den Raum mit seiner schummerigen Beleuchtung. Einige „freischaffenden Dirnen" versuchten ihr Glück bei den männlichen Gästen, saßen teilweise bei ihnen und ließen sich freihalten. Gelangweilt registrierte er auch Versuche, die Männer mit den weiblichen Reizen zu betören, um sie dann in gewohnter Weise auszunehmen.
Als sie es auch bei ihm versuchten, gab er ihnen mürrisch eine Abfuhr, so dass sie beleidigt wieder davonschlichen. In seiner unmittelbaren Nähe sah er die Hand eines Mannes unter den Tisch greifen, um eine der „Damen" damit geil zwischen die Beine zu fahren und dort herumzufummeln. Spontan und bereitwillig schloss und öffnete sie ihre Beine. Es war das raffinierte Anziehen und Verweigern, Reizen und Zurückziehen einer erfahrenden Nutte, die genau wusste, wie sie an die Brieftasche des Kunden gelangen konnte.
Das Lokal schien zudem ein Zufluchtsort recht zwielichtiger Gestalten, Rauschgiftsüchtiger, Zuhälter und kleiner Diebe zu sein. Dunkelmänner jeglicher Art schienen sich hier zu tummeln. Penner, Perverse und Schwule schienen sich ebenfalls nach hier verirrt zu haben – abgesehen von wenigen Männern, die wohl von auswärts kamen und etwas erleben wollten, eine Nacht den moralischen und konventionellen Fesseln zu entkommen suchten, die ihr Geld offenbar „unbedingt" auf den Kopf hauen mussten.
Primär waren es aber doch die zwielichtigen Stammgäste, die hier die Kasse der etwas fülligen Wirtin klingeln ließen und füllten. Neben der Wirtin bzw. Barchefin und den eigentlichen Bardamen gab es noch drei weibliche Bedienungen, die aber gleichzeitig auch die Gäste mit „weiblichen Reizen" bedienten. Sie liefen halbnackt durch den Raum. Der normale, gesittete Durchschnittsbürger würde das Lokal gemieden haben. Eine Frau hätte sich wohl erst recht nicht in diese Bar getraut, wenn sie nicht hier hingehörte. Tauchte eine solche auf, die sich zufällig verirrt hatte, konnte man davon ausgehen, dass sie blitzschnell wieder die Stätte der Fleischeslust verließ.
Es war eine schweigende Abmachung, dass man sich untereinander nicht mit dem Hausnamen, sondern zumal bei den Dirnen mit erfundenen Vornamen anredete, um die Freier zu täuschen.
Speckschwarte rückte jetzt, nachdem er sich eine Zigarette angezündet und eine Cola bestellt hatte, etwas näher an Schwilger und die Frau heran. Vielleicht konnte er etwas aufschnappen von ihrem Gerede!
„Wahrscheinlich werde ich Ilse bald wieder unter dem Daumen haben!" hörte er gerade Schwilger ironisch-gehässig schon ein bisschen beschwipst sagen. „Dann brauchst Du auch nicht mehr so zu ackern, kannst es langsamer gehen lassen. Ich habe sie jedenfalls völlig jetzt in der Hand und werde sie notfalls mit Gewalt zwingen, für mich zu ackern. Der Haken ist nur, dass auch sie mich sozusagen in der Hand hat und eventuell Dummheiten machen könnte. Bei ihr weiß man ja nie, wie sie reagiert!"
„Es gefällt mir gar nicht", sagte die so Angesprochene und zwinkerte mit ihren stark geschminkten Augen, „wenn Du Dich schon wieder mit dieser Person einlässt. Du hast doch schon einmal mit ihr das Nachsehen gehabt. Das müsste Dir doch eine Lehre sein!"
Sie hielt jetzt inne, denn gerade hatte sie aufgeschaut und Speckschwarte entdeckt.
„Du?" fragte sie echt erstaunt über Schwilgers Schulter hinweg. „Man hat dich ja lange nicht mehr hier gesehen!"
Jetzt erst sah Speckschwarte sie genauer an und staunte ebenfalls. Irgendwoher kannte er diese Nutte, wusste aber nicht gleich, wo er sie in seinen Bewusstseinschubladen hinsteckenn und einsortieren sollte.
Aber dann beschloss er, die Gelegenheit beim Schopf zu fassen und es mit Dreistigkeit zu versuchen.
Er grinste. „Deswegen bin ich ja gerade mal wieder hier in dem Laden aufgekreuzt. Und Winfried ist auch da", tat er betont gleichgültig.
„Habt Ihr euch nun zusammengetan?"
Schwilger schaute auf. Speckschwarte bemerkte zwar, dass es in seinem Gesicht arbeitete, der Zuhälter aber offenbar nicht wusste, wo er ihn hinstecken sollte, wenn er auch vages Erkennen zeigte.
„Komm herüber!" wurde er von Schwilger wenig später aufgefordert. „Du brauchst da nicht allein zu sitzen. Es braucht auch nicht jeder gleich zu wissen, was hier läuft…"
„Läuft?" tat Speckschwarte scheinheilig. Aber er ließ sich die Aufforderung nicht zweimal sagen, nahm seine Cola und setzte sich neben Ella Brügel, deren Name ihm wieder auf einmal eingefallen war. Dabei warf er seinen geilen und langen Blick in ihren klaffenden Auschnitt. Bei ihr erkannte man tatsächlich die Nutte auf Anhieb, denn nur eine Frau aus diesem Gewerbe konnte in einer Bar so freizügig mit ihren Reizen umgehen und so ostentativ ihren ganzen Körper zur Schau stellen, wie es diese Ella Bürgel tat, die er mehrfach in Essen im Bett erlebt hatte. Obwohl Schwilger ihn kaum recht wieder erkennen konnte, fragte dieser Speckschwarte: „Wo hast Du denn so lange gesteckt? Sonst sah man Dich öfter – war das nicht immer in Essen?"
„Ich war in der Eifel", log Speckschwarte, „hatte dort jede Menge zu tun..."
„Weiber?" erkundigte sich die Nutte ganz ungeniert, denn sie dachte offenbar, dass Speckschwarte auch ein Zuhälter war, denn wer mit Schwilger zusammenhockte und ihn kannte, stammte meist aus dessen Branche.
„Nein, keine Weiber!" Speckschwarte grinste. „Müssen es immer Weiber sein?"
Die Frau kicherte.
„Ich war bei einem Onkel!" Speckschwarte sagte es, als sei er tatsächlich dort bei einem solchen gewesen. "Aber wie läuft denn bei euch so der Laden?"
„Kommst Du jetzt aus der Eifel oder von daheim aus Geldern?" Offenbar wusste dieser bescheuerte Zuhälter nicht einmal, dass er Sigrids Bruder war. Jedenfalls hatten sie früher noch nie darüber gesprochen.
Speckschwarte sah den Zuhälter an. „Nein, wie kommst du darauf? Ich bin schon einige Zeit hier in Rheydt – jedenfalls heute schon den ganzen Tag. Ich bin von Geldern herübergekommen. Da hat man eine Frau grausam überfallen und missbraucht – ich habe es jedenfalls in der Zeitung gelesen. Sie soll derzeit noch im Krankenhaus liegen…"
Seine Stimme hatte ziemlich gleichgültig geklungen, aber er beobachtete zumal den Zuhälter genau und scharf. Mit gewisser Genugtung sah er, wie Schwilger und die Frau sich kurz ansahen. Besonders Schwilger zeigte ein mehrfaches Zucken an der rechten Augenbraue.
„Und? Wer war es?" forschte die Dirne. „Ich meine: hat man den Täter schon, dieses verdammte Schwein?"
„Ich glaube schon!" Speckschwarte log bewusst. Warum er gerade jetzt log, wusste er auch nicht so recht. Der Gedanke zur Lüge war ihm einfach zugeflogen und sollte eine Fallgrube werden. Er bemerkte aber, wie beide sich wieder vielsagend ansahen und wohl etwas mit den Augen sagten.
„Wie heißt das Schwein denn?" verwunderte es die Bürgel, wobei sie ihrer Stimme einen sehr entrüsteten Klang gab. Aber Speckschwarte merkte, dass dieser Klang nicht echt war.
„Keine Ahnung", zuckte Speckschwarte die Schultern. „Wie soll ich das wissen? Den Namen haben sie in der Zeitung natürlich nicht erwähnt…"
Das Thema des Gesprächs wechselte nach einer Pause. Das Gespräch tröpfelte aber schließlich nur noch so dahin, bis der Zuhälter auf seine Uhr sah und sich – jetzt schon leicht beduselt – erhob: „Ich komme heute Abend noch einmal vorbei, Ella", wandte er sich dabei an die Nutte. Dann ging er den Ausgang zu, ohne zu bezahlen. Das würde sicher Nutte Ella für ihn erledigen.
Speckschwarte saß wie auf heißen Kohlen, da er etwas warten musste, obwohl er dem Zuhälter gern sofort gefolgt wäre. Aber das wäre aufgefallen. Und dann versuchte diese Nutte Ella nun auch noch, ihn mit Beschlag zu belegen, sofern sie bei ihm an ein neues Opfer glaubte, bei dem sie mit ihren Reizen nicht zu geizen brauchte. Mit einer gewissen plumpen Vertraulichkeit beugte sich die 29jährige zu ihm herüber, so dasss Speckschwarzte zunächst vermeinte, im Auschnitt der Nutte die Pforten des Himmel offen zu sehen.
„Brauchste jemanden, der Dir die Hose aufknöpft und Deinen biologischen Trieb freilässt? Ich kann Dir ja jemanden empfehlen, der das gut kann und Dich Deine Mannbarkeit fühlen lässt!"
„Na", meinte Speckschwarte und nahm sich vor, mitzumischen, „dieser Jemand erinnert mich arg verdächtig an eine Ella Bürgel!"
Sie lachte mit ihrer versoffenen Stimme, so dass die zu einem Turm aufgesteckten Haare heftig in Bewegung gerieten.
„Ganz im Vertrauen", flüsterte sie nun, „ich mache es bei Dir umsonst. Bist schon ein strammes Kerlchen, das ich zur Nachspülung meiner Pissbacken noch vernaschen kann. Ich mache Dir einen Vorschlag: wenn Du mich nach Hause fährst, widme ich mich Dir in aller Ruhe. Ich habe hier derzeit sowieso keinen Bock. Ich kann Dir allerlei Tricks zeigen. Ich wette sogar, dass Dir der Riemen jetzt schon in der Hose zu heiß ist, wenn Du dauernd meine Euter beglotzt – gefallen Dir wohl, wie? Deine Augen flattern ja schon vor Geilheit. Also machen wir uns davon?"
18
Speckschwarte, der solche Worte der Nutte von früher her kannte und schon Schlimmere gehört hatte, gegen die die momentanen reine Bibelsprüche waren, erklärte sich nach kurzem Nachdenken bereit, mitzumachen, da er hoffte, Ella dabei „ausquetschen" zu können. „Gut, fahren wir am besten gleich los!"
Eine viertel Stunde später waren sie in Ellas Wohnung in Odenkirchen angelangt. Aus der Bar hatten sie sich eine Flasche Sekt sowie einige Flaschen Bier mitgenommen.
Es war jetzt schon 23:30 Uhr.
Die Nutte wohnte in einem Mehrfamilienhaus. Im dritten Stock besaß sie ein Appartement. Hier trat sie leise und gesittet auf. Speckschwarte kannte das: in der Bar gaben sie sich als perverse Nutten, daheim in der Wohnung unter halbwegs normalen Menschen mimten sie die keusche und züchtige Frau, die nur auf leisen Sohlen und durch die Hintertür etwaige Freier einlassen konnte, wenn sie das überhaupt tat. So lief eine solche Nutte eigentlich tagsüber mit der Biedermeiermaske, abends und nachts halbnackt und mit freizügigen, angeilenden Reizen herum.
Es war eine nette kleine Wohnung. Im Grund war es Speckschwarte zunächst völlig gleichgültig, ob er mit Ella ins Bett ging und beide pervers sich austobten oder nicht. Er dachte dabei auch keineswegs an seine Freundin. Die Befriedigung des Leibes durch das Geschlechtsteil schien Speckschwarte so notwendig wie das Essen und Trinken und wurde bei ihm schon zur Gewohnheit, über die er sich kaum noch Gedanken machte. Wurde er geil, ging er zu einer Nutte, seiner Freundin oder sich mit der Hand emsig an den eigenen Schaft - bis er sich befriedigt fühlte. Und wenn er Gelegenheit fand, irgendeiner Perversion mit einer anderen Frau zu frönen, ließ er auch das nicht aus.
Reiz, Erregung, Befriedigung und die nachfolgende männliche Unlust erschienen ihm als Selbstverständlichkeiten seines unsteten Lebens. Warum sollte er Triebe unterdrücken, wenn sie ständig da waren? In dieser Hinsicht setzte sich Speckschwarte konsequent über alle konventionellen Schranken ohne Gewissensbisse hinweg. Denn er war ehrlich genug, sich einzugestehen, dass er körperliche Befriedigung brauchte, wenn er geil wurde. Natürlich verurteilte er Vergewaltigungen und solche scheußlichen Verbrechen, wie das an Werners Stiefmutter, obwohl er in seiner perversen männlichen Phantasie selber ständig vergewaltigte. Liebe war ihm ein himmelhochhoher Begriff, der ihn in seinem Handeln einengte, ihm eine ganze Menge Pflichten und Verpflichtungen, Verantwortlichkeit auferlegte, von ihm abverlangte. Und in eine solchen moralische Umzäunung wollte und konnte er sich nicht begeben und leben!
Daher war es Speckschwarte auch völlig egal, dass die Dirne ziemlich prall sich ausnahm. Schließlich, so sagte sich Speckschwarte, spielte es bei der Verfolgung seines gesetzten Zieles überhaupt keine Rolle, ob sie klein und schwarzhaarig war oder ein Hinterteil hatte, hinter dem man einen ganzen Karren hätte verstecken können…
Sie betraten das Zimmer der Nutte und verriegelten die Tür, damit niemand stören konnte...
Als Speckschwarte gut zwei Stunden später das Zimmer wieder verließ, ging er nicht auf Krücken, er kroch auch nicht „auf allen Vieren die Treppe hinunter", wie die Bürgel es ihm prophezeit hatte, bevor sie seiner „Mannbarkeit eine weibliche und gut gepolsterte Unterlage" verschaffte – stattdessen hatte Speckschwarte eine Menge neuer Dinge über Sex erfahren, die für ihn, der sich gern „Oberficker" in der Gelderner Szene nannte, von höchster Bedeutung sein konnten.
Speckschwarte fuhr wieder davon und suchte seinen 25jährigen Kumpel Dieter Heinrich auf, den er kurz aufklärte und dann nach Geldern mitnahm. Beide fuhren zu Werners Wohnung.
Werner, der den lauten VW schon hatte kommen hören, öffnete ihnen bereits unten am Heiligenweg die Haustür. Speckschwarte stellte ihm Heinrich vor.
„Er weiß Bescheid und ist gerade der richtige Mann. Man kann ihm vertrauen. Ich verbürge mich für diesen Mann!"
Werner führte sie ins Wohnzimmer. Und es war eigenartig, welche zwei verschiedene Menschencharaktere hier miteinander konfrontiert wurden und gemeinsam einen Weg beschritten, der diese auch moralischen Gegensätzlichkeiten einriss, fast harmonisch miteinander verband, im Bestreben, eine gemeinsame Sache zu verfolgen. Oftmals verbinden sich Freund und Feind, um ein gemeinsames Ziel, eine gemeinsame Sache zu verfolgen, die überdimensionalen Wert für beide hat!
„Hast du etwas erfahren?" wendete sich Werner nun an Speckschwarte, als sie alle Platz genommen hatten.
„Ja, durch einen glücklichen Zufall ist mir das gelungen. Ich glaube bestimmt, dass die Starix und ein Zuhälter sowie eine mir bekannte Nutte namens Ella Bürgel hinter der ganzen faulen Sache stecken. Zwar habe ich keine direkten Beweise, aber die Bürgel hat mir etliches verraten. Ich habe sie dann listig mit Alkohol versorgt und gebumst. Dadurch wurde sie dann sehr gesprächig…"
Alsdann erzählte er alles bis ins Detail, wie er Schwilger gefolgt und dann mit dessen „Sklavin" davongezogen war. „Zunächst wollte ich als Kunde die Starix besuchen, unterließ es dann aber und harrte geduldig der Dinge, die da kommen würden. Das hat sich dann ja auch wirklich gelohnt. In der Feuerkugel habe ich den beiden unter die Weste gejubelt, dass man den Täter schon habe. Vielleicht fühlen sie sich nun sicher und machen einen Fehler…" Speckschwarte machte eine Pause, fragte dann: „Und wie geht es deiner Stiefmutter?"
Werner räusperte sich. „Es geht ihr besser. Ich war heute im Krankenhaus und habe mich nach ihrem Befinden erkundigt. Ich glaube, es ist das Beste, wenn man weiter abwartet. Lassen wir unsere Gegner den ersten Schritt tun.
Vielleicht versuchen sie erneut eine böse Sache – und dann schlagen wir unbarmherzig zu."
In den beiden kommenden Wochen tat sich nichts Besonderes. Speckschwarte, der in der Hoffnung, er könne den Zuhälter und die Starix irgendwo treffen, täglich durch den Kreis Kleve und besonders zwischen Geldern und Kevelaer umherfuhr, sah niemanden. Heinrich hatte das Wohnzimmer bzw. Sofa bei Werner belegt. Speckschwarte schlief in zwei Sessel. Und Werner fuhr täglich nach Angelmodde, um Sigrid zu besuchen. Eine Stunde oder auch zwei blieb er fast immer.
Die Polizei kam auch nicht wieder.
Schließlich war es Speckschwarte, der sich telefonisch im Hotel erkundigte, weil ihm ein sonderbarer Verdacht gekommen war. Tatsächlich teilte man Speckschwarte mit, dass Ilse Starix ganz plötzlich verreist sei, aber das Zimmer an eine andere „Dame" abgegeben habe.
Spontan beschloss Speckschwarte, dieser neuen Dame einen Besuch abzustatten. Die Gelegenheit dazu ergab sich am Nachmittag desselben Tages.
Ungeahnte Möglichkeiten und Freie Entfaltung…
In diesen Tagen widerfuhr Sigrid etwas Sonderbares. Sie entdeckte, dass ihr abgelegenes und fast verstecktes Dasein zu neuen Empfindungen führte und ihr einen Gefühlsspielraum ließ, den sie voll und ganz und besonders unbeschwert ausnutzen konnte.
Die Familienmitglieder des Bauern staunten nicht schlecht, als sie bemerkten, dass das Fräulein aus der Stadt anscheinend eine ganze Menge von der Landwirtschaft verstand. Sie vermochten ja nicht zu ahnen, dass Sigrid in den Heimen in der Landwirtschaft und im Haushalt gearbeitet hatte. Zwar war das nur kurze Zeit gewesen und lag auch schon um einiges zurück, doch führte das zu einem besonderen Verständnis für die Arbeit auf dem Bauernhof, so dass sie oft selbst darüber am meisten staunte.
Niemand von den Leuten auf dem Hof wusste von ihrer einst zwielichtigen Vergangenheit. Jeder versuchte, ihr Freude zu machen. Schon nach wenigen Tagen hatte sie ihre Scheu abgelegt und bemerkte, dass es sich so ausnahm, als lebe sie schon zeitlebens hier. Natürlich konnte sie sich nicht verhehlen, dass ihre Natur ihr noch immer Schwierigkeiten machte, sofern sie sich gern im Mittelpunkt des Interesse von Leuten sah, die ihr eine gewisse Bewunderung zukommen ließen. Sigrid war es gewohnt, dass man sich nach ihr umsah, die männlichen Betrachter ihr Bewunderung zollten. Das diente ihr sozusagen als eine Bestätigung ihrer Weiblichkeit. Fern von der Stadt ergaben sich für sie nun mancherlei Probleme. Aber nicht nur ihr geistiger Horizonz erweiterte sich ernorm, sondern auch ihr ganzes Dasein schien ihr nun sinngebundener und zweckmäßiger zu sein. So kam sie eigentlich aus dem Staunten nicht mehr heraus und versuchte täglich neu, die neuen Erfahrungen und Empfindungen zu verarbeiten und dem eigenen Wesen einzuverleiben.
Ein besonders herzliches Verhältnis bestand zwischen Sigrid und Iris. Iris, die mit beinaher kindlicher Zärtlichkeit an Sigrid hing und von dieser mit derselben Zärtlichkeit bedacht wurde, verehrte Sigrid nicht nur, sondern schien auch regelrecht in ihr verliebt zu sein, folgte ihr auf Schritt und Tritt und teilte ihr mehr oder weniger ihre großen und kleinen Geheimnisse mit.
So waren die beiden bald dicke Freundinnen geworden. Es konnte vorkommen, dass Iris am Abend, wenn Sigrid im Bett lag, zu ihr schlüpfte, um mit ihr vertraulich über eine Sache zu sprechen, die ihr besonders immer abends einzufallen schien. Sigrid beneidete immer wieder neu diese Unbekümmertheit des Mädchens. Nicht selten brachte Iris sie mit ihren offenen und spontanen Fragen in Verlegenheit.
Iris selbst bewunderte diese Frau, ihre Schönheit, ihren makellosen Körper. Sie versuchte Sigrids Einstellung zu all den vielen Dingen, die es gab, zu erforschen.
So war Sigrid die Zeit, in der Werner nicht da war, sinnvoll und reichlich ausgefüllt.
Ihre Liebe zu Werner wurde immer tiefer und ausgeglichener, brachte aber auch eine Gefahr mit sich, die ihr deutlich zu Bewusstsein kam. Von Natur aus war Sigrid auf Gefühle und sexuelle Empfindungen eingestellt. Ohne Sexualität kam ihr das Leben öde und unzweckmäßig vor. Der innere und äußere Wert ihres Wesens schien ihr mit einer persönlichen Befriedigung, der sie nach wie vor nachgab, nicht nominiert zu sein. Infolge ihrer Attraktivität und aus dem Bewusstsein heraus, geben und dafür erwerben zu können, was ihren Neigungen entgegenkam und zusprach, glaubte sie, ein Anrecht auf körperliche Befriedigung zu haben.
Es ist eine zweckmäßige Erscheinung der weiblichen Natur, dass der Trieb einer Frau nach der Form und dem Rahmen der äußeren Proportionen sich richtet. Eine Frau, die sich ihrer äußeren Schönheit, Attraktivität und ihrer Reize nach außen bewusst ist, explosiv und manipulierend mit ihren spezifischen weiblichen Merkmalen zu agieren weiß, wird in der Regel Empfindungen haben, die auf die Befriedigung ihrer Wünsche abzielen. Hervorkehrung gewisser Eigenschaften zeugen von dem Bedürfnis, ein Sehnen zu veranschaulichen, dessen Inhalt mit Befriedigung dieser Wünsche einhergeht.
Die Bereitschaft jeder Frau – die von Natur aus ihre eigene und zugleich wesentlichere andere Zweckmäßigkeit erfüllt - ist nicht nur an die Ausmaße ihrer einzelnen Empfindungen gebunden, sondern ergibt sich aus dem äußeren Aussehen ebenso und vielleicht noch stärker. Denn jede Frau hat das Bedürfnis nach Anerkennung und Erkanntwerden ihrer Schönheit, ihrer Weiblichkeit und ihrer entsprechenden Merkmale durch einen Mann. Die Spannung ergibt sich aus der Registrierung und Feststellung, aus dem Empfindungen, die sich aus dieser Situation ergeben. Dieses Urbedürfnis der Anerkennung der eigenen Weiblichkeit durch die männliche Betrachtung und Umwerbung des Mannes war natürlich auch in Sigrid besonders stark akut.
Die Befriedigung ihrer sexuellen Wünsche war für sie ein wesentlicher Bestandteil ihrer Liebe zu Werner. So ergab sich auch für sie eine gewisse Gefahr und Notsituation. Abgesehen davon drängte sich ihr Ganzes zu einer körperlichen Vereinigung mit Werner. Besonders reizte sie Werners Verhalten, der von sich aus nichts zu einer solchen körperlichen Vereinigung beitrug. Zwar kam Sigrid ihm oft genug entgegen und versuchte, ihn mit ihren Reizen zu locken und zu verführen, es ihm schmackhaft zu machen. Doch von gelegentlichen Zärtlichkeiten abgesehen, eher geruhsamen Intimitäten, verhielt er sich eher zurückhaltend. Lange Zeit hatte sie nun ihre Empfindungen unterdrücken müssen, so dass ihr Körper regelrecht angespannt schien und nach einer Lockerung seiner Fülle mit ungestümer Gewalt drängte. Es war ihr auch noch nicht vorgekommen, dass sie andauernd die Initiative ergreifen musste. Sie fühlte sich durch Werners Verhalten sogar ein wenig erniedrigt, obwohl sie an seiner Liebe nicht den geringsten Zweifel hegte. So griff sie in ihrer Not zu dem altbewährten Mittel ihrer Jugend- und Heimjahre, indem sie masturbierte, sich regelmäßig eigene Befriedigung verschaffte und ihrer Phantasie freien Lauf ließ, sofern sie dabei an Werner dachte und sich als Höhepunkt eine Vereinigung mit ihm vorstellte, obwohl auch das nicht dauerhaft die reale Hingabe ersetzen konnte.
Eine weitere Gefahr bestand durch die anwesenden Männer auf dem Bauernhof. Meist gestandene und stramme Mannsbilder, die nur allzu deutlich zuweilen bekundeten, dass Sigrid sehr anregend auf sie wirkte. War schon der 19jährigen Joachim in Sigrid verschossen, wie sie teils amüsiert feststellte, so waren die oft hautnahen Nachstellungen des 32jährigen Knechts August Schendahl noch weit unangenehmer. Nicht, dass Sigrid glaubte, sich in diesen naturrauhen Burschen ernsthaft vergucken zu können, aber die starke, ausgeglichene Männlichkeit des Knechts riefen in ihr zuweilen doch prickelnde Gefühle und das besondere Gefühl ihrer „entsagenden Situation" wach, ja, erregten sie in gewisser Hinsicht. Und manchmal ertappte sie sich beim Masturbieren abends im Bett dabei, wie sie kurzweilig an ihn dachte… Sie versuchte sich dadurch zu helfen, dass sie den beiden Männern ein oft betont kühles Verhalten bot, um sich gegen die Gefahr abzusichern. Andererseits ertappte sie sich dabei, dass sie unwillkürlich an die Vereinigung mit Werner dachte, wenn sie in den Ställen Bullen oder Eber die weiblichen Tiere besteigen und decken sah. Zunächst war ihr der Anblick peinlich gewesen und sie hatte weggeschaut, war mehrfach rot geworden, wenn der Knecht in der Nähe war und zweideutige Bemerkungen zum Deckverhalten der Tiere machte, zumal er den Bullen oft zur Besteigung der Kühe an der Nasenringstange zum Hof führte und die Deckung überwachte. Der immer geiler werdende Bulle fuhr dann eine unheimlich lange Geschlechtsmöhre aus, die er dann nach der Besteigung in die Kuh stieß – wobei Sigrid geheim immer wieder staunte, wie schnell der Bulle mit der Besamung fertig war. Meist dauerte es nur Sekunden. Offenbar war der schnelle Orgasmus und die unmittelbar folgende Lustlosigkeit dem ganzen männlichen Geschlecht in der Menschen- und Tierwelt eigen…
So war sie immer froh, wenn Werner kam und alle Ängste und Sorgen durch seine Gegenwart verbannte.
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Sigrid hatte sich schnell in die kleine bäuerliche Gemeinschaft eingeordnet und zurechtgefunden. Iris hatte ihr alles gezeigt. Sie sah sich den ziemlich großen Schweine-, Kuh- und den kleinen Pferdestall an und fand sich nach wenigen Tagen überall zurecht. Als sie aber versucht hatte, ihre städttischen Kleider abzulegen und andere anzuziehen, um etwas bei der Hand zu gehen, hatte dies die ganze Familie einstimmig-entrüstet abgelehnt.
„Ihre Anwesenheit verschönert unseren Hof!" hatte der Bauer scherzend gesagt. „Tragen sie nur ihre hübschen Kleider weiter…" Trotzdem packte sie hier und dort mal mit an, so dass es bald ein gewohntes Bild war, wenn Sigrid durch die Ställe oder in den Feldern und Wiesen einherspazierte, mal diesen und jenen suchte, das Frühstück oder den Nachmittagskaffee auf die Felder brachte und auch wohl mal mit dem Traktor mitfuhr. Eine besondere Freuede bereitete es ihr, wenn sie einen Pferdekarren kutschieren durfte.
Sie hörte immer aufmerksam zu, wenn einer der Arbeitenden ihr etwas erklärte oder zeigte. Sie war besonders die gelehrtige Schülerin von Iris, weil die es am unkompliziertesten machte. So kannte sie eigentlich keine Langeweile. Manchmal freilich kam es ihr selbst seltsam an, wenn sie sich „fein gekleidet" mit ihren kurzen Miniröcken und Stöckelschuhen zwischen all den Kühen, Schweinen, Pferden, Hühnern und sonstigen Getier bewegte. Sie kam sich dabei etwas nackt vor in ihrem kurzen Röckchen, das ziemlich unpassend schien und bei den Bewegungen und Stellungen auf dem Hof mehr sehen ließ, als manchmal erlaubt war…
Sigrid hatte mit der Magd Johanna ein herzliches Einvernehmen. Nur zwischen ihr und der 21jährigen Schwester Iris´ , Maria, haperte es. Maria zeigte ihre Abneigung gegen Sigrid oft sogar sehr deutlich und versuchte, dies auch deutlich zu demonstrieren durch ihr Verhalten. Sie ging sogar so weit, dass sie Iris wiederholt ins Gebet nahm, um auch in der jüngeren Schwester diese Abneigung zu erwecken. Sigrid hatte natürlich zunächst versucht, auch Maria freundlich entgegenzukommen. Nachdem sie aber recht förmlich und nur allzu deutlich zurückgestoßen worden war, verhielt sie sich Maria gegenüber betont reserviert, vermied möglichst ein Zusammentreffen mit ihr. Sie konnte sich auch die Ursachen zu Marias ablehnender Haltung nicht erklären, so sehr sie zunächst auch darüber nachgrübelte.
Rein zufällig sollte sie erst der Lösung dieses Rätsels auf die Spur kommen. Maria selbst hatte mit ihrer „Hetzte" bei der jüngeren Schwester keinen Erfolg. Das wusste Sigrid aus einem Gespräch, dessen unfreiwillige Zuhörerin sie einmal gewesen war. Die beiden befanden sich gerade beim Melken im Kuhstall, hockten auf den einfüßigen Melkschemeln, über die sich Sigrid immer wieder neu wunderte, da sie sich fragte, wie die Melkenden darauf hocken und ständig die Balance beim Melken halten konnten.
Sigrid wollte gerade den Kuhstall betreten, blieb dann überrascht an der Schwelle stehen, als sie die lauten Stimmen der beiden Schwestern hörte, die heftig miteinander zu streiten schienen.
Schon wollte sie diskret umkehren, obwohl sie eigentlich neugierig war – als sie ihren Namen hörte. Verwundert folgte sie den Wortausbrüchen.
„Sie ist eingebildet!" hörte sie gerade Maria heftig sagen. „Eine ganz eingebildete Ziege ist sie – und wie schamlos sie hier herumläuft auf unserem Bauernhof…!"
Sigrid wurde blass, aber sie beherrschte sich und verhielt sich ruhig, denn sie hörte Iris entgegnen: „Nun mach aber mal ´nen Punkt, Maria! Du bist ungerecht. Ich möchte wissen, was Du eigentlich immer gegen Sigrid hast. Es vergeht doch kein Tag, an dem Du nicht auf ihr herumhackst, wenn sie nicht in der Nähe ist. Warum machst du es nicht, wenn sie anwesend ist? Und was heißt hier überhaupt, schamlos? Sie kommt doch aus der Stadt! Da laufen die Frauen und Mädchen doch fast alle so herum – das weißt du doch auch…"
Maria unterbrach ihre Schwester heftig: „Aber wenn man hier ist, ist man eben nicht in der Stadt. Daher braucht man hier auch nicht so herumzulaufen – so aufreizend und halbnackt. Du musst nur einmal sehen, wenn sie sich bückt oder weit nach vorn beugt, wenn sie sich setzt oder hinhockt – was man da alles sehen kann…Weiter kann man schon wirklich nicht mehr sehen bei einer Frau. Und Ihr Pulli ist manchmal so dünn, dass man ganz deutlich sehen kann, wie sie ohne Büstenhalter durch die Gegend läuft. Hast Du es schon bemerkt? Der Joachim schleicht ihr schon ständig spitz nach und ist ganz verrückt geworden von ihr – wie so ´n geiler Bulle hier auf dem Hof. Selbst sein Studium vergisst er darüber. Und August zieht sie mit seinen Blicken regelrecht aus. Du hättest mal sehen sollen, wie er ihr nachschaute, als sie gestern die Treppe zum Schrotboden hochging…"
Plötzlich fing sie an zu weinen, jammerte erbärmlich und schluchzend so auf, dass Sigrid peinlich davon berührt wurde. Sie schien also eifersüchtig auf Sigrid zu sein! Die Ärmste!
Ihr Weinen hatte sie verraten.
Sie hatte also etwas mit Gustav oder war heimlich in ihm verknallt, fühlte in Sigrid mit ihrer Attraktivität eine große Revalin aufkommen, die man mit allen legalen oder illegalen Mitteln bekämpfen musste.
Das dumme Ding!
Wahrscheinlich meinte sie es gar nicht so mit ihrem ablehnenden Verhalten!
Jedenfalls schienen das die Ursachen zu sein für ihr bisheriges ablehnendes und merkwürdiges Verhalten.
Sigrid beschloss, künftig darauf achtzugeben. Sie nahm sich vor, mit Maria bei passender Gelegenheit ernsthaft und offen über alles zu sprechen, um ihrer Eifersucht und ihren Bedenken den Nährboden zu entziehen.
Doch durch die Stimme Iris und das danach folgende Gespräch zwischen den beiden Schwestern erhielt sie noch weitere Aufklärung, die ihr dienlich sein konnte.
Zunächst schwieg Iris eine ganze Weile. Dann sagte der Blondschopf zu seiner Schwester: „Du brauchst doch nicht zu weinen!" Es klang mitleidig. Und nach einer Pause:
„Du bist doch nicht etwa in Gustav verschossen?"
Eine Weile war es dräuend still im Kuhstall. Die Schwaden des scharfen Mistes durchschnitten die Luft und zogen in Sigrids Nase, so dass diese an sich halten musste, nicht zu niesen und sich zu verraten. Einen Moment dachte Sigrid, es könnte vielleicht unrecht sein, hier an der Kuhstalltür zu stehen und zu lauschen, aber dann blieb sie doch wie gebannt stehen.
Man hörte das Rasseln der dicken Ketten, mit denen die Kühe in den Boxen angebunden waren, das Rascheln im Stroh, das Mahlen der Kiefer, wenn die Kühe die mit Spreu vermischten, kleingehexelten Rüben fraßen .
Marias Stimme wehte wieder durch den Stall, „Na ja – ein bisschen bin ich schon in ihn verliebt. Er sieht ja auch nicht schlecht aus – oder?"
„Aber Sigrid ist doch nicht hinter August her? Wie kommst Du nur auf eine solche Schnapsidee, Schwesterherz? Das ist mal wieder typische Einbildung von dir! Sie hat doch ihren Werner!"
„Das weiß ich ja", gestand Maria unumwunden ein. „Und trotzdem werde ich immer so schrecklich eifersüchtig, wenn August nur entfernt in ihrer Nähe ist. Vielleicht, weil er ihr immer so nachglotzt…"
Iris wurde hellhörig. „Habt ihr schon etwas miteinander gehabt - ich meine: Du und August? Erzähl´ mal!" Iris wurde richtig munter.
„Nein, nicht direkt, wo denkst Du hin, obwohl wir uns gegenseitig bereits Liebe geschworen haben…Aber davon verstehst Du nichts, kleine Schwester!"
Iris protestierte: „Das meinst Du aber auch nur!" Iris war fast beleidigt und wurde nun richtig schnippisch, als sie sagte: „Liebe kennt ja wohl kein Alter, denn sie ist zeitlos!"
Donnerwetter! Sigrid staunte. Woher hatte diese Göre nur so einen weisen Spruch! Iris überraschte sie immer wieder neu. Zwar wusste sie, dass Iris sehr viel nachdachte und eher ein stilles Wesen in sich barg, introvertiert war, aber sie verblüffte Sigrid immer wieder neu, da sie oft tiefgründige Dinge und Zusammenhänge mit einfachen Worten aussprach.
Jetzt sagte sie zu ihrer Schwester: „Was du weißt, weiß ich schon lange! Was sollte August schon an dir finden?"
Offenbar nahm die Diskussion jetzt schärfere Formen an. Sigrid hörte es jetzt auch klappern und scheppern. Offenbar hatten die beiden Mädchen auch mit dem Melken aufgehört, denn sie hörte nicht mehr das Zischen der Milch, wenn diese in den Melkeimer rauschte beim Melken. Die beiden Schwestern schienen aufgestanden zu sein. Sigrid konnte sie zwar nicht sehen, aber vorsorglich trat sie einen Schritt zurück und stellte sich hinter einen Pfeiler, deren es hier im Kuhstall etliche zur Deckenabstützung gab, denn es war ein alter Stall, dem neben Mist-, leichter Modergeruch zu eigen war.
Iris wurde nun richtig grantig, wie Sigrid sie bisher kaum kannte. „Schau nur einmal richtig in den Spiegel", forderte sie Maria auf. „Und dann bist du auf Sigrid so eifersüchtig – nur, weil sie vielleicht mehr hinter der Bluse hat als du? Dass ich nicht lache: keinen Büstenhalter an…! Als wenn du immer einen unter der Bluse hättest! Und wenn, dann hast du ihn wohl auch nötig…"
Das waren verdammt harte Worte. Und Sigrid dachte: ´Sieh mal an, ´die harmlose Iris hat es ja faustdick hinter den Ohren!´ Sie freute sich aber doch, dass Iris sie so tapfer verteidigte. Sie glaubte auch jetzt genug gehört zu haben und verließ leise den Stall, ging über den Hof und schlug den Weg zu den nahen Äckern ein.
Zunächst wollte Sigrid in den folgenden Tagen wegen Maria ihr Kleider wechseln und deszente Sachen anziehen, besonders längere Röcke und weniger stramm sitzende Pullis, da sie eine „Pulli-Närrin" war. Dann aber fand sie es nach reiflicher Überlegung einfach lächerlich, sich von Maria ins Bockshorn jagen zu lassen. Jetzt stolzierte sie erst recht mit geschwellter Brust, wiegenden Hüften über den Hof und durch die Ställe, bewegte sich sehr aufreizend und ungeniert. Sie betrachtete alles als großes Spiel, scherte sich wenig darum, wenn Maria ihr mit bösen und eifersüchtigen Blicken nachschaute.
Auf dem Bauernhof gab es zwei prächtige Reitpferde neben den eigentlichen Ackergäulen. Sigrid, die wenig vom Reiten verstand, war schon wiederholt ausgeritten und verwendete dazu einen schwarzen Hengst. Es erregte sie immer ein wenig zwischen den Beinen, wenn ihre Schenkel an den muskulösen Hengst angepresst lagen und sie das leise, oft kaum wahrnehmbare Zittern seiner Flanken spürte. Das Gefühl von Kraft und Stärke, Wildheit und Temperament übertrug sich bei solchen Ausritten auf ihr und steigerte sich noch beim Traben oder Galoppieren, obwohl sie oftmals heimkehrte und kaum noch ihren Po spürte.
An einem Sonntagmorgen, kurz nach dem Gottesdienst, der streng von allen Familienmitgliedern eingehalten wurde, ritt sie gemeinsam mit Iris hinaus. Iris war eine hervorragende Reiterin, die wie angegossen im Sattel saß. Mit fünf Jahren saß diese schon erstmals auf dem Rücken eines Pferdes. Beide ritten jetzt einen schmalen Waldweg entlang, der nach rund 300 Metern rechter Hand in einen breiteren Weg einmündete, wo die Pferde nebeneinander entlangzockeln konnten.
Iris ritt ohne Sattel. Schlank und biegsam erhob sich ihre Gestalt auf dem Pferderücken. Mit nur einem Zügel dirigierte sie ihr Pferd. Sie nahm sich ebenso wild und verwegen aus wie der Hengst unter ihren Schenkeln. Manchmal trillerte die Bauerstochter vor sich hin.
Sigrid trug kurze Hosen und eine Bluse sowie Halbschuhe. Anfangs hatte sie sich die Innenflächen der Schenkel wundgerieben vom Reiten. Jetzt allerdings hatte sie damit kaum noch Schwierigkeiten.
Die beiden so unterschiedlichen und in manchen Wesenszügen doch wieder gleichen Frauen ritten durch die Felder und die Ferse entlang. Jede hing ihren eigenen Gedanken nach.
Spontan fragte Iris plötzlich: „Werdet ihr einmal heiraten?"
Als sie Sigrid verblüfftes Gesicht sah, fügte sie erklärend hinzu: „Ich meine: Du und Werner?"
„Wie kommst du darauf?"
„Ich meine", lachte Iris ein wenig schelmisch, „ihr liebt euch doch, nicht wahr? Wie ist das eigentlich – eine solche Liebe mit einem Mann?"
Sigrid lachte jetzt hellauf, so dass ihr Hengst sich etwas erschrak und seine Ohren steil aufstellte. „Warst Du noch nie in einen Mann verliebt? Was Du heute wieder für Fragen hast!"
Sie schüttelte lachend den Kopf. „Warst Du noch nie verliebt?"
„Oh – doch! Aber das war vielleicht keine richtige Liebe, weißt Du. Das war mehr eine Erforschung der Männlichkeit und Neugierde…"
„Neugierde?"
„Ja. Neugierde auf das, was das männliche Wesen ausmacht…"
„Und das Ergebnis?"
„Das weiß ich selber nicht. Deswegen will ich es ja von Dir wissen!"
„Und warum ausgerechnet von mir?" Sigrid tätschelte den Hals ihres Tieres, das sich unter dieser Streicheleinheit förmlich streckte - als wüsste es, welch hübsche Reiterin auf seinem Rücken saß.
Iris fuhr sich mit der linken Hand durch das lockige Haar, während die rechte locker die Zügel hielt. „Du hast sicher schon viele Männer kennengelernt – so schön wie du bist…"
„Was also möchtest du wissen?"
„Wie das ist, wenn man liebt!"
„Aber Du hast doch gerade eben noch gesagt, dass Du schon verliebt warst."
„Doch nicht richtig…" Iris lachte wieder. „Sag mal, sind alle Männer und Jungen so stürmisch?"
„Wie, stürmisch?"
„Sie wollen doch von uns immer etwas und versuchen immer das zu bekommen, was sie wollen. Immer wollen sie gleich dahin, wo man sie nicht hinlassen möchte…Und was hältst Du vom außerehelichen Geschlechtsverkehr? Ist das nicht schlimm? Vor Tagen las ich in einer Illustrierten von Ungarn, wo außerehelicher Geschlechtsverkehr unter 21 Jahren verboten und unter Strafe gestellt ist. Kann man so etwas überhaupt bestrafen?"
Sigrid hatte ihren Hengst angehalten. Links von ihr erhob sich ein kleiner Hügel nach Norden und verschwand einige hundert Meter weiter fließend mit der Landschaft einer Waldes. Erst hatte Sigrid gelacht, als sie die Umschreibungen und Formulierungen des Mädchen hörte. Das kleine Luder war einfach köstlich!
Sie sagte nachdenklich zu Iris: „Wollen wir Frauen denn nichts von den Männern? Wollen wir nicht selbst, dass sie sich manchmal so verhalten, wie sie sich verhalten? Denn es fördert und schmeichelt doch unserer weiblichen Eitelkeit, wenn sie sich so um uns bemühen." Wer hätte geglaubt, dass sie so etwas mal sagen würde?
„Das ist wahr", stimmte Iris ihr bei. „Aber trotzdem ist doch Liebe etwas anderes. Hast Du auch schon – ich meine, liebt ihr euch denn so ganz richtig?"
„Was verstehst du unter ´richtig`?"
„Ja…hm…Ach so: was ich darunter verstehe? Ich habe da eigentlich keine besonderen Vorstellungen, bilde mir aber ein, dass eine echt und wirkliche Liebe nach allen Seiten hin arbeitet und offen sein muss, den ganzen Handlungen des Menschen einen besonderen Wert verleiht."
„Nicht schlecht", staunte Sigrid. „Erzähl´ nur weiter!"
Ja – also, ich meine, dass in der Liebe alles erlaubt ist…"
„Hoppla! Alles? Alles auch, wenn der Partner verletzt wird?"
„Nein, so doch nicht! Das doch nicht!" schmollte Iris ein wenig. „Ich meine doch die Dinge, die dazu gehören."
„Aha. Und welche gehören dazu?"
Iris seufzte. Sie ritten wieder an – diesmal hintereinander. Iris vornweg, die jetzt antwortete: „Du bringst mich ganz durcheinander!" Die 17jährige gab ihrem Zossen leicht die Hacken, so dass er davonschoss.
Ob sie beleidigt war? Sigrid stellte sich kaum diese Frage, da wartete das Mädchen schon wieder, bis sie herangekommen war, denn wenn Iris die Zügel richtig locker ließ, vermochte ihr Sigrid trotz des guten Pferdes, das sie ritt, nur ganz selten zu folgen.
Sigrid sagte jetzt aber ernsthaft zu dem Blondschopf: „Du meinst also, wenn man Stadtkleider trägt, in der Stadt lebt, dann würden die Männer sich nur so nach einem umdrehen und nichts anderes mehr im Sinn haben?"
„Gewiss – so ungefähr!"
Iris zupfte während des Rittes links von den Holundersträuchern einige Blätter ab, beugte sich nach vorn und gab sie ihrem Pferd, das sie willig nahm und leise wie zum Dank wieherte. Dann ruckte sie an den Zügeln, hielt an. Auch Sigrid hinter ihr hielt ihren Hengst an.
Iris sah sinnend vor sich hin, so dass Sigrid unschwer ahnte, was sie denken mochte. Sicher stellte sie sich jetzt eine Stadtdame in hübschen Kleidern in irgendeiner Großstadt vor. Filmszenen traten vermutlich in ihr Bewusstsein. Im Geiste sah sie die vielen Männern an sich vorbeiziehen, die diese „Dame von Welt" bewunderten. Hatte sie überhaupt eine Ahnung, dass das Leben einer „Stadtdame" ungleich schwerer, kampfbetonter war als ihr eigenes in einer noch ziemlich heilen Welt auf dem Land, wenn auch diese Welt aufgrund einiger EWG-Bosse, das wusste Sigrid immerhin, wenn sie sich auch sonst wenig um Politik scherte, immer mehr aus den Fugen geriet und täglich in ganz Europa und auch besonders im Westfalenland Bauernhöfe pleite machten?
Sie bemerkte, wie Iris Blicke sich in weite Fernen verloren. Ein leises Lächeln umspielte versonnen die fein geschwungenen Lippen des Mädchens, das auf einmal den Kopf hob, den sie auf die Brust hatte sinken lassen, und meinte: „Vielleicht werde ich eines Tages auch in die Stadt ziehen und dort wohnen! Hier auf dem Lande ist es so langweilig. Sicher ist es in der Stadt viel aufregender!"
„Um Gotteswillen!" Sigrid war ganz entsetzt. „In gewisser Hinsicht, ja. Aber man wird das mit der Zeit auch leid, glaube mir das!"
Sie schüttelte den Kopf.
Iris fragte: „Fühlst du dich hier wohl?"
Sigrid hob überrascht den Kopf. „Man kann es so nennen!"
„Wann wirst du in die Stadt zurückkehren?"
„Das weiß ich jetzt noch nicht. Es kommt auf Werner an…"
„Kann ich dich nicht mal in Geldern besuchen kommen?"
„Aber natürlich…"
„Warum bist du eigentlich aufs Land gekommen?" fragte das Mädchen jetzt neugierig.
„Hm…"
Diese Frage hatte Sigrid eigentlich schon lange erwartet – und auch gefürchtet. Im ersten Moment wollte sie aufbegehren, hatte das Empfinden, dass ihr die ganze Fragerei langsam auf die Nerven ging und lästig wurde. Doch konnte man es dem Mädchen verübeln, wenn es in der heilen Welt des täglichen Einerlei zu jedem Strohhalm griff, der Abwechslung bot und Neugierde befriedigen konnte? Nein!
„Ich bin zur Erholung hier!" sagte sie daher zurückhaltend und brachte das Gespräch geschickt auf ein anderes Thema.
Erst gegen Mittag kamen sie von ihrem Ausritt zurück und übergaben August die etwas dampfenden Gäule, der sie in den Stall führte und abrieb, Futter gab.
Sigrid eilte danach die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf, um sich umzukleiden. Vorher ging sie noch ins Bad, um sich Staub und Schweiß abzuspülen. Später begab sie sich wieder nach unten. Sie hatte gerade das Zimmer verlassen und war dabei, die Treppe abwärts zu steigen, als sie Joachim die Treppe vor ihr eilend hinuntersteigen sah.
Sollte er sie durchs Schlüsselloch im Bad beobachtet haben? Beim Baden war es ihr gewesen, als hätte sie hinter der Tür draußen leise Geräusche gehört. Sie beschloss, künftig darauf achtzugeben.
Als sie unten an Joachim vorbeischritt, sah sie ihn durchdringend an. Mit Genugtung stellte sie dabei fest, dass er ganz rot und verlegen wurde. Sie verwirrte ihn noch mehr, indem sie ihren strammen Pulli noch herausfordernder glattstrich und dabei die Brüste weit vorwölbte. Er starrte sie an und wurde noch verlegener, stotterte ein: „Guten Tag!"
„Nun? Was ist?" fragte Sigrid ganz scheinheilig.
Er stotterte: „Ich wollte…ich habe…ich dachte…ich möchte Sie fragen, Fräulein Sigrid, ob Sie…" Jetzt verhedderte er sich ganz. Es war ihm dabei deutlich anzusehen, dass er sich am liebsten verkrochen hätte.
„Also - was ist?" fragte sie erneut unbarmherzig.
„Ich möchte Sie fragen, ob sie mit mir heute Nachmittag spazieren gehen wollen??"
Er sagte diesen Satz mit hochrotem Kopf.
Wie absichtlich ließ Sigrid ihr Taschentuch fallen. Zwar war das primitiv, wie sie selber empfand, aber seit sie es als junges Mädchen einmal in Filmen gesehen hatte, konnte sie ständig feststellen, dass diese primitive Masche nichts von ihrem alten Reiz verloren hatte und die Männer sich treu und gehorsam nach dem Fetzen Stoff bückten, um es aufzuheben.
Womöglich empfanden sie das Aufheben als eine besondere Gunst.
Amüsiert stellte sie fest, dass auch Joachim sofort herzusprang und sich bückte, um das Taschentuch aufzuheben. Das befriedigte Sigrid sehr. Sie wusste, dass er ihr „Sklave" war und die alte wilde Freude vergangener Zeiten überkam sie für einen Moment.
„Es tut mir leid, Joachim, Werner kommt heute. Da kann ich schlecht weggehen. Vielleicht ein andermal, nicht wahr?"
Sie merkte und sah, wie er herumdruckste und anscheinend noch etwas sagen wollte.
„Ist noch etwas?" Sie strich sich über das Haar, das noch feucht vom Baden war, obwohl sie es ausgiebig gefönt hatte.
„Ich…ich…ich mag Sie sehr gut leiden, Fräulein Sigrid!"
´Das hat mir noch gefehlt!´ dachte sie. ´Gleich kommt er noch damit an, dass er mich liebt, obwohl er sicher nur meinen Körper liebt und seine kindliche Geilheit und Schwärmerei an mir auslassen möchte. Na, nehmen wir es mit Humor…´
„Ist ja gut!" sagte sie laut und wie zu einem Kind, ging dann weiter, während Joachim den kleinen Flur zur Waschküche entlangeilte, der genau neben der Tenne lag…
19
Drei Männer im Einsatz
Speckschwarte klopfte an die Tür des Zimmers 112 im Restaurant in Kevelaer. Als von innen das „Herein" einer Frauenstimme erklang, trat er ein und verschloss die Tür hinter sich, blieb dann stehen.
Im graugrünen Sessel nahe dem Rauchtischchen sah er eine rund 30jährige, dunkelblonde Frau sitzen, die gerade in einer Illustrierten blätterte. Als er eingetreten war, legte sie dieselbe zur Seite, richtet ihren Oberkörper mit den relativ flach-schwabbligen Brüsten auf. Fragend sah sie Speckschwarte an und betrachtete dabei interessiert sein merkwürdige „Tolle" über der Stirn, die er besonders gern beim ewigen Kämmen des Haares den ganzen Tag herausfordern in die Stirn platzierte, obwohl das reichlich blöde aussah.
Die Frau veränderte ein wenig ihre Beinstellung, kehrte ihm ihre stämmigen Knie im kurzen Rock zu und stellte sie schräg nach links, gab damit den Blick zu ihrem nackten rechten Schenkel frei, den Speckschwarte dann auch ungeniert lange betrachtete.
„Gipsberg!" stellte sich Speckschwarte wahrheitswidrig vor. „Ich suche eine Freundin und dachte, sie wohnte hier – aber ich sehe schon, dass sie gar nicht mehr hier ist…!?"
Er gab sich den Anschein, als wollte er das Zimmer wieder verlassen. Umgedreht hatte er sich schon Richtung Tür.
„Halt!" Die Frau sprang behend auf. „Sie kennen Ilse Starix? Zu der wollen Sie doch sicher?"
„Klar. Ja. Warum?"
Sie trat auf ihn zu, so dass er deutlich das auffallende Parfüm roch, mit dem sie sich offenbar am Hals eingerieben hatte, der auch nicht gerade als harmonischer Körperteil den Kopf mit den schrägen, etwas zu großen Augen festhielt.
„Das habe ich natürlich nicht gewusst, dass Sie Ilse suchen! Nehmen Sie Platz, junger Mann. Die Ilse ist meine Freundin, müssen Sie wissen. Wollen Sie etwas zum Trinken?"
Sie setzte sich aber gleich und rückte ihren Sessel spontan-neugierig näher an den Sessel Speckschwartes heran.
„Ich heiße Liselotte Gibranski. Wahrscheinlich hat Ilse Ihnen schon von mir erzählt? Ich habe lange mit ihr zusammengearbeitet…"
Zusammengearbeitet - das hieß nach Überzeugung Speckschwartes nichts anderes, als dass die beiden gemeinsam als Nutten tätig gewesen waren.
Die Frau betrachtete Speckschwarte ausgiebig und ungeniert. Sie konnte sich ein geiles Lächeln nicht verkneifen, als sie nun fragte mit ziemlich hoher Stimme: „Jetzt sind sie natürlich enttäuscht, mich hier anzutreffen, statt Ilse, nicht wahr? Zu ihrem Trost sei gesagt, dass ich die Lehrmeisterin der Starix war und ihr alles beigebracht habe, was sie heute kann…"
Vertraulich legte sie dann die Hand auf Speckschwartes rechtes Knie, lächelte verführerisch und sagte brutal offen: „Nun? Was ist? Hat es Ihnen die Sprache verschlagen? Sie wollten doch bestimmt mit Ilse ficken – aber das können Sie bei mir auch und besser haben…"
Speckschwarte war von den Socken. „Ich hatte eigentlich vor, Ilse etwas persönlich mitzuteilen und hatte gehofft, sie hier anzutreffen. Wo ist sie denn überhaupt?"
Gespannt wartete er nun auf die Antwort, die vieles entscheiden konnte.
Die Nutte sagte:" Wußten sie denn nicht, dass sie für einige Zeit nach Berlin gereist ist vor Tagen?"
Speckschwarte war verblüfft. „Berlin?" Er kratzte sich am Hinterkopf, strich seine Tolle aus der Stirn. „So – Berlin! Hm…, nein, das wusste ich leider nicht. Sie hatte mir das gegenüber vor Wochen zwar einmal vage angedeutet, aber ich habe nicht geglaubt, dass das so urplötzlich geschieht. Wann ist sie denn genau abgereist?"
„Vergangene Woche. Donnerstag."
„Was? So lange ist das schon her, ohne dass sie mir das mitgeteilt hat?"
Sie nickte. „Es musste halt plötzlich sein. Ich glaube, sie fühlte sich irgendwie bedroht…"
„Ach – und woher kam diese Drohung?"
„Darüber sagte sie nichts. Ich soll ihr nur das Zimmer halten, bis sie wieder zurückkommt aus Berlin."
„Und ihr Zuhälter?" Speckschwarte beschloss, mit dieser Frage alles auf eine Karte zu setzen. „Ist der auch mitgefahren?"
Sie war ehrlich verblüfft. „Ich habe gar nicht gewusst, dass Ilse schon wieder einen Zuhälter hat", sagte sie erstaunt. Und zum ersten Mal flackerte so etwas wie Unruhe in ihren grauen Augen auf. „Seit wann gibt sie sich denn wieder mit einem Zuhälter ab? Ich habe immer geglaubt, dass sie aus ihrem damaligen Leben in Essen, ich meine, aufgrund ihrer Erfahrungen mit dem Zuhälter ihre Lehre gezogen hätte. Wie heißt denn eigentlich dieser Kerl?"
„Der Hausname ist mir natürlich nicht geläufig", log Speckschwarte. „Sie wissen ja, in solchen Kreisen verkehrt man liebend gern nur mit den Vornamen. Winfried heißt er – ist der ihnen bekannt?"
„Winfried…Winfried…?" sinnierte sie. „Der Name kommt mir bekannt vor. Nur weiß ich im Moment nicht, wo ich ihn hinstecken soll…Aber halt, da fällt mir etwas ein! Sollte sie sich mit ihrem damaligen Zuhälter aus Essen schon wieder zusammengetan haben?"
Die Nutte hatte mehr zu sich selbst als zu Speckschwarte gesprochen und hatte dabei auf ihre Schuhspitzen gestarrt.
„Da werde ich mal wieder gehen!" meinte Speckschwarte. Denn offenbar war aus der Dirne mehr nicht herauszuholen. Er stand auf.
Sie versuchte ihn zurückzuhalten. Aber er blieb diesmal eisern, obwohl er merkte, wie sich etwas zwischen seinen Beinen getan hatte und sein Penis hochgeruckt war. Ehe der Schaft noch erektiv auffiel, erhob er sich rasch mit etwas eingeklemmtem Schwanz und ließ sie mit einem enttäuschten Gesicht zurück.
Speckschwarte fuhr in der Folge nach Geldern zurück zum Heiligenweg und suchte hier Werner auf, teilte ihm seine Unterredung mit der Nutte mit. Werner, Heinrich und Speckschwarte beratschlagten dann gemeinsam, was jetzt zu tun sei in der ganzen Angelegenheit.
„Aller Wahrscheinlichkeit ist der Zuhälter also mitgefahren", eröffnete Werner das Gespräch, nachdem Speckschwarte alles geschildert hatte.
„Das glaube ich bestimmt", pflichtete ihm Speckschwarte bei. „Ich vermute, dass er womöglich Lunte gerochen hat, nur frage ich mich schon die ganze Zeit, wie das geschehen konnte. Vielleicht hat die Bürgel ihm etwas verraten oder was gesagt, das in beiden den Verdacht aufkommen ließ, man sei ihnen auf die Schliche gekommen…"
„Das Reden wird uns aber nicht weiterbringen", gab Heinrich jetzt zu bedenken, der bisher geschwiegen und sich mit dem Qualm seiner Zigarette beschäftigt hatte, aber aufmerksam dem ganzen Gespräch gefolgt war. „Wir sollten jetzt wirklich darüber nachdenken, was zu tun ist."
„Wenn es sicher ist, dass sie in Berlin sind, dann müssen wir nach Berlin!" sagte Werner sehr bestimmt.
Er sah die beiden verblüfften Gesichter von Speckschwarte und Heinrich. „Was ist denn los?"
„Du willst doch nicht wirklich nach Berlin? Willst du wirklich in dieser verdammt rieigen Stadt nach einer Nadel im Heuhaufen suchen?" fragte Speckschwarte ungläubig, während er sich über das mal wieder mit Margarine eingefettete Haar strich und die Tolle dabei zurückschob. „Das ist doch wohl nicht wirklich dein Ernst, wie?!"
„Und warum nicht?"
„Warst du denn schon einmal dort in Berlin?" fragte Speckschwarte.
„Das nicht", murmelte Werner jetzt geistesabwesend, denn er musste an Sigrid denken, was diese wohl dazu sagen würde, wo sie so sehr hoffte, dass alles bald ein Ende hatte und er sie täglich trösten musste, dass sie bald wieder nach Geldern zurück könne. „Aber es ist wohl das Beste, was wir machen können…"
„Du wirst dich wundern, wie riesengroß Berlin ist…"
„Warst Du denn schon dort?" erkundigte sich Werner. Er war jetzt aufgestanden, blieb dann bei der Frage vor Speckschwarte auf wippenden Zehenspitzen stehen.
„Klar war ich schon dort – mehrfach schon! Gerade deswegen sage ich Dir ja, dass es nicht so einfach sein wird!"
Heinrich fragte: „Sollen wir etwa alle drei nach Berlin fahren? Ich meine auch, dass wir gar nicht dorthin brauchen. Es genügt schon, wenn wir die Wiederkehr der beiden abwarten. Sie werden zurückkommen, zumal die Starix doch, wie Speckschwarte uns sagte, das Zimmer in Kevelaer bis zu ihrer Rückkehr einer anderen Pflaume überlassen hat, von der sie anscheinend den Schliff bekam."
„Ihr meint also", fragte Werner jetzt langsam, „dass wir hierbleiben sollen?"
„Ja!" Speckschwarte sagte es für Heinrich mit. „Ich glaube auch, dass sie bald wieder hier antanzen werden. Inzwischen können wir uns ja weiter umhören. Es ist nämlich nicht gesagt, dass die beiden allein dahinterstecken. Zumindest scheint die eine Nutte, die jetzt das Zimmer der Starix besetzt hält, und diese Ella Bürgel in der Sache eingeweiht. Sie wissen anscheinend von der ganzen Sache. Die Bürgel scheint dem Zuhälter hörig zu sein. Es können also noch mehr zwielichtige Personen aus jenen Kreisen von der Sache wissen und damit im Zusammenhang stehen. Daher sollten wir hier die Augen und Ohren aufsperren. Die Zeit werden wir kaum damit vergeuden…"
„Na gut", erhob sich Werner, der sich wieder hingesetzt hatte. „Belassen wir es dabei. Ich muss gleich noch nach Sigrid. Sie wird mich schon wieder ungeduldig erwarten".
Er verließ das Wohnzimmer und ließ Speckschwarte und Heinrich allein mit ihren Gedanken zurück. Rasch zog er sich um, eilte nach unten und fuhr mit dem Wagen vom Heiligenweg los. Während er fuhr, dachte er über verschiedene Dinge nach. Werner war wie die meisten Autofahrer. Obwohl diese eigentlich nur auf den Verkehr und ihre Gedanken darauf richten sollten, konzentrierten sich ihre Gedanken meist auf ganz andere Dinge des Lebens – meist aus dem persönlichen Bereich, obwohl sie dabei keineswegs gewohnheitsmäßig den Verkehr und die technische Handhabung beim Fahren aus den Augen ließen.
In der letzten Zeit hatte Werner mit Verwunderung bemerkt, dass Sigrid sich in der Familie seines Onkels stark verändert hatte. Sie war selbstbewusst und selbstsicherer geworder. Mit Erstaunen hatte er auch zur Kenntnis genommen, dass sie nun deutlicher ihre Meinungenn zu behaupten wusste, ihre Einstellungen und Ansichten bedeutend sicherer vorbrachte und vertrat, als sie das früher getan hatte. Dass dies nicht allein an der Landluft lag, war ihm klar. In ihrer Nähe fühlte er förmlich hautnah diese Veränderungen, die oft besonders klar zum Vorschein kamen, wenn er mit ihr diskutierte.
Die Dinge der Welt und des Lebens sah sie nun anscheinend mit anderen Augen. Sie sah alles genauer und umrissener. Sigrid, die ansonsten vermeinte, dass nur die Männer von ihr abhängig waren, äußerte nun manchmal Worte, die diese Einstellung langsam zu revidieren schienen, so dass er oft sehr verblüfft darüber war. Werner konnte und mochte sich nichts vormachen, wollte sich auch nicht verhehlen, dass auch er zu einer körperlichen Vereinigung mit Sigrid hingedrängt wurde. Er gestand sich unumwunden ein, dass er sie heiß begehrte und eigentlich nichts sehnlicher als die Vereinigung mit ihr wünschte, sie in ihrem Urzustand zu besitzen und zu erleben, um ganz in ihr aufzugehen, ohne alle beengenden Fesseln, die als Hindernis der letzten Vereinigung und Hingabe oft entgegenstanden in Form reiner Wollust und Sexualität.
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Deshalb oder gerade deswegen zögerte er auch noch immer mit der letzten, alles besiegelnden Hingabe.
Er wollte es dahin bringen, dass Sigrid sie als Gnade, als Verlöbnis ihrer Liebe, als Bestätigung dazu sah und nicht mit derselben Gefühlstendenz dieses Opfer oder diese Eingabe vollzog, wie sie es vordem bei den Männern getan hatte.
Eine gewisse Scheu und Angst hielt ihn deshalb vor diesem letzten Schritt zurück, obschon er oft genug nahe daran gewesen war, Sigrid so zu nehmen, wie sie gerade vor ihm stand, zumal sie ihm ihr ganzes Wesen hingab – bereit und begehrungswürdig mit allen reizenden Eigenschaften entgegenstreckte und sein Handeln erregt erwartete.
Während er jetzt bereits auf der Autobahn fuhr, im Geiste mit ihr angenehme Augenblicke verlebte, hatten Speckschwarte und Heinrich einen eigenen Plan entworfen, nachdem bei noch weiter den Plan erörtert hatten.
Speckschwarte fuhr nach Essen, um dort in gewissen Kreisen und im Zuhältermilieu noch einmal Nachforschungen anzustellen. Zu diesem Zweck suchte er zunächst zwei Freunde auf in der Ruhrgebietsmetropole.
Da war zunächst der 21jährige Berthold Köhler, den Speckschwarte aus einer Heimerziehung kannte. Lange Zeit hatte er mit ihm im Albertusheim im Pferdestall gearbeitet.
Ihn suchte er auf in der Hoffnung, etwas über die verschiedenen Strömungen und Bereiche im Milieu zu erfahren. Da Köhler die Mitglieder dieser „Kaste" viel genauer kannte als Speckschwarte, konnte er ihm vielleicht einige wichtige Hinweise oder wertvolle Tips liefern, die von Bedeutung sein konnten.
Doch zeigte sich, dass der Besuch bei Köhler nicht die erhofften Folgen brachte. Wie Speckschwarte, so arbeitete auch Köhler nicht, sondern gab sich eigenen Interessen hin, die sich längst nicht immer mit denen der Gesellschaft deckten. So erfuhr Speckschwarte nicht gerade das, was eigentlich seinen Erwartungen entsprach, sondern er erhielt zu seinem Verdruß nur ein paar sachdienliche Hinweise über die Starix, ihren Bekanntenkreis und den Tätigkeitsbereich ihrer vielen Freunde und Freundinnen.
So verließ er Köhler bald wieder, nachdem man einige alte Erinnerungen aus der Heimzeit aufgefrischt und einige Bier getrunken hatte. Wenig später suchte er den 23jährigen Huge Wangoril auf. Dieser wohnte in Essen-Kettwig und war ein mitunter recht sonderbarer Kauz, der an Gerissenheit seinesgleichen suchte. Von äußerst hässlichem Aussehen, wirkte er auf seine Mitmenschen höchst unangenehm. Nicht nur das pockennarbige Gesicht stieß ab – seine ganze Mimik wirkte irgendwie peinlich und kennzeichnete den brutalen und rücksichtslosen Menschentyp, der mit den Fäusten besser umzugehen verstand als mit seinen Gehirnzellen und den Geistesblitzen daraus. Klein und gedrungen von Gestalt, erweckte er den Anschein einer hässlichen Giftkröte, eines garstigen Zwerges, dessen Beine nicht nur kurz, sondern auch enorm krumm, dessen Arme lang wie die eines Affen waren. Was Wangoril von Natur aus eingebüßt hatte an Größe und Schönheit, versuchte er durch sein garstiges Verhalten wieder wettzumachen, wobei er geruhte, den Leuten die Zunge herauszustrecken. Alfred Adler hätte jedenfalls an diesem Musterexemplar lebendiger Organiminderwertigkeitskomplexe seine helle Freude gehabt...
Sah man Wangoril zum ersten Mal, erschrak man, es konnte einem das unwillkürliche Lachen ankommen, wenn nicht ein Blitzstrahl aus seinen giftgrünen Krötenaugen davor gewarnt hätte, über ihn und seine Gestalt zu lachen. Reizte er indessen schon zum Gelächter, sah er auch tatsächlich aus wie jener Narr, der infolge seiner Narrheit vermeint, dass die Mitmenschen zu dumm sind und seine Klugheit nicht bemerken…
In Wahrheit hielt er natürlich sich selbst für enorm klug und weise, obwohl er von jener primitiven Dummheit und Geistlosigkeit geprägt war, von jener Zuchtlosigkeit, die vonnöten ist, wenn ein bestimmter Typ Mensch ein nicht gerade normgerechtes Leben führt.
In seiner Kreisen als gefürchteter Schläger primitiver Gattung bekannt, sah Wangoril sein Verhalten von einer Warte aus, die auf Verteidigung seiner eigenen Bedürfnisse ohne Rücksicht auf die Verluste der anderen Zeitgenossen eingestellt und entsprechend bewehrt war. Von ihm, der sich in dem Kreis, wo auch die Dirne und der Zuhälter verkehrten, frei bewegte, wollte Speckschwarte erfahren, ob und wann die Starix in Essen im Millieu auftauchte, wenn sie sich in der Stadt aufhielt. Denn dass sie von Zeit zu Zeit das Dirnen- und Zuhältermilieu in Essen als ihren früheren Tätigkeitsbereich aufsuchte, glaubte Speckschwarte mit absoluter Sicherheit.
Während Speckschwarte nun also hier in Essen sein Glück weiter versuchte, hatte auch Dieter Heinrich seine Wanderstiefel übergestreift und war zunächst zu Fuß durch Geldern gewandert, um sich umzuhören. Gab es doch auch in Geldern, wo die Menschen in der Öffentlichkeit brav und gesittet miteinander sprachen und einherschritten, aber in den eigenen vier Wänden teuflische Gebahren offenbarten, etliche Ecken und Lokale, die sich ebenfalls äußerlich den Anschein der Seriösität gaben, derweil innen oft genug lichtscheue Elemente ihre Neigungen auszuleben versuchten und dabei von den Wirten tatkräftig unterstützt wurden. Wirklich brave Bürger, deren es herzlich wenig gab, ahnten nichts von der Existenz solcher lichtscheuen Ecken, wenn sie an ihnen vorbeipromenierten. Doch mieden die meisten in der Dunkelheit instinktiv diese Orte oder machten einen großen Bogen darum.
Dieter Heinrich hatte wenig Glück. Wo immer er auch etwas von der Starix zu erfahren versuchte – stets stieß er auf eine ablehnende Mauer.
Gegen Abend kehrte Werner von Sigrid zurück. Um 22 Uhr fuhren Speckschwarte, Heinrich und Werner gemeinsam nach Essen, um dort Nachforschungen anzustellen. Speckschwarte hatte nämlich gemeint, dass man gerade nachts Nachforschungen anstellen könnte, da das Nachtleben dann seine Aktivität entwickeln würde.
Werner, der bisher mit solchen Kreisen nichts zu tun gehabt hatte, kam sich inmitten der Menschen sehr wunderlich vor. Er verachtete sie zwar nicht, doch berührte es ihn seltsam und oft peinlich, wenn er all die zumeist gescheiterten Existenzen an dieser Brutstätte sah.
Werner hatte keine Angst, sondern fand es eher ein wenig widerlich und schockierend, wenn er in diesen Kreisen als ebenfalls lichtscheues Element und gescheiterte Existenz betrachtet und behandelt wurde, man ihn anpumpte, angröhlte und in Gespräche hineinzog, die noch weniger dazu angetan waren, seine ansonsten hilfsbereite Begeisterung zu erwecken. Das, was seine Augen sahen, manchmal entsetzt und scharf umrissen entdeckten, hatte er ansonsten nur in Illustrierten gelesen, ohne je zu ahnen, dass ihn die Zukunft selbst dahin führen sollte.
Speckschwarte hatte sich eine scharfe Pistole eingesteckt, ohne sich allerdings darüber zu äußern, dass er sie für besondere Zwecke an sich genommen hatte. Woher er die Waffe hatte, vermochte Werner trotz intensiver Befragung nicht herauszubekommen.
Speckschwarte hatte auf seine diesbezügliche Frage nur lakonisch gesagt: „Allein darf man dort schon überhaupt nicht aufkreuzen. Und wenn, dann muss man entweder bekannt sein oder gefürchtet. Raub und Schlägereien sind an der Tagesordnung dort. Etliche dieser Ganoven – selbst einige Dirnen – tragen heimlich und verborgen eine Pistole, ein Messer oder einen Totschläger oder sonst eine Waffe bei sich und schlagen ohne viel zu fragen gleich los: Erst zuschlagen, dann fragen – das ist hier das Motto, nach dem gehandelt wird, mit dem man durchkommt. Und Vorsicht! Diese Burschen kommen selten allein – dazu sind sie zu feige: so kommen sie gleich mit einer ganzen Meute, die keine Regeln kennt. Das solltet ihr beide wissen…"
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Bevor Ilse Starix beschloss, nach Berlin zu verschwinden, musste schon viel geschehen. An jenen, für Werners Stiefmutter so verhängnisvollen Morgen befand sie sich in ihrer Absteigewohnung in Kevelaer und lag wie auf heißen Kohlen im Bett.
Am Abend des vorherigen Tages war Schwilger wieder zu ihr gekommen. Sie hatte ihm jenen Zettel übergeben, der die unmissverständliche Drohung an Werner enthielt und von Sigrid gefunden worden war. Die Dirne hatte ihn selbst verfasst und Schwilger eingeschärft, sich bloß nicht erwischen zu lassen.
An Schlaf war für sie in der Nacht nicht zu denken gewesen. In der Meinung, Schwilger würde „die Angelegenheit" in kürzester Zeit erledigen, hatte sie sich zunächst erst gar nicht recht zum Schlafen niedergelegt. Als aber die Zeit stetig voranschritt und von dem Zuhälter oder einem seiner Kumpane, die er eventuell einschalten wollte, nichts zu sehen und zu bemerken war, wurde sie immer unruhiger. Diese Unruhe steigerte sich mit dem Ablauf der Zeit, dem Vorrücken der Nacht. Sie ging in ihrem Zimmer auf und ab, rief zwischendurch mal nervös eine Freundin an, um mit ihr zu plauschen, lief dann wieder wie ein gefangenes Tier im Käfig im Zimmer herum und legte sich dann ins Bett. Doch nicht, um zu schlafen: Sie versuchte zu lesen. Weil sie an Schwilger und sein Vorhaben dachte, gelang ihr das auch nicht so recht. Sie hatte das Licht gelöscht.
Als der Zuhälter um 2 Uhr nachts immer noch nicht zurückgekehrt war, beschlich sie ein beklommenes Gefühl. Sie bekam Angst. Sollte man Schwilger ertappt haben? War etwas in die Hose gegangen? Gegenwärtig, jeden Augenblick das Telefon schrillen zu hören oder die Polizei aufkreuzen zu sehen, warf sie sich unruhig im Bett hin und her.
Sie erfand Gründe, die das Ausbleiben Schwilgers rechtfertigen, obwohl der Zweifel beständig darin bohrte und sie noch unruhiger machte.
Sie war ein wenig eingeschlummert und dann wieder aufgewacht. Wieder ging sie genau ihren ganzen Plan durch und forschte nach eventuellen Lücken oder Fehlern darin, die ihr unter Umständen den Hals hätten brechen können. Natürlich dachte sie nicht daran, für Schwilger wieder die Sex-Sklavin zu spielen und ackern zu gehen. Das hatte sie ihn nur versprochen, um ihn gefügig zu machen und bei der Stange zu halten. Hatte er den Plan genau ausgeführt, so hatte sie ihn auch fest in der Hand. Sie würde ihn dann selbst als Sklaven haben und sogar erpressen können. Vor Genugtung leckte sie sich bei dieser Vorstellung die Lippen… Er sollte sich dann nur still verhalten und bloß keine große Lippe riskieren! Von Zeit zu Zeit schwelgte Ilse Starix ausgiebig in den Gedanken ihrer Rache, die ihr Genugtung und Befriedigung verschafffen sollten.
Von Natur aus grausam, masochistisch und skrupellos veranlagt, wie das bei nicht wenigen Frauen in diesem Gewerbe der Fall ist, malte sie sich förmlich bis ins kleinste Detail die Ausführung ihres Plans und somit die Gewährleistung ihrer Rache durch Schwilger aus und fand darin zeitweilig diabolische Befriedigung.
Sie hatte bei Schwilger darauf bestanden, dass er sich zunächst Sigrid vornähme – und erst später sollte dieser Werner bestraft und für sein ganzes Leben gezeichnet werden. Sie wollte sich an den Zustand dieses Mannes weiden, wenn er von Sigrids Missbrauch würde erfahren. Deshalb hatte sie dem Zuhälter besonders eingeschärft, Sigrid nicht von ungefähr auch zu schlagen – keineswegs aber zu erschlagen. Stattdessen hatte sie mit weiblicher, rachegelüstiger Heftigkeit darauf gedrungen, sie ausgiebig zu schänden und splitternackt zu ihrer eigenen Schande zurückzulassen – alle, aber auch wirklich alle Kleidungsstücke ihr persönlich mitzubringen. Sie fand es pervers-aufregend, wenn sie sich vorstellte, wie sie alle Kleidungsstücke der Geschändeten unter die Lupe nahm, vor sich ausbreitete und sich vorstellte, wie die Geschändete nackt und körperlich aufgerissen irgendwo lag…
Als gegen 6 Uhr morgens Schwilger ins Zimmer trat, war sie so erschöpft über die ganze nervliche Anspannung und Aufregung, die sie ausgestanden hatte, dass sie sehr gereizt war und dies auch deutlich zum Ausdruck brachte, Schwilger dies spüren ließ. Besonders verdrießlich gestimmt war sie, weil Schwilger nur einige Sachen der Geschändeten mitgebracht hatte. „Die anderen sind in einem Papierkorb gelandet!" meinte er lakonisch. Sie nahm das Höschen und den Büstenhalter der Geschändeten, schalt die Dummheit des Verbrechers, während sie die Kleidungsstücke in den Kleiderschrank legte. Sie wollte sie später nach dem Duschen selber anziehen – das sorgte für prickelnde Erregung, die Gewissheit, Slip und BH einer Geschändeten zu tragen, da sie sich vorstellen konnte, wie es dabei abgelaufen war. Das sollte ihr ein perverses Vergnügen bereiten…
Schwilger, ebenfalls gereizt und müde, verließ nicht gleich das Zimmer wieder. Aus unerfindlichen Gründen war er unheimlich geil gestimmt. Er ging auf den verbalen Erguß der Starix gar nicht näher ein, sondern verlangte: „Zieh´ Dich aus und mach´ die Beine breit! Ich hab´ Lust, Dich zu nudeln!"
Die Starix wollte erst aufbegehren, aber sie brauchte den Zuhälter noch und zog sich nach einigem Zögern nackt aus. Sie tat es besonders langsam und betont. Schwilger hatte sich stöhnend ausgezogen. Als er nackt mit behaarter Brust mitten im Zimmer stand, stellte die Nutte befriedigt fest, das sein langer Zuhälterschwanz steil aufruckte, während sie sich auszog. Sie hatte beschlossen, ihn nicht ficken zu lassen, sondern wollte es ihm per „Handgetriebe" besorgen.
Die Sache war für sie schnell erledigt. Als er über sie steigen und sie ficken wollte, verhinderte dies ein fester Griff zu den Eiern. Sie hielt den Zuhältersack fest und leckte ihm den Schwanz, dass er bald vor Geilheit jauchzte und sich wand. Dann rieb sie den vom vielen Wichsen und Ficken abgenutzten Schwanz Schwilgers im Faustgriff mit der rechten Hand, bis der Zuhälter brüllend abspritzte und laut fluchte, weil sie ihn abgewichst und übertölpelt hatte, statt ihm einen gehörigen Fick zu gewähren. Obwohl die Starix fast täglich mit Männern zu tun hatte, ekelte es sie immer wieder neu, wenn diese geil abspritzten und wie von Sinnen wurden. Der Zuhälter hatte nur wenig Sperma abgelassen, so dass er wohl in letzter Zeit viel gebumst oder gewichst hatte. ´Schwein!` dachte sie, als sie sich wieder anzog und aus den Augenwinkeln feststellte, wie der Schwanz des Zuhälters immer mehr absackte, bis er wie ein erschöpfter Wurm krumm und schlapp zwischen seinen Beinen hing. Nur die Hoden hingen dick und geschwollen wie Gänseeier im Sack Schwilgers…
Unverschämt fand es dann die Starix, dass der Zuhälter, statt sich anzuziehen und zu gehen, sich erst einmal splitternackt und breitbeinig auf ihr Bett legte, sich mit der linken Hand ausgiebig die dicken Eier kraulte. Wurde er etwa schon wieder geil?
Nein, der Schwanz blieb unten, lag tot zwischen den breiten, ebenfalls stark behaarten Beinen des Mannes, der auf die Starix wie ein Affe wirkte.
„Ich werde heute Nacht bei Dir schlafen!" stellte er dann fest, als sei dies eine Selbstverständlichkeit.
Die Starix war sauer. Sicher wollte er es nachts ganz pervers mit ihr treiben und kostenlos seine ewige Geilheit austoben.
„Das wirst Du nicht!" hatte sie dann empört ausgerufen. „Ich habe die ganze Nacht kaum wegen Dir geschlafen und bin heute für solche Geilheiten und Pervisitäten keineswegs in Stimmung und zu haben…"
Dann aber wurde sie leiser und setzte sich zu ihm aufs Bett. „Du musst das verstehen", sagte sie scheinheilig und heuchelte ihm Zugänglichkeit vor. „Ich bin wirklich hundemüde und habe die ärgsten Ängste ausgestanden, weiß nicht mehr, wo mir der Kopf momentan noch steht…"
Ohne etwas zu sagen, unterbrach der Zuhälter sie, indem er sie zu sich herüberzog und sie neben ihm zu liegen kam. Dann fuhr er mit seiner Hand unter ihr Nachthemd, dass sie längst wieder übergestreift hatte, manipulierend entlang. Obwohl ihr das diesmal Unbehagen verursachte, ließ sie es geschehen und entspannte sich sogar ein wenig später.
„Hat es geklappt? Fragte sie, ohne ihn bei seinen Manipulationen zu stören.
„Hätte ich sonst ihre Kleider?"
„Ist sie vergewaltigt worden? Ich meine, hast Du es richtig besorgt? Ist ihr bei der Schändung richtig einer verpasst worden?"
„Natürlich!"
„Und? Hat sie sich gewehrt, als du ihr einen verpasst hast?"
„Natürlich!"
„Und? Hat sie zu schreien versucht?
„Klar!"
„Du hast sie also splitternackt zurückgelassen? Wie hat sie sich denn sonst verhalten? Hattest du Deinen Spass…?"
„Nicht einen Fetzen trug sie mehr am Leib, als ich sie verließ. Allerdings habe ich ihre Haare nicht angerührt – dazu fehlte mir die Zeit!"
„Sie hat also keine Glatze?"
„Nein."
„Wo hast Du sie überrascht?"
„Die ganze Nacht lauerte ich umsonst vor der Wohnung dieses Werners. Erst gegen Morgen ging sie zur Kirche. Am Florianweg, nahe einer Fabrik, lauerte ich ihr auf und zerrte sie dann ins Gebüsch…"
„Hast Du sie vorher wenigstens ordentlich verprügelt?" Ihre Stimme zitterte vor Erregung und Genugtung. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie Sigrid nackt am Florianweg im Gebüsch lag, im Dreck – und von oben bis unten besudelt, blutend und rächend geschändet. Deshalb fragte die Starix den Zuhälter so genau aus. Sie wollte alles wissen – alles, was ihrer Phantasie Nahrung gab, an die Qual Werners zu denken und sich daran diabolisch zu ergötzen.
„Ich habe ihr mächtig eine in die Fresse gehauen", sagte der Zuhälter jetzt und zwirbelte an ihren Brustwarzen herum. „Sie hatte geblutet wie ein Schwein, lag zum Schluss wie tot da. Bevor ich ging, habe ich sie noch angepisst…"
„Sie ist doch aber nicht tot?!"
„Nein – wo denkst du hin!"
„Gut."
„Wahrscheinlich hättest Du auch noch auf diese dreckige Nutte draufgeschissen, wenn es gekonnt hättest, wie?"
Dann lachte sie wieder und wand sich genießerisch unter des Zuhälters Händen, da sie nun langsam selber geil wurde.
Sie hatte ihn dann bis ins Detail ausgefragt. Danach hatte sie ihm noch einen abgehobelt, um ihn alsdann energisch hinauszubugsieren. Da der Zuhälter selber nun geschafft und müde war, gelang ihr das auch diesmal schnell. Sie verschloss – nachdem er ihr Zimmer verlassen hatte – die Tür. Er hatte eine ganze Menge Dreck hinterlassen, da er noch seine Schuhe und Kleidung gereinigt hatte.
Die Nutte legte sich aufs Bett und dachte nach. Wie sich dieser Werner wohl verhalten würde, wenn er von der Sache erfuhr? Es musste ihn wie der Blitz treffen! Allerdings kam es ihr höchst seltsam vor, dass Sigrid zur Kirche gehen wollte, als Schwilger sie schändete.
Sollte sie sich inzwischen derart gewandelt haben und nun ein sehr bürgerliches Leben führen? Ansonsten war sie doch alles andere als eine Kirchgängerin gewesen! Gewiß, eine Heilige war sie nie gewesen, obschon sie sich mitunter sehr eigenartig verhielt und benahm. Die Starix hatte sich noch nie des Eindrucks erwehren können, dass Sigrid in das allgemeine Schema mit seinen besonderen Kennzeichen einer bestimmten Form prostituierten Lebens gar nicht so recht hineinpasste.
Sehr gut erinnere sie sich noch, wie diese Sigrid mit 20 Jahren – das war noch vor ihrer Verheiratung mit diesem Jürgen Pröpper – bei ihr aufgekreuzt war und sie versucht hatte, aus ihrem strammen Körper sowie beschissenen Leben etwas zu machen und Kapital zu schlagen. Da hatte es sich bald gezeigt, dass sie bedeutend mehr dieses gewisse Etwas hatte, was die Männer so besonders anzog und freigiebig werden ließ, als sie, Ilse Starix, es jemals ihr Eigen nennen konnte. Hatte ein Mann zwischen ihr und Sigrid zu entscheiden, dann fiel die Wahl fast immer auf Sigrid, die es dann später umso deutlicher von ihr zu spüren bekam – zumal, wenn sie sich gemeinsam im Bett balgten und mit ihren weiblichen Gefühlen und Empfindungen spielten, sie emportrieben, miteinander verbanden. Schnell war die Starix nämlich dahintergekommen, dass Sigrid infolge ihrer Heimjahre und gleichgeschlechtlichen Erfahrungen in diesen Heimen durchaus auch lesbischen Praktiken zugänglich war und dann, einmal in Fahrt geraten, eine vorzügliche Liebhaberin für sie abgab, wobei die Starix stets den dominanten Part übernahm, während Sigrid sich meist sehr passiv bei der lesbischen Liebe verhielt. Es kam allerdings auch vor, dass sie auf Wunsch der Starix einen künstlichen Pimmel sich umband und sie dann ausgiebig bestieg und befriedigte, denn diese Art der Befriedigung sagte der Starix besonders zu, da die Vorstellung eines starken Mannes sie zu ungeahnten Höhenpunkten und Entsaftungen ihrer Pflaume trieb…
Die Starix betrachtete erneut ausgiebig den Slip und BH der Geschändeten vor allen Seiten. Eigenartig schien ihr, dass diese Sachen noch heile und keineswegs irgendwo zerissen waren. Wie war das möglich? Sollte die Geschändete schon bewusstlos gewesen sein, so dass der Zuhälter die Kleidungsstücke ohne große Probleme ausziehen konnte, ehe er sie schändete? Womöglich hatte sie sich erst gewehrt, er hatte ihr eins gegeben und ihr dann die Sachen ausgezogen… Anders konnte sie es sich nicht vorstellen. Spanisch kam ihr auch die Größe der Kleidung vor: sie hatte eigentlich einen kleinen Slip und BH von Sigrid in Erinnerung.
Der Zuhälter hatte ihr noch eine kleine, schwarze Tasche mitgebracht. Besonders der Inhalt dieser Tasche erweckte die besondere Neugierde der Nutte. Da fand sie eine Geldbörse, aber keine Papiere. 50 Mark, Lippenstift, Puderdose, Schlüssel, Kamm, Spiegel und alle jene Kleinigkeiten kamen zum Vorschein, die eine Frau so nötig hatte für ihre weibliche Beschaffenheit.
In einer Seitentasche fand sie einige Fotos verborgen, die ihr ganz besonderes Interesse erweckten.
Erstaunt gewahrte die Starix auf eines der Fotos eine ihr völlig fremde Frau. Die Frau fand sich auf anderen vorhandenen Fotos in verschiedenen Posen wieder. Es war eine durchaus hübsche, reife Frau um die Vierzig herum…
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Sollte Sigrid…? Aber nein, das war doch… vielleicht hatte Sigrid ein heimliches Verhältnis mit dieser abgelichteten Frau?! Ob man ihrem Geliebten nicht einfach die Fotos mit einer entsprechend anonymen „Aufklärung" zuschicken sollte? Vielleicht konnte man ihn damit weit mehr treffen!
Charakteristisch war für die Dirne, dass sie in Bezug auf Sigrid sogleich solche Dinge dachte und diese mit den vergangenen Gegebenheiten verschmolz. Es war überhaupt kennzeichnend, dass sie stets und immer wieder von ihrer eigenen Anschauungsweise ausging. Dies können und tun in gewisser Weise zwar alle Menschen, aber die Dirne verband damit aus der eigenen Verhältnismäßigkeit der eigenen Situation heraus einen begrenzten Horizont, der sich auf den Bereich ihrer eigenen Wirkungsweise, der eigenen Aktivitäten erstreckte.
An diesem Tag, nach dem Vorfall am Morgen, begab sich Ilse Starix um 10 Uhr wieder ins Bett und schlief bis in den späten Abend hinein. Sie verschloss dabei gut die Tür ihres Zimmers, zog die Vorhänge vor den beiden Fenstern zu und legte sogar zusätzlich den Telefonhörer neben die Gabel. Die Sachen des Opfers verschloss sie in ihrem Koffer, den sie wieder unters Bett schob. Die Geldbörse riss sie auseinander, um dann die einzelnen dünnen Lederteile mit einer Schere zu zerschneiden und in den Toilettenbecken zu werfen und abzuspülen – wobei sie das Geld natürlich selbst einsteckte.
Die anderen Sachen hob sie auf, derweil der Kamm ebenfalls verschwand. Nach getaner Arbeit ging sie ins Bett. Die anderen Sachen wollte sie tags darauf bzw. in der Nacht fortschaffen, da es ihr gefährlich schien. Den Schlüssel hob sie gesondert auf. Wahrscheinlich war es der Hausschlüssel, so überlegte sie, denn sie bei entsprechender Gelegenheit womöglich verwenden bzw. nötig gebrauchen konnte. Mit dem Vorsatz, Schwilger mit dem Schlüssel in einen Tagen nachts in Färbers Wohnung zu schicken, damit er dort den zweiten Teil seiner verbrecherischen Aufgabe erfüllen und ihre Rache an dem jungen Mann vollziehen konnte, schlief sie ein…
Die Dirne erwachte erst wieder gegen 23 Uhr und erhob sich, um, wie üblich, ihrem Gewerbe nachzugehen und ihre Kunden zu empfangen, die sich zumeist vorher telefonisch bei ihr anmeldeten oder als Stammkunden zu der ausgemachten Zeit kamen. Zuvor wollte sie aber noch die Kleidungsstücke und Utensilien vernichten, damit nicht der vageste Verdacht aufkommen konnte, der in ihre Richtung zeigte.
Als sie sich nach dem Waschen anzog, tat sie etwas für ihr Wesen und ihre Neigungen durchaus Typisches: sie zog nicht ihren eigenen Slip und BH an, sondern die Unterwäsche der Geschändeten. Das tat sie vor dem Spiegel – mit jener Zufriedenheit auf dem Gesicht, die einer zwiespältigen und verdorbenen Person sich selbst gegenüber wohl anstehen mag. Sie strich nach dem Anziehen über die Sachen des Opfers, die ihr ein wenig weit vorkamen, und rückte den Büstenhalter etwas höher, als sie merkte, dass ihre großen Brüste daraus hervorquollen. Dann zog sie die eigenen Sachen über.
In der nächsten Stunde war die Starix mit der Schminkerei beschäftigt. Gegen Morgen erschien dann Schwilger. Vorher hatte die Starix die ganze Nacht Kunden empfangen – insgesamt acht Männer. 3.200 Mark hatte sie eingenommen.
„Hast Du schon die Zeitung gelesen?" war das erste, was der Zuhälter bei seinem Erscheinen fast entsetzt fragte, wobei er die Morgenzeitung schwenkte.
Er hielt ihr die Zeitung direkt unter die Nase. „Da!" Er tippte auf eine aufgeschlagene Stelle, die rot unterstrichen war. „Lies das mal, dann wird Dir die gute Laune ziemlich schnell vergehen!"
Die Starix wurde ein wenig blass, als sie zur Zeitung griff. „Was steht denn drin?"
„Lies nur selbst!"
Sie las halblaut die mittellange Mitteilung in dem Lokalblatt:
„Gestern in den frühen Morgenstunden wurde am Florianweg in Geldern eine dort wohnende Frau auf dem Weg zum Frühgottesdienst von einem Sittenstrolch überfallen. Wie die Polizei mitteilt, zerrte der Unhold die sich heftig wehrende und nervenkranken Frau in das mit Gebüsch bewachsene Gelände am Florianweg, wo er die Frau bewusstlos schlug, brutal vergewaltigte und anschließend sein Opfer nackt in seinem Zustand zurück ließ. Das Opfer war stark besudelt und wurde sofort in das St. Clemens Hospital in Geldern gebracht. Der Zustand der bedauernswerten Frau ist nach Meinung der Ärzte höchst bedenklich. Die Polizei in Geldern bittet die Bevölkerung daher um Mithilfe bei der Aufklärung des brutalen Verbrechens und um sachdienliche Hinweise. Der Stiefsohn des Opfers hat 500 Mark Belohnung ausgesetzt für den, der zur Aufklärung des Verbrechens wichtige Hinweise liefert, mit denen es der Polizei gelingt, den Sittenstrolch dingfest zu machen…"
Die Dirne war während des Lesens immer blasser geworden. Ihre Brüste wogten erregt auf und ab. Sie ließ nun das Blatt sinken und sagte mit schriller, fast schreiender Stimme wütend zu dem Zuhälter: „Du Idiot!"
Sie wurde hysterisch, keifte, bis Schwilger ebenfalls wütend wurde: „Was kann ich denn dafür…"
Aber die Dirne unterbrach ihn keifend: „Du Idiot hast ja die Falsche erwischt! Das war doch nicht die Sigrid! Es kam mir gestern schon komisch vor, als Du davon sprachst, dass die Frau zur Kirche ging und ein Gebetbuch bei sich hatte…"
Die Starix fasste sich rasend an den Kopf: „So eine verfluchte Scheiße! Jetzt sitzen wir beide ganz schön in der Tinte! Ich habe Dir doch ausdrücklich Sigrids Aussehen eingeschärft und beschrieben! Warum machst Du dann so einen solchen verdammten Mist? Du hirnverbrannter Idiot…"
Erregt sprang sie auf, wanderte im Zimmer umher und fluchte ordinär und ungeniert laut, dass der Zuhälter sich sogar unwillkührlich vor ihr duckte.
„Ich habe geglaubt, es sei diese Sigrid", fuhr nun der Zuhälter heftig auf. „Was brüllst du denn überhaupt hier so wie eine Pute, du dumme Gans! Die ganze Sache wurde doch von Dir eingefädelt! Ich habe Dir ja gleich gesagt, dass sie verrückt gewesen ist. Ich hätte mich mit Dir gar nicht einlassen sollen…Und jetzt willst Du mir die Schuld geben? Gib mir erst einmal die paar Scheinchen für meine Arbeit…"
„Das könnte Dir so passen!" fuhr die Starix gleich wieder aus der Haut. „Nicht einen Pfennig bekommst Du. Sei nur froh, dass ich Dich nicht verpfeife. Du hast doch wohl nicht allen Ernstes geglaubt, dass ich auch noch für Dich ackern und auf den Strich gehen würde? Wie naiv ihr Männer doch zuweilen seid! Erinnere Dich nur, wie Du es damals in Essen mit mir getrieben hast! Diese Zeiten, mein Lieber, sind endgültig vorbei – für immer vorbei. Ich würde Dir daher empfehlen, die Gosch´ zu halten! Sei nur recht klein und still…!"
„Schnauze!" brüllte der Zuhälter sie an. „Sonst verdresche ich Dich so, dass alle Prügel von damals dagegen ein Kinderspiel war."
Drohend trat er nach diesen Worten auf die Starix zu und hob den Arm.
Sie wich zurück.
„Wage es nur – dann hetze ich Dir die Polizei auf den Hals. Und einer Frau wird immer geglaubt, das weißt Du ja…"
Weiter kam sie nicht. Der Zuhälter hatte der Dirne brutal und rücksichtslos in Gesicht geschlagen. Sie flog zurück, stürzte zu Boden. Er trat sie – wohin er auch gerade traf, schlug mit beiden Fäusten zu, ihr ins Gesicht, in den Magen, auf die Brust, riss ihr die Kleider dabei in Fetzen und schleifte sie wie ein Stück Vieh an den Haaren durch das Zimmer, knallte und stieß ihren Kopf auf den Boden, dass sie Blut spuckte und kreischte. Doch sie biss und kratzte, schlug mit den hohen Schuhen, keuchte und stöhnte, schrie einmal wild auf, als er ebenfalls ihren Hals und ihre Brust zerkratzte, nachdem sie ihn gebissen hatte. Ein heftiger Schlag ins Gesicht warf sie völlig zu Boden, dass sie wie betäubt liegen blieb…
Der Zuhälter verließ wutentbrannt das Zimmer, ohne auch nur einen Blick auf die Starix zu werfen…
Es dauerte Stunden, ehe die Dirne sich wieder beruhigt hatte und einigermaßen klar denken konnte. Im Spiegel sah sie sich den zerschundenen Körper an.
In ihrer ersten Wut beschloss sie, Schwilger anzuzeigen und in die Pfanne zu hauen. Doch sah sie die Lächerlichkeit eines solchen Vorhabens und die Gefahr dabei für sich selbst sofort ein und dachte daran, dass ja auch er sie in der Hand hatte. Sie überlegte verkrampft, wie sich sich rächen konnte – ja, wie sie überhaupt in der kommenden Zeit sich verhalten sollte.
Nachmittags hatte sie einen Entschluss gefasst. Sie rief ihre Freundin Liselotte Gibrenski an, bei der sie ihre Prostitutionslehre absolviert hatte. Sie bat sie, das Zimmer für unbestimmte Zeit zu übernehmen und vertraute ihr nur an, dass sie beabsichtige, nach Berlin zu fahren, und zwar kurzfristig. Die 31jährige Gibrenski hatte nicht lange gezögert und zugesagt.
Pack schlägt sich, Pack verträgt sich! Das traf auch für Ilse Starix und Schwilger zu. Bereits einen Tag später erschien der Zuhälter wieder bei ihr und wirkte sehr aufgeregt. „Wir müssen für einige Zeit verschwinden!" fiel er gleich mit der Tür ins Haus. „Ich habe vor zwei Stunden von der Bürgel erfahren, dass man uns auf der Spur ist. Ella wurde ganz raffiniert ausgefragt, als sie sich mit einem Freier einließ…"
„Du hast es dieser Bügel also auch erzählt?" unterbrach die Dirne ihn entsetzt. Es sah so aus, als sollte es wieder Krach geben. „Merkst Du denn nicht, dass Du die Karre immer tiefer in den Dreck fährst? Je mehr Leute von der ganzen Sache wissen, desto eher kann es uns an den Kragen gehen. Ich bin inzwischen nicht untätig gewesen."
Sie erzählte dem Zuhälter dann, was sie vorhatte. Beide schienen ihren Streit wieder vergessen zu haben. Doch damals war es der Starix nicht anders gegangen, als sie Schwilger noch fest als „Ackernde" gehörte.
So machte machte sie ihm jetzt das Angebot, mit ihr nach Berlin zu fahren, denn so ganz allein getraute sie sich nicht. Der Zuhälter stimmte gleich zu. „Klimawechsel kann uns beiden nun gewiss nicht schaden!"
Schon am kommenden Morgen sollte es losgehen, wollten sie verschwinden. Denn wie allen Verbrechern, kam ihnen die Sache nun doch weit schlimmer vor, als sie vorher gedacht hatten. Es bemächtigte sich ihrer langsam eine alles mit einbeziehende Angst und Panik, die von der Vorstellung begleitet wurde, dass man sie entlarven könnte. Und dass sie dabei nicht gerade glimpflich davonkommen würden, vermochten sie sich selbst an allen zehn Fingern abzuzählen.
Schon gegen fünf Uhr am nächsten Morgen verließen beide das Restaurant in Kevelaer. Beide hatten sozusagen als Versöhnung zusammen gebumst und die Wunden ihrer Auseinandersetzung bezärtelt und gestreichelt.
Jetzt fuhren sie bei Ella Bürgel vorbei, nahmen auch diese mit. Mit dem Zug fuhren sie von Kevelaer über Geldern nach Krefeld, wo sie über Mönchengladbach den S-Zug nach Berlin nahmen. Über Hannover und Marienbaum ging´s durch die Ostzone.
Sie erhofften sich in West-Berlin zugleich einen kapitalen Aktionsradius für ihre wilde Prostitution und Zuhälterei.
Eine Freude kommt selten allein
Endlich war es Sigrid gelungen, mit Maria in ein freundschaftliches Verhältnis zu kommen. Zwei Tage, nachdem sie das Gespräch der beiden so sehr verschiedenen Schwestern auf dem Bauernhof unfreiwillig belauscht hatte, sorgte eine eher zufällige Begegnung mit der älteren Schwester für die Aussprache.
Sigrid war gerade im Stall gewesen, als Maria mit dem Melkeimer erschienen war. Im schmalen Gang des Kuhstalls war sie ihr entgegengekommen. Eine Ausweichmöglichkeit gab es nicht. Im ersten Moment hatte es so ausgesehen, als wenn die dralle Maria sie zur Seite schieben wollte. Doch dann ließ sie der „Städterin" doch den Vortritt. Aus einem unbestimmten Gefühl heraus folgte ihr Sigrid.
„Ich brauche beim Melken keine Zuschauer!" hatte Maria sie ziemlich unwirsch abzuweisen versucht. Doch Sigrid ließ nicht locker. Sie wusste längst, dass Maria eine hervorragende Melkerin war, die weit und breit ihresgleichen suchte. Sie hatte sogar an der Ende April stattfindenden Deutschen Meisterschaft der Melker in Kleve in der Lehr- und Versuchsanstalt teilgenommen und hier einen bravorösen 6. Platz errungen, obwohl sie sich eigentlich mehr bei dieser Meisterschaft versprochen hatte. Immerhin fuhr der Sieger zur Europameisterschaft nach Schweden. Und das hätte Maria, die kaum über die Grenzen des Gehöftes hinauskam, sehr gefallen. Aber es hatte nicht ganz gelangt. Und da man nur einmal in jungen Jahren an einer solchen Meisterschaft teilnehmen durfte, wurmte es sie immer noch ein wenig, dass es für den Sieg nicht ganz gereicht hatte.
„Kannst du mir einmal sagen", überhörte Sigrid gewollt den abweisenden Ton Marias, „was du immer gegen mich hast?"
„Gar nichts!" war die Antwort. „Ich mag halt einfach nicht besonders gern, wenn man mir bei der Arbeit über die Schulter schaut und untätig dabeisteht…!"
Das war ein ziemlich starkes Stück. Vor nicht langer Zeit hätte Sigrid ihr sicher darauf die passende Antwort gegeben. Doch nun sagte sie: „Nun hör´mir bitte einmal gut zu! Ich weiß zwar nicht, was in Dir gefahren ist – nur finde ich es höchst sonderbar, dass ich mit allen Leuten hier gut auskomme. Nur mit Dir hapert es anscheinend ganz gewaltig, obschon ich meinerseits alles getan habe, um Dir entgegenzukommen. Was soll ich davon halten? Ich bin auch nur ein Mensch und habe Gefühle und Empfindungen wie Du. Es soll jetzt ein letzter Versuch sein, Dir begreiflich zu machen, dass Dir niemand etwas will. Jedenfalls werde ich den Hof verlassen und nach Geldern zurückkehren, wenn das nicht anders wird. Ich kann hier nicht als Gast leben, wenn ich von irgendeiner Seite dauernd zum Teufel gewünscht werde…"
„Dann verschwinden Sie doch schon nach Geldern!" sagte Maria als Antwort gehässig.
Sigrid war verdutzt. So einen Hassausbruch hatte sie nicht erwartet. „So? Nun ja, dann werde ich das tun – und zwar auf der Stelle!"
Sie gab sich den Anschein zu gehen, wurde dann aber durch Marias Stimme daran gehindert.
„He, es war ja nicht so gemeint!"
Sollte das eine Entschuldigung, ein Versöhnungsangebot sein? Sigrid wartete, was kommen würde.
„Sie haben also nichts mit Gustav?" brach es unvermittelt aus Maria hervor.
Hui! Daher wehte also der Wind!
„Aber woher denn! Ich habe doch meinen Werner!" Sigrid hatte diese Antwort besonders kurz formuliert, da sie Marias Frage schon geahnt hatte. Und tatsächlich löste sich jetzt ihr Konflikt und beide unterhielten sich sehr ernsthaft und angeregt etwa eine halbe Stunde lang, während Maria melkte. Sie sprachen sich aus und lösten das Problem zu beider Zufriedenheit. Jetzt, wo das Eis gebrochen war, fühlte sich Sigrid noch freier - als rolle ein gewaltiger Felsbrocken von der Seele.
Maria aber war ihr fortan zugetan. Es entstand zwischen beiden ein inniges und herzliches Verhältnis. Es erreichte zwar nicht jenen fast alles umfassenden Wert und Grad wie jenes zwischen Sigrid und Iris, dazu war Maria von Natur aus ganz anders, zäher und langsamer geartet als ihre Schwester, die mehr einem gaukelndem und luftigen Schmetterling glich, der frei und fröhlich von dem Honig der Blüten der Blumen naschte und ein sorgloses Dasein genoss. So war auch Iris ihrem Alter, aber auch ihrer freimütigen Art nach ein quicklebendiges Wesen.
Sigrid konnte sich nicht vorstellen, dass ihr jemand etwas Gemeines antun konnte. Zwischen den beiden wurde das Verhältnis von Tag zu Tag ständig inniger.
In den letzten Tagen war Sigrid wiederholt in Münster gewesen. Von der Bischofsstadt im Herzen Westfalens war sie sehr beeindruckt.
Jeden Sonntag fuhr die ganze Familie nach Münster zum Gottesdienst. Nicht, dass etwa in Angelmodde selbst keine Kirche bestanden hätte. Doch war diese winzig. Und die Bürger von Angelmodde gingen entweder in Wolbeck oder in Münster-Gremmendorf zum Gottesdienst. Seit zwei Generationen fuhr deshalb auch die Bauersfamilie Färber nach Gremmendorf zum Gottesdienst. Ein Urgroßvater hatte die Sitte einmal eingeführt. Und sie war beibehalten worden - wie das Fasten oder das freitägliche Fischessen auf dem Hof. Niemand dachte auch nur im Traum daran, an dieser alten Kirchgangtradition etwas zu verändern…
Vor dem sonntäglichen Kirchgang gab es stets ein geschäftstüchtiges, fast feierliches Treiben. Man fuhr nämlich nicht zum Dom nahe des bischöflichen Palais´ mitten ins Zentrum von Münster, sondern ließ es bei dem Gottesdienst in Gremmendorf ständig bewenden.
Eine Person blieb in der Regel auf dem Hof zurück, um aufzupassen und die Versorgung des Viehs zu sichern. Der Gottesdienst dauerte meist eine volle Stunde.
Sigrid ging mit Iris allein zum Gottesdienst, während die anderen Familienangehörigen erst eine Weile später vorgefahren kamen, um für ihren Glauben etwas zu tun.
Da Sigrid katholisch war, bereitete es ihr keine Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden. Infolge der langjährigen katholischen Heimerziehung hatte bei Sigrid der Verdacht aufkommen müssen, dass mit der ganzen Religion und dem Katholizismus etwas nicht stimmte. Die üble Sitte der als Erzieherinnen eingesetzten Nonnen, den Zöglingen eine Religion aufzuzeigen, machte sich alsbald in schädlicher Weise bemerkbar. Galt es doch bei den Heimmädchen als geheime Abmachung, dass man um der eigenen Vorteile Willen und um den Körperstrafen zu entgehen alles tun musste, was der fanatischen Anschauungsweise dieser religiösen Phantastinnen entgegenkam und ihnen Nahrung gab. Wer von den Mädchen, die täglich ein strenges und zuchtvolles Regiment über sich ergehen lassen mussten, schlau genug war, der versuchte, die große Heuchlerin zu spielen, um bei den Nonnen Eindruck zu schinden und ihnen zu schmeicheln.
Auch Sigrid hatte es natürlich aus Selbstschutz so gehalten. Nun aber, nachdem sie schon so viel Liebes und Schönes erfahren hatte, glaubte sie fast doch schon an so etwas wie eine Vorsehung. Sie glaubte zwar an Gott und die vielfältigen göttlichen Möglichkeiten zwischen Himmel und Erde – nicht aber in der von den Nonnen so streng gelehrten und weismachenden Art.
Besonders bewunderte sie daher ihre Freundin Iris, die damit keinerlei Sorgen hatte und auch die Religion und den Glauben unbekümmert hinnahm wie ein gutes Kind. Wie auch im grauen Alltag, zeigte Iris ein ebenso unbekümmertes Wesen, wenn sie zur Kirche gingen. Frisch und ausgelassen wie ein junges Fohlen, das umherspringt und allenthalben etwas Neues für seine Bewegungen und seine Ausgelassenheiten fand, sang sie in der Kirche mit heller und unbekümmerter Stimme und übertönte dabei alle Leute. Selbst den gesetzten mit seinem tiefen und alles übertonenden Baß in der Stimme ihres Vaters übertraf sie bei weitem.
Mit Schrecken hatte Sigrid anfangs feststellen müssen, dass Iris sich in sie verliebt hatte, wie es bei jungen Mädchen in ihrem Alter häufig der Fall ist.
Aber schon bald darauf musste sie sich eingestehen, dass sie dieses unbekümmerte Geschöpf selbst liebte – mit jener Zärtlichkeit und sensiblen, ausgeglichenen Empfindung, die einer Mutter zu eigen ist…
Die Ursachen dazu mochten in Sigrids physiologischen und biologischen Zustand liegen. Trotz eifrigen Verkehrs nach ihrer Heirat, hatte sie nie ein Kind bekommen, obwohl sie sich ein solches immer gewünscht hatte. Einige Male hatte sie einen entsprechenden Arzt aufgesucht und Vagina, Uterus und Ovarium untersuchen lassen. Trotzdem vermochte der Arzt nichts festzustellen, was Rückschlüsse auf ihre Kinderlosigkeit zuließ.
Es mochte aber auch daran liegen, dass Sigrid das Problem vieler Frauen hatte, die einen Gynökologen aufsuchten und mit ihm unzufrieden waren infolge erniedrigender Erfahrungen mit Frauenärzten. Fragen, die gar nicht angebracht, Entblößungen, die ebensowenig nötig waren. So hatte sie einmal völlig entblößt auf dem Stuhl liegen und sehr lange warten müssen. Die Intimsphäre wurde allenthalben verletzt. Und bereits im Sprechzimmer hatte sie immer wieder halb entkleidet lange warten müssen..Das alles war ihr auf den Kecks gegangen und sie musste daran dennken, wie gut es vielleicht wäre, wenn es im Kreis Kleve oder überhaupt am Niederrhein wie in Köln eine Frauenarzt-Kartei gegeben hätte, in der persönliche Angaben für die Patientinnen intern eingetragen waren über die ansässigen Frauenärzte. Sie hatte sogar überlegt, ob sie mit einigen Frauen eine solche Kartei nicht begründen sollte, aber dann war ihr das wieder aus dem Blickwinkel geraten. Aber immer, wenn sie zu einem Gynäkologen musste, wurde sie stets wieder an diese Dinge erinnert. Sie waren schließlich auch nur Männer mit einem leicht aufrichtbaren Schwanz zwischen den Beinen, obwohl man das natürlich als Frau nicht laut verkünden durfte…
Nun hatte sie auf dem Bauernhof hier in Angelmodde entdeckt, dass sie Iris bewusst als Kind sah, obwohl ihre äußere Beschaffenheit deutlich die Frau hervorkehrte. Sigrid ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie sich wünschte, einmal eine solche Tochter wie Iris zu haben. Iris selbst hingegen, klug genug, um dies bei Sigrid zu bemerken, hinderte sie keineswegs daran, sondern kam ihr mit immer ungestümere Freude entgegen, denn auch sie liebte, ja vergötterte diese hübsche Frau, für die sie jederzeit durchs Feuer geeilt wäre.
Allerdings braucht man nicht gleich die abfälligsten und schlechtesten Gedanken zu hegen, wenn man von der Liebe zwischen zwei Männern oder Frauen spricht oder hört. Es zeugt von eigener Wertlosigkeit und Unzulänglichkeit, wenn dabei gleich an Homosexualität gedacht wird. Dürfen sich nicht auch zwei Freunde oder Freundinnen gegenseitig gestehen: Ich liebe dich?! Ist dieser weltberühmte Ausspruch, dieses Geständnis nur ein Privileg für Verheiratete oder zwei verschiedene geschlechtliche Partner? Mitnichten!
Freundschaft ist in gewisser Hinsicht auch Liebe, derweil jede echte Liebe eine echte Freundschaft ist. Ja, eine Freundschaft ist eigentlich die Vorbedingung der Liebe!
Anders war es auch nicht zwischen Iris und Sigrid, obschon jede Liebe und Freundschaft aus der Natur der Sache heraus sexuelle Komponenten setzt, die sich allerdings harmonisch formieren innerhalb der Freundschaft. Eine Liebe oder Freundschaft ohne einen gewissen erotischen Hauch gibt es nicht, da sie gerade erst dadurch entstehen und sich veredeln kann.
An einem Sonntagmorgen befanden sich Iris und Sigrid auf dem Heimweg. Gerade war die Kirche aus und beide stolzierten die Straße von Gremmendorf nach Angelmodde entlang. Das war ein ganz schönes Stück, wurde dann aber auch zu einer angeregten Plauderei genutzt.
„Nun, was hältst du von der Predigt?" fragte Sigrid.
„Manches traf ja sehr schön zu, aber einiges war mir doch zu überspitzt formuliert!" entgegnete Iris.
„Was war deiner Meinung nach so formuliert?"
„Ja, der Pastor hat beispielsweise gesagt, man müsse die Liebe allen zukommen lassen und dürfte das nicht sagen und bemängeln, was man selber nicht tue. Das mag ja richtig sein und noch angehen, aber wenn er sagt, dass Gott nur immer das Beste von jedem einzelnen Menschen will, ist das eine allgemeine Floskel, die man oft genug hört und die schon pauschal klingt - so pauschal, dass ich sie nicht mehr hören mag."
„Was wäre denn Deiner Meinung nach richtig?" forschte Sigrid neugierig. Sie hatte sich eine Zigarette angezündet und bei Iris ungeniert und locker eingehängt.
„Na ja", schmiegte sich Iris eng an Sigrid und presste ihre kleinen Brüste noch enger an ihren Ellenbogen, so dass sie deutlich die kleinen Rundungen zu spüren vermochte, wobei sie verschmitzt mit ihrem lieben Gesichtchen zu ihr aufsah, um dann geradezu spitzbübisch zu lächeln. „Ich meine, der liebe Gott hat vielleicht genug Sorgen mit sich selbst. Weißt du", wurde sie nun nachdenklicher, „manchmal kommen mir sogar Zweifel, ob es überhaupt einen gibt, ob wir Menschen das nicht vielleicht alles selber erfunden haben, um damit dem Leben einen Sinn zu verleihen und zweckmäßig die Dinge erscheinen zu lassen und einordnen zu können…"
Erstaunt hatte Sigrid zugehört. Solche Zweifel und Gedanken gab es also auch bei Iris!
Sie selbst hatte oft solche Gedanken. Aber sie bei Iris anzutreffen – das hatte sie eigentlich am wenigsten erwartet. Sie hatte immer gedacht, dass Iris fest im Glauben war, ja Sigrid stufte sie sogar in die Kategorie der Frommen ein.
„Wie bist du denn überhaupt auf solche Gedanken gekommen?" fragte Sigrid daher jetzt ziemlich verblüfft das junge Mädchen.
„Ich weiß nicht recht. Es ist manchmal ganz komisch. Solche Gedanken sind auf einmal da. Manchmal bin ich ganz lustig und fröhlich – und auf einmal schleicht sich so ein Zweifel ein, der wer weiß woher gekommen ist. Dann frage ich mich plötzlich, warum ich gerade lustig bin und nicht weine, denn ich könnte doch ebenso gut weinen, nicht wahr? Selbst bei der Arbeit auf dem Hof überkommt es mich manchmal so! Das ist dieser bohrende Zweifel. Wenn ich dann abends im Bett liege, treten diese Vorstellungen noch stärker auf…"
Iris schwieg und machte eine Pause.
Sigrid musste daran denken, wie oft Iris gerade am Abend irgendein Problem einfiel und es sie zu ihr hertrieb, um es mit ihr zu besprechen. Aber ging es nicht vielen Menschen so? Tagsüber wurden Sorgen und Probleme oft vom Stress, der Hektik und alltäglichen Begebenheiten übertüncht, sanken fast ab ins Unbewusste. Doch je später der Abend, desto stärker traten die eigentlichen Probleme auf. Schlaflose Nächte waren oft Nächte mit unbewältigten Problemen. Was also sollte sie jetzt Iris antworten?
„Ich glaube", begann sie sehr bedachtsam ihre Worte zu wählen, „dass es im Leben vielleicht gerade so bestellt sein muss! Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch seine bohrenden Zweifel und Fragen hat, die niemand beheben kann. Nicht alle Fragen im Leben eines Menschen sind wie die meisten Lebensfragen beantwortbar. Viele Fragen werden zur Antwort hin gelebt. Wir alle sind eigentlich immer auf der Suche nach dem, was uns umgibt und wir selten verstehen und begreifen können. Mir ergeht es oft nicht anders als Dir, Iris, obschon ich sicher weit mehr gesehen und erfahren habe als Du. Jede neue Erfahrung setzt eigentlich eine neue Gefahr für unsere eigene Vorstellungswelt und macht diese zwar inhaltlich reicher, aber auch ständig komplizierter. Und trotzdem brauchen wir das alles für unser Dasein, für unsere ganze Existenz! Wir überleben und überdauern ja gerade, weil wir uns diesen Anforderungen entgegenstemmen müssen. Wäre es anders, könnten wir einfach sorglos und träge dahinleben, so wäre das Leben nicht lohnenswert. Es würde nicht nur an Interessanheit und Beweglichkeit Einbuße leiden, sondern wir selbst würden am ehesten seelisch welken und das Nachsehen haben. Unsere Lebenserwartungen wären dann sehr gering, wenn man sich einen Erfolg vergegenwärtigen wollte…"
Es entstand eine Pause. Beide gingen jetzt einen schmalen, gewundenen Feldweg entlang, der in einen großen rechten Bogen nach Angelmodde führte.
„Von dieser Seite habe ich die ganze Sache noch gar nicht betrachtet", sagte Iris unvermittelt leise, nachdem sie eine Weile nachgedacht und Sigrid von der Seite angeschaut hatte. "Was Du da sagst, leuchtet mir durchaus ein!"
Sigrid warf der Rest der Zigarette zu Boden, drehte die Glut mit dem Absatz aus, wurde dann von der plötzlichen Frage Iris überrascht: „Sag mal, Sigrid, glaubst du an die Auferstehung der Toten? Oder an das Fegefeuer?"
„An das Fegefeuer? Wie kommst du gerade jetzt darauf?" Sigrid war wirklich verblüfft und zeigte einen Gesichtsausdruck, als sei gerade ein Ungeheuer links aus dem Maisfeld aufgetaucht, das sie gerade entlanggingen. Über was sich diese Iris alles Gedanken machte nach dem sonntäglichen Gottesdienst!
„Gestern Abend kam mir vor dem Einschlafen ein recht sonderbarer Gedanke von irgendwoher zugeflogen. Die katholische Kirche sagt doch immer, dass nur der in den Himmel kommt, der völlig reingewaschen ist. Ich glaube, sie stützt sich dabei auf irgendein Paulus-Wort. Nun gibt es aber doch die Geschichte mit den Ablässen. Und sie sagt auch, wenn man nicht ganz rein ist, müsse man zunächst in das Fegefeuer, um dort völlig geläutert zu werden. Nun kam mir aber der Gedanke, dass die Seele doch gar keinen Zeitbegriff in ihrem ursprünglichen Zustand kennt. Tausend Jahre können für sie wie ein Tag sein und umgekehrt. Deshalb finde ich das Fegefeuer sinnlos, da der Zeitbegriff fehlt…Was meinst du dazu?"
„Vielleicht ist es ein harrender Zustand, der psychischer Natur ist und mehr dem reinen Erkennen entspricht… Aber das ist an diesem sonnigen Sonntagmorgen ein zu ernstes Thema. Lass uns über etwas Lustiges sprechen, das passt mehr zu uns."
Sie unterhielten sich angeregt über relativ belanglose Dinge, die bei Iris immer in Großformat gebracht wurden.
Sie kamen in der Nähe des Bauernhauses an der Kuhweide vorbei. Eine Kuh unter den Tieren versuchte, eine andere zu bespringen.
„Sie ist schwul!" rief Iris ungeniert laut aus. „Sieh mal, Sigrid, wie schwul sie sich gebärdet! Das muss ich Papa sagen, damit er sie zum Decken herausholt!"
Ungeniert plapperte der Blondschopf weiter davon. Noch zwei Wochen vorher wäre Sigrid darüber rot und verlegen geworden. Aber inzwischen war sie allerlei gewöhnt, was ihr anfangs recht peinlich vorkam, dann aber durch Iris´ unbekümmerte Erklärungen und Aufklärungen beiseite geräumt wurde. Sie erinnerte sich noch daran, wie Iris sie einmal geholt hatte, als der Bulle eine Kuh deckte. „Das ist wahnsinnig interessant", hatte sie gesagt und lachend hinzugefügt: „Ich habe mich schon oft darüber schiefgelacht!"
Sigrid wusste so vieles nicht, obwohl sie auf sexuellem Gebiet glaubte vieles zu wissen. Erst durch Iris erfuhr sie Neues, zumal diese sich fast diebisch freute, wenn sie Sigrid etwas erklären konnte. Sigrid ihrerseits bewunderte immer wieder die Ungeniertheit, mit der Iris über all diese Dinge reden konnte. Sie selbst hätte das nie gekonnt. Von Iris hatte sie noch erfahren, dass Ochsen nichts anderes als kastrierte Bullen waren. „Die Viecher sind immer noch geil!" hatte Iris einmal ausgerufen, als sie mit Sigrid an dem Ochsenstall vorbei kam und sah, wie die Ochsen sich gegenseitig besprangen. Sigrid konnte sich zunächst keinen Reim darauf machen, da sie die Ochsen ja für Bullen hielt – jedenfalls glaubte sie das an den äußeren Geschlechtsteilen zu sehen, die in Form einer langen Möhre zum Vorschein kamen bei diesen Schwulitäten. Auf die leeren Säcke achtete sie nicht. Iris klärte sie erst auf.
Iris hatte ihr auch weiter erklärt, dass die Kühe erst Milch geben, wenn sie vom Bullen gedeckt waren und einmal austrugen – also ihre Befruchtung erfahren hatten. Erst dann waren sie tauglich als wirkliche Milchkühe. Iris hatte gesagt: „Sobald eine Kuh, die noch nicht ausgetragen oder eine Befruchtung erfahren hat, als Rind brünstig oder schwul wird und ihre Artgenossinnen bespringt, ist dies ein Zeichen, dass man sie dem Bullen zuführen und decken lassen muss, um aus ihr eine richtige Milchkuh zu machen, denn eher ist dies nicht möglich."
So hatte Iris auch an diesem Sonntagmorgen wieder ihre Belehrungen an die früheren angeknüpft.
Als sie den Bauernhof erreichten, waren die anderen Familienmitglieder schon da. Sie waren mit dem Wagen natürlich weit schneller gefahren.
Gegen Mittag kam Werner und nahm auch an dem gemeinsamen Essen teil. Er hatte Sigrid bei der Begrüßung sehr lange geküsst. Iris, die dahinter stand, schloss für einen kurzen Moment die Augen und hatte dabei ihre eigenen Vorstellungen und Sehnsüchte.
Beim Essen ging es sehr munter zu. Danach gingen Sigrid und Werner in die nahen Wälder hinaus, um ungestört zu sein. Iris blickte den beiden ein wenig neidisch nach.
In einem kleinen Tal, das mit riesigen Buchen umstellt war und der geeignete Platz schien, ließen Werner und Sigrid sich nieder. Moos und Gras diente ihnen als weiche Unterlage.
Werner erzählte Sigrid, was erreicht worden war. Dabei vergaß er auch nicht, das lobenswerte Mitwirken ihres Bruders besonders hervorzuheben.
„Dass Speckschwarte sich so aktiv daran beteiligen würde", meinte Sigrid, „hätte ich nicht gedacht!"
Ein ungutes Gefühl beschlich sie, als sie von dem nächtlichen Streifzug der drei jungen Männer hörte. „Ihr müsst vorsichtig sein! Ich würde wahnsinnig werden, wenn Dir etwas passiert! Aber wie lange wird es noch dauern, bis ich wieder nach Geldern zurückkehren kann? Dein Urlaub muss doch auch bald abgelaufen sein?"
Sie stand auf, während Werner im Grün hocken blieb. Sie schritt auf und ab. Als sie sah, wie sehr er ihre Beine bewunderte und ihre Bewegungen verfolgte, lächelte sie zärtlich und verliebt.
Ein kleiner Käfer, glänzend und schwarz, krabbelte durch das Gras an Werners linken Hosenbein vorbei. Sie beugte sich weit nach vorn, um ihn näher zu betrachten.
Werner Blut pulsierte schneller, als er ihre nackten Kniekehlen und kräftigen Schenkel straff genau vor sich sah, die prall und reizend unter dem durch das Bücken hochgezogenen Rocksaum wie weißglänzende Schaumkronen zum Vorschein kamen und leicht gespreizt eine heftige Wollust in ihm erzeugten.
Das Begehren kroch in ihm hoch und er merkte, wie er immer geiler und erregter wurde, das Blut immer schneller und heißer durch die Blutbahnen raste.
Jetzt richtete sich Sigrid auf, hatte eine leichte Röte im Gesicht. Ein versonnenes, aber auch verführerisches Lächeln umspielte ihre fein geschwungenen Mundwinkel. Der Mund schien hier auf dem Bauernhof weicher, aber auch voller geworden zu sein.
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Als sie sich umdrehte, strich sie den Pulli glatt, so dass die festen und ohnehin ansehnlichen Brüste noch mehr herausgestreckt wurden. Sie setzte sich wieder zu ihm.
Werner zog sie zu sich herunter – und dann küsste er sie noch wilder, noch leidenschaftlicher überall dort, wo die bloße Haut Sigrids zum Vorschein kam und ihn zum Küssen unwillkürlich reizte…
„Ich hoffe", sagte er, „dass wir den Fall nun bald wirklich geklärt haben; dann kannst du wieder zurückkommen! Gefällt es dir hier wenigstens?"
„O doch!" rief sie aus. „Das schon; aber ich kann doch nicht ewig diesen Leuten zur Last sein. Allerdings komme ich mit Iris sehr gut aus. Sie ist ein sehr liebes und gescheites Ding – und so lustig, aufgeschlossen und freimütig…"
„Da hast du recht", pflichtete Werner ihr bei. „Iris ist auch der Liebling der ganzen Familie und bringt sozusagen immer den richtigen Schwung in den Laden…"
„Und wie geht es Roswitha?" wechselte Sigrid nun das Thema.
„Den Umständen entsprechend gut! Aber es wird nach Meinung der Ärzte schätzungsweise noch einige Wochen dauern, bevor man sie entlassen kann. Der Unhold muss ihr anscheinend den ganzen Unterleib zerfetzt haben. Jedenfalls musste sehr viel im St. Clemens Hospital in Geldern genäht werden. Sie hatte eine Menge Blut verloren. Der Strolch hat sie sogar besudelt und sein Wasser auf die Bewusstlose abgeschlagen…"
„Schweinerei!" empörte sich Sigrid.
„Ja." Er nahm einen Grashalm zwischen die Zähne und schob ihn zwischen die Lippen und Mundwinkel hin und her.
Sigrid schüttelte sich. „Und das alles war eigentlich mir zugedacht! Ein solches Schwein sollte man ebenso behandeln – und noch mehr dazu!" Ihr Gesicht hatte bei diesen Worten einen sehr zornigen und fast bösen Ausdruck angenommen und unterstrich noch den Ton ihrer Stimme.
Sie war enttäuscht, als Werner sagte: „Ich muss bald wieder zurück. Ich habe keine Ruhe, bis dass der Fall ins Reine gebracht worden ist. Vorher macht mich nicht einmal unsere Liebe richtig munter, weil ich andauernd an die Gefahr denke und noch immer Angst um Dich ausstehen muss. Du musst das ein wenig verstehen. Später holen wir alles nach…"
So endete es fast immer.
Werner fuhr wieder davon und ließ sie zurück – manchmal in einer merkwürdigen Benommenheit, die erst wieder verschwand, wenn Iris auftauchte.
Gegen Abend begleitete Sigrid den Bauern selbst durch die Felder bei einem Spaziergang. Von Zeit zu Zeit machte sich der Bauer auf und kontrollierte seine Äcker. Er mochte es, wenn alles wuchs und ständig gedeihte. Ihn konnte es dabei oft nicht schnell genug gehen.
Es entspann sich ein seltsames Gespräch, das noch unangenehme Folgen haben sollte.
„Fräulein Sigrid", begann der Bauer ganz plötzlich, „haben sie ernsthaft vor, meinen Neffen zu heiraten?"
Völlig überraschte blieb Sigrid stehen: „Sie meinen, Werner?" fragte sie mit leiser Stimme, die wie ein Hauch die Worte über die Äcker trieb.
Sie standen am Rande eines Maisfeldes, das auf der Oberfläche erst winzige Sprösslinge zeigte.
„Gewiss meine ich Werner!" meinte der Bauer schlicht und einfach und sah sie dabei prüfend an.
„Wenn es nach mir allein ginge, schon, aber auch Werner – ich meine, Ihr Neffe muss sich damit einverstanden erklären."
„Sie selbst aber würden ihn heiraten, nicht wahr?"
„Natürlich – obwohl wir beide längst noch nicht so weit gedacht haben!"
Jetzt zog ein leises Lächeln über die vom Wind und Wetter gegerbten Gesichtszüge des Bauern. Und Werners Onkel meinte: „Dass mein Neffe Sie heiraten will, werden Sie wohl längst schon gemerkt haben…"
Nein, Sigrid hatte nichts davon gemerkt, obwohl dass ihre Wunschvorstellung war: ein gemeinsames Leben mit Werner bis an ihr Lebensende!
Aber sie sagte: „Persönlich hat er sich mir gegenüber darüber noch nicht geäußert."
Ein wenig Unwillen gegen den neben ihr herschreitenden Onkel kam in Sigrid auf. Was ging ihn an, ob sie und Werner einmal heiraten würden oder nicht?
„Mir gegenüber", überhörte der Mann neben ihr den ein wenig unwilligen Unterton in ihren Worten, „hat er deutlich geäußert, dass er beabsichtige, Sie zu heiraten, wenn der ganze böse Fall mit seiner Stiefmutter erledigt sei…"
„Hat er das wirklich?" forschte Sigrid etwas zweifelnd.
„Natürlich. Bei meiner Bauernehre!"
Sie lächelte über den Eifer des Onkels, musste dann sogar laut auflachen. Über eine „Bauernehre" hatte sie noch nie gehört. Was mochte das für eine Ehre sein?
Auch der Bauer lachte jetzt.
„Aber was hat das alles mit dem Anfang unseres Gespräches zu tun?"
„Das will ich Ihnen ja gerade jetzt erklären, denn ich habe Sie nicht von ungefähr durch die Felder mitgenommen. Also: Ich fragte Sie, ob Sie ihn heiraten werden, wenn er ihnen einen Heiratsantrag machen wird – und das wird er bestimmt -, weil ich wissen möchte, ob sie Ihn heiraten, da ich Ihnen dann vorher noch einiges dazu sagen möchte."
Das war für den Onkel, der sonst eher wortkarg war, eine sehr lange Ansprache, so dass Sigrid denn auch wahrheitsgemäß und mit pochendem Herzen sagte: „Wenn Werner mir einen Antrag macht, werde ich ihn selbstverständlich annehmen!"
„Gut. Dann werde ich Ihnen nun etwas erzählen, was Sie unbedingt für sich behalten müssen. Ich weiß nicht, ob Sie schon erfahren haben, warum und wie Werners Vater, mein Bruder, und seine richtige Mutter ums Leben gekommen sind…"
„Teilweise habe ich das schon von Werners Stiefmutter erfahren, doch weiß ich nicht, was davon zutrifft!"
Ein dumpfes und ahnungsvolles Gefühl beschlich Sigrid, als sie nun darauf wartete, dass der Bauer fortfahren würde.
Der bückte sich jetzt und prüfte einige Mais-Sprößlinge, brummte dann zufrieden etwas vor sich hin, richtete sich wieder auf, schaute prüfend zu dem blauen Himmel, an dem einige Wölkchen bizarr verloren schwammen, und meinte: „Mein Bruder hatte, nachdem er einige Jahre verheiratet war, Probleme mit Werners Mutter. Die Ursachen lagen wohl im Verhalten beider. Die Schwierigkeiten fingen an, als Werner schon etliche Jahre die beiden mit seiner Anwesenheit beglückt hatte. Es soll hier nichts beschönigt und bemängelt werden… Es mag nur objektiv dargestellt werden, wie es sich verhalten hat. Daher soll auch das Verhalten meines Bruders ohne Kommentar vorgebracht werden. Bei den Auseinandersetzungen ging es zumal um die Person eines jungen Mädchens. Mein Bruder war in dasselbe völlig vernarrt. Niemand – außer mein Bruder – wusste, wer diese Person eigentlich war, wo sie sich aufhielt und wo Adolf sich mit ihr traf. Selbst mir gestand er einmal nur, dass es ein 18jähriges Ding mit rotem Haar sei – mehr vermochten wir alle nicht zu erfahren, wenn auch gemunkelt wurde, dass er sie bei einem Urlaub kennengelernt hatte. Es hieß, sie sei eine sehr zwielichtige Person und gehe einem Gewerbe nach, das die nächtlichen Straßen liebe. Werners Mutter kam schließlich dahinter und drohte mit sofortiger Scheidung…"
„Aber was ist denn?" unterbrach der Bauer seinen Bericht, da er sah, dass Sigrid immer blasser geworden war.
Ein furchtbarer Verdacht war nämlich in ihr aufgetaucht – so schrecklich und alles umfassend, dass sie den Gedanken gar nicht zu Ende denken wagte. Sie rechnete zurück. Vor knapp 12 Jahren musste sie 18 gewesen sein. Und zuzutrauen war es ihr auch…Aber der Gedanke erschien ihr so ungeheuerlich und absurd, dass sie ihn gewaltsam unterdrückte.
„Es ist nichts", sagte sie jetzt zum Bauern. „Mir war nur ein wenig unwohl – aber das ist jetzt wieder vorbei. Frauenprobleme, wissen Sie! Fahren sie nur fort mit ihrem Bericht.Ich höre ihnen zu."
Prüfend sah er sie an – ziemlich lange. Ihr wurde unbehaglich dabei. „Wenn Ihnen nicht gut ist, können wir umkehren und Sie können sich etwas niederlegen?"
„Nein, nein", beeilte sie sich nun zu sagen. Sie schritt ein wenig schneller voran.
Der Bauer folgte ihr und begann dann seinen Bericht fortzusetzen: „Werners Mutter drohte also mit der Scheidung. In der Folge schien es dann, als wenn mein Bruder durch diese Drohung wieder zur Vernunft gekommen sei. Aber schon bald nahm er erneut Kontakt mit diesem jungen Mädchen auf. Hierbei erwies sich alsbald, dass sich entsprechende Folgen bei der Person einstellten und sie schwanger wurde. Das gestand mir mein Bruder infolge seines schlechten Gewissens, das er danach hatte. Er vertraute mir auch an, in welche Zwangslage er sich befand. Anscheinend fiel es ihm sehr schwer. Ich musste ihm damals versprechen, über die ganze Angelegenheiten Stillschweigen zu bewahren. Und ich versprach es ihm auch…Wenn ich jetzt mein Schweigen breche, so nur deshalb, weil ich es für nötig halte und in Ihnen eine verständige Frau sehe. Mein Bruder sorgte dafür, dass die Schwangerschaft unterbrochen und die Leibesfrucht seiner Geliebten heimlich abgetrieben wurde. Somit hatte ihn aber zugleich das Mädchen in der Hand, das skrupellos genug war, dies weidlich auszunutzen, ja ihn zu erpressen!"
Er schwieg nun einen Moment gedankenversunken, bevor er fortfuhr, ohne dabei Sigrid anzusehen: „Seine Frau, meine Schwägerin, kam durch wer weiß was für einen dummen Umstand hinter diese Sache und nahm sich wenig später das Leben. Die Geliebte meines Bruder verschwand über Nacht. Wohin, bekam er nie heraus. Dann heiratete Adolf später Werners jetzige Stiefmutter, eine damals noch gesunde Psychologin. Wie er an diese im Grunde sehr intelligente Frau kam, mag der Kuckuck wissen. Aber auch mit ihr ging es nicht lange, sofern mein Bruder Selbstmord beging. Bis zu dem Tage hatte ich ihn lange nicht mehr gesehen. Dass es ein Selbstmord war, steht außer Frage, wenn zuweilen auch etwas anders gemunkelt wird! Allerdings wollten wir Werner, der damals noch Knabe war, nicht schockieren. Wir erzählten ihm damals, das Ganze sei ein Unfall gewesen. Bis heute glaubt er das auch noch… In der letzten Zeit sind mir allerdings Zweifel gekommen, ob mein Verhalten richtig und noch angebracht ist. Schließlich ist mein Neffe nun erwachsen genug, um es gefasst aufzunehmen. Deshalb habe ich es Ihnen anvertraut. Die Geschichte lag mir schwer auf der Seele. Als seine künftige Frau wollte ich es Ihnen nicht verschweigen. Nun weiß ich allerdings nicht, ob und wann, wie ich es mitteilen soll. Ich kann unmöglich voraussehen, wie er es aufnehmen und regieren wird…"
„Sie möchten also, dass ich es ihm schonend beibringe?" fragte Sigrid, die natürlich sofort merkte, wo hinaus der Bauer wollte.
„Nein! Ja! Das heißt: wenn Sie so liebenswürdig wären, dann könnten Sie mir natürlich diese schwierige Aufgabe abnehmen. Offen gestanden: Ich fürchte mich ein wenig davor, es ihm mitzuteilen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber mir würde wohler sein, wenn Sie das für mich übernehmen würden! Würden Sie es mir also abnehmen? Bei Ihnen wird die Sache etwas abgeschwächt werden, denn wie oft kommt es im Leben darauf an, wer wem etwas beibringt!"
Er schwieg nun fast erschöpft und blickte wie prüfend zum Himmel, wo sich jetzt mehrere Wolken gebildet und ineinander geballt hatten. Er hatte jetzt fast ununterbrochen geredet.
Sigrid musste das Gesagte erst einmal ordnen und ihrem Bewusstsein richtig zuführen. Beim Zuhören schien es ihr, als wäre jedes einzelne Wort ein einmaliger wuchtiger Hammerschlag, der ihr ohnehin schon zuckendes Herz noch schmerzlicher und brutaler traf.
Roswitha schien also auch nicht die Wahrheit damals gesagt zu haben. Ob sie das bewusst getan hatte oder ob sie nicht mehr alles recht in Erinnerung hatte? Und jetzt verlangte also Werners Onkel eine Entscheidung von ihr.
Sie kam sich allein vor.
Entscheidungen gleich welcher Art und Schwere sind stets vom Mantel der grauen Einsamkeit umgeben.
Zum ersten Mal fühlte sie die schwere und riesige Wucht einer Verantwortung auf sich zukommen. War sie dafür stark genug? War sie nicht zu schwach, um eine derartige Verantwortung tragen, eine solche Sache erfolgreich zu Ende führen zu können? Hilfe durfte sie dabei nicht erwarten. Und wenn es tatsächlich zutraf, was sie ahnte, wenn ihr Verdacht sich bestätigte, dann war noch allerlei zu erwarten. Warum sie dann plötzlich doch zustimmte, vermochte sie selber auch nicht zu sagen. Jedenfalls erklärte sie sich bereit, es Werner mitzuteilen, allerdings erst zu einer Zeit, in der sie es für unumgänglich und nötig halten würde.
Der Bauer war zufrieden und ließ seine Erleichterung deutlich merken. Es war von Natur aus ein herzensguter Mann, dem das Geheimnis lange Jahre wie ein Alptraum auf der Seele gelastet hatte, der sich nun, wenn auch nicht völlig, so doch halbwegs befreit sah davon.
Es wurde spät, als die junge Frau mit dem bedeutend älteren Mann zurückkehrte. Die Dunkelheit hatte ihren dichten Mantel sehr bestimmt und schweigend über die Natur geworfen. Einzelne Sterne flackerten noch oder schon wie zaudernde Kerzenflammen, denen der Docht zu kurz geraten war. Irgendwo hämmerte noch verspätet ein Specht die letzten Nachschläge für ein bescheidenes Nachtmahl. Eine Kuh brüllte brünstig und beinahe heiser ihre tierische Sehnsucht hinaus.
Das Abendessen verlief ziemlich schweigend. Sigrid entfernte sich gleich nach dem Essen und zog sich mit der Entschuldigung zurück, dass es ihr nicht gut gehe. Sie ging in ihr Zimmer. Werner brachte ihr fast immer, wenn er kam, ein Buch mit. Deshalb beschloss sie, heute einmal „auszuspannen" und zu lesen.
Sie zog sich aus und schlüpfte nach dem Waschen ins Bett. So sehr sie sich aber auch um Konzentration bemühte – es gelang ihr diesmal nicht. Immer wieder musste sie an das denken, was ihr der Bauer erzählt hatte.
Es war schon recht spät, alles im Haus ruhig, als er leise klopfte und Iris ins Zimmer huschte.
Sigrid legte das aufgeschlagene Buch auf den Nachttisch und sah der Eintretenden etwas verwundert, aber auch neugierig entgegen.
Iris trug ein Nachthemd, leicht und fließend. Ihre kleinen und spitzen Brüste stachen deutlich umrissen durch den dünnen Stoff. Die Brustwaren konnte Sigrid deutlich sehen. Sie erweckten den Anschein, als wollten sie jeden Moment den dünnen Stoff durchstoßen und hervortreten.
Sigrid lächelte sie an. „Du siehst aus wie eine kleine junge Göttin! Was hast du jetzt schon wieder auf dem Herzen?"
Iris kam näher, setzte sich auf das Bett.
Dann flüsterte sie leise an Sigrids Ohr: „Ich möchte einmal mit Dir schlafen!"
Sigrid lachte. „Ist das wieder einer jener seltsamen Gedanken, die Dir abends zugeflogen kommen?"
„Ach – komm", schmollte Iris, „sag ja!"
Sigrid wurde ernst. „Was hast du da denn für dumme Gedanken: Bei mir schlafen!! Wie kommst du denn darauf? Und warum willst du denn unbedingt bei mir schlafen?"
Iris beugte sich wieder vor, so dass ihr Brüste auf Sigrids Mund und Gesicht gedrückt wurden, und flüsterte ihr etwas ins Ohr…
Sigrid schüttelte danach den Kopf. „Sei doch vernünftig, Iris! Ich bin heute nicht für solche Späße aufgelegt, sondern ziemlich erschöpft und fertig…"
„Ah – du denkst, ich wollte etwas von Dir? Aber das wirst du doch nicht glauben? Ich möchte nur einmal mit einer schönen Frau schlafen!"
„Deine Gedanken werden immer verrückter!" lachte Sigrid etwas gezwungen. „Was hast du denn davon, wenn Du bei mir schlafen darfst?"
„Ach, mach es mir doch nicht so schwer, ich habe Dich doch sooo gern!!"
Was sollte Sigrid darauf sagen?
„Was sollen Deine Eltern davon halten?" meinte sie darum jetzt.
„Was sollen sie schon sagen?"
„Also gut! Lösch das Licht und kriech zu mir ins Bett! Machst Du Dummheiten, werfe ich Dich achtkantig hinaus…"
Sie rückte etwas zur Seite, während Iris leise, fast gurrend lachte, und ließ das Mädchen neben sich schlüpfen, das sich gleich eng an sie schmiegte und zusammenrollte.
Beide schwiegen.
Und als Sigrid gut eine viertel Stunde später leise etwas fragte, erhielt sie keine Antwort.
Iris war eingeschlafen.
Ruhig und gleichmäßig hob und senkte sich ihre kleine Brust. Ihr Gesicht wirkte noch lieblicher und völlig entspannt. Ein erhabenes Glücksgefühl überkam die wachliegende Frau. Wie musste Iris sich bei ihr, in ihrer Nähe geborgen fühlen, dass sie sogleich einschlief und sich ganz auf Sigrids Nähe und Gegenwart verließ!
Es dauerte diesmal lange, sehr lange, bis Sigrid einschlafen konnte...
Zu viele Gedanken hinderten sie daran. Sie dachte an Werner und schlief schließlich mit der Frage ein, wann und wie sie ihm beibringen sollte, was der Bauer ihr erzählt hätte…
Eine unvergessliche Nacht
Eine leere Bierflasche flog durch die Luft, über die an den Tischen sitzenden Anwesenden und deren Köpfe hinweg. Etliche Biergläser folgten scheppernd von der Theke des Lokals her.
Eine heisere und versoffene Stimme gröhlte: „Du verdammtes Schwein!" Dann verfiel diese Stimme in ein heiseres und spuckendes Husten.
Werner und Speckschwarte hatten sich unwillkürlich geduckt, als am Nebentisch ein betrunkener Mann, die Zeche, die er bezahlen sollte, als zu hoch befand und wütend seine vor ihm auf dem Tisch stehende Bierflasche zur Theke geschleudert hatte.
Dirnen kreischten; Zuhälter sprangen auf, packten den Betrunkenen und warfen ihn kurzerhand aus dem Lokal.
Eine Dirne kam an den Tisch der beiden jungen Männer aus Geldern. Sie beugte sich vor, um ihnen eine gezielte Fleischschau zu bieten. Einnehmend wackelte sie mit den Hüften. Sie mochte etwa 23 Jahre sein. Von Ihrem Gewerbe war sie schon arg im Gesicht gezeichnet.
„Darf ich euch Gesellschaft leisten?"
Ohne eine Aufforderung dazu abzuwarten, zog sie einen der noch zwei freien Stühle herum und nahm Platz, stützte die Ellbogen auf den Tisch und neigte den Oberkörper vor, um die Brüste den Blicken der beiden Männer preiszugeben.
„Darf ich etwas bestellen, Kleiner?" wandte sie sich an Werner, der sie und ihr Tun misstrauisch beobachtet hatte.
„Aber nur, wenn Du Dein albernes Gehänge da vorn verschwinden lässt! Damit kannst Du nicht einmal einen zahnlosen Opa weglocken. Sei also brav und bring Deine beiden U-Boote wieder unter Wasser, ansonsten muss ich gleich an gelben Lebertran denken…"
Sie tat beleidigt, lachte dann aber und rief die weibliche Bedienung, die ihr in nichts nachstand.
„Brigitte, bring mir eine Cola mit Eis, ja!?"
Bald darauf tranken alle drei sich zu.
„Glaube nicht", meinte Speckschwarte, „dass Du uns ausnehmen kannst! Das haben schon andere versucht! Schließlich sind wir selbst von der Bühne!"
Er lachte über sich selbst und zeigte dabei sein gelbes Runkelgebiß.
Das Mädchen grinste ebenfalls. „Das merkt man Euch auch an. Deswegen habe ich mich auch zu Euch gesetzt – da kann man viel ungenierter über die Dinge plaudern."
„Von welchen Dingen beispielsweise?"
„Na, was so alles passiert."
„Kennst Du die Starix – so eine Rote?" forschte Speckschwarte und setzte ein gelangweiltes Gesicht auf.
„Nie gehört!" sagte die Dirne und setzte plötzlich eine sehr misstrauische Miene auf, die Speckschwarte nicht entging. „Warum wollt Ihr das denn wissen? Seid Ihr von den Bullen?"
Speckschwarte lachte dröhnend, nahm einen tiefen Schluck aus seinem Pilsglas. „Sehen wir so aus?" Er wischte sich den Bierschaum mit dem linken Handrücken von den Lippen.
"Eigentlich seht Ihr nicht so aus. Aber man kann ja nie wissen, was die sich für Tricks aussinnen. Was wollt Ihr denn von der… - wie hieß sie noch?"
„Starix!"
„Starix?"
„Ja."
„Ein komischer Name…"
„Ja."
„Also Starix! Ja, was wollt ihr denn von dieser Starix?"
„Nur ein paar Grüße bestellen – mehr nicht."
Sie sah Werner und Speckschwarte noch misstrauischer an und erhob sich bald darauf mit einer sehr banalen Entschuldigung.
Eine Weile später zahlten auch Werner und Speckschwarte, erhoben sich und traten in die ein wenig kühle Nacht hinaus.
Werner atmete tief die frische Luft ein und schüttelte wie benommen ein wenig den Kopf. „Lange hätte ich das in der stickigen Luft da drin nicht mehr ausgehalten!" wandte er sich an Speckschwarte.
Der zuckte die Achseln. „Ich schlage vor, wir gehen einmal zum Puff runter, um dort zu erforschen, ob irgendjemand etwas weiß, was uns weiterbringen kann…"
Sie ließen den Wagen zurück und gingen zu Fuß die kurze Strecke zum Puff hinab.
Aber wenig später fuhren sie wieder mit dem Wagen nach Geldern zurück. Fünf Stunden hatten die beiden jungen Männer im Nachtleben Nachforschungen angestellt, dabei war allerdings nur ihre Brieftasche dünner geworden, hatten sie Geld zum Fenster hinausgeworfen. Daheim angekommen, fielen sie erschöpft in die Betten.
Beide waren ein wenig missmutig.
Es vergingen ganz zwei Wochen, ohne dass irgendetwas passierte, was für die Sache von Bedeutung gewesen wäre. Werner hatte eine Woche beim Wochen-Anzeiger um Verlängerung seines Urlaubes gebeten. Das war nicht ohne Schwierigkeiten abgegangen. Schließlich gelang es ihm aber doch, sich durch den Chef persönlich diesen Vorteil zu verschaffen.
So hatte er jetzt noch eine Woche frei und harrte ungeduldig auf die Rückkehr des Zuhälters und der Dirne von Berlin.
Inzwischen wusste er auch längst, was seine Stiefmutter alles getragen hatte. Tage vorher hatte er bei der Polizei nachgefragt, wie weit die Ermittlungen schon gediehen waren. Doch die Polizei tappte immer noch im Trüben und konnte ihm noch weniger sagen als er selbst ohnehin wusste.
Werner hatte noch vier Tage Urlaub. Während dieser Zeit versuchte er mit einem alten Drahtesel neue Erkenntnisse zu gewinnen, obwohl er nicht sehr gerne mit dem Fahrrad fuhr. Während dieser Zeit kehrten auch der Zuhälter und die Dirne zurück.
Ganz plötzlich waren sie im Gelderland wieder aufgekreuzt. Speckschwarte war es wieder einmal, der die Starix in Kevelaer zuerst gesichtet hatte. Er war – wie so oft – kreuz und quer durch das Gelderland kutschiert, als er plötzlich nahe des Bahnhofs in Kevelaer den rothaarigen Kopf der Dirne gewahrte.
Zunächst glaubte er an eine optische Täuschung. Als sich dann aber herausstellte, dass es wirklich die Starix war, folgte er ihn langsam und konnte dabei feststellen, dass sie in ihre Absteige zurückkehrte.
Speckschwarte raste sofort zu Werner nach Geldern und teilte ihm alles mit.
„Na endlich!" hatte dieser gesagt. „Und ich dachte schon, sie würden vielleicht für immer in Berlin bleiben. Hast du den Zuhälter auch gesehen? War sie allein, als du sie bemerkt hast?"
„Sie war ganz allein und ging später wieder zu ihrer Absteige. Sie hatte nur eine Tasche bei sich."
„Was mag sie bewogen haben, jetzt schon wieder zurückzukehren?" sinnierte Werner.
Aber Speckschwarte meinte: „Das ist doch jetzt völlig egal. Die Hauptsache ist doch, dass sie nun wieder da ist. Wir können bald zuschlagen, zumal sie vielleicht irgendwelche Sachen Deiner Stiefmutter behalten hat und wir die genaue Beschreibung dieser Sachen haben…"
„Ja", gab ihm Werner recht, „der Inhalt der Tasche war: eine Geldbörse, Hausschlüssel, Fotos und Kosmetika, Mantel grün, Rock braun, Bluse weiß, Handschuhe schwarz wie die Tasche, Stöckelschuhe schwarz-weiß, Strümpfe hell, Unterrock rosa, Slip und BH schwarz…"
Werner machte eine Pause, fragte dann aber: „Was machen wir, wenn die Nutte alles vernichtet hat?"
„Das glaube ich nicht, denn dazu ist sie zu gierig und zu eitel."
„Hoffentlich hast du recht", meinte Werner. Es schien jetzt, als würden sich die Dinge überstürzen. In der Folge passierten mehrere Dinge gleichzeitig.
Zunächst hatte Ilse Starix wieder ihr Zimmer in Kevelaer bezogen und Liselotte Gibronski verabschiedet. Mit Schwilger hatte die Starix ausgemacht, dass man getrennt leben wolle.
Der Zuhälter lebte daher mit Ella Bürgel in Essen.
Zwei Tage nach der Rückkehr der Starix und Schwilgers wurde der Zuhälter mit der Dirne Ella Bürgel festgenommen. Man nahm sie polizeilich gehörig in die Zange. Beide legten ein umfassendes Geständnis ab. Dieter Heinrich hatte nämlich ohne Wissen von Werner und Speckschwarte der Polizei einen Tipp gegeben. Die Untersuchung der Haare des Unholds, die dieser bei der Schändung beim Opfer zurückgelassen hatte, ohne es zu ahnen, ergaben einen ziemlich deutlichen Beweis. Da er zudem ein Geständnis ablegte, weil man ihm in anderer Sache einen Mord in Essen anzuhängen drohte, so dass ihm das kleinere Übel erträglicher schien, machte sich die Polizei sogleich daran, die Kollegen in Kevelaer zu benachrichtigen, die dann Ilse Starix als „alte Bekannte" verhafteten wollten. Doch ihr Weg war umsonst. Den ganzen Tag und die folgende Nacht schob ein Wachposten der Polizei vor dem Zimmer 112 Wache. Die Dirne tauchte nicht auf. Hatte sie Verdacht geschöpft, Lunte gerochen? Oder hatte sie einen Tipp bekommen?
Die Polizei selbst ließ diesen Verdacht aufkommen. Als Ilse Starix nämlich an diesem so ereignisreichen Tag in ihr Hotel zurückkehrte und dazu ein Taxi verwendete, da sie in Goch ihr Glück versucht hatte, hatte sie dem Fahrer als Ziel den Bahnhof Kevelaer genannt. Von dort aus ging sie in der Regel das kurze Stück bis zu ihrem Hotel zu Fuß. Als sie dort anlangte, gewahrte die Dirne rechtzeitig noch den Polizeiwagen vor dem Hoteleingang, der gerade wegfuhr. Sofort eilte sie zurück zum Bahnhof, nahm sich ein Taxi, da sofort der Verdacht in ihr auftauchte, dass die Polizei wegen ihrer Person da gewesen war und man nach ihr suchte.
Unterwegs band sie sich ein Kopftuch zur Tarnung um, damit ihr rotes, auffälliges Haar nicht sichtbar war. Sie ließ sich schnurstracks nach Essen fahren und dachte unterwegs erschrocken an die Tasche des Opfers, die sie zuerst in ihrem Zimmer hatte lassen wollen. Nur gut, dass sie dieselbe mitgenommen hatte! Aber sogleich musste sie auch entsetzt an eine andere Sache denken. Ihr fiel nämlich ein, dass sie die Schuhe des Opfers noch im Kleiderschrank in ihrem Zimmer zurückgelassen hatte. Das konnte ihr zum Verhängnis werden. Sicher würde man eine Hausdurchsuchung machen, ihr Zimmer auf den Kopf stellen. Ob man sie dann finden würde? Sie versuchte sich selbst einzureden, dass man sie vielleicht nicht entdecken und – wenn ja – für ihre eigenen Schuhe halten könnte. Ansonsten gab es nichts, was sie verraten konnte. Nur wenn man sie schnappte und einer Leibesvisitation unterzog, würde man den BH und Slip des Opfers und dessen Tasche finden. Die Tasche hingegen trugen in dieser Form und Farbe so viele Frauen im Gelderland, dass es schwer fallen würde, darin einen Gegenstand des Opfers und einen Beweis zu sehen. Nur der Inhalt konnte sie freilich verraten, denn den Schlüssel, die Bilder sowie den Spiegel hatte sie aus unerfindlichen Gründen in der Tasche belassen.
Sie fragte sich, ob die Polizei auch schon bei Schwilger gewesen sein mochte. Ob nicht Schwilger sie vielleicht sogar verraten hatte? Sie überlegte, wo sie hinfahren sollte, ging in Gedanken die Reihe ihrer Freunde und Freundinnen durch und fragte sich, wer von ihren Bekannten am meisten von ihr abhängig war und ihr würde helfen können.
Sie verfiel auf die 24jährige Prostituierte Karin Spaten, die ihr immer hörig gewesen war. Man musste sie halt entsprechend unter Druck setzen, wenn sie nicht mitspielen wollte.
Sie ließ sich einige hundert Meter vor Karins Wohnung absetzen, legte den Rest zu Fuß zurück, nachdem sie den Fahrer entlohnt hatte.
Karin empfing sie zwar ein wenig erstaunt, da sie aber in einem Abhängigkeitsverhältnis von der Starix lebte, blieb ihr nichts weiter übrig, als ihr zu Diensten zu sein.
Es ist bezeichnend, dass die Dirne die um fünf Jahre jüngere Karin Spaten völlig beherrschte. Dies ließ sie Karin auch sogleich deutlich spüren.
„Die Polizei sucht mich wahrscheinlich", sagte sie sofort bei ihrem Eintreten. „Ich muss mich hier einstweilen verstecken! Und du hältst deine Schnauze, verstanden?"
Karin konnte nur stumm und untergeben nicken. Sie hatte diese brutale Person schon immer gefürchtet. Aber seit sie mit der Starix einmal auf dem Straßenstrich in Essen einen Freier ausgeraubt hatte, den beide vorher aus diesem Grund besoffen gemacht hatten, war sie völlig in der Hand dieser Sadistin. Denn dass sie eine Sadistin war, hatte die Spaten oft genug zu spüren bekommen.
Ilse Starix eilte in Karins Wohnung sofort zum Telefon und versuchte, Schwilger anzurufen. Aber sie erreichte ihn nicht. Ein wenig missmutig und innerlich erregt, legte sie wieder auf. Womöglich hatte man den Zuhälter gefasst. Unter Umständen hatte er sogar alles verraten. Und wie sie ihn kannte, würde er prompt alles von sich abwälzen und auf sie schieben, um sich selbst reinzuwaschen. Dazu kannte sie ihn wirklich gut genug.
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Während die Dirne ihre Sicherheitsvorkehrungen, wie sie meinte, getroffen hatte, saßen Speckschwarte und Werner ahnungslos in Werners Wohnung am Heiligenweg in Geldern, wo die Leute noch immer ein- und auszogen wie die Vögel vor und nach der Brut, und unterhielten sich.
„Langsam wird mir die Sache zu bunt und nervenaufreibend", sagte Werner gerade ziemlich resigniert. „Wir müssen uns jetzt wirklich etwas einfallen lassen, um dem ganzen Spuk ein Ende bereiten. Ich kann nicht noch mehr Tage bei dem Wochen-Anzeiger frei bekommen. Das hängt einfach nicht drin, mein Lieber. Langsam bin ich die Sache leid!"
Er schnippte die Asche von der Zigarette und sah Speckschwarte zu, der an seinen Fingernägeln herumknabberte und antwortete: „Mir ergeht es nichts anders. Aber was sollen wir tun? Wir können ja nicht einfach zu den Verdächtigen hingehen und ihnen sagen: ´Gesteht nur eure Schandtat ein – wir wissen genau, dass ihr die Schweinerei begangen habt!` Das würde man uns dann arg verübeln…"
Er unterbrach sich, denn just in diesem Moment schellte es, als wenn ein Verrückter den Klingelknopf unten am Heiligenweg betätigen würde.
Werner sprang sofort auf und eilte überhastet zur Haustür, um oben am Drücker zu öffnen.
Speckschwarte hatte vorsichtshalber die Hand am Abzugsbügel seiner Pistole, die er in dieser Zeit stets bei sich trug. Als Werner öffnete, prallte er mit Dieter Heinrich zusammen, der sehr aufgeregt wirkte und völlig außer Atem war.
„Man hat sie erwischt!" brüllte Heinrich so laut, dass Werner sich die Ohren zuhalten musste.
„Sie haben schon ein Geständnis abgelegt…"
Werner und Speckschwarte sahen sich verblüfft an „Wen hat man erwischt?" fragte Werner.
„Die Unholde natürlich!"
„Was? Alle zwei?"
„Aber sicher doch!"
„Und wie ist das geschehen? Woher weißt du das denn überhaupt?" fragte Werner noch immer verwunderte und ungläubig.
„Die Sache war ganz einfach. Ich rief die Kripo an und teilte ihr mit, ich wüsste, wer das Verbrechen am Florianweg begangen hätte. Die Polizei sauste sofort los und nahm den Zuhälter und seine Dirne fest. Schwilger nennt er sich, der Zuhälter. Die bei ihm weilende Nutte heißt Ella Bürgel. Beide legten sofort ein Geständnis ab. Die Bürgel hatte ja mit der Sache nichts direkt zu tun, aber sie war Mitwisserin. Beide schoben allerdings die Schuld auf die Starix. Die hat man aber noch nicht, aber man sucht sie überall wie verrückt. Die Bürgel ließ man wieder laufen, aber der Zuhälter sitzt in Essen im Bau und soll hier nach Moers verlegt werden wegen der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen. Die Starix wollte man im Hotel in Kevelaer festnehmen, aber sie muss wohl Lunte gerochen haben, denn sie tauchte dort nicht mehr auf. Weiter habe ich die Sache nicht verfolgen können, denn ich bin gleich hier nach euch geeilt, um es euch mitzuteilen..."
23
Er schwieg nach diesen Worten fast erschöpft, da es nur so aus ihm herausgesprudelt war. Auch Speckschwarte und Werner schwiegen zunächst und schauten sich noch immer verdutzt an.
„Dann wäre der Fall also erledigt", stellte Werner schließlich fest und sah auf seine Uhr, die 22:14 Uhr anzeigte. „Ich hebe also die Belagerung meiner Burg auf. Zwar scheint mir das alles etwas sonderbar und sogar komisch, aber es ist auch schon zu spät, um jetzt noch Sigrid zu benachrichtigen. Ich werde das morgen tun!"
Er wandte sich Heinrich zu: „Wie bist Du überhaupt auf die Idee gekommen?"
„Weiß ich auch nicht", meinte dieser, „die Idee überfiel mich plötzlich!"
Ich werde mich morgen bei Euch erkenntlich zeigen, weil Ihr mir geholfen habt!"
Speckschwarte und Heinrich lehnten entrüstet ab. „Das war doch selbstverständlich", meinte Speckschwarte. „Immerhin ist Sigrid meine Schwester! Wir sind ja alle beide nicht ganz astrein!"
Und Heinrich meinte: „So weit ist es doch noch nicht mit uns gekommen! Du hast Schwierigkeiten und Unkosten genug gehabt…"
Sie rauchten, und Speckschwarte meinte schließlich: „Ich werde also heute Abend noch zu meiner Großmutter und meiner Alten zurückkehren. Du selbst brauchst ja jetzt keine Angst mehr zu haben, wenn Du allein hier schläfst. Ich aber muss unbedingt wieder einmal bei der Großmutter vorbeischauen, sonst wird diese es mir sehr verübeln, dass ich mich so lange Zeit nicht mehr habe bei Ihr sehen lassen."
Werner bedankte sich und begleitete seine Freunde, die sein Schicksal kurzweilig mit ihm geteilt hatten, bis zur Tür, wo er sich herzlich von ihnen verabschiedete, bis Speckschwartes VW unten davonbrauste. Er schloss dann wieder die Haustür, setzte sich ins Wohnzimmer und dachte nach.
Jetzt, wo alles geklärt schien, merkte er auf einmal die große und bleierne Müdigkeit des Leibes und der Seele. Seine Knochen kamen ihm wie zerschlagen und gerädert vor. Es war, als stürme jetzt alles auf einmal auf ihn ein.
Er rauchte und trank einen Kaffee. In diesem Augenblick kam er sich besonders allein vor und hätte etwas darum gegeben, wenn jetzt Sigrid bei ihm gewesen wäre. Und er stellte sich die Frage, was sie jetzt wohl machte?
Ob sie schon schlief?
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Die nächtliche Besucherin
Werner stand auf und ging zum Fenster, sah sinnend in den jetzt schon dunklen Innenhof am Heiligenweg hinab. Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch, griff zu einem Buch und blätterte darin.
Aber bald legte er es wieder zur Seite, stützte den Kopf in beide Hände und grübelte intensiv über die aufregende vergangene Zeit nach.
Er musste erst einmal die Dinge wieder richtig einordnen. So ging das nicht weiter! Das Leben der vergangenen Wochen hatte ihn stark verändert – wie sehr, vermochte er selbst noch nicht recht zu sagen, obschon er sich darüber klar war, dass es ihn aus dem monotonen Einerlei des Alltagslebens herausgerissen hatte. Er hatte vor, Sigrid in den nächsten Tagen einen Heiratsantrag zu machen, denn er war selbst am meisten erstaunt und dachte: ´Wie sehr sie sich in der kurzen Zeit verändert hat! Eine ganz neue Sigrid ist aus der alten zum Vorschein gekommen!`
Er stand wieder auf und schritt in der Wohnung umher. Etwa eine Stunde mochte er so umhergewandert sein, als ihn die schrille Klingel aus den Gedanken riss und in die Wirklichkeit zurückholte.
Er dachte: ´Wer kann das sein? Vielleicht Speckschwarte, der etwas vergessen hat?`
Dann aber schritt er sehr entschlossen zur Haustür und öffnete diese.
Eine Frauengestalt stand vor ihm, als er die Tür öffnete. Sie trug ein Kopftuch, so dass Werner sie in der Dunkelheit des Flurs nicht richtig zu sehen vermochte.
Sie bat um Einlass. „Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu besprechen", sagte sie.
Werner ließ sie in die Wohnung, schloss die Tür dann wieder und führte sie ins Wohnzimmer.
Hier tat sie ihr Kopftuch ab. Brandrotes Haar flutete zu den Schultern herab.
Es war Ilse Starix.
Werner starrte sie entgeistert an.
„Raus!" sagte er dann laut und mit eiserner Stimme. Mit der Hand wies er zur Tür.
Wenn er alles an diesem Abend erwartet hatte – dies auf keinen Fall.
Die Dirne rührte sich nicht.
„Raus!" brüllte er nun aufgebracht. „Wie kommen Sie überhaupt nach hier! Ich denke, Sie sitzen schon längst hinter Schloss und Riegel, wo Sie hingehören!"
Drohend trat er auf sie zu.
Sie wich zurück, fauchte: „Das würde ich Ihnen nicht raten! Ich wundere mich, warum Sie so brüllen. Habe ich irgendetwas verbrochen?" Das war der Gipfel! Ihm verschlug es nun fast die Sprache ob dieser Unverschämtheit. „Das fragen Sie noch?! Sie haben genug verbrochen, dass es für etliche Jahre Knast reichend wird. Erst verleumden Sie Sigrid, dann lassen Sie auch noch meine Stiefmutter überfallen…"
„Das ist es ja gerade", sagte sie gelassen.
„Man verdächtigt mich, obwohl es der Schwilger war. Ich kann mir natürlich vorstellen, dass er nun alles auf mich schiebt. Doch ich schwöre Ihnen, dass ich nichts damit zu habe! Sie müssen mich hier verstecken, denn die Polizei sucht mich. Hier bei Ihnen wird man mich am wenigsten suchen. Ich kann Ihnen die Zeit dabei angenehm vertreiben. Doch schlage ich vor, dass Sie mir zunächst einmal gestatten, dass ich meinen Mantel ablege…"
Das sagte die Starix aber nur, weil sie sich bewusst zurechtgemacht hatte.
Sie zog ohne Aufforderung ihren Mantel aus, hatte darunter einen so kurzen Rock an, dass Werner trotz seiner Wut einen Augenblick wie gebannt auf ihre strammen Schenkel starrte, als sie sich ohne seinen Segen auf das Sofa setzte und die Beine übereinanderschlug, dass selbst der Ansatz des Gesäßes sichtbar wurde.
„Sind Sie denn wahnsinnig!" fuhr Werner die Dirne an, nachdem er sich von seiner Verdutztheit erholt hatte. „Ich soll Sie hier verstecken? Bei mir? Bei Ihnen streikt wohl der Verstand! Bei Ihnen piept´s wohl?!"
Er zeigte dann wütend mit dem Finger an die Stirn. „Keinen Augenblick länger werde ich das dulden. Ich will meine Finger gar nicht schmutzig machen, sonst würde ich Sie auf der Stelle windelweich schlagen. Die Polizei wird sich sehr schnell mit Ihnen befassen!"
Schon eilte er zum Telefon und wählte…
„Ihr Vater würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er jetzt sehen könnte, wie sein Sohn gerade im Begriff ist, seine Geliebte zu verraten!" klang die beinahe ruhige Stimme der rotharrigen Dirne an sein Ohr.
Er hielt verdutzt inne und legte den Hörer auf die Gabel zurück, blieb vor der Dirne, die in einer äußerst schamlosen Stellung verharrte, stehen: „Was haben Sie da gerade gesagt? Mein Vater ist schon lange tot und hat mit der ganzen Sache nichts zu tun…"
„Ich war die Geliebte ihres Vaters!" rief die Starix triumphierend aus. „Aber setzen Sie sich! Das macht mich nervös, wenn Sie da wie ein Roboter stehen und mich so entgeistert anstarren. Ja, es stimmt! Was ist denn schon dabei, wenn ich einmal die Geliebte Ihres Vaters war?"
„Sie spinnen!"
Mehr sagte er nicht, brachte auch nicht mehr heraus. Wie erschlagen ließ sich Werner in den Sessel fallen. Was war das nun wieder für ein neuer fauler Trick der Dirne? Aber dann spürte er mit untrüglicher Gewissheit, dass sie diesmal nicht log. Dazu war ihr Gesicht zu hochmütig, war die ganze Situation auf Wahrheit hinweisend. Und sie war sehr selbstsicher. Was mochte jetzt auf ihn zukommen? „Schießen Sie los!" sagte er gequält und versuchte dabei, seiner zitternden Stimme einen festen und sicheren Klang zu geben.
„Sie werden mich also nicht hinauswerfen – das weiß ich! Ihr Vater hat mir ein Kind abtreiben lassen, damit Ihre Mutter nicht davon erfahren sollte. Er wollte nicht für Dauer an mich gebunden sein. Wissen Sie auch, dass er mich auf den Strich getrieben hat? Ihrem Vater habe ich es zu verdanken, dass ich heute eine Nutte bin!"
Sie sagte es hart und wie ein Mensch, der fest davon überzeugt ist, was er sagt.
„Das ist wahnsinnig! Das ist nicht wahr!" stöhnte Werner.
„Aber es ist wahr! Ja, meinen Sie denn, Ihre Mutter hat damals aus Jux und Dollerei Selbstmord begangen – und Ihr Vater später auch…?"
„Mein Vater auch?"
„Natürlich! Man hat es Ihnen damals nur nicht gesagt, damit Sie glauben, es sei ein Unfall gewesen. Man fürchtete um Ihre Gesundheit."
Das alles war so ungeheuerlich, dass Werner die Worte der Dirne, die diese mit wahrer Genugtung losschleuderte, gar nicht richtig in sich aufnahm, obschon er jedes Mal heftig zusammenzuckte. Wie wir Menschen oft die schrecklichsten und persönlichsten Dinge mit einer beängstigenden Gleichgültigkeit aufnehmen und erst fiel später die wahre Bedeutung des Gehörten und Gesagten erfassen und ergriffen werden, so sollte es diesmal auch Werner ergehen.
Woher kennen Sie meinen Vater?"
„Von der Straße!" sagte sie brutal-grausam und registrierte diabolisch, wie er erneut heftig zusammenzuckte.
„Was heißt das?" wollte er wissen.
„Machen wir uns nichts vor", meinte sie und spreizte ein wenig die angezogenen Bein, ließ ihren schwarzen Slip sehen. Sie wissen so gut wie ich, dass ich meinen Körper gegen Geld vermiete. Nun gut, was ist schon dabei! Wenn man so einen guten Körper hat wie ich und damit Geld machen kann, wäre man blöde, es nicht zu tun. Als ich damals Ihren Vater traf, war ich knapp 19 Jahre alt, vermietete allerdings schon meinen Körper und bot mich in Essen auf der Straße an. Dabei lernte ich eines Tages Ihren Vater kennen, der ein wenig betrunken war und mich ansprach. Wir fanden Gefallen aneinander und trafen uns deshalb heimlich. Obwohl Ihr Vater dahinter kam, dass ich einem zwielichtigen Gewerbe nachging, verurteilte er mich nicht. Ihre Mutter kam natürlich bald dahinter. Ihr Vater bezahlte auch ein Zimmer für mich und besuchte mich dort von Zeit zu Zeit. Es kam dabei natürlich stets zum Bumsen, wie Sie sich vorstellen können…"
Sie unterbrach sich, nestelte an der Tasche herum und holte einige alte, bereits vergilbte Fotos heraus, hielt sie Werner entgegen: „Da! Sie wurden damals gemacht, als ich mit Ihrem Vater beisammen war. Er hat sie mir zur Erinnerung geschenkt…"
Werner nahm die Bilder und warf einen kurzen Blick darauf, sah, dass sie fast alle seinen Vater mit einem jungen Mädchen zeigten, in dem man deutlich die jetzige Ilse Starix wieder erkennen konnte. Er schob die Bilder zurück.
„Sie glauben mir also?" fragte sie lauernd und zündete sich ungeniert eine Zigarette an.
„Muss ich ja wohl schon", meinte Werner, „aber glauben Sie nur nicht, mich damit erweichen zu können. Wenn Sie glauben, mich mit dem Gesagten schockieren zu können, muss ich Sie enttäuschen, denn das, was Sie mir da alles erzählen, habe ich längst von meiner Stiefmutter erfahren…"
Seine Stimme klang sehr beherrscht, als er das sagte.
„Das kann nicht wahr sein!" geiferte die Starix entsetzt und wurde blass. Ich weiß genau, dass es nicht wahr sein kann!"
„So, Sie wissen es? Vielleicht verraten Sie mir einmal, woher Sie das wissen wollen?" höhnte Werner und sprang jetzt auf. „Ich habe mich schon viel zu lange mit Ihnen unterhalten."
Nach diesen Worten griff er blitzschnell zu ihrer Tasche, die sie auf den Tisch gestellt hatte, öffnete sie, sah einige Bilder und den Hausschlüssel seiner Stiefmutter darin liegen, und machte dann die Tasche zu.
Auch die Starix war jetzt aufgesprungen und zu ihm hingestürzt, als er zu der Tasche griff. Sie versuchte nun, ihm die Tasche zu entreißen. Rücksichtslos ergriff er ihren Arm und schleuderte sie zurück.
„Die Polizei wird sich ganz besonders für diese Tasche interessieren!" sagte er. „Ihr Spiel ist aus, Sie Teufelin!"
Er sprang auf sie zu, als er bemerkte, dass sie fliehen wollte. Hart packte er ihre Haare und schleifte sie über den Boden zurück ins Wohnzimmer. Eine ohnehin unbändige Wut hatte ihn erfasst.
„Sie alte Hexe haben meinen Vater und meine Mutter auf dem Gewissen, das werde ich Ihnen nicht vergessen!"
Er warf sie brutal aufs Sofa und schlug ihr rechts und links ins Gesicht, dass es laut klatschte.
Als sie sich wehrte und aufzurichten versuchte, stieß er sie kräftig vor die Brust, dass sie erneut zurückflog.
„Das ist für Sigrid!" sagte er und keuchte dabei vor Anstrengung.
Die Dirne schrie und tobte. Plötzlich schrie sie sogar laut um Hilfe, dass es durch das ganze Haus schallte.
Er schlug ihr auf den Mund, riss sie erneut an den Haaren und schleifte sie durch die Wohnung. Er war wie von Sinnen. Während er mit der einen Hand die strampelnde Dirne fest an den Haaren hielt, wählte er mit der anderen und rief die Polizei herbei.
Eine viertel Stunde später war ein Streifenwagen der Gelderner Polizei zur Stelle und nahm nicht gerade sanft die Dirne mit. Auf der Polizeiwache unterzog man sie einer Leibesvisitation, wobei der Slip, BH und die Strumpfhose des Opfers zum Vorschein kamen und als Beweis gleich beiseite gelegt wurden, denn Werner hatte den Beamten vorher den Tip dazu gegeben. Er hatte auch die Handtasche seiner Stiefmutter als Beweisstück den Polizeibeamten gegeben. Als die Dirne abgeführt worden war, hatte sie längst nicht mehr so selbstsicher gewirkt. Die Handschellen waren zugeschnappt. Und als die Beamten sie an Werner vorbeiführten, warf sie ihm einen so hasserfüllten Blick zu, dass ihm schauderte.
Werner hingegen konnte sich nicht verkneifen zu sagen: „Schade, dass ich Sie jetzt nicht mehr zu meiner Hochzeit mit Sigrid einladen kann! Aber das wird ja schlecht gehen, wenn sie jetzt in Staatspension ziehen…!"
„Schwein – dreckiges!" hatte sie ihm noch zugezischt, bis die Beamten sie vorwärtsstießen und energisch in den Wagen drängten, der kurz darauf davonbrauste.
Erschöpft ließ Werner sich danach in einen Sessel fallen. Er dachte an Sigrid. Wie hätte er gerade jetzt ihrer bedurft. Ihre Gegenwart und ihres Daseins! Es war ein bisschen viel gewesen, dieser Abend. Zwar war die Sache nun endgültig ins Reine gebracht worden, aber das, was er durch die Dirne erfahren hatte, war nicht gerade dazu angetan, ihn zu beruhigen in irgendeiner Form.
Er nahm diesmal zwei Schlaftabletten, zog sich aus und versuchte zu schlafen. Die Erschöpfung und Aufregung des vergangenen Tages ließen ihn bald in einen traumlosen, tiefen Schlaf fallen.
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Als Werner erwachte, war es 11 Uhr. Er stand nicht gleich auf, sondern blieb liegen, sammelte alle seine noch unklaren Gedanken und versuchte, sich an den gestrigen Abend zu erinnern und diesen rationell einzuordnen, um die logische Reihenfolge des Geschehens wiederherzustellen.
Erst eine gute Stunde später stand er auf, ging zum Telefon, rief Sigrid an und teilte ihr mit, was alles geschehen war, besonders, dass man den Zuhälter gefasst hatte und der Fall nun aufgeklärt war. Er versprach ihr, nachmittags zu kommen und sie wieder abzuholen. Während er mit Sigrid telefonierte, geschah etwas Seltsames: Er warf alle Bedenken, die er bisher hatte, über Bord, gab sich frei und munter, richtete sein Bewusstsein und seine Vortstellungen nur noch auf Sigrid, verschwieg dieser aber, was er alles von der Dirne erfahren hatte. Er nahm sich aber gleichzeitig vor, es ihr später zu einem geeigneten Zeitpunkt mitzuteilen, da er ihr völlig vertraute.
Beim Anziehen kehrte seine gute Laune immer mehr zurück. Er pfiff vor sich hin und freute sich auf das jetzt erst völlig ungezwungene Treffen mit Sigrid, das nicht von Unannehmlichkeiten überschattet wurde. Ja, er wollte noch heute mit ihr zurückkehren, um ihr einen Heiratsantrag zu machen!
Nachdem er mit dem Anziehen fertig war, begab er sich in die Stadt. Diesmal ging er zu Fuß über den Florianweg in die Stadt hinein. Ihm war nämlich eingefallen, dass er Sigrid noch nie etwas geschenkt hatte. So wollte er ihr diesmal ein schönes Geschenk machen. Während er durch die Fußgängerzone bummelte, musste er mysteriöserweise an Helma denken, die jetzt noch immer in Bocholt im Heim war. Am Anfang hatte zwischen ihm und ihr noch ein Briefaustausch stattgefunden. Er und Sigrid hatten auch vorgehabt, Helma zu besuchen. Infolge der ganzen Aufregung war es dazu aber nicht gekommen. Er nahm sich daher vor, Helma zu schreiben, wenn er aus der Stadt zurückkehrte. Was sie wohl sagen würde, wenn sie von dem Verhältnis zwischen ihm und ihrer Schwester erfuhr?
Für Sigrid kaufte er in der Stadt ein schönes Armband und einen wunderschönen Pulli, denn sie einmal mit ihm bewundert hatte bei einem abendlichen Bummel. Er wusste ja, wie gerne sie Pullis trug und von diesen schwärmte.
Als er zurückbummelte, kam ihm der Gedanke, Sigrids Großmutter zu besuchen, die er in all den vergangenen Wochen nur einmal besucht hatte.
Er ging das Issumer Tor hoch und bog dann rechts bei der Polizei an der Kreuzung ab. Bald stand er vor dem ihm vertrauten Haus, klingelte und wurde von Frau Ottilie eingelassen. Wie üblich, schaute ihn diese misstrauisch an und ließ ihn – ohne Erwiderung des Grußes – mit säuerlicher Miene passieren.
Speckschwarte war nicht da, obwohl Werner es insgeheim gehofft hatte. Die Großmutter saß in ihrem alterprobten Lehnstuhl am Fenster und ließ deutlich erkennen, dass sie sich über sein Kommen freute. Ein listiges Lächeln vertiefte die Fältchen in ihrem Gesicht, als sie auf das Sofa wies.
„Nun, junger Mann, wie ist eure Liebe vorangeschritten?"
Sie kicherte vernehmlich. „Mein Enkel hat mir schon von Euren Taten erzählt. Er hat sich aber lange nicht mehr hier blicken lassen. Bei Eurer Aktivität kann ich das durchaus verstehen. Wann wird Sigrid zurückkkommen?"
Werner musste ein wenig über den Eifer der alten Frau lächeln. „Ich habe vor", teilte er ihr mit, „Sigrid einen Heiratsantrag zu machen…!"
Das hatte gesessen!
Die alte Frau stampfte mit ihrem Stock heftig wie zur Bestätigung auf den Fußboden. „So ist es recht!"
Sie war ansonsten nicht im geringsten erstaunt über seine Worte, sondern meinte: „Ich habe mir das schon lange gedacht. Zum Trost kann ich Ihnen jetzt schon sagen, dass Sigrid den Antrag annehmen wird. Doch seien sie gut zu ihr…Habt Ihr inzwischen miteinander geschlafen?"
Sie fragte es in ihrer stets unverblümten Art, so dass Werner rot wurde und herumdruckste:
„Nicht direkt…." Er fuhr sich durchs Haar und dachte: `Was die aber auch alles fragt!`
„Papperlapapp", nuschelte Großmutter, „was heißt: nicht direkt? Solche Dinge kann man sehr direkt tun, anders geht es wohl nicht dabei!"
„Nun ja, bald wird es ja auch direkt geschehen, wenn es Sie beruhigt!"
„Sooo!? Hm… Eine scheußliche Geschichte – das mit ihrer Stiefmutter! Und Sigrid ist also noch auf dem Bauernhof da bei Münster?"
„Ja."
„Fühlt sie sich denn da wohl?"
„Ich glaube schon."
Sie nahm einen kräftigen Schluck Bier aus der Flasche, die sie neben sich stehen hatte. Dann rülpste sie laut und ungeniert und wischte sich mit der Hand den Mund ab. „Wann wird meine Enkelin zurückkommen?"
„Ich werde sie wahrscheinlich heute Nachmittag noch holen, wenn ich zu ihr fahre."
Großmutter räusperte sich laut, nahm noch einen kräftigen Schluck aus der Flasche. „So ist´s recht!"
Frau Ottilie erschien in diesem Moment und jammerte auch sogleich darüber, welch „schreckliche Sachen heutzutage passieren". Dabei fuchtelte sie mit den Händen in der Luft herum, als versuchte sie imaginäre Gestalten zu fassen.
„Papperlapapp!" sagte jedoch die Großmutter zu ihrer Tochter. „Papperlapapp, Ottilie – was verstehst Du schon davon? Du kannst ja nicht einmal das eigene Haus sauber halten. Also halte gefälligst den Mund und begib Dich an die Arbeit, um den Saustall auszumisten. Du wirst aber auch nie fertig! Hier gibt es für Deine neugierigen Ohren nichts zu hören!"
Beleidigt zog Großmutters Tochter ab.
Aber bereits eine viertel Stunde später tauchte die dicke Frau schon wieder auf. Die Neugierde hatte sie wieder herbeigetrieben. Sie steckte den Kopf durch die Tür: „Hast du mich gerufen, Oma?"
Sie sagte zu ihrer Mutter stets "Oma" - wie ihre eigen Kinder.
Aber Werner war nicht mehr da, so dass sie ziemlich enttäuscht ganz ins Zimmer kam. „Was hat er gesagt, he?" fragte sie mit vor Neugier funkelnden Augen.
„Nichts hat er gesagt – nur, dass er Sigrid heiraten wird. Noch heute vor Sonnenuntergang will er ihr einen Heiratsantrag machen!" antwortete die Großmutter.
24
„Ein hübscher Bengel ist er ja gewiss!" ließ sich die Stimme der Tochter vernehmen. Sie verdrehte sogar genüsslich die Augen und leckte sich mit der Zunge über die Oberlippen, versuchte, ihren Hängebrüsten ein wenig Festigkeit zu verleihen, indem sie dieselben herauszuwölben versuchte. Großmutter sah es mit missfallendem Blick.
„Das will ich wohl meinen, dass er ein hübscher Bengel ist", sagte die Großmutter, die ihre Tochter über die Brille hinweg betrachtete und sich über deren Bemühen um Attraktivität insgeheim köstlich amüsierte. „Aber Du wirst so einen nie bekommen! Schau Dir nur deine Gummiklötze an! Solche Brustpendel mag kein Mann bei einer Frau leiden. Ich habe Dir doch schon oft genug gesagt, dass Schlampen bei den Männern nicht gefragt sind!"
Solche Worte sagte sie ihrer Tochter nicht selten. Schonungslos offen kritisierte sie das schlampige und lüsterne Verhalten ihrer dicken Tochter. Allen anderen gegenüber war sie längst nicht so hart und unnachgiebig, denn sie konnte es ihrer Tochter nie verzeihen, dass sie Klaus Gewis geheiratet hatte, der die ganze Familie verdarb und verkommen ließ. –
Auf dem Höhepunkt des Glücks
Für Sigrid hing momentan der ganze Himmel voller Trompeten!
Als sie vor Stunden Werners Anruf erhielt, atmete sie auf. Sofort hatte sie es Iris mitgeteilt: „Wahrscheinlich werde ich Euch heute noch verlassen…" Aber dann hielt sie inne, denn erst jetzt kam ihr ganz deutlich zu Bewusstsein, was das Wort „verlassen" eigentlich für eine Bedeutung hatte. Diese Bedeutung wurde auch aus Iris Gesichtsausdruck ersichtlich. Sie musste sich eingestehen, dass es ihr sehr schwer fiel, die Menschen hier auf dem Hof zu verlassen, obwohl sie sich andererseits verständlicherweise auf die Rückkehr freute. Sie war traurig, den Hof, der ihr ein wenig zur Heimat geworden war, so plötzlich den Rücken kehren zu müssen.
„Du gehst also wirklich?" Iris fragte es sehr traurig. Und zum ersten Mal stellte Sigrid fest, dass ihr liebes Gesichtchen nicht lachte, sondern sehr bedrückt aussah.
Sigrid legte ihr daher den rechten Arm um die Schulter: „Sei nicht traurig! Wir trennen uns ja nicht für immer. Ich werde Euch oft besuchen kommen. Und auch Du darfst uns in Geldern besuchen. Dann werden wir beide durch die Stadt bummeln und wie feine Damen die Männer verwirren."
Iris lächelte traurig zu ihr auf. „Wenn Du nicht mehr da bist, wird es hier wieder so langweilig sein, wie es vorher war!"
Die Kleine war also eifersüchtig! In Sigrid stieg ein warmes Gefühl auf. Sie drückte das Mädchen fester an sich, da es jetzt zu weinen begann. „Mir fällt es auch nicht leicht, von hier fortzugehen, das darfst Du mir glauben. Aber ewig kann ich ja auch nicht hierbleiben, das musst Du doch verstehen!"
Iris nickte tapfer und wischte sich ihre Tränen mit dem Handrücken aus den Augen.
In Windeseile hatte es sich natürlich auf dem Bauernhof herumgesprochen, dass Sigrid den Hof verlassen wollte. Jedermann drückte sein ehrliches Bedauern darüber aus. Ihnen allen war Sigrid ans Herz gewachsen. Selbst August, der gerade Holz hackte, schlug mit seiner Axt noch wilder und ausgelassener zu, als er davon hörte. Johanna Arens, die gerade einer Kuh am Euter saß, zielte den Milchstrahl am Melkeimer vorbei, so dass die Milch auf den Mist spritzte. Joachim ließ sich nirgendwo sehen. Er hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen und melancholisierte vor sich hin, nahm es Sigrid regelrecht böse, dass sie so urplötzlich abreisen wollte. Maria war wohl die einzige Person, die ein wenig triumphierte, als sie davon erfuhr. Sie dachte sogleich an August, den sie nun wieder um den Finger wickeln konnte. Ihr schien es daher nur recht, dass Sigrid nun den Hof verließ, obschon sie ihr keineswegs mehr grollte. Es war ihr lediglich nicht recht, dass August sie vernachlässigt und nur noch Sigrid mit begehrlichen Blicken verfolgt hatte. Diese Gefahr war mit Sigrids Abreise gebannt, obwohl sie sich natürlich ihre eigenen Gedanken machte, da auch ihre Schwester Iris ständig hübscher wurde und August auch diese mitunter schon recht begehrlich ansah…
Die Bäuerin Marianne, gütig und ruhig, äußerte ihr Bedauern sehr herzlich, derweil Bauer Ernst ihr stumm die Hand drückte, als Werner dann endlich gegen 17 Uhr auf dem Hof auftauchte und Sigrid abholte. Die Verabschiedung war sehr herzlich. Man gab sich die Hand und versprach, sich gegenseitig zu besuchen. Der einzige Mensch, der nicht erschienen war, war Joachim, der sich noch immer eingeschlossen hielt und seinen Illusionen nachtrauerte.
Wenig später saßen Sigrid und Werner im Wagen und fuhren los. Werner erzählte unterwegs ziemlich umständlich, was sich alles zugetragen hatte, wie die Ereignisse sich überstürzt hatten, denn am Telefon hatte er nur kurze Anmerkungen gemacht.
Sigrid überwand in Werners Nähe bald ihren Abschiedsschmerz und fühlte sich sehr glücklich. Obwohl die Zeit auf dem Hof wirklich sehr lang gewesen war, dünkte ihr dieselbe doch wie ein halbes Jahrhundert Trennung von Werner.
Als sie am Heiligenweg in Geldern vor Werners Wohnung hielten ahnte sie ein unabwendbares Ereignis auf sich zukommen. Beschwingt folgte sie Werner nach oben und folgte ihm ins Wohnzimmer, legte dort ihren weißen Mantel ab.
Es war am späten Abend, als beide nach dem Abendessen gemütlich beisammensaßen.
„Sigrid", begann Werner, „jetzt, nachdem alles vorbei ist, möchte ich Dich etwas fragen…"
Aber dann schwieg er erst einmal eine Weile, machte eine bedeutungsvolle Pause, um seine Worte auch sorgfältig zu wählen.
„Willst du künftig das Leben mit mir teilen und meistern?" fragte er dann schlicht und offen.
„Soll das ein Heiratsantrag sein?"
„Zum Teufel! Natürlich!" sagte er gespielt ernst. „Also: willst du mit einem Trottel wie meine Person für immer durch das Leben pilgern?"
Als Antwort stand Sigrid auf, ging zu ihm hin, warf ihre Arme um seinen Hals und hauchte: „Das weißt Du doch schon längst! Ich liebe Dich so, dass ich alles möchte, was auch Du willst!"
Werner küsste sie und stand dann auf, wanderte im Wohnzimmer umher. Plötzlich ging er auf Sigrid zu, ergriff sie und trug sie ins Schlafzimmer. Sigrid lachte und strampelte, hielt sich mit den Armen an seinem Hals fest. Ihr Rock rutschte dabei immer höher…
Er ließ sie aufs Bett plumpsen und warf sich neben sie. Es war, als wenn jetzt alle so lange aufgestaute Leidenschaft auf einmal bei beiden aufbrechen würde.
Er küsste sie wild und leidenschaftlich, warf ihre hellblonden Haare zurück und küsste ihr Stirn, die Augen, Lippen, den Hals und die Nase. Sigrid hielt die Augen geschlossen. Alles an und in ihr war vor Erregung angespannt. Sie zitterte leicht, als sie fühlte, wie er beim Küssen langsam mit seinen Händen unter ihren Pulli kroch und die Brüste berührte. Sie trug keinen Büstenhalter, merkte aber, wie ein Kribbeln und eine erregende Gänsehaut über ihren Körper lief. Alles an ihr war eine einzige Bereitschaft, eine flammende Leidenschaft. Sie stöhnte vor Begehren und Wollust, als er jetzt stoßweise hervorhauchte: „Zieh Dich aus!"
Sie erhob sich – auch er erhob sich.
„Warte", sagte er und hatte sich flott entkleidet, war wieder ins Bett geschlüpft. „So jetzt kannst Du Dich ausziehen – aber mache es bitte recht langsam!"
Blind vor Liebe und Wollust gehorchte sie, denn sie war jetzt nur noch Gefühl, Empfindung, ganz Brunst und Liebe, ganz Hingabe und Gebende, die allerdings dadurch selbst empfing.
Langsam zog sie sich aus: zunächst ließ sie den kurzen Rock fallen, dann zog sie den Pulli aus. Besonders langsam und mit erotischer Genugtuung streifte sie bedächtig und aufreizend die Strümpfe ab und ließ den Slip ebenfalls folgen.
Nackt – bis auf die hohen Stöckelschuhe – schritt sie dann zum Bett.
Werner zog sie zu sich herunter. Es begann das alte, ja wohl älteste Spiel der Welt: Das Spiel der Liebe. Zwei Gewalten stießen hier aufeinander und durchdrangen sich gegenseitig mit ihren Gefühlen. Instinkt, Verstand, Qual und Lust sowie Leidenschaft mengten sich durcheinander und tasteten sich ab, suchten im Wollen der Erfüllung die Befriedigung flammender Leidenschaften.
Sie überschütteten einander mit Zärtlichkeiten. Werner war nicht schwach und zimperlich, so dass Sigrid sich oft unter seinen starken Armen bog und wand und vor Lust und Qual hätte schreien mögen; aber es war eine schöne Qual, die erwartet worden, ja gewollt war, die nach Mehr und konzentrierterer Form verlangte. Stumm kämpfen hier die Vertreter zweier Geschlechter für ihr Geschlecht; stumm rangen sie um Beherrschung des Anderen und seines Daseins, prallten aufeinander und versengten sich an den heißen Empfindungen.
Sigrids Körper zitterte wild und erregt wie im Fieber, aber sie wollte noch mehr, stieß tiefe Atemzüge aus, als sie fühlte, wie Werners kräftige Hände ihre Brüste fest umspannt hielten, sie streichelten und drückten, pressten und liebkosten, küssten und massierten, sein Begehren immer heftiger wurde, ehe es überhaupt zu einer Vereinigung gekommen war.
Aber es sollte noch besser kommen! Werner begann ihren Körper zu streicheln, nachdem er ihn schon von oben bis unten abgeküsst hatte. Sie hätte sich aufbäumen mögen, fühlte sich wie entflammt und von tausend Nadeln gestochen, als seine Fingerkuppen nun über ihre nackte Haut glitten und diese kaum berührten, jenes Kribbeln verursachten, das durch und durch ging, bis unter die Haut, durch den ganzen Körper, als jage ein heißer Stromstoß hindurch…
Sie entspannte sich, als Werner an ihrem Hals begann, Schultern, Arme, Nacken und Brüste entlangfuhr und bei den letzteren einige Zeit verweilte, sein Tun mit besonderer Geschicklichkeit und Zärtlichkeit an diesen beiden empfindlichen Punkten konzentrierte und die Fingerkuppen noch sachter um die Brustwarzen kreisen ließ, die darob wuchsen und wuchsen, bis die Brüste in Aufruhr waren. Und wieder zog er dann die Kreise enger zurück, bis sie ins spitze und starrende Zentrum trafen und dort einen Sturm der Gefühle entfesselten, der Sigrid beinahe die Besinnung raubte, denn sie spürte deutlich, wie ihre Brüste immer mehr und härter anschwollen – als wollten sie wie Seifenblasen zerplatzen. Deutlich vermochte sie zu spüren, wie die steilen Brustwarzen sich wie spitze, scharfe Dolche benahmen, wie die Dochte einer Kerze aufgerichtet hatten und hinausdrängten, als wollten sie Werners geschickten und unnachahmlich zärtlichen Händen begierig entgegeneilen. Sie spürte deutlich das Zerren, Schwellen, Wachsen, Entfalten, den Druck der Lust, das Drängen und Empfangenwollen.
Als seine Hände schließlich tiefer glitten, von den angeschwollenen Brüsten mit den wie erstarrten Warzen abirrten, den Bauchnabel, die Taille und Hüften umspielten und mit dem weichen und kitzligen Hauch tausendfältiger Empfindungen beglückten, von dort aus stetig tiefer, bis zu den bereitwillig gespreizten Schenkeln glitten und die inneren Seiten bestrichen, öffneten sich die Schenkel bereitwillig wie eine Schere spontan und unwillkürlich immer mehr, um zu empfangen…
Seine Hände glitten tiefer, spielten sich zärtlich zu dem Punkt ihrer Weiblichkeit, ihres ganzen und dort gesammelten Empfindens hin, fuhren sanft über die kleinen Bögen der Lustöffnung und verharrten dort selbst zitternd und voller Erregung, tasteten sich die empfindlichen Wände entlang und zogen sich langsam wieder zurück, hinterließen ein Drängen und Spannen an dieser Stelle. Und weiter strichen die Fingerkuppen, während Sigrid sich langsam mitdrehte und immer erregter unter seien Händen wand. Sie merkte, dass sie zwischen den Beinen immer feuchter wurde und begann, wie eine überreife Pflaume sich langsam zu entsaften…
Jetzt fuhren die Hände ihr Gesäß, strichen gekonnt die Wölbung entlang, verlagerten sich nun zu den Trennwänden und stiegen bedächtig, aber mit derselben, alles überspielenden Zärtlichkeit zwischen beiden Gewölbten hinab, um dort den Damm zu erwecken und zu reizen. Ein zitterndes Gewoge, - hin und her zwischen der feinen Abgrenzung ihrer Schenkel und des Gesäßes entstand und spreizte mit seinem stetig gleich bleibenden Rhythmus die ohnehin schon geöffneten Beine und Schenkel noch mehr, zwang ihre Knie unbewusst nach oben, um dies besser durchführen zu können. Sie stöhnte jetzt leise, glaubte sich dem Wahnsinn nahe und zitterte immer heftiger.
Feurige Kreise der Wollust drehten sich vor ihren Augen.
Noch nie hatte sie solche Gefühle gespürt. Noch nie lag ihr ganzes Wesen so in Fesseln und doch zugleich sprungbereit auf der Lauer. Abwechselnd glaubte sie einmal lahm, dann wie ein springender Reifen zu sein. Und doch spürte sie, dass ihr nichts erspart blieb, dass sie weiter Drängen empfand, bewusst und losgelöst. Es war ihr, als spüre sie gar nicht mehr den Körper, sondern als schrumpfe sie beständig zusammen zu einer Konzentration von Empfindungen, als sei sie nur noch eine solche Empfindung, ein Punkt, auf den das ganze Weltall um sie her zuschoss.
Sie merkte, wie sie immer mehr abglitt, sich auflöste. Mit halbem Bewusstsein registrierte sie, wie Werners Hände nun kräftiger, ja schmerzlicher zugriffen, als beabsichtige er, ihre Gefühle und Empfindungen zusammenzupressen. Sie bäumte sich ein wenig auf, unfähig, selbst mit den Händen zu geben. Eine süße Qual peitschte ihren nackten Körper, ergriff ganz Besitz von ihm, hielt ihn wie die Arme eines Tintenfisches umklammert… Und dazwischen das harte Empfinden von Werners gestreckter und steifer Männlichkeit, die sich jetzt näher zu den Schenkel heranschob, diese erbarmungslos noch weiter auseinanderpresste, wild und ungestüm, beherrschend und alles überwindend.
Beide hatten bisher kein Wort gesprochen, sondern schweigend trafen sich die Ströme der Gefühle und Empfindungen. Nur das heftige Atmen, das Aufstöhnen oder das Knistern der Haare, Knarren des Bettes war zu hören. Es war dunkel im Zimmer bei dieser schweigenden Begegnung.
Ein Nikodemus-Gespräch der Gefühle!
Werner war unermüdlich und in dieser Phase nicht zu schlagen.
Sigrid hingegen schien schon dem Gipfel entgegenzueilen, schwebte lustvoll, aber auch hemmungslos, glücklich in den Gefühlen. Jetzt merkte sie, wie sich Werners Körpergewicht verlagerte, spürte das Suchen, Tasten und Umherirren an ihrem Sein und seiner Lebenspforte, um darin einzudringen. Sie kam ihm dabei zur Hilfe, indem sie ihre Körperstellung ein wenig änderte und die Pforte seinem Suchen und Drängen preisgab.
Sie bäumte sich auf, ihre Brustwarzen traten noch weiter vor und wuchsen mit geschwollenen Brüsten wie Raketen auf Abschußrampen kurz vor dem Start. Ihre Beine spreizten sich noch weiter und willig, als sie seine pralle Männlichkeit tief in sich eindringen spürte. Sie wollte schreien, lachen, jubeln, weinen, sich herumwerfen und aufspringen – aber sie lag wie festgenagelt in ihrer Stellung, wurde beherrscht, weil sie es wollte, vermochte sich nicht zu bewegen, als er jetzt immer tiefer und wilder wie ein harter Schraubstock in ihr Wesen eindrang, alles in ihr ausfüllte und mit überschäumender Gewalt, unheimlicher Kraft zu sprengen schien.
Sigrid war nur noch Gefühl, überall und nirgends. Es war wie ein Allbewusstsein des Ahnens vor einem Urknall.
Rein reflexmäßig passte sie sich dem erforderlichen Rhythmus an, wurde dadurch zeitweilig für Bruchteile von Sekunden befreit, um dann erneut völlig ausgefüllt und mitgerissen zu werden von der Brandung der Gefühle.Während Werner ebenso wie Sigrid ganz aufging, küsste sein Mund zärtlich ihre Brüste, spielten seine Lippen und Zähne sanft mit den großer und harten Brustwarzen und benuckelten sie. Plötzlich durchfuhr es Sigrid wie ein Blitz siedenheiß, ihr Herz hämmerte schneller und noch ungleichmäßiger, das Blut pulsierte heftiger und strömte, als beabsichtige es, irgendwo zusammenzulaufen, einem zweiten Kreislauf der Lust entgegen.
Sie stieß einen kleinen Schrei aus, versuchte die Schenkel wieder zusammenzupressen und sie zitternd zu schließen, denn eine Flut von Blitzen und Gefühlen raste jetzt durch ihren ganzen Körper, lief zwischen ihren Schenkeln zusammen. Aber die harte Männnlichkeit presste sich dazwischen, hielt die Schenkel offen wie ein unbarmherziger Schraubenstock, hielt nach wie vor den geöffneten Schoß der Lust frei. Sigrid stöhnte jetzt ununterbrochen, versuchte abwechselnd die Schenkel zu öffnen und zu schließen, sich aufzubäumen. Verkrampft hielt sie sich mit den Händen an Werners Gesäß fest und merkte dabei, wie auch seine Gesäßmuskeln wild zuckten, sich zusammengezogen und wieder lösten und wie – während bei ihr eine Kette von aufbäumenden Empfindungen und Juckreizen den Körper durchlief und ihren ganzen Schoß schüttelte – sein Körper und seine Mannbarkeit langsam erschlafften, noch einmal wild aufloderten – und dann urplötzlich abbrachen, so dass nur noch ein feines Zittern zurück blieb. Eine wohlige Wärme überkam sie, löste sie völlig erschlafft und ruhig in Liebe und Verständnis auf.
Sie blieben so liegen, ein wenig müde, aber glücklich und zufrieden, hielten sich umschlungen und gingen ganz ineinander auf. Sigrid merkte, wie ihre Brüste erschlafften, die Warzen sich beruhigt und gesättet von Empfindungen zurückzogen und ihre ursprüngliche Form erhielten, der Schoß die nun weiche und erschlaffte Männlichkeit umklammert, umschlossen hielt, als überlege er, ob er sie freilassen sollte.
Der rote "Katalysator" ihrer weiblichen Empfindungen, der sich sprungbereit aufgerichtet und sich vorgetastet hatte, zog sich ebenfalls zurück und verringerte seine Gestalt um ein Beträchtliches. Ganz still lagen sie beide da und genossen ihr Einssein. Nur die Atemzüge waren zu hören.
„Liebst du mich, Sigrid?" klang es leise an ihr Ohr, wobei sie merkte, dass er zärtlich an ihren kleinen Ohren knabberte, sie wie spielerisch zwischen Lippen und Zähne nahm, ihre Ohrläppchen langzog und seine Zunge über die empfindlichen Ränder strich.
Als Antwort auf seine Frage küsste sie ihn, zog seinen Kopf zu ihren Brüsten herunter und dirigierte diese an seinen Mund.
„Da!" flüsterte sie dann zitternd, obwohl sie hätte brüllen mögen. „Da! Mein kleiner Liebling – das ist meine Antwort. Du darfst meine Empfindungen, meine Liebe aus mir heraussaugen!"
Sie drängte die Brüste noch näher heran, so dass er willig seine Lippen öffnete und sie ihm die Warze der rechten Brust, die schon wieder ein wenig vorwitzig herausgetreten war und sich vergrößert hatte, zwischen die Lippen schob, die sie sogleich umschlossen und an ihr zu saugen begannen. Sie fuhr ihm dabei durchs Haar, tastete mit ihren Fingern seinen Rücken bis zur Wölbung des Gesäßes entlang und streichelte seine Männlichkeit, spürte, dass diese wieder prall wurde, erneut zu wachsen und sich zu verhärten begann, während sie mit ihren Händen den Körper in Bewegung brachte. Er küsste ihre grünen Augen, fuhr mit der Zunge die Augendeckel entlang, suchte die vollen und sinnlichen Lippen und rieb seine Nase an ihrer - suchte in der erneuten Erfassung ihres Seins noch mehr Erkenntnis von ihr zu erlangen.
Später – als sie gelöst dalagen auf den Decken, nackt und befreit von der Spannung sich aufbäumender Leidenschaft, wild entfesselter Gefühle -, als sie nebeneinander lagen und in Zärtlichkeiten einander zugetan waren, sich mit Liebkosungen ihre Liebe noch nachträglich zu bestätigen versuchten, da waren sie aufgelöst in der einzigartigen Vorstellung ihrer Liebe und ihres Beisammenseins.
„Ach, Werner", seufzte Sigrid, „wie schön das doch ist, wenn man liebt! Ich möchte gar nicht mehr aufstehen, sondern ewig hier mit Dir liegen bleiben, immer bereit für die Liebe, nackt und mit der Hingabe meiner ganzen Gefühle und Empfindungen. Ergeht es dir nicht auch so?"
Sie lehnte den Kopf an seine starke und ein wenig behaarte Brust und spielte mit seinem Glied, erfreute sich daran, wie es wieder hart wurde, dann wieder erschlaffte – als wollte es sich beschämt zurückziehen, um dann doch wieder neugierig und nur allzu gern ihren Händen erneut entgegenzueilen, um ihren Liebkosungen nicht zu entgehen.
Ein wunderschönes Spielzeug!
„Ja, mir ergeht es nicht anders", sagte er jetzt und zeichnete mit dem Zeigefinger die feinen Linien ihrer Mundwinkel, ihres ovalen Gesichts – das sich von der Hitze und dem Eifer des Gefechts gerötet hatte – nach, um dann den Finger tiefer gleiten zu lassen, zu jenen erogenen Zonen, die eine Frau als Sammelbecken von Empfindungen dienen.
„Ich möchte viele Kinder!" sagte Sigrid auf auf einmal und griff wie zur Bestätigung ihrer Worte stärker mit ihren schlanken Händen zu.-
„Wie viele sollen es denn sein?" lachte er und bog sich unter dem zärtlichen Druck ihrer Hände etwas zusammen.
„Mindestens vier oder fünf müssten es sein!" lachte sie nun ebenfalls, hielt aber dann unvermittelt inne, ohne zu bemerken, wie Werners Körper mit einem Entgegendrängen antwortete.
Es war ihr etwas eingefallen, was sie in ihrer völligen Hingabe ganz vergessen hatte und sie jetzt ein wenig unruhig werden ließ. Doch glaubte sie, dass der geeignete Zeitpunkt gekommen sei, um ihm schonend die Sache mit der Starix und seinem Vater mitzuteilen.
„Werner", fing sie daher an, „ich muss Dir unbedingt etwas sagen…"
Er wandte ihr sein Gesicht zu, als er den ungewohnten Ernst in ihrer Stimme bemerkte, und sah sie fragend an: „Was ist denn?"
„Ich weiß nicht so recht, wie ich es Dir sagen soll. Dein Vater…ich meine, die Starix und Dein Vater…Ja, ich wollte eigentlich sagen: Du glaubst doch, dass Dein Vater einen Unfall gehabt hat und dadurch ums Leben gekommen sei, nicht wahr?"
Werner richtete sich auf und kam mit seinem Gesicht dem ihren noch näher, sah ihr in die nun verschleierten Augen, die noch ihre ganzes Empfindungen und ihre völlige Hingabe widerspiegelten, ihn aber trotzdem ruhig ansahen. „Wie kommst Du denn darauf?"
„Ich glaube, Du solltest das wissen!"
„Was?"
„Das Dein Vater etwas mit der Starix hatte und seinen Unfall bewusst herbeigeführt hat, um Selbstmord zu begehen…"
„Sooo? Woher hast Du denn das?" Seine Stimme klang völlig ruhig und gefasst, so dass es Sigrid sehr verwunderte.
„Das ist aber noch nicht alles…"
„Ach, du meinst die Abtreibungsgeschichte?" unterbrach er sie.
Verblüfft starrte sie ihn an wie eine Schlafwandlerin. „Du weißt das alles schon?" fragte sie ein wenig aus dem Konzept gebracht, bemerkte aber, wie sie selber dabei erleichtert aufatmete und der Druck von ihrer Brust wich.
Er streichelte zärtlich ihre Brüste und ging deren Wölbung nach. „Sicher weiß ich es, aber wahrscheinlich weißt Du es schon länger. Auch ich wollte es Dir schonend beibringen, derweil Du anscheinend das gleiche beabsichtigt hast. Aber woher weißt Du es denn überhaupt?"
Wenn Du mir versprichst, darüber zu schweigen", sagte sie und legte ihren Zeigefinger auf seinen Mund, spitzte die roten und vor Erregung noch leicht nachzitternden Lippen, die sie nahe an sein Ohr gebracht hatte. „Dein Onkel hat es mir erzählt – aber erst, nachdem ich ihm auf seine Frage, ob ich, falls Du einen Heiratsantrag an mich richtest, diesen annehmen würde, positiv geantwortet habe. Aber sag, woher weißt Du es denn überhaupt? Deine Stiefmutter hat mir nämlich etwas ganz anders erzählt!"
„Woher ich es weiß?" Er machte eine Pause, um ihr Gelegenheit zu geben, das Kommende zu verdauen. „Ich habe es durch die Starix erfahren…"
„Durch wen?" fragte Sigrid mit solch einem entgeisterten Gesichtsausdruck, dass er unwillkürlich laut lachen musste.
Sie kniff ihn gespielt ernst in das nackte Fleisch an einer sehr empfindlichen Stelle, dass er lachend hochzuckte und einen Fluch ausstieß. „Lass doch das Lachen", sagte sie dabei. „Mensch, hast Du mir einen Schrecken versetzt! Aber sei nun einmal ehrlich: Wer hat es Dir gesagt?"
Werner musste wieder lachen – er konnte einfach nicht anders. „Die Starix, das habe ich Dir doch gerade gesagt."
Er wurde ernst und kraulte ihren Hals und Rücken, als er nun fortfuhr: „Stell dir vor, das Luder kam doch tatsächlich vorige Nacht nach hier in die Wohnung, überfiel mich regelrecht und versuchte, mich mit ihrem Wissen zu erpressen und unter Druck zu setzen, wollte, dass ich sie verstecke – hier bei mir versteckte, stell Dir das mal vor! Wobei sie natürlich auspackte und mit ihren ordinären Benehmen nachhelfen wollte, viel Fleisch sehen ließ und mich sogar bei meinem Vater beschwor, ich möge seiner Ex-Geliebten behilflich sein. Nun, ich habe mir alles schön gefasst angehört, obwohl ich vor Wut am liebsten geplatzt wäre, aber dann habe ich ihr frech ins Gesicht gesagt, dass ich das alles schon wüsste. Na, da war sie natürlich mit ihrem Latein am Ende. Sie versuchte es dann mit Drohungen und Frechheiten, bis mir der Geduldsfaden riß und ich ihr eine Tracht Prügel verabreichte. Ich habe sie dabei ganz schön durch die Bude hier geschleift. Dann rief ich die Polizei, was ich ohnehin schon anfangs vorhatte, aber ausgerechnet da fing sie mit ihrer Geschichte an und ich dachte mir, dass ich mir die erst einmal anhören sollte. Das hat sich ja auch gelohnt. Sie wurde dann von der Polizei sofort mitgenommen. Man fand bei ihr später Unterwäsche von meiner Stiefmutter. Und auch den Hausschlüssel."
Er schwieg und küsste sie innig und beruhigend.
Es war eine Nacht, wie sie Sigrid noch nie in ihrem Leben erlebt hatte. Losgelöst von allen beschwerlichen Sorgen des Alltags, liebten sie sich die ganze Nacht, peitschten die langsam ermüdenden Empfindungen mit immer wieder neu erfundenen Varianten und Liebesspielen auf, bis die Sonne in der Wohnung hereinschien und beide endlich erschöpft, aber glücklich und zufrieden einschlummerten.-
Still war es nun im Haus; nur die beiden nackten Körper drängten sich im Schlaf aneinander, als suchten sie noch im Schlummer das Sein und die Empfindung des Partners.
Die morgendlichen Sonnenstrahlen trafen beide und verdeckten ihre Blöße.
Es war jetzt 7:31 Uhr.
Von der nahen Adelheidkirche läuteten die Glocken. Aber das hörten die Schlafenden nicht.
Sie bemerkten auch nicht, wie es langsam am Heiligenweg in Geldern lebendiger wurde. Kinder mussten in die Schule, neugierige Hausfrauen lugten aus den Fenstern, radelten mit den Rad in die Stadt. Väter fuhren per Rad oder mit dem Auto zur Arbeit. Die "Schnabbeltante" führte ihre beiden Hunde aus und unterhielt sich mal wieder so laut mit einem anderen "Frauchen", dass man hätte glauben können, die hätte die ganze Siedlung am Heiligenweg allein für sich, ihre Neugier und ihre Hunde gepachtet, die sie sogar mit ins Bett nahm…
25
Eine glückliche Zeit
Es war seltsam, dass sich Sigrid in den folgenden Wochen endgültig fing. Immer mehr richtete sich ihr weiblicher Sinn auf die Gründung einer Familie. Es war, als sei nun auch der letzte, das Glück verdeckende Vorhang gefallen. Hatte sie bisher von den Blicken und Begierden der Männer an sich gelebt und sich in der Vorstellung gesonnt, dass das Weib berufen war, den sexuellen Trieb der Männer zu wecken, so zielte ihre Vorstellung nun nach dem Einzelnen und somit für sie auch besser Erfassbarem hin, in das sie selbst – sich entfaltend und wandelnd – aufzugeben bestrebt war. Sie dachte oft an den Abend zurück, an dem alles begonnen hatte und sah darin eine Entschuldigung ihrer vom Schicksal nicht gerade begünstigten Vergangenheit. Auch schien ihr die Vergangenheit nun – aus der Perspektive ihrer jetzigen Situation heraus gesehen – ganz anders.
Jetzt schien es ihr, als habe alles auf die vom Glück getragene Zukunft abgezielt, einen tieferen Sinn. Wie alle Menschen, die das Glück insbesondere zu schätzen wissen, wenn es als Schlusskapitel eines widerwärtigen und traurigen Lebens gesetzt ist und es mit ganz anderen Augen und viel beständiger, erfassbarer sehen und erfühlen, so trug auch Sigrid in sich die Gewissheit der Beständigkeit des Glücks.
Sie machte sich wenige Gedanken darüber, dass das Glück ein launisches und mitunter recht unbeständiges Gefühlsding war. Für sie hatte es Beständigkeit. Und gerade diese bei Sigrid schon immer vorhandene Sorglosigkeit verlieh ihr die Kraft und Ausdauer für das kommende Leben.
Werner war bereits 3 Tage nach der Aufklärung des bösen Falles wieder zur Arbeit beim Wochen-Anzeiger gefahren, so dass Sigrid vorläufig noch allein in der Wohnung am Heiligenweg verblieb. Doch kannte sie keine Langeweile, sondern füllte den Tag sinngerecht aus.
Sie entwarf Pläne für die Hochzeit, die in drei Monaten stattfinden sollte. Am Morgen jener leidenschaftlichen und vom Glück durchtränkten Nacht hatten sich beide verlobt. Für die Vermählung wollten sie die Wohnung anders einrichten. So hatte Sigrid immer zu tun. Und wenn sie doch einmal Langeweile empfand, besuchte sie die Großmutter.
Erleichtert hatte Sigrid festgestellt, dass auch Werner anders geworden war nach jener Nacht, die heiß von der Liebe erfüllt gewesen war. Es schien, als sei der Bann nun endgültig gebrochen, denn von seinen Hemmungen war nichts mehr übriggeblieben. Im Gegenteil: er liebte sie Abend für Abend, so dass ihr die Erwartung der aufkommenden Nacht noch mehr Glück zu beschenken schien. Ungeduldig erwartete sie daher immer das Zubettgehen. Besonders liebte Sigrid an Werner dessen Beständigkeit. Er war zwar kein fehlerloser Mann, aber Sigrid liebte ihn auch mit diesen Fehlern, da sie den ganzen Menschen liebte, der sie am Abend bei seiner Rückkehr zu ergreifen und ein paar Mal im Wohnzimmer herumzuschwenken pflegte.
Drei Wochen später, nachdem sich die Fäden um das Verbrechen entwirrt hatten, konnte auch Werners Stiefmutter das St.-Clemens-Hospital wieder verlassen. Sigrid selbst holte sie ab.
Zwar war sie – wie Sigrid sofort feststellte – noch arg verschreckt und blaß, aber sie lächelte schon wieder tapfer, wenn auch schwach, als sie Sigrid erblickte.
„O, wie ich mich freue, dass du mich abholen kommst!" sagte sie und griff nach ihrer linken Hand. „Ist Werner daheim?"
„Er arbeitet jetzt wieder!"
„Ja – das habe ich ja ganz vergessen. Sicher, er muss ja wieder arbeiten." Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, als wollte sie die trübe und grässliche Vergangenheit wegwischen.
„Stell dir vor, Roswitha", versuchte Sigrid sie nun aufzumuntern, „ich war einige Wochen auf einem Bauernhof. Es war in der Gegend bei Münster. Herrlich war es dort!"
Sie überquerten die Straße an der Kreuzung vor dem Krankenhaus, bogen wenig später rechts ab, um die Straße zur Praxis Dr. Fischer hochzugehen und bei den Containern einzubiegen.
„Werner und ich werden in einigen Monaten heiraten", meinte Sigrid plötzlich und verlangsamte ihre Schritte.
„So? Heiraten!?" mehr sagte Roswitha zur Verwunderung Sigrids nicht. Sie schien mit ihren Gedanken ganz woanders zu weilen.
Werners Stiefmutter lebte sich schnell wieder in den häuslichen Alltag ein. Nach einigen Wochen wandelte sie wie eh und je umher. Sie war etwas stiller geworden, sprach nicht mehr so viel und verließ das Haus nur noch in Begleitung von Werner oder Sigrid. Selbst zur morgendlichen Messe ging sie jetzt nicht mehr aus lauter Angst vor einem neuerlichen Überfall.
Sigrid war sehr gespannt, ob es diesmal etwas mit einem Kind werden würde. Ihr Instinkt sagte ihr, dass die Liebe wohl dazu fähig sein mochte, um ihr ein Kind zu geben. Noch einmal hatte sie sich von einem Gynäkologen untersuchen lassen. Das Ergebnis war wie alle vorherigen. Eine Unfruchtbarkeit ließ sich nicht feststellen. Selbst die Eileiter, die diesmal gründlich inspiziert wurden, die man nach einer etwaigen Verstopfung oder Verwachsung untersuchte, waren von dem Verdacht, Ursache einer Unfruchtbarkeit zu sein, befreit worden.
„Sie sind völlig gesund und konzeptionsfähig!" hatte der Gynäkologe gesagt, als sie sich vom Untersuchungsstuhl erhoben und wieder angekleidet hatte. „An ihnen liegt es also nicht, Fräulein Gewis. Vielleicht liegt es an der anderen, der männlichen Seite, an ihrem Partner…"
So war ihre jetzige Hoffnung durchaus begründet, wenn sie glaubte, dass jetzt ein Kind kommen musste. Und tatsächlich wurde sie sechs Wochen später schwanger und war ganz überglücklich, als es Gewissheit wurde und sie es Werner mitteilen konnte.
„Du, ich bekomme ein Kind!" sagte sie triumphierend und mit leuchtenden Augen zu ihm, als er gerade von der Arbeit heimgekehrt war und sie beim Abendrot saßen.
Er hielt beim Essen inne, blickte auf ihrem Busen, dann auf ihren Bauch, wobei sich langsam ein jugendliches, beinahe bengelhaftes Grinsen über sein Gesicht ausbreitete. „Man sieht aber noch nichts", sagte er und tippe dabei mit seinem rechten Zeigefinger auf ihren Bauch.
„Ach, du dummer Junge", lachte sie laut auf, „das kann man doch jetzt noch nicht sehen – jedenfalls sagte mit der Arzt, die Sache sei völlig echt…"
„Da muss sich das Kind aber beeilen, wenn es noch unsere Hochzeitsglocken im Bauch hören möchte!" witzelte er. „Sicher wird´s ein Junge!?"
„Ein Junge? Warum ein Junge?"
„Hm – ja, ist eigentlich egal. Warum soll´s unbedingt ein Junge sein. Ein Mädchen ist auch nicht schlecht…Wenn ich mir vorstelle, dass ich eine Tochter bekomme, dann…"
„He", unterbrach sie ihn gespielt empört, „bekommen werde ich sie, ja, nicht Du! Ihr Männer denkt ja nur an euren Spaß!"
Aber er ließ sich diesmal nicht aus dem Konzept bringen. Scherzend hob er den rechten Zeigefinger. „Und ihr Frauen legt alles darauf an, uns Männer die Dinge so schmackhaft zu machen, dass wir auf euch hereinfallen und ihr selbst dadurch euren Spaß habt. Deswegen macht ihr es ja auch…"
So fuhren sie eine ganze Weile fort, sich zum Besten zu halten und versuchten, sich gegenseitig zu verulken, wobei sie sehr viel lachten und wie ausgelassene Kinder benahmen.
„Was Helma wohl denken wird, wenn sie davon erfährt?" meinte Werner plötzlich und wurde ein wenig nachdenklich.
„Papperlapapp!" machte Sigrid ihrer Großmutter nach. „Mache dir darüber keine Sorgen!" Sie schmiegte sich eng an ihn. „Sie ist noch jung und wird die kurze Episode mit Dir schon längst vergessen haben. Es ist ja schon eine ganze Weile her…"
„Aber wenn das nicht der Fall ist?"
„Bitte", bat sie, „das lass doch jetzt wirklich mal beiseite, wo wir jetzt so glücklich sind. Laß uns von anderen Dingen reden."
„Du hast recht", stimmte er ihr bei. „Wir wollen es der Zeit und Zukunft überlassen und uns nicht den Kopf darüber zerbrechen".
Er zog sie mehr zu sich herüber und küsste sie sehr lange.
„Wir werden uns langsam einen Kinderwagen anschaffen müssen", flüsterte sie dabei an sein Ohr und schloß versonnen die Augen. Im Glück sah sie sich bereits den Kinderwagen schieben, aus dem sich ein schreiendes und mit den dünnen Ärmchen fuchtelndes „Etwas" hervorhob…
„Warum lächelst Du so versonnen?" wollte er wissen, da er sie schweigend, aber mit leuchtenden Augen beobachtet hatte.
„Ich habe gerade an den Kinderwagen gedacht und seinem Inhalt!" sagte sie und drängte ihr ovales, jetzt leicht gerötetes Gesicht mit den nun feucht- und grünschimmernden Augen dem seinen entgegen – mit jenen Augen, die das Glück erspäht und es immer verfolgt hatten, die aber erst jetzt das sahen, was Glück wirklich war.
Schweigend nahm Werner sie in die Arme. Sie schloß die Augen, um die inneren desto weiter für die kommende und glückliche Zukunft zu öffnen...
Nachtrag
An und für sich ist unsere Geschichte nun zu Ende. Doch wird es sich den einen oder anderen Leser interessieren, was aus den Personen gewordenist.Sigrid ist heute lange verheiratet und hat mit Werner drei Kinder. Eines davon ist ein Mädchen, das seine Mutter verdächtig gleicht. Sigrid ist inzwischen eine brave Mutter und Hausfrau geworden, der die Männer allerdings immer noch begehrlich nachschauen. Sie registriert das mit Genugtung und hat ihre Freude daran, wie es jede Frau haben würde. Manchmal denkt sie noch an ihre „aufregende Zeit" zurück, lächelt dann selbst über ihre damalige Torheit…
Werner ist ein lieber Familienvater geworden, der seine Frau noch immer auf Händen trägt und es inzwischen bis zum Redakteur einer großen Lokalzeitung am Niederrhein gebracht hat. Den kleinsten Sohn fährt er mit Vorliebe an den Wochenenden im Kinderwagen spazieren. Er spielt mit den Kindern, liebt seine Frau abgöttisch und schwenkt sie noch immer im Kreis herum, wenn er abends heimkommt von der Arbeit…
Ilse Starix und der Zuhälter Schwilger bekamen beide hohe Freiheitsstrafen. Schwilger wurde für vier Jahre ins Kittchen geschickt mit anschließender SV, da er nicht das erste Mal so schlimm aufgefallen war. Die Starix bekam wegen Anstiftung sowie anderer diverser Delikte ebenfalls drei Jahre Haft. Beide hatten noch etliche andere Verbrechen begangen – darunter einen Raubüberfall. Karin Spaten bekam als „Tatgenossin" ein Jahr Gefängnis auf Bewährung. Auch Schwilgers Dirne Ella Bürgel wurde mit einem Jahr auf Bewährung bedacht wegen Mitwisserschaft. Vor Gericht weinte die Bürgel Tränen der Reue. Der ganze Prozess vor dem Landgericht Kleve nahm fünf Tage in Anspruch.
Sigrids Großmutter ist jetzt schon einige Jahre tot. Sie starb friedlich und schmerzlos. Die Flasche Bier stand noch halb gefüllt neben dem Lehnstuhl am Ofen, als sie starb. „Paperlapapp" – war eines ihrer letzten Worte gewesen. Fröhlich war sie bis zum letzten Atemzug dem Leben zugetan gewesen. Sigrid vermisste ihre Großmutter sehr.
Mit Frau Ottilie hingegen meinte es das Schicksal nicht sonderlich gut: Sie erlitt einen tragischen Unfall, bei dem sie starb. Wie sie auch gewesen sein mag – Petrus wird sicher seine liebe Mühe an der Himmelspforte mit ihr gehabt haben…
Helma ist inzwischen längst aus dem Heim entlassen und mit einem Maurer verheiratet, den sie „einfach süß" findet. Zu der Hochzeit von Sigrid hatte sie Urlaub aus dem Heim bekommen. Sie hatte es gar nicht so tragisch genommen, dass Werner Sigrid heiratete.
Speckschwarte vagabundiert wie eh und je noch immer umher und hat sich geschworen, ein eingefleischter Junggeselle zu bleiben. Manchmal versucht er es mit ehrlicher Arbeit, sächmeißt sie aber bald wieder hin – wie seinerzeit den Spaten im Garten auf der Vernumer Straße. Manchmal erscheint er plötzlich bei Sigrid und Werner und berichtet ihnen seine Erlebnisse, dann wieder verschwindet er wochenlang und gibt kein Lebenszeichen von sich.
Iris hat ihr Versprechen wahrgemacht und lebt nun in der Stadt, in Krefeld, besucht Sigrid oft. Zwischen beiden hat sich eine tiefe und warme Freundschaft entwickelt, die beide reifer gemacht hat.
Maria hat inzwischen ihren „Knecht" geheiratet, derweil Joachim ein hervorragender Maschinenbauingenieur geworden ist.
Alle sind auf dem Weg, das Leben zu bemeistern, es in sich aufzunehmen und es zu durchleben – auf der Suche nach Glück und Erfüllung ihrer Wünsche und Träume, ihrer vielen Sehnsüchte...
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Ende
Wie die meisten Bauern, zeichnete die Familie Färber eine gewisse Frömmigkeit aus. Es war keine starre und an bestimmte Formen und Riten gebundene Frömmigkeit. Vielmehr bestand sie in der fröhlichen Annahme der Gegenwart und der vertrauensvollen Erwartung in die Zukunft.
Dann lachte die Starix, lachte mit schriller und nimmer enden wollender Stimme. Sie hielt sich dabei den Mund selber zu, stieß häßliche und schmutzige Wörter aus, die sie mit der Vorstellung des Gehörten und Gesagten verflocht.
Werner glaubte indessen, dass Sigrid eine solche Vereinigung aus einer liebenden Freiwilligkeit heraus gegeben sah und nicht als alleinige Befriedigung des Geschlechtstriebes und als Notwendigkeit für den Körper, wenn auch dieser naturgemäß seine Wärme und Streicheleinheiten brauchte. Und gerade das beglückte ihn besonders. Als er daher jetzt die Richtung Münster auf der B 58 entlang fuhr in Höhe Dorsten, fand er es etwas sonderbar, dass er gerade diesmal darüber nachdachte. Eine Enttäuschung für Sigrid, das wusste er längst, würde sie wieder völlig zurückstoßen zu dem vorherigen Leben, näher zu einem Abgrund bringen, an dem sie schon so oft in der Vergangenheit gestanden hatte.
Familie ist Zukunft...